Benennungen der „neuen Armut“ im wissenschaftlichen und politischen Diskurs


Bachelorarbeit, 2009
41 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definitionen von Armut

3. Der Armutsbegriff in der deutschen Armutsberichterstattung
3.1 Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von 1989
3.2 Der Armutsbericht des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes und des Deutschen Gewerkschaftsbundes von
3.3 Der Armutsbericht der Hans-Böckler-Stiftung, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Deutschen Paritätischen Wohlfahrtsverbandes von
3.4 Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von
3.5 Der zweite Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von
Exkurs: Amartya Sens Konzept der Verwirklichungschancen und dessen Anwendung im zweiten Armutsbericht der Bundesregierung von
3.6 Der dritte Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von
3.7 Die Entwicklung der Definition und Operationalisierung von Armut in der deutschen Armutsberichterstattung

4. Benennungen der „neuen Armut“
4.1 Die „neue Unterschicht“
4.1.1 Die „neue Unterschicht“ nach Paul Nolte
4.1.2 Die Unterschichten-Debatte in Politik und Medien
4.1.3 Wissenschaftliche Perspektiven auf die Unterschichten-Debatte
4.2. Prekarität und Prekarisierung
4.2.1 Prekarität nach Pierre Bourdieu
4.2.2 Die deutsche Prekarisierungsforschung

5. Fazit

Literatur

1. Einleitung

Der Begriff der Armut ist inhaltlich nicht klar definiert. So wird Armut im alltäglichen Gebrauch oftmals mit dem Elend in der dritten Welt in Zusammenhang gebracht. Die UNO bezeichnet in diesem Zusammenhang Menschen als „arm“, welche weniger als einen US-Dollar pro Tag zur Verfügung haben.1 Nach dieser Definition ist es freilich schwer vorstellbar, Armut in Deutschland vorzufinden. In der deutschen Armutsforschung wird Armut jedoch anders definiert. Armut wird hier immer in Relation zu dem als „normal“ angesehenen oder durchschnittlichen Lebensstandard gemessen. Der Begriff wird so auch zur Beschreibung von Lebensverhältnissen in Deutschland genutzt. Tatsächlich wurde Armut in Deutschland von Seiten der Politik lange Zeit jedoch „nach Kräften verdrängt und geleugnet.“2 Erst gegen Ende der 1990er Jahre wird hier ein Umdenken deutlich, welches sich in den drei bisher erschienenen offiziellen Armuts-und Reichtumsberichten manifestiert.

Anhand dieser offiziellen und der zuvor erschienenen inoffiziellen Berichte lässt sich eine Wandlung der Definition von Armut herausstellen. Diese Wandlung wird seit dem Jahr 2003 in der Öffentlichkeit eingehend thematisiert. Es ist die Rede von der sogenannten „neuen Armut“.3 Die Diskussion um diese scheinbar neue Form von Armut entwickelte sich zu einer großen Debatte, in deren Verlauf sich Vertreter aus Politik, Wissenschaft und Medien unter beachtlicher Medienpräsenz zu Wort meldeten. Im Folgenden werden die Entwicklungen dieser Debatte nachgezeichnet sowie deren zentrale Aspekte dargestellt und erläutert. Um zu verdeutlichen, welche Elemente der Armut als neu zu bezeichnen sind, wird zunächst ein kurzer Überblick über die verschiedenen Definitionen von Armut gegeben. Daraufhin wird die Entwicklung des Begriffs der Armut in der deutschen Armutsberichterstattung nachgezeichnet, bevor der Fokus auf die oben angesprochene Debatte und deren zentrale Begriffe gerichtet wird.

2. Definitionen von Armut

Betrachtet man die sozialwissenschaftliche Armutsforschung, so wird schnell eines ihrer zentralen Probleme deutlich: Es gibt keine einheitliche Definition von Armut. Die jeweils verwendete Definition von Armut differiert in Abhängigkeit von der Herangehens- und Sichtweise der Forschung,4 den Motiven und politischen Überzeugungen des Betrachters5 und vor allem von dem jeweiligen Zustand der untersuchten Gruppe von Menschen bzw. der Gesellschaft.6 Im Folgenden werden verschiedene Auslegungen des Armutsbegriffes kurz wiedergegeben.

