Freitod emigrierter Schriftsteller während der NS-Zeit


Seminararbeit, 2011

13 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1.Verlusterfahrungen im Exil

2.1 Kurt Tucholsky
2.2 Ernst Toller
2.3 Stefan Zweig

Fazit

Einleitung

Nie zuvor emigrierten so viele Autoren aus einem Land wie zur Zeit des Nationalsozialismus aus Deutschland. Etwa 2500 Schriftsteller verließen aus Angst vor einer Verfolgung aus rassistischen oder politischen Gründen das Land, viele von ihnen direkt nach der Machtübernahme Hitlers, weitere nach dem Reichstagsbrand sowie der Bücherverbrennung vom 10. Mai 1933.[1] So heterogen die Masse der Vertriebenen war, so unterschiedlich kamen die einzelnen Exilanten mit dem Leben im Exil zurecht. Während ein geringer Teil der exilierten Schriftsteller sich weitestgehend ohne große Probleme an die neue Situation anpasste, litt der überwiegende Teil an verschiedenen Verlusterfahrungen. Diese aufzuzeigen, ist der erste Teil meiner vorliegenden Arbeit. Für manche Autoren wogen die Verlusterfahrungen so schwer, dass ein Weiterleben für sie nicht mehr in Frage kam, sie begingen Suizid. Was die einzelnen Beweggründe dafür waren, erläutere ich im zweiten Teil meiner Arbeit. Exemplarisch werde ich es an drei Schriftstellern – Kurt Tucholsky, Ernst Toller, Stefan Zweig – untersuchen. Wichtig bei der Auswahl war mir, dass sie den Selbstmord aus „freien Stücken“ vollzogen, ihr Leben also nicht in unmittelbarer Gefahr war, wie etwa bei Walter Hasenclever,[2] denn nur in diesem Fall lässt sich der Einfluss der Verlusterfahrungen des Exils ausreichend analysieren.

