Die Legende und Heinrich Heines Romanfragment vom "Rabbi von Bacherach"


Bachelorarbeit, 2010

35 Seiten, Note: 1,6


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Leben Heinrich Heines im Kontext von Antisemitismus

3. Der Inhalt des Rabbi von Bacherach
3.1. Die Entstehung des Rabbi von Bacherach
3.2. Der Erzähler und die Erzählsituation
3.3. Charakterstudien

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

„Es wird eine Zeit kommen, da man in Europa nicht mehr fragen wird, wer Jude oder Christ sei; denn auch der Jude wird nach europäischen Gesetzen leben und zum Besten der Staaten beitragen, woran nur eine barbarische Verfassung ihn hindern oder seine Fähigkeit schädlich machen konnte.“

Dieses Zitat von Johann Gottfried Herder steht exemplarisch für die mehr als problematische Situation der Mitglieder der jüdischen Glaubensgemeinschaft seit den Anfängen der Geschichte der Menschheit. Die Ausübung des jüdischen Glaubens war seit der Antike mit dem großen Risiko verbunden, sich Anfeindungen und gewalttätigen Übergriffen ausgesetzt zu sehen. Als monotheistische Religion wurden Juden bereits von den polytheistisch geprägten Großreichen der Römer, Babylonier, Perser, etc. verfolgt, da diese versuchten, alle von ihrem Glauben abweichenden Glaubensgemeinschaften zu bekehren. Die Judenverfolgung des Mittelalters und der frühen Neuzeit begründete sich in der Ansicht, dass die Juden „Gottesmörder“ seien, verantwortlich am Tod des Heilands Jesus Christus. Die von der Kirche durgeführten Maßnahmen entwickelten sich zu einer gezielten Verfolgung; Juden wurden zwangsgetauft nachdem der Versuch sie zur Konversion zu überzeugen fehlgeschlagen war. Die kritische und nicht selten auch hasserfüllte Einstellung gegenüber Juden führte zur Herausbildung negativer Stereotype und im Endeffekt so weit, dass Juden als Sündenböcke für alle schrecklichen Dinge, die passierten, zur Rechenschaft gezogen wurden. So kam es im Zuge einiger schlimmer Ereignisse der Menschheitsgeschichte, wie beispielsweise der Pest, zu Massakern an Juden, da eben diesen die Schuld an den Katastrophen gegeben wurde. Trotz der jüdischen Emanzipation in der Folgezeit der französischen Revolution von 1789 stand mit dem Holocaust während des zweiten Weltkrieges die schlimmste Periode der jüdischen Geschichte noch bevor. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts hatte der Judenhass nämlich noch eine rassistische Komponente angenommen. Die Glaubensgemeinschaft der Juden wurde als eigene Rasse mit ihr eigenen typischen Verhaltensmustem, Charakterzügen und physiognomischen Merkmalen wahrgenommen und auf Grund dieser weiter diffamiert und ausgegrenzt. Trotz oder gerade wegen dieser durchgängigen Anfeindungen und Gewalttaten an jüdischen Bürgern gab es bereits ab dem 19. Jahrhundert zunächst örtlich begrenzt aber später auch übergreifend Reformen und Gesetze, die diese Ungerechtigkeiten eindämmen sollten. Auch der deutsch-jüdische Dichter Heinrich Heine lebte in dieser Zeit, die für Juden noch durchaus problematisch war. Sein Werk Der Rabbi von Bacherach behandelt exemplarisch am Beispiel der im Mittelalter situierten Ritualmordlegenden die Situation des jüdischen Volkes. Heine, der selbst das viel zitierte „Leben zwischen den Stühlen“ lebte, da er sich nie einer Religion komplett verschreiben konnte, schaffte ein Werk, welches laut Erich Loewenthal dem Leser wohl mehr Rätsel aufgebe alsjeder andere seiner Texte.

