Ingmar Bergman - Licht im Winter

Religionskritik in Ingmar Bergmanns "Nattvardsgästerna"


Seminararbeit, 2010
20 Seiten, Note: 2,8

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

EINLEITUNG

1. INHALTSANALYSE
1.1. INHALTSBESCHREIBUNG
1.2. SEQUENZANALYSE
1.3. FRAGE- UND PROBLEMSTELLUNG

2. SYMBOLE

3. KOMPOSITION UND SEMANTIK DER BILDER
3.1. LICHT
3.2. TON

4. ZUSAMMENFASSUNG

5. QUELLEN

EINLEITUNG

Nattvardsgästerna (Licht im Winter, 1962) ist der mittlere Teil der sogenannten ÄGlaubens-Triologie“ Ingmar Bergmans, einer Reihe von ihm als ÄKammerspiele“ bezeichnete Filme, die mit Såsom i en spegel (Wie in einem Spiegel, 1960/61) begann und mit Tystnaden (Das Schweigen, 1963) abschloss. Der Film Nattvardsgästerna ist ein Glaubensdrama, bei dem es sich um einem liebesunfähigen Provinzpfarrer handelt, der selbst Zweifel am christlichen Glauben und an der Existenz Gottes bekommt und dadurch seine Arbeit als Pfarrer nicht mehr gerecht wird. Der Pfarrer wird während des Films mit der Sinn- und Seinsfrage konfrontiert.

Stilistisch setzt der Film hauptsächlich auf Dialoge und innere Monolage statt einer groß anglegten Handlung. Die Charaktere des Films beleuchten den eigenen persöhnlichen Glaubenskonflikt Bergmans. Der Titel lautet aus dem schwedischen übersetzt eigentlich ‚Die Abendmahlgäste„, dennoch entschied man sich für den deutschen Titel ‚Licht im Winter„, in Anlehung an die Selbstoffenbarung des Protagonisten, dass es keinen Gott gibt.

Die Idee des Films geht auf verschiedene Anlässe zurück, welche auch mit der Vita des Regisseurs verbunden sind: auf einen damalsaktuellen Bericht von einem Fischer, der Selbstmord beging, nachdem er vergeblich versucht hatte, mit seinem Pfarrer zu sprechen1 - Ingmar Bergman fügte im Film als Motiv für den Selbstmord Jonas Perssons, dessen konkrete Gründe unbekannt waren, die Angst vor den Chinesen und der Atombome hinzu.

Ferner basiert der Film auf Erzählungen eines verzweifelten Pfarrers, der sich in einer Kirche einschloss und Tag für Tag darauf wartete, dass Gott ihm antwortete2. Der Zweifel am christlichem Glauben floss bereits in Bergmans Theaterstück Dagen sluter tidigt (1947), in dem der Pastor Broms seinen Glauben für nicht stark genug hält, um ihm die Angst vor dem Tod nehmen zu können3. Noch während der Bearbeitung des Skripts wurde Bergman auch durch eine Besichtigungsreise mit seinem inzwischen als Pfarrer pensionierten Vater zu den Kirchen Upplands, nördlich Stockholms, inspiriert - eine bemerkenswerte, von Ingmar Bergman selbst berichtete Reise, die ihm die besondere Atmosphäre der kleinen, kärglichen Kirchen näher brachte: Ist es doch das einzige Mal, dass er einen Einfluss des Vaters auf einen seiner Filme einräumt, während er ansonsten (in seinen Filmen) mit dem Aufruhr gegen die väterliche Autorität beschäftigt war und in der väterlichen Strenge und rücksichtslosen Selbstgerechtigkeit die Ursachen für das bei ihm permanente Gefühl der Erniedrigung sah. Im Film mit einbezogen ist auch das hoffnungslose Leiden Bergmans zweiten Frau Ellen Lundström, die an einer lästigen Hautallergie litt, die im Film durch Märta Lundberg (Ingrid Thulin) dargestellt wird4.

Der Film wurde von Oktober bis Dezember 1961 in Dalarna und in den Studios von Svensk Filmindustri in Råsunda abgedreht. Dazu wurde das Interiör der mittelalterlichen Torsång Kirche rekonstruiert und den kargen landschaftstypischen Kirchen angepasst5. Durch den Einsatz von verschiedenen lichttechnischen Mittel war es möglich, eine realistische Stimmung wiederzugeben. 65 Tage wurden für die Drehzeit eingeplant - ungewöhnlich viel Zeit - für einen Film dieser Kürze6. Der Start der Dreharbeiten war von hinderlichen Umständen geprägt, denn der Gesundheitszustand des Hauptdarstellers Gunnar Björnstrands (Pastor Tomas Ericsson), der gerade die Dreharbeiten zu Lustgården abgeschlossen hatte, brach völlig ein. Ironischerweise war es genau der passende Gesundheitzustand für seine Rolle7.

Die gesamte Atmosphäre des Films wird bestimmt durch Kälte und Dunkelheit. Beides soll die Einsamkeit der in der Gegend lebenden Menschen unterstreichen.

