Interkulturelle Kompetenz und sozialarbeiterische Professionalität

Interkulturelle Öffnung


Seminararbeit, 2011
19 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Kultur
2.1. Ein Beispiel
2.2. Das Eisbergmodell

3. Modelle der Interkulturellen Kompetenz
3.1. Pyramidenmodell
3.2. Prozessmodell

4. Soziale Arbeit im interkulturellen Kontext

5. Professionalität
5.1. Sozialarbeiterische Professionalität
5.2. Organisationelle Professionalität

6. Kritik

7. Schluss

8. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Deutschland wandelt sich mehr und mehr zu einer multikulturellen Gesellschaft, welche durch die verschiedenartigen kulturellen Hintergründe, Konfessionen, Ethnien und dem verschiedenen Aussehen der Menschen geprägt ist. Dass diese Unterschiede ebenso Probleme mit sich bringen und damit die Unterstützung durch die Sozialen Arbeit rechtfertigen, werden die zwei nachfolgenden Tabellen des Statistischen Bundesamtes verdeutlichen, die zum einen den Grad des Schulabschlusses und zum anderen den Anteil des Erwerbslebens in Bezug auf die Migration darstellen:

So zeigt sich in Abbildung 1 „Bevölkerung 2009 nach Migrationsstatus und höchstem allgemeinen Schulabschluss“, dass 82 Prozent weniger Menschen mit Migrationshintergrund (9.927) einen Schulabschluss besitzen als die Einheimischen (55.554). Der Bevölkerungsanteil ohne Migrationshintergrund, der einen Schulabschluss erreicht hat, weist zudem einen deutlich geringeren Grad des erreichten Abschlusses da, was im Vergleich zu der Anzahl der Oberschul- Abitur- Realschul- Fachhochschul- und Hauptschulabschlüsse erkennbar wird. Demnach erhalten z.B. 76 Prozent weniger Menschen mit Migrationshintergrund das Abitur als Menschen ohne Migrationshintergrund.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1 Statistisches Bundesamt, Bevölkerung 2009 nach Migrationsstatus und höchstem allgemeinem Schulabschluss[1]

Dieser Trend zeichnet sich ebenfalls in der Abbildung 2 ab, in der die Beteiligung am Erwerbsleben von Menschen mit und ohne Migrationshintergrund verglichen wird. Die Gegenüberstellung zeigt auch hier deutlich, dass große Unterschiede im Migrationskontext bestehen, wie hier bei dem Anteil der Erwerbslosen. Der Statistik zufolge sind 6,3 Prozent der Menschen mit Migrationshintergrund erwerbslos, was einen beinahe doppelt so hohen Anteil ausmacht, als bei den Migrationslosen mit 3,4 Prozent.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2 Statistisches Bundesamt, Bevölkerung 2009 nach Migrationsstatus und Beteiligung am Erwerbsleben[2]

Dass ein Verlangen und eine Forderung nach einer besondere Form der Kompetenz im Hinblick auf internationale Faktoren besteht, erkennt man daran, dass „die interkulturelle Zusammenarbeit und Förderung der Verständigung von Personen unterschiedlicher kultureller Herkunft und Zugehörigkeit […] für viele Menschen zum Gegenstand persönlicher Ausbildungsziele, beruflicher Zukunftsperspektiven und des zivilgesellschaftlichen Engagements avanciert“ (Otten/Scheitza/Cnyrim, 2009:15). Dies zeigt, dass der interkulturelle Faktor viele Bereiche des Lebens wie Ausbildung, Arbeit und Umfeld umfasst und somit in allen Gebieten integriert wird. Damit diese Zusammenarbeit gelingen kann, ist die interkulturelle Kompetenz nötig, die im Berufsfeld der Sozialen Arbeit in die Professionalität mit impliziert sein muss.[3]

2. Kultur

In der Literatur sind zum Stickwort Kultur unzählige Definitionen und Versuche der Eingrenzung zu finden. Dass dies aber kaum möglich ist, bekräftigt Eagleton folgendermaßen:

„Das Wort << Kultur >> ist wohl eines der komplexesten unserer Sprache – an Bedeutungen wird es nur übertroffen von dem Wort << Natur >> , das mitunter als sein Gegenteil gilt“

(Eagleton, 2009:7)

An einem Beispiel von 1985, das auf einen Vergleich zu heute bezogen wird und dem Eisbergmodell von Brake/Walker/Walker weiter verdeutlichen, um was es sich bei Kultur und Kulturunterschiede handelt.

