Heidrun Friese: Lampedusa - Kann das Werk der Historischen Anthropologie im Sinne der Geschichtswissenschaften zugerechnet werden?


Hausarbeit, 1998
23 Seiten, Note: 1

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung: Historische Anthropologie – ein komplexes Feld

2. Das Buch – zu Inhalt und Methode

3. Das Leben auf einer Insel – eine Mikrogeschichte?
3.1. Kleiner Untersuchungsgegenstand, weite Erkenntnisperspektive
3.2 Möglichkeit einer „histoire totale“?

4. Weitere Charakteristika der Historischen Anthropologie – inwieweit treffen sie auf „Lampedusa“ zu?
4.1 Fremdes und Fremde
4.2 Neue Subjektivität
4.3 Kulturen statt Kultur und Geschichten statt Geschichte
4.4 Das Menschenbild der Historischen Anthropologie

5. Philosophisch orientierte Historische Anthropologie

6. Wie bringt die Autorin sich selbst ein?

7. Zur Vermittlung von Geschichte

8. Gesellschaftlicher Bezug

9. Konklusion

Literatur

1. Einleitung: Historische Anthropologie – ein komplexes Feld

Historische Anthropologie sei, so zitiert Gert Dressel in seinem gleichnamigen Buch ein Mitglied seiner Arbeitsgruppe, ein großes Zimmer; man komme durch verschiedene Türen hinein, aber es sei doch immer das gleiche Zimmer.[1] Mit diesem Bild spricht Dressel einerseits die Unübersichtlichkeit dieses historischen Forschungsansatzes an, die kaum mehr überschaubare Fülle theoretischer Konzeptionen wie auch konkreter Arbeiten, andererseits die Überzeugung, daß alle Richtungen der Historischen Anthropologie doch etwas Gemeinsames, diesen Ansatz Konstituierendes aufweisen. Was dieses Gemeinsame ist, was Historische Anthropologie von früheren Geschichtsauffassungen unterscheidet, so daß man von einem „Paradigmenwechsel“ in den Geschichtswissenschaften sprechen kann, das sucht Dressel sowohl an den Themenfeldern der Historischen Anthropologie als auch an ihrem theoretischen Rahmen aufzuzeigen. Der Verschiedenheit der Zugänge wiederum wird er gerecht, indem er in einem weiteren Kapitel seines Buches verschiedene Zugangsweisen unterscheidet und klassifiziert.

Für die mir gestellte Aufgabe, ein bestimmtes Buch anhand der Kriterien von Dressel und der Diskussionen in der Vorlesung zu analysieren, habe ich ein Werk – eben „Lampedusa“ – gewählt, das im Untertitel explizit den Anspruch erhebt, Historische Anthropologie zu sein. Dies bedeutet nun für mich, zu untersuchen, ob und in welcher Weise das Werk diesem Anspruch gerecht wird, bzw. auch, in welche der verschiedenen Richtungen man es etwa einordnen könnte. Vorerst aber möchte ich etwas zum Buch selbst, zur Forschungsmethode und zu den Vorstellungen sagen, die die Autorin laut eigener Aussage mit dieser Arbeit verband.

2. Das Buch – zu Inhalt und Methode

In Heidrun Frieses 1996 erschienenem Buch „Lampedusa; Historische Anthropologie einer Insel“ geht es – zumindest vordergründig – um die Besiedlungsgeschichte der genannten Insel. Sie liegt, obwohl zu Italien gehörig, 205 km von Sizilien, aber nur 113 km von Afrika entfernt und bedeckt eine Fläche von ca. 20 km2. Lampedusa war schon im Altertum bewohnt, dann jedoch lange Zeit hauptsächlich Stützpunkt von Piraten und Zufluchtsort geflüchteter Sklaven. Das Jahr 1843, in dem die Insel im Auftrag der bourbonischen Regierung von Sizilien aus in einer geplanten Aktion besiedelt wurde, stellt eine zeitliche Zäsur dar, an der Friese ihr Buch beginnen läßt. Wo es jedoch der Zusammenhang verlangt, greift die Autorin auch auf frühere Ereignisse zurück. Sie führt die Geschichte der Insel bis zur Gegenwart hinauf.

