Die Idee des Vernunftstaates bei Johann Gottlieb Fichte (Allgemeine Gesellschaftsentwürfe nach 1789)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
20 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Frankreich während der großen Revolution

3. Die Aufklärung und Sozialphilosophie – der Zeitgeist sucht seine Ver-körperung

4. Gesellschaftsentwürfe nach 1789
4.1. Charles Fourier
4.2. Robert Owen
4.3. Johann Gottlieb Fichte

5. Zusammenfassende Analyse

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit erwiesen sich [während der Französischen Revolution] sogleich als Fanfarenstöße, die nicht allein die Franzosen erregten und mobilisierten, die vielmehr den Traum der Menschheit von einer besseren Welt aus der Utopie in die Realität zu holen versprachen.“[1]

Dieses Zitat Horst Möllers fasst Bestandteile der Französischen Revolution zusammen, die wesentlich für die vorliegende Arbeit „Die Idee des Vernunft-staates bei Johann Gottlieb Fichte – Allgemeine Gesellschaftsentwürfe nach 1789“ sind und in eine verständliche Beziehung gesetzt werden sollen. Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit als Maxime der bürgerlich-revolutionären Bewegung zeigen einen Paradigmenwechsel in bezug auf das Staatsverständnis breiter Bevölkerungsschichten auf, der jedoch nicht allein die Franzosen erfasste, sondern in abgeschwächter Form in vielen Regionen Europas Fuß fasste. Der Versuch der Realisierung des Traums der Menschheit, schon bei Thomas Morus Utopia beschrieben, soll in der Beschreibung verschiedener Ge-sellschaftsentwürfe um 1800 Ausdruck verliehen werden. Hierzu ergänzend soll ein wesentlicher Einflussfaktor für die Sozialphilosophie und die Französische Revolution, die Vernunft im Rahmen der Aufklärung, kurz beleuchtet werden. Darauffolgend soll untersucht werden, inwieweit sich Elemente der Schriften der Staatstheoretiker um die 18. Jahrhundertwende bei späteren Philosophen/Na-tionalökonomen wiederfinden, wobei die Fokussierung hier beinahe logischer-weise auf Marx liegen wird. Abschließend folgt eine zusammenfassende Ana-lyse.

2. Frankreich während der großen Revolution

Die Ursachen der Französischen Revolution lagen bereits vor 1789, also vor dem Sturm auf die Bastille, bei dem die Menschen nicht mehr nur nach Brot, sondern auch nach Freiheit riefen, begründet. Montesquieu kritisierte schon 1748 die gegenwärtige Verfassung Frankreichs, in der die Gewaltenteilung nicht mehr in der ständischen Verfassung lag.[2] Dieses breite Bevölkerungsschichten umfassende Gefühl der politischen Ungerechtigkeit verstärkte sich durch eine staatliche Finanzkrise und eine (v.a. in Paris jedoch nicht unüblichen) Hungers-not. Das Vertrauen in die Fähigkeiten Ludwigs XVI., der Krise Herr zu werden, sank weiter, als Reformen nur halbherzig umgesetzt wurden. So scheiterten Finanzreform, Parlamentsreform und Wirtschaftsreform vornehmlich an der Einflussnahme der Privilegierten auf den König.[3] Dementsprechend war die Re-volution von 1789 in erster Linie gegen das Ungleichgewicht zwischen Arbeitern und Bauern auf der einen und dem Adel auf der anderen Seite ge-richtet.[4] Die kapitalarme Klasse der Bauern revoltierte hauptsächlich gegen das Pachtsystem in Frankreich, in dem diese zum größten Teil landlose Be-völkerungsschicht gezwungen war, hohe Zinsen auf das von ihnen bearbeitete Land an den Grundherrn zu zahlen. Eine Folge dieses Systems war, dass viele Menschen in die Städte abwanderten und dort eine Proletarisierung der Arbeiter erfolgte. Die Landflucht, bedingt durch die Industrialisierung und/oder der Bevölkerungsexplosion ließen die Löhne in den Fabriken auf ein Minimum sinken. Ein Arbeitstag von 14 bis 16 Stunden war keine Seltenheit, häufig verrichteten Frauen und Kinder die Arbeit. Überarbeitung und Unterernährung ließen Krankheiten wie Tuberkulose in den Straßen der Städte grassieren, der Pauperismus erfasste weite Teile der unteren Bevölkerungsschichten.[5] Auf der anderen Seite wurden die Ausgaben für Hof und Heer erhöht, die jedoch im Gegensatz zu England nicht mittels vermehrter Kolonialausbeute kompensiert werden konnten.[6] „Auf solchem Boden gedeihen Revolutionen“,[7] stellt Gurland folgerichtig fest, und „offenbar muss die Gesellschaft, wenn die Katastrophe abgewendet werden soll, anders organisiert werden“.[8]

