Der Zweikampf als Gottesurteil in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und seine Rechtmäßigkeit


Hausarbeit, 2006

20 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. Das Gottesurteil
1.1 Eine Definition und ein historischer Abriss
1.2 Die verschiedenen Formen
1.3 Der Zweikampf als Gottesurteil

2. Der Zweikampf im Mittelalter
2.1 Die Herausforderung zum Kampf
2.2 Die Vorbereitungshandlungen
2.3 Der Eid
2.4 Der Kampfort und Anwesende
2.5 Die Waffen und Ausstattung
2.6 Der Ablauf und Ausgang des Kampfes

3. Der Zweikampf zwischen Tristan und Morold
3.1 Die Gründe für den Kampf
3.2 Die Kämpfer und ihre Gottgläubigkeit
3.3 Der Ablauf und Ausgang

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Einleitung

Literatur und Recht sind zwei eigenständige Begriffe, die dementsprechend verschiedene Vorstellungen assoziieren.Auf der Einen Seite steht die Literatur; ein schöngeistiges Schrifttum, das den Gesamtbestand aller Schriftwerke eines Volkes umfasst. Demgegenüber ist unter Recht eine Rechtsordnung mit Gesetzen zu verstehen. Doch Ruth Schmidt-Wiegand weist in ihrem Aufsatz „Dichtung und Recht im Blickfeld von Literaturwissenschaft und Rechtsgeschichte“1 auf verschiedene Verknüpfungen der Bereiche Literatur und Recht in der Literaturgeschichte hin. Denn nach Schmidt- Wiegand ergänzen Literatur- und Rechtsgeschichte, trotz diverser Unterschiede einander. Die Autorin regt an, dass durch einen Vergleich der beiden Wissenschaften in Hinblick auf ein literarisches Werk neue Erkenntnisse und Interpretationsansätze erzielt werden könnten, da sich die Darstellungen von rechtlichen Phänomenen in der Literatur häufig von der Realität unterscheiden. Beruht die Ausarbeitung der Autoren allein auf ihrer Unkenntnis der Rechtslage oder verfolgen sie damit gar eine ganz bestimmte Intention in ihrem Werk? Dieser Gedankenansatz soll in Form einer Hausarbeit mit dem Thema „Der Zweikampf als Gottesurteil in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und seine Rechtmlßigkeit“ verfolgt werden.

Hierzu ist zunächst eine eingehende Analyse bestimmter Fachtermini der Rechtsgeschichte zur Entstehungszeit des Werkes, nämlich Gottesurteil und Zweikampf durchzuführen. Auf Grundlage der erlangten Ergebnisse wird der von Gottfried dargestellte Zweikampf untersucht. Dabei besteht das Ziel darin, die Rechtmäßigkeit des Kampfes auf der Grundlage der Beantwortung folgender Leitfragen zu ermitteln: Dürfen Tristan und Morold in einem Zweikampf gegeneinander antreten? Sind die Waffen der Kontrahenten legitim? Wer richtet über Verlauf und Ausgang des Kampfes? Und ist anzweifelbar? Sie sollen im Verlauf der folgenden Arbeit geklärt werden, wobei der Schwerpunkt auf der Moroldszene liegt.

1. Das Gottesurteil

„Nicht der Mensch war das Maß aller Dinge, sondern alles drehte sich um Gott; Gott war Anfang, Mitte und Endpunkt des Lebens, und zwar auch des Alltags“2. Der Satz bilanziert in knapper Form das religiöse Weltbild des Mittelalters, denn das Leben der Menschen ist einzig und allein auf Gott und ihr Leben nach dem Jenseits ausgerichtet. Gott ist der oberste Richter, der über das Schicksal eines jeden Menschen entscheidet. Diese Auffassung spiegelt, wie anschließend eingehender dargestellt werden soll, den Grundgedanken der Gottesurteile wieder, wobei darauf hingewiesen werden muss, dass die Ausgestaltung der Gottesurteile und des Rechts im Allgemeinen nicht einheitlich geregelt ist.

Dies lässt sich darauf zurückführen, dass im Mittelalter keine Staatengemeinschaften existieren, stattdessen gibt es verschiedene Herrschaftsgebiete in denen der Grundherr eine eigene Rechtsauffassung vertreten kann. Denn zwischen öffentlicher Gewalt und privater Rechtsbefugnis wird nicht differenziert3. Diese Problematik macht es für die weitergehende Arbeit nötig eine übergreifende Definition der Begrifflichkeit „Gottesurteil“ festzulegen, um ein grundlegendes Verständnis für die Analyse zu gewährleisten, wobei nun die diversen Unterschiede außer Acht gelassen werden sollen.

