Das Bedürfnis der Menschheit nach Reproduktion von Gegenständen oder gar der Imitation von Verhaltensweisen scheint eine im menschlichen Organismus selbst manifestierte Eigenschaft zu sein, die uns das Überleben in einem bestimmten und abgegrenzten Raum erleichtern soll. Die Herstellung uniformer Werkzeuge, militärischer Waffensysteme und die stilistischen Gemeinsamkeiten im Bereich der Baukunst zeugen schon früh vom menschlichen Trieb zum Rationalismus, ganz im Sinne der McLuhan`schen Prothesentheorie. Sich dieser historischen und jüngst sogar medienwissenschaftlichen Ereigniskette bewusst, unterscheidet Walter Benjamin in seinem Kunstwerkaufsatz explizit zwischen Original, Nachbildung und technischer Reproduktion. Die Darlegungen Benjamins, welcher vom Haus aus als Kunstkritiker gilt, verleiten nur allzu leicht dazu, den Überblick zu verlieren. Daher bietet es sich an, die von ihm aufgeführten Begrifflichkeiten separiert zu analysieren und im Anschluss verstärkt auf die Auswirkungen seines Aufsatzes in Bezug auf die heutige Kunst-, Medien- und Bildtheorie einzugehen. Ob und in welcher Art und Weise seine Arbeit noch heutzutage Aktualität besitzt, soll im Folgenden an Hand von kritischen Denkansätzen und den Arbeiten von Andy Warhol und Douglas Crimp betrachtet werden. Um in angemessenem Maße den medienrevolutionären Charakter seiner interdisziplinären Werke hervorzuheben, wird der unabstreitbaren Relevanz der Erfindung Gutenbergs bezüglich technischer Reproduktion, zumindest in dieser Arbeit und entgegen der gängigen Praxis, kein bis wenig Platz zur Erörterung bereitgestellt.
Inhaltsverzeichnis
1. Vorwort
2. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit
2.1 Die „Aura“- Walter Benjamin
2.2 Technische Reproduzierbarkeit – Walter Benjamin
3. Der Kunstwerkaufsatz und seine Auswirkung auf die Bild- und Medientheorie
4. Andy Warhol und Walter Benjamins These vom Auraverlust
4.1 Andy Warhol
4.2 Andy Warhols Reproduktion der Mona Lisa
5. Douglas Crimp
5.1 Die „angeeignete Aura“
6. Schlussbemerkungen
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Relevanz von Walter Benjamins kunsttheoretischen Thesen zur „Aura“ und zur technischen Reproduzierbarkeit im Kontext der zeitgenössischen Kunst. Ziel ist es, zu analysieren, inwiefern Benjamins Konzepte auf die Werke von Andy Warhol und die postmoderne Kunstauffassung eines Douglas Crimp übertragbar sind oder durch diese herausgefordert werden.
- Walter Benjamins Konzept der „Aura“ und ihre Bindung an Tradition und Originalität.
- Die Auswirkungen technischer Reproduzierbarkeit auf die menschliche Wahrnehmung.
- Die Transformation des Kunstbegriffs durch die Pop-Art am Beispiel von Andy Warhols Siebdrucken.
- Postmoderne Ansätze: Douglas Crimps „angeeignete Aura“ und die Strategie des Zitierens.
- Kritische Reflexion über die Beständigkeit medientheoretischer Standards in der Gegenwart.
Auszug aus dem Buch
4.2 Andy Warhols Reproduktion der Mona Lisa
Am Beispiel der Mona Lisa Paraphrase Thirty Are Better Than One soll versucht werden, einen Teil der Gedanken- und Ideenwelt von Andy Warhols Kunst, dem Leser näher zu bringen und zu zeigen welche Unterschiede und Parallelen zu Walter Benjamin bestehen.
Thirty Are Better Than One gehört zur Adaption Leonardos Gemälde in die Kunst und Werbung. Trotz dessen, dass das Werk Einzigartigkeit und unendliche Wiederholung verbindet, weisen die Einzeldrucke von Thirty Are Better Than One unter den einzelnen Bildern qualitative Unterschiede auf. Teils ist die Mona Lisa zu dunkel, teils hingegen zu schwach und verwischt gedruckt. Durch den Verzicht auf Farbe, der Landschaft im Hintergrund und die für die Verhältnisse der Reproduktionstechnik nur bescheidenen Reproduktionen, betonen Warhols Arbeiten ihren Status als Reproduktionen und streben somit eine Abgrenzung zum Original an.