Neben den unzufriedenen Bauern revoltierte jedoch auch die reformwillige Elite des Landes und das Kleinbürgertum, das sich in einer wirtschaftlichen Krise befand. Folglich waren im Jahre 1789 im Etats généraux, in dem jetzt nach Köpfen und nicht mehr nach Ständen abgestimmt wurde, 900 von 1200 Ab-geordneten Anhänger einer liberalen Revolution.[9] Die Erklärung, die die Con-stituante am 26. August 1789 beschloss, basierte auf dem aufgeklärten Natur-recht, nach dem Vorbild der amerikanischen Menschen- und Bürgerrechte. Sie begann mit einer Präambel, die die Unkenntnis ... oder die Verachtung der Menschenrechte [als] die einzigen Ursachen des öffentlichen Unglücks und der Verderbtheit der Regierungen bezeichnete .“[10] Weiterhin enthielt die Erklärung 17 Artikel, die zwei Jahre später in die Verfassung aufgenommen werden sollten. Sie entsprachen weitgehend den für viele Verfassungen von heute Grun-de liegenden Menschenrechten. Art 17 kam eine besondere Bedeutung zu, der prinzipiell das Recht auf Eigentum bekräftigte, dass niemandem genommen werden kann, „wenn es nicht die gesetzlich festgelegte, öffentliche Not-wendigkeit augenscheinlich erfordert und unter der Bedingung einer gerechten und vorherigen Entschädigung.“[11]

3. Die Aufklärung und Sozialphilosophie – der Zeitgeist sucht seine Ver-körperung

Ohne auf jegliche Quellen zurückzugreifen, kann sich der Leser bereits mit eigenen Überlegungen über die nicht zu trennenden Worte ´Die Aufklärung´ der großen Bedeutung des Begriffs bewusst werden: Es geht nicht um die Auf-klärung einer bestimmten Sache, sondern impliziert der Begriff ´Die Auf-klärung´ etwas Allumfassendes, das jeden Bereich der Gesellschaft betreffen muss. Gleichzeitig muss es zuvor eine durchaus im negativen Sinn nicht auf-geklärte Zeit bzw. Gesellschaft gegeben haben, die es nun zu ändern, im guten, positiven Sinn aufzuklären gilt. Das Selbstverständnis des Aufklärers, des Philo-sophen, verdeutlicht Schalk mit „...ein der Praxis, der Welt, der Forderung nach Humanität verpflichteter Denker.“[12]

Tatsächlich spielte die Aufklärung für die gesellschaftlichen Umbrüche in Frankreich während der Revolution eine herausragende Rolle, weil sie der kirchlichen Weltanschauung und der traditionellen Legitimation des Abso-lutismus auf Gottesgnadentum basierend die Vernunft als Legitimations-grundlage gegenüberstellte.[13] Nur ein vernunftbegabter Mensch ist zu freiem, sinnvollen Denken und abschließender Urteilsfällung fähig.[14] Die Urteile, die die Sozialphilosophen in bezug auf Staat und Gesellschaft fällten, unterschieden sich zunächst von denen des Absolutismus nicht. Beide übten Kritik an den alten Wirtschafts- und Sozialstrukturen, strebten eine Rationalisierung der fürstlichen Herrschaft und zunehmend der Säkularisierung an und beide akzeptierten unter gegebenen Umständen die Sozialdisziplinierung der gesamten Gesellschaft.[15] Trotz dieser zahlreichen Übereinstimmungen klammerte der sogenannte ´Aufgeklärte Absolutismus´ ein wesentlich Element bei der Modernisierung der Staatsräson aus: der ständisch-traditionelle Charakter der Gesellschaft sollte er-halten bleiben, der Adel sollte weiterhin die privilegierte Oberschicht darstellen. Diese Staatsform würde allerdings der vom Verstand eingesetzten Vernunft widersprechen, die in der Französischen Revolution mit den Schlagworten Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit ausgedrückt, im wesentlichen Artikel der amerikanischen Verfassung adaptierten[16], die die Grundlage der Menschenrechte von heute bildet. Die Definition der Aufklärung nach Kant (1724-1804) besagt hierzu, dass der Mensch in dem Moment unfrei ist, indem er sich seiner Unfreiheit bewusst wird und er nichts dagegen ob besseren Wissens unternimmt:

„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“[17]

[...]


