Herausforderungen für den Einzelhandel und die Nahversorgung in Deutschland durch den demographischen Wandel


Examensarbeit, 2011
103 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1.Einleitung
1.1 Zielsetzung
1.2 Aufbau und Vorgehensweise

2. Der demographische Wandel in Deutschland
2.1 Die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis 2005
2.2 Die Altersstruktur Deutschlands
2.3 Bevölkerungsentwicklung bis 2050/ 2060
2.4 Regionale Bevölkerungsentwicklung
2.5 Die Entwicklung der Haushaltsstruktur in Deutschland
2.6 Die Entwicklung der Erwerbspersonen

3. Einzelhandel und Kaufkraft in Deutschland
3.1 Betriebstypen und -formen
3.2 Strukturmerkmale und Wandel im Einzelhandel

4. Zwischenfazit: Demographie und Einzelhandel in Deutschland

5. Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Einzelhandel
5.1 Die Zielgruppen 50plus
5.1.1 Bedürfnisse und Wünsche älterer Menschen und die Bedeutung für den Einzelhandel
5.1.2 Konsumverhalten und -struktur neuer Zielgruppen
5.1.3 Seniorenmarketing im deutschen Einzelhandel
5.2 Ladenspezifische Reaktionen des Einzelhandels unter dem Aspekt Demographie
5.3 Das Qualitätszeichen ‚Generationenfreundliches Einkaufen‘
5.4 Auswirkungen auf die Belegschaft
5.5 Weitere regionale Aspekte

6. Die Nahversorgung im ländlichen und städtischen Raum
6.1 Die Nahversorgung im ländlichen Raum
6.1.1 Modelle zur Sicherung der Nahversorgung im ländlichen Raum
6.1.2 Fallbeispiel für den ländlichen Raum: Sicherung der Nahversorgung in Paunzhausen, LK Freising
6.2 Eingeschränkte Nahversorgung im urbanen Raum
6.2.1 Fallbeispiel für den urbanen Raum: ‚Unser Miniladen‘, Rosenheim
6.3 Perspektiven der Nahversorgung in Deutschland

7. Fazit: Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Einzelhandel und die Nahversorgung in Deutschland

Literaturverzeichnis

Internetquellen

Experteninterviews

Anhang
A) Leitfragen zum Thema Einzelhandel und demographischer Wandel
B) Siedlungsstrukturen und ihre Abgrenzungen

Tabellen- und Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 1946-2006

Abbildung 2: Bevölkerungspyramiden Deutschlands 1950 und 2008

Abbildung 3: Wanderungssaldo der Bundesrepublik Deutschland 1991-2008: Zu -und Fortzüge in Tausend

Abbildung 4: Altersaufbau Deutschlands 2060

Abbildung 5: Bevölkerungsdichte in Deutschland 2007

Abbildung 6: Bevölkerung nach Altersgruppen 2008 und 2030

Abbildung 7: Entwicklung der Bevölkerungszahlen in Deutschland bis 2025

Tabelle 1: Regionale Konsequenzen des demographischen Wandels

Abbildung 8: Entwicklung der Privathaushalte in Deutschland nach Personen 1991-2009

Abbildung 9: Kaufkraftkarte 2006 für Deutschland der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK)

Abbildung 10: Dynamik der Betriebsformen, Stand: 2002

Abbildung 11: Sparquote deutscher Haushalte 2003 in Prozent

Abbildung 12: Private Konsumausgaben deutscher Haushalte 2003 in Prozent

Tabelle 2: Ladenspezifische Anpassungen von EHU

Abbildung 13: Zertifizierte Geschäfte und Center nach Bundesländern

Abbildung 14: Erwerbstätigenquoten von Frauen in Deutschland

Abbildung 15: Entwicklung der Hochbetagten in Deutschland bis 2020

Abbildung 16: Der Dorfladen Paunzhausen eG

Abbildung 17: ‚Unser Miniladen‘ in Rosenheim

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1.Einleitung

Die Bevölkerungsentwicklung1 ist in Deutschland schon seit Jahrzehnten ein wichtiges Thema - es häufen sich Berichte, Prognosen und Studien zur demographischen Situation des Landes. Die meisten Meldungen zur Bevölkerungsentwicklung Deutschlands klingen jedoch gleich: „Die demographische Uhr tickt unaufhaltsam“ (DES 2006) und stellt das Land vor scheinbar unlösbare Aufgaben in den Bereichen Pflegeversicherung, Rentensystem, Sozialstaatlichkeit und dergleichen mehr. Der demographische Wandel betrifft das gesamte Bundesgebiet, wenn auch in unterschiedlicher Art und Weise. Und richtet man sich nach den Prognosen verschiedenster Institutionen beschleunigt sich die bisher beobachtete Entwicklung in den nächsten Jahren zusehends - spätestens wenn sich die geburtenstarken Jahrgänge aus den Nachkriegsjahrzehnten vom Arbeitsmarkt zurückziehen werden die Probleme, die mit der Überalterung der deutschen Bevölkerung einhergehen, in voller Deutlichkeit zu spüren sein.

Deutschland ist schon heute neben Japan und Italien eines der ältesten Länder der Welt, gemessen am Anteil der Menschen, die 65 Jahre oder älter sind (Die Welt vom 01.07.2006) - diese Entwicklung ist unumkehrbar. Zwar sind die Auslöser dieser Entwicklung bekannt, wie beispielsweise die geringe Geburtenrate von etwa 1,4 Kindern pro Frau sowie die stetig steigende Lebenserwartung. Doch jegliche Maßnahmen von Politik und Wirtschaft, die Entwicklung zu stoppen oder gar umzukehren, scheinen ins Leere zu laufen. Deutschland altert langsamer als vergleichbare Industriestaaten wie Japan, dennoch ist der demographische Wandel eine der größten Herausforderungen für das Land seit seinem Bestehen, nicht zuletzt deshalb, weil der viel zitierte Generationenvertrag schon jetzt ausgehebelt ist (Gebhardt et al. 2007: 169ff.). Auffällig ist allerdings, dass in der Diskussion die Alterung und Schrumpfung der deutschen Bevölkerung sowie eine zunehmende Internationalisierung stets negativ bewertet werden, wohingegen Chancen und mögliche Innovationen oft verborgen oder oberflächlich bleiben.

