Heinrich Böll's kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Nachkriegszeit anhand seiner Kurzprosa „Über die Brücke“ (1950)


Seminararbeit, 2011
15 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

1. Einleitung

1.2. Fragestellung und Arbeitsmethode

In meiner Seminararbeit möchte ich, anhand der Kurzprosa „Über die Brücke“ (1950) von Heinrich Böll, seine kritischen Ansichten in Bezug auf die Gesellschaft der Nachkriegszeit, speziell ab 1949, darlegen. Die Basis soll ein historisch-autobiographischer Kontext sein, da dies grundlegend für das Verständnis der Kurzprosa ist. Hierzu werde ich eine Kurzbiographie, die in einen historischen Kontext eingefasst werden soll, verfassen. Diese soll ausschnittsweise sein Leben von 1917-1952 darlegen, da dies die prägendsten Jahre für seine schriftstellerische Karriere waren. An Hand dessen soll dann die Interpretation der Kurzprosa erfolgen, wobei vor allem die kritische Auseinandersetzung mit Nachkriegsgesellschaft im Mittelpunkt stehen soll. Den Schluss wird ein Fazit bilden.

2. Leben und Werk

2.1. Kurzbiographie und historischer Konxtext

Böll wurde am 21.12.1917 in Köln, inmitten des 1. Weltkrieges, geboren. Sein Vater war zu dieser Zeit Landsturmmann und absolvierte Brückenwache[1]. Sein Vater Viktor Böll hatte als Schreiner und Bildschnitzer einen eigenen kleinen Betrieb aufgebaut, von dem die Familie, auch nach dem Krieg, recht gut leben konnte.

In der Familie fand er Halt und Geborgenheit und auch das katholische Milieu, in dem er aufgewachsen ist, prägten seine Wertvorstellungen und die Vorstellungen von Familie, die für ihn eine signifikante Rolle in seinem späteren Leben spielen sollten. Dies lässt sich in seinen Texten, vor allem in der Rolle der Frau[2], gut nachvollziehen.

In seiner Jugend hat er viel Kontakt zu Gleichaltrigen und Kindern aus allen Gesellschaftsschichten, vor allem auch zu den so genannten „roten“ Kindern, über die er selbst später sagen wird: „[...] von den <roten> Kindern lernte ich, was ich bei den <besseren> nie gelernt hätte [...]“.[3]

In den Jahren von 1924-1928 geht er auf die katholische Volksschule in Köln, bevor er ab 1928 dann das staatlich humanistische Kaiser -Wilhelm - Gymnasium besucht. In den Jahren bis 1936 muss die Familie erhebliche Umbrüche durchmachen: Die Weltwirtschaftskrise, aus der eine hohe Zahl Arbeitsloser und eine Zeit des Hungers resultierte. Vor allem aber auch der Verlust ihres Hauses und die Ernennung Hitlers zum Reichskanzler. In der Familie wurde über diese Themen offen diskutiert und es fanden sogar illegale Treffen von katholischen Jugendverbänden statt[4].

1937 absolvierte er dann sein Abitur und begann eine Lehre zum Buchhändler in Bonn, die er aber nach noch nicht mal einem Jahr abbricht. 1939 immatrikuliert er sich an der Universität Köln aber nur kurze Zeit später, wurde er zur deutschen Wehrmacht einberufen. Er nimmt von 1939-1945 aktiv am Krieg teil, auch wenn er von Beginn an versucht, dem Dienst zu entkommen. Er ist während des Krieges in Frankreich, Rumänien, Ungarn, Polen, der Sowjetunion und Deutschland stationiert. In seinen Werken werden dies zum Teil die Handlungsorte seiner Geschichten, in denen auch immer etwas von ihm selbst steckt. Er wird viermal verwundet und versucht alles, um aus dem Dienst entlassen zu werden. In dieser Zeit schreibt er auch immer wieder Briefe an die Familie, die später zu seinem Nachlass gehören sollten. 1942 heiratet er seine Freundin Annemarie Cech und 1944 stirbt dann seine Mutter. Erst ein Jahr später wird Böll aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft entlassen. Nach dem er 1936 mit dem Schreiben begonnen hatte, verfasst er ab 1946 nun Romane und zahlreiche Kurzgeschichten.

