Rechtspluralismus als Bestandteil der interkulturellen Kommunikation

Das deutsche internationale Privatrecht


Hausarbeit, 2008
17 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Primat der Kommunikation vor dem Konsens
2.1 Die Forderungen Ram Adhar Malls
2.2 Kulturelle Identität und Rechtspluralismus in Verknüpfung mit den Forderungen Malls

3. Rechtspluralismus und das internationale Privatrecht
3.1 Definition Rechtspluralismus
3.2 Rechtspluralismus in westlichen Gesellschaften
3.3 Das internationale Privatrecht
3.3.1 Privatrecht
3.3.2 Auslandsberührung
3.3.3 Funktionen des internationalen Privatrechts
3.3.4 Anknüpfungsmomente
3.3.5 Der Äordre public“

4. Fazit

5. Literatur

1. Einleitung

Dem Zustand der kulturellen Pluralität kommt in der heutigen Zeit eine große Aufmerksamkeit zu. Verbunden wird er oftmals mit gesellschaftlichen Problemen. Die Grundlage dieses Interesses liegt darin, dass wir in Deutschland in einer multikulturellen Gesellschaft leben und dieser ÄLebensumstand neue Herausforderungen, ja neue Dynamiken, oft ungeplant und ungewollt entstehen“1 lässt.2 Einen Teil dieser Herausforderungen finden wir im Bereich des staatlichen Rechts. So ist das Recht auf kulturelle Identität, gerade auch durch verschiedene völkerrechtliche Vereinbarungen zu einem Menschenrecht avanciert.3 Doch ist nicht auch das Recht, gedacht als Regeln basierend auf eigenen Werten und Normen, eine kulturelle Erscheinung und somit ein Teil der kulturellen Identität? Dem kann sicherlich zugestimmt werden. So muss sich aber aus dem Recht auf kulturelle Diversität logischerweise das Recht auf Behandlung nach einem der eigenen Kultur entsprechenden Recht ergeben.4 Dies würde jedoch bedeuten, dass in unserer europäischen multikulturellen Gesellschaft ein Rechtspluralismus herrscht. Ist dies tatsächlich der Fall und wie wäre dieser Rechtspluralismus strukturiert? Um diese Frage zu beantworten, wird im Folgenden zunächst die Meinung des Philosophieprofessors Ram Adhar Mall zum Thema der interkulturellen Verständigung wiedergegeben, da diese die grundlegende Richtung der Diskussion um den Rechtspluralismus im Kontext der multikulturellen Gesellschaft widerspiegelt. Daraufhin wird der Begriff des Rechtspluralismus kurz umrissen und auf die Problematik dieser Definition hingewiesen. Abschließend wird mit dem Internationalen Privatrecht ein zentrales Glied des deutschen Rechts in den Fokus genommen.

2. Primat der Kommunikation vor dem Konsens

2.1 Die Forderungen Ram Adhar Malls

Ram Adhar Mall wurde 1937 in Indien geboren und studierte an der Universität von Kalkutta die Fächer Philosophie, Psychologie, Sanskrit, English Language and Literature und Wirtschaftswissenschaften. Im Rahmen eines deutschen Stipendiums studierte er ab dem Jahr 1961 Philosophie, Psychologie, Anglistik und Indologie an den Universitäten Göttingen und Köln und habilitierte im Jahr 1981 an der Universität Trier. Nach verschiedenen Lehraufträgen an deutschen Universitäten hat er seit 1998 einen Lehrauftrag für Philosophie an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Zudem ist er seit 1991 Gründungspräsident der internationalen ÄGesellschaft für interkulturelle Philosophie (GIP) e.V.“5 Sein Aufsatz ÄInterkulturelle Verständigung - Primat der Kommunikation vor dem Konsens?“6 erschien im Jahr 2000 in der Zeitschrift ÄEthik und Sozialwissenschaften“.