1. INHALTSANALYSE

1.1. INHALTSBESCHREIBUNG

Die Kirchenglocke schlägt zwölf Uhr mittags an einem Sonntag Ende November. Es dämmert über der Ebene, der Wind bringt rauhe Feuchtigkeit mit. Die Handlung des Films erstreckt sich über die wenigen Stunden dieses Tages. In der mittelalterlichen Kirche Mittsundas haben sich neun Personen eingefunden, um von Pastor Tomas Ericsson das Abendmahl zu empfangen. Pastor Ericsson, ein Witwer im mittleren Alter, hat längst den Glauben verloren. Er zelebiert den Gottesdienst ohne jeder Anteilnahme, und so gelingt es ihm auch nicht mehr, den wenigen, die noch in die Kirche kommen, den Glauben zu erhalten. Die Abendmahlsworte ÄChristi Leib, für dich gegeben - Christi Blut, für dich vergossen“ sind nur noch leere Phrasen. Auf der Empore sitzt der gelangweilte Organist (Olof Thunberg) und wartet auf den Schlussgesang. Nach dem Gottesdienst zieht sich Tomas mit dem Küster Aronsson (Kolbjörn Knudsen) sofort in die Sakristei zurück, wo ihn zwei Mitglieder seiner Gemeinde aufsuchen - der Fischer Jonas Persson (Max von Sydow) und seine Frau Karin (Gunnel Lindblom). Sie, die ihr viertes Kind erwartet, ist über den Seelenzustand ihres Mannes besorgt und bittet den Pfarrer um Hilfe: Jonas hat in der Zeitung gelesen, dass die Chinesen zum Hass erzogen und bald eine Atombombe haben werden, und hält ein Weiterleben für sinnlos. Tomas spürt, dass er hier einem Menschen voller Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit auf der Schwelle des Todes gegenübersteht und verspricht dem skeptischen Fischer ein Gespräch unter vier Augen. Sein wahres Motiv für diese Gesprächsbereitschaft ist die Hoffnung, sich durch Jonas selbst bestätigen zu können: Kann er ihm helfen, so hat sein Amt noch einen Sinn. Denn in seiner Verzweiflung hatte er sich bereits völlig verhärtet, so sehr, dass ihm selbst die Fürsorge seiner früheren Geliebten, der Lehrerin des Dorfes, Märta Lundberg zuwider ist. Sie sucht ihn ebenfalls in der Sakristei auf. Aber den Brief, den sie an ihn schrieb, hat er noch nicht gelesen und nur widerwillig liest er ihn später, nachdem sie gegangen ist. Auch ihr kann er nicht helfen. Die Liebe, die sie von ihm erwartet, kann er ihr nicht geben. Als Jonas zu dem verabredeten Gespräch kommt, spicht Tomas zu ihm von seinen eigenen Problemen. Er ist am Ende: ÄWenn es wirklich so ist, dass Gott nicht existiert, was macht es schon aus? Dann hätten wir ja für alles eine Erklärung. Die Einsamkeit der Menschen, ihre Grausamkeit, ihr Furcht wären damit ja kein Problem mehr“. In seinem Solipsismus versagt er so in der entscheidenden Prüfung als Seelsorger. Er ergeht sich in einem Selbstmitleid, das dem Fischer Jonas nicht helfen kann. Still geht dieser und erschießt sich. Tomas besichtigt die Leiche und verständigt die Witwe. Der Selbstmord des Fischers kann ihn nicht mehr erschüttern. Er muss zum Nachmittagsgottesdienst ins Nachbardorf. Er lässt es sogar zu, das Märta ihn dahin begleitet. Der Küster und Organist sind pünktlich vor Ort, sonst niemand. Tomas beschließt, trotzdem den Gottesdienst abzuhalten. Märta ist die einzige Zuhörerin im Hintergrund der dunklen Kirche. Vor dem Altar breitet Tomas die Hände und spricht: ÄHeilig, heilig, heilig ist der Herr Zebaoth. Die Erde ist voll von seiner Herrlichkeit!“ Dann blendet der Film ab.

1.2. SEQUENZANALYSE

Sequenz 1 (00:58-12:41): Abendmahl

Glockenläuten. Die erste Szene zeigt Pastor Tomas Ericsson. Er hält an einem kalten Novembersonntag den Gottesdienst (Abendmahlmesse) in einer schwedischen Gemeinde. Mit der ersten Kameraeinstellung wird Pastor Tomas Ericsson bei seinem routinierten Gottesdienst durch die nahe Einstellung (medium close up) A

