Aspekte sozialer Integration und Desintegration durch Medien am Beispiel deutscher und ausländischer Jugendszenen und Subkulturen


Hausarbeit (Hauptseminar), 2002
29 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur Vorgehensweise

3. Funktion der Medien: Integration und Desintegration

4. Pictures in our head

5. Identitätssuche

6. Gruppenbildung

7. Einleitung zu den Jugendgruppen

8. Gruppebildung über Stil und Weltanschauung: Skinheads und ihre mediale Darstellung
8.1. Exkurs zur Geschichte der Skinheads
8.2. Skinhead ist nicht gleich Skinhead
8.3. Das Erscheinungsbild der Skinheads
8.4. Rechte Skinheads als Beispiel für eine deutsche Jugendszenen: Deutschland den Deutschen
8.5. Resümme über die Skinheads

9. Exkurs zur Mediennutzung türkischer Mitbürger und zur Darstellung dieser Migrantengruppen in den Medien

10. Die „Turkish Power Boys“ – nur eine Reaktion auf Ausgrenzung?
10.1 Hintergrund der Untersuchung zu den Turkish Power Boys
10.2 Gründung und die Anfänge der Turkish Power Boys
10.3 Gewalt und ihre Rechtfertigung
10.4 Das endgültige aus der Turkish Power Boys

11. Fazit

1. Einleitung

Zu Beginn der Bearbeitung des Themas trat ein generelles Problem auf. Es war nicht einfach, typisch deutsche bzw. typisch ausländische Jugendgruppen zu finden, da sich Gruppen eher über Interessensgemeinsamkeiten bilden als über eine gemeinsame Nationalität.

Nachdem wir uns dann allerdings für zwei Jugendgruppen entschieden hatten, trat eine neue Schwierigkeit auf. Es gibt keine empirischen Daten über die Mediennutzung einzelner Jugendgruppen. Demzufolge war es nicht möglich, genaue Daten über die Mediennutzung von deutschen bzw. ausländischen Jugendlichen zu erhalten.

Bei der Literaturrecherche war es kein Problem, Literatur über Jugendgruppen zu finden und Literatur über die Medienforschung zu bekommen. Jedoch war es schwierig, Literatur zu finden, die diese beiden Themengebiete miteinander verbindet. Trotz der gezeigten Schwierigkeiten ist es uns gelungen, die integrativen bzw. desintegrativen Funktionen der Medien mit den Gruppenbildungsprozessen bei Jugendlichen in Verbindung zu setzen.

Unsere These lautet: „Jugendliche begeben sich mit Hilfe der Medien auf die Suche nach Identität, wodurch es zu Gruppenbildungen kommt, die ohne Integration und Desintegration nicht stattfinden könnte“. Während der Ausarbeitung der Hausarbeit haben wir unsere These noch etwas erweitert: „ die Medien dienen als selektiver Vermittler von Identitätsmuster und nicht als Auslöser von Integration und Desintegration bei Jugendgruppen“

2. Zur Vorgehensweise:

Zu Beginn der Hausarbeit werden wir die Funktion der Medien darstellen und wie diese gesellschaftlich integrativ bzw. desintegrativ wirken können. Um die Wirkungsweise von medialen Darstellung zu verdeutlich, gehen wir auf die Bilder ein, welche die Massenmedien von dem Migranten in den Köpfen der Rezipienten konstruieren.

Im Hauptteil unserer Hausarbeit beschäftigen wir uns mit den deutschen und ausländischen Jugendgruppe. Zuerst interessiert uns, wie Jugendliche auf der Suche nach der eigenen Identität vorgehen und wie sie sich von den Medien beeinflussen lassen. Nach Simmel ist die Suche nach einem stabilen und identitätssichernden Stil des Lebens eine existentielle Notwendigkeit moderner Daseinsgestaltungen (vgl. Vogelgesang, 1999: 359). So stoßen die Jugendli-

chen bei ihrer Identitätssuche auf andere Jugendliche in ihrem Alter mit den gleichen Interessen oder der gleichen Herkunft, und es kommt zu Gruppenbildungsprozessen. Die Medien bieten hier die Gelegenheit sich mit diesen Möglichkeiten der Gruppenzugehörigkeit über die eigene Identitätsbildung vertraut zu machen.