Armut wird in den Sozialwissenschaften verwendet als Begriff „zur Beschreibung ökonomischer und/oder sozialer Randlagen.“7 Unterschieden werden muss zunächst zwischen freiwilliger, absoluter und relativer Armut. Freiwillige Armut bezeichnet die selbstgewählte Form der Armut, beispielsweise die des Franziskaner-Ordens. Die absolute Armut hingegen kann auch als „Urarmut“8 bezeichnet werden und meint Extremfälle, in denen Individuen nicht in der Lage sind, ihr physisches Überleben zu sichern. Relative Armut bezeichnet einen Zustand, in welchem ein Individuum oder eine Gruppe seinen bzw. ihren Lebensunterhalt gemessen an einem gesellschaftlichen Mindestbedarf oder am Existenzminimum nicht aus eigenen Kräften bestreiten kann.9 Sie steht also immer in Relation zu dem, was „in einer bestimmten Gesellschaft oder Gesellschaftsschicht als Mindestbedarf oder Existenzminimum bezeichnet wird.“10 Diese Form der Armut ist die in den Sozialwissenschaften am häufigsten beschriebene, da freiwillige Armut nicht relevant und absolute Armut in modernen Gesellschaften kaum mehr vorzufinden ist.11 Wegen des unmittelbaren Bezugs auf den gegenwärtigen Zustand der untersuchten Gesellschaft kann es keine allgemein gültige und zeitlich konstante Form der Definition von relativer Armut geben. Vielmehr muss eine solche Definition vor dem Hintergrund des gesellschaftlichen Wandels stets an den aktuellen Zustand der Gesellschaft angepasst werden.12

Allen drei Kategorien von Armut ist ein Mangel oder eine Unterversorgung der von Armut betroffenen Personen gemein. Je nach Sichtweise, Definition und wissenschaftlicher Überzeugung bezieht sich dieser Mangel bzw. diese Unterversorgung auf verschiedene Merkmale, welche sozialstruktureller, ökonomischer, politischer, moralischer, psychologischer oder kultureller Natur sein können.13 Die meisten Definitionen von Armut beziehen sich ausschließlich auf die ökonomischen Merkmale, so dass Armut oftmals als reine Einkommensarmut beschrieben wird. Die Gründe hierfür liegen zumeist in der guten Operationalisierbarkeit von Einkommensarmut bzw. der schlechten Operationalisierbarkeit weiterer möglicher Armutsmerkmale.14

Als unter Einkommensarmut leidende Personen werden solche gefasst, welche in einem bestimmten Zeitraum weniger Geld zur Verfügung haben, als es in der jeweiligen Gesellschaft durchschnittlich der Fall ist. Die Festlegung der konkreten Armutsgrenze ist dabei freilich wiederum der Wissenschaft überlassen. Weitere Armutsmerkmale werden z.B. im sogenannten Lebenslagenansatz berücksichtigt. Hier wird neben den objektiven Merkmalen von Armut auch das subjektive Armutsempfinden des Individuums in die Forschung miteinbezogen. Die Lebenslagenansätze und deren Definitionen von Armut werden in Kapitel 4 näher erläutert. Im Folgenden wird zunächst die institutionelle Definition von Armut in der Bundesrepublik Deutschland anhand der Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung veranschaulicht.