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

(A 00:01:10) (B 00:04:43)

dargestellt. Während er seine Abendmahlandacht hält wechselt die Kameraeinstellung hin zu einer Totalen (long shot) von westlicher in östlicher Richtung durch das Langhaus der Kirche. Während seiner Andacht folgt ein Filmtrick: eine Serie von Überblendungen von Außenansichten der Kirche. Dieses filmtechnische Mittel stellt den inhaltlichen Zusammenhang dieser anteilslosen und automatisierten Rede mit der kargen und kalten Landschaft dar. Die Kirche wird nun durch die Panoramaeinstellungen C (extreme long shot) aus verschiedenen Perspektiven gezeigt. Die Landschaft ist schneebedeckt, karg und feucht. Die Wolkendecken lassen keinen Sonnenstrahl durch, es ist dunkel. Wieder eine Überblendung zurück in die Kirche. Hier wird Pastor Tomas Ericsson im Profil nahe gezeigt. Der Schweiß auf seiner Stirn wird sichtbar. Dann in halbtotaler Einstellung (medium shot). Nachdem der Pastor seinen Monolog beendet, erklingt der Gesang der Kirchgänger und die Orgel. In der nächsten Kameraeinstellung werden die neun Kirchgänger erstmalig gezeigt. Sie sitzen in kleinen Gruppen. Die Kamera schwenkt vertikal. Nun folgt eine Serie von Nah- und Großaufnahmen, die die in Gedanken versunkenen Kirchgänger festhält. Zwischendurch eine kurze Großaufnahme (close up) der Oblaten die in der Hand des Pastors liegen. Die Kirchgänger kommen nun alle nacheinander zum Altar, knien sich um ihn herum, bereit zum Empfang ihrer Abendmahlsoblaten, den Wein und ihrer Segnung. Die Kameraeinstellung zeigt eine Halbtotale mit dem Blick zum Altar hin (von West nach Ost)B. Nacheinander verteilt der Pastor die Oblaten an die Kirchgänger und spricht den Sanctus: ‚Christi Leib für dich gegeben„. Während ein Gros der Gottesdienstbesucher noch mit einer inneren Anteilnahme die Eucharistie begehen, scheint Tomas distanziert. Der Pastor wird in eine halbnahe von unten herauf blickende Einstellung gezeigt. Der Kelch mit Wein wird gereicht und der Pastor spricht die Worte: ‚Christi Blut für dich vergossen„. Die Kirchgänger werden in Nah- und Großaufnahmen bei der Entgegennahme des Weins gezeigt. Jonas Persson wird dabei in einer nahen von oben herab blickende Einstellung gezeigt. Märta schaut in einer gezoomten Großaufnahme mit einem verzweifelten Blick an der Kamera vorbei. Diese schnelle Abfolge von Kameraeinstellungen vermittelt uns schon früh die Beziehungen der einzelnen Gemeindemitglieder zur Kirche bzw. zu Tomas. Jonas wirkt daher sehr zögerlich und geistesabwesend. Algot Frövik (Alan Edwall) hingegen wirkt feierlich. Märta trägt ein ironisches Lächeln. Die Gemeindemitglieder gehen zurück zu ihren Plätzen. Der deutlich vom Gottesdienst gelangweilte Organist Olof (Fredrik Blom) wird von hinten durch eine Halbtotale gezeigt und spielt ein Orgelstück. Die Aufmerksamkeit des Zuschauers wird auf Detailaufnahmen bekannter christlicher Symbole gelenkt: die Altartafel, Jesus Christus, die liturgischen Utensilien, der Kopf Christi, der Nagel in der Hand Christi. Die Kirchgänger wirken nun alle angespannt. Der Organist schaut unruhig auf die Uhr. Nochmal gibt es Kamereinstellungswechsel zwischen allen Kirchgängern, Pastor und Organist. Die Kamera schwenkt zwischen den Kirchgängern, die nun die Kirche nacheinander verlassen. Der Organist hat es sehr eilig und keine Zeit sich zu verabschieden. Überblendung in die nächste Sequenz.

[...]


1 Cowie, Peter: Ingmar Berman. London 1992. S. 204.

2 Cowie, Peter: Ingmar Berman. London 1992. S. 205.; Sjöman, Vilgot: L136. Diary with Ingmar Bergman. Ann Arbor, 1978.

3 Steen, Birgitta: Ingmar Bergman: A Reference Guide. Amsterdam, 2005.; Sjögren, Henrik: Ingmar Bergman på teatern. Stockholm, 1968.

4 Cowie, Perter: Ingmar Bergman. A critical biography. London, 1992. S. 205.

5 Nykvist, Sven: Photographing the Films of Ingmar Bergman. In: American Cinematographer. (1962/Oktober)

6 Björkman, Stig: Bergman on Bergman. New York, 1973. S.144.

7 Cowie, Peter: Ingmar Bergman. A critical biography. London, 1992. S.205.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Ingmar Bergman - Licht im Winter
Untertitel
Religionskritik in Ingmar Bergmanns "Nattvardsgästerna"
Hochschule
Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald  (Nordische Abteilung)
Note
2,8
Autor
Jahr
2010
Seiten
20
Katalognummer
V187184
ISBN (eBook)
9783656104872
ISBN (Buch)
9783656105633
Dateigröße
1420 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ingmar, bergman, licht, winter, religionskritik, bergmanns, nattvardsgästerna
Arbeit zitieren
Christian Schewe (Autor), 2010, Ingmar Bergman - Licht im Winter, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187184

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