Ausgehend von einer Aussage Kurt Weis’, mit dem Aufkommen der Fotografie habe eine ganz neue Codierung von Zeit begonnen, geht diese Arbeit der Frage nach, was diese Erfindung zu ihrer Zeit bedeutete und welche Veränderungen sie mit sich brachte.
Zur Erfindung der Fotografie mussten Kenntnisse aus zwei Wissenschaften kombiniert werden: aus der Physik/Optik zur Herstellung der Kamera und aus der Chemie zur Fixierung des Bildes. Die ersten Verfahren, die in den ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts entstanden, waren Positivverfahren, mit denen nur Unikate hergestellt werden konnten. Sie wurden in der zweiten Hälfte der 1850er Jahre von der Fotografie im engeren Sinn verdrängt, die mit einem Negativverfahren arbeitete und damit die Herstellung vieler Kopien ermöglichte. Die ersten Belichtungszeiten waren noch sehr lang. Erst ab Anfang der 1850er Jahre waren die technischen Voraussetzungen für die sogenannte „Momentaufnahme“ erfüllt. Während bisher hauptsächlich Portraits gemacht bzw. Architektur, Stilleben u. ähnl. abgebildet wurden, konnte sich nun auch die sogenannte „Dokumentarfotografie“ entwickeln. Die ersten ausführlichen Kriegsberichte erschienen aus dem Krimkrieg 1853 - 1856; später dann aus dem amerikanischen Bürgerkrieg (1861-1865). Eine äußerst wichtige Entwicklung stellten auch die systematischen Bewegungsstudien dar, die in den 1870er und 1880er Jahren begannen.
In der Literatur herrscht Einigkeit darüber, dass die Fotografie und ganz besonders die Bewegungsaufnahmen die menschliche Wahrnehmung wesentlich verändert haben. Dabei wird verschieden argumentiert. Wo die Fotografie mit Gemälden oder Zeichnungen verglichen wird, herrschen negative Aussagen über die Fotografie vor. Die Fotografie gilt dann als etwas Erstarrtes, Totes, Unnatürliches, Unmenschliches, etwas, das nicht die „wirkliche Realität“ wiedergibt. Die Vertreter einer anderen Argumentationskette sind von der Entwicklung der neuen elektronischen Medien fasziniert und sehen darin eine fast unbeschränkte Verfügbarkeit über Zeit und Raum. Vergangenheit und Zukunft würden zu Gegenwart, die Zeit „schrumpfe“; mit der Fotografie habe diese Entwicklung begonnen. Andere wiederum betonen die große Möglichkeit der Meinungsbeeinflussung durch die Art der Darstellung und die Auswahl der Bilder. Jedenfalls hat die Erfindung der Fotografie wesentliche Veränderungen eingeleitet, die möglicherweise noch gar nicht abgeschlossen sind.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Einige wichtige Daten aus der Geschichte der Fotografie
3. Die Fotografie - eine Neucodierung der Zeit?
3.1. Festhalten der Zeit
3.2. Verfügbarkeit über Zeit und Raum
3.3. Kybernetische Struktur
3.4. „Sichtbarmachen des Unsichtbaren“
3.5. Beliebige Reproduzierbarkeit
4. Fotografie, Zeit und Wahrnehmung
4.1. Belichtungszeiten und „Momentaufnahmen“
4.2. Bewegungsaufnahmen - der „Blick in die Tiefe der Zeit“
5. Gilbreth - die Fotografie im Dienste des Zeitmanagements
6. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Zusammenhang zwischen der Erfindung der Fotografie und der menschlichen Wahrnehmung von Zeit. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie die Fotografie als Medium unsere Zeitvorstellungen geprägt, Wahrnehmungsänderungen induziert und Prozesse des Zeitmanagements beeinflusst hat.
- Historische Entwicklung der Fotografie und ihre frühe Wahrnehmung
- Die Fotografie als Mittel zur „Neucodierung“ und Arretierung der Zeit
- Veränderung der Wahrnehmung durch Moment- und Bewegungsaufnahmen
- Wissenschaftliche und industrielle Anwendung fotografischer Zeitstudien
- Philosophische Perspektiven auf die Beziehung von Technik, Raum und Zeit
Auszug aus dem Buch
3.1. Festhalten der Zeit
Einer der häufigsten Gedanken, die in der Literatur zu finden sind - und vielleicht auch der nächstliegende - ist der, daß die Fotografie die Zeit anhält. Die Umschreibungen dafür sind vielfältig und reichen von „Bewahrung des Augenblicks“ (einem Ausdruck, den man im Sinn der sozialgeschichtlichen Böhlau-Reihe „Damit es nicht verloren geht“ interpretieren könnte) über „Stillegung der Zeit“ und „angehaltene Zeit“ bis zu „Arretierung der Zeit“.
