Die Funktion von Ritualen im George-Kreis


Hausarbeit, 2011
31 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Rituale

3. Der George-Kreis
3.1 Motive der Kreisgründung
3.2 Unterwerfung im George-Kreis

4. Rituale im George-Kreis
4.1 Persuasive Methoden
4.2 Die Bedeutung des lauten Lesens
4.3 Über das Hersagen von Gedichten
4.4 Die Lesungen
4.5 Die Lesungen als Initiationsritual

5. Die Funktion von Ritualen im George-Kreis

6. Exkurs
6.1 Scientology
6.2 Vergleich

7. Fazit

Literaturverzeichnis

Internetquellen

1. Einleitung

Mystisch, charismatisch und talentiert – all diese Attribute charakterisieren den Dichter Stefan George. Sie reichen jedoch bei weitem nicht aus, um die Person in ihrer Gänze zu umfassen. Bis heute beschäftigen sich Germanisten, Historiker und andere Wissenschaftler mit Stefan George und dem George-Kult, wurde seine Person doch zu Lebzeiten zeitweise wie ein Popstar verehrt. Fast 80 Jahre sind seit dem Ableben des „Meisters“ vergangen. Das Interesse an seiner Person und an dem Kreis von Literaten, Akademikern, Wissenschaftlern und Künstlern, den er um sich scharte, ist aber bis heute ungebrochen. Georges Hang zur Selbst-Inszenierung und die Aura, die ihn umgab, machen seine Dichtung und sein Wirken auch Jahrzehnte nach seinem Tod noch zu einem spannenden Forschungsgegenstand.

Geboren am 12. Juli 1868 in Büdesheim, begann Stefan George 1886 bereits mit 18 Jahren zu dichten.[1] Laut Germanist Karlhans Kluncker sei außer Goethe kein zweiter Dichter „auch wissenschaftlich derart fruchtbar gewesen“ wie George.[2] 1892 begründete er mit einer kleinen Gruppe gleichaltriger Dichter das Zeitschriftenprojekt „Blätter für die Kunst“, eine elitäre Zeitschrift von Dichtern für Dichter.[3] Nachdem er darin seine Bewährung gesucht hatte, widmete er sich zunächst den Geisteswissenschaften und schließlich der persönlichen und dichterischen Erziehung einzelner junger Menschen,[4] die sich um die Jahrhundertwende im sogenannten George-Kreis um ihn versammelten. Der George-Kreis ist der Hauptuntersuchungsgegenstand dieser Arbeit, im Speziellen werden die Rituale des Kreises näher betrachtet.

Rituale ereignen sich überall und regelmäßig wie zum Beispiel Begrüßungs- und Verabschiedungsrituale, Hochzeiten, Gipfeltreffen, Staatsbesuche und Einschulungen oder die Papstwahl. All diese Handlungen laufen nach festgelegten Kriterien ab und haben bestimmte Funktionen. Die Funktionen von Ritualen im George-Kreis werden in dieser Arbeit unter soziologischen, psychologischen und kultischen Aspekten untersucht und bewertet.

Auf zahlreiche Aspekte, die in der Thematik um Stefan George eine Rolle spielen, wie seine Lyrik, die „Blätter für die Kunst“, der George-Kreis als Staat, die Kreismitglieder und einzelne Beziehungen zwischen George und seinen Anhängern, kann in dieser Arbeit nicht detailliert eingegangen werden. Im Fokus stehen nur die Rituale in ihrer Form und Funktion.

Stefan George ist laut Literaturwissenschaftler Wolfgang Braungardt in der Geschichte der modernen deutschen Lyrik der Autor, „der dem Ritual am stärksten verpflichtet ist und dessen Möglichkeiten am konsequentesten entfaltet.“[5] Dies zeigt sich sowohl in seinen Gedichten[6] als auch auf der sozialen Ebene im George-Kreis. In dieser Arbeit werden verschiedene Rituale des George-Kreises betrachtet, der Fokus liegt dabei auf den Lesungen, die als Initiationsritual fungierten.