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der demographischen Entwicklung Deutschlands und deren Auswirkungen auf den Einzelhandel - besonderes Augenmerk liegt dabei auf der stetig wachsenden Zielgruppe 50plus und ihrer Bedeutung für Einzelhandelsunternehmen. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf der Nahversorgung der Bevölkerung, insbesondere im Bereich des Lebensmitteleinzelhandels.

1.1Zielsetzung

Zunächst soll die Frage untersucht werden, welche Chancen und Risiken sich durch den demographischen Wandel für den deutschen Einzelhandel ergeben. Dabei ist es freilich wichtig, die gegenwärtige Situation zu untersuchen, d.h. Auswirkungen, die sich bereits jetzt zeigen und Reaktionen, die von Einzelhandelsunternehmen daraufhin erfolgt sind und noch erfolgen sollen. Anhand verschiedenster Prognosen soll außerdem erörtert werden, welche zukünftigen Entwicklungen der Handel vorsieht und wie sich Unternehmen auf eine Verschärfung der Bevölkerungssituation einstellen. Entscheidend ist aber nicht nur, dass die deutsche Bevölkerung älter wird und weiter abnimmt, sondern auch zunehmend internationalisiert, d.h. der Anteil der Ausländer und Menschen mit Migrationshintergrund zunimmt. Diese dritte Dimension des demographischen Wandels rückt in der Diskussion oft in den Hintergrund Gründe dafür sollen ebenfalls untersucht werden.

Unter dem Motto weniger, älter, bunter werden Auswirkungen auf den deutschen Einzelhandel untersucht. Die tiefgreifenden Veränderungen in der Bevölkerungsstruktur und gleichzeitigen Veränderungen der Bevölkerungsverteilung werden in den nächsten Jahren und Jahrzehnten prägend sein. Auch das Konsumverhalten einer alternden Gesellschaft wird sich entsprechend wandeln, daher ist es auch ein Anliegen, die Zielgruppen der Älteren und Alten, d.h. die Generation 50plus genauer zu betrachten. Das Interesse der Arbeit besteht also in verschiedenen Positionen: Zum einen wird die Kundschaft 50plus der Einzelhandelsunternehmen in Betracht gezogen, zum anderen wird der Handel und seine Reaktionen auf die demographische Entwicklung einbezogen. Ein Gegenüber von Angebot und Nachfrage. Dieses Verhältnis ist auch maßgeblich für den zweiten Schwerpunkt der Arbeit, nämlich die Lebensmittelnahversorgung der Bevölkerung in schrumpfenden und alternden Regionen, die hauptsächlich im ländlichen, teils aber auch im urbanen Raum zu finden sind. Hier soll eine Bestandsaufnahme folgen und insbesondere auf Maßnahmen zur Sicherung der Nahversorgung eingegangen werden.

1.2 Aufbau und Vorgehensweise

Um die Grundlage für eine nähere Untersuchung zu schaffen, erfolgt zunächst eine Analyse der demographischen Entwicklung Deutschlands in der Vergangenheit, in der Gegenwart sowie in der Zukunft. Berücksichtigt werden dabei die klassischen Bereiche der Bevölkerungsgeographie wie Fertilität, Mortalität und Migration sowie Haushaltsstruktur und Bevölkerungsverteilung und -dichte. Neben der Entwicklung der Gesamtbevölkerung ist der Blick auf die Altersstruktur dabei besonders relevant, ebenso eine regionale Differenzierung der Einwohnerzahlen des Landes. Diese beiden Faktoren sind auch in Bezug auf den deutschen Einzelhandel von großer Bedeutung. Ebenso bedeutend ist die Entwicklung der Haushaltsstruktur, da diese direkten Einfluss auf das Freizeit- und Einkaufsverhalten der Menschen nimmt - umso wichtiger sind entsprechende Daten, ebenfalls regional differenziert, für die Unternehmen. Um die Verzahnung der Bereiche Demographie und Einzelhandel zu vollziehen, ist es außerdem notwendig, einen Blick auf die Situation des deutschen Einzelhandels und seine Strukturen zu werfen, die sicherlich von einem Wandel der letzten Jahrzehnte geprägt sind. Dementsprechend wichtig ist es, die Zusammensetzung des deutschen Handels zu verstehen, um den Umfang der demographischen Auswirkungen voll zu erfassen.

Zu Beginn der Analyse der vielfältigen Auswirkungen des demographischen Wandels auf den Einzelhandel soll zunächst die Gruppe der älteren und alten Konsumenten, also die Generation 50plus als Zielgruppe genauer betrachtet werden. Dazu ist nach einer regionalen Verteilung zu erörtern, welche Wünsche, Erwartungen und Bedürfnisse ältere Menschen haben und welche sich davon direkt auf das Einkaufs- und Konsumverhalten auswirken. Die Zielgruppe ist natürlich auch aus Sicht des Handels zu betrachten, was im nächsten Schritt erfolgt: Zum einen sind neue, angepasste Marketingstrategien von Interesse, zum anderen aber natürlich auch konkrete Veränderungen und Innovationen was Produkte und Produktpräsentation, die räumliche Gestaltung der Märkte sowie Service und Kundenansprache betrifft. Der demographische Wandel ist also nicht nur auf der Seite der Konsumenten allgegenwärtig, sondern auch auf der der Unternehmen. Des Weiteren werden ausschnitthaft sogenannte Gütesiegel auf ihre Wirksamkeit hin untersucht, wie beispielsweise das Qualitätszeichen Generationenfreundliches Einkaufen des Hauptverbandes des deutschen Einzelhandels (HDE).

Der wohl unmittelbar relevanteste Bereich des demographischen Wandels ist jedoch die Nahversorgung, insbesondere im ländlichen Raum2. Gerade in schrumpfenden Gebieten wird die Bereitstellung wohnstandortnaher Grundversorgung in naher Zukunft zur Herausforderung für Länder und Kommunen. Schon heute ist die Versorgungssituation, vor allem mit Waren des kurzfristigen3 Bedarfs problematisch, zumal das Thema im überregionalen Bereich kaum Anklang findet, auf regionaler Ebene allerdings stark thematisiert und problematisiert wird (IÖW 2005). Weitere Aspekte dieses Themenbereichs sind Veränderungen im Mobilitätsverhalten mit zunehmendem Alter sowie Nutzungskopplungen in Schrumpfungsgebieten, teils aber auch in Stadtteilen. Der demographische Wandel wird die Nahversorgungsproblematik weiter verschärfen, teilweise sind Gemeinden schon heute nur mangelhaft an den öffentlichen Personennahverkehr sowie Verkaufsstellen des Lebensmitteleinzelhandels angebunden. Trotzdem hat das Thema Nahversorgung scheinbar kaum Zugang zur öffentlichen Diskussion gefunden.

