Bildungsbenachteiligung am Beispiel von Schülern mit muslimischem Migrationshintergrund


Seminararbeit, 2011
26 Seiten

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. „Ausländer“ oder „Mensch mit Migrationshintergrund“? Versuch einer Begriffsklärung
1.1 Wer ist hierzulande eigentlich Ausländer und wer nicht? Versuch einer Definition
1.2 Muslime in Deutschland - aktuelle Situation

2. Geschichte muslimischer Menschen in Deutschland
2.1 Die Anfänge bis zu dem 50er Jahren
2.2 Die Entwicklung ab den 50er Jahren bis heute

3. Bildungsbenachteiligung bei Schülern mit muslimischem Migrationshintergrund
3.1 Grundsätzliches
3.2 Schulische Leistungen von muslimischen Migrantenkindern im Überblick
3.3 Nach der Schule: Übergang in den Beruf

4. Fazit

Quellen

Einleitung

Diese Hausarbeit entstand im Rahmen des Seminars „Bildungsbenachteiligung – Ursachen und Handlungsfelder“ bei der Dozentin Frau Karin Kämpfe. Thema des Seminars waren die verschiedenen Dimensionen der Bildungsbenachteiligung bei Schülern, wobei insbesondere die Faktoren ethnische und nationale Herkunft, aber auch andere Ursache, wie etwa geschlechtsspezifische Benachteiligung, ausführlich besprochen wurden.

Auf der Suche nach einem Thema für diese Hausarbeit kam ich infolge der Themen des Seminars schnell auf das Thema Migrationshintergrund, da dies sicherlich das spannendste und derzeit auch umstrittenste Thema im Zusammenhang mit Bildungsdebatten ist. Das Thema nationale Herkunft scheint immer noch maßgeblich zu Bildungserfolg beizutragen, und hierbei steht besonders eine Gruppe immer wieder besonders im Fokus: Die Gruppe der Menschen mit Migrationshintergrund aus islamischen Ländern. Keine andere Bevölkerungsgruppe steht hierzulande so sehr im Fokus öffentlicher, politischer und soziologischer Debatten. Die Terror-Anschläge in New York,. Washington, Madrid und London, das daraus resultierende Problem bzw. die Gefahr islamistischer Terroristen haben in Westeuropa und Nordamerika die Angst vor Terrorakten durch Islamisten neu entfacht, hinzu kommen weitere Negativ-Schlagzeigen im Zusammenhang mit Muslimen wie Zwangsehen, Ehrenmorde und Krawalle und Ausschreitungen durch Jugendliche in Vorstädten von Metropolen mit hohem ausländischem und muslimischem Bevölkerungsanteil, insbesondere in Paris und London. All diese Ereignisse haben in Europa und Nordamerika zur negativen Stimmungsmache gegen Muslime im Allgemeinen beigetragen und zugleich die Diskussion um die bessere gesellschaftliche Integration dieser Menschen entfacht (vgl. Gesemann 2006). Oft werden Menschen mit muslimischen Wurzeln hierzulande in der Umgangssprache auf ihre Nationalität, also meistens auf „Türken“ oder „Araber“ reduziert, oder auch die Religion in den Vordergrund gestellt und von „dem Islam“ oder „den Muslimen“ geredet, doch greifen diese Bezeichnungen eindeutig zu kurz, da wohl weniger die Frage der Nationalität, ob nun Türke, Araber oder Libanese, und auch nicht die Frage der Religion - mag sie in den Herkunftsländern und -familien dieser Menschen auch oft eine wichtige Rolle spielen - sondern viel mehr der allgemeine kulturelle Hintergrund entscheidenden Einfluss haben dürften darauf, dass diese Menschen es oft besonders schwer haben, in unserer Gesellschaft Fuß zu fassen und folglich auch bei den Bildungschancen unter schlechten Voraussetzungen zu leiden schienen und die Bildungserfolge allgemein als gering angesehen werden. Gleichzeitig scheinen die Bildungserfolge von Kindern und Jugendlichen anderer ausländischer Herkunft, so beispielsweise die Kinder von Migranten aus süd- und osteuropäischen Ländern, größer zu sein, so zumindest die landläufige Meinung. Zwar haben auch diese, wie ich im Seminar gelernt habe, Probleme bei der schulischen und gesellschaftlichen Teilhabe und Integration, doch insgesamt haben in diesem Bereich immer noch die Kinder mit islamischem Migrationshintergrund die größten Schwierigkeiten.

