Mitleidskritik Nietzsche

Verächter der Nächstenliebe und des Mitleids. Kritik Friedrich Nietzsche in "Menschliches, Allzumenschliches"


Hausarbeit, 2010

11 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Nietzsches Kritik an Nächstenliebe und Mitleid in „Menschliches, Allzumenschliches“
1.1 Erster Band
1.2 Zweiter Band
1.3 Der Zusammenhang von Mitleid und Nächstenliebe

2. Nietzsches Abkehr von seinen früheren Meistern und Idealen
2.1 Der Bruch mit Wagner
2.2 Die Auseinandersetzung mit der Mitleidsethik von Arthur Schopenhauer
2.3 Der Wandel in Nietzsches Denken in Menschliches, Allzumenschliches

3. Kritik an der Mitleidsethik Nietzsches

4. Schluss

5. Literaturverzeichnis

Einleitung

„ Das menschliche Elend bei einer Meerfahrt ist schrecklich und doch eigentlich lächerlich, ungefähr so wie mir mitunter mein Kopfschmerz vorkommt, bei dem man sich in ganz blühenden Leibesumständen befinden kann - kurz, ich bin heute wieder in der Stimmung des „ heitern Krüppeltums “ , während ich auf dem Schiffe nur die schwärzesten Gedanken hatte und in bezug auf Selbstmord allein darüber im Zweifel blieb, wo das Meer am tiefsten sei, damit man nicht gleich wieder herausgefischt werden und seinen Errettern noch dazu eine schreckliche Masse Gold als Sold der Dankbarkeit zu zahlen habe. “ (Frenzel 1976, S.88).

Dieser Ausschnitt aus einem Brief, den der deutsche Philosoph und Philologe Friedrich Nietzsche 1877 aus Lugano an die deutsche Schriftstellerin Malwida von Meysenburg schickte, zeugt von dem innerlichen Zustand Nietzsches, zu welcher Zeit seine Schrift „Menschliches, Allzumenschliches. Ein Buch für freie Geister“ entstand. Dieses Werk, das aus zwei Bänden besteht, entstand zwischen den Jahren 1876 und 1880 und weist eine neue Entwicklung Nietzsches auf: Er wandte sich von seinen bisherigen Idealen, denen der Musik und Metaphysik sowie seinen bisherigen Meistern, Richard Wagner und Schopenhauer ab, um zu sich selbst zu finden und „die Fesseln überkommener Vorstellungen, die ihn quälten, zu sprengen“ (Frenzel 1976, S.90).

In der folgenden Arbeit möchte ich Nietzsches Verhältnis zum Mitleid und zur Nächstenliebe gemäß dem oben genannten Werk betrachten. Dabei muss beachtet werden, dass Nietzsche das Wort Nächstenliebe in „Menschliches, Allzumenschliches“ nicht erwähnt und Mitleid und Nächstenliebe nicht synonym verwendet werden können. Ich werde mich daher weitestgehend auf den Begriff Mitleid konzentrieren, und in Punkt 1.3 den Zusammenhang zwischen Mitleid und Nächstenliebe genauer erläutern. Zunächst möchte ich jedoch noch kurz auf Friedrich Nietzsches Biographie eingehen. Nietzsche kam als protestantischer Pfarrerssohn am 15. Oktober 1844 in Röcken bei Lützen zur Welt. Als er fünf Jahre alt war, verstarb sein Vater Carl Ludwig. 1850 folgte ein Umzug der Familie nach Naumburg, dort besuchte Nietzsche von 1858-1864 das Gymnasium Schulpforta, studierte 1864 an der Universität Bonn Theologie und klassische Philologie und führte sein Studium ein Jahr später in Leipzig fort. Dort setzte sich Nietzsche erstmalig mit dem Hauptwerk Schopenhauers auseinander. Bereits im Jahre 1869 wurde Nietzsche als Professor der klassischen Philologie an die Universität Basel berufen. 1868 lernte der Philosoph den deutschen Komponisten Richard Wagner kennen. Ihre Freundschaft fand während der Zeit, in der Nietzsche mit den Aufzeichnungen zu Menschliches, Allzumenschliches begann, langsam ein Ende. Als Nietzsche ein Exemplar an Richard Wagner schickte, war der Bruch aufgrund der darin enthaltenden Kritik an Wagner, der in Nietzsches Augen „mit dem Parsifal vor den lebensverneinenden Idealen des Christentums zu Kreuze gekrochen sei“ (Störig 1965, S.453) endgültig besiegelt. Kurze Zeit später erfolgte der erste nervliche Zusammenbruch Nietzsches. Trotz seiner psychischen Krankheit verfasste er weiterhin unzählige Schriften, unter anderem „Also sprach Zarathustra“, das ihm seinen größten literarischen Erfolg bescherte. Im Jahre 1889 erfolgte der endgültige

Zusammenbruch, Nietzsche wurde in die Basler Nervenklink eingeliefert und verstarb zehn Jahre später in geistiger Umnachtung unter der Pflege seiner Schwester am 25. August 1900 in Weimar (vgl. Frenzel 1966, 86ff, S. 134f).