Zuletzt ist es von Interesse, zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen an Einzelhandelsunternehmen zu beleuchten. Besonders vor dem Hintergrund verschiedenster Prognosen und Vorausberechnungen. Es gilt zu ermitteln, wie bedeutend diese Thematik für Einzelhandelsunternehmen ist. Für die Analyse des Kernthemas werden die gängige Fachliteratur, verschiedene Fachzeitschriften sowie statistische Angaben von Institutionen wie beispielsweise des Statistischen Bundesamtes (DESTATIS) oder der Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) herangezogen. Ergänzt wird die Analyse durch eine Reihe qualitativer Interviews mit Vertretern von Einzelhandelsunternehmen, aber auch Interessenverbänden und Dienstleistern, wie dem HDE oder der GfK. Bei den Interviews handelt es sich um offene Leitfadengespräche.

2. Der demographische Wandel in Deutschland

Deutschland ist neben vielen anderen Industrieländern ein sehr gutes Beispiel für das Modell des demographischen Übergangs und befindet sich - bereits sehr weit fortgeschritten - in der posttransformativen Phase, die von Geburtenrückgang und Sterblichkeitsrückgang gekennzeichnet ist. Diese Phase wird auch oft als zweite demographische Transformation bezeichnet, die in den vielen Industrieländern der Welt in vollem Gange ist (Gebhardt et al. 2007: 778). Der verstärkte Fruchtbarkeitsrückgang auf etwa 1,4 Kindern pro Frau seit etwa 1965, bei gleichzeitig sinkendender Sterberate sowie instabiler Migrationsraten wird gemeinhin als demographischer Wandel bezeichnet, der Deutschland vor große Herausforderungen stellen wird. Gepaart mit der steigenden Lebenserwartung bei Geburt, die mittlerweile bei knapp 80 Jahren liegt (destatis.de) ist der demographische Wandel scheinbar unaufhaltsam - und lässt sich auch durch Einwanderung nicht aufhalten, sondern lediglich verzögern. Der Wanderungssaldo hat sich seit 1991 ohnehin immer weiter verringert: Nach der Wiedervereinigung lag er bei etwa 600.000, im Jahr 2007 nur noch bei 43.000 (destatis.de) und fällt somit immer weniger ins Gewicht. Konnte bis 2003 die Zuwanderung das negative natürliche Wachstum der deutschen Bevölkerung noch ausgleichen, befindet sich das Land seitdem in einer Phase des Bevölkerungsrückgangs und verstärkter Überalterung.

2.1Die Bevölkerungsentwicklung Deutschlands bis 2005

Der Zweite Weltkrieg bedeutete für Deutschland einen tiefen Einschnitt in der Bevölkerungsentwicklung, der noch lang zu spüren sein sollte. Zum einen, weil Deutschland Millionen Gefallene und Vermisste zu verzeichnen hatte, zum anderen weil eben diese einen starken Geburtenausfall nach 1945 auslösten. Trotzdem, oder gerade deshalb, kam es in den Jahren danach zu einem sehr starken Bevölkerungswachstum in Deutschland, der oftmals als ‚Babyboom‘ bezeichnet wird. Im Zuge des wirtschaftlichen Aufschwungs in Deutschland stieg die Bevölkerung des Landes bis 1965 von 69,3 Mio. im Jahr 1950 auf 78,1 Mio. an (destatis.de). Dieser sprunghafte Anstieg ist zum einen mit erhöhten Geburtenraten der Nachkriegsjahre zu erklären, zum anderen mit hohen Einwanderungszahlen durch Gastarbeiterströme, vor allem aus den südeuropäischen Ländern Italien, Spanien, Portugal und Griechenland.

Doch dieses große Wachstum war nicht von langer Dauer: Schon 1965 gingen die Geburtenzahlen bei gleichbleibender Sterberate zurück: Es kam zu einer deutlichen Trendwende (s. Abbildung 1, S.7) in der deutschen Bevölkerungsentwicklung, die mitverantwortlich für die heutige Bevölkerungsstruktur ist. Innerhalb von fünf Jahren, zwischen 1965 und 1970, sank die Anzahl der Geburten pro Jahr von über 1,3 Millionen auf unter 800.000 (destatis.de).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bevölkerungsentwicklung in Deutschland 1946-2006

Quelle: https://de.wikipedia.org/wiki/Demografie_Deutschlands#/media/File:Bevoelkerungsentwicklung_deutschland.png

Zur selben Zeit wurde die sogenannte Antibabypille als Verhütungsmittel eingeführt und der breiten Masse zugänglich gemacht, viele sprechen daher vom sogenannten ‚Pillenknick‘. Allerdings ist es fraglich, ob dies der tatsächliche Grund für den starken Geburtenrückgang ist. Es ist anzunehmen, dass andere Erklärungsansätze, wie das Fehlen bestimmter Generationen durch Kriegsverluste, dazu geführt haben. So haben in geburtenstarken Jahren zwischen 1955 und 1965 diejenigen Kinder bekommen, die in den 30er Jahren geboren wurden. Anschließend gab es große Kriegseinschnitte in der Bevölkerung im zeugungsfähigen Alter. Hinzu kommt, dass sich die Einstellung zu Kindern allgemein langsam aber stetig gewandelt hat: Kinder werden schon lange nicht mehr als Altersvorsorge angesehen, die sie in früheren Zeiten dargestellt haben. Im Gegenteil, die Nachkömmlinge wurden mehr und mehr als Kostenfaktor angesehen.