1 Verlusterfahrungen im Exil

Die Verlusterfahrungen, unter denen die im Exil lebenden Schriftstellern litten, waren sehr unterschiedlich und hinsichtlich ihrer Bedeutung für jeden einzelnen verschieden. Womit viele Exilanten zu kämpfen hatten, war der Verlust der kulturellen und sprachlichen Heimat. Nachdem in den ersten Kriegsjahren beinahe ganz Europa von den Deutschen besetzt war, sahen sich viele Schriftsteller gezwungen, nach Amerika zu fliehen. Wenngleich ein geringer Anteil der Exilanten dies als neue Erfahrung betrachtete, konnten sich viele Flüchtlinge kaum in die ihnen oftmals fremde Gesellschaft integrieren oder waren der deutschen Kultur zu sehr verbunden. Sie standen in einem ständigen Konflikt zwischen Isolation und Anpassung.[3] Eng einher ging damit der Verlust der sprachlichen Heimat. Nach der Annexion Österreichs lebten die emigrierten Schriftsteller auch dort nicht mehr in Sicherheit; als einziges deutschsprachiges Land blieb noch die Schweiz. Doch gerade die Schweizer Behörden hatten strenge Einreiseauflagen und waren nicht willens, die Deutschen in hohem Maße am kulturellen Geschehen teilhaben zu lassen. Viele Autoren konnten deshalb nur als Ghostwriter arbeiten.[4] Im nicht-deutschsprachigen Ausland sah die Situation für die exilierten Schriftsteller zumeist noch schlechter aus. Nur die wenigsten Autoren, wie etwa Thomas Mann, genossen solchen Weltruhm, dass sie weiterhin auf deutsch schreiben konnten, da ihre Texte übersetzt wurden. Der weitaus größere Teil hatte dieses Privileg nicht. Sie waren darauf angewiesen, in der Sprache ihres Gastlandes zu schreiben, wobei es jedoch kaum Schriftsteller gab, welche die jeweilige Sprache so sicher beherrschten, dass ihnen dieses ohne Qualitätsverlust gelang. Hinzu kam, dass in den entsprechenden Ländern eine andere Kultur herrschte und sich die Leser kaum für deutsche Belange interessierten. Die Autoren mussten sich demnach an den literarischen Geschmack ihres Gastlandes anpassen, was vielen nicht gelang und sicher auch einigen widerstrebte.[5] Für beinahe alle Schriftsteller bedeutete der Gang ins Exil den Verlust ihrer materiellen Werte, da die Mitnahme finanzieller Mittel durch die „Reichsfluchtsteuer“ massiv erschwert wurde.[6] Im Exil standen die Emigranten also vor dem finanziellen Ruin. Sofern sie nicht vom Absatz ihrer Bücher leben konnten, mussten sie eine Arbeitserlaubnis erwerben, die ihnen jedoch nur über eine Aufenthaltsgenehmigung genehmigt wurde, die aber in den meisten Fällen käuflich erworben werden musste. Dieser Teufelskreis, verbunden mit den zahllosen Behördengängen und der ständigen Angst davor, jeder Zeit nach Deutschland abgeschoben werden zu können, zehrte massiv an den Nerven der Exilanten.[7] Eine Möglichkeit an Geld zu gelangen, stellten finanzielle Hilfen befreundeter Schriftstellerkollegen dar oder die Exilverlage.[8] Beides waren jedoch keine verlässlichen Geldquellen, zumal die Exilverlage nur über geringe finanzielle Mittel verfügten, da sie kaum einen Absatzmarkt hatten. Schwer wog auch der Verlust der schriftstellerischen Aufgabe. Dieser ist vielseitig zu betrachten. Einige Schriftsteller erkannten, dass sie nicht länger vom Schreiben leben konnten und gaben es zugunsten eines anderen Berufes ganz auf. Anderen war die ständige Angst vor einer Auslieferung an die Nazis und der Umgang mit den Behörden abträglich für ihre Kreativität.[9] Eine weitere Gruppe der Exilanten konnte angesichts der Entwicklung in Deutschland und der Gräueltaten während des Krieges nicht mehr das Wort ergreifen. Sie hatten das Gefühl versagt zu haben beim Kampf gegen Faschismus und Unmenschlichkeit und resignierten daraufhin (ihnen ist z.B. Tucholsky zuzurechnen). Besonders den nicht-kommunistischen Schriftstellern, die das Wort nicht als Waffe gegen den Faschismus sahen, fiel es schwer, weiterhin einen Sinn im Schreiben zu erkennen.[10] Bereits eine Verlusterfahrung für sich genommen, kann einen Menschen demoralisieren; wenn gleichzeitig mehrere dieser Erfahrungen zusammentreffen – erst recht bei einer ohnehin labilen Psyche - wird der Freitod zu einer nachvollziehbaren Entscheidung.

