Elvis Presley – Betrachtung der Einstellung und Wahrnehmung des Superstars zum Rassenkonflikt in den 1950ern in den USA


Seminararbeit, 2006

14 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Kurzbiographie Elvis Presley

3 Elvis und Rasse

4 Musikindustrie in den 50er Jahren

5 Schlussbetrachtung

Quellen- und Literaturverzeichnis

Bibliographie

1 Einleitung

Eldridge Cleaver sagte in Soul on Ice: „Elvis gave their body back to the white people“. Noch viel deutlicher und persönlich angreifender formulierten Public Enemy in den 1980ern die Kritik an dem Weißen, der Mitte der 50er afro-amerikanische Musik- und Tanzkultur für ein weißes Publikum adaptierte und damit rassenübergreifend großen kommerziellen Erfolg hatte: „Elvis was a hero to most / But he never meant a shit to me you see / Straight up racist / That sucker was / Simple and plain / Motherfuck him and John Wayne“.

Die Seminararbeit wird anhand persönlicher Aussagen und biografischer Details Elvis Presleys sowie Sekundärliteratur versuchen, eine persönliche Sichtweise und ein Selbstbild des Künstlers bezüglich der Rassenproblematik zu zeichnen. Die vorangestellte Kurzbiographie legt einen Schwerpunkt auf die Kindheit und Jugend Presleys, da in diesem Alter die Grundlagen für eine Attitüde zur Rassenfrage gelegt werden. Die intensive Betrachtung dieser Phase seines Lebens soll es möglich machen, den Einfluss der Lebensumstände sowie der eigenen Erfahrung mit den benachbarten Schwarzen in Bezug auf seine Einstellung zur Rassenfrage greifbarer zu machen.

Desweiteren soll der Einfluss der Marktmaschinerie der Musikindustrie und deren Rolle bei der Verhandlung rassenübergreifender Kulturschaffung beleuchtet werden. Inwiefern kam es zu einem „White Rip Off“ der schwarzen Musik? Wie positionierte sich der als Redneck im Süden aufgewachsene Elvis Presley hinsichtlich der Bürgerrechtsbewegung und der Rassenfrage im Allgemeinen – gerade da er schwarze Musik und performative Bewegungsformen adaptierte? Und nicht zuletzt: Was an den überlieferten Aussagen ist Mythos, was Wahrheit?

2 Kurzbiographie

Elvis Aaron Presley wurde am 8. Januar 1935 inmitten der amerikanischen Great Depression in Tupelo, Mississippi geboren. Die Eltern Gladys und Vernon Presley waren einfache, ländliche WASP s, die sich in der Kleinstadt Tupelo mit jeweils mehreren Jobs über Wasser hielten. Man bewohnte ein einfaches Shotgun House in einer armen Nachbarschaft. Das von der Mutter wohlbehütete Einzelkind Elvis wuchs in einer streng segregierten Gemeinschaft des Südens auf und zeigte früh sein musikalisches Talent, u. a. als 10-jähriger bei einem örtlichen Wettbewerb[1]. Frühe musikalische Prägung erhielt er vor allem durch die Kirchengospel der Pentecostal Church, die Gospel der benachbarten schwarzen Kirche[2] sowie das musikalische Repertoire seiner Mutter – vorwiegend Hillbilly und Country-Musik. An seinem 12. Geburtstag bekam Elvis seine erste Gitarre – eher aus Geldmangel; er wünschte sich ein Fahrrad – geschenkt. Er erlernte das Instrument autodidaktisch. Ein fortwährender Einfluss auf seine spätere musikalische Ausrichtung war das Medium Radio. Hierüber nahm Presley im elterlichen Heim aktuelle populäre Musikströmungen der 40er und frühen 50er Jahre in sich auf – hauptsächlich Country & Western und Rhythm & Blues.

Nachdem der Vater mehrere Jahre zwischen Memphis und Tupelo pendeln musste, zog die Familie Presley 1948 schließlich gänzlich nach Memphis um. Die Armut der Familie zwang den Sohn schon in jungen Jahren zum gemeinsamen Haushalt hinzu zu verdienen. Bereits in der High School zeigte der sonst eher schüchterne und zuvorkommende Elvis seine Vorliebe für einen extravaganten Kleidungsstil. Von dem wenigen Ersparten, das ihm von seinen diversen Jobs blieb, besorgte er sich Outfits, die einer farbenfrohen Mischung aus Musiker, Cowboy und Trucker gleich kamen. Er ließ sich Koteletten stehen und färbte seine Haare tiefschwarz. An der Schule machte ihn das zu einem Außenseiter. Nach Abschluss der High School im Juni 1953 blieb ihm der Weg der höheren Bildung an einem College aufgrund mäßiger Abschlussnoten und mangelnder Finanzierungsmöglichkeiten verwehrt und er nahm sofort eine Stellung als Hilfsarbeiter an.

