Der Mensch handelt. Dies ist der thematische Fokus der Anthropologie. In der philosophischen Tradition ist seit Anbeginn darüber nachgedacht worden, wie sich dieser Umstand, in eine Theorie einbetten lässt, die den Menschen in einem umfassenderen Sinne als „Person“, „moral agent“ oder „Subjekt“ denkt. Ziel war es eine Vorstellung von der Art und Weise zu gewinnen, wie Menschen handeln. Ausgehend von den rationalistischen Tendenzen der Aufklärung wurde das „Handeln aus Gründen“ mehr und mehr zum Mittelpunkt der Überlegungen. Ebenso finden, die aus der an-gelsächsisch-empiristischen Tradition entlehnten Bestimmungen über „desire“ und „belief“ Eingang in den Diskurs. Mit neuesten Denkströmungen könnte man sich sogar fragen, ob es möglich ist, dass Gefühle Gründe sein können, die zum Handeln motivieren. Neben den klassischen Programmen hat sich die Moderne vor allem auf sprachphilosophische und logische Voraussetzungen von Handlungen konzentriert.
In diesem weiten Feld philosophischer, soziologischer und psychologischer Untersuchungen fällt auf, dass ein alltagssprachlich durchaus gebräuchlicher und verbreiteter Begriff wie „Willensschwäche“ sich einer ad hoc Definition entzieht. Dieser Begriff scheint, obwohl er in lebensweltlichen Zusammenhängen prima facie über beeindruckendes Erklärungspotential verfügt, nicht zu greifen.
Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, in systematisch-kritischer Absicht den „Nebel“ um den Begriff der „Willensschwäche“ etwas zu lichten und zwei Evaluierungen des von Aristoteles geprägten Begriffs der akrasia vorzustellen. Zu diesem Zweck dienen die klassisch-traditionellen Positionen Platons und Aristoteles als Ausgangspunkt, um anschließend mit Jens Timmermann und Ursula Wolf – zwei modernen Philosophen – das Phänomen zu erörtern.
Inhaltsverzeichnis
0. Einleitung
I. Das Konzept der Willensschwäche in der Platonischen und Aristotelischen Tradition
I. 1 Die Platonische Tradition
I. 2 Die Aristotelische Tradition
II. Die Explikation der Aristotelischen akrasia nach Jens Timmermann und Ursula Wolf
II. 1 Die akrasia nach Jens Timmermann
II. 2 Die akrasia nach Ursula Wolf
III. Schlussbemerkung
IV. Literatur
Zielsetzung & Themen
Das Ziel der vorliegenden Arbeit ist es, das Phänomen der „Willensschwäche“ in einer systematisch-kritischen Auseinandersetzung zu beleuchten und den antiken Begriff der akrasia, insbesondere durch die Analysen von Jens Timmermann und Ursula Wolf, modern zu evaluieren.
- Philosophische Tradition der Willensschwäche von Platon bis Aristoteles
- Differenzierung zwischen dem antiken Begriff der akrasia und moderner Willensschwäche
- Strukturelle Analyse des praktischen Syllogismus bei Aristoteles
- Kritische Würdigung der Erklärungsansätze von Jens Timmermann und Ursula Wolf
- Untersuchung von Handlungsspielräumen und Selbsttäuschungsmechanismen
Auszug aus dem Buch
II. 1 Die akrasia nach Jens Timmermann
Aristoteles unterscheidet – so Timmermann – zwei Arten von Willensschwäche:
1. Die schwache akrasia, wo zwar beide Obersätze erkannt werden, aber sich der Handelnde von dem Syllogismus der Begierde übermannen lässt.
2. Die impulsive akrasia, derjenige, der gar nicht überlegt und sofort dem Syllogismus der Begierde folgt.
Bei der schwachen akrasia bleibt der Handelnde durch den Einfluss der Begierde nicht bei einem in vernünftiger Überlegung gefassten Beschluss. Im zweiten Fall überlegt er erst gar nicht und handelt daher sofort, wie es die Begierde gebietet.
Ein weiterer wesentlicher Unterschied zwischen den beiden Akratikern liegt darin, dass der schwache Akratiker, bei dem der Obersatz dispositionell vorhanden ist, nach seiner Handlung, von Gefühlen wie Reue übermannt wird. Dieser emotionale Prozess deckt sich – nach Jens Timmermann – am ehesten mit dem in der heutigen Debatte benutzten Begriff der Willensschwäche. Hiermit wird deutlich, dass Timmermann eine Differenzierung der beiden Begriffe akrasia und Willensschwäche vornimmt und in seiner Evaluierung in erster Linie den von Aristoteles gemeinten Begriff fokussiert.