3. Der Armutsbegriff in der deutschen Armutsberichterstattung

Die Geschichte der amtlichen Armutsberichterstattung in Deutschland reicht bis in die späten 1970er Jahre zurück. Dabei wurde Armut und Verarmung in Deutschland zu dieser Zeit hauptsächlich „von den Wohlfahrtsverbänden, sozialpolitischen Querdenkern und neuen politischen Bewegungen“15 thematisiert. Die Bundesregierung hingegen setzte sich mit diesen Vorstößen nicht auseinander; die Existenz von Armut in Deutschland wurde politisch angezweifelt und ignoriert.16 Auch die Mitte der 1980er Jahre formulierte Forderung der Arbeitsgruppe „Armut und Unterversorgung“ nach einer kontinuierlichen, bundesweiten Armutsberichterstattung fand kein Gehör.17

3.1 Der Armutsbericht des Deutschen Parit ä tischen Wohlfahrtsverbandes von 1989

Angesichts dieser Situation entschloss sich der Paritätische Wohlfahrtsverband 1989 einen Armutsbericht18 für die Bundesrepublik Deutschland zu erstellen. In dessen Einleitung heißt es, die Ziele des Berichts seien die Veranschaulichung der Lebenssituation der von Armut betroffenen Menschen und die Übernahme einer LobbyFunktion für diese Gruppe.19

Die außerordentliche Zurückhaltung der Bundesregierung, Armut in Deutschland zu thematisieren, wird im Armutsbericht von Ulrich Schneider in einen größeren Zusammenhang gestellt und erklärt. So sei die Regierung in erster Linie ein gesellschaftliches System und für ein solches sei es kennzeichnend, „dass ihr erstes Interesse immer das eigene Überleben sein muss.“20 Soziale Probleme erführen demnach nur dann politische Behandlung, wenn sie mit den Eigeninteressen des politisch-administrativen Systems einhergingen.21 Anders ausgedrückt: erst wenn die Nicht-Behandlung eines sozialen Problems, wie z.B. der Armut innerhalb der Gesellschaft, das Überleben der Regierung gefährden könnte, wird diese sich mit dem Problem befassen. Die Existenz der Regierung kann z.B. durch einen Legitimationsentzug von der Mehrheit der Wähler oder durch die staatliche Handlungsunfähigkeit in Folge eines stockenden Wirtschaftsprozesses gefährdet werden. Doch auch dann, wenn ein soziales Problem solche eine Größenordnung erreicht, ist es nicht garantiert, dass dieses auch eine sozial angemessene Lösung erfährt, denn die Lösung des politischen Problems hat nach Schneider stets Vorrang. Am Beispiel des Umgangs mit dem Problem der Langzeitarbeitslosigkeit in den 1970er und 1980er Jahren zeigt er, wie solche eine Lösung aussehen könnte. Da die in dieser Zeit stetig wachsende Zahl von Sozialleistungsempfängern den Staatshaushalt und die Haushalte der Kommunen zunehmend belastete, wurden die sozialstaatlichen Leistungen über die Jahre hinweg immer weiter abgebaut. „Die Ansprüche an den Staat [wurden] wegdefiniert.“22 Damit half man zwar nicht den Betroffenen, die politischen Probleme jedoch wurden vorerst gelöst.

Nach dem von Schneider dargelegten Zusammenhängen erscheint die Leugnung von Armut in Deutschland seitens der Bundesregierung als ein konsequenter und logischer Schritt. Solange die existierende Armut den Bestand der Regierung nicht gefährden könne, werde diese sie weiter negieren und herunterspielen.23 Nicht zuletzt, weil die Wahrnehmung und Anerkennung der Armut zugleich einen Handlungsbedarf nach sich ziehe und sozialstaatliche Maßnahmen erfordere. Darüber hinaus könne das Einräumen der Existenz von Armut die Kompetenz der Regierung in Frage stellen.24