2.1 Kurt Tucholsky

„Gegen einen Ozean pfeift man nicht an.“[11] Dieser Satz, den Kurt Tucholsky am 11.April 1933 in einem Brief an seinen Freund und ebenfalls emigrierten Schriftsteller Walter Hasenclever schrieb, drückt die tiefe Resignation aus, die Tucholsky nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erfasste und einen der berühmtesten Journalisten der Weimarer Republik publizistisch endgültig verstummen ließ. Tucholskys große Enttäuschung über die politische Situation in Deutschland zeigte sich jedoch schon viele Jahre zuvor. Der Plan, Deutschland zu verlassen, reifte bereits während des 1. Weltkriegs.[12] Nach Kriegsende blieb Tucholsky jedoch vorerst in Berlin und widmete sich der journalistischen Arbeit, die er schon vor 1914 begonnen hatte und die ihn weitaus mehr reizte als sein Jurastudium.[13] Tucholsky schrieb Artikel für verschiedene Zeitungen und Zeitschriften, u.a. für den „Ulk“, die „Arbeiter-Illustrierten-Zeitung“ oder das sozialdemokratische Parteiorgan „Vorwärts“,[14] doch besonders stark engagierte er sich bei der „Weltbühne“. Bereits 1913 schickte er einen Artikel - eine Theaterbesprechung - an Siegfried Jacobsohn, den Herausgeber der Zeitschrift, die damals noch „Schaubühne“ hieß. Nach dem Krieg wurde Tucholsky zum wichtigsten Schreiber der Zeitschrift; damit nicht der Eindruck entstünde, dass nur ein Autor das Gros der Artikel für die „Schaubühne“ verfassen würde, erfand Tucholsky verschiedene Pseudonyme, unter denen seine Schriften veröffentlicht wurden. Als Ignaz Wrobel schrieb er bissige Kritiken, und scheute nicht davor zurück, Politik und staatliche Institutionen scharf zu attackieren, Peter Panter war der Feuilletonist, der Theater– und Buchkritiken schrieb, als Theobald Tiger schrieb Tucholsky Verse, sowie Chansons für die Kabaretts Berlins. Nach den Erfahrungen des 1. Weltkrieges kam der melancholische Kaspar Hauser hinzu. Die Wahl der Pseudonyme erfüllte jedoch nicht nur den bereits erwähnten Nutzen, sondern war auch der Versuch Tucholskys sein eigentliches, verletzliches Ich zu verbergen.[15] Tucholskys Verhältnis zu Deutschland war stets ambivalent, was u.a. eine Liste zeigt, die er 1928 in der „Vossischen Zeitung“ veröffentlicht hatte. In dieser Liste zählte Tucholsky Dinge auf, die er hasste und die er liebte – auf beiden Seiten stand Deutschland. Als überzeugter Pazifist war Tucholsky zutiefst angewidert vom militärischen Geist, der in Deutschland herrschte, andererseits liebte er die deutsche Sprache und die Landschaften seiner Heimat.[16] Letztendlich überwog die Abneigung; 1924 ging Tucholsky als Korrespondent der „Weltbühne“ und der „Vossischen Zeitung“ nach Paris. Mit dem Umzug nach Frankreich hoffte Tucholsky seinen Depressionen, unter denen er schon früh litt und die in den letzten Jahren zunehmend schlimmer wurden,[17] zu entkommen, was ihm anfänglich gelang, doch mit zunehmender Dauer seines Aufenthaltes erkannte er, dass auch in Frankreich nicht alles zum Besten stand.[18] Der plötzliche Tod Siegfried Jacobsohns, dem Tucholsky auch privat eng verbunden war, warf ihn in eine erneute psychische Krise, von der er sich nie mehr ganz erholte.

[...]


[1] Vgl. Matthias Wegner, Exil und Literatur. Deutsche Schriftsteller im Ausland 1933-1945. Frankfurt am Main 1967. S. 32 f. und Maik Lehmkuhl, Freitod im Exil. Studienarbeit. München 2002. S.4.

[2] Walter Hasenclever nahm sich im französischen Internierungslager das Leben. Vgl. Wegner, Exil und Literatur. S. 100.

[3] Vgl. Ebd. S. 90 ff.

[4] Vgl. Ebd. S. 50 f.

[5] Vg. Ebd. S. 146 ff.

[6] Vgl. Ebd. S. 47.

[7] Vgl. Lehmkuhl, Freitod im Exil. S. 6.

[8] Beispiele: Querido (Niederlande), Neue Verlag (Schweden), Aurora (USA); vgl. Wegner, Exil und Literatur. S. 82 ff.

[9] Vgl. Ebd. S. 89 f.

[10] Vgl. Lehmkuhl, Freitod im Exil. S. 11 f.

[11] Zitiert nach: Kurt Tucholsky, Briefe 1913-1935. Reinbek 2005. S.251.

[12] Ebd. S. 49.

[13] Vgl. Michael Hepp, Kurt Tucholsky. Biografische Annäherungen. Reinbek 1993. S.88.

[14] Vgl. Volker Weidermann, Das Buch der verbrannten Bücher. Köln 2008. S.151.

[15] Vgl. Hepp, Tucholsky. S.79 ff.

[16] Vgl. Weidermann, verbrannte Bücher. S.151 f.

[17] Vgl. Hepp, Tucholsky. S.147.

[18] Vgl. Ebd. S.257 ff.

Ende der Leseprobe aus 13 Seiten

Details

Titel
Freitod emigrierter Schriftsteller während der NS-Zeit
Hochschule
Freie Universität Berlin  (Otto-Suhr-Institut)
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
13
Katalognummer
V187110
ISBN (eBook)
9783656103448
ISBN (Buch)
9783656103158
Dateigröße
477 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
freitod, schriftsteller, ns-zeit
Arbeit zitieren
Christian Stielow (Autor), 2011, Freitod emigrierter Schriftsteller während der NS-Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187110

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