"Die Ordnung des Diskurses" - Michel Foucault

Zwischen Diskurs und Subjekt. Gegenstände eines Autors.


Essay, 2011
6 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

„Man weiß, dass man nicht das Recht hat, alles zu sagen, daß man nicht bei jeder Gelegenheit von allem sprechen kann, daß schließlich nicht jeder beliebige über alles beliebige reden kann“ [1] .

Dieser Satz aus Foucaults „Ordnung der Dinge“ (1970) bezeugt einen wesentlichen Grundsatz aller je geführten Diskurse und ist zudem ein essentieller Bestandteil von Gesellschaften: das Verbot. Das Zitat beinhaltet dabei drei Typen von Verboten: Tabu des Gegenstandes, Ritual der Umstände und ein bevorzugtes oder ausschließliches Recht des sprechenden Subjekts. Der Titel „Die Ordnung des Diskurses“ deutet schon an, dass einem Diskurs eine gewisse Ordnung beiwohnt, die dadurch eine Gesellschaft in ihren Denkmodellen und Weltanschauungen systematisiert. Und welche Prozedur vermag dies am erfolgreichsten, als das Verbot? Schließlich werden so Regeln und Gesetze wirksam, indem man diese mit Bestrafungen jeglicher Art sanktioniert. So kehrt Ordnung in eine Gesellschaft ein.

Dieses „Ausschließungsprozedere“ ist aber nur eine von drei aufgeführten Prinzipien, die den Diskurs organisieren und dessen „Kräfte und…Gefahren…bändigen“[2] und damit die Realität erklären sollen. Eine weitere Prozedur ist die Grenzziehung bzw. Verwerfung. Foucault erklärt am Beispiel des „Wahnsinns“ und der „Vernunft“ eine solche Art von Grenze in der Zeit des Mittelalters. Meiner Auffassung nach besteht die Grenzziehung darin, welchen Worten man Vertrauen schenken konnte und welchen nicht. Das Wort des Wahnsinnigen „…g[a]lt für null und nichtig, es hat[te] weder Wahrheit noch Bedeutung“[3] im Gegensatz zu dem des vernünftigen Menschen. Aber welcher Mensch oder welche Gruppe von Menschen legt fest, wessen Geisteszustand dem eines Wahnsinnigen entsprach? Scheinbar war sich die Bevölkerung selbst nicht bewusst, wie sie diese Grenze handhaben sollten. Denn Foucault erklärt weiter: „[A]ndererseits kann es aber auch geschehen, dass man dem Wort des Wahnsinnigen im Gegensatz zu jedem andern eigenartige Kräfte zutraut: die Macht, eine verborgene Wahrheit zu sagen oder die Zukunft vorauszukünden oder in aller Naivität das zu sehen, was die Weisheit der andern nicht wahrzunehmen vermag.“[4] Ihm war es scheinbar auch ein Rätsel, dass immer gegensätzliche Auffassungen von Wahnsinn existierten und die Grenzen nicht klar gesteckt waren.

Aber der Diskurs des Wahnsinns musste einer Grenzziehung unterliegen, um – wie schon erwähnt – die Kräfte und Gefahren dieses Diskurses zu bannen. Was würde geschehen, wenn man Wahnsinn und Vernunft nicht mehr voneinander trennen könnte? Die Gefahr bestünde, dass man den Aussagen eines geistig labilen Menschen Glauben schenkt und sich z.B. selbst umbringt, nur weil jemand behauptet, morgen geht die Welt unter o.Ä. Selbst heute bestehen diese Grenzziehungen noch, „…sie [sind] nur anders gezogen….“[5] Desweiteren erschließt Foucault ein drittes Ausschließungssystem: Der Wille zur Wahrheit. Hierbei setzt er die Begriffe „Wahr“ und „Falsch“ entgegen und stellt sich der Frage, welche Grenzziehung unseren Willen zur Wahrheit bestimmt. Dabei geht er vor allem historisch vor und vergleicht verschiedene Diskurse im Laufe der Zeit. Während man im 6. Jahrhundert Achtung, Ehrfurcht und Unterwerfung dem „wahren“ Diskurs entgegenbrachte, weil er herrschend war, „…lag die höchste Wahrheit [schon ein Jahrhundert später] nicht mehr in dem, was der Diskurs war, oder in dem, was er tat, sie lag in dem was er sagte[.]“[6]