Zunächst wird dafür der Begriff des Rituals definiert, anschließend wird auf die Bedeutung des lauten Lesens und auf das Hersagen von Gedichten eingegangen. Diese Praxis spielte im George-Kreis eine sehr große Rolle. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird auf die Motivation Georges zur Gründung des Kreises und seine Besonderheiten eingegangen, im Hauptteil werden die Rituale des Kreises dann auf ihre Funktion untersucht. Hierbei steht das Ritual der Lesung im Vordergrund. Da der George-Kreis häufig als Sekte getitelt wurde und dies auch immer noch wird,[7] wird abschließend ein Blick auf die Rituale der Scientology-Organisation geworfen, um einen Vergleich zwischen den Ritualen des George-Kreises und denen einer weltbekannten und häufig als Sekte bezeichneten Organisation zu ziehen. Ob die Scientology-Organisation tatsächlich eine Sekte ist, ist umstritten. Die Organisation selbst bezeichnet sich als Religionsgemeinschaft.[8] Dieser Frage kann in der Arbeit aber nicht nachgegangen werden, da der Fokus lediglich auf den Methoden von Scientology und ihrer Funktion liegt. Auch die generelle Problematik des Begriffes „Sekte“ und seine Ausformungen werden ebenso wie der gesamten Komplex der Organisation Scientology nur soweit thematisiert, wie es für das grundlegende Verständnis notwendig ist, da sie nicht im Fokus der Arbeit stehen und gesonderter Betrachtung bedürfen. Scientology eignet sich gut für einen Vergleich, da das Material zu dieser Organisation und ihrer Lehre durch die Berichte von Aussteigern vergleichsweise einfach zugänglich ist. Durch prominente Mitglieder wie die Schauspieler Tom Cruise oder John Travolta hat Scientology eine gewisse Berühmtheit erlangt.[9]

Die Literatur, die zur Untersuchung der Rituale im George-Kreis nötig ist, ist in vielen wissenschaftlichen Disziplinen zahlreich vorhanden. Theologische Überlegungen zu Sekten, Berichte von Scientology-Aussteigern, soziologisch-kulturwissenschaftliche Werke zum Thema „Ritual“ und besonders die Literatur zu Stefan George selbst sind nahezu unzählbar. Die Person George und sein Leben können unter verschiedenen Aspekten untersucht werden, Literatur ist daher in diversen Zweigen vertreten. Soziologische Analysen des George-Kreises wie „Literarische Gruppenbildung“ von Rainer Kolk[10], die Biografie Stefan Georges von Thomas Karlauf[11] oder Werke von Mitgliedern des George-Kreises[12] sind ebenso zu nennen, wie Werke mit politischem und historischen Einschlag wie zum Beispiel „Geheimes Deutschland. Stefan George und die Brüder Stauffenberg“[13] von Manfred Riedel. Allerdings überschneiden sich die Disziplinen in den jeweiligen Werken, da das Leben und Wirken Stefan Georges diverse Bereiche umfasst. Für diese Arbeit soll neben ausgewählten Werken über George und seinen Kreis auch Literatur zum Thema „Ritual“ verwendet werden. An dieser Stelle ist „Rituale. Formen – Funktionen– Geschichte. Eine Einführung in die Ritualwissenschaft“ von Burckhard Dücker hervorzuheben, der einen guten Überblick über das Thema „Ritual“ verschafft.

Bei der Literatur rund um Stefan George fällt auf, dass viele Autoren sich gegenseitig zitieren, aufeinander beziehen und sich daher manche Werke in gewissen Aspekten überschneiden. Diese Rückgriffe sind allerdings nicht zu vermeiden, da die Forschungsgrundlagen zur Thematik begrenzt sind. Sie bestehen aus Erinnerungsbüchern, eigenen Erzählungen und Niederschriften der Kreismitglieder, die an die Öffentlichkeit gelangt sind.[14] Aus diesem Grund muss von subjektiven Verzerrungen des Materials ausgegangen werden.

Zunächst werden nun der Begriff des Rituals und seine Ausformung definiert, in Kapitel 4 werden die Rituale des George-Kreises dann vorgestellt und analysiert.

