Der Geschlechterunterschied in Antike und Neuzeit

Eine weiterführende Betrachtung des Textes „Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied“ von Giulia Sissa


Seminararbeit, 2011

19 Seiten, Note: 0,7


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Der Geschlechterunterschied in der Antike
2.1. Platon
2.2. Aristoteles
2.3. Minderwertigkeit der Frau

3. Neuzeitliche Geschlechterforschung: Geschlecht als soziales Konstrukt

4. Frauen damals und heute

5. Schlussfolgerung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Liest man heute Platons oder Aristoteles Ausführungen zu den Unterschieden zwischen Mann und Frau, erscheinen sie auf den ersten Blick abstrus und sehr weit von unserem heutigen Geschlechterverständnis entfernt. Bei genauerer Betrachtung der antiken Vorstellungen lassen sich jedoch Parallelen zur heutigen Gesellschaft erkennen, die zu der Frage führen, inwiefern das, was sich in den Werken der griechischen Philosophen findet, auch heute noch Bestand hat. In Zeiten, in denen das Frauenwahlrecht genauso selbstverständlich ist, wie Studentinnen an Hochschulen oder Frauen in der Bundeswehr fällt es schwer, die heutige Gesellschaft nach wie vor als androzentrisch wahrzunehmen. Dass das männliche Geschlecht auch heute noch an häufig als Maßstab angesehen wird, ist vielen nicht bewusst.

Eine Gesellschaft ohne die geschlechtliche Klassifikation in Mann und Frau ist kaum vorstellbar, da eben diese Zweigeschlechtlichkeit seit Jahrtausenden als natürliche Grundbedingung für Fortpflanzung angesehen wird. Auch in diesem Punkt unterscheidet sich die heutige nicht von der antiken Gesellschaft.

Ausgehend von dem Text „Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied“ von Giulia Sissa (1993) erfolgt in der vorliegenden Arbeit eine Darstellung antiker und neuzeitlicher Vorstellungen über den Geschlechterunterschied. Zentrale Fragen sind hierbei: ‚Wie sehen die allgemeinen Vorstellungen über das Geschlecht in der jeweiligen Zeit aus?‘, ‚Wodurch unterscheiden sich weibliches und männliches Geschlecht?‘ und ‚Welche antiken Vorstellungen haben auch heute noch bestand?‘

2. Der Geschlechterunterschied in der Antike

Giulia Sissa

Die Historikerin und Philosophin Giulia Sissa, geboren 1954 in Italien, studierte zunächst Alte Kulturen an der Universität Pavia und promovierte später in selber Fachrichtung an der École des Hautes Études en Sciences Sociales. Im Anschluss an ihre Promotion arbeitete Sissa in der anthropologischen Forschung am Centre national de la recherche scientifique und war Professorin für Alte Kulturen an der Johns Hopkins University in Baltimore. Giulia Sissa lehrt heute Alte Kulturen und Politikwissenschaft an der University of California at Los An- geles. In ihren Arbeiten, die sich neben dem Feminismus vor allem mit Sexualität, Abhängig- keitssyndromen, Demokratie, utopischem Denken und politischen Bewegungen befassen, versucht Sissa, epistemologische Zusammenhänge zwischen altertümlicher Geschichte und zeitgenössischem Geschehen herzustellen.1

In ihrem Werk „Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied“, (1993) setzt Giulia Sissa sich kritisch mit den antiken Anschauungen zum Geschlechterunterschied auseinander. Vorrangig betrachtet werden dabei die Ausführungen Platons und Aristoteles, ergänzt durch Darstellungen weiterer Philosophen und Ärzte der damaligen Zeit. Sowohl in den Werken Platons als auch bei Aristoteles wird an vielen Stellen die inferiore Stellung der Frau gegen- über dem Mann zum Ausdruck gebracht. Ein wesentlicher Aspekt in „Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied“ ist die Verknüpfung der antiken Vorstellungen mit aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnissen und die daraus folgende Kritik Sissas an der auch in der heutigen Zeit scheinbar weiterhin fortbestehenden Unterlegenheit des weiblichen gegenüber dem männlichen Geschlecht.2

2.1. Platon

Der Unterschied zwischen Männern und Frauen ist ein häufig wiederkehrendes Thema in den philosophischen Werken Platons. Erste Indifferenzen hinsichtlich des Geschlechterverständ- nisses ergeben sich jedoch bereits in der begrifflichen Bestimmung des Geschlechts. Das g é nos (altgr. für Geschlecht) bedeutet bei Platon zunächst in etwa Stamm, im Sinne einer sich fortpflanzenden Gruppe. Die besondere Bedeutung kommt hierbei der Reproduktion zu. Das e î dos (altgr. für Art, Form) hingegen bezeichnet die intelligible Form eines Gegenstandes. In unterschiedlichen Ausführungen sind diese Begriffe jedoch häufig nicht klar voneinander abgegrenzt.