Das Ziel dieser Arbeit soll sein, zunächst chronologisch die rechtliche Situation der Juden zu Lebzeiten Heinrich Heines darzustellen und im Zuge dessen auch antisemitische Anfeindungen, denen Heine persönlich ausgesetzt war, aufzuzeigen. Diese historische Einordnung hilft dabei, die Motivation Heinrich Heines zu erkennen, über die Thematik Antisemitismus zu schreiben. Im Weiteren soll Der Rabbi 'von Bacherach als Zeugnis dieser Zeit interpretiert werden. Es wird untersucht werden, inwieweit die gesellschaftlich-historischen Zustände die Entstehung des Rabbi beeinflusst haben. Des Weiteren wird der Versuch gemacht, herauszustellen, wie Heinrich Heine als jüdischer Autor das Schicksal „seines Volkes“ bewertet. Außerdem soll die Interpretation einen Eindruck der persönlichen Stellung Heinrich Heines zum Judentum vermitteln, denn

„Heines Romanversuch Der Rabbi von Bacherach ist das wichtigste und aufschlußreichste dichterische Dokument für die Entwicklung seines Verhältnisses zum Judentum, da die Entstehungszeit dieses Werks sich von Heines Zugehörigkeit zum Berliner Kulturverein über die Taufe bis weit hinein in die Phase erstreckt, in der sein Kampf für die Emanzipation der gesamten Menschheit an erster Stelle rangiert.“[1]

2. Das Leben Heinrich Heines im Kontext von Antisemitismus

Heinrich Heine wurde am 13.12.1797 in Düsseldorf geboren. Da sein Elternhaus sehr liberal eingestellt war, wurden „Glaubensregeln nicht mit besonderer Strenge gehandhabt; das Jiddische lernt H. beiläufig“.[2] Heines Mutter, der die Erziehung nahezu ausschließlich zufiel, war „konfessionell indifferent, wenn auch nicht ungläubig.“[3] Der Vater, ein Stoffhändler, muss wohl eine ähnlich unbekümmerte Haltung gegenüber der Religion gehabt haben. Als Heine in der Schule Gotteslästerung vorgeworfen wurde, versuchte sein Vater zwar, ihm klarzumachen, „daß der Atheismus eine große Sünde ist“[4], seine Hauptsorge war allerdings, dass kein Jude mehr bei ihm Stoffe kaufen würde, wenn sie von dieser Einstellung des jungen Heinrich erfahren würden.[5] Heine erhielt ab 1803 zunächst Privatunterricht, aber bereits im Jahre 1804, als Napoleon sich aufmachte Europa zu erobern und sich zum Kaiser krönte, änderte sich die rechtliche Situation der Juden erstmals grundlegend: Der Code Civil oder Code Napoleon trat in Kraft und wurde „das erste Gesetzbuch Europas, das keine eigene Judengesetzgebung mehr aufwies. Alle Bürger waren vereint unter dem gleichen Gesetz.“[6] Die Machtübernahme von Napoleon schien daher ein Segen für die bis dahin stark benachteiligten Juden zu sein. Vor allem auch in Heines direkter Umgebung muss diese „Befreiung“ ein Lichtblick gewesen sein, denn

„mit dem Königreich Westphalen sollte ein Modellstaat geschaffen werden, der die französischen Errungenschaften der (Nach)Revolutionszeit - Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit - auf deutschen Boden führte.“

Das bedeutete unter anderem natürlich auch, dass jüdische Kinder christliche Schulen besuchen durften und somit durchlief Heine bis etwa 1815 die Schullaufbahn am Gymnasium.[7] Im Jahre 1812 erließ Friedrich Wilhelm das sogenannte Preußische Emanzipationsedikt. Betreff dieses Ediktes waren die „bürgerlichen Verhältnisse der Juden im preußischen Staate“. Das Edikt legte fest, dass alle „in Unsern Staaten jetzt wohnhaften, mit General-Privilegien, Naturalisations-Patenten, Schutzbriefen und Konzessionen versehenen Juden und deren Familien (...) für Einländer und Preußische Staatsbürger zu achten (sind).“[8] Obwohl diese Worte sich sehr nach Gleichberechtigung anhören, waren die Maßnahmen schon in diesem ersten Paragraphen an Auflagen geknüpft. Es gab allerdings noch weitere Bedingungen, zum Beispiel dass die Juden „fest bestimmte Familien-Namen führen, und dass sie nicht nur bei Führung ihrer Handelsbücher, sondern auch bei Abfassung ihrer Verträge und rechtlichen Willens­Erklärungen der deutschen oder einer andern lebenden Sprache, und bei ihren Namens- Unterschriften keiner andern, als deutscher oder lateinischer Schriftzüge sich bedienen sollen.“[9]