Zu seinen bekanntesten Werken gehören „Die Geburt der Tragödie aus dem Geiste der Musik“ (1871), „Unzeitgemäßen Betrachtungen“ (1873-1876), „Also sprach Zarathustra“ (1882) , „Jenseits von Gut und Böse“ (1866), „Der Antichrist“ (1888) und „Ecce Homo“, ebenfalls 1888 erschienen.

1. Nietzsches Kritik an Mitleid und Nächstenliebe in „Menschliches, Allzumenschliches“

Nietzsche verlässt mit „Menschliches, Allzumenschliches“ seine früheren Moralvorstellungen. Er kehrt zum einen von Schopenhauer ab, den er sich bereits als junger Mann zum philosophischen Vorbild wählte, zum anderen wendet er sich in diesem Werk gegen das Christentum, das die Atmosphäre in seinem „Naumburger Familienkreis mit dessen hohen religiösen und moralischen Ansprüchen“ (Frenzel 1967, S.11) maßgeblich prägte. In beiden Lehren zählt Mitleid und Nächstenliebe zu Tugenden der Menschen. Von Schopenhauer stammt der Satz „Alles Liebe (agápe, caritas) ist Mitleid“ (Hamburger 1985, S. 34). Die Grundvoraussetzung für Menschenliebe ist nach Schopenhauer Mitleid und daraus entspränge auch die Moralität der Menschen. Nach Schopenhauer ist eine Handlung nur dann moralisch, wenn sie aus der Motivation des Mitleids entstanden ist (vgl. Zibis, 2007, S.188). Auch Wagner wird im zweiten Band von Nietzsche deutlich kritisiert.

1.1 Erster Band

Im ersten Band schreibt Nietzsche über die Moralität, dass sie aus Gefühlen der Menschen besteht, die sich lediglich an „verwandte(r) Empfindungen und Stimmungen“ erinnern. Hinter „moralischen Gefühlen“ verbirgt sich dann die scheinbare Moralität oder die Religion, die letztendlich auch nur aus Hunderten von Gedanken und Gefühlen besteht (vgl. Nietzsche 2006, S.30). In Aphorismus 47 geht Nietzsche auf die christliche Religion ein, deren Anhänger er als einsame, hypochondrische Kranke bezeichnet, weil sie sich das Schicksal Jesu „fortwährend vor Augen stellen“ würden (Nietzsche 2006, S. 61). Der vorhergehende Aphorismus erklärt auch dieses menschliche Verhalten: So würden Menschen das Leid Anderer als schlimmer empfinden, weil sie mehr an die Unschuld ihres Gegenüber als an ihre eigene glauben würden. Außerdem sei die Liebe zu demjenigen, den man bemitleidet, stärker als dessen Liebe zu sich selbst. Zwar muss dieser die Konsequenzen für sein Handeln, also sein Leid tragen, dennoch sind wir, die Mitleidenden stärker als er betroffen (vgl. Nietzsche 2006, S.60). Dennoch solle man vorgeben, Mitleid zu haben, denn die „Unglücklichen seien nun einmal so dumm, dass bei ihnen das Bezeugen von Mitleid das größte Gut der Welt ausmache“, es sie also gewissermaßen befriedigt, wenn sie bemitleidet werden. Aber, er negiert das Mitleid gleichermaßen in diesem Aphorismus: Man solle sich „hüten es zu haben“. Er fährt weiter fort und vermutet, dass das Klagen von Menschen vielleicht das Ziel habe, ihre einzig gebliebene Macht auszuspielen, nämlich durch ihr Wehklagen anderen Schmerz zu bereiten. In seinen Augen ist dieses Mitleid erregen wollen ein einziger „Durst nach Selbstgenuß“. Aber es gestalte sich schwierig, die Menschen dabei zu enttarnen, da die meisten zu unehrlich sind, es zuzugeben (vgl. Nietzsche 2006, S.62f). Denjenigen, die Mitleid für andere empfinden würden, wirft er zugleich vor, dass sie sich nicht für das Glück anderer begeistern können, da sie sich in diesen Momenten nicht im „Besitz ihrer Überlegenheit“ fühlen und sogar leichten Verdruss darüber zeigen (vgl. Nietzsche 2006, S.224). Doch, so schreibt Nietzsche, ist es nicht so, dass Mitleid, sondern Mitfreude einen Freund ausmache (vgl. Nietzsche 2006, S.293). Mitleid hat laut Nietzsche zwei Gründe: Einmal den Gefallen eines Menschen daran, dieses Gefühl zu empfinden und zum zweiten: die Lust daran, Macht auszuüben, weil man wegen seinem Mitleidsempfinden handelt. Zugleich ordnet er Mitleid unter „das Harmlose an der Bosheit“. Bosheit möchte nicht das Leid anderer, sondern habe immer den Grund, dass man einen persönlichen Genuss daran empfindet, in Form stärkerer „Nervenaufregung“. Und so folgert er: „Abgesehen von einigen Philosophen, so haben die Menschen das Mitleid in der Rangfolge moralischer Empfindungen immer ziemlich tief gestellt: mit Recht“ (Nietzsche 2006, S.89f.)