Zu dieser Zeit hatte er sich wieder an der Universität Köln eingeschrieben, jedoch studierte er gerade mal ein gutes Jahr, bevor er sich 1947 beurlauben ließ und er auch nie mehr an die Uni zurückkehren sollte. In dieser Zeit haben sämtliche seiner Arbeiten (aber auch darüber hinaus) thematisch mit der Zeit des Nationalsozialismus, des Krieges oder der Gegenwart zu tun. Ich bin hierbei der Auffassung, dass er damit nicht nur die ungeschönte Realität wiedergeben wollte, sondern dass es auch eine Form der Bewältigung des Erlebten war. Es war das Sprachrohr dieser Zeit.

Zu dieser Zeit verschickt er seine Kurzgeschichten an diverse Zeitungs- und Zeitschriftenverlage, bevor er 1952 einen Vertrag mit dem Verlag Kiepenheuer & Witsch[5] in seiner Heimatstadt Köln abschließt. Ein Jahr zuvor erhielt er eine Einladung zu einer Tagung der Gruppe 47, wo er für seine Erzählung „Die schwarzen Schafe“ ausgezeichnet wird. In den Jahren von 1947-1950 werden seine drei Söhne geboren und er veröffentlicht 1950 einen Band mit Kurzgeschichten: „Wanderer, kommst du nach Spa“, woraus auch meine Kurzprosa „Über die Brücke“[6] entstammt, die ich nun im Folgenden erörtern möchte.

2.2. Entstehungskontext „Über die Brücke“

1947 hat Heinrich Böll diese Kurzprosa erstmals verfasst, jedoch gelang es ihm nicht, sie zu publizieren, da viele Verlage ihm eine Ablehnung aussprachen. Der Grund sei „weniger die literarische Qualität“[7] gewesen, sondern eher die Thematik, mit ihrer melancholischen Basis und „dieser surreal anmutenden Geschichte“[8]. Die Verlage erhofften sich einen größeren Leserkreis mit positiven Geschichten zu gewinnen, gerade in den ersten Kriegsjahren, wo die schmerzhaften Erlebnisse noch frisch waren. Und Bölls Werk verhielt sich dato „eher quer zu den stilistischen Kargheitsanforderungen der Jungen Generation“[9]. Doch 1950 war es dann soweit, die Erstveröffentlichung erfolgte durch eine

Sendung von Radio Frankfurt am 02.01.1950[10]. Publiziert wurde „Über die Brücke“ dann gemeinsam mit anderen frühen Werken Bölls in dem Sammelband „Wanderer, kommst du nach Spa“[11].

Diesmal ist der Protagonist kein Soldat oder Kriegsheimkehrer, sondern ein einfacher Mann, an dem das „Verhaltensmuster aus der unmittelbaren Vor- und Nachkriegszeit gegenübergestellt“[12] wird. Der Krieg selbst wird hier zwar nicht ausdrücklich erwähnt, jedoch lässt sich im Folgenden am Text belegen, dass der Krieg einen signifikanten Bezugspunkt bildet.

2.3. Inhaltsangabe

Der Protagonist der Kurzprosa ist der Bote Grabowski, der als „eine Art Aktenschlepper“ (S.7) für den Reichsjagdgebrauchshundverband dreimal in der Woche, und zwar montags, mittwochs, samstags, mit dem Zug von Königsstadt nach Gründerheim fuhr. Auf diesem Weg kam er an einem, ich bin fast geneigt zu sagen, gut kleinbürgerlichem und vor allem sauberen[13] Haus vorbei. Dort sah er immer (außer bei Regen) ein kleines Mädchen draußen auf der Freitreppe sitzen, die eine saubere Puppe im Arm hielt. Danach ging sein Blick, wie automatisch, in das linke Fenster des Hauses, wo die Mutter des Kindes, mit einem Putzeimer und „den Scheuerlappen in den Händen“ (S.8) stand und die Fenster putzte. Auffällig ist hierbei, dass dies immer zu derselben Zeit geschieht, da der Protagonist zweimal äußert: „[...] denn die Züge waren damals furchtbar pünktlich“ (S.9).

Dieser Umstand beschäftigt Grabowski so sehr, dass er sogar eigens einen Putzplan anlegt und sich fragt, was die Frau die anderen Tage macht bzw. wo sie dann putzt. Es geht sogar soweit, dass es sich allmählich auf seinen Beruf auswirkt und er vor den Chef zitiert wird. Er bittet darum, dass er einen Tag frei bekommt und der Chef genehmigt ihm diesen einen Tag, einen Donnerstag. An diesem freien Tag fuhr er die ganze Zeit mit dem Zug hin und her, und dass nur, weil er wissen wollte, was die Frau macht.