Das gesamte Edikt war geprägt von sehr großen Zugeständnissen an jüdische Mitbürger, aber oft folgte im gleichen Satz oder zumindest im nächsten Paragraphen eine erhebliche Einschränkung. So waren diejenigen Juden, die alle Auflagen und Bedingungen erfüllten, vollwertige Staatsbürger, die Handel treiben durften, sich auf dem Land und in der Stadt niederlassen durften und sogar Schul- und Staatsämter annehmen durften; allerdings nur dann, wenn sie „sich geschickt gemacht haben“. Alle anderen, Zuwiderhandelnden Personen waren nach wie vor als fremde Juden anzusehen und zu behandeln. Da man keinem Menschen an der Nasenspitze ansehen kann, ob er bestimmte Bedingungen erfüllt oder nicht, mutet dieser Gesetzestext stellenweise immer noch sehr ironisch und unwirksam an und stellte wohl keinen Meilenstein zur Verbesserung der Lebensverhältnisse der jüdischen Bürger dar; zumindest nicht im Bezug auf deren Kontakt zu christlichen Menschen in ihren Gemeinden.

Natürlich war Deutschland unter französischer Besetzung ein besseres Deutschland für Juden. Trotzdem muss auch klar sein, dass durch die im Code Civil festgehaltenen Gesetze, oder in diesem Falle die abgeschaffte Sonderstellung der Juden (keine „Judengesetze“ mehr), die vorherrschenden Stereotype und die negative Meinung der allgemeinen Bevölkerung gegenüber der immer noch an den Rand der Gesellschaft gedrängten Juden nicht von gestern auf heute verändert werden konnten. Daher muss hier auf die sogenannten „Hepp-Hepp-Krawallen“ des Jahres 1819 hingewiesen werden, die sich in wenigen Monaten von Augsburg über ganz Deutschland ausbreiteten. Der Name dieser Bewegung leitet sich von dem Kampfruf „Hep-Hep, Jud' verreck!“ ab.[10] Auch hier waren Juden Opfer von gewalttätigen Ausschreitungen. Aus Notizen des Koblenzer Polizeipräsidenten geht hervor, dass „die allgemeine Verhetzung so gute Vorarbeit geleistet habe, daß das Volk es als Verdienst ansah, die Juden zu misshandeln“.[11] Ökonomisch ging es Deutschland in den Jahren 1816 und 1817 wegen schlechter Ernten nicht besonders gut. Wie in Mittelalter wurden Juden für Plagen und Krisen verantwortlich gemacht und so waren es hauptsächlich Mitglieder „der untersten Volksschichten“[12], „die am meisten leidenden Opfer der politischen und ökonomischen Verhältnisse“[13], die ihren Frust an den Juden ausließen. Obwohl auf Grund der übers ganze Land verteilten Übergriffe schon von einem Breitenphänomen gesprochen werden kann, handelte es sich um aus eigenem Antrieb handelnde Alleintäter; Organisationen oder Verbünde gegen die jüdischen Mitbürger gab es nicht.[14] Die wieder häufiger auftretenden Übergriffe auf Juden begründen sich in diesem Zusammenhang aber auch auf die zunehmende jüdische Emanzipation. Die Napoleoniche Epoche hatte den Juden Auftrieb und Selbstbewusstsein gegeben und somit wurden auch sie als Bedrohung des Friedens, als revolutionäre Gruppe gesehen, zumal es sich um eine Zeit handelte, in der die Menschen auf Grund der schnell aufeinander folgenden politischen Ereignisse wie der Ermordung August von Kotzebues und dem fehlgeschlagenen Attentat auf den nassauischen Staatsrat von Ibell sehr sensibel und nervös reagierten. Heinrich Heine hatte nach Abschluss seiner Schullaufbahn 1815 zunächst einige Volontariate und eine kaufmännische Ausbildung absolviert, begann allerdings 1819, dem Jahre der o.g. Krawalle, sein Jura-Studium in Bonn. Er trat auch einer Burschenschaft bei, in der er sich allerdings nicht wirklich wohl gefühlt haben kann, denn „ihm wird kaum die latente Judenfeindlichkeit entgangen sein, die die Deutschtümelei vieler Burschenschaftler begleitet hat.“[15] Wolfgang Menzel, der zu Heines Bonner Zeit Vorstand der Burschenschaft war, schrieb später ein „jovial­boshaftes Bild“[16] über Heine:

„Unter den vielen Jünglingen, die sich um mich drängten, gaben sich, ohne daß ich es wünschte, besonders zwei viele Mühe um mich, nämlich der kleine Jude Heinrich Heine, der einen langen dunkelgrünen Rock bis auf die Füße und eine goldene Brille trug, die ihn bei seiner fabelhaften Häßlichkeit und Aufdringlichkeit noch lächerlicher machte, weshalb man ihn unter dem Namen Brillenfuchs vielfach verspottete.“[17]

Im September 1819 wurden die Karlsbader Beschlüsse verabschiedet, die u.a. eine strenge Beobachtung von Burschenschaften und demagogischen Vereinigungen vorsahen. Die Beschlüsse wurden unter anderem wegen der Ermordung August von Kotzebues notwendig.[18] Durch die strenge Überwachung sollte auch die Angst vor revolutionären Gruppen in Grenzen gehalten werden. Diese Regelung sollte auch den Juden zu Gute kommen, da es nun derartige Missverständnisse die höchstwahrscheinlich zu den „Hepp-Hepp-Krawallen“ führten nicht mehr geben sollte. Schließlich würden die von der Regierung zur Aufklärung verdächtiger Organisationen eingesetzten Kräfte mögliche revolutionäre Gedanken und Aktionen direkt unterbinden und verhindern. Im Jahr 1820 wechselte Heine aus Bonn an die Universität Göttingen. Seine Studien dort dauerten allerdings nur knapp ein Jahr, da er im Januar 1821 auf Grund einer Duellforderung verwiesen wurde. An dieser Stelle wurde Heine Opfer des Antisemitismus, da für seinen

„Ausschluss aus der Burschenschaft (...) antisemitische Gründe ausschlaggebend sind: Sein Deutschtum wird ihm abgesprochen, der ungebrochene Weg der Ausbildung einer deutschen Identität verwehrt. Eine befristete Ausschließung vom Studium nach einem Duell beendet Heines Göttinger Aufenthalt fürs erste.“[19]

