Josef Vilsmaiers filmische Umsetzung von Adalbert Stifters 'Bergkristall'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2009

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Abänderungen
2.1 Einleitung
2.2 Die Inszenierung Gschaids

3. Dramatisierungen
3.1 Ärger zwischen der Schusterfamilie und anderen Dorfbewohnern
3.2 Eheprobleme und Trennung der Schusterfamilie
3.3 Die Suche nach dem Bergkristall
3.4 Das Ende/Die Rettung

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Film zum Buch oder Buch zum Film? Diese Frage kann man sich oft stellen. Wenn man es nicht sicher weiß, ob Buch oder Film zuerst existierte, ist die Frage meist genau so schwierig zu beantworten wie die Frage nach dem Huhn und dem Ei. Die Beurteilung der jeweiligen Werke hängt sicherlich auch davon ab, ob man das ganze durch die Brille eines Bücherwurms oder eines regelmäßigen Kinogängers und Hollywood-Fans sieht. Die Problematik einen Klassiker der Literaturgeschichte zu verfilmen liegt sicherlich darin, den Ausgangstext durch die eigene Interpretation nicht bis zur Unkenntlichkeit zu verändern und dennoch so auf die Leinwand zu bringen, dass alle Sinne angesprochen werden und das gesamte Projekt eine stimmige, spannende Umsetzung darstellt.

Diese Arbeit soll hinterfragen, ob dieses Vorhaben Joseph Vilsmaier im Jahr 2004 geglückt ist, als er sich des Textes „Bergkristall“ (1845) von Adalbert Stifter annahm. Es wird zu untersuchen sein, ob sich der Regisseur strikt an den Originaltext gehalten, oder zahlreiche Veränderungen vorgenommen hat. Des Weiteren soll dargelegt werden, wie die Erzählorte und Personen beispielsweise durch Bild und Ton, deren Realisierung bei einem Text einzig der Fantasie des Lesers obliegt, umgesetzt wurden. Worauf legte der Regisseur den Fokus? Sind eher die sozialen Verhältnisse zwischen Gschaidern und Millsdorfern für einen Kinozuschauer interessant, oder doch die faszinierende Naturkulisse, die im Text von Stifter ausführlich beschrieben wird? Da eine komplette, chronologische Betrachtung zu umfangreich und zu redundant wäre, wird sich die Arbeit auf die Analyse ausgewählter Aspekte beschränken, die interessant sind und sich eindeutig von der Textvorlage unterscheiden.

2. Abänderungen

2.1 Einleitung

Ganz zu Beginn des Filmes findet sich der Zuschauer in der Gegenwart wieder. Ein Helikopter, die Bergwacht und eine Familie, die im Auto unterwegs ist, deuten eindeutig auf das 20. oder 21. Jahrhundert hin. Vilsmaier konstruiert also eine Rahmenhandlung, die das eigentliche Geschehen umschließt. Die vierköpfige Familie besteht nicht durch Zufall aus Mutter, Vater, Tochter und Sohn und ist somit in der Grundkonstellation der Schusterfamilie aus Gschaid und Millsdorf gleich. Dieser Kunstgriff kann als Erschaffung einer Parallele zwischen den beiden Erzählzeiten (19. und 20./21. Jahrhundert) gewertet werden und sorgt für eine größere Identifikation mit den Charakteren der Haupthandlung. Dies wird dadurch bestätigt, dass sich die Familie bereits kurz nach ihrer Ankunft in Niedergschaid der Naturgewalt ausgesetzt sieht. Eine Lawine versperrt den Autotunnel, „keiner kann raus, keiner kann rein“. Durch die Tatsache, dass die moderne Infrastruktur durch die Naturgewalt unnutzbar gemacht wurde, sind die Bewohner des modernen Millsdorf und Gschaid ebenso durch die Wetterbedingungen an die Stadt gefesselt, wie die damaligen Bewohner, denen Autos und Autobahnen noch gar nicht zur Verfügung standen. Durch das im Dorf hörbare Donnern und Grollen der Lawine bricht eine Panik aus und die Menschen suchen Zuflucht; z.B. in der Kirche. Durch die für einen Moment vor Augen geführte Panik und ohnmächtige Lähmung gegenüber den Naturgewalten nimmt der Film dem Zuschauer die Illusion, dass sich im Laufe der Jahre durch den menschlichen Fortschritt etwas an der Macht der Natur geändert haben könnte.

