Während des 18. Jahrhunderts gehörte Thomas Gainsborough mit zu den gefragtesten Malern Englands. Angehörige des Adels, des englischen Ho-fes und namhafte Politiker sahen es als ein Muß an, sich von ihm porträ-tieren zu lassen und rühmten sein malerisches Können. Sogar König George der Dritte und seine Frau Königin Charlotte ließen bei ihm Porträts anfertigen.
Obwohl Gainsborough vorwiegend durch den Zweig der Porträtmalerei bekannt wurde, galt seine eigentliche Leidenschaft der Landschaftsmalerei und des Musizierens.
Allerdings muß festgehalten werden, daß das Porträtieren für einen Maler seiner Zeit der erträglichste Wirtschaftszweig war. So sah er sich in sei-nem Berufsfeld sowohl als Geschäftsmann und als auch als Künstler in einem.
Das Gemälde „Mr. and Mrs. Andrews“ aus dem Jahre 1748/49 stellt einerseits ein Experiment dar, reale Landschaftsmalerei und Porträts in einem Bildnis zu verknüpfen. Bevor allerdings näher auf dieses Bildnis eingegangen werden kann, wird zu Beginn in einem kurzen Exkurs auf Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche Umwälzungen hingewiesen.
Die Topographie ließ die englischen Landschaftsmaler nicht los. Unter den Landschaftsmalern des 18. Jahrhunderts nimmt Thomas Gainsborough eine herausragende Position ein. Seine Gemälde stellen eines der ein-druckvollsten und lebendigsten Bildzeugnisse des Georgorian England dar. Sein Hauptakzent liegt allerdings nicht nur in der Landschaftsmalerei, sondern im gleichen Maß auch in der Portraitmalerei.
Welche Rollen die Porträt- und Landschaftsmalerei in England gespielt haben und wie groß der Einfluß gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in Gainsboroughs Werdegang als Künstler war, soll hier erläutert werden.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Einfluß gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in Gainsboroughs Werdegang
2.1. Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche Umwälzungen
3. Thomas Gainsborough – Porträtist und Landschaftsmaler
3.1. Das Doppelporträt „Mr an Mrs Andrews“
3.2. Aufbau und Ikonologie
3.3. Farbe und Licht
3.4. Verknüpfung von Porträt und Landschaft
4. Gesellschaftliche Restriktionen in der Malerei des 18. Jahrhunderts
Zielsetzung und Themen
Die Arbeit untersucht das Wirken von Thomas Gainsborough vor dem Hintergrund der tiefgreifenden gesellschaftlichen und politischen Wandlungsprozesse im England des 18. Jahrhunderts. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Analyse des Doppelporträts „Mr and Mrs Andrews“ als hybride Form, die Porträtmalerei mit einer realistischen Landschaftsdarstellung verknüpft, um den Status und die Ambitionen der damaligen Oberschicht abzubilden.
- Politischer und wirtschaftlicher Wandel im England des 18. Jahrhunderts
- Thomas Gainsboroughs künstlerische Entwicklung und Ambivalenz als Maler
- Ikonologische und stilistische Analyse des Gemäldes „Mr and Mrs Andrews“
- Die Rolle der Landschaftsmalerei im Kontext gesellschaftlicher Restriktionen
Auszug aus dem Buch
3.1. Das Doppelporträt „Mr an Mrs Andrews“
Bei dem Gemälde mit dem Titel „Mr und Mrs Andrews“ (Abb. 1) handelt es sich um ein Doppelporträt eines jungen Ehepaares mit einer landschaftlichen Darstellung im Hintergrund. Als Materialien verwendete der Maler Thomas Gainsborough Leinwand, mit den Maßen 70 x 119 cm, und Ölfarbe. Entstanden ist dieses Bildnis wahrscheinlich 1748 bzw. 1749 und befand sich bis 1961 im Privatbesitz der Familie Andrews aus Sudburry. In einer Auktion wurde es zum Verkauf angeboten und ist bis dato eines der kostbarsten Porträts des 18. Jahrhunderts in der Londoner National Gallery.
Vor einem Stamm einer mächtigen Eiche am Rand eines säuberlich bestellten Weizenfeldes posiert das eben genannte junge Paar. Sie sitzt im hellblauen Seidenkleid und in Satinschuhen, die für einen Spaziergang auf dem Land sehr ungeeignet erscheinen, auf einer zierlichen Bank. Er lehnt neben ihr, ein Gewehr unter dem Arm. Zu seinen Füßen blickt ein Jagdhund in geduckter Haltung zu ihm auf.
Sehr viel mehr Raum nimmt allerdings die Darstellung ihres Landgutes Auberies mit seinen Feldern, Wiesen und Bäumen ein. Es ist anzunehmen, daß dieses Gemälde als Hochzeitsportrait oder zum „Gedenken“ dieses Ehepaares angefertigt wurde.
