Mit der Niederlage der böhmischen Stände in der Schlacht am Weißen Berg am 8. November 1620 unter ihrem König Friedrich V. von der Pfalz gegen die katholische Liga begann in Böhmen die Gegenreformation. Nachdem der überwiegende Teil der böhmischen Bevölkerung bereits zum protestantischen Christentum übergetreten war (besonders in Richtung der Lutheraner und Hussiten ), wurde nun mit Zwangsmaßnahmen die Rekatholisierung vorangetrieben. 1621 wurde der Majestätsbrief von 1609, in dem den böhmischen Ständen Religionsfreiheit gewährt wurde, von Kaiser Ferdinand II. aufgehoben. Wer nicht zum Katholizismus konvertieren wollte, musste das Land verlassen, oftmals ohne die Möglichkeit, den Besitz zu veräußern oder die bewegliche Habe mitnehmen zu können. Viele zehntausend Böhmen verließen daraufhin ihr Land und fanden im protestantischen Kurfürstentum Sachsen eine Zuflucht. Durch die meist recht überstürzt erfolgende Flucht verloren die meisten ihr gesamtes Hab und Gut und mussten in Sachsen ein neues Leben beginnen. Zunächst waren besonders die Träger der Gesellschaft, wie beispielsweise Pfarrer und Lehrer, von der Verfolgung in Böhmen betroffen , später mussten dann auch Handwerker und Bauern fliehen. Diese Flüchtlinge waren erheblich am Neuaufbau Sachsens, das vom Dreißigjährigen Krieg und der Pest wie die meisten Teile Deutschlands stark betroffen war, beteiligt. Um ihren Status als Glaubensflüchtlinge deutlich zu machen, erhielten sie wie alle protestantischen Flüchtlinge zu dieser Zeit die Bezeichnung Exulanten.
Die Aufnahme vieler Flüchtlinge musste unweigerlich Auswirkungen auf das Kurfürstentum Sachsen haben. Jedoch sollte man die Exulanten nicht als eine einheitliche Gruppe betrachten. Sie zerfällt in viele kleine Einheiten, die besonders durch ihre Herkunft und durch ihre Sprache zu unterscheiden sind. Außerdem erfolgte ihre Auswanderung über einen Zeitraum von ungefähr 300 Jahren, was die Homogenität noch zusätzlich als sehr unwahrscheinlich erscheinen lässt. Wie wurden nun diese unterschiedlichen Gruppen in der sächsischen Gesellschaft erlebt und wie verhielten sie sich in ihrer neuen Umwelt? Wie änderten sich die Sichtweisen im Verlauf der Zeit und inwiefern beeinflussten die eingewanderten „deutschen“, bzw. „tschechischen“ Böhmen dieses Bild in der sächsischen Bevölkerung durch ihr Verhalten? Das Hauptaugenmerk soll hierbei auf der Sichtweise des 19. Jahrhunderts liegen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung
1.3 Literatur
1.4 Aufbau
2. Vorbemerkungen zur Flucht der Exulanten
2.1 Die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges
2.2 Der Grenzraum
2.3 Immigranten
2.4 Der Exulantenbegriff
2.5 Erinnerungskultur und Identitätsstiftung
3. Sichtweise des 19. Jahrhunderts
3.1 Religiöse Darstellung
3.2 Wirtschaftliche Darstellung
3.3 Exulanten als politische Flüchtlinge
4. Schlussbetrachtung
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht das Phänomen der böhmischen Exulanten, die im 17. Jahrhundert nach Sachsen flohen, und hinterfragt kritisch die im 19. Jahrhundert etablierte Sichtweise, die diese Flüchtlinge als homogene, rein aus religiösen Gründen verfolgte Gruppe stilisierte.
- Analyse der Fluchtgründe und der sozioökonomischen Situation der Exulanten
- Untersuchung der Rolle der Konfession und der politischen Verfolgung
- Kritische Reflexion der geschichtswissenschaftlichen Darstellung im 19. Jahrhundert
- Differenzierung der Exulantengruppen nach Herkunft, Sprache und wirtschaftlichem Status
- Bewertung der Integration der Flüchtlinge in die sächsische Gesellschaft
Auszug aus dem Buch
3.1 Religiöse Darstellung
In der protestantischen Literatur des 19. Jahrhunderts wird die religiöse Motivation der Flüchtlinge der vorherigen Jahrhunderte weit überschätzt. In jener Zeit, in der der Katholizismus wieder größeren Rückhalt in der Bevölkerung fand, wurden die Glaubensflüchtlinge des 17. Jahrhunderts zu Märtyrern des protestantischen Glaubens stilisiert. Die protestantische Geschichtsschreibung stellte die Flüchtlinge als eine Gruppe dar, die im besonderen Maße unter den Auswüchsen des Katholizismus zu leiden hatte.
