Wesen der Gewalt und Wesen der Macht

Die kulturellen Konstitutionsbedingungen für Macht und Gewalt


Hausarbeit (Hauptseminar), 2010

21 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

Vorwort

Frage- und Problemstellung, Literaturauswahl

Thesen

A. Das Wesen der Gewalt und das Wesen der Macht n. Benjamin

B. Das Wesen der Gewalt und das Wesen der Macht n. Arendt
1. Macht gewaltig
2. Gewalt mächtig
3. Erwerb, Ausübung und Erzeugung von Macht
4. Gewalt als unbemerkte Kommunikationsbarriere

C. Zusammenfassung

D. Das Verhältnis von Gewalt zu Natur und Kultur
1. Biologistisch-naturalistische Gewalt (Lebensphilosophie)
2. Kritik an der These der Natürlichkeit von Gewalt
3. Kultur der Gewalt (Kritische Theorie)
4. Zwischenfazit

Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

Vorwort

Der positiven Rechtstheorie nach gäbe es ein natürliches Gewaltmonopol beim Staat, welches in Krisensituationen hinzugezogen werden könnte. Anhand der Theorie der strukturellen und institutionellen Gewalt würde entgegnet, dass Gewalt nicht lediglich „letztinstanzliches Potenzial“ sondern systemisch verankerter Dauerzustand unter kapitalistischen Bedingungen sei. Dieser würde seitens der Subjekte nicht einfach hingenommen, sondern als politische Deprivation erfahren. Resignation oder Reaktion seien die Handlungsoptionen darauf. Zur Auswahl stünden reaktiv sowohl friedliche Mittel, wie die durch die allgemeinen Freiheiten abgesicherten politischen Partizipationsmöglichkeiten, andererseits gebe es aber auch konfliktiv-gewalttätige Formen. Diesen sei aber allein durch Erklärungsmodelle materieller Deprivation oder gesellschaftlicher Desintegration nicht mehr beizukommen. Unterdrückung und Repression als Formen struktureller Gewalt durch Staat oder Gesellschaft mittels physischer oder psychischer Verletzung des Individuums seien danach als darüber hinausgehende Zuspitzungen zu verstehen.

In der Gewaltdiskussion entstand eine Theorie des Widerstands und der Revolution. Die Ambivalenz im revolutionären Diskurs besteht in der Einigkeit, wann ein Moment des Umsturzes gegeben und ob Gewalt dazu notwendig sei. Ihre äußersten gewaltsamen Zuspitzungen seien Guerillakampf oder Terrorismus. Der Mythos der Revolution sei aber ein Märchen, der auf einem falschen Verständnis von Macht und Gewalt fuße, entgegnet Hannah Arendt.

Frage- und Problemstellung, Literaturauswahl

Fragt man nach dem Wesen der Gewalt, ist damit auch die Frage nach dem Wesen der Macht aufgeworfen. Unter ihrer Hoheit dürfte in nationalstaatlich organisierten demokratischen und bürgerlichen Gesellschaften ein Gewaltmonopol hervorgehen. Reinares schlug vor, dieses als „organisatorische Gewalt“ der Mesoebene zuzuordnen. Auf der Mikroebene verortet er „individuelle Gewalt“ (2002, 392). Doch wie lässt die „systemische Gewalt“ auf der Makroebene mit der organisatorischen vereinbaren? Kulturelle Gewalt böte sich möglicherweise an, da sie auf der Makroebene verortet und historisch entwickelt dazu eignen könne, die anderen beiden Ebenen miteinander zu verbinden. Doch möglicherweise sieht man die symptome kultureller Gewalt nicht „klar“ genug. Jürgen Habermas (1978, 7 f.) kritisiert an der Sozialforschung, dass diese immer nur den Ist-Zustand nachweisen könne, nie aber zukünftige Erklärungen bieten würde:

Die Soziologen bauen ihre Begriffe erst um, wenn sie klar sehen; bis dahin können wir mehr von denen lernen, die in der Wahrnehmung von symptomen geübter sind.

(ebdenda)

Seinem Vorschlag, sich diesbezüglich auch philosophischen Diskussionen zu nähern, möchte ich deshalb nachgehen. Benjamins Aufsatz Zur Kritik der Gewalt und andere Aufsätze gilt als philosophischer Grundlagentext für moderne Gewaltkritik:

Benjamin hat das im Wort „Frieden“ Verheißene zu ernst genommen, um Pazifist zu sein: er hat gesehen, wie untrennbar das, was wir heute Frieden nennen, zum Krieg gehört, und wie dieser Friede die „notwendige Sanktionierung eines jeden Sieges“ ist und die kriegerische Gewalt perpetuierte.

(Marcuse, in: ebd., S. 100)

Im Lichte seiner Arbeit haben sich Konstruktivsten wie Giorgio Agamben (Die Sprache und der Tod) oder Jaques Derrida (Gesetzeskraft. Der »mystische Grund der Autorität«) wie auch die Sozialphilosophin Hannah Arendt (Macht und Gewalt) abgearbeitet. Jürgen Habermas hat sowohl auf Arendt als auch auf Benjamin Bezug genommen und eine kritische Würdigung verfasst. Deshalb werde ich mich in dieser Arbeit auf diese drei Autoren als philosophische Vertreter konzentrieren. Arendt selbst hat mit Macht und Gewalt einen wesentlichen Beitrag zur Diskussion um die Differenz zwischen den beiden Begriffen geleistet. Sie beleuchtet sowohl deren gegenseitige Beziehung zueinander als auch deren historische Entwicklung miteinander.