2. Rituale

Das Wort „Ritual“ wird etymologisch auf das lateinische „rituale“ zurückgeführt und ist in Deutschland seit dem 18. Jahrhundert belegt.[15] „‚Rituale’ ist das substantivierte Neutrum des Adjektivs ‚ritualis’, das die Bedeutung hat ‚den Ritus betreffend, zum Ritus gehörig’“, so Ritualwissenschaftler Burckhard Dücker.[16] „Ritus“ stammt vom lateinischen „ritus“ ab und ist seit dem 17. Jahrhundert im Deutschen belegt.[17] „Ritus“ wird mit „der religiöse Gebrauch, Religionsgebrauch,[…] Ceremonie“[18] und im übertragenen Sinne mit „Gebrauch, Brauch, Sitte, Gewohnheit, Art“[19] übersetzt. „Ritual“ fasst kein geschlossenes Register von Handlungsabläufen zusammen, sondern bezeichnet Handlungsabläufe, „die die Merkmale ritueller Formung aufweisen. Rituelles Handeln ist also in jedem sozialen Bereich möglich, prinzipiell kann jede Alltagshandlung ritualisiert werden.“[20] Für rituelle Handlungsabläufe gilt, dass sie eine hohe Stabilität aufweisen, aber nicht unveränderlich sind.[21]

Rituale können von verschiedenen Standpunkten aus betrachtet werden. Sie sind sowohl in religiösen als auch in kulturwissenschaftlichen oder soziologischen Kontexten zu finden. Unter religionswissenschaftlichen Aspekten gilt der Begriff „Ritual“ für „religiöse Handlungen, die zu bestimmten Gelegenheiten in gleicher Weise vollzogen werden, deren Ablauf durch Tradition oder Vorschrift festgelegt ist, und die aus Gesten, Worten und dem Gebrauch von Gegenständen bestehen.“[22] Kulturwissenschaftlich betrachtet, sind Rituale „in den Alltag eingebettete symbolische Handlungen und unterstützen die soziale Ordnung“.[23] Eine Institution bekommt durch ein Ritual die Gelegenheit sich selbst zu präsentieren, „indem das, was für sie die höchste Verbindlichkeit hat, immer wieder vergegenwärtigt wird.“[24] Der Soziologe Hans Georg Soeffner definiert Rituale als eine Folge von Handlungen, die Symbole und symbolische Gesten in immer gleichbleibenden und bereits vorstrukturierten Abläufen verknüpfen.[25] Im Religiösen oder „Quasireligiösen“ ist Verehrung ein Grund für diese Handlungsketten.[26] Die Bedingung für die Durchführung eines Rituals ist die körperliche Anwesenheit der am Ritual Teilnehmenden: „Es ist eine Situation direkter bzw. einer ‚face-to-face Kommunikation’ und Interaktion mit ‚unmittelbar stattfindender sozialer Kontrolle’.“[27] Burckhard Dücker beschreibt Rituale als einen Moment der Gemeinschaft: „Rituale generieren das Soziale und bauen Differenzen ab.“[28] Die Teilnehmer eines Rituals versichern sich bei der Durchführung jedes Mal erneut der Kontinuität und Kultur ihrer Gruppe, so Dücker.[29] Für Braungart hat ein Ritual vier Aspekte, nämlich die Wiederholung einer Handlung, einen festlichen und feierlichen Rahmen, eine ästhetisch-symbolische Gestaltung und seine Selbstbezüglichkeit.[30] Ein festes Ritual des George-Kreises waren Lesungen, bei denen Gedichte vorgelesen wurden. In Kapitel 4 wird darauf näher eingegangen.

3. Der George-Kreis

Dieses Kapitel soll nicht von der Entstehung und Modifizierung, genauen Personen oder Konstellationen des George-Kreises handeln. Vielmehr wird das Verständnis für die Bewunderung, die die Jünger Stefan George entgegen brachten, dargelegt. Auch die Bereitschaft der Jünger zur Unterwerfung unter den Meister soll dadurch klarer werden.

