Der Entstehungsprozess des „Denkmals für die ermordeten Juden in Europa und seine Funktion als Erinnerungsort


Hausarbeit, 2007
15 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte
2.1. Individuelles Gedächtnis - kollektives Gedächtnis
2.2 Das Konzept der Erinnerungsorte

3. Der Entstehungsprozess des ÄDenkmal[s] für die ermordeten Juden Europas“
3.1. Die Anfänge bis zum ersten Wettbewerb
3.2. Der erste Wettbewerb
3.3 Der zweite Wettbewerb und die endgültige Entscheidung

4. Die Funktion des ÄDenkmal[s] für die ermordeten Juden Europas“ als Erinnerungsort
4.1. Denkmal oder Mahnmal? - durch historische Trauer zu nationaler Identität
4.3. Die Begleichung der Schuld - Ein Schlussstrich unter die Geschichte?
4.4. Verschiedene Argumente gegen den Bau des Holocaustdenkmals

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Denkmäler sind ein fester Bestandteil unserer Kultur, sie sind beinahe allgegenwärtig. Dabei wird die Bedeutung des jeweiligen Denkmals, solange es nicht komplett übersehen wird, oft vergessen. Diese besteht zum einen aus dem konkreten Anlass der Errichtung, sei es der Huldigung einer besonderen Person, der Erinnerung an ein bestimmtes historisches Ereignis oder einen bestimmten Brauch, und zum Anderen in der weitergehenden Intention, welche hinter dieser Erinnerung steht. Auch wenn die Vorstellung ein manches Mal nicht einfach erscheint, so wurden wohl die meisten Denkmäler in ihrem Entstehungsprozess von einem künstlerischen und intentionalen Diskurs begleitet.

Dies ist auch in heutiger Zeit nicht anders. Als eines der besten Beispiele dient hier wohl der sich über mehr als ein Jahrzehnt hingezogene Entstehungsprozess des ÄDenkmal für die ermordeten Juden Europas“ in Berlin. Dieser Entstehungsprozess war stets begleitet von scharf geführten Auseinandersetzungen, in welchen immer wieder die künstlerische Gestaltung, die inhaltliche Ausrichtung und somit auch die vermittelte Botschaft, die Intention hinter diesem Denkmal, thematisiert und kritisiert wurde.

Der Entstehungsprozess des Denkmals und die Diskussion um seine Funktion im Speziellen soll in dieser Arbeit nachgezeichnet werden. Dabei wird zunächst das Konzept der Erinnerungsorte von Pierre Nora vorgestellt werden und mit dem kollektiven Gedächtnis, wie es Aleida Assmann beschrieben hat, in Verbindung gebracht werden. Auf dieser theoretischen Basis soll daraufhin die Debatte um das Denkmal für die ermordeten Juden Europas wiedergegeben werden, wobei der Fokus hier auf seine Funktion als Erinnerungsort gerichtet sein wird.

2. Kollektives Gedächtnis und Erinnerungsorte

2.1. Individuelles Gedächtnis - kollektives Gedächtnis

Was macht den Mensch zum Mensch? Diese Frage lässt sich natürlich nicht in wenigen Sätzen beantworten, aber ein wichtiges Merkmal besteht ohne Zweifel in der Fähigkeit des Menschen, sich zu erinnern, dem Vorhandensein des menschlichen Gedächtnisses. Ohne dieses wäre es für ihn unmöglich, eine eigene Identität zu erlangen.1 Unterschieden werden muss hier aber zwischen zwei verschiedenen Arten des Gedächtnisses, die zuerst von Maurice Halbwachs näher erläutert wurden: dem individuellen und dem kollektiven Gedächtnis.2

Das individuelle Gedächtnis steht hier für das ÄMedium subjektiver Erfahrungsverarbeitung“3, also dem Fundus der individuellen Erfahrungen, welche ein Mensch in seinem Leben gemacht hat. Doch auch dieser individuelle Teil des Gedächtnisses existiert nicht unbeeinflusst vom Umfeld des Menschen, vielmehr ist er Äsozial gestützt“4, da Erinnerungen Äerst durch soziale Kommunikation [...] aufgebaut und verfestigt werden.“5 So entstehen beispielsweise durch intergenerationale Kommunikation innerhalb einer Familie, der Überkreuzung von Gehörtem und Erlebten, individuelle Gedächtnisse mit einem Horizont von ungefähr drei Generationen.6 Ähnlich ist es mit Äsozialen und historische[n] Generationen.“7 Aus gemeinsam erlebten historischen Schlüsselerlebnissen und Erlebnissen im Zusammenhang mit dem gemeinsamen sozialen Milieu ergeben sich ähnliche Erfahrungen, welche zu analogen individuellen Gedächtnissen führen.8