Wie in Abb.1 (S. 7) zu sehen ist, übertrifft die Zahl der Gestorbenen seit 1973 die Zahl der Neugeborenen, was ein negatives natürliches Wachstum zur Folge hat. Trotzdem ist die Zahl der Einwohner bis ins 21. Jahrhundert weiter gestiegen, was einzig und allein auf Zuwanderung zurückzuführen ist. Die natürliche Bevölkerungsentwicklung hingegen ist seit 1973 rückläufig, gleichzeitig begannen erhebliche Verschiebungen in der Altersstruktur des Landes (siehe Kap. 2.2, S.9). Seit der Wiedervereinigung 1991 ist die Zahl der Neugeborenen um weitere 18% gesunken, die Sterberate blieb hingegen konstant, was den demographischen Wandel zusätzlich beschleunigte. Mit einer Geburtenrate von etwa 1,38 liegt Deutschland weit unter dem Bestandserhaltungsniveau von 2,1 Kindern pro Frau, was dazu führt, dass jede aufeinanderfolgende Müttergeneration immer kleiner wird (destatis.de).

Bei weiter konstanter Sterberate von etwa 820.000 Menschen pro Jahr ist eine Schrumpfung, ganz besonders aber eine Alterung der Bevölkerung die direkte Folge. Verantwortlich dafür ist ein steigendes bundesweites Geburtendefizit4, das 2008 bei 160.000 lag (Alle Zahlen aus: StABL 2011: 10ff.). Ein weiterer wichtiger Faktor ist dabei die stetig steigende Lebenserwartung, hauptsächlich zurückzuführen auf medizinische Fortschritte, bessere hygienische Zustände, eine sehr geringe Säuglingssterblichkeit sowie eine gesündere Ernährung (Walla et al. 2006: 45ff.). Abgefangen wurde das negative natürliche Wachstum bis etwa 2003 nur durch die Tatsache, dass Deutschland seit jeher einen positiven Wanderungssaldo5 zu verzeichnen hat. Doch diese Zuwanderung, die zunächst aufgrund von Arbeitskräftemangel und später durch Zuzüge aus Krisen- und Kriegsgebieten stets vergleichsweise hoch war, konnte die Alterung und Schrumpfung der deutschen Bevölkerung keinesfalls aufhalten, sondern lediglich verzögern. Um diese umzukehren, müsste der jährliche Wanderungssaldo deutlich höher liegen als durchschnittlich 125.000 seit 1954 (Walla et al. 2006: 56). Unterschiedliche Annahmen für Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes belegen dies (siehe Kap. 2.3, S.11).

2.2 Die Altersstruktur Deutschlands

Nach dem Zweiten Weltkrieg glich der Aufbau der deutschen Bevölkerung einer Pyramide und stellte, abgesehen von den Kriegseinschnitten des Ersten und Zweiten Weltkriegs eine ‚gesunde‘ Altersstruktur dar (s. Abbildung 2, S.9 ). Dies äußerte sich auch in entsprechenden Zahlen: Die Gruppe der unter 20-jährigen bildete 30 Prozent und die Gruppe der über 65-jährigen mit 6,7 Millionen nur 10 Prozent der Gesamtbevölkerung. Dieser Anteil hat sich bis 2008 verdoppelt, wohingegen der Anteil der unter 20-jährigen auf 19 Prozent gesunken ist diese Entwicklung macht sich auch in der Alterspyramide bemerkbar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Bevölkerungspyramiden Deutschlands 1950 und 2008

Quelle: destatis.de/bevoelkerungspyramide

Schnell wird also klar, dass sich der demographische Wandel nicht nur in der Gesamtzahl der Bevölkerung niederschlägt, sondern ganz besonders auch in der Zusammensetzung hinsichtlich des Alters. Hier ist eine deutliche Verschiebung von jung nach alt erkennbar: Die jüngeren Bestandteile der Bevölkerung nehmen quantitativ ab, wohingegen die älteren und alten Kohorten6 einen Zuwachs verzeichnen. Auch der Block der geburtenstarken Jahrgänge, die heute im Alter von etwa 37 bis 50 sind und heute mehr als 60 Prozent der deutschen Bevölkerung ausmachen, verschiebt sich auf der jahrgangsspezifischen demographischen Merkmalen.

Altersskala deutlich nach oben und verstärkt somit auch zukünftig den Zuwachs an älterer Bevölkerung in der Bundesrepublik. Besonders deutlich wird die Entwicklung, wenn man den Altenquotient7 in Betracht zieht: 1950 lag das Verhältnis von Menschen im Rentenalter zu Einwohnern im erwerbstätigen Alter bei 16, bis 2008 hat sich dieser Quotient auf 34 mehr als verdoppelt (destatis.de). Somit ist schon rein quantitativ ersichtlich, welche Bedeutung die ‚Generation 50plus‘ für den Einzelhandel als Zielgruppe hat und haben wird.

Eine zentrale Rolle für die Zusammensetzung der Bevölkerung spielt außerdem die Migration. 2009 betrug der Anteil der ausländischen Bevölkerung etwa 7,1 Millionen, was etwa 8,7 Prozent der Gesamtbevölkerung entspricht. Personen mit Migrationshintergrund bilden eine größere Gruppe von etwa 15,7 Millionen (destatis.de). Größtenteils sind dies Menschen türkischer Abstammung oder Migranten aus dem ehemaligen Jugoslawien, sowie Italien, Polen und Griechenland. Die zugewanderte Bevölkerung hat nicht nur Einfluss auf die absolute Einwohnerzahl Deutschlands, sondern auch auf die Altersstruktur, da sie in der Regel jünger ist und die Bevölkerung damit durch Außenwanderung „verjüngt“ wird (StABL 2011: 18). Doch auch sie war in den letzten Jahren rückläufig. 2008 war der Wanderungssaldo Deutschlands sogar erstmals seit der Wiedervereinigung negativ - es zogen etwa 56.000 Menschen mehr fort als zu (s. Abbildung 3, S.11). In den meisten übrigen Jahren war der jährliche Saldo positiv, ging allerdings in den letzten Jahren deutlich zurück, was mit sinkender Attraktivität Deutschlands als Einwanderungsland zu erklären ist:

„[…] der deutsche Arbeitsmarkt ist für hoch qualifizierte Arbeitskräfte wenig attraktiv, […] das benötigte Arbeitskräftepotenzial in Deutschland sinkt und damit die Notwendigkeit, Arbeitskräfte aus dem Ausland anzuwerben. […] Zudem scheint die Bereitschaft zur Aufnahme von Asylsuchenden und Kriegsflüchtlingen stark zu sinken“

(Walla et. al 2005: 57).

Dies hat sich in den letzten Jahren grundlegend geändert, da auch das Thema Fachkräftemangel in Deutschland immer wichtiger wird. Welchen Einfluss das auf die Entwicklung der Einwanderungszahlen haben wird, bleibt abzuwarten.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wanderungssaldo der Bundesrepublik Deutschland 1991-2008: Zu -und Fortzüge in Tausend.