Als Beispiel einer „typisch deutschen“ Jugendgruppe stellen wir die Skinheads vor. Dieser deutschen Jugendgruppe stellen wir die ausländischen Jugendgruppe der Turkish Power Boys gegenüber. Beide Gruppen zeichnen sich durch eine, auf ihre ethnische Herkunft zurückgreifende, Gruppenzugehörigkeit aus, aber auch durch spezifischen Weltanschauungen und provozierend auffällige Stilrichtungen. Genau deswegen sind sie immer wieder interessant für die Medien und geraten so immer wieder in den Mittelpunkt der medialen Aufmerksamkeit. Wie die Jugendgruppen dargestellt werden ,was diese Art der Darstellung bewirkt und ob dies zu Integration bzw. Desintegration für, bleib in dieser Hausarbeit zu klären.

3. Funktionen der Medien : Integration und Desintegration

Seit die neuen Medien auf dem Vormarsch sind und die mediale Globalisierung nicht mehr auszuhalten ist, erlangt auch der Diskurs um die Auswirkungen dieser Entwicklung immer mehr Aktualität und Bedeutung. Besondere Aufmerksamkeit wird dabei den integrativen bzw. desintegrativen Funktionen der Massenmedien geschenkt.

Da die Gesellschaft ständig pluralistischer und globaler wird, besteht die Gefahr des Auseinanderfallens durch divergierende Kräfte und Interessenskonflikte. Integration zu bewahren bzw. Desintegration zu vermeiden, bildet ein gesellschaftliches Ziel, das zu erreichen auch zu dem Bemühungen der Massenmedien geworden ist.

In unserem komplexen, für den Einzelnen kaum noch überschaubaren Alltag, ist es die Aufgabe der Medien,

„dass der Mensch über seinen eigenen Erfahrungshorizont und über den Horizont seiner noch vermittelt erkennbaren Bezugsgruppen hinaus die Gesellschaft als Ganzes sieht und sich ihr zugehörig fühlt, sich mit ihr identifiziert“(Maletzke 1990: 167).

Somit bilden die Massenmedien das Bindeglied zwischen den differenzierten sozialen Bezugsgruppen und der Gesamtgesellschaft.

Integration:

Massenmedien können nicht nur gesellschaftlich integrieren, sie müssen es sogar. In dem Zweiten Fernsehurteil des Bundesverfassungsgericht vom 27. Juli 1971 wurden Leitsätze vorgestellt, in denen es heißt:

„die Tätigkeit der Rundfunkanstalten vollzieht sich im öffentlichen-rechtlichen Bereich. Die Rundfunkanstalten stehen in öffentlicher Verantwortung, nehmen Aufgaben der öffentlichen Verwaltung wahr und erfüllen eine integrierende Funktion für das Staatsganze.“ (vgl. Scharf 1990 :173)

Die öffentlich-rechtlichen Medien sind ohne Zweifel bestrebt, diesem Urteil nach zu gehen, indem sie mit speziellen Programmen versuchen, allen gesellschaftlichen Gruppierungen gerecht zu werden und so den Staatsbürgern zeigen, dass es in der Gesellschaft eine Vielzahl von Gruppen mit eigenen Anschauungen, Interessen und Lebensformen gibt. Besonders Randgruppen und Minoritäten finden in den Medien eigene Rubriken mit speziell auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Programmen. Genau an diesem Punkt werden wir im Verlauf der Hausarbeit auf die Gruppierungen deutscher und ausländischen Jugendlichen zu sprechen kommen.

Für den Integrationsbegriff im Zusammenhang mit den Medien, ist es von entscheidender Bedeutung, dass alle gesellschaftlichen Gruppen und individuellen Meinungen die gleichen Zugangschancen zu den Medien erhalten. Pluralität, Ausgewogenheit und objektive Neutralität sollten hier dominieren und nicht Einseitigkeit, Themenselektion oder Unsachlichkeit.[1]

„Integration sei nicht die Hinführung der Bürger zu einem fixierten status quo, sondern ein dynamisch-dialektischer Prozess.“(Scharf 1990 :173)

Jäger hat in diesem Zusammenhang einige Vorschläge entwickelt, wie eine Medienberichterstattung aussehen sollte, damit keine mediale Bedrohung konstruiert wird (vgl. Jäger, 2000: 214).