1.2 Zweiter Band

Sein Aphorismus 59 in Menschliches, Allzumenschliches kreidet das Mitleiden als reine Heuchelei an: So würden Menschen, die jemanden bemitleiden, den anderen feindselig gesonnen sein. Sie versuchen jedoch dieses Gefühl durch das Zeigen von Mitleid zu verbergen. Das gelänge ihnen aber nicht, denn Mitleid würde diese Emotionen, also die der Feindseligkeit weiter ver]stärken. (vgl. Nietzsche 2006, S.368). Und er geht noch weiter. So schreibt er: „In der vergoldeten Scheide des Mitleidens steckt mitunter der Dolch des Neides“ (Nietzsche 2006, S. 479). Er behauptet, dass Mitleidende Leidende möglicherweise beneiden würden. Mitleiden sei taktlos, denn obwohl es nichts über die Ursachen oder die Art einer Krankheit wisse, möchte es helfen und „quacksalbert mutig auf die Gesundheit und den Ruf seines Patienten los.“ (Nietzsche 2006, S.370). Der Mitleidende sei also unwissend, nehme sich trotzdem das Recht heraus, dass er meint, dass er helfen könnte. Wenn man die Freundschaft zwischen Richard Wagner und Friedrich Nietzsche betrachtet, kann man vielleicht einen Zusammenhang zwischen der Mitleidskritik und ihrem persönlichen Verhältnis finden: Richard und Cosima Wagner haben sich in mehreren Briefen um Nietzsches Wohlbefinden gesorgt und Vorschläge erbracht, wie er sein Leben ändern könne.1

[...]


1 „Ihr Brief hat uns wieder viel Bekümmernis über Sie gegeben. Meine Frau wird Ihnen dieser Tage ausführlicher schreiben. Ich hab‘ aber gerade eine Zweite-Feiertags-Frei-Viertelstunde, die ich Ihnen doch - vielleicht zu ihrem Ärger - zuwenden möchte, um Sie zunächst etwas davon erfahren zu lassen, was wir über Sie gesprochen haben. Unter anderem fand ich, dass ich einen solchen Umgang, wie Sie ihn in Bassel für die Abendstunden haben, dann ist’s allerdings nicht viel wert… Ich meinte, Sie müßten heiraten oder eine Oper komponieren eines würde Ihnen so gut und schlimm wie das andere helfen. Das Heiraten halte ich aber für besser“ (Frenzel 1976, S.76)

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Details

Titel
Mitleidskritik Nietzsche
Untertitel
Verächter der Nächstenliebe und des Mitleids. Kritik Friedrich Nietzsche in "Menschliches, Allzumenschliches"
Hochschule
Katholische Stiftungsfachhochschule München
Veranstaltung
Philosophische Begründungen beruflichen Helfens
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
11
Katalognummer
V187427
ISBN (eBook)
9783656108023
ISBN (Buch)
9783656111504
Dateigröße
449 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
mitleidskritik, nietzsche, verächter, nächstenliebe, mitleids, kritik, friedrich, menschliches, allzumenschliches
Arbeit zitieren
Franziska Börngen (Autor), 2010, Mitleidskritik Nietzsche, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187427

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