Die Familie, welche ihren Onkel, den Pfarrer Ernst, besucht, richtet sich auf eine gezwungenermaßen stille und gemütliche Nacht ein. Durch einen Stromausfall wird die Benutzung von alten Öllampen und Kerzen notwendig, was auch eine gewisse Romantisierung in Richtung vergangener Zeiten darstellt. Der Bogen zur eigentlichen Handlung wird durch einen Bergkristall, „das Herz des Berges“, der in der Wohnung des Pfarrers steht, geschlagen. Dieser Kristall habe eine ganz besondere Geschichte und da man ohnehin an Ort und Stelle gebunden ist, willigt man ein, die Geschichte anzuhören. In typischer Erzählermanier liest Pfarrer Ernst das riesige Märchenbuch vom Küchentisch auf, in welchem der Ururgroßvater die Geschichte vom Bergkristall festgehalten hat. Der gegenwärtige Pfarrer fungiert also durch die Worte seines Ururgroßvaters als Erzähler der Geschichte.

„In Bergkristall erzählt ein Er-Erzähler, der über den Geschehnissen steht und so aus einer relativ auktorialen Erzählperspektive spricht, ohne dem Leser Einblicke in die Gedanken und Gefühlsregungen der Figuren zu gewähren. Der auktoriale Erzähler kommentiert an vielen Stellen der Erzählung“.1

Dieser Ururgroßvater war auch Pfarrer; eine Randbemerkung, die auf große Tradition hinweist und auch hier die Verbundenheit zu früheren Zeiten ausdrückt - ganz wie es auch in Stifters Text heißt: „Daher bilden die Bewohner eine eigene Welt. […] Sie sind sehr stetig und es bleibt immer beim Alten.“2 Die Rahmenhandlung ist ansprechend dargestellt, allerdings ist von Anfang an recht durchschaubar, was geschehen wird. Wenn man allerdings ein wenig von der Oberfläche Abstand nimmt und die gefühlte Verschmelzung von Gegenwart und Vergangenheit (Machtlosigkeit gegenüber der Natur, Faszination für Sagen und Legenden, Verwendung alter Öllampen) als gewollte Erschaffung zweier sich sehr ähnlicher Parallelwelten ansieht, kann man diese Maßnahme durchaus als gelungenen Griff beurteilen.

2.2 Die Inszenierung Gschaids

Neben der soeben erwähnten Rahmenhandlung gibt es auch in der Textfassung von Bergkristall selbst eine Rahmen- und Binnenhandlung.

„Der Erzähler legt in der Rahmenerzählung die natürlichen und sozialen Gegebenheiten der Hauptfiguren dar, deren Bedeutung für die Handlung sich erst durch die Binnenerzählung zeigt. In der Binnenerzählung besteht die Haupthandlung aus der Verirrung eines Geschwisterpaares im Schnee und deren Errettung.“3

Mit der in der Rahmenhandlung auftauchenden Landschaftsschilderung beschäftigt sich dieser Punkt.