Quelle: BAMF (2010)

2.3Bevölkerungsentwicklung bis 2050/ 2060

Das Statistische Bundesamt führt regelmäßig Fortschreibungen der bisherigen Bevölkerungsentwicklung durch, um die zukünftige Zahl und Zusammensetzung der in Deutschland lebenden Personen zu untersuchen. Diese koordinierten Vorausberechnungen verwenden verschiedene Varianten bei den Faktoren Geburtenhäufigkeit, Lebenserwartung und Wanderungssaldo. Die häufig verwendete Variante 1-W1 geht beispielsweise von einer annähernd konstanten Fertilität von 1,4 Kindern je Frau, einer Lebenserwartung Neugeborener im Jahr 2060 von 87,1 Jahren8 und einem positiven jährlichen Wanderungssaldo von 100.000 Personen aus. Diese mittlere Variante gilt als durchaus realistisch. Andere Varianten, wie beispielsweise 3-W3 mit einem Wanderungssaldo von plus 300.000 scheinen dagegen sehr unwahrscheinlich. Die Ergebnisse der Bevölkerungsvorausberechnung 1-W1 schreiben die Entwicklung weiter, die sich schon seit Jahrzehnten anbahnt und sich in einigen zentralen Aspekten zusammenfassen lässt (Alle Zahlen aus DESTATIS 2009):

Die Gesamtzahl der deutschen Bevölkerung ist rückläufig. 2060 werden zwischen 65 und 70 Millionen Menschen in Deutschland leben, was einem Rückgang von über 15 Prozent im Vergleich zu 20099 entspricht. Auch eine angenommen höhere Zahl an Einwanderern kann an dem steigenden Sterbeüberschuss nichts ändern. Die Geburtenrate bleibt gleich oder sinkt tendenziell, wohingegen die Sterberate in den nächsten Jahren und Jahrzehnten ansteigen wird, da die geburtenstarken Jahrgänge aus den Nachkriegsjahrzehnten das hohe Alter erreichen. „Im Jahr 2060 werden voraussichtlich etwa 527.000 bis 553.000 mehr Menschen sterben, als Kinder geboren werden“ (DESTATIS 2009: 13).

Die Zahl der älteren Menschen wird weiter steigen, die der jüngeren abnehmen. Neben der Bevölkerungsschrumpfung wird sich auch die Altersstruktur Deutschlands erheblich verändern: Durch die abnehmende Zahl der Geburten und der steigenden Lebenserwartung wird der Anteil der über 65Jährigen auf über 34% ansteigen und auch die Zahl der über 70-Jährigen wird sich bis 2060 verdoppeln. Aus einer Bevölkerungspyramide, wie sie vor dem Wirtschaftsaufschwung noch zu beobachten war, hat sich dann endgültig eine Urne entwickelt, bei der der Anteil der unter 20-Jährigen akut unterrepräsentiert ist (s. Abbildung 4, S. 13). Die stärkste Altersgruppe ist dann nicht mehr die der 45-60-Jährigen, sondern die Gruppe der 60-75-Jährigen.

Auch die mittlere Bevölkerung zwischen Ober- und Untergrenze, d.h. im Alter von 30 bis unter 50 Jahren verändert sich bis 2060 deutlich: sie wird um circa 4 Millionen schrumpfen, was einem Rückgang von 18 Prozent entspricht. Besonders schlägt sich die Alterung auch bei der Zahl der Hochbetagten, d.h. der über 80-Jährigen nieder. Ihr Anteil entsprach 2008 etwa 5 Prozent der Bevölkerung und wird bis 2060 auf 14 Prozent oder 10 Millionen Menschen ansteigen, d.h. jeder siebte Deutsche wird dann älter als 80 Jahre alt sein.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 4: Altersaufbau Deutschlands 2060

Quelle: destatis.de/bevoelkerungspyramide10

Ein weiteres Indiz für die dramatisch erscheinende Alterung ist das mediane Alter der Bevölkerung, welches infolge des demographischen Wandels rapide ansteigen wird. Heute liegt es bei 43 Jahren, schon Mitte der 2040er Jahre wird es bei 52 Jahren liegen. Auch der vielzitierte Altenquotient wird in Zukunft stark ansteigen: 2060 werden nach der Variante 1-W1 auf 100 Personen im erwerbstätigen Alter 67 im Alter von 65 oder höher kommen, also doppelt so viele wie heute. Die Zahlen des Statistischen Bundesamtes zeigen eindeutig, wie sich die Altersstruktur Deutschlands entwickeln wird - dies wird sich unweigerlich auch auf den deutschen Einzelhandel auswirken. Unternehmen werden sich schon bald mit neuen, bisher wenig angesprochenen Zielgruppen befassen müssen - nicht nur quantitativ wird sich die Kunden- zusammensetzung einhergehend mit der Bevölkerungsentwicklung stark verschieben. Vor allem die Altersgruppen über 50 bergen zukünftig großes Potenzial für Einzelhandelsunternehmen. Da sich die Entwicklung in verschiedenen Regionen Deutschlands unterschiedlich stark auswirken wird, ist die Anpassung natürlich von Region zu Region unterschiedlich zu gestalten. Stärker betroffen sind Einzelhandelsunternehmen dabei sicherlich in Ballungsgebieten.

Ebenso groß ist der Unterschied zwischen städtisch und ländlich geprägten Räumen. In vielen Regionen wird sich die Frage stellen, wie die Nahversorgung der verbleibenden Bevölkerung sicher zu stellen ist. Nicht unerheblich ist hier auch die Geschlechterverteilung: Mit steigendem Alter nimmt der Anteil der Frauen aufgrund der Verschiebungen in der Lebenserwartung deutlich zu: Zwar liegt der Anteil der Frauen an der Gesamtbevölkerung 2050, genau wie heute bei 51 Prozent. Doch in der Altersgruppe der über 80-jährigen wird der Frauenüberschuss viel deutlicher zu spüren sein, denn hier kommen auf 100 Männer etwa 154 Frauen (Roloff 2007: 52). Auch diese Entwicklung könnte für den deutschen Einzelhandel durchaus von Bedeutung sein, da ein deutlicher Frauenüberschuss zusätzlichen Einfluss auf das Konsumverhalten entsprechender Altersgruppen haben wird.