Neben den traditionellen Sozialisationsagenten wie Familie, Schule und Freunde ist man sich heute darüber einig, dass die Medien in diesem Prozess eine tragende Rolle eingenommen haben. Medien bestimmen den Prozess des Hineinwachsens in eine Gesellschaft mit, haben integrative Funktionen, indem sie Denk- und Verhaltensmuster anbieten oder verschiedene Status- und Rollenbilder vorstellen, an denen sich Jugendliche orientieren können. Wesentlich ist hierbei, dass diese Muster einer Masse von Jugendlichen vermittelt werden, worauf es dann wieder zu Bildungen spezifischer Gruppen kommt. Die Medien dienen so als Medium für Jugendliche auf der Suche nach der eigenen Identität, worauf wir im weiteren noch ausführlicher eingehen werden.

Integrative Funktionen haben die Medien aber auch im Bereich der persönlichen direkten Kommunikation. Marie Gillespie hat in ihrem Aufsatz „Fernsehen im multiethnischen Kontext“ u.a. genau diese These behandelt. Durch das Anschauen z.B. von Seifenopern erhalten die Jugendlichen Anregungen und Stoff für Gespräche.

„...das gemeinsame Vergnügen und der Gruppendruck Anreiz gewesen seien „Neighbours“ einzuschalten, um am Alltagsgespräch teilhaben zu können. Das heißt, „Neighbours“ ist Teil der den Jugendlichen gemeinsamen Kultur und hat die Funktion eines allen zur Verfügung stehenden Vorrats, der ihnen hilft, Ereignisse und Charaktere im Film und in der Realität gegenüberzustellen und zu vergleichen, zu beurteilen und zu bewerten“(Gillespie 1997 :296)

Desintegration:

Die Medien sind zwar per Gerichtsbeschluss dazu verpflichtet, integrierend zu wirken, aber es gelingt nicht immer so wie es sein sollte. Dies muss noch nicht mal die alleinige Schuld der Massenmedien sein. In dem Desintegrationsdiskurs hat die Theorie der Wissenskluft eine tragenden Position eingenommen. Die Wissensklufttheorie („Knowledge gap“) geht von der Hypothese aus, dass, wenn der Informationsfluss von Massenmedien in einem Sozialsystem wächst, die Bevölkerungsgruppen mit einem höheren sozio-ökonomischen Status zu einer schnelleren Aneignung dieser Informationen tendieren als die benachteiligten Gruppen. Somit wird die Wissenskluft zwischen den Bevölkerungsgruppen tendenziell größer als kleiner. D.h. die ohnehin informierten und gebildeten Leute einer Gesellschaft werden die Möglichkeiten der neuen Medien als Quelle zur weiteren Wissensanhäufung nutzen, während die weniger informierten und gebildeten Leute sich stetig von der ersten Gruppierung distanzieren. Dies führt gerade bei Jugendlichen zu sozialen Ungleichheiten. „Zu den folgenreichsten Ergebnissen zählen die Beobachtungen, dass der Umgang mit diesen Medien keineswegs im Selbstlauf zu einer kollektiven Ausweiterung von Handlungsspielräumen und Kompetenzen führen muss. Es zeichnet sich nämlich eine Entwicklung ab, wonach diese Medien besonders von denjenigen Jugendlichen handlungskompetent erschlossen und genutzt werden, die auch schon mit den alten Medien gut zurechtkamen“ (Vogelgesang 2001: 285).

Ein weiterer wichtiger Punkt bei der Desintegrationsdebatte (und auch bei der Wissensklufttheorie) sind die Kosten, mit denen die Mediennutzung teilweise einhergeht.

Neben der Möglichkeit der Fernsehprogrammerweiterung durch Pay-TV, das wie der Name schon sagt weder durch Gebühren noch durch Werbung finanziert, sondern durch monatliche Extrazahlungen ermöglicht wird, ist auch die Nutzung des Internets mit hohen Kosten verbunden (gut ausgestatteter PC sowie Telefongebühren). Somit wirken die Medien in dem Sinne desintegrativ, dass nur die besser verdienenden Mitglieder der Gesellschaft in der Lage sind, diese Medien zu benutzen.

Das wachsende Angebot der Medien ist aber nicht nur mit Kosten verbunden. Die Rezipienten werden mit einer Fülle von Angeboten überflutet so, dass es für den Einzelnen sehr schwer ist, die Übersicht zu behalten. „Zappen“ zwischen den Kanälen ist eine beliebte Methode, sich über das Angebot einen Überblick zu verschaffen, wobei die Zuschauer beim Wählen aus der Programmvielfalt nach dem „Prinzip der kognitiven Konsonanz“ vorgehen.