3.1 Motive der Kreisgründung

Um die Jahrhundertwende vom 19. zum 20. Jahrhundert wuchs die Zahl der Kreise, Bünde und Orden, die sich vom Naturalismus abwendeten. Eine Begeisterung für „sakrale Kultur, für griechische Feste oder ritterliche Herrschaftsformen“[31] ging mit Maskenfesten und Zeremonien einher.[32] Die Tendenz zum Rituellen prägte die Kunst der Jahrhundertwende und somit auch die des George-Kreises.[33] Vielen der Gruppen, die damals existierten fehlten Anhänger, die ihnen bedingungslos folgten.[34] George erkannte dies und machte sich auf die Suche nach der akademischen Jugend. Er wusste, dass sie „in ihrem Hunger nach Ganzheit und Exklusivität ihr Glück bei den Dichtern zu finden versuchte.“[35] Der Dichter wollte ihr „Neuerer“ sein.[36] Gleichzeitig war er aber auch auf der Suche nach einem Seelenverwandten beziehungsweise einem Zwillingsbruder, der ihm sehr ähnlich sein sollte.[37] Dieser Zwillingsbruder sollte schön sein und bestimmten ästhetischen Ansprüchen entsprechen, „die sich an mehr oder minder vagen Vorbildern aus der griechischen Antike, der Welt der Märchenprinzen [und] Ritter und Helden orientierten.“[38] Ebenmäßige Züge, ein makelloser Leib, die Klangfarbe der Stimme, Ausdrucksweise und der Gang waren weitere wichtige Kriterien: „[…] häufig [genügte] schon das bloße Aussehen, um George zu elektrisieren.“[39] Genauso waren Charakter, Konzentration und künstlerische Produktivität weitere Aspekte, auf die George großen Wert legte.[40] Er wollte Menschen finden, die sein exklusives Reden und Schreiben wertschätzten und hielt dies auch für möglich, da „Hass gegen die Trivialität des Zeitalters […] das Bedürfnis nach neuen Formen [weckte].“[41] Er wollte Personen, „die bereit waren, sich zu einer gesellschaftlichen Einheit um ihn zu versammeln und sich in unbedingte Abhängigkeit zu begeben; Menschen, auf die er Macht ausüben konnte.“[42] Mit persuasiven Methoden, wie zum Beispiel „dem Erleben und Schaffen seiner ästhetischen Formen und das ritualisierte Verhalten innerhalb einer Gemeinschaft“[43] hat George es geschafft, die Jünger zu begeistern und letztendlich auch zu überzeugen. Er war der Meister – das Zentrum des Kreises. Um ihn scharte sich eine Gemeinschaft von Menschen, die sich durch ihn etablieren konnte.[44] Dieser Kreis wurde als charismatischer Gesinnungsbund, als Miniaturmodell einer Diktatur oder schlicht als Sekte bezeichnet.[45] Die Jünger sahen das aber nicht so.[46]

Der Kreis setzte sich aus mehreren Einzelgrupierungen zusammen, die sich um George als Mittelpunkt gliederten.[47] Ihm nahestehende Personen, wie Karl Wolfskehl, Friedrich Wolters oder Friedrich Gundolf scharten Gruppen um sich, deren Mitglieder wiederum kleine Gruppen um sich versammelten.[48] Der Kreis bezeichnete sich als das „Geheime Deutschland“, George wurde mit dem Begriff „Führer“ in einer überhöht religiösen Bedeutung betitelt.[49]

Ein direkter Zugang zu Stefan George war nur durch seine persönliche Entdeckung möglich.[50] In die Mitte des Kreises aufgenommen zu werden belegte künstlerisches Vermögen und eine „höhere Form des Menschseins oder Schönseins.“[51] George suchte stets nach schönen und jungen Männern und wollte sie zum „rechten Leben“ führen.[52] Zahlreiche Verehrer wollten ihn persönlich kennenlernen und dem Kreis angehören, doch nur wenige wurden auserwählt. Die, die zum Kreis gehören durften, wurden von anderen Kreismitgliedern persönlich empfohlen oder vorgestellt.[53] George selbst wurde auch initiativ. Er entdeckte junge Männer auf der Straße oder in Cafés und sprach diese direkt an.[54]

3.2 Unterwerfung im George-Kreis

Der George-Kreis war ein Verband, der rein nach charismatischen Aspekten und nicht nach sachlichen oder fachlichen Qualitäten auserkoren wurde.[55] Georg Dörr bezeichnet den George-Kreis als „Intellektuellen-Religion“.[56]

Der Soziologe Max Weber hat den Begriff „Sekte“ für den George-Kreis geprägt.[57] Charakteristisch für Sekten ist, dass sie nicht durch die Beziehungen zwischen den einzelnen Mitgliedern zusammengehalten werden, sondern durch die Beziehung aller zu einer übergeordneten Leitfigur.[58] Im Fall des George-Kreises war dies George selbst, der Meister.