Heine wechselte daher gezwungenermaßen erneut die Universität und studierte ab 1821 in Berlin. Durch seinen Berliner Aufenthalt kam Heine in den Kontakt mit dem 1822 als Folge auf die „Hepp-Hepp-Krawallen“ gegründeten „Verein für Cultur und Wissenschaft der Juden“. Die Ziele des von Leopold Zunz und Eduard Gans gegründeten Vereines waren unter anderem, jüdische Menschen auf das Studium an der Berliner Universität vorzubereiten. Auch Heinrich Heine beteiligte sich an dem Projekt und unterrichtete Französisch, Deutsch und Geschichte. Für Heine schien der Beitritt in den Verein keine große Überwindung zu kosten, da dieser im August bereits einen Monat nach dem ersten Zusammentreffen mit Eduard Gans vollzogen wurde. Diese Entscheidung erscheint auf den ersten Blick widersprüchlich, denn Heine „entschließt sich also zu praktischem Engagement für die Sache seiner Stammesgenossen, obwohl er doch andererseits tunlichst bemüht ist, alles, was mit seiner Herkunft zusammenhängt, in Vergessenheit geraten zu lassen.“[20] Da Heine seine Situation als relativ bekannter Autor jedoch richtig einschätzen kann, ist die Mitarbeit im Verein wohl doch eine völlig bewusste Entscheidung. Da er seine Herkunft nicht verleugnen kann, ist der Beitritt „sowohl Resignation vor der Aussichtslosigkeit eben dieses Bestrebens als auch ein Zeichen des Widerstandes und des Vorsatzes, die gegenwärtigen Verhältnisse nicht untätig hinzunehmen.“[21] Auf einer Reise in den von Preußen besetzen Teil Polens erlebte Heine die schlechten „Lebensbedingungen und Zustände in der polnischen Judenschaft kennen, die ja anders als die Schutzjuden in Westpreußen nicht in den Genuß des Edikts von 1812 (...) gekommen sind.“[22] Umso schlimmer scheint der ebenfalls im August 1822 folgende schwere Schlag für Heines berufliche Ambitionen: Dem Emanzipationsedikt von 1812 wurde auch in Westpreußen widersprochen und jüdischen Bürgern war es fortan nicht mehr erlaubt, akademische Lehr- und Schulämter zu bekleiden, des Weiteren wurde ihnen der preußische Staatsdienst verwehrt und sie wurden nicht mehr zur Offizierslaufbahn zugelassen. Dieser Rückschritt in der Gesetzgebung stellte einen ähnlichen schlimmen Einschnitt wie der Rückfall zu gewalttätigen Ausschreitungen im Jahre 1819 dar. Diese Gesetzeslage sollte sich erst im Jahre 1869, also bereits 13 Jahre nach Heinrich Heines Tod, wieder ändern. Obwohl Heine dies natürlich nicht wissen konnte, scheint es trotzdem die logische Konsequenz gewesen zu sein, dass er sich, mittlerweile wieder in Göttingen studierend, 1825 taufen ließ, den christlichen Glauben annahm und von nun an auf den Namen Christian Johann Heinrich Heine hörte. Mit diesem Schritt erhoffte sich Heine bessere Berufsperspektiven. Die Tatsache dass Heine diese Entscheidung fällte, zeigt einmal mehr seine eher distanzierte Beziehung zum jüdischen Glauben. Für einen streng gläubigen Juden wäre es wohl kaum denkbar gewesen zum Christentum zu konvertieren. Trotz seiner Taufe konnte Heine seine Zielejedoch nicht erreichen und bereute daher später auch den Übertritt zum Christentum.

„Das mit der Taufe, dem „Entreebillet zur europäischen Kultur“, angestrebte Ziel einer Sicherung des Lebensunterhaltes in einer staatl. Stellung oder durch eine Advokatur wird auch nach sechsjähriger Bemühung nicht erreicht.“[23]

Wenn man diesen Gedanken fortführt, ist es auch relativ offensichtlich, dass der Einsatz und die Bemühungen Heines zur Verbesserung der Situation der Juden eher humanitäre und politische als religiöse Hintergründe hatte:

„Fortschritt als bürgerl. Gleichstellung unterdrückter Minderheiten und als Durchsetzung einer universellen Demokratie mit revolutionären Mitteln gehört ins Zentrum von Heines politischem Denken,(.. ,)“.[24]