Das Buch ist in acht Kapitel gegliedert, wobei das erste, „Aufbruch“ genannt, zugleich den Aufbruch der sizilianischen Siedler und den Aufbruch der Autorin zu ihrem Forschungsvorhaben meint. Die weiteren sieben Kapitel werden als „Bilder“ bezeichnet, die wieder in „Motive“ unterteilt werden und meist mit einem „Zwischentext“ enden, der sich auf Beobachtungen oder Angaben zur gegenwärtigen Situation der Insel bezieht. Die „Motive“ werden weiter in „Fragmente“ und „Stimmen“ gegliedert. Auf die Themen, denen die einzelnen Kapitel gewidmet sind, werde ich später zu sprechen kommen.

Meine Gründe, gerade dieses Buch zur Analyse zu wählen, sind einerseits in meiner Sympathie für das italienische Milieu, andererseits in meinem Interesse an der Kombination verschiedener Forschungsmethoden zu suchen. Friese verwendet nämlich sowohl Archivmaterial als auch Tonaufzeichnungen von Gesprächen, die sie mit den Inselbewohnern führte. Dabei handelt es sich nicht um Interviews im eigentlichen Sinn, sondern um Gespräche im Familien- oder Freundkreis, bei denen sie mit Erlaubnis der Anwesenden das Aufnahmegerät mitlaufen ließ.

Ein eigentliches Konzept ihrer Arbeit oder eine konkrete Vorgangsweise ist bei Friese schwer auszumachen. Ob das Archiv- oder das Gesprächsmaterial für sie Ausgangspunkt war, darüber sind ihre Aussagen widersprüchlich. Einerseits schreibt sie, die „theatralischen Gesten, die das Archiv mit seiner akribischen Dokumentation heraufbeschwört“, hätten sie ebenso wie der „mythische Topos Insel“ gefangengenommen . „Ich wollte die Besiedlungsgeschichte der Insel nicht nur über die Schriftstücke des Archivs, sondern auch durch die Stimmen der heutigen Bewohner aufnehmen, um sie mit meinem anthropologischen Blick in Beziehung zu setzen und zu konfrontieren.“[2] Andererseits schreibt Friese etwas später, sie sei von Themen und Motiven ausgegangen, die die Inselbewohner ständig wiederholten, um diese mit den Schriftstücken des Archivs zu vergleichen.[3] Vermutlich wurden beide Arten von Quellen in einer Art Rückkoppelungsprozeß abwechselnd benützt.

Was die Gespräche betrifft, so behauptet Friese: „Ich hatte keine Methode und keine Frageschemata“[4] – eine Aussage, die man schwer wörtlich nehmen kann. Die Autorin scheint damit zu meinen, sie hätte keinen Fragebogen entworfen, und vielleicht auch, sie hätte ihr Vorverständnis und ihre Fragen an den Gegenstand nicht schriftlich fixiert. Dadurch aber, daß Friese ihre Fragestellungen nicht offenlegt, beraubt sie den Leser der Möglichkeit, ihre Antworten nachzuvollziehen.

Die „Bilder der Erinnerung“, „Bilder der Geschichte“, möchte die Autorin in Form einer „Montage“[5] wiedergeben. Dieses Vorhaben bezeichnet sie selbst als „Gratwanderung“, die sie unternehmen muß , „um diese Geschichte zu beschreiben: die der Bewohner der Insel, die des Archivs und die einer historischen Anthropologie.“[6]

3. Das Leben auf einer Insel – eine Mikrogeschichte?

Im vierten Kapitel seines Buches gibt Dressel einen Überblick über verschiedene Richtungen oder Schulen der Historischen Anthropologie, also eine Einteilung, die aus dem Blickwinkel von Forschungsstrategien, Methoden und Interpretationsverfahren argumentiert. Ich möchte diesen Versuch, „das Dickicht der Historischen Anthropologie zu ordnen“, wie Dressel es nennt[7], zum Ausgangspunkt meiner Analyse von „Lampedusa“ nehmen. Vielleicht ist dies ein etwas ungewöhnlicher Weg – näher wäre es wahrscheinlich gelegen, zuerst die einzelnen Charakteristika der Historischen Anthropologie durchzugehen und dann erst eine Einordnung zu versuchen. Das gewählte Verfahren erlaubt mir jedoch, von Anfang an gezielter an das zu analysierende Buch heranzugehen und mich dabei selbst besser im „Dikkicht der Historischen Anthropologie“ zu orientieren. Auf weitere von Dressel genannte Kennzeichen dieses Forschungsansatzes werde ich dann im folgenden Kapitel eingehen.