Für die Mitgliedschaft im George-Kreis galt, dass man es entweder ganz oder gar nicht war: „Und ganz war man es nur, wenn man sich vollständig Georges Wertungen, seinen Vorlieben und Abneigungen unterwarf […].“[59] Dennoch gab es vieles im Leben der Jünger, für das sich George bewusst nicht interessierte.[60] Von einer totalitären Kontrolle in allen Lebensbereichen kann also nicht die Rede sein.

Jünger berichten, dass George eine ungeheure Sicherheit ausstrahlte, die auf die ihn Umgebenden abfärbte: „In Georges Gegenwart verschwinden die Depressionen und Ängste. Das schwache und fragile Selbst richtet sich auf, die Splitter und Fragmente fügen sich zusammen, werden ‚heil’.“[61] Das Problem mit dieser Art von „Heilung“ ist, dass sie nicht lange vorhält: „Sie bedarf immer wieder der ärztlichen Nachsorge, verlangt immer neue Infusionen des meisterlichen Kraftstoffes. Bleibt der Nachschub aus, beginnt der Motor zu stottern.“[62] Es zeigt sich, dass man zu George nicht in einem Zustand der Stärke und des Selbstvertrauens kommt. Wenn sich die Jünger den erforderten Leistungen unterordneten, so „stärkte er ihr Selbstbewusststein durch Anerkennung.“[63] Bei einer Abkehr von seiner Person oder einem Verstoß gegen seine Regeln machte er seine radikale Position deutlich. Ein Zusammenleben war für ihn nur möglich, wenn seine Jünger ihm gehorchten.[64]

Im nun folgenden Hauptteil der Arbeit werden die Rituale des George-Kreises betrachtet und auf ihre Funktion hin analysiert.

4. Rituale im George-Kreis

4.1 Persuasive Methoden

George hat viele Lebensbereiche ritualisiert, „weil er die dem Ritual innewohnende Ordnung für sinnvoll hielt und sie benötigte, um den Zusammenhalt des Kreises zu sichern.“[65] Rituale und die Hinwendung zu ihnen führt Braungart darauf zurück, dass sie für George eine „dezidiert modernismus- und kapitalismuskritische Antwort auf das Krisenbewusstsein der modernen Literatur und der Moderne überhaupt“[66] darstellen. George ordnete mit immer wiederkehrenden Handlungen die Zusammenkünfte seiner Jünger. Eine Mitgliedschaft im Kreis bedeutete, „sich dem Rituellen unterzuordnen“.[67]

Zu den Ritualen, die im Kreis praktiziert wurden, gehörte das Rekrutieren der neuen Jünger. Hans Brasch berichtet von „wochenlangen Streifzügen im Berliner Westen“[68] auf den Spuren neuer Jünger. Nach vielen Gesprächen, Spaziergängen und Begegnungen wurden sie schrittweise in die Jüngerschaft eingeführt, für den Kreis vorbereitet und in ihn integriert.[69]

Weiterhin dachte der Meister seinen Jüngern symbolhaltige Rollen zu, seine engen Vertrauten Wolfskehl und Gundolf verkörperten für ihn die biblischen Figuren Petrus und Johannes.[70] Auch benannte George seine Anhänger um:

Aus den Brüdern Gundelfinger wurden Friedrich und Ernst Gundolf, aus Frank Mehnert ‚Victor Frank’, aus Walter Anton ‚der Löwe’, aus Max Kommerell nacheinander ‚Maxim’, ‚das Kleinste’ und schließlich: ‚die Kröte’. Edgar Salin musste die französische Aussprache seines Namens durch die deutsche ersetzen und die Betonung obendrein auf die letzte Silbe verlagern.[71]

Friedrich Gundelfinger nahm die Nachnamensänderung zu „Gundolf“ in den 20er Jahren sogar offiziell an.[72] Durch diese Namensvergaben drückte George Zu- oder Abneigung aus. Kommerell hieß schließlich, nachdem er dem Kreis dem Rücken zugekehrt hat und somit in Georges Ungnade gefallen war, nur noch „die Kröte“.[73]