Auf einer Leinwand sind aneinandergrenzend fünf Reihen von jeweils sechs Mona Lisas zu einem gitterförmigen Muster zusammengefügt. Mit dem Aspekt des Seriellen macht Warhol auf die Kommerzialisierung seiner Motive aufmerksam. Thirty Are Better Than One führt auf diese Weise gleich beide Folgen der technischen Reproduktion vor Augen: sowohl die qualitative Verminderung des Originals im einzelnen Druck wie auch die quantitative Vermehrung des Originals aufgrund der Möglichkeit der unbegrenzten Wiederholung. Durch diese dreißigfache serielle Wiederholung des Mona Lisas Motivs scheint Warhol Walter Benjamin These von der „Tendenz einer Überwindung des Einmaligen“, schon in diesem einzigen Werk buchstäblich nachzugehen. Durch die unzähligen Reproduktionen der Mona Lisa Leonardos, darunter auch jene von Warhol, scheint weder „die Autorität“ des Originals „ins Wanken geraten“, noch hat es sich „von seinem parasitären Dasein am Ritual emanzipiert“. Deswegen scheint Benjamins These für den Mona Lisa Fall nicht überzeugend zu sein.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Vorwort: Das Kapitel führt in die menschliche Neigung zur Reproduktion ein und skizziert das Vorhaben, Benjamins Theorien anhand moderner künstlerischer Positionen zu hinterfragen.
2. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technischen Reproduzierbarkeit: Hier werden die zentralen Begriffe „Aura“ als „Hier und Jetzt“ sowie die technischen Voraussetzungen der Reproduzierbarkeit definiert und theoretisch eingeordnet.
3. Der Kunstwerkaufsatz und seine Auswirkung auf die Bild- und Medientheorie: Dieses Kapitel beleuchtet Benjamins Einfluss auf verschiedene Forschungsfelder und seine medientheoretische Bedeutung für die Gesellschaft.
4. Andy Warhol und Walter Benjamins These vom Auraverlust: Anhand der Pop-Art und spezieller Werke wird untersucht, ob Warhols serielle Arbeitsweise den von Benjamin postulierten „Auraverlust“ bestätigt oder unterläuft.
5. Douglas Crimp: Dieser Abschnitt analysiert die postmoderne Perspektive von Douglas Crimp und dessen Konzept der „angeeigneten Aura“ als Antwort auf Benjamin.
6. Schlussbemerkungen: Die Arbeit fasst zusammen, dass Benjamins Thesen zwar medientheoretische Standards setzen, aber durch die künstlerische Praxis des Zitierens und die „angeeignete Aura“ eine notwendige Ausdifferenzierung erfahren müssen.
Schlüsselwörter
Walter Benjamin, Technische Reproduzierbarkeit, Aura, Andy Warhol, Pop-Art, Mona Lisa, Douglas Crimp, Postmoderne, Appropriation Art, Kultwert, Ausstellungswert, Medienwissenschaft, Bildtheorie, Repräsentation, Aurawandel.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Relevanz und Anwendbarkeit der medientheoretischen Thesen von Walter Benjamin, insbesondere hinsichtlich seines Begriffs der Aura und der technischen Reproduzierbarkeit, auf die Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts.
Welche Themenfelder stehen im Zentrum?
Im Zentrum stehen die Konzepte von Original und Kopie, die Wirkung technischer Medien auf die menschliche Wahrnehmung sowie die Verschiebung von Kultwert zu Ausstellungswert in der Kunst.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, Benjamins Thesen mit konkreten Fallbeispielen – namentlich der Pop-Art von Andy Warhol und der postmodernen Appropriation-Art eines Douglas Crimp – abzugleichen, um zu prüfen, ob sie heute noch als Erklärungsmuster dienen können.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine literatur- und medientheoretische Untersuchung, die theoretische Grundbegriffe durch die Analyse spezifischer Kunstwerke und kritischer Texte einer empirischen Überprüfung im kunstgeschichtlichen Kontext unterzieht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in Benjamins Terminologie, die Analyse der künstlerischen Praxis von Andy Warhol sowie die Diskussion der postmodernen Gegenpositionen von Douglas Crimp.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Aura, technische Reproduktion, Kultwert, Appropriation, Serialität und der Wandel der künstlerischen Wahrnehmung.
Warum wird speziell das Werk von Andy Warhol als Beispiel herangezogen?
Warhol nutzte den Siebdruck, ein Verfahren der technischen Reproduktion, massiv in seinen Arbeiten. Damit verkörpert er die „technische Reproduzierbarkeit“ in der Kunst, was ihn zum idealen Objekt für einen Abgleich mit Benjamins Prognosen macht.
Was versteht man in dieser Arbeit unter der „angeeigneten Aura“?
Dieser von Douglas Crimp geprägte Begriff beschreibt eine spezifisch postmoderne Ästhetik, bei der Künstler sich fremde Bildwelten aneignen, um eine neue, auf Absenz und Zitaten basierende Form von Bedeutung zu schaffen.
- Quote paper
- Daria Rybalov (Author), 2011, Was versteht Walter Benjamin unter Aura und was unter technischer Reproduzierbarkeit? Wie lässt sich der enorme Einfluss des Kunstwerkaufsatzes auf die gegenwärtige Kunst anwenden?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187385