In der vorliegenden Hausarbeit möchte ich deshalb die schulischen Bildungserfolge sowie die geschichtliche Entwicklung von Migrantengruppen aufzeigen und dabei das Haupt-Augenmerk auf die Gruppe der Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund legen und Gründe und Zusammenhänge aufzeigen, warum gerade diese Gruppe besonderen Problemen bei der schulischen Bildung ausgesetzt ist. Des Weiteren möchte ich dabei auch versuchen, verschiedene Vorurteile und Klischees, die man im Alltag häufig über eben diese Personengruppe zu hören bekommt, auf ihre Richtigkeit überprüfen. Dazu möchte ich Vergleiche zu anderen Migrationsgruppen sowie geschichtliche und kulturelle Hintergründe aufzeigen.

Im ersten Kapitel werde ich dabei zunächst allgemein klären, was die Begriffe „Ausländer“ und „Migrationshintergrund“ eigentlich bedeuten und genauer differenzieren, wie viele und was für Menschen es sich dabei eigentlich handelt . Des Weiteren werde ich dann die geschichtliche Entwicklung von Menschen mit muslimischen Migrationshintergrund in Deutschland darstellen und anhand dessen auch versuchen, erste Erklärungsansätze zu liefern, warum diese Menschen unter besonders schweren Voraussetzungen leiden, insbesondere, was Bildungschancen angeht. Im dritten Kapitel werde ich dann versuchen, anhand der gewonnenen Erkenntnisse auf die schulische Situation der Migrantenkinder und die dortigen Probleme durch Bildungsbenachteiligung einzugehen. Es folgt ein abschließendes Gesamtfazit.

1. „Ausländer“ oder „Mensch mit Migrationshintergrund“?
Versuch einer Begriffsklärung

So oft der Begriff des Migrationshintergrunds heute in einschlägigen Debatten verwendet wird, so wenig dürfte den meisten Menschen klar sein, was dieser eigentlich im Detail bedeutet. Deshalb halte ich es für wichtig, die Bedeutung dieses Begriffs, der im Folgenden noch öfter auftauchen wird, für wichtig.

In der alltäglichen Umgangssprache wird der Begriff „Mensch mit Migrationshintergrund“ synonym für das Wort „Ausländer“ benutzt, doch greift diese Gleichstellung zu kurz. Tatsächlich bedeuten beide Begriffe nämlich recht verschiedenes.

Die Klärung des Begriffs „Ausländer“ ist dabei bedeutend schwerer, da es keine einheitliche Definition gibt. Streng genommen handelt es sich um einen rechtlichen Begriff, der eine juristische und verwaltungstechnische Klassifikation darstellt (vgl. Kleinert 2004). Wer Deutscher ist, wird im deutschen Recht im Art. 166 GG geregelt – hiernach gibt als Deutscher, wer die deutsche Staatsbürgerschaft besitzt. Wer nicht unter diese Regelung fällt, gilt als „Staatsfremder“ oder eben „Ausländer“. Problem dabei ist, dass die Gruppe der Ausländer somit sehr heterogen ist – in Grunde fallen unter den Begriff Ausländer alle Leute, die nicht die deutsche Staatsbürgerschaft besitzen und sich in Deutschland aufhalten – darunter fallen also eigentlich auch Touristen, Gastdozenten, Austausch-Schüler und

-Studenten und viele weitere, die nicht wirklich unter das fallen, was gemeinhin mit Ausländern assoziiert wird (vgl. Kleinert, wie zuvor).