In dem Bericht von 1989 wird dargelegt, dass es keine einheitliche Definition von Armut gebe und der definitorische Konsens um diesen Begriff noch ausstehe. Zudem sei der Armutsbegriff aufgrund der fehlenden Definition stets normativer Struktur. Je nachdem, wie er definiert werde, drücke er auch aus, wie viel Armut und soziale Ungleichheit man bereit sei, zu akzeptieren.25 Gerd Iben fasst in seinem Beitrag „Zur Definition von Armut“ den dem Bericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes zugrunde liegenden Armutsbegriff zusammen. Nach ihm ist unter Armut in Deutschland allein relative Armut zu verstehen. Armut definiert sich somit als „Existenzniveau unterhalb von Grenzen, die im Verhältnis zum Wohlstand der Gesamtbevölkerung zu sehen sind.“26 Dieser Armutsbegriff ist insofern als Einkommensarmut operationalisierbar, als es hier darum geht, einen Wert des Netto-Haushaltseinkommens zu bestimmen, welcher als Schwelle zwischen Armut und Nicht-Armut gelten soll. Eine solche Armutsschwelle gibt es in Deutschland nur in Form der Sozialhilfeschwelle, was jedoch unvorteilhaft sei, da sie von der Regierung festgesetzt werde, und es somit möglich sei, die Zahl der als arm geltenden Bürger beliebig zu beeinflussen. Iben spricht sich daher dafür aus, die Armutsgrenze bei 50 Prozent des durchschnittlichen Nettohaushaltseinkommens anzusiedeln. Diese Grenze sei im Jahr 1982 von der EG- Kommission empfohlen worden und relativ einfach messbar.27

Neben der Einkommensarmut solle Armut jedoch auch aus der Sicht der sogenannten Lebenslagenkonzepte betrachtet werden in denen Armut als „Kumulation von Unterversorgungsbereichen materieller, sozialer und psychischer Art“28 begriffen wird. Iben verdeutlicht dies am Beispiel von Tschümperlins „Pentagon der Armut“. In diesem Konzept werden „persönliche Merkmale und Erlebnisweisen mit sozialen, normativen und ökonomischen Rahmenbedingungen“29 verknüpft, und so fünf Bereiche festgelegt, deren Ausprägungen als Ursache für Armut angesehen werden können. Die Bereiche umfassen die Biografie und Persönlichkeit eines Individuums, seine gesellschaftlichen Werthaltungen, sein Konsumverhalten, seine Erwerbssituation und sein Einkommen sowie seine sozialen Netzwerke. In all diesen Bereichen können Faktoren verortet werden, welche als Ursache, aber auch als Folge von Armut gelten können. Durch dieses Modell wird eine einseitige, monokausale Sicht auf Armut vermieden. Zugleich soll es zeigen, dass Armut nur durch Lösungsansätze bekämpft werden kann, welche versuchen, Einfluss auf die verschiedenen Bereiche und Parameter des „Pentagons der Armut“ zu nehmen.30

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes keine einheitliche Definition von Armut enthält. Der Bericht arbeitet zum einen mit der Armutsschwelle der relativen Einkommensarmut, verweist aber zugleich auf die Notwendigkeit, Armut als vielschichtiges, mehrdimensionales Phänomen im Stil der Lebenslagenkonzepte zu sehen. Aufgrund der fehlenden einheitlichen Definition und der schwierigen Operationalisierbarkeit belässt es der Bericht bei der Beschreibung der Armut verschiedener Personengruppen.

3.2 Der Armutsbericht des Deutschen Parit ä tischen Wohlfahrtsverbandes und des Deutschen Gewerkschaftsbundes von 1994

War es das Ziel des Armutsberichts des Jahres 1989 gewesen, das Thema Armut in die öffentliche Diskussion zu bringen, so ist zu konstatieren, dass dieses Ziel trotz einer beachtlichen Resonanz nicht erreicht wurde.31 Der Armutsbericht hatte nicht dazu beigetragen, die „bisherige Tabuisierung des Themas in Politik und Öffentlichkeit dauerhaft zu durchbrechen.“32 Als Grund wird zum einen die Brisanz des Themas angeführt: So werfe Armut, verstanden als ein relatives Phänomen, welches am durchschnittlichen Lebensstandard gemessen werde, die „Frage nach der Entwicklung und Verteilung des gesellschaftlichen Reichtums“33 auf. Es ist naheliegend, dass jene, die von der bisherigen gesellschaftlichen Ressourcen- und Lebenslagenverteilung profitieren, hieran kein großes Interesse haben. Zum anderen wird als weiterer Grund mit der Beschaffenheit der Gruppe der Armen argumentiert: Diese sei durch eine außerordentlich heterogene Zusammensetzung geprägt, weshalb sie „kaum in der Lage ist, ihre Interessen und Anliegen öffentlich nachdrücklich einzufordern.“34 Die Armut in Deutschland besitzt demnach keine Lobby.