2.1. Ein Beispiel

Dass im Umgang mit den oben festgestellten und bestehenden Ungleichheiten zwischen Einheimischen und Migranten im Hinblick auf den Auslandskontext Kompetenzen benötigt werden, kurz gesagt Interkulturelle Kompetenz, verdeutlicht der Artikel „Gefährliche Komplimente – Für den Umgang mit Ausländern sind deutsche Polizisten schlecht gerüstet“, den Spiegel 1985 veröffentlichte. Dieser zeigt die damals herrschende Nichtkompetenz der Polizei gegenüber ausländischen Einwanderern:

Im Falle des Polizeibeamten Frank Giesler (24 Jahre) und Dieter Rudolf (22 Jahre) geriet ein Routineeinsatz außer Kontrolle, als die beiden gegen Abend kurz nach Weihnachten gerufen wurden. Sie sollten dabei lediglich einen Streit zwischen einem Postbeamten und dem arbeitslosen Cevat Karaxayli (34 Jahre) schlichten, da sich der Türke weigerte, die Rate des neugekauften Staubsaugers zu zahlen, die der Postbeamte nach Dienstschluss in dessen Wohnung kassieren wollte. Doch anstatt die Situation zu entschärfen, hielten sie ihn gewaltsam fest und forderten daraufhin Verstärkung an. Als die Kollegen nach einer knappen Viertelstunde eintrafen, hatten die zwei jungen Polizeibeamten den Fall bereits auf andere Weise erledigt: Der Polizist Frank Giesler hatte den sechsfachen Familienvater unversehens erwürgt.[4]

Es stellt sich nun die Frage, ob es zu diesem Unglück kam, da die Polizisten nicht über die nötigen Kompetenzen im Umgang mit fremden Kulturen verfügten und sie sich folglich nicht in der Lage befanden, aus der Sichtweise des türkisch stämmigen Familienvaters zu agieren und damit die Situation friedlich zu klären. 1985 galten Polizisten „im Umgang mit Türken, Jugoslawen oder Italienern als schlecht gerüstet, reagieren maßlos, neigen zu Aggressionen und Gewalt. Vorurteile, mangelndes Einfühlungsvermögen und Sprachbarrieren führen zu Konflikten zwischen Ausländern und Polizisten. Selbst bei gewöhnlichen Personen- oder Verkehrskontrollen kommt es zu handgreiflichen Auseinandersetzungen“ (DER SPIEGEL 9/1985). Es ist offensichtlich, dass zu jener Zeit nur vereinzelt Polizisten in Fortbildungsseminaren auf Konfrontationen mit Ausländern vorbereitet wurden.[5]

Dass es Jahre später auch anders geht, zeigt der Artikel „Einwanderer – Eins, zwei, Mulikulti-Polizei“ von Jan Söfjer, der heute das genaue Gegenteil zum obigen Fall darstellt. Hier werden gezielt Polizeibeamte aus Einwandererfamilien gesucht, bei denen der bereits bestehende kulturelle Hintergrund geschätzt wird, der in ihrer täglichen Arbeit mit Mitmenschen mit Migrationshintergrund positiv zum Ausdruck kommt. Das besondere am Projekt ist dabei, dass früher vor allem der Notendurchschnitt entschied, wer Polizist werden konnte und wer nicht, heute gibt es nur noch Tests: Ein Online-Vortest, ein Einstellungstest, ein Interview, einen Sporttest und eine Tauglichkeitsuntersuchung.[6] Dabei wird im Hinblick mit dem in der Einleitung festgestellten Grad des erreichten Schulabschlusses unter Jugendlichen mit Migrationshintergrund auf dessen schlechte Vergleiche zu Deutschen eingegangen und diese in den Hintergrund gerückt, so dass sich die negative Schullaufbahn nicht auch im Erwerbsleben (wie unter Abb. 2) weiter vollzieht.

Um die Kulturunterschiede in dem Beispiel der zwei Polizisten zu verdeutlichen, müssen wir auf die Kultur und ihre Besonderheiten der türkischen Nation eingehen. So sollte ein Polizist, der die Wohnung einer türkischen Familie betritt, besonders einfühlsam vorgehen, um Konflikte zu vermeiden: "Begrüßt der Beamte zuerst die Frau", warnt Hans-Joachim Jankus, Ausländerexperte bei der Berliner Polizei, "macht er einen entscheidenden Fehler." Belebt er das Gespräch gar mit einem Kompliment an die Dame des Hauses, beleidigt er den Ehemann, anstatt ihm zu schmeicheln. Zudem sei es in türkischen Familien nicht üblich, dass Postbeamte am Abend nach Dienstschluss noch vorbei kommen um zu kassieren. So lässt sich zumindest im Polizeidienst feststellen, dass von 1985 bis 2011 bereits ein gravierender Wandel im Hinblick auf die kulturelle Kompetenz erzielt wurde.