Eine europaweite, gemeinsame gesetzliche Grundlage für den Umgang mit Menschen, die nicht die Staatsangehörigkeit des Aufenthaltslandes besitzen, bietet das Ausländerrecht der EU.

In der Umgangssprache hat sich jedoch eine deutlich andere Bedeutung des Begriffs „Ausländer“ durchgesetzt: In der Regel werden mit dem Begriff „Ausländer“ Menschen mit ausländischen Wurzeln und/oder ausländischem Pass, also vielmehr allgemein Menschen mit ausländischem Hintergrund bezeichnet.

Wichtig ist zudem auch die Intention, die in der allgemeinen Umgangs- und Alltagssprache mit dem Begriff „Ausländer“ verknüpft ist: Dort ist der Begriff nämlich deutlich negativ belegt und wird von vielen Menschen eingesetzt, um eine negative Sichtweise in Bezug auf Menschen mit Migrationshintergrund zu zeigen – er „erfüllt alle Bedingungen, die mit Fremdheit assoziiert werden: kognitive Unvertrautheit, also Anderssein, Nicht-Zugehörigkeit zu vorgestellten „ethnischen“ Gemeinschaft der Deutschen sowie räumliche Ferne“ (Kleinert 2004: 55). Dies bringt sehr gut auf den Punkt, wie negativ behaftet der Begriff eigentlich ist und wie er verwendet wird – er dient in der Tat häufig zur Abgrenzung von allem vermeintlich Fremden oder gar dazu, ausländerfeindliche und rassistische Ressentiments und Parolen zu verbreiten („Ausländer raus!“, etc.).

Kaum bekannt ist der breiten Masse zudem auch, dass es als Gegensatz zum Wort „Ausländer“ auch das Wort „Inländer“ gibt, das demzufolge Menschen meint, die innerhalb des Landes leben und die inländische Staatsbürgerschaft besitzen.

Da der Begriff „Ausländer“ insgesamt also ein eher rechtlicher Ausdruck ist, soziologisch gesehen zu eng gefasst ist, umgangssprachlich sehr negativ belegt ist, nicht alle, sondern nur bestimmte Bereiche der Migration erfasst und den Fokus zu sehr auf die Staatsangehörigkeit legt, gilt er heute als überholt, in der Wissenschaft nenn man ihn „anachronistisch“ und „für eine analytische Betrachtung nicht mehr zeitgemäß“ (Liesk 2008: 9).

Wollen wir herausfinden, wie viele Menschen in Deutschland einen ausländischen Hintergrund haben, greift der Begriff „Ausländer“ also zu kurz und wird deshalb in jüngerer Vergangenheit immer häufiger durch den Begriff „Migrationshintergrund“ bzw. „Mensch mit Migrationshintergrund“ o.ä. ersetzt. Dieses Wort hat infolge diverser politischer und gesellschaftlicher Debatten in dem letzten Jahren stark an Bedeutung gewonnen, und so wird, trotz der Länge und Sperrigkeit des Begriffs, auch im alltäglichen Sprachgebrauch die Bezeichnung „Ausländer“ immer häufiger durch „Mensch mit…“ oder „Person mit Migrationshintergrund“ ersetzt. Der Begriff ist, verglichen mit dem Ausländerbegriff, weitaus jünger und meint etwas anderes, bzw. wird auch in anderen Zusammenhängen angewandt. Auch von diesem Begriff existiert bislang keine einheitliche Definition (vgl. Sibel 2009). Wie die Verwendung des Begriffs „Migration“ bereits deutlich macht, wird der Fokus hier weniger auf Staatsangehörigkeit gelegt, als darauf, dass eine Migration, also ein Wohnortswechsel von einem Land in ein anderes, stattgefunden hat. Die Definition des Wortes Migration ist nämlich vergleichsweise einfach und eindeutig: Migration bedeutet Wohnortswechsel, in dem Sinne, dass Menschen ihren gesamten Lebensmittelpunkt an einen komplett anderen ortverlegen, also nicht etwa nur innerhalb einer Stadt o.ä. umziehen. Internationale Migration bedeutet, dass man dabei eine Landesgrenze überschreitet (vgl. Spenlen 2010).