Im Gegensatz zum individuellen Gedächtnis wurde die Existenz des kollektiven Gedächtnisses seit seiner Definition durch Maurice Halbwachs in den 1920er Jahren des öfteren angezweifelt.9 Ähnlich dem individuellen hat auch das kollektive Gedächtnis nach Halbwachs eine identitätsstiftende Funktion. Hier jedoch nicht für das Individuum allein, sondern für eine der Gruppen, in der es sich befindet.10 Diese Gruppen sind z.B. eine Familie, ein Verein oder eine Nation.11 Die Schaffung einer Gruppenidentität geschieht durch Ämentale, materiale und mediale Bilder“12, wobei ÄBilder“ hier stellvertretend für ÄErzählungen, Orte, Denkmäler, und rituelle Praktiken“13 stehen. Durch die Erinnerungen, welche mit diesen Bildern verknüpft sind, wird die Vergangenheit vergegenwärtigt. Sie helfen dem Individuum, die Gegenwart wahrzunehmen, sie zwischen Vergangenheit und Zukunft einzuordnen und ihr zudem einen Sinn zu geben.14 Hierbei sind die Erinnerungen bei weitem keine objektiven, sondern beeinflusst durch das jeweilige Milieu, in welchem sich das Individuum befindet. Dieses erzeugt eine Art ÄRahmen, der Form und Inhalt gemeinsamer Erinnerungen begrenzt und bedingt.“15. So werden vergangene Ereignisse zu Erinnerungen, welche für die sich erinnernden Individuen eine sinnstiftende, identitätsbildende Funktion übernehmen.16 Die oben genannten ÄBilder“ ergeben zusammengefasst das kollektive Gedächtnis der ihr Identität stiftenden Gruppe. Diese Beschreibung ist schon sehr nah an dem Konzept der Erinnerungsorte nach Pierre Nora, welches im folgenden näher erläutert werden soll.

2.2 Das Konzept der Erinnerungsorte

Lange Zeit wurde das kollektive Gedächtnis von Historikern in seiner Bedeutung für Gruppen von Menschen verkannt. Da die objektive Darstellung der Vergangenheit als Aufgabe der Wissenschaft gesehen wurde, war für diese subjektive Sicht auf die Vergangenheit kein Platz in der Forschung. Erst in den 1980er Jahren versuchte Pierre Nora das kollektive Gedächtnis einer Gruppe, speziell das kollektive Gedächtnis Frankreichs, in einem umfassenden Werk festzuhalten. Hierbei versuchte er in der Form von Essays Bruchstücke des nationalen Gedächtnisses Frankreichs zusammenzutragen.17 Die von ihm beschriebenen Bruchstücke bezeichnet als ÄOrte, [...] in denen sich das Gedächtnis der Nation Frankreich in besonderem Maße kondensiert“18. Mit dem Begriff der ÄOrte“ meint er hier, analog zu den oben genannten ÄBildern“, nicht den geografischen Ort als solchen. Vielmehr steht er als Metapher für Äreale wie mythische Gestalten und Ereignisse, Gebäude und Denkmäler, Institutionen und Begriffe, Bücher und Kunstwerke.“19 All diesen ÄErinnerungsorte[n]“20 gemein ist ihr ÄÜberschuss an symbolischer Bedeutung [...], der sich allerdings ändern kann“21. Zusammen spannen sie ein ÄNetz von materiellen und immateriellen Erinnerungsfäden, das das nationale Bewusstsein in einem ungenau bestimmbaren, aber sehr profunden Sinne zusammenhält.“22 Somit geht Nora davon aus, dass, wie Jan Assmann formuliert, Ädas kulturelle Gedächtnis sich auf Fixpunkte in der Vergangenheit richtet, die zu symbolischen Figuren gerinnen, an die sich die Erinnerung haftet.“23. Also sind die Erinnerungsorte ÄKristallisationspunkte kollektiver Erinnerung und Identität, die in gesellschaftliche, kulturelle und politische Üblichkeiten eingebunden sind und sich in dem Maße ändern, in dem sich die Weise ihrer Wahrnehmung, Aneignung, Anwendung und Übertragung verändert.“24

[...]


1 Vgl. Assmann, Aleida: Der Lange Schatten der Vergangenheit - Erinnerungskultur und Geschichtspolitik. München 2006. S. 24.

2 Vgl. ebd., S. 23.

3 Ebd., S. 25.

4 Ebd.

5 Ebd.

6 Vgl. ebd., S. 26.

7 Ebd.

8 Vgl. ebd.

9 Ebd., S. 29.

10 Vgl. ebd., S. 30.

11 Vgl. Francois, Etienne; Schulze, Hagen: Einleitung. In: Francois, Etienne; Schulze, Hagen: Deutsche Erinnerungsorte 1. München 2001. S. 13.

12 Assmann (wie Anm. 1), S. 30.

13 Ebd.

14 Vgl. Francois (wie Anm. 11), S. 14.

15 Ebd., S. 13.

16 Vgl. ebd.

17 Vgl. ebd., S. 15.

18 Ebd.

19 Ebd., S. 18.

20 Ebd., S. 16.

21 Ebd.

22 Ebd.

23 Ebd., S. 17.

24 Ebd., S. 18.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Der Entstehungsprozess des „Denkmals für die ermordeten Juden in Europa und seine Funktion als Erinnerungsort
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
15
Katalognummer
V186980
ISBN (eBook)
9783656101512
ISBN (Buch)
9783656101208
Dateigröße
619 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
entstehungsprozess, denkmals, juden, europa, funktion, erinnerungsort
Arbeit zitieren
Joscha Dick (Autor), 2007, Der Entstehungsprozess des „Denkmals für die ermordeten Juden in Europa und seine Funktion als Erinnerungsort, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186980

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