Die Schöpfungsgeschichte im TIMAIOS beschreibt zu Anbeginn lediglich ein Menschenge- schlecht, das männliche. Erst durch Verfehlungen der Männer zu Lebenszeit wird als Konse- quenz das weibliche Geschlecht hervorgebracht. Diejenigen, welche den männlichen Tugen- den nicht ausreichend entsprachen, werden nach ihrem Tod als Frauen oder Tiere wiedergebo- ren.3

„ Wer aber die ihm zukommende Zeit wohl verlebte, der wird (...) ein gl ü ckseliges, seinem fr ü heren entsprechendes Leben f ü hren, verfehle er das aber, dann werde er bei seiner zweiten Geburt in die Natur des Weibes ü bergehen. “ (PLATON 360 v. Chr., Timaios, Abschnitt 14)

Im TIMAIOS bezeichnet „Geschlecht“ folglich die beiden unterschiedlichen menschlichen Gestalten Mann und Frau. Im POLITIKOS hingegen, handelt es sich bei Männlichem und Weiblichem um zwei unterschiedliche e í d ē des selben g é nos . Mann und Frau sind hier zwei Unterformen des Menschengeschlechtes.4

Nicht zuletzt stellt Platon in seinem Entwurf des perfekten Staates, der POLITEIA5 , die Ge- schlechterfrage in den Mittelpunkt seiner Ausführungen. Es wird erörtert, wie Mann und Frau sich innerhalb der Polis, der Gesellschaft, verhalten sollen, um das Gemeinwohl zu maximie- ren. Nach einem ausführlichen Diskurs kommt Platon schließlich zu der Ansicht, dass Mann und Frau bezüglich ihrer Aufgaben innerhalb der Gesellschaft gleichgestellt sein und aus- schließlich im Rahmen ihrer individuellen Fähigkeiten für bestimmte Aufgaben eingesetzt werden sollten.6

„ Also, o Freund, gibt es gar kein Gesch ä ft von allen, (...) welches dem Weibe als Weib oder dem Manne als Mann angeh ö re, sondern die nat ü rlichen Anlagen sind auf ä hnliche Weise in beiden verteilt (...). “ (PLATON 370 v. Chr., Politeia, 5. Buch, Abschnitt 1.13) Platon separiert damit das gesellschaftliche Geschlechterverständnis von der biologischen Fortpflanzung und versucht so den Widerspruch zwischen den entgegengesetzten Geschlech- tern, dem Mann als erzeugendes und der Frau als empfangendes, und ihrer Gleichartigkeit innerhalb des Polis auszuräumen. Die Entscheidung, ob der Begriff „Geschlecht“ das Men- schengeschlecht mit den Unterformen Mann und Frau bezeichnet oder im reproduktiven Ver- ständnis jeweils Mann oder Frau als eigenständige Geschlechter ist folglich situativ.7

Im SYMPOSION stellt er eine Theorie zur Herkunft der beiden Geschlechter dar, bei der diese durch göttliche Separation aus ursprünglich drei doppelten Geschlechtern hervorgingen. Aus dem Männlichmännlichen entstanden Mann und Mann, aus dem Weiblichweiblichen, Frau und Frau und aus dem Mannweiblichen Mann und Frau. Je nach Ursprung und fehlender Hälfte fühlen sich diese zukünftig zum gleichen oder zum entgegengesetzten Geschlecht hin- gezogen8. Hierdurch erklärt Platon schließlich schlussendlich auch die der Reproduktionsre- gel widersprechende Anziehung zwischen zwei gleichgeschlechtlichen Partnern. Homosexuelle Männer entstammen somit dem Ursprungsgeschlecht Männlichmännlich.