In seiner Freizeit begeisterte sich der jugendliche Elvis für die schwarze Musik in Memphis – 40 % der Bevölkerung Memphis´ waren schwarz und die Musikszene äußerst rege - und deren Zentrum an der Beale Street. Freunde rieten Elvis, sein Talent Sam Phillips von Sun Records vorzustellen – dem einzigen in Memphis ansässigen Plattenproduzenten für schwarze Musik (mit allerdings mäßigem kommerziellen Erfolg[3] ). Phillips erkannte Presleys Talent nicht sofort, lud ihn aber schließlich im Juli 1954 ins Studio ein, um Elvis´ erste Single aufzunehmen. Bis 1955 folgten weitere vier Single-Aufnahmen, welche den Grundstein seiner Karriere legten. Elvis gab immer mehr Konzerte vor immer größeren Zuschauermengen. Im Oktober 1956 bereits nannte ihn die Fachzeitschrift „Variety“ „The King of Rock´n´Roll“. In den Billboard Top20 Pop des Jahres bringt Elvis Presley es auf fünf Single-Platzierungen (darunter erster und zweiter Platz). Presley scheute sich nicht gemeinsam mit schwarzen Künstlern aufzutreten. 1956 trat er beim jährlichen fundraising des schwarzen Radiosenders WDIA für „needy Negro children“ in Memphis an der Seite von Ray Charles, B.B. King und Rufus Thomas auf.

Nach großen kommerziellen Erfolgen wurde Presley 1958 zur Armee gerufen und war bis 1960 in Deutschland stationiert. Sein Manager Colonel Parker (seit 1955) brachte Presley in Hollywood unter, wo er 31 Filme drehte. Sowohl die Filme als auch seine in den 60er Jahren erschienene Musik kamen einem kommerziellen Ausverkauf der Marke Presley gleich. Dies manifestierte sich letztlich auch in den sinkenden Verkaufszahlen. 1968 kehrte Presley mit einer Fernseh-Show in die erste Liga der Unterhaltungsindustrie zurück und hatte in den Folgejahren noch einige Hits. Fortan trat er vorwiegend in Las Vegas auf. Körperlich begann Presley immer mehr abzubauen. Er nahm deutlich an Gewicht zu und war abhängig von verschreibungspflichtigen Medikamenten. Am 16. August 1977 starb Elvis Presley im Alter von 42 Jahren in seinem Haus in Memphis.

3 Elvis und Rasse

Elvis Presley wuchs im Rahmen der von Michael Bertrand so bezeichneten „Southern Etiquette“ auf. Rassentrennung und der Glaube an white supremacy und black inferiority waren im Süden quasi gesellschaftliches Arrangement, eine Gegebenheit, in der sich die (weiße) Bevölkerung eingerichtet hatte und welche lange Zeit nicht infrage gestellt wurde.[4] Emmett Till hatte der Bruch dieser Etiquette – das angebliche Flirten mit einer weißen Ladeninhaberin – 1955 das Leben gekostet. Wenngleich also schwarze Musik in den 50er Jahren unter der weißen Bevölkerungsschicht immer populärer wurde, so ist es doch nicht provokant zu behaupten, dass entlang dieses vorherrschenden moralischen Verhaltenskodex nur ein Weißer (wie Elvis Presley) die musikalischen Stilmittel der Schwarzen in diesem Maße kommerziell erfolgreich an die Massen tragen konnte und somit letztlich auch den Weg frei machte für musikalisch kommerzielle Erfolge schwarzer Rock´n´Roller.

Elvis Presley hat seinen musikalischen Hintergrund nie geleugnet. „The colored folks been singing it and playing it just like I´m doin´ now, man, for more years than I know. They played it like that in the shanties and in their juke joints, and nobody paid it no mind ´til I goosed it up. I got it from them. Down in Tupelo, Mississippi, I used to hear old Arthur Cudrup bang his box the way I do now and I said if I ever got to the place I could feel all old Arthur felt, I´d be a music man like nobody ever saw.”[5] Früh holte er sich schwarze Einflüsse des Gospel in der benachbarten Kirchgemeinde der Afro-Amerikaner in Tupelo[6]. ”I got my singing style listening to colored spirituals quartets down South. Rock´n´Roll stems from gospel music or rhythm and blues and that´s where I actually got my style of singing from. It was rhythm and blues and gospel mixed with country and western.”[7] In Memphis tummelte er sich häufig in der Beale Street, wo er schon im Jugendalter Kontakt zu Musikern wie B.B. King hatte. Dieser unbeschwerte Kontakt eines weißen Working Class-Teenagers mit Afro-Amerikanern - entgegen der Southern Etiquette – sowie der unverhohlene und oft bezeugte Respekt Presleys vor seinen musikalischen Vorbildern ist ausreichend, um jegliche in sein Tun hineininterpretierte rassistische Tendenz abzuschmettern. Eindeutig rassistische Aussagen Presleys, welche immer wieder zitiert werden[8], aber jeglicher glaubhafter Grundlage entbehren, gab es nicht; vielmehr zeichnete sich Presley bei näherer Betrachtung durch eine politisch korrekte Zurückhaltung und Passivität bezüglich dieser Thematik aus.