Aus den Berechnungen wird auch klar, dass der demographische Wandel nicht in ferner Zukunft liegt, sondern schon mittelfristig sehr große Auswirkungen haben wird. Es zeigt sich, dass sich der Umbruch in der Altersstruktur vor allem in den Jahren zwischen 2020 und 2030 manifestiert. Hier steigt der Anteil der über 65-jährigen Bevölkerung am stärksten an, weil die sogenannten ‚Babyboomer‘ aus den geburtenstarken Jahrgängen 1955-1965 hier in das Rentenalter eintreten. Dementsprechend wird auch der Einzelhandel seine Ausrichtung anpassen und sich ab etwa 2020 nicht mehr nur auf die Generation 50plus, sondern insbesondere auch auf die Altersgruppe 65 und älter konzentrieren. Die bisher im Mittelpunkt gestandene Zielgruppe der unter 50jährigen Bevölkerung stellt dagegen eine schrumpfende Gruppe dar. Auch die Zahl der Hochbetagten steigt stark an, jedoch etwas verzögert. Hier zeigt sich der größte Sprung im Zeitraum zwischen 2030 und 2050: Innerhalb von zwei Jahrzehnten verdoppelt sich der Anteil der über 80-Jährigen auf 16,5 Prozent.

Die geburtenstarken Jahrgänge haben sich dann auf der Alterspyramide noch weiter nach oben verschoben. Schwieriger als die Vorausberechnungen der innerdeutschen Bevölkerung gestalten sich Vorhersagen über Außenwanderungen. Einschätzungen der künftigen Wanderungsentwicklung gibt es daher nur wenige. Sie sind zudem wenig aussagekräftig sind. Hierbei werden zunächst die Herkunftsländer der Einwanderer nach Deutschland untersucht, da deren demographische Entwicklung ein mögliches Potenzial an Migranten aufweist, außerdem sind Gehaltsgefälle sowie Unterschiede im Bildungs- und Ausbildungsniveau von gesondertem Interesse (Schimany 2007: 165). Besonders zu berücksichtigen sind dabei die bisher größten Migrationsressourcen Ost- und Südosteuropas sowie der Türkei. Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht in den nächsten Jahren und Jahrzehnten außerdem von einer Zunahme der Zuwanderung aus der im Jahre 2004 der EU beigetretenen Staaten sowie Bulgarien und Rumänien, die 2007 der EU beigetreten sind (Schimany 2007: 170). Das Statistische Bundesamt geht in seinen Vorausberechnungen von einem stets positiven Wanderungssaldo zwischen 100.000 und 300.000 Menschen aus. Diese Annahmen beruhen auf dem bisher durchschnittlichen Wanderungssaldo von 179.000 Menschen zwischen 1951 und 2005. Diese konstante Zuwanderung bei gleichzeitig verstärktem natürlichem Negativwachstum hat zur Folge, dass die deutsche Bevölkerung neben der Alterung und Schrumpfung auch zunehmend internationalisiert. Einzelhandelsunternehmen müssen sich also auch darauf einstellen: Hier gilt es hauptsächlich etwaige sprachliche Barrieren zu beseitigen und sich bei Bedarf auf eine zunehmend heterogene Kundenzusammensetzung mit mehr Migrationshintergrund einzustellen. Doch aufgrund der hohen Ungewissheit dieser spezifischen Entwicklung, gerade in regionaler Hinsicht, werden Einzelhandelsunternehmen mehr reagieren als agieren, um einer zunehmend internationalisierten Bevölkerung in Deutschland gerecht zu werden. Entscheidend kann dabei die Tatsache sein, dass die ausländische Bevölkerung, die nach Deutschland einwandert, in der Regel jünger ist und damit eine zu starke Fokussierung auf die älteren einheimischen Zielgruppen regional dämpfen könnte.

2.4Regionale Bevölkerungsentwicklung

Der demographische Wandel findet freilich nicht flächendeckend gleichmäßig statt, sondern betrifft verschiedene Regionen der Bundesrepublik unterschiedlich stark. Die Schwankungen beziehen sich auf alle drei Bereiche des demographischen Wandels: Alterung, Schrumpfung und Internationalisierung. Doch auch hier ist zu beobachten, dass die ersten zwei Bereiche in Berichten und Studien deutlich intensiver behandelt werden, als die Tatsache, dass sich die deutsche Bevölkerung in den nächsten Jahrzehnten ‚bunter‘ zusammensetzen wird. Bei den regionalen Trends der Bevölkerungsentwicklung ist entscheidend, neben den für den demographischen Wandel typischen Entwicklungstendenzen sowohl Binnen- als auch Außenwanderung zu berücksichtigen. Dadurch ergeben sich in den deutschen Ländern und Kommunen eindeutig zu identifizierende Wachstums- und Schrumpfungsgebiete, die teilweise eng beieinander liegen können. Da vor allem die Wanderungsbewegungen innerhalb, aus und nach Deutschland kaum zu prognostizieren sind und nur grob überschlagen werden können, gestaltet es sich äußerst schwierig regionale Trends vorauszuberechnen. Deshalb werden Prognosen für Regionen derzeit meist nur bis 2025 oder 2030 angestellt.

Grundsätzlich kann bei der regionalen Bevölkerungsentwicklung schon durch die aktuelle Bevölkerungsdichte- und verteilungskarte ein signifikanter Unterschied zwischen den alten und den neuen Bundesländern festgestellt werden. Ausnahmen in der ehemaligen DDR stellen freilich Ballungsräume wie Berlin oder das ‚Sachsendreieck‘ von Dresden über Leipzig und den Ballungsraum Chemnitz- Zwickau. Die größten Zentren der alten Bundesländer stellen die Großstädte Hamburg, Bremen, Hannover, München sowie ein Band von Stuttgart über das Rhein-Main-Gebiet mit Frankfurt bis zum Ruhrgebiet (s. Abbildung 5, S.17).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 5: Bevölkerungsdichte in Deutschland 2007

Quelle: http://www.mr-kartographie.de/uploads/pics/Bevoelkerungsdichte-Dtl_01.jpg

Es ist eine Bevölkerungsverteilung zu erkennen, die sich über viele Jahrzehnte heraus geprägt hat und unterschiedliche Ursachen hat. Die wichtigsten oben genannten Zentren neben dem Ruhrgebiet sind auch bei der zukünftigen Bevölkerungsverteilung und -dichte sowie deren Altersstruktur von großem Interesse. Doch auch ländlich geprägte Räume wie zum Beispiel weite Teile Bayerns sind nicht weniger entscheidend, wenn es um Einzelhandel und insbesondere um Nahversorgung geht.