[1] Möller, Horst: Fürstenstaat oder Bürgernation – Deutschland 1763 bis 1815, in: Die Deutschen und ihre Nation, Sonderausgabe in der Sammlung Siedler – Deutsche Geschichte, Berlin 1994, S.521.

[2] Vgl. ebd., S.512.

[3] Vgl. ebd., S.514.

[4] Vgl. Münch, Richard: Grundzüge und Grundkategorien der staatlichen und gesellschaftlichen Entwicklung Frankreichs, in: Länderbericht Frankreich, hrsg. von Christadler, Marieluise und Uterwedde, Henrik, Bonn 1999, S.21.

[5] Vgl. Gurland, A.R.L.: Wirtschaft und Gesellschaft im Übergang zum Zeitalter der Industrie, in: Propyläen Weltgeschichte, Band 8: Das neunzehnte Jahrhundert, hrsg. von Mann, Golo, Frankfurt a.M. 1960, S. 282.

[6] Vgl. ebd., S. 289f.

[7] Ebd., S.290.

[8] Ebd., S.282.

[9] Vgl. Möller, Horst: Fürstenstaat, a.a.O., S. 515 ff.

[10] Ebd., S.518.

[11] Ebd., S.520.

[12] Schalk, Fritz: Die europäische Aufklärung, in: Propyläen Weltgeschichte, Band 7: Von der Reformation zur Revolution, hrsg. von Mann, Golo, Frankfurt a.M. 1960, S. 472

[13] Vgl. Ebd., S.469.

[14] Ute Horstmann zieht aus der Definition des ´Freien Denkens´ des englischen Philosophen Anthony Collins (1676-1729) folgenden Schluss: „Freies Denken wäre demnach die Tätigkeit des Verstandes in der Überprüfung von Sätzen bzw. von Argumenten, die für oder gegen bestimmte Sätze sprechen, um der Vernunft die Möglichkeit zum Urteil zu verschaffen.“, in: Horstmann, Ute: Die Geschichte der Gedankenfreiheit in England, Meisenheim 1980, S. 61.

[15] Vgl. Möller, Horst: Fürstenstaat, a.a.O., S. 318.

[16] Bereits in der Präambel der Unabhängigkeitserklärung vom 4.Juli 1776 wurden Gleichheit und Freiheit postuliert: „Wir halten diese Wahrheiten für selbstverständlich, dass alle Menschen gleichberechtigt geschaffen sind, dass ihr Schöpfer sie mit bestimmten unveräußerlichen Rechten ausgestattet hat, darunter Leben, Freiheit und das Streben nach Glück. Dass unter den Menschen zur Sicherung dieser Rechte Regierungen eingerichtet werden, die ihre gerechtfertigte Macht von der Zustimmung der Regierten herleiten; dass, wann immer eine Regierungsform diese Absichten verletzt, das Volk berechtigt ist, sie umzubilden oder abzuschaffen und eine neue Regierung zu bilden[...]“, in: Nagler, Jörg: Von den Kolonien zur Führungsmacht, in: Informationen zur politischen Bildung: USA – Geschichte, Gesellschaft, Wirtschaft, hrsg. von der Bundeszentrale für politische Bildung, Bonn 2000, S. 10f.

[17] Kant, Erhard, Hamann, Herder, Lessing, Mendelssohn, Riem, Schiller, Wieland: Was ist Aufklärung? Thesen und Definitionen, hrsg. von Bahr, Ehrhard. Stuttgart 1976, S.9f.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Die Idee des Vernunftstaates bei Johann Gottlieb Fichte (Allgemeine Gesellschaftsentwürfe nach 1789)
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Institut für Wirtschaftswissenschaften)
Veranstaltung
Makroplanung und ökonomische Systeme
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
20
Katalognummer
V18752
ISBN (eBook)
9783638230223
Dateigröße
403 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Idee, Vernunftstaates, Johann, Gottlieb, Fichte, Gesellschaftsentwürfe, Makroplanung, Systeme
Arbeit zitieren
Fabian Mantau (Autor), 2003, Die Idee des Vernunftstaates bei Johann Gottlieb Fichte (Allgemeine Gesellschaftsentwürfe nach 1789), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18752

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