Bereits in den Zeiten der Daguerreotypie findet sich diese Idee des „Aufbewahrens“ oder „Sicherstellens“. Die Verse „Secure the shadow 'ere the substance fade / Let Nature imitate what Nature made“ - in der deutschen Fassung: „Bewahr den Schatten, wo der Stoff verfliegt / Natur laß imitieren, was die Natur gefügt - diente als Werbespruch für die Daguerreotypie.
Die Fotografie kam mit ihrer Möglichkeit des „Aufbewahrens“ einem Bedürfnis des aufsteigenden Bürgertums des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts entgegen, als in einer Zeit der durch die Modernisierung bedingten raschen Änderungen wenigstens der „Schatten“ dessen, was vom Untergang bedroht war, aufbewahrt werden sollte. Einerseits war es die familiäre Identität, deren man sich versichern wollte; das Sammeln von Familienportraits - ab den 1850er Jahren in Fotoalben - kann als bürgerliches Pendant zur Ahnengalerie der Adeligen angesehen werden.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Die Autorin legt dar, wie die Erfindung der Fotografie als neue Codierung von Zeit verstanden werden kann und welche Forschungsfragen sich aus der historischen Rezeption des Mediums ergeben.
2. Einige wichtige Daten aus der Geschichte der Fotografie: Dieses Kapitel skizziert die technischen Grundlagen und Meilensteine, von der Camera obscura über die Daguerreotypie bis hin zur industriellen Etablierung des Negativverfahrens.
3. Die Fotografie - eine Neucodierung der Zeit?: Hier werden fünf zentrale Motive analysiert, darunter das Festhalten der Zeit, die Verfügbarkeit über Raum und Zeit sowie die kybernetische Struktur des Apparates.
4. Fotografie, Zeit und Wahrnehmung: Das Kapitel befasst sich mit der technischen Verkürzung von Belichtungszeiten und der Bedeutung der Bewegungsstudien von Muybridge und Marey für unser Verständnis von Zeit.
5. Gilbreth - die Fotografie im Dienste des Zeitmanagements: Dieser Abschnitt zeigt auf, wie fotografische Bewegungsstudien im Kontext des wissenschaftlichen Managements zur Optimierung von Arbeitsabläufen genutzt wurden.
6. Zusammenfassung: Die Autorin resümiert die zwei Hauptargumentationsstränge der Literatur und reflektiert ihre eigenen Beobachtungen zur Veränderung der Sehgewohnheiten durch fotografische Bilder.
Schlüsselwörter
Fotografie, Zeitwahrnehmung, Bewegungsstudien, Momentaufnahme, Zeitmanagement, Industriegeschichte, Wahrnehmungsgeschichte, Camera obscura, Daguerreotypie, Chronophotografie, Technikphilosophie, Industrialisierung des Blicks, Festhalten der Zeit, Zeitcodierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das Verhältnis zwischen der Erfindung der Fotografie und den sich wandelnden Vorstellungen von Zeit, Raum und menschlicher Wahrnehmung im 19. und frühen 20. Jahrhundert.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den Schwerpunkten zählen die historische Entwicklung der Fotografie, ihre Bedeutung als Medium zur "Arretierung" von Zeit, sowie die Anwendung fotografischer Analysen in Wissenschaft und Arbeitsprozessen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Auswirkungen der Fotografie auf das menschliche Zeitverständnis zu analysieren und zu begründen, warum das Aufkommen der Fotografie als "Neucodierung der Zeit" bezeichnet werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse philosophischer, soziologischer und mediengeschichtlicher Beiträge, ergänzt durch historische Daten und Bildanalysen bekannter Bewegungsstudien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die theoretische Auseinandersetzung mit Zeitmotiven in der Fotografie, eine technische Analyse der Momentaufnahme sowie eine Fallstudie zu Gilbreths Einsatz der Fotografie im Zeitmanagement.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die zentralen Begriffe sind Fotografie, Zeitwahrnehmung, Bewegungsstudien, Momentaufnahme, Zeitmanagement und die Industrialisierung des visuellen Blicks.
Wie unterscheidet sich die "Momentaufnahme" laut der Autorin von der philosophischen Sichtweise?
Im Gegensatz zum abstrakten "Augenblick" der Philosophie ist die fotografische Momentaufnahme an eine technisch definierte kurze Belichtungszeit gebunden, die eine neue Art des Sehens ermöglicht.
Welche Rolle spielt Frank B. Gilbreth in der Arbeit?
Gilbreth wird als prominentes Beispiel für die instrumentelle Nutzung der Fotografie angeführt, wobei er das Medium zur Analyse und Optimierung menschlicher Arbeitsbewegungen im Sinne des Taylorismus einsetzte.
- Quote paper
- Ilsemarie Walter (Author), 1999, „Geronnene Zeit“ und/oder „Blick in die Tiefe der Zeit“? , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18737