Diese drei Ausschließungsprozeduren wirken allerdings von außen, daher führt Foucault auch die inneren Operationen der Diskurse an, die „…ihre eigene Kontrolle selbst ausüben.“[7] Auch hier systematisiert Foucault wieder drei Faktoren: das Kommentar, der Autor und die Disziplin, die allesamt die Dimensionen des Zufalls und des Ereignisses bannen sollen. Zum Kommentar ist zu sagen, dass er einerseits ermöglicht, neue Diskurse zu konstruieren und andererseits kommt ihm die Aufgabe zu, „…das schließlich zu sagen, was dort [im Diskurs bzw. im Text] schon verschwiegen artikuliert war.“[8] Er stellt ein Gefälle zwischen Primärtext und Sekundärtext des Diskurses her. Der Autor - auch auf die Aufgabe der Bändigung des Zufalls gerichtet – ist „…als Prinzip der Gruppierung von Diskursen, als Einheit und Ursprung ihrer Bedeutungen, als Mittelpunkt ihres Zusammenhalts...“[9] notwendig. So wird verhindert, das banale, bedeutungslose Aussagen zum Teil eines Diskurses werden und er verhindert, dass die Zahl der Aussagen ins Unermessliche steigt. Ein Diskurs kann auch mit einem Autor zusammengefasst werden. Die Disziplin wirkt insoweit vom Inneren eines Diskurses, als das sie sich mit dem Wahrheitsgehalt einer bestimmten Aussage qualifizieren muss. Um einer Disziplin anzugehören, muss sich ein Satz „…auf eine bestimmte Gegenstandsebene beziehen, … muss… begriffliche oder technische Instrumente verwenden, die einem genau definierten Typ angehören… [und muss] sich einem bestimmten theoretischen Horizont einfügen…“[10]. Um einer Disziplin gerecht zu werden und ein Teil von ihr zu sein, kann man nur im „Wahren“ sein, wenn man die Regeln einer sogenannten „diskursiven Polizei“ gehorcht.[11]

Die „Verknappung des sprechenden Subjekts“ stellt eine dritte Kontrollmöglichkeit von Diskursen dar: es soll verhindern, dass jedermann Zugang zu bestimmten Diskursen hat. Wieder glieder Foucault diesen letzten Faktor. Auf der einen Seite steht das Ritual, indem definiert wird, welche Qualifikationen ein Individuum erfüllen muss, um Teil des Diskurses zu werden: „Es definiert die Gesten, die Verhaltensweisen, die Umstände und Zeichen, welche den Diskurse begleiten müssen…“[12]. Man kann also sagen, dass ein gewisser gemeinsamer Konsens über bestimmte Anschauungen gegeben sein muss, um dazuzugehören. Diskursgesellschaften als zweiter Faktor haben die Aufgabe, die Diskurse aufzubewahren und zu archivieren. Sie produzieren Wissen und verteilen es „.. sodass der Inhaber nicht enteignet wird“[13]. Ein dritter Faktor stellen die Doktrinen dar. Sie sind gewissermaßen das Gegenteil von Diskursgesellschaft, denn sie vertreten eher eine verbotene Denk- bzw. Handlungsweise. Die einzige erforderliche Bedingung, Mitglied einer Doktrin zu werden, besteht darin, dass man dieselben „…Wahrheiten [anerkennt] und [das Akzeptieren] einer – mehr oder weniger strengen – Regel der Übereinstimmung mit den für gültig erklärten Diskursen“[14] Sie binden die Menschen also an bestimmte Aussagen und verbietet ihnen im Gegenzug alle anderen.