Sowohl musikalisch als auch tänzerisch überschritt Presley geltende Grenzen und anhand seines immensen Erfolges muss daher eher gefragt werden: Warum tat er im Rahmen seiner Popularität nicht mehr für Integration im Süden? Inwiefern kann man unter dem Hintergrund der Nutzung von Stilmitteln eines anderen Kulturkreises gar eine moralische Verpflichtung des Künstlers zur Vermittlung in den Rassenbeziehungen - gerade des Südens - ableiten? Elvis hatte sich seinen Gesangsstil aus R&B und Country zusammengebastelt und arbeitete für seine Bühnenshow Tanzelemente ein, welche deutliche sexuelle Anspielungen waren und dem exzentrischeren, traditionellen Tänzen der schwarzen Bevölkerung entlehnt waren[9]. Er scheute sich nicht Stilelemente der beiden Rassen zu kreuzen. Mit dieser Kreuzung setzte sich Presley zwischen die Stühle: von afro-amerikanischer Seite bekam er Vorwürfe, lediglich eine moderne Minstrelsy-Show abzuliefern; weißen Zeitgenossen des Südens ging seine Annäherung und Aneignung der „minderwertigen“ Kultur der Schwarzen deutlich zu weit. Seine Musik wurde in den Anfangsjahren (1954/55) als „Hillbilly Cat“[10] oder „Bopping Hillbilly“ bezeichnet, was ihn direkt zwischen den musikalischen Rassenschubladen platzierte. Eine Feststellung hierzu, die sich wie ein roter Faden durch die Myriaden publizierter Presley-Biografien zieht, ist die kreative Unbefangenheit oder Naivität, mit welcher Presley seine Musik singt und performt. Das neuartige des Rock´n´Roll, den er berühmt machte, entspringt – häufig mythisch verklärt – musikalischer Spontaneität und nicht kommerziellem Kalkül[11]. Hinzu gesellte sich der Wille es zumindest soweit zu bringen, dass der Lebensunterhalt bestritten werden konnte: „I wanted to be a singer because I didn´t want to sweat.“[12] Der psychologische Druck, welcher unter den Anfeindungen seiner Landsleute, er mache „Nigger-Musik“, entstand, sollte ebenfalls nicht unterschätzt werden. Elvis sah sich selbst als Musiker in amerikanischer Tradition, nicht als politischer Märtyrer. Für ein weißes „Kind des Südens“ wäre eine deutlichere politische Stellungnahme für Integration und Desegregation möglicherweise kommerzieller Selbstmord gewesen.

[...]


[1] Mississippi & Alabama Fair and Dairy Show

[2] Er tat dies auch später in Memphis noch. Chadwick, Vernon. In Search of Elvis: Music, Race, Art, Religion. Boulder, CO: Westview, 1997, S.107.

[3] Posener, Alan / Posener, Maria. Elvis Presley – mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten. Hamburg: rowohlt, 1993, S.30.

[4] Bertrand, Michael T. Race, Rock, and Elvis. Urbana, IL: U. of Illinois Press, 2000, S.110

[5] Chadwick, Vernon. In Search of Elvis: Music, Race, Art, Religion. Boulder, CO: Westview, 1997, S.90.

[6] Guralnick, Peter. Last Train to Memphis: The Rise of Elvis Presley. Boston, MA: Little, Brown, 1994, S.75.

[7] Bertrand. Race, Rock, and Elvis, S.103.

[8] Das wohl bekannteste angebliche Zitat Presleys („The only thing Negroes can do for me is buy my records and shine my shoes.“) hat er selbst dementiert. Guralnick. Last Train to Memphis, S.426 .

[9] Seine Art zu tanzen brachte ihm u.a. den Beinamen „Elvis the Pelvis“ ein und sorgte dafür, das er bei späteren TV-Auftritten häufig nur von der Hüfte aufwärts zu sehen war

[10] Als „Cat“ – Katzenmusik – wurde R&B verächtlich bezeichnet

[11] Tilgner, Wolfgang. Elvis Presley. Berlin: Lied der Zeit, 1987, S.63.

[12] Bertrand. Race, Rock, and Elvis, S.121.

Ende der Leseprobe aus 14 Seiten

Details

Titel
Elvis Presley – Betrachtung der Einstellung und Wahrnehmung des Superstars zum Rassenkonflikt in den 1950ern in den USA
Hochschule
Freie Universität Berlin  (John-F.-Kennedy Institut für Nordamerikastudien)
Autor
Jahr
2006
Seiten
14
Katalognummer
V187495
ISBN (eBook)
9783656108870
ISBN (Buch)
9783656109174
Dateigröße
495 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Elvis, Presley, Rassenkonflikt, rock, rock'n'roll, memphis, 50er, fifties, king, pelvis, historie, history, geschichte, kultur, culture, swing, black music, music, guitar, cleaver, redneck, public enemy
Arbeit zitieren
Andreas Schwarz (Autor), 2006, Elvis Presley – Betrachtung der Einstellung und Wahrnehmung des Superstars zum Rassenkonflikt in den 1950ern in den USA, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187495

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