1.1 Eine Definition und ein historischer Rückblick

Das Gottesurteil ( lat. iudicum Dei; ordalium) ist keine Besonderheit des europäischen mittelalterlichen Rechts, sondern ist auch in vielen archaischen Kulturen anzutreffen wie in Asien und Afrika4. Die Ursprünge der Gottesurteile liegen hierbei vermutlich im indogermanischen Raum, wobei diese Annahme bis heute in der Forschung umstritten ist.

Insbesondere im Mittelalter dient das Gottesurteil, welches auch als Ordal bezeichnet wird, der Rechtsfindung und findet meist in Rechtsauseinandersetzungen Anwendung, bei der weder Eid noch Zeugenbeweis über Wahrheit und Unwahrheit eines Tatbestandes entscheiden können. Es hat aber auch eine ergänzende Funktion zu Eid und Zeugenbeweis5. Dem Gottesurteil als Beweismittel liegt die religiöse Vorstellung zugrunde, dass „Gott als Hüter des Rechts in Fällen der Unergründbarkeit einer Rechtslage durch ein Zeichen Hinweis auf Schuld oder Unschuld gibt“6. Die Kirche setzt sich lange Zeit nicht direkt mit den Gottesurteilen auseinander, weil sie einmal in der römischen Rechtsordnung keine Rolle spielen und auch das Alte Testament auf verschiedene Ordalien verweist, weshalb die Kirche nur eine Ordnung der verschiedenen Formen der Gottesurteile anstrebt und diese ritualisiert werden. Erst das IV. Laterankonzil unter Innozenz III. verbietet im Jahre 1215 allen Klerikern die Beteiligung an der Durchführung von Gottesurteilen, wobei die Anwendung bis ins Spätmittelalter bestehen bleibt und in den Hexenprozessen der Neuzeit wieder neu belebt wird7.

1.2 Die verschiedenen Formen

Die Erscheinungsformen von Gottesurteilen im Mittelalter sind verschiedenartig. Aber es ist festzustellen, dass häufig die vier Elemente Feuer, Wasser, Luft und Erde als Hilfsmittel bei der Beweisführung von Bedeutung sind. Sie lassen sich unterteilen in einseitige und zweiseitige Ordalien, bei denen entweder nur der Beweisführer oder auch die gegnerische Partei an der Urteilshandlung teilnehmen8.

Unter einem einseitigen Gottesurteil lassen sich nach Heinrich Brunners „Deutsche Rechtsgeschichte“ Kesselfang, Eisenprobe, Wasserprobe, Probebiss und Losordal fassen. Das Lexikon des Mittelalters erwähnt zusätzlich die Rasenprobe. Am Zweikampf, auch Kampfordal genannt und am Kreuzordal sind hingegen beide Streitparteien beteiligt.

1.3 Der Zweikampf als Gottesurteil

Die Einteilung des Zweikampfes zu den Gottesurteilen lässt sich nicht eindeutig vornehmen, da in der Rechtsgeschichte nicht eingehend geklärt ist, ob er überhaupt als Beweismittel anerkannt werden darf. Jedoch ist ein Zweikampf den Gottesurteilen zuzuordnen, wenn in seinem Ausgang der Beweis für die Wahrheit gesehen wird9. Ihm liegt der Glaube zugrunde, dass Gott dem gerechten Kämpfer die Kraft zum Sieg verleiht10. So sind die Menschen „seit karolingischer Zeit (...) die Zeitgenossen davon überzeugt, daß der Sieg im Zweikampf nicht ein Recht des Stärkeren begründet, sondern ein Gottesurteil darstellt“11.

Trotz dieser Definitionsprobleme gehört der Zweikampf zu den wichtigsten Ordalien des Mittelalters und ihm widerfuhr große Anerkennung, vermutlich weil er den freien Männern vorbehalten war12.

Allgemein lässt sich unter einem Zweikampf eine “klmpferische Auseinandersetzung zweier oder mehrer Personen aus Rache, Streben nach Herrschaft, Beute oder Anerkennung, zur Entscheidung einer Schlacht oder eines ( Rechts-) Streites oder zur Unterhaltung von Zuschauern“13

verstehen, wobei der Schwerpunkt dieser Arbeit auf dem Zweikampf als Rechtsstreitigkeit liegen soll.

Der Zweikampf, welcher auch als Duell bezeichnet wird, ist ein verabredeter, nach bestimmten Regeln mit Waffen und unter Einsatz des Lebens ausgetragener Kampf meist standesgleicher Männer. Neben verschiedenen Formen des Zweikampfes wie dem kriegerischen Zweikampf, bei dem ausgewählte Männer stellvertretend für ihre Heere kämpfen, existiert noch der gerichtliche Zweikampf, der für die folgende Untersuchung relevant sein wird.