Mit dem Satz „niemand weiß mehr genau, warum seit Jahrhunderten Feindschaft zwischen Gschaid und Millsdorf herrscht“, erfolgt die Überblendung von Gegenwart zu Vergangenheit. Hier lässt sich zum ersten Mal erahnen, dass der Konflikt zwischen den Dörfern im Film dramatisiert wurde, um die Geschichte spannender zu gestalten. Stifter beschreibt das Verhältnis der beiden Gemeinden eher als abgekühlt und distanziert, denn es dauert „oft fast ein Jahr, ehe ein Bewohner von Gschaid in das jenseitige Tal hinüberkömmt“4, da „doch Sitten und Gewohnheiten in beiden Tälern so verschieden“5 sind. Feindschaft hört sich nach ständigen Fehden und Streitigkeiten an, wobei eine gegenseitige Missachtung und Unabhängigkeit voneinander hier wohl eher eine passende Beschreibung wäre. Außerdem gibt es durchaus auch Gemeinsamkeiten, die nicht komplett übersehen werden dürfen: „Heimatverbundenheit und das Bewahren von Traditionen sind Merkmale, die in beiden Dörfern vorherrschen.“6 Mitten im ersten Satz des Erzählers folgt ein harter Schnitt und der Zuschauer verfolgt nun eine Ranfahrt der Kamera auf eine verschneite Bergspitze, die in Groß-, eigentlich schon gar in Detailaufnahme, zu sehen ist. Durch eine Überblendung wird eine weitere Nahaufnahme einer V-förmigen Bergspitze gezeigt, durch die man nach einem weiteren harten Schnitt in das Gschaider Tal hineingleitet. Dadurch wird die Abgeschiedenheit der Gschaider unterstrichen; das Tal ist von Bergen umgeben und es wird klar, dass die Bewohner „eine eigene Welt“7 bilden. Ein Panorama von Gschaid, eine weite Super-Totale ist zu sehen. Während diese beeindruckend in Szene gesetzten Natureindrücke auf der Leinwand zu sehen sind, spricht der Erzähler, nun aus dem off, weiter. Der Text von Stifter wurde hier nicht genau übernommen, aber es gibt einige Ähnlichkeiten. Teilweise zeigen die Bilder genau das, was Stifter niederschrieb. Deshalb ist der Text des Erzählers im Film logischerweise deutlich verkürzt. „Unser Dorf Gschaid steht in den hohen Gebirgen und hat einen kleinen, spitzen Kirchturm, der mit seinem Dach in dem duftigen und blauen Dämmern der Berge weithin sichtbar ist“, beginnt der Film-Erzähler die Beschreibung Gschaids. Bei Stifter heißt es hingegen „In den hohen Gebirgen unseres Vaterlandes steht ein Dörfchen […]“. Der Film-Erzähler nennt direkt den Namen Gschaid und bezeichnet es sofort als „unser“ Dorf. Diese Veränderung ist durch die Einführung der Rahmenhandlung im 21. Jahrhundert nötig geworden. Pfarrer Ernst hat berichtet, dass sein Ururgroßvater die Geschichte aufgeschrieben hat. Damit ist in der Filmfassung klar, dass die Geschichte aus der Sicht eines Augenzeugen, eines direkt Beteiligten geschildert wird. Im Buch heißt es nur „unseres Vaterlandes“, der Erzähler muss also nicht zwingend aus Gschaid kommen oder zur Zeit der Ereignisse dort gewesen sein. Neben der Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit schafft dieser Griff mehr Authentizität. Das Panoramabild von Gschaid gibt die Beschreibungen Stifters insgesamt sehr gut wieder. Die Kamera ist über das Gebirge ins Tal geflogen, von links und rechts sinken zwei dicht bewachsene Berge in Richtung Tal hinunter und im Hintergrund gehen der Himmel und ein massiver Bergrücken in dunklen Blautönen ineinander über. Stifter, der selbst auch malte, hätte dieses Standbild sicherlich als Vorlage für ein Gemälde ebenso verwenden können wie Paul Cézanne, dessen Landschaftsbilder auch stark an den hier gegebenen Eindruck erinnern. Vor allem die Einteilung des Bildes ist beeindruckend. Gschaid steht mit der Kirche (hier übrigens nicht mit rotem sondern bläulichem Dach), den Häusern und den saftigen Wiesen des Tales im Vordergrund, die dunklen Tannen der seitlich begrenzenden Berge im Mittelgrund und die blaue Wand aus Bergrücken und Himmel im Hintergrund. Die Menschen sind in ihrem Tal geborgen und versorgt. Das Wasser kommt aus den Bergen, also sind die Berge Versorger. Trotzdem wirken sie auf dem eben beschrieben Standbild im Gegensatz zum fröhlichen und frühlingshaften Eindruck des Tals düster und bedrohlich. Diese Ambivalenz bekommen später auch die Kinder zu spüren, denen der Berg einerseits die Nähe zu ihrer Mutter und Großmutter gewährt, andererseits aber durch den raschen Wetterumschwung unberechenbare Gefahren birgt. Nach der Beschreibung des Standbildes schweigt der Erzähler für einen Moment und, getrennt durch weitere harte Schnitte, erscheinen einige totale und halb-totale Standbilder, in denen das geschäftige Treiben im Dorf gezeigt wird.

[...]


1 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 66, Z. 16-20

2 Stifter, Adalbert: Bergkristall. Reclam Universal-Bibliothek Nr. 3912, Ausgabe 2001, S. 7, Z. 3 & Z. 11

3 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 66, Z. 22-25

4 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 13, Z. 3 und Z. 27, 28

5 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 13, Z. 3 und Z. 14, 15

6 Kocaman, Ali. Figurenkonstellation und soziale Verhältnisse in Stifters "Bunte Steine", S. 70, Z. 12-13

7 Stifter, Adalbert. Bergkristall, S. 7, Z. 3

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Josef Vilsmaiers filmische Umsetzung von Adalbert Stifters 'Bergkristall'
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum  (Germanistisches Institut)
Veranstaltung
Hauptseminar "Der Berg ruft"
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
19
Katalognummer
V187316
ISBN (eBook)
9783656106258
ISBN (Buch)
9783656106043
Dateigröße
498 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Adalbert Stifter, Bergkristall, Vilsmaier, Filmanalyse
Arbeit zitieren
B.A. Martin Reinhart (Autor), 2009, Josef Vilsmaiers filmische Umsetzung von Adalbert Stifters 'Bergkristall', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187316

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