Die regionalen Unterschiede in der Altersstruktur sind ebenfalls von einem OstWest-Gegensatz geprägt: Offensichtlich ist die Bevölkerung der alten Bundesländer und Stadtstaaten im Durchschnitt jünger als die der neuen Länder. Der Anteil der 20-39-Jährigen ist zwar mit 24 Prozent in beiden Teilen

Deutschlands gleich, doch der Anteil der unter 40-Jährigen liegt in den alten Ländern bei 44 Prozent. Demgegenüber stehen nur 39 Prozent in den neuen Ländern. Dies bedeutet, dass der für den Handel nicht unbedeutende Anteil der Bevölkerung der unter 20-Jährigen in den alten Ländern um 5 Prozent höher liegt als in den neuen. Auf der anderen Seite ist die Gruppe der Personen im Rentenalter in den neuen Ländern mit 23 Prozent am stärksten vertreten, in den Stadtstaaten mit 19 Prozent am geringsten.

Die Stadtstaaten sind augenscheinlich im Schnitt jünger als Flächenländer, dies gilt sowohl für die alten als auch für die neuen Bundesländer. Das belegt die Tatsache, dass 2008 der Anteil der unter 40-Jährigen in den Stadtstaaten bei 46 Prozent lag (s. Abb. 6, S.18). Der Anteil der älteren Bevölkerung fällt dagegen deutlich geringer aus. Bis zum Jahr 2030 sind nach Berechnungen des Statistischen Bundesamtes deutliche Verschiebungen in der regionalen Altersstruktur zu erwarten. Vor allem der Prozentsatz der Personen im Rentenalter wird gegenüber den Personen im erwerbstätigen deutlich zunehmen: In den Stadtstaaten um 6, in den alten Ländern um 8 und in den neuen Flächenländern sogar um 12 Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 6: Bevölkerung nach Altersgruppen 2008 und 2030

Quelle: StABL 2011: 25.

Auch 2030 werden die Städte wohl durchschnittlich jünger sein als die gesamten Flächenländer, wo auch der Anteil der unter 40-Jährigen zu Gunsten der Generation 50plus deutlich sinkt. Neben der natürlichen unterschiedlichen Entwicklung in den Ländern spielen dabei sicher auch die Binnenwanderungen eine Rolle - der Trend der Wanderungen aus den neuen in alte Bundesländer zu Erhöhung der beruflichen Chancen, allen voran nach Bayern und BadenWürttemberg, scheint ungebrochen (BBR 2004: 31). Hier ist auch die sogenannte Bildungswanderung von Bedeutung.

Für den Einzelhandel interessant wird auch die Entwicklung der Gruppe im Alter der beruflichen oder tertiären Ausbildung11 sein: Hier macht sich der Geburteneinbruch der frühen 90er Jahre besonders bemerkbar. Der Anteil der 15 bis 25-Jährigen sinkt bis 2030 in den alten Ländern um 25 Prozent, in den neuen Ländern sogar um 40 Prozent (StABL 2011: 25). Dies wird sich besonders auf die Problemfelder Nachfolge, Ausbildung und Fachkräftemangel auswirken. Bei einem genaueren Blick auf die Entwicklung der Bevölkerung in ausgewählten Regionen werden neben dem gesamten Gebiet der ehemaligen DDR weitere Wachstums -und Schrumpfungsregionen deutlich (s. Abbildung 7, S.19).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 7: Entwicklung der Bevölkerungszahlen in Deutschland bis 2025

Quelle: BBR Raumordnungsprognose 2005: 33.

Dazu gehören Schüler, Schulabgänger, Auszubildende, junge Erwerbstätige und junge Akademiker Auffällig ist sicherlich, dass vergleichsweise große Teile Bayerns in den nächsten Jahren stark wachsen werden, ähnlich wie das Umland einiger größerer Städte wie Mainz, Hamburg oder Berlin. Doch auch in den wachsenden westlichen Flächenstaaten gibt es Schrumpfungsregionen, wie z.B. Teile Niederbayerns, Oberfrankens, weite Teile des Saarlandes sowie Bereiche des Ruhrgebiets. Von einer starken Abnahme betroffen sind meist eher periphere Gebiete, wie z.B. entlang der saarländischen Grenze zu Frankreich oder Ostfriesland und Umgebung. Doch der auffälligste Großraum, der stark abnehmen wird, ist sicherlich die ehemalige DDR: lediglich Berlin und das brandenburgische Umland bilden hier eine kleine Ausnahme. Seit vielen Jahrzehnten sind weite Teile Ostdeutschlands echte Entleerungsräume aufgrund negativer Wanderungssalden, hinzu kommen erhebliche Veränderungen in der Altersstruktur, da zumeist jüngere Bevölkerungsgruppen, insbesondere junge Frauen, die Region verlassen, wohingegen die älteren Kohorten verbleiben (Kamann 2008).

Neben großen Herausforderungen für die Landesentwicklung stellt insbesondere die Nahversorgung der verbliebenen Bevölkerung ein echtes Problem dar, da sich der Handel ebenfalls größtenteils zurückzieht, sobald der Markt in Entleerungsgebieten nicht mehr lohnend erscheint. Das sieht auch Frau D., Geschäftsführerin eines Verbandes so: „Der Handel wird dort hin gehen, wo die Menschen sind und wo er seine Waren verkaufen kann“ (Int. Frau D. 2011). Dementsprechend gibt es auch einige Wachstumsregionen wie zum Beispiel den Großraum München, der auch wirtschaftlich im bundesweiten Vergleich sehr stark aufgestellt ist. Hier ist eher der Gegensatz zwischen Innenstadt und suburbanem sowie ländlichem Raum von Bedeutung, an den sich der Einzelhandel anpassen muss (Wotruba 2009: 30). Die zentralen Bereiche des demographischen Wandels‚ die Schrumpfung, die Alterung und die Internationalisierung der Bevölkerung, betreffen also die Regionen unterschiedlich stark (s. Tabelle 1, S.21)

Tabelle 1: Regionale Konsequenzen des demographischen Wandels

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung nach Klee 2010: 16f.