2.2. Das Eisbergmodell

Öztürk (2008) verwendet in seinem Artikel Professionalität im „globalen Dorf“: interkulturelle Kompetenz in der Weiterbildung für die Beschreibung und Eingrenzung von Kultur das Eisbergmodell von Brake/Walker/Walker (1995), das einer ausgedehnten Darstellung entspricht, die vor allem exemplarisch für die Unterscheidung von Oberflächen- und Tiefenstrukturen, also sichtbaren und unsichtbaren Kulturaspekten definiert wird. Dabei ragt nur die kleine Spitze des „Kultureisbergs“ aus dem Wasser, so z.B. die Kleidung, Musik, Begrüßungsrituale und die Sprache. Die unsichtbaren Aspekte wie Erziehung, Rollenbilder und Leistung bleiben verborgen, sind von außen nicht sichtbar und erhöhen die Wahrscheinlichkeit für auftretende Missverständnisse zwischen zwei verschiedenen Kulturkreisen (siehe Abb. 2).[7]

3. Modelle der Interkulturellen Kompetenz

Um zu verdeutlichen, um was es sich bei Interkultureller Kompetenz handelt, bzw. welche Fähigkeiten und Eigenschaften diese fordert, werden nachfolgend das Pyramidenmodell und das Prozessmodell von Deardorff näher betrachtet. Die beiden Modelle wurden durch die Delphi-Befragung ermittelt, bei dem 23 führende US-amerikanische Experten Definitionen für Interkulturelle Kompetenz erarbeitet haben.[8]

3.1. Pyramidenmodell

Im Pyramidenmodell (siehe Abb. 4) wird visuell dargestellt, was unter Interkultureller Kompetenz zu verstehen ist. Dabei unterscheidet Deardorff vier verschiedene Kompetenzgrade, die aufbauend aufeinander erreicht werden, es muss also eine gewisse Basis für weitere Kompetenzen vorhanden sein. Dies beinhaltet zudem, dass „je höher der Kompetenzgrad einer Person ist, d.h. je mehr Kompetenzen bereits vorhanden sind bzw. erworben wurden, umso höher ist auch die Wahrscheinlichkeit, dass eine Person interkulturell kompetent interagiert und somit die erwünschte externe Wirkung erzielt“ (Bannenberg, 2011:106).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4 Pyramid Model of Intercultural Competence, S. 13: Quelle: D. K. Deardorff, 2009

Diese erste Stufe „Erforderliche Haltung und Fähigkeiten“ beinhaltet Werte wie Respekt und Wertschätzung anderer Kulturen, die Offenheit und Unvoreingenommenheit gegenüber interkulturellem Lernen und Menschen anderer Kulturen sowie Neugier und Entdeckergeist. Diese eben genannten Werte schaffen die Basis und sollen bei interkulturellen Interaktionen verfügbar sein, damit eine Kommunikation und zugleich ein gemeinsamer Zweck trotz kultureller Unterschiede bestehen können.

Aufbauend auf dieser Ebene sind Wissen und Verständnis in Hinsicht auf ein umfassendes Kulturverständnis (bezogen auf Kontext, Rolle und Auswirkung anderer Weltanschauungen) und kulturspezifische Informationen in einer Wechselwirkung mit Fähigkeiten wie aufmerksames Zuhören und Beobachten, Interpretieren, Analysieren, Bewerten und Zuordnen, die bezugnehmend auf dem Wissen und Verständnis angewendet werden, zu sehen. Resultierend auf dem Wissen und Verständnis, sind sich die Interakteure somit ihrer eigenen und fremden kulturabhängigen Bräuche bewusst.

In der dritten Ebene werden die internen Wirkungen definiert, die einen Perspektivenwechsel und eine Verlagerung des Referenzsystems, die Anpassungsfähigkeit an andere Kommunikationsstile und Verhaltensweisen, Flexibilität in der Auswahl und Anwendung angemessener Kommunikationsstiele und zudem Empathie einschließt.

[...]


[1] Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung 2009 nach Migrationsstatus und höchstem allgemeinem Schulabschluss

[2] Statistisches Bundesamt (2009): Bevölkerung 2009 nach Migrationsstatus und Beteiligung am Erwerbsleben

[3] Vlg. Otten, M., Scheitza, Al, Cnyrim, A. (2009): Interkulturelle Kompetenz im Wandel 1, S. 15

[4] Vgl. DER SPIEGEL 9/1985

[5] Vgl. DER SPIEGEL 9/1985

[6] Vgl. DER SPIEGEL: Söfjer, J. (2011): Einwanderer: Eins, zwei, Multikulti-Polizei

[7] Vgl. Öztürk, H. (2008): Professionalität im „globalen Dorf“: Interkulturelle Kompetenz in der Weiterbildung

[8] Vgl. Bertelsmann Stiftung (2006): Thesenpapier auf Basis der Interkulturellen-Kompetenz-Modelle von D.K. Deardorff: Interkulturelle Kompetenz – Schlüsselkompetenz des 21. Jahrhunderts?, S. 13

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Interkulturelle Kompetenz und sozialarbeiterische Professionalität
Untertitel
Interkulturelle Öffnung
Hochschule
Katholische Universität Eichstätt-Ingolstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
19
Katalognummer
V187417
ISBN (eBook)
9783656107286
ISBN (Buch)
9783656107460
Dateigröße
665 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
interkulturelle, kompetenz, professionalität, öffnung
Arbeit zitieren
Daniela Brieschenk (Autor), 2011, Interkulturelle Kompetenz und sozialarbeiterische Professionalität, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187417

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