Die Exulanten wurden als die glaubensfesten Opfer einer religiösen Hetze seitens der Katholiken beschrieben, die es in dieser Form wohl nie gegeben hat. In großer Ausführlichkeit werden die Maßnahmen zur Rekatholisierung beschrieben. „Was alles die Protestanten Böhmens im Zeitalter 1623, 1640, 1650, 1696 zu dulden hatten war unermesslich viel schwerer, nämlich die Wegnahme ihrer Kirchen, die schonungslose Misshandlung und Vertreibung ihrer würdigen und geliebten Geistlichen, die Aufdringung unwissender und sittenloser Mönche aus Polen an ihrer Stelle und zahllose, schreckliche persönliche Misshandlungen.“ Nach ihrer Darstellung wurden die Protestanten mit Gewalt in katholische Kirchen zum Gottesdienst gebracht. Wer protestantische Literatur besaß, wurde hart bestraft. Eine der milderen Strafen war die Ausweisung aus dem Land des Fürsten, doch zeigen sich besonders hier einige Widersprüche. Denn die in den Köpfen der Menschen nicht existente territoriale Grenze zwischen Sachsen und Böhmen verminderte sogar den Druck der Rekatholisierung in den grenznahen Regionen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Dieses Kapitel führt in die historische Ausgangslage der böhmischen Exulanten ein, definiert die Problemstellung sowie Fragestellung und gibt einen Überblick über den Aufbau der Arbeit.
2. Vorbemerkungen zur Flucht der Exulanten: Hier werden die Rahmenbedingungen der Flucht, der Begriff des Exulanten sowie die Bedeutung des Dreißigjährigen Krieges und der Grenzverhältnisse analysiert, um eine differenzierte Betrachtung zu ermöglichen.
3. Sichtweise des 19. Jahrhunderts: Dieses Kapitel kritisiert die ideologisch geprägte Darstellung der Exulanten im 19. Jahrhundert und beleuchtet die religiösen, wirtschaftlichen und politischen Aspekte der Flucht neu.
4. Schlussbetrachtung: Die Arbeit schließt mit einer zusammenfassenden Bewertung, in der die These aufgestellt wird, dass die historischen Exulanten eine inhomogene Gruppe waren und die Sichtweise des 19. Jahrhunderts eine mythologisierte Verzerrung darstellt.
Schlüsselwörter
Exulanten, Böhmen, Sachsen, Dreißigjähriger Krieg, Rekatholisierung, Glaubensflüchtlinge, 17. Jahrhundert, 19. Jahrhundert, Geschichtsschreibung, Migration, Integration, Identität, Konfession, Wirtschaftsflüchtlinge, Politische Flüchtlinge.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Geschichte der böhmischen Exulanten, die im 17. Jahrhundert ins Kurfürstentum Sachsen flohen, und analysiert kritisch, wie dieses historische Ereignis im 19. Jahrhundert historisch und ideologisch interpretiert wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung verschiedener Flüchtlingsgruppen, die Fluchtmotive (religiös vs. wirtschaftlich/politisch), die Integrationsprozesse in Sachsen und die Instrumentalisierung der Geschichte im 19. Jahrhundert.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, zu klären, ob es die Exulanten als eine homogene Gruppe überhaupt gab und inwieweit die gängige Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts die Realität im 17. Jahrhundert korrekt wiedergibt.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Arbeit nutzt eine historisch-analytische Methode, indem sie zeitgenössische Quellen des 17. Jahrhunderts mit der geschichtswissenschaftlichen Rezeption des 19. Jahrhunderts vergleicht und kritisch hinterfragt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung der Rahmenbedingungen der Flucht (Kapitel 2) und die kritische Analyse der spezifischen Sichtweisen und Darstellungen des 19. Jahrhunderts (Kapitel 3).
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die vorliegende Arbeit?
Wichtige Begriffe sind unter anderem Exulanten, Dreißigjähriger Krieg, Rekatholisierung, Migration und historische Identitätsstiftung.
Warum wird die Sichtweise des 19. Jahrhunderts in der Arbeit kritisiert?
Die Arbeit kritisiert, dass das 19. Jahrhundert die Exulanten zu einer homogenen Gruppe von Märtyrern stilisierte, um eine politisch gewollte, religiös motivierte Geschichtsdeutung zu erzeugen, die die komplexe Realität ausblendet.
Welche Rolle spielten die tschechischsprachigen Exulanten im Vergleich zu anderen Gruppen?
Tschechischsprachige Exulanten hatten aufgrund der Sprachbarriere größere Integrationsschwierigkeiten, gründeten eigene Kirchengemeinden und prägten so das öffentliche Bild der Exulanten stärker als die leichter integrierbaren, deutschsprachigen Flüchtlinge.
- Quote paper
- Christian Schultze (Author), 2008, Exulanten in Sachsen, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187515