Freilich ist die verkürzte Darstellung nicht umfassend genug, um die verschiedenen Regionen detailliert darzustellen. Von einer Überalterung in den nächsten Jahrzehnten sind beispielsweise auch prosperierende Großstädte wie München betroffen, welche aber abgefangen wird durch eine hohe Zuzugsrate junger Bevölkerung, teilweise mit Migrationshintergrund. Die Darstellung soll nur die Schwerpunkte der Betroffenheit verschiedener Regionen Deutschlands darstellen. Neben dem bekannten Ost-West-Unterschied ist die Bevölkerungsentwicklung auch in den einzelnen Bundesländern stark streuend. Deutlich wird jedoch, dass die Situation in schwächer strukturierten Regionen mit geringerer Zahl an innovativen Betrieben und gut bezahlten Arbeitsplätzen durch demographische Entwicklungen verschärft werden. Dies sind nämlich auch die Gebiete, die am stärksten von Abwanderung, geringen

Geburtenzahlen und Überalterung betroffen sind. Im Osten gilt dies mit Ausnahme weniger prosperierender Städte und ihrem Umland flächendeckend. Das Berlin-Institut für Bevölkerung und Entwicklung hat zur demographischen Bewertung auf Kreisebene Noten vergeben, die sich an den genannten Kriterien orientieren. Am schwierigsten ist demnach die Lage in SachsenAnhalt, wo 6 der 20 am schlechtesten bewerteten Landkreise liegen, gefolgt von Brandenburg mit 5 (BIBE 2011: 10). In der Gesamtbewertung, einer Zusammensetzung aus ökonomischen und demographischen Indikatoren wird dies noch deutlicher: Hier liegen 14 der 21 am schlechtesten bewerteten und nur 2 der 20 am besten bewerteten Kreise in den neuen Bundesländern. Der größte Anteil letzterer liegt in Bayern und Baden-Württemberg, der Süden bleibt also weiterhin Deutschlands Boom-Region.

2.5 Die Entwicklung der Haushaltsstruktur in Deutschland

Für den Einzelhandel von großer Bedeutung ist auch die Entwicklung der deutschen Haushaltsstruktur, insbesondere für den Lebensmitteleinzelhandel. Die Anzahl und die durchschnittliche Größe der deutschen Haushalte entscheiden schließlich darüber, wer wie oft den Einkauf erledigt. Hier gibt es verschiedene Tendenzen, beispielsweise den Trend zum Wocheneinkauf, der eher für größere Haushalte eine Rolle spielt sowie den Trend zum teils mehrmaligen Tageseinkauf, der bei älteren Generationen zur festen Tagesplanung gehört, da diese zumeist in kleineren Haushalten leben. Daraus folgt, dass auch die Haushaltsstruktur eng mit regionalen Differenzen verbunden ist und somit eine entscheidende Rolle bei der Ansiedlung von Einzelhandelsunternehmen spielt. Tendenziell werden deutsche Haushalte immer kleiner. Gekennzeichnet ist die Entwicklung von einer Zunahme der Einund Zweipersonenhaushalte und einer deutlichen Abnahme der Drei- oder mehr Personenhaushalte (s. Abbildung 8, S.23). Diese Entwicklung ist schon seit längerem zu beobachten und wird sich in den nächsten Jahren weiter verstärken.

[...]


1 Zur Verbesserung der Lesbarkeit wird in dieser Arbeit ausschließlich die männliche Form verwendet. Diese impliziert aber immer auch die weibliche Form.

2 Mit ländlicher/ peripherer Raum/ Region sind stets dünn besiedelte Räume gemeint, denen verstädterte Räume und Agglomerationsräume gegenüberstehen. Ländliche Regionen sind noch einmal zu unterteilen in Ländliche Räume höherer Dichte/ geringerer Dichte (unter 100 E/km²). Für eine genaue Einteilung siehe Anhang C: Siedlungsstrukturen und ihre Abgrenzung.

3 Güter/ Waren des kurzfristigen Bedarfs sind solche, die unmittelbar nach dem Kauf ge- oder verbraucht werden. Dazu zählen unter anderem Nahrungs- und Genussmittel, aber auch Blumen, Drogerieartikel sowie Zeitungen und Zeitschriften.

4 Unter Geburtendefizit versteht man die Differenz zwischen Sterbefällen und Geburten innerhalb eines festgelegten Zeitraums.

5 Unter Wanderungssaldo versteht man die Differenz zwischen Einwanderern und Auswanderern innerhalb eines festgelegten Zeitraums.

6 Unter Kohorte versteht man Personengruppen mit gemeinsamen zeit- bzw.

7 Unter Altenquotient versteht man das Verhältnis der Anzahl der älteren Menschen zur Anzahl jüngerer Menschen in einer Gesellschaft und berechnet sich folgendermaßen: Altenquotient = Bevölkerung ab 65 Jahre/ Bevölkerung 15-64 Jahre.

8 kombinierte Lebenserwartung: 85,0 Jahre für Jungen und 89,2 Jahre für Mädchen.

9 Nicht berücksichtigt sind hier die Annahmen zum Fehler der Bevölkerungsfortschreibung vor dem Zensus 2011; laut Statistischem Bundesamt waren die Angaben der deutschen Bevölkerung seit 2007 um etwa 1,3 Millionen zu hoch.

10 nach der 12. Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung in der Variante 1-W1.

11 Dazu gehören Schüler, Schulabgänger, Auszubildende, junge Erwerbstätige und junge Akademiker

Ende der Leseprobe aus 103 Seiten

Details

Titel
Herausforderungen für den Einzelhandel und die Nahversorgung in Deutschland durch den demographischen Wandel
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
103
Katalognummer
V187158
ISBN (eBook)
9783668000261
ISBN (Buch)
9783668000278
Dateigröße
1632 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Erarbeitet wurde das Thema anhand ausgewählter Fachliteratur und einer Vielzahl qualitativer Interviews mit Experten und Akteuren.
Schlagworte
Demographie, Demographischer Wandel, Einzelhandel, Nahversorgung, Alterung, Überalterung, Deutschland, Zielgruppe
Arbeit zitieren
Simon Hämmerle (Autor), 2011, Herausforderungen für den Einzelhandel und die Nahversorgung in Deutschland durch den demographischen Wandel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187158

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