Dressel unterscheidet acht verschiedene Richtungen der Historischen Anthropologie.[8] Bereits ein oberflächlicher Blick auf den Untersuchungsgegenstand von „Lampedusa“, nämlich eine Insel, legt es nahe, das Buch daraufhin zu untersuchen, ob es die Kriterien einer „Mikrogeschichte“ erfüllt. Die meisten anderen genannten Richtungen scheiden von vornherein aus, sei es, weil sie ein vergleichendes Vorgehen voraussetzen (was bei Friese fehlt), sei es, daß sie sich hauptsächlich mit weitgehend schriftlosen Kulturen oder nicht schriftlichen Quellen beschäftigen, wie die historisch orientierte Kultur- und Sozialanthropologie oder die historische Volkskulturforschung. Für eine Einordnung in die Mentalitätsgeschichte oder historische Verhaltensforschung ist „Lampedusa“ vom Untersuchungsgegen-stand her zu wenig breit angelegt. Alltagsgeschichte möchte Dressel auf Werke mit einem zeitgeschichtlichen Untersuchungszeitraum begrenzt wissen.[9] Lediglich die philosophisch orientierte Historische Anthropologie weist Züge auf, die sich in „Lampedusa“ wiederfinden könnten. Darauf möchte ich noch später zurückkommen.

Aus den Ausführungen von Dressel zur Mikrogeschichte lassen sich drei Punkte herauskristallisieren: der klein gewählte Untersuchungsgegenstand, die unbedingt nötige Anbindung an eine Makroebene und die Überlegung, ob Mikrogeschichte eine „histoire totale“ sein kann.[10]

3.1. Kleiner Untersuchungsgegenstand, weite Erkenntnisperspektive

Als Prototyp für einen Untersuchungsgegenstand der Mikrogeschichte wird meist ein Dorf genannt; damit wäre Lampedusa, eine sehr kleine Insel, durchaus vergleichbar. Gefragt muß aber vor allem werden, welchen Sinn eine solche Begrenzung haben kann. Dressel sieht diesen Sinn in der Überschaubarkeit des Gegen-standes, die es ermöglicht, sowohl in die Tiefe zu gehen als auch so umfassend wie möglich zu arbeiten. „Der genauere und tiefere Blick eröffnet plötzlich Zusammenhänge und Bedeutungen, die im ersten Moment dem Historiker oder der Hi-storikerin als unwichtig und unbedeutend erscheinen mögen.“[11] Man könne damit auch sehr fremden Logiken, nach denen das Soziale und Kulturelle organisiert ist, auf die Spur kommen. Damit werde die Bedeutung, die die Elemente einer Kultur für die betreffende soziale Gruppe haben, in den Vordergrund gerückt, Beziehungen zwischen den einzelnen Elementen können rekonstruiert und Beziehungsgeflechte nachgezeichnet werden. Dies werde dadurch möglich, daß der/die Forschende „wie mit einem Mikroskop“[12] an den Untersuchungsgegenstand herangeht.

[...]


[1] G. Dressel, 1996, S.17

[2] H. Friese, 1996, S.11

[3] a.a.O., S.18

[4] a.a.O., S.12

[5] a.a.O., S.21

[6] a.a.O., S.11

[7] G. Dressel, 1996, S.230

[8] a.a.O., S.229ff

[9] a.a.O., S.258

[10] a.a.O., S.172-173, S.187-193, S.246-250; G. Dressel 1997, S.30-32

[11] G. Dressel, 1997, S.31

[12] G. Dressel, 1996, S.190

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Heidrun Friese: Lampedusa - Kann das Werk der Historischen Anthropologie im Sinne der Geschichtswissenschaften zugerechnet werden?
Hochschule
Universität Wien  (Institut für Wirtschafts- und Sozialgeschichte)
Veranstaltung
Lehrveranstaltung Wissenschaftstheorie I: Paradigmenwechsel in der Geschichtswissenschaft?
Note
1
Autor
Jahr
1998
Seiten
23
Katalognummer
V18734
ISBN (eBook)
9783638230063
Dateigröße
565 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Heidrun, Friese, Lampedusa, Kann, Werk, Historischen, Anthropologie, Sinne, Geschichtswissenschaften, Lehrveranstaltung, Wissenschaftstheorie, Paradigmenwechsel, Geschichtswissenschaft
Arbeit zitieren
Ilsemarie Walter (Autor), 1998, Heidrun Friese: Lampedusa - Kann das Werk der Historischen Anthropologie im Sinne der Geschichtswissenschaften zugerechnet werden?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18734

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