Aus diesem Grund beschlossen der Deutsche Paritätische Wohlfahrtsverband (DPWV) und der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) im Jahr 1992 einen weiteren, gemeinsamen Armutsbericht für Deutschland zu verfassen. Auf die Notwendigkeit einer institutionalisierten, kontinuierlichen Armuts- und Sozialberichterstattung wird in dem neuen Bericht weiterhin ausdrücklich hingewiesen.35 Gerade im Zuge der Wiedervereinigung sei dies dringlicher als je zuvor, da in diesem Zusammenhang im Sozialstaat Deutschland die Frage thematisiert werde, wie die einigungsbedingten Lasten sozial gerecht finanziert werden könnten. Um die öffentlichen Haushalte zu konsolidieren sei es unter dem Deckmantel der mit der Wiedervereinigung verbundenen Erfordernisse zu einem massiven Abbau sozialstaatlicher Leistungen gekommen. In der Folge lebten mehr Menschen als je zuvor am Rand der Gesellschaft. Der Armutsbericht des DGB und des Paritätischen Wohlfahrtsverband erschien 1994. Auch er hat die Zielsetzung, der Armut eine Stimme zu geben und zur Auseinandersetzung mit der Frage nach der Zukunft des Sozialstaates zu zwingen.

In dem Bericht wird Armut, wie schon 1989, nicht eindeutig definiert. Weiterhin gilt die Einkommensarmut als „zentrale Dimension des Armutsproblems.“36 Diese wird wieder anhand der 50-Prozent-Schwelle des gewichteten Äquivalenzeinkommens gemessen. Darüber hinaus werden aber auch die schon 1989 erwähnten Lebenslagenkonzepte in den Bericht miteinbezogen, in welchen Armut als eine Kumulation von Unterversorgungen definiert wird. So werden neben der zentralen Einkommensdimension noch die vier Dimensionen Arbeit, Bildung, Wohnen und Gesundheit auf mögliche Unterversorgungen untersucht.37 Wie bei der Einkommensdimension sind auch hier jeweils Schwellen definiert, welche zwischen Unterversorgung und Nicht-Unterversorgung unterscheiden. Aufgrund dieser klaren Abgrenzungen können so erstmals Quoten der kumulativen Unterversorgungslage der Gesamtbevölkerung Deutschlands ermittelt werden.38

3.3 Der Armutsbericht der Hans-B ö ckler-Stiftung, des Deutschen Gewerkschaftsbundes und des Deutschen Parit ä tischen Wohlfahrtsverbandes von 2000

Mit dem Armutsbericht von 1994 verhält es sich ähnlich wie mit dem Bericht des Jahres 1989. Erneut war die Resonanz auf den Bericht außerordentlich groß, das Ziel, eine institutionalisierte, kontinuierliche Armutsberichterstattung zu initiieren, war indes nicht erreicht worden. Vor diesem Hintergrund unternahmen der DPWV in Zusammenarbeit mit der Hans-Böckler-Stiftung des DGB einen weiteren Anlauf und kündigte für das Jahr 2000 einen neuen Armutsbericht an. Doch noch bevor dieser vorgelegt werden konnte, kam es im Gefolge der Regierungsneubildung zu einer politischen Umorientierung: So hatte die neue Regierungskoalition aus SPD und Bündnis 90/Die Grünen angekündigt, einen Bericht zu Armut und Reichtum in Deutschland zu erstellen, welcher im Laufe des Jahres 2001 der Öffentlichkeit präsentiert werden sollte. Folgende zentrale Ziele sollten mit dem Bericht verfolgt werden: Zum einen ging es um neue inhaltliche und methodische Anregungen für künftige regierungsamtliche Berichte. Zum anderen sollten „Anstöße für die Ausgestaltung einer bedarfsgerechten Politik gegen Armut“39 gegeben werden.