In diesem Aufsatz vertritt er die These, Ädass die Kommunikation ein Primat vor dem Konsens besitzt“.7 Des Weiteren stellt er die Frage, wie interkulturelle Kommunikation auch ohne einen Konsens ermöglicht werden kann.8 Mall lehnt den Konsens als einzig wahres Ziel von interkultureller Kommunikation ab. Diese ÄKanonisierung des Konsens“9 schade der Kommunikation mehr, als dass sie ihr nütze. Denn seiner Meinung nach liegt dem so gewollten Konsens die Idee der absoluten Wahrheit zu Grunde. Hier meint er den ihm zu Folge weit verbreiteten Glauben, dass die Philosophie, Religion, Kultur oder politische Einstellung, welcher eine Person angehört von dieser Person als die einzig wahre angesehen werde.10 Wer nach dieser Einstellung handele, der sehe Kommunikation, welche in einem Dissens endet, meist als gescheitert an. Fremde Meinungen und Anschauungen, welche sich nicht der eigenen unterordnet, würden somit nicht akzeptiert. In solch einem Abbruch der Kommunikation im Falle eines Dissenses sieht Mall eine gewalttätige Handlung. Er meint, dass Handelnde mit einer derartigen Einstellung stets versucht, das Fremde zu einem Echo des Eigenen zu machen. Fremde Meinungen und Weltanschauungen werden somit zwanghaft der eigenen untergeordnet.11 Der Kompromiss als Lösung von interkulturellen Problemen wird Mall zu Folge von Handelnden dieser Einstellung Ästiefmütterlich“12 behandelt. Er gilt hier als ein ÄSieg der Unvernunft“13, da die Vernunft allein in der eigenen Meinung gesehen wird. Dass ein Kompromiss oftmals zu einer Konfliktlösung beiträgt, erfahre hier keine Anerkennung.14

Hier fordert Mall zu einem Umdenken auf. Nach seiner Auffassung muss in der interkulturellen Kommunikation ein Dissens hingenommen und akzeptiert werden können.15 So sieht er das Abrücken vom Glauben an die absolute Wahrheit der eigenen Weltanschauung und Meinung als Grundlage für jede Kommunikation. Eine Übereinstimmung sei in der interkulturellen Kommunikation zudem sehr unrealistisch. Zu viele verschiedene Meinungen, Weltanschauungen, Religionen, Kulturen und Philosophien existierten, als dass man Lösungen finden würde, welche von allen Seiten einhellig akzeptiert werden könnten.16 Die Kommunikation wird von Mall auch mit der modernen Demokratie verglichen. In dieser werden Entscheidungen aufgrund von Mehrheiten gefällt. Ein solches Vorgehen sieht er für die interkulturelle Kommunikation als richtungsweisend an.17 Trotzdem fordert Mall dazu auf, den Konsens im Rahmen der Kommunikation nicht zu vergessen. Vielmehr solle er im Rahmen eines schwachen Konsensualismus weiterhin als ideale Lösung gelten, doch müsse interkulturelle Kommunikation auch ohne ihn erfolgreich vollzogen werden können.18 Der Konsens verliert somit seinen absoluten Status, welchen er nach Mall in heutiger Zeit oftmals innehat.19 Den erfolgreichen Abschluss einer interkulturellen Kommunikation sieht Mall im Kompromiss. Dieser erkenne im Gegensatz zum Konsens Vielfalt an und respektiere diese. Der Kompromiss sucht nach Überlappungen in den unterschiedlichen Meinungen und baut auf diesen auf. So solle Vielfalt nicht nur respektiert, sondern auch als ein Wert anerkannt werden, den es zu schützen gilt.20 Voraussetzung für eine so verlaufende Kommunikation ist eine Sichtweise, welche fremde Kulturen nicht dem Oberbegriff der eigenen unterwerfen will.21 So sollen Standpunkte, inklusive der eigenen, auch als solche begriffen, und mit Offenheit, Toleranz und Anerkennung bedacht werden.22 Mall zu Folge müsse gelernt werden, mit Differenzen zu leben. Das Streben nach Vereinheitlichung solle bekämpft werden, da es sich als gefährlich herausgestellt habe. Hier verweist Mall auf die Kulturbegegnungsgeschichte der Menschheit.23

Zusammenfassend lässt sich also festhalten, dass Mall ein verändertes Kommunikationsverhalten im interkulturellen Kontext fordert. Er sieht den größten Fehler in dem Glauben an die absolute Wahrheit der eigenen Meinung und Weltanschauung. Diese führt ihm nach zu dem Versuch, fremde Meinungen der eigenen unterordnen zu wollen um so einen Konsens herbeizuführen. Dem entgegengesetzt fordert er die Anerkennung von Differenzen und den Dissens als möglichen und anerkannten Teil der interkulturellen Kommunikation. Die Lösung für interkulturelle Probleme sieht Mall im Kompromiss auf der Basis von überlappenden Ansichten, da dieser verschiedene Weltanschauungen sowie Meinungen respektiere.