Für die Analyse der Rituale im George-Kreis ist es wichtig, auch die Inszenierung der Körper zu betrachten. Diese kann unter anderem durch Mimik und Gestik ausgedrückt werden.[74] George zeigte durch Blicke, Posen, einen Wechsel im Tonfall oder ein Gespräch Ablehnung und Zuneigung. Gerade die Blicke oder Berührungen empfanden seine Anhänger als magisch, sie dienten als Mittel der Verführung und wiederholten sich regelmäßig.[75]

Zur weiteren Strukturierung des Lebens im Kreis gehörte das Schreiben in der StG-Schrift[76], der Umgang mit den „heiligen Büchern“, also Georges Werken und die „Benutzung der Fotografien als Ikonen.“[77] Auch die Begrüßungen waren vorgegeben: „Tritt ein jüngerer bei den wichtigen begegnungen und abschieden vor Einen der schon länger das hohe leben geführt hat, so soll er mit einer leichten neigung seines hauptes grüssen[sic!].“[78]

Das Besondere der Gruppe wurde Außenstehenden durch einen gemeinsamen Habitus, eine ähnliche Physiognomie und einen fast identischen Haarschnitt vermittelt.[79] Die ästhetischen Erscheinungsformen haben sich mit den „strengen rituellen Strukturen von Herrschaft und Dienst, Gehorsam, Anpassung, Unterordnung und Opferbereitschaft“ verbunden.[80]

Die herausgehobene Position Georges wurde in allen Handlungen des Kreises deutlich,[81] er war stets der tonangebende Mittelpunkt. So auch bei den Lesungen, die stark ritualisiert waren.

[...]


[1] Vgl. Breuer, Stefan: Ästhetischer Fundamentalismus. Stefan George und der deutsche Antimodernismus. Darmstadt 1995, S 31.

[2] Kluncker, Karlhans: Das geheime Deutschland. Über Stefan George und seinen Kreis. Bonn 1985, S. 9.

[3] Vgl. Kluncker (1985), S. 12f.

[4] Vgl. Kluncker (1985), S: 22.

[5] Braungart, Wolfgang: Ästhetischer Katholizismus. Stefan Georges Rituale der Literatur. Tübingen 1997, S. 83.

[6] Braungart (1997), S. 268.

[7] Vgl. Dörr (2007), S. 296.

[8] Vgl. Fifka, Matthis S., Sykora, Nadine: Scientology in Deutschland und den USA. Strukturen, Praktiken und öffentliche Warhnehmung. Berlin 2009, S. 11.

[9] http://www.focus.de/panorama/vermischtes/hollywood_did_14432.html Stand: 10.09.2011.

[10] Kolk, Rainer: Literarische Gruppenbildung. Am Beispiel des George-Kreises 1890-1945. Tübingen 1998.

[11] Karlauf, Thomas: Die Entdeckung des Charisma. München 2007.

[12] Siehe beispielsweise: Gundolf, Friedrich: George. Berlin 1920. Oder: Wolters, Friedrich: Stefan George. Deutsche Geistesgeschichte seit 1890. Berlin 1930.

[13] Riedel, Manfred: Geheimes Deutschland. Stefan George und die Gebrüder Stauffenberg. Köln/Weimar/Wien 2006.

[14] Vgl. Braungart (1997), S. 81.

[15] Dücker, Burckhard: Rituale. Formen – Funktionen – Geschichte. Eine Einführung in die Ritualwissenschaft. Stuttgart 2007, S. 14.

[16] Dücker (2007), S. 14.

[17] Ebd. S. 14.

[18] Ebd. S. 14.

[19] Dücker (2007), S. 14.

[20] Dücker (2007), S. 1.

[21] Dücker (2007), S. 16.

[22] Dücker (2007), S. 17.

[23] Dücker (2007), S. 18.

[24] Ebd. S. 18.

[25] Vgl. Soeffner, Hans Georg: Auslegung des Alltags – Der Alltag als Auslegung. Frankfurt am Main 1989, S. 178.

[26] Roos, Martin: Stefan Georges Rhetorik der Selbstinszenierung. Düsseldorf 2000, S. 152.