Auch wenn die dargestellte Gleichartigkeit der Geschlechter innerhalb der Polis zunächst den Anschein erwecken kann, die Frauen seien bei Platon den Männern gleichgestellt, so liegt allen Ausführungen Platons die Annahme zu Grunde, das weibliche sei minderwertig gegen- über dem männlichen Geschlecht. Diese Ansicht entspricht dem allgemeinen antiken Bild der passiven, dem Mann unterlegenen Frau. Die Frau als die mutierte, schlechtere Form eines Mannes, der in seinem vorherigen Leben versagt hat9, als „ Mangel “ (SISSA 1993, S. 83) und Verkörperung schlechter Eigenschaften10. Auch wenn den Frauen grundsätzlich keine Aufga- ben innerhalb der Polis verwehrt bleiben, so ist für Platon ganz offensichtlich, dass Frauen zwar befähigt sein mögen, die gleichen Aufgaben auszuführen wie Männer, dieses jedoch niemals genauso gut. Ausgenommen sind davon lediglich die zu belächelnden, „weiblichen“ Aktivitäten11.

„ Wei ß t du nun irgendetwas von Menschen Betriebenes, worin nicht dieses alles das Ge- schlecht der M ä nner vorz ü glich hat vor dem der Weiber? Oder sollen wir erst weitl ä ufig sein und die Weberei anf ü hren und Bereitung des Geb ä cks (...), worin ja das weibliche Geschlecht sich auszuzeichnen scheint (...). “ (PLATON 370 v. Chr., Politeia, 5. Buch, Abschnitt 1.13)

Platons Bestreben, eine Gleichstellung innerhalb der Gesellschaft erreichen zu wollen, entsprang demnach keineswegs dem Gedanken an eine Gleichwertigkeit von Mann und Frau, sondern folgte lediglich politischen Motiven zur Herstellung staatlicher Ordnung. Durch die Beteiligung der Frauen an staatlichen Aufgaben und die Ausweitung der staatlichen Erziehung auf das weibliche Geschlecht würde den naturgegebenen weiblichen Lastern entgegengewirkt und ein verbesserter Staat geschaffen.12

Durch Ausräumen des Geschlechterunterschiedes einerseits und zeitgleicher Darstellung des weiblichen Unvermögens sich bei der Bewältigung gestellter Aufgaben als dem Mann eben- bürtig zu erweisen andererseits, wird die Unterlegenheit des weiblichen gegenüber dem männlichen Geschlecht weiterhin betont. Diese äußert sich nun in Form einer quantitativen statt einer qualitativen Unterscheidung von Männern und Frauen als Individuen13.

[...]


1 vgl. UCLA 2011

2 vgl. SISSA 1993, S. 73; S. 102

3 vgl. SISSA 1993, S. 77-81

4 vgl. SISSA 1993, S. 77

5 POLITEIA: Platons ausschließlich auf das Gemeinwohl ausgerichtete Staatutopie, in der jeder Bürger im Rah- men seiner Fähigkeiten etwas zum allgemeinen Wohl beträgt und sich an den öffentlichen Aufgaben beteiligt. Private Familien werden aufgelöst zugunsten eines „großen Ganzen“ bei dem sowohl Frauen als auch Kinder allgemeines Eigentum sind, um auf diese Weise einen besonders starken Staat hervorzubringen. (vgl. RAUS- CHENBACH 2004, S. 2 ff. )

6 vgl. SISSA 1993, S. 78 f.

7 vgl. SISSA 1993, S. 78 f.

8 vgl. PLATON 380 v. Chr., Symposion , Abschnitt 14-16

9 s.o. Entstehung der Geschlechter im Timaios

10 vgl. SISSA 1993, S. 83

11 vgl. SISSA 1993, S. 80

12 vgl. RAUSCHENBACH 2004, S. 3

13 vgl. SISSA 1993, S. 80

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Der Geschlechterunterschied in Antike und Neuzeit
Untertitel
Eine weiterführende Betrachtung des Textes „Platon, Aristoteles und der Geschlechterunterschied“ von Giulia Sissa
Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen
Note
0,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V186998
ISBN (eBook)
9783656101451
ISBN (Buch)
9783656101932
Dateigröße
485 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gender, Geschlechterunterschied, Geschlechterverständnis, Guilia Sissa, Antike Geschlechterbilder
Arbeit zitieren
B. Sc. Jana Bösche (Autor), 2011, Der Geschlechterunterschied in Antike und Neuzeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/186998

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