2.2 Kulturelle Identität und Rechtspluralismus in Verknüpfung mit den Forderungen Malls

Malls Forderungen nach einem neuen Kommunikationsverhalten im interkulturellen Kontext lassen sich auch auf den Bereich des Rechts beziehen. Er fordert eine neuartige Anerkennung von Differenz und ein Ende des Strebens nach Angleichung und Unterordnung fremder Meinungen und Kulturen an die eigene. Befolgt man diese Forderungen auf rechtlicher Ebene, so muss es Personen aus fremden Kulturkreisen, genauer: fremden Rechtssystemen, zugestanden werden, dass diese auch nach ihrem Herkunftsrecht behandelt werden. Diese Vorstellung entspricht zwar nicht vollends der Realität ist aber im Bereich des Privatrechts mit dem internationalen Privatrecht wenn auch mit Einschränkungen alltägliche Praxis. Bevor jedoch das internationale Privatrecht näher erläutert werden kann, wird vorab der Begriff des Rechtspluralismus näher umrissen.

3. Rechtspluralismus und das internationale Privatrecht

3.1 Definition Rechtspluralismus

Der Begriff des Rechtspluralismus deutet an, Ädass in einer sozial-politischen Einheit mehrere Rechtssysteme ko-existieren“.24 Oft genannte Beispiele sind ehemals koloniale Staaten, in welchen neben staatlichem auch tribales oder dörfliches Gewohnheitsrecht existiert. Hinzu kommt hier oftmals noch religiöses Recht. Solch eine Rechtsvielfalt ist jedoch nicht nur in Entwicklungsländern zu beobachten, sondern auch in den industrialisierten westlichen Staaten.25 Hier ist neben dem staatlichen Recht zum einen das Recht, welches „Ausländer und ausländische Gemeinschaften mitbringen, wie türkisches oder marokkanisches Recht“26 gemeint. Zum anderen sind hier aber auch „die Regeln und Sanktionsmechanismen innerhalb von Verbänden oder ‚semi-autonomen sozialen Feldern‘ gemeint“.27

[...]


1 Zecha, Gerhard: Impliziert der Multikulturalismus einen ethischen Relativismus? In: Giordano, Christian; Patry, Jean-Luc (Hgg.): Multikulturalismus und Multilinguismus - Ein Symposium. Freiburg Schweiz 2002. S. 11.

2 Vgl. Büchler, Andrea: Familienrecht. In: Straub, Jürgen; Weidemann, Arne; Weidemann, Doris (Hgg.): Handbuch interkulturelle Kommunikation und Kompetenz. Grundbegriffe - Theorien - Anwendungsfelder. Stuttgart 2007, S. 699.

3 Vgl. ebd., S. 699.

4 Vgl. ebd., S. 699.

5 Vgl. http://www.philosophie.uni- muenchen.de/fakultaet/lehreinheiten/relwiss/personen/mall/curriculum_vitae/index.html

6 Mall, Ram Adhar: Interkulturelle Verständigung - Primat der Kommunikation vor dem Konsens? In: Ethik und Sozialwissenschaften. 11/3 (Stuttgart 2000).

7 Ebd., S. 337.

8 Vgl. ebd.

9 Ebd.

10 Vgl. ebd.

11 Vgl. ebd., S. 338.

12 Ebd.

13 Ebd.

14 Vgl. ebd., S. 338.

15 Vgl. ebd., S. 337.

16 Vgl. ebd., S. 339.

17 Vgl. ebd., S. 340.

18 Vgl. ebd., S. 341.

19 Vgl. ebd., S. 342.

20 Vgl. ebd.

21 Vgl. ebd.

22 Vgl. ebd., S. 343.

23 Vgl. ebd., S. 344.

24 Benda-Beckmann, Franz von: Rechtspluralismus - Wissenschaftliche und politische Herausforderungen. In: Ethnoscripts. Hg. Vom Institut für Ethnologie der Universität Hamburg: Hamburg 2000, S. 44.

25 Vgl. ebd., S. 44-45.

26 Vgl. ebd., S. 45.

27 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Rechtspluralismus als Bestandteil der interkulturellen Kommunikation
Untertitel
Das deutsche internationale Privatrecht
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
1
Autor
Jahr
2008
Seiten
17
Katalognummer
V186981
ISBN (eBook)
9783656101505
ISBN (Buch)
9783656101192
Dateigröße
719 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtspluralismus, Privatrecht, Interkulturelle Kommunikation
Arbeit zitieren
Joscha Dick (Autor), 2008, Rechtspluralismus als Bestandteil der interkulturellen Kommunikation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186981

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