Dabei ist akrasia – streng nach Aristoteles – an den Syllogismus gebunden und hebt die Unfähigkeit des Handelnden hervor, den Untersatz zu verstehen. Wobei Willensschwäche dann vorliegt, wenn der Obersatz ODER der Untersatz nicht verstanden wird und die Handlung folglich auch allgemeine Regeln betreffen kann. In dem Fall, in dem der Handelnde nicht versteht ist er von Emotionen überwältigt.
Zusammenfassung der Kapitel
0. Einleitung: Die Einleitung stellt den anthropologischen Kontext des menschlichen Handelns dar und führt in das Problem der Willensschwäche ein, um das Ziel der Arbeit, die Klärung des Begriffs akrasia, zu definieren.
I. Das Konzept der Willensschwäche in der Platonischen und Aristotelischen Tradition: Dieses Kapitel erläutert die platonische Auffassung, die Willensschwäche kaum zulässt, und stellt der flexibleren, auf dem praktischen Syllogismus basierenden Konzeption des Aristoteles gegenüber.
II. Die Explikation der Aristotelischen akrasia nach Jens Timmermann und Ursula Wolf: Hier werden die modernen Interpretationsansätze von Timmermann und Wolf analysiert, wobei besonders die Unterscheidung von Handlungsarten und das Phänomen der Selbsttäuschung im Vordergrund stehen.
III. Schlussbemerkung: Die Schlussbemerkung resümiert, dass während Timmermann Aristoteles strukturiert reformuliert, Wolfs Ansatz der Umdeutung in einen kognitiven Fehler kritisch hinterfragt wird.
IV. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Quellen und Fachliteratur.
Schlüsselwörter
Akrasia, Willensschwäche, Aristoteles, Platon, praktischer Syllogismus, Jens Timmermann, Ursula Wolf, Handeln aus Gründen, Selbsttäuschung, Vernunft, Begierde, Ethik, Philosophie, Handlungsphilosophie, kognitiver Fehler.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der philosophischen Untersuchung des Begriffs der Willensschwäche, ausgehend von antiken Vorstellungen bis hin zu modernen philosophischen Interpretationen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die menschliche Handlungsfähigkeit, die Rolle von Vernunft und Begierde sowie die philosophische Differenzierung zwischen akrasia und Willensschwäche.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es, den „Nebel“ um den Begriff der Willensschwäche zu lichten, indem die aristotelische Theorie der akrasia analysiert und ihre Rezeption durch moderne Philosophen kritisch bewertet wird.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt eine systematisch-kritische Analyse philosophischer Texte und vergleicht dabei klassische Positionen mit zeitgenössischen Auslegungen.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil widmet sich der Gegenüberstellung von Platon und Aristoteles sowie der detaillierten Betrachtung der Thesen von Jens Timmermann und Ursula Wolf zur Willensschwäche.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Akrasia, Willensschwäche, praktischer Syllogismus, Handlungsspielräume und Selbsttäuschung sind prägende Begriffe dieser Untersuchung.
Wie unterscheidet Aristoteles nach Timmermann die zwei Arten der akrasia?
Er unterscheidet zwischen der „schwachen akrasia“, bei der der Handelnde trotz Überlegung gegen seinen Beschluss handelt, und der „impulsiven akrasia“, bei der keine Überlegung stattfindet.
Warum kritisiert der Autor Ursula Wolfs Ansatz?
Der Autor bemängelt, dass Wolf das Problem auf eine sprachliche Ebene verlagert und mit dem „kognitiven Fehler“ eine Scheinlösung anbietet, die den ontologischen Kern des aristotelischen Problems verfehlt.
Welche Rolle spielt die Zeitdifferenz bei der Selbsttäuschung nach Wolf?
Die Zeitdifferenz erlaubt es dem Handelnden, den Vorsatz für die Zukunft zu fassen, während er in der aktuellen Situation seinen unmittelbaren Wünschen nachgibt, wodurch er sein Idealbild aufrechterhalten kann.
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- Hasret Faßbender (Author), 2003, Eine Debatte um den Begriff der Aristotelischen "akrasia", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187739