Obwohl der Armutsbericht von 2000 als Fortführung des Berichts des Jahres 1994 gesehen werden kann, basiert er auf einer Armutsdefinition, welche im Vergleich zu der verherigen als Rückschritt betrachtet werden muss. Zwar wird wiederum Bezug auf die relative Armutsdefinition, wie sie u.a. von der Europäischen Union 1984 festgehalten wurde, genommen. In dieser wird Armut als Mangel an materiellen, kulturellen und sozialen Mitteln beschrieben, aus welchem ein Ausschluss von der im Land als Minimum annehmbaren Lebensweise resultiert.40 Dennoch beschränkt sich der Bericht auf die Messung der relativen Einkommensarmut als einziger Dimension der Unterversorgung. Die Ansätze der Lebenslagenkonzepte, welche Armut als mehrdimensionales Phänomen definieren, werden zwar grundsätzlich weiterhin als für die Armuts-Diskussion gehaltvoll angesehen, jedoch wird bemängelt dass die „bisherigen Konzepte, die Begriffe Lebenslage und Lebensstandard zu operationalisieren, geeignete Armutsschwellen zu definieren und die hierfür erforderliche empirische Datenbasis zu finden“41 seien jedoch bisher unbefriedigend gewesen seien. Bevor sie einer empirischen Armutsmessung zugrunde gelegt werden könnten müssten sie daher zunächst weiter entwickelt werden. Aus diesem Grund verzichtet der Bericht auf die Ergänzung des Kriteriums Einkommensarmut durch die Untersuchung weiterer Versorgungslagen.42

3.4 Der erste Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung von 2001

Am 27. Januar 2000 beauftragte der deutsche Bundestag die Bunderegierung damit, einen Armuts- und Reichtumsbericht für die Bundesrepublik Deutschland zu erstellen.43 Damit wurde der langjährigen Forderung der oben genannten gesellschaftlichen Verbände Folge geleistet. Betrachtet man die angeführten Erklärungen für die jahrelange Nicht-Beachtung der Forderung nach einem Armutsbericht, lässt sich die im Jahr 2000 erfolgte Zustimmung seitens der Politik wie folgt analysieren. Da SPD und Bündnis 90/Die Grünen die Regierung Kohl im Jahr 1998 abgelöst hatten, konnten sie einen Armutsbericht verfassen lassen, ohne Kritik aufgrund der möglichen Ergebnisse fürchten zu müssen, denn die Verantwortung für die in diesem Bericht dargestellten Missstände konnte der CDU/FDP Koalition der Vorjahre zugewiesen werden. So verwundert es nicht, dass schon in der Einleitung des Berichts die in diesem konstatierte sich „verschärfende soziale Lage“44 unter anderem mit „sozialpolitischen Versäumnissen“45 der Vorgängerregierung in Zusammenhang gebracht wird. Darüber hinaus wird in der Zielsetzung des Berichts neben der Erstellung eines differenzierten Bildes über die soziale Lage in Deutschland auch die Enttabuisierung des Armuts- Begriffes genannt.46 Diese Zielsetzung hätte für eine schon längere Zeit amtierende Regierung ein gewisses Risiko geborgen, da ihr hätte vorgeworfen werden können, an der nun eingestandenen Existenz der Armut schuld zu sein. Es kann also vermutet werden, dass erst der Regierungswechsel 1998 den ersten Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung ermöglicht hat. Der 2001 veröffentlichte Bericht sollte zudem den Grundstein für eine von nun an kontinuierliche Armuts- und Reichtumsberichterstattung darstellen.47 So erschienen in den Jahren 2005 und 2008 zwei weitere Armuts- und Reichtumsberichte der Bundesregierung.

[...]