[27] Dücker (2007), S. 36.

[28] Ebd. S. 36.

[29] Ebd. S. 36.

[30] Vgl. Braungart, Wolfgang: Ritual und Literatur. Tübingen 1996, S. 74.

[31] Roos (2000), S. 131.

[32] Vgl. Roos (2000), S. 131.

[33] Braungart (1997), S. 49.

[34] Vgl. Roos (2000), S. 133.

[35] Roos (2000), S. 134.

[36] Vgl. Roos (2000), S. 134.

[37] Breuer (1995), S. 45.

[38] Ebd. S. 45.

[39] Ebd. S. 45.

[40] Vgl. Breuer (1995), S. 45.

[41] Roos (2000), S. 134.

[42] Roos (2000), S. 135.

[43] Ebd. S. 135.

[44] Vgl. Roos (2000), S. 136.

[45] Vgl. Roos (2000), S. 136.

[46] Vgl. Gundolf, Friedrich: George. Berlin 1920, S. 31.

[47] Vgl. Roos (2000), S. 137.

[48] Ebd. S. 137.

[49] Vgl. Roos (2000), S. 138.

[50] Vgl. Roos (2000), S. 139.

[51] Roos (2000), S. 139.

[52] Vgl. Boehringer, Robert: Mein Bild von Stefan George, Text- und Bildband. München/Düsseldorf 1951, S. 160.

[53] Vgl. Roos (2000), S. 139.

[54] Vgl. Roos (2000), S. 140.

[55] Vgl. Breuer (1995), S. 78.

[56] Vgl. Dörr, Georg: Muttermythos und Herrschaftsmythos. Zur Dialektik der Aufklärung um die Jahrhundertwende bei den Kosmikern, Stefan George und in der Frankfurter Schule, Würzburg 2007, S. 317.

[57] Vgl. Dörr (2007), S. 296.

[58] Vgl. Breuer (1995), S. 78.

[59] Breuer (1995), S. 60.

[60] Vgl. Breuer (1995), S. 60.

[61] Breuer (1995), S. 65.

[62] Breuer (1995), S. 66.

[63] Roos (2000), S. 173.

[64] Vgl. Roos (2000), S. 173.

[65] Vgl. Janz, Rolf-Peter: Die Faszination der Jugend durch Rituale und sakrale Symbole. In: Koebner, Thomas; Janz, Rolf-Peter; Trommler, Frank (Hg.): „Mit uns zieht die neue Zeit“. Der Mythos Jugend, Frankfurt a.M. 1985, S. 334.

[66] Braungart (1997), S. 94.

[67] Roos (2000), S. 152.

[68] Breuer (1995), S. 46.

[69] Vgl. Roos (2000), S. 139f.

[70] Vgl. Roos (2000), S. 156.

[71] Breuer (1995), S. 53.

[72] Vgl. Groppe, Carola: Die Macht der Bildung. Das deutsche Bürgertum und der George-Kreis, 1890 bis 1933. Köln/Weimar 1997, S. 291.

[73] Breuer (1995), S. 53.

[74] Dücker (2007), S. 7.

[75] Vgl. Roos (2000), S. 156.

[76] Stefan-George-Schrift, Vgl. Roos (2000), S. 10.

[77] Roos (2000), S. 145.

[78] Boehringer (1951), S. 157.

[79] Vgl. Roos (2000), S. 153.

[80] Roos (2000), S. 153.

[81] Vgl. Roos (2000), S. 156.

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Details

Titel
Die Funktion von Ritualen im George-Kreis
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Geschichtliche Konstellationen der deutschen Literatur
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
31
Katalognummer
V187612
ISBN (eBook)
9783656109945
ISBN (Buch)
9783656109785
Dateigröße
548 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stefan George, George-Kreis, Meister, Scientology, Ritual, Lesungen, Dichter, Literat, Stauffenberg, Blätter für die Kunst, geheimes Deutschland, Sekte, Ritus, Jünger, Jahrhundertwende, Leseabend, Initiationsritual, Dichterschule, Dichterkreis
Arbeit zitieren
B.A. Farina Fontaine (Autor), 2011, Die Funktion von Ritualen im George-Kreis, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187612

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