Im Mittelalter findet diese Form der kämpferischen Auseinandersetzung, die vor einem Richter und einer bestimmten Anzahl an Zeugen abgehalten wird, zunehmend an Bedeutung bei rechtlich nicht eindeutig entscheidbaren Verhältnissen14. Er kam auch zur Anwendung bei einer Schelte des Urteils, des Eides, sowohl bei dem Partei- und dem Zeugeneid15.

2. Der Zweikampf im Mittelalter

„Allen Zeiten und Völkern ist gemein, daß Menschen um Besitz und Recht gekämpft haben“16, merkt Ernst Schubert in einem Aufsatz “Vom Zweikampf zum Duell“ an, womit er auf die lange und umfangreiche Geschichte der Zweikämpfe hinweist. Dennoch ist erst seit dem Hochmittelalter der gerichtliche Zweikampf dokumentiert, welcher die Abhaltung der Kämpfe gewissen Regeln unterwirft.(Siehe Sachsenspiegel)17.

Trotz der eingeführten Rechtsordnung existieren neben dem gerichtlichen Zweikampf gewohnheitsrechtliche Ausübungen und der Kampf wies auch Unterschiede in verschiedenen Herrschaftsgebieten auf18.

2.1 Die Herausforderung zum Kampf

„Die Herausforderung zum Zweikampf konnte vom Kllger ausgehen, der sie mit der Anklage verband, für den Fall des Leugnens des Beschuldigten, oder, wo das nicht geschehen war, konnte der Beschuldigte sich zum Beweis seiner Unschuld zum Zweikampf erbieten, den dieser dann annehmen musste“19.

Zudem konnte der Kampf auch nach einer gerichtlichen Untersuchung der Berechtigung einer Forderung angeordnet werden20.

Eine symbolische Herausforderung und deren Annahme kann durch Hinwerfen oder Überreichen eines Handschuhs bzw. eines anderen Gegenstandes deutlich werden.21 Die Gründe, die zu einem Zweikampf führen, liegen zumeist in nicht eindeutig entscheidbaren Verhältnissen, wenn sich beispielsweise „Anspruch gegen Anspruch, Behauptung gegen Behauptung“22 gegenüberstand oder Zeugen und Eideshelfer fehlen. Ein Zweikampf wird auch angesetzt, wenn eine Partei der anderen die erhobene Schwurhand herunterreißt und damit den Eid als unwahr scheltet23.

[...]


1 Schmidt- Wiegand, Ruth: Dichtung und Recht im Blickfeld von Literaturwissenschaft und Rechtsgeschichte

2 Schild, Wolfgang: Geschichte der Gerichtsbarkeit, S.8

3 Brockhaus--- Mittelalter

4 Lexikon des Mittelalters, S.1594

5 Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. 1.Band, S. 259- 262

6 Lexikon des Mittelalters, S.1594

7 ebd., S.1595

8 Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Band 2, S. 538-9

9 Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Band 1, S. 263

10 Lexikon des Mittelalters, S.1594

11 Schubert, Ernst: Vom Zweikampf zum Duell, S.4

12 Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Band 1, S. 263

13 Lexikon des Mittelalters, S.723

14 Lexikon für Theologie und Kirche, S.397

15 Brunner, Heinrich: Deutsche Rechtsgeschichte. Band 2, S. 558- 559

16 Schubert, Ernst: Vom Zweikampf zum Duell, S.3

17 ebd., S.4

18 Brockhaus-Zweikampf

19 Nottarp, Hermann: Gottesurteilsstudien, S.272

20 Schubert, Ernst: Vom Zweikampf zum Duell, S.6

21 Nottarp, Hermann: Gottesurteilsstudien, S. 274

22 Schubert, Ernst: Vom Zweikampf zum Duell, S.3

23 Fehr, Hans: Deutsche Rechtsgeschichte, S.58

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Der Zweikampf als Gottesurteil in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und seine Rechtmäßigkeit
Hochschule
Otto-Friedrich-Universität Bamberg
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
20
Katalognummer
V187240
ISBN (eBook)
9783656105169
ISBN (Buch)
9783656105442
Dateigröße
560 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gottfried von Straßburg, Tristan, Gottesurteil, Zweikampf, Historische Realiät, Rechtslage
Arbeit zitieren
Sarah Nolte (Autor), 2006, Der Zweikampf als Gottesurteil in Gottfrieds von Straßburg „Tristan“ und seine Rechtmäßigkeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187240

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