1 Guimaraes, Roberto: „ Die Welt ist ungleicher als vor 10 Jahren “ . In: UNRIC (24.08.2009).

2 Dietz, Berthold: Soziologie der Armut - Eine Einf ü hrung . Frankfurt/Main; New York 1997. S.10.

3 Dpa: Neue Unterschicht? In: Zeit online (15.10.2006).

4 Vgl. Dietz (wie Anm. 2), S. 12.

5 Vgl. ebd., S. 58.

6 Vgl. ebd., S. 17.

7 E.L; G.F.: Armut. In: Fuchs-Heinritz, Werner; Lautmann, Rüdiger; Rammstedt, Otthein; Wienold, Hanns (Hrsg.): Lexikon zur Soziologie. Wiesbaden 2007. S. 59.

8 Ebd.

9 Ebd.

10 Ebd.

11 Vgl. Dietz (wie Anm. 2), S. 87.

12 Vgl. ebd., S. 14.

13 Vgl. ebd., S. 83.

14 Vgl. Hanesch, Walter: Armut in Deutschland - Der Armutsbericht des DGB und des Parit ä tischen Wohlfahrtsverbands . Hamburg 1994. S. 24.

15 Dietz (wie Anm. 2), S. 11.

16 Vgl. Sengling, Dieter: Zu diesem Heft. In: Bl ä tter der Wohlfahrtspflege . 11-12/89 (Stuttgart 1989). S. 270.

17 Vgl. ebd., S. 270.

18 Bl ä tter der Wohlfahrtspflege . 11-12/89 (Stuttgart 1989).

19 Vgl. Sengling (wie Anm. 16), S. 270.

20 Schneider, Ulrich: Armut in der Bundesrepublik Deutschland - Vom politischen Umgang mit Armut und der Notwendigkeit einer Armutsberichterstattung. In: Bl ä tter der Wohlfahrtspflege . 11-12/89 (Stuttgart 1989). S. 272.

21 Vgl. ebd., S. 273.

22 Schneider (wie Anm. 20), S. 273.

23 Vgl. ebd., S. 273-274.

24 Vgl. ebd., S. 274.

25 Vgl. ebd.

26 Iben, Gerd: Zur Definition von Armut - Bestimmungsgrößen von Armut - „Kultur der Armut“. In: Bl ä tter der Wohlfahrtspflege . 11-12/89 (Stuttgart 1989) S. 276.

27 Vgl. ebd., S. 276-277.

28 Ebd., S. 277.

29 Ebd.

30 Vgl. ebd., S. 277+278.

31 Vgl. Hanesch (wie Anm. 14), S. 20.

32 Ebd.

33 Ebd., S. 21.

34 Ebd.

35 Vgl. ebd., S. 13-17.

36 Ebd., S. 24.

37 Vgl. ebd., S. 128.

38 Vgl. Hanesch, Walter; Krause, Peter; Bäcker, Gerhard: Armut und Ungleichheit in Deutschland - Der neue Armutsbericht der Hans-B ö ckler-Stiftung, des DGB und des Parit ä tischen Wohlfahrtsverbands . Hamburg 2000. S. 177-178.

39 Ebd., S. 21.

40 Vgl. ebd., S. 50.

41 Hanesch u.a. (wie Anm. 38), S. 24.

42 Vgl. ebd.

43 Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung: Lebenslagen in Deutschland - Der erste Armuts und Reichtumsbericht der Bundesregierung. Bonn 2001. S. XIV.

44 Ebd., S. 2.

45 Ebd.

46 Vgl. ebd., S. XIV.

47 Vgl. Bundesministerium für Arbeit und Sozialordnung (wie Anm. 43), S. 4.

Ende der Leseprobe aus 41 Seiten

Details

Titel
Benennungen der „neuen Armut“ im wissenschaftlichen und politischen Diskurs
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,7
Autor
Jahr
2009
Seiten
41
Katalognummer
V186978
ISBN (eBook)
9783656101536
ISBN (Buch)
9783656101949
Dateigröße
622 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
benennungen, armut, diskurs, neue Unterschicht, Unterschichtendebatte, Armutsbericht, Prekariat, Prekarität
Arbeit zitieren
Joscha Dick (Autor), 2009, Benennungen der „neuen Armut“ im wissenschaftlichen und politischen Diskurs, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186978

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