Obwohl Heine seit 1825 offiziell Christ war, kannten seine Zeitgenossen selbstverständlich seine Herkunft und somit wurde Heine nicht immer als gleicher und gleichen angesehen. „Je bekannter Heine in Deutschland wird, desto häufiger tauchen auch Anspielungen auf seine jüdische Herkunft auf.“[25] Da er nicht bereit war, öffentliche Verspottung hinzunehmen, stieß er mit einigen Leuten aneinander. Eines der bekanntesten Zeugnisse für diese Tatsache ist die sogenannte Platen-Affäre aus dem Jahre 1829. Heine veröffentlichte im Zuge seiner Nordsee einige Xeni en seines Freundes Carl Immermann, der darin Platens veraltete, an den Traditionen der Antike festhaltenden Dichtkunst kritisierte. Platen konterte in seiner Komödie Der romantische Ödipus[26] gegen Immermann und verteilte gegen Heine nur einen kleinen Seitenhieb, der diesen aber empfindlich traf. Er bezeichnete Heine unter anderem als „Samen Abrahams“ und „Petrark des Laubhüttenfestes“. In einem Brief an Immermann erklärte Heine, er wolle im Gegenzug den „Scharfrichter“ spielen, da „Platen ihn nicht nur als Dichter attackierte, sondern auch, wie Adorno es formuliert, „antisemitisch anrempelte“.[27] Obwohl Heine den Anstoß zu dieser Auseinandersetzung selbst gab und - in Platens Komödie namentlich erwähnt - auch unmissverständlich persönlich gemeint war, empfand er die Beleidigungen als Affront gegen alle Juden. In einem Brief an Moses Moser schreibt er: „Lies doch den romantischen Oedypus von Graf Platen; er ist gegen Dich gerichtet.“[28] Heine ist offensichtlich zutiefst verletzt und verlagert die Auseinandersetzung nun auch auf die persönliche Ebene, indem er in seinem Werk Die Bäder von Lukka „vor aller Welt Platens homoerotische Neigung in zum Teil entwürdigender Weise bloßstellt.“[29] Die Schärfe dieses Streits zeigt die „infolge antisemitischer Anfeindungen seit langem in Heine angestauten Aggressionen.“[30]

[...]


[1] Kircher, Hartmut. Heinrich Heine und das Judentum. Bouvier Verlag Herbert Grundmann: Bonn, 1973. S. 199, Z. 1-6.

[2] Killy, Walther (Hrsg.): Literaturlexikon. Autoren und Werke in deutscher Sprache. Band 5: München, 1990. S. 129, Z. 50.

[3] Kircher,S. 94,Z. 11-12.

[4] Ebd., S. 95, Z. 6-7.

[5] Vgl.Ebd.,S.95,Z. 1-4.

[6] Homolka, Rabbiner Prof. Dr. Walter: Laudatio zum Israel-Jacobson-Preis, 2007.

[7] Vgl. Killy, S. 130.

[8] Abgedruckt in: Müller-Vollmer, Kurt (Herausg.): Von Humboldt, Wilhelm. Studienausgabe in 3 Bänden. Frankfurt a.M., 1970.

[9] Ebd.

[10] Vgl. Kircher, S. 74,Z. 13.

[11] Ebd., S. 74, Z. 10-12.

[12] Ebd.S.74,Z.21.

[13] Ebd. S. 74, Z. 22.

[14] Vgl. Ebd., S. 74.

[15] Ebd., S. 103,Z. 10-11.

[16] Ebd., S. 102, Z. 17.

[17] Ebd., S. 102, Z. 20-25.

[18] Vgl. Kircher, S. 76.

[19] Killy, S. 130,Z. 31-39.

[20] Kircher, S. 106, Z. 27-30.

[21] Kircher, S. 106,Z. 30-33.

[22] Ebd., S. 107, Z. 3-6.

[23] Killy, S. 131,Z. 29-33.

[24] Ebd., S. 135, Z. 11-15.

[25] Kircher, S. 124, Z. 4-5.

[26] Erschienen 1829 bei Cotta, (Erstaufführung 1855).

[27] Kircher, S. 126, Z. 9-11.

[28] Ebd., S. 124, Z. 11-14.

[29] Ebd., S. 126, Z. 18,19.

[30] Ebd., S. 127, Z. 1,2.

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Die Legende und Heinrich Heines Romanfragment vom "Rabbi von Bacherach"
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Note
1,6
Autor
Jahr
2010
Seiten
35
Katalognummer
V187314
ISBN (eBook)
9783656109525
ISBN (Buch)
9783656110569
Dateigröße
830 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heine, Rabbi von Bacherach, Ritualmordlegende, Juden
Arbeit zitieren
Martin Reinhart (Autor), 2010, Die Legende und Heinrich Heines Romanfragment vom "Rabbi von Bacherach", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187314

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