Die Identität der auf diesem Gemälde dargestellten Personen ist durch die Familie Andrews überliefert, in deren Besitz dieses Gemälde über 200 Jahre war. Robert Andrews heiratete am 10. November 1748 Frances Mary Carter in der Pfarrkirche St. Peter in Sudbury. Zwischen den Bäumen lugt der Kirchturm dieser Kirche hervor. Die Allerheiligen-Kirche war eine der vornehmeren in diesem kleinen Ort.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Bedeutung von Thomas Gainsborough als gefragten Maler des 18. Jahrhunderts ein und umreißt die Absicht, die Verknüpfung von Porträt- und Landschaftsmalerei vor dem Hintergrund gesellschaftlicher Veränderungen zu analysieren.
2. Einfluß gesellschaftlicher und politischer Veränderungen in Gainsboroughs Werdegang: Das Kapitel erläutert den ökonomischen und sozialen Aufstieg Englands nach der „Glorious Revolution“ und wie dieser Wandel das Umfeld und die gesellschaftliche Stellung des Künstlers beeinflusste.
2.1. Englands politische Vormachtstellung und gesellschaftliche Umwälzungen: Hier wird der Prozess der Industrialisierung und die damit verbundene soziale Umstrukturierung, insbesondere durch die „Enclosure“-Reformen, detailliert beschrieben.
3. Thomas Gainsborough – Porträtist und Landschaftsmaler: Dieses Kapitel beleuchtet den Einfluss der holländischen Landschaftsmalerei auf Gainsborough und beschreibt den wirtschaftlichen Druck, der ihn zur Porträtmalerei zwang.
3.1. Das Doppelporträt „Mr an Mrs Andrews“: Eine detaillierte Vorstellung des Gemäldes, seiner historischen Entstehungsgeschichte und der dargestellten Personen.
3.2. Aufbau und Ikonologie: Untersuchung der symbolischen Bedeutungsebenen im Bild, einschließlich der erotischen Anspielungen und der Darstellung von Besitzansprüchen und sozialem Status.
3.3. Farbe und Licht: Analyse der künstlerischen Technik Gainsboroughs, insbesondere der Lichtführung und Farbwahl, die eine Abkehr von traditionellen Malweisen hin zu mehr Leuchtkraft markiert.
3.4. Verknüpfung von Porträt und Landschaft: Eine Zusammenführung der Aspekte, die zeigt, wie das Gemälde sowohl als Porträt der Dargestellten als auch als Demonstration ihrer ökonomischen Macht über das Land fungiert.
4. Gesellschaftliche Restriktionen in der Malerei des 18. Jahrhunderts: Dieses Kapitel analysiert die starren Vorgaben der Royal Academy und wie Künstler versuchten, sich innerhalb eines aufkommenden freien Kunstmarktes vom Massengeschmack zu lösen.
Schlüsselwörter
Thomas Gainsborough, Mr and Mrs Andrews, Landschaftsmalerei, Porträtmalerei, 18. Jahrhundert, England, Industrielle Revolution, Enclosure, Sozialer Wandel, Gentry, Ikonologie, Kunstgeschichte, Royal Academy, Patronage, Landadel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert das Werk des englischen Malers Thomas Gainsborough, wobei der Schwerpunkt auf seinem Doppelporträt „Mr and Mrs Andrews“ liegt, um die Verbindung von Kunst und gesellschaftlich-politischem Kontext zu beleuchten.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentral sind der Einfluss der wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen Englands im 18. Jahrhundert, die Entwicklung Gainsboroughs als Künstler sowie die Untersuchung der Ikonologie und stilistischen Besonderheiten seiner Gemälde.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Veränderungen, wie etwa die industrielle Revolution und die Macht der Gentry, die Malerei Gainsboroughs beeinflussten und wie das „Mr and Mrs Andrews“-Gemälde diese Verhältnisse widerspiegelt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine kunsthistorische Analyse, die formale Bildbetrachtung (Aufbau, Licht, Farbe) mit einer ikonologischen Interpretation und dem Studium historischer Quellen zur Gesellschaftsstruktur des 18. Jahrhunderts verbindet.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Gainsboroughs Entwicklung, die detaillierte Analyse des besagten Doppelporträts sowie eine allgemeine Betrachtung der gesellschaftlichen Restriktionen, denen Maler in der damaligen Zeit durch die Royal Academy unterlagen.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Thomas Gainsborough, Landschaftsmalerei, Porträtmalerei, 18. Jahrhundert, Enclosure, Gentry und Kunstmarkt.
Warum ist das Gemälde „Mr and Mrs Andrews“ künstlerisch so bedeutsam?
Es gilt als ein frühes, experimentelles Werk Gainsboroughs, das reale Landschaftsmalerei gleichrangig mit dem Porträtismus verbindet und so die ökonomische Macht und den sozialen Status der Landbesitzer visualisiert.
Welche Rolle spielt der „Enclosure“-Begriff im Kontext des Gemäldes?
„Enclosure“ bezieht sich auf die Einhegung von gemeinschaftlichem Land, was den Landbesitzern Reichtum sicherte. Die im Hintergrund des Bildes sichtbaren Felder und Weiden spiegeln somit den sozialen Status und die durch diese Reformen gefestigte Macht des Ehepaars Andrews wider.
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- Britta Heidel (Author), 2003, Thomas Gainsborough - Analyse des Doppelporträts "Mr and Mrs Andrews", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18699