Er vernahm, dass sie nun in anderen Bereichen des Hauses putzte und er fuhr so lange mit dem Zug daran vorbei, bis er seinen Putzplan für Donnerstag vollendet hatte und die Frau nicht mehr zu sehen war. Dafür sah er aber nun „den kleinen gebückten Mann im Garten arbeiten“ (S.11).

Diese Geschehnisse waren jetzt bereits zehn Jahre her und wurden aus der Retroperspektive von Grabowski erzählt. Eines Tages fuhr er jedoch wieder die Strecke von Königsstadt aus und er erinnerte sich sofort an das Haus, als er die Schrebergärten erblickte. In dem Moment wurden alle vergessenen Erinnerungen an das Haus wieder real und er fragte sich, ob das Haus wohl noch immer stehen würde, und ob die Frau immer noch putzen würde und siehe da; er erblickte die Frau wie sie dabei war, die Freitreppe zu putzen. Doch bei genauerem Hinsehen, sah er, dass es nicht „die“ Frau war und als sie sich kurz zu ihm umblickte, erkannte er, dass es die Tochter und ein Donnerstag war.

3. Interpretation

3.1. Formale Gliederung

Nach meiner Auffassung, lässt sich die Kurzprosa in vier Abschnitte[14] gliedern:

1. Abschnitt: Seite 7, Zeile 1 [ „Die Geschichte, [...]“ ] - 22 [ „[...], ich war ja nur ein Bote...“ ]. In diesem ersten Abschnitt findet eine kurze Einleitung durch den Protagonisten Grabowski statt, der darauf hinweist, dass er eine persönliche Geschichte erzählen möchte, die er vor zehn Jahren erlebt hat und die sich in der Gegenwart dann vollenden wird. Daraufhin erfährt man einige Details über die Person Grabowski, jedoch nur diese, welche für die Geschichte von Bedeutung sind. Des Weiteren gibt dieser Abschnitt Hinweise auf die zeitliche Einordnung.

[...]


[1] Vgl. Bernsmeier, Helmut (1997): Heinrich Böll. Stuttgart, S. 12.

[2] Zur „Rolle der Frau“: siehe Hyesook Seo geb. Hyoun (2007): Weibliche Figuren und ihre Rollen in ausgewählten Werken Heinrich Bölls. Paderborn.

[3] 3 Bernsmeier 1997, S. 13.

[4] 4 Vgl. ebd., S. 14.

[5] Der Verlag publiziert heute noch die Werke von Heinrich Böll. Im Jahr 2010 sind die letzten Bände, der insgesamt 27 Bände umfassenden Werksausgabe Heinrich Böll's („Kölner Ausgabe“), erschienen.

[6] 6 Böll, Heinrich (2001): Über die Brücke, in: Böll, Heinrich, Wanderer, kommst du nach Spa..., 39. Auflage. München, S. 7-13.

[7] 7 Hermanns, Silke (2000): Über die Brücke, in: Bellmann, Werner (Hrsg.): Heinrich Böll. Romane und Erzählungen. Stuttgart, S. 24.

[8] 8 Ebd., S. 24.

[9] Wehdeking, Volker/Blamberger, Günter (1990): Erzählliteratur in der Nachkriegszeit (1945- 1952). München, S. 108.

[10] Ähnliches findet sich bei Hermanns 2000, S. 24 mit einem Verweis auf Bellmann (1994).

[11] Zitiert wird der Text im Folgenden durch Angabe der Seitenzahl in Klammern nach der Ausgabe: Böll, Heinrich: Wanderer, kommst du nach Spa..., 39. Auflage, München 2001, S. 7-13. Die Sammlung ist erstmals 1950 im Verlag Friedrich Middelhauve erschienen.

[12] Hermanns 2000, S. 24.

[13] Die Adjektive „sauber“ und „putzen“ haben in dieser Kurzprosa einen signifikanten, symbolischen Gehalt, weshalb ich sie bereits in der Inhaltsangabe hervorhebe.

[14] Diese Einteilung ist notwendig, um die Kurzgeschichte im Folgenden besser analysieren zu können.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Heinrich Böll's kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Nachkriegszeit anhand seiner Kurzprosa „Über die Brücke“ (1950)
Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,7
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V187691
ISBN (eBook)
9783656118480
ISBN (Buch)
9783656132455
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
heinrich, böll, auseinandersetzung, gesellschaft, nachkriegszeit, kurzprosa, über, brücke, trümmerliteratur
Arbeit zitieren
Jeanette Michalak (Autor), 2011, Heinrich Böll's kritische Auseinandersetzung mit der Gesellschaft der Nachkriegszeit anhand seiner Kurzprosa „Über die Brücke“ (1950), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187691

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