Der vierte und letzte Punkt in diesem Bereich stellt die Aneignung von Wissen dar. Hier findet eine Verknappung des Subjekts insofern statt, dass die Gesellschaft größtenteils vorgibt, was man wissen darf und was nicht. In der Schule gibt es einen Lehrplan, in der Universität gibt es einen Lehrplan. Sogar im Kindergarten gibt es größtenteils Vorschriften, was ein Kind bei der Einschulung alles beherrschen muss. Allerdings geht es hierbei nicht nur um Gebote, sondern auch um Einschränkungen, schließlich kann man niemandem das komplette Wissen der gesamten Menschheit beibringen. Es muss eine Art Auswahl getroffen werden, was als wichtig für die Subjekte angesehen wird.

Die Soziologin Hannelore Bublitz (*1947) beschreibt in Kapitel drei ihrer Arbeit „ Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewußten : zum Wissensarchiv und Wissensbegehren moderner Gesellschaften “ die Kultur als einen gesellschaftlichen Machtfaktor[15]. Macht hat auch bei Foucault einen sehr hohen Stellenwert, denn Diskurse sind regelrecht durchzogen von Machtstrukturen. Hierbei ist aber nicht nur die klassische Unterwerfung eines Individuums durch höhere Gewalt gemeint, sondern ein vielfältigerer Machtbegriff.

Wenn die vorangegangenen Faktoren von Diskursen, die Foucault in „Die Ordnung des Diskurses“ betrachte, fällt mir sofort auf, dass es sich bei allen um Formen von Macht handelt, die der Diskurs über die Individuen einer Gesellschaft ausübt. Im Mittelalter zum Beispiel gab es nur einen „wahren“ Diskurs, dem es sich zu unterwerfen galt. Alle Menschen, die sich ihm nicht anschlossen, wurden gesellschaftlich sanktioniert und standen außerhalb von ihm. Weiter schreibt Bublitz, dass der Diskurs „sozial verankert“ ist und „…soziale Gruppen mit Denkweisen und mit Erfahrungen [versorgt].“[16] Diskurse in der Tat sozial verankert, denn das Wörtchen „sozial“ deutet schon an, dass es der Diskurs mit einer Gruppe zusammenhängt. Diese sogenannte „Gruppe“ ist die Gesellschaft, denn ohne denkende, sprechende Individuen gäbe es kein Wissen, was sich sammeln, archivieren und weitergeben lässt. Und ohne Wissen, gäbe es auch keine Diskurse, die das Ordnen von Wissen überhaupt erst möglich macht. Folglich sind Diskurse Ergebnis der Gesellschaft, gleichzeitig üben sie aber Macht über uns aus, denn wir sind ihnen unterstellt. Nicht umsonst wird unsere Gesellschaft als Wissens- oder Informationsgesellschaft bezeichnet, denn nie war das angesammelte Wissen so umfangreich wie heute. Und es schreitet immer weiter fort, mit großen Schritten.

[...]


[1] Foucault, Michel: Die Ordnung des Diskurses. Frankfurt, 1991. S. 11

[2] Ebd., S. 11

[3] Ebd., S. 12

[4] Ebd., S. 12

[5] Ebd., S. 13

[6] Ebd., S. 14

[7] Ebd., S. 17

[8] Ebd., S. 19

[9] Ebd.; S. 20

[10] Ebd., S. 23

[11] Ebd., S. 25

[12] Ebd., S. 27

[13] Ebd., S. 27

[14] Ebd., S. 29

[15] Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewussten : zum Wissensarchiv und Wissensbegehren moderner

Gesellschaften, Frankfurt/Main; New York: Campus-Verlag, 1999, S. 70

[16] Bublitz, Hannelore: Foucaults Archäologie des kulturellen Unbewussten : zum Wissensarchiv und Wissensbegehren moderner Gesellschaften, Frankfurt/Main; New York: Campus-Verlag, 1999, S. 69

Ende der Leseprobe aus 6 Seiten

Details

Titel
"Die Ordnung des Diskurses" - Michel Foucault
Untertitel
Zwischen Diskurs und Subjekt. Gegenstände eines Autors.
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Lektürekurs Foucault
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
6
Katalognummer
V187420
ISBN (eBook)
9783656107262
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ordnung, diskurses, michel, foucault, zwischen, diskurs, subjekt, gegenstände, autors
Arbeit zitieren
Nicole Friedrich (Autor), 2011, "Die Ordnung des Diskurses" - Michel Foucault, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187420

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