„Sie greifen vor allem nach jenen Aussagen, von denen sie erwarten, dass sie mit ihren bereits bestehenden Ansichten, Meinungen, Attitüden übereinstimmen. Sie vermeiden andererseits möglichst solche Aussagen, die ihre präexistenten Ansichten stören, verwirren, in Frage stellen könnten, d.h. sie versuchen, einer „kognitiven Dissonanz“ aus dem Weg zu gehen. Dieser psychische Selbstschutzmechanismus, der die Selektion von Aussagen stark mitbestimmt, kann sich im Endeffekt desintegrativ auswirken“ (Maletzke 1990: 170).

Auch bei der Desintegrationsdiskussion muss man den mikrosozialen Bereich betrachten. Wenn die Medien integrativ wirken können, indem sie Stoff und Anregungen für Gespräche liefern, können sie auch zu Vernachlässigungen im persönlichen Kontakt führen. Untersuchungen[2] zu folge, gibt es einen Zusammenhang zwischen dem Fernsehkonsum und der Qualität der familiären Interaktionen. Demzufolge nimmt die Qualität der familiären Interaktionen ab, je mehr fernsehngesehen wird.

Es ist nicht immer einfach, bestimmte Kriterien als desintegrative bzw. integrative Funktionen zu definieren. Teilweise hängt es schlicht von der individuellen Nutung ab, wie die aufgeführten Kriterien wirken.

Zusammenfassung der Funktionen:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wie wir gesehen haben, besitzen die Medien sowohl integrative Funktionen als auch desintegrative Funktionen. Für unsere Hausarbeit ist es von Interesse wie sich diese Funktionen bei Jugendszenen auswirken und welche Funktion den Medien bei der Beschreibung von Jugendkulturen zugesprochen wird.

4. Pictures in our head

Wichtig für die Fragestellung, wie Integration und somit auch Desintegration von Migranten durch oder mit den Medien stattfinden kann, ist einerseits das Bild, welches die Medien vom Prototyp "Ausländer" zeichnen und andererseits das Bild, welches dann der Rezipient schließlich in seinem Kopf aus diesen medienvermittelten Informationen kreiert. Nicht das tatsächliche Verhalten der Migranten ist also von Bedeutung, sondern die Vorstellung, die die Mitbürger davon haben. In diesem Zusammenhang spielt das Thomas-Theorem ("If men defines situation as real, they are real in their consequences") sicherlich auch eine wichtige Rolle (vgl.: Geißler 2000: 131). Vor allem wenn man bedenkt, dass die Unterschiede zwischen wirklichem Verhalten und unseren Vorstellungen davon durchaus signifikant sein können, man dieses aber nicht wahrnimmt, da man seine Auffassung als real ansieht.

Ein positives "Ausländerbild" in den Medien dürfte mit Sicherheit dazu beitragen, dass die Akzeptanz und somit die Integrationsmöglichkeiten steigen. Bisherige Untersuchungen (vgl. Geißler 2000: 132 ff) zeigen jedoch, dass oftmals das Gegenteil der Fall ist. Die Medien

scheinen dazu zu tendieren, ein eher negatives Bild der ausländischen Mitbürger zu zeichnen, somit auch die Tendenz zu negativen Vorurteilen und Prototypen. Der Großteil der untersuchten Zeitungsartikel, in denen über ethnische Minderheiten berichtet wurde, behandelt z. Bsp. Ausländerkriminalität. Mit dieser Art der Berichterstattung wird natürlich bei den Mitbürgern eine Angst vor dem "kriminellen Ausländer" geschürt die sich auf den Integrationsprozess negativ auswirken wird.

[...]


[1] Ich möchte mich an dieser Stelle von der Diskussion um den Begriff Ausgewogenheit distanzieren (vgl. Scharf und Ronneberger). Ausgewogenheit steht hier für Themen- und Meinungsvielfalt bzw. eine Balance der Themenauswahl

[2] Hella Kellner hat dazu 85 Familien beobachtet

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Aspekte sozialer Integration und Desintegration durch Medien am Beispiel deutscher und ausländischer Jugendszenen und Subkulturen
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Medien - Migration - Integration
Note
1,7
Autoren
Jahr
2002
Seiten
29
Katalognummer
V18748
ISBN (eBook)
9783638230193
Dateigröße
571 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aspekte, Integration, Desintegration, Medien, Beispiel, Jugendszenen, Subkulturen, Migration
Arbeit zitieren
Mareike Schrödter (Autor)Noellie Büsselberg (Autor), 2002, Aspekte sozialer Integration und Desintegration durch Medien am Beispiel deutscher und ausländischer Jugendszenen und Subkulturen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18748

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