Der Begriff des Migrationshintergrunds bedeutet allerdings auch, dass nicht nur eingewanderte Menschen, sondern auch deren Nachfahren als Menschen mit Migrationshintergrund gelten, also Nachfahren von Migranten in der zweiten und dritten Generation ebenfalls erfasst werden. Der Begriff geht somit bereits weiter als der klassische Ausländerbegriff, denn die Zuwanderung alleine über die Nationalität zu erfassen, greift zu kurz (vgl. Sibel 2009). Laut Mikrozensus (einer jährlich veröffentlichten, amtlichen Repräsentativ-Statistik, die die Bevölkerung und den Arbeitsmarkt in Deutschland abbildet, im Internet zu finden unter www.destatis.de, genauer Link bei den Quellen) gilt als Mensch mit Migrationshintergrund, wer eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt, im Ausland geboren wurde und nach 1949 zugewandert ist - oder aber auch, wer einen zugewanderten Elternteil hat, der eine ausländische Staatsangehörigkeit besitzt.

Dennoch gilt auch der Begriff des Migrationshintergrunds als nicht unproblematisch und unterliegt vielfältiger Kritik, denn neben der Tatsache, dass auch hier keine einheitliche, allgemein gültige Definition existiert (vgl. Krönner 2009), gilt vor allem die Tatsache als problematisch, dass nach den gängigen Definitionsversuchen auch die Kinder und Enkel von eingewanderten Migranten als Menschen mit Migrationshintergrund gelten, auch wenn ihre Familien schon in zweiter oder dritter Generation in Deutschland leben und diese vielleicht sogar über einen deutschen Pass verfügen. Insofern kann darüber gestritten werden, inwiefern es gerechtfertigt ist, dass auch in zweiter oder dritter Generation in Deutschland lebende Nachfahren von Migranten immer noch durch die Definition als Menschen mit Migrationshintergrund und somit als Menschen, denen noch immer etwas fremdes, ausländisches, nicht hier verwurzeltes anhaftet, gelten, was möglicherweise auch zu Diskriminierungen und auch den sogenannten „Stereotype Threat“ unterstützt. Unter „Stereotype Threat“ versteht man die Tatsache, dass die Zugehörigkeit zu einer bestimmten ethnischen Minderheit im Allgemeinen mit geringen intellektuellen und schulischen Leistungen in Zusammenhang gebracht wird, was zur Ausbildung negativer Stereotypen führt, was wiederum erhebliche Auswirkungen auf die Lernerfolge dieser Menschen hat (vgl. Schofield 2006).

Tatsächlich werden Nicht-Deutsche in die „Container-Kategorie“ der Migranten (Wippermann/Flaig in: Politik und Zeitgeschichte 5/2009, S. 3) eingeordnet, verbunden mit der Annahme, dass man dann schon irgendetwas über sie und ihre Werte wisse (vgl. Wippermmann/Flaig, wie zuvor).

In Jahr 2011 gab es bei der Definition des Migrationshintergrunds eine Änderung: Seit Veröffentlichung des Zensus 2011 gelten alle Menschen, die nach 1955 nach Deutschland zugewandert sind, sowie deren Nachfahren, als Menschen mit Migrationshintergrund, vorher waren es Menschen, die seit 1949 zugewandert sind (vgl. Statistische Ämter des Bundes 2011, nachzulesen unter www.zensus2011.de).

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Ende der Leseprobe aus 26 Seiten

Details

Titel
Bildungsbenachteiligung am Beispiel von Schülern mit muslimischem Migrationshintergrund
Autor
Jahr
2011
Seiten
26
Katalognummer
V187270
ISBN (eBook)
9783656106975
ISBN (Buch)
9783656106630
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
migrationshintergrund, islam, muslime, migration, bildungsbenachteiligung, schüler
Arbeit zitieren
Torsten Scholz (Autor), 2011, Bildungsbenachteiligung am Beispiel von Schülern mit muslimischem Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187270

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