Thesen

Nach John Galtung werde strukturelle Gewalt in Form von Deprivations- und Desintegrationserfahrungen wahrgenommen. Doch ist dem wirklich so? Gibt es nicht auch Gewaltformen, die unvermittelt in der Metastruktur einer Kultur vorkommen könnten? Ich nehme daher an:

These 1: Kulturelle Gewalt ist eine nicht wahrnehmbare Form der Gewalt

Hannah Arendt arbeitete heraus, dass Macht und Gewalt nicht selbiges seien, wie bis dato angenommen. Spielt Kultur eine spezifische Rolle zwischen den beiden Regimes Macht und Gewalt? Mich beschäftigt im Rahmen meiner Untersuchung also auch die Frage, ob Kultur aus gegenwärtigen Macht- und Gewaltverhältnissen hervorgeht oder ob Kultur umgekehrt vielmehr deren Konstitutionsbedingung darstellt. Sofern letzteres gelte, müsse die Annahme zutreffend sein, dass sie zwischen Gewalt und Macht vermittelnd auftritt:

These 2: Kultur fungiert als eine Art Schmiermittel zwischen Macht und Gewalt.

Sofern gelte, dass Gewalt durch Kultur vermittelt werde, müsse die These zutreffen, dass Gewalt kulturell konstituiert und folglich keine naturgegebene Sache ist.

Gewalt stellt eine Abgrenzung zur Natur dar, sie ist kulturell vermittelt.

A. Das Wesen der Gewalt und das Wesen der Macht n. Benjamin

Walter Benjamin definiert Gewalt als ein „in sittliche Verhältnisse eingreifendes Mittel“. Recht und Gerechtigkeit bildeten die Sphäre dieser Verhältnisse. Recht gelte als das „elementarste Grundverhältnis einer [...] Rechtsordnung [...] von Zweck und Mittel.“ (Benjamin 1965, 29) Gewalt greife auf einen Rechtfertigungsraum zurück, der sie als gerechten Zweck im Sinne eines Naturrechts durch berechtigte Mittel nachträglich legitimiere oder als berechtigtes Mittel durch gerechte Zwecke vorsorglich garantiere - so in der positiven Rechtstheorie. Diese Unbestimmtheit der Rechtsordnung verberge sich in ihrer Schicksalhaftigkeit, hier habe sie ihren Ursprung. Exemplarisch sei die Todesstrafe zu nennen, welche diese Ursprünglichkeit in das Bestehende hineintrüge und damit manifestierte (42 f.).

Schicksalbehaftete Gewalt, die berechtigte Mittel einsetze, läge mit gerechten Zwecken im Widerstreit, wenn zugleich eine Gewalt auftrete, die zu Zwecken kein berechtigtes noch unberechtigtes Mittel sein könne. In der Unentscheidbarkeit jeglicher Rechtsprobleme würde deutlich, dass nicht die Vernunft über die Berechtigung von Mitteln oder Gerechtigkeit von Zwecken entscheidet, sondern eine Form schicksalhafter Gewalt, die demnach nur Gott untergeordnet wäre (vgl. Benjamin, 54 ff.). Gewalt als Manifestation der Götter rechtfertige sich nur durch ihr Dasein. Als unmittelbare Gewalt im Mythischen fiele eine Problematik auf die rechtsetzende Gewalt zurück:

Die Funktion der Gewalt in der Rechtsetzung ist nämlich zwiefach [...] (da sie) im Augenblick der Einsetzung des Bezweckten als Recht aber die Gewalt nicht abdankt, sondern sie nun erst im strengen Sinne, und zwar unmittelbar, zur rechtsetzenden macht, in dem sie nicht einen von Gewalt freien und unabhängigen, sondern notwendig und innig an sie gebundenen Zweck als Recht unter dem Namen der Macht einsetzt. (ebd., 56 f.)

Rechtsetzung sei Machtsetzung und insofern ein Akt unmittelbarer Manifestation der Gewalt. Gerechtigkeit sei das Prinzip göttlicher Zwecksetzung, Macht das Prinzip aller mythischen Rechtsetzung. Parlamente seien ein Beispiel schwindenden Bewusstseins „latenter Anwesenheit der Gewalt in einem Rechtsinstitut“, so Benjamin (46). Der Kompromiss im Rahmen der Rechtsetzung spiegele den Zwangscharakter wieder, in dem sich die Gegenbestrebung widerfinde:

Bezeichnenderweise hat der Verfall der Parlamente von dem Ideal einer gewaltlosen Schlichtung politischer Konflikte vielleicht ebenso viele Geister abwendig gemacht, wie der Krieg ihm zugeführt hat. (ebd., 47)

B. Das Wesen der Gewalt und das Wesen der Macht n. Arendt

Das Verhältnis von Politik und Krieg zu einander ist Ausgangspunkt in Hannah Arendts Überlegungen, in wie weit sich Gewalt und Macht qualitativ differenzieren lassen. Der Zweck, der die Mittel bestimme, die zu seiner Erreichung notwendig seien und sie somit rechtfertige, würde von den Mitteln überwältigt, so Arendt (1970, 8) Das Verhältnis von Politik und Krieg habe sich umgekehrt, ebenso das von Macht und Gewalt. Erstens sei mit Friedenspolitik im Kalten Krieg das Paradigma des Friedens zur „Fortsetzung des Krieges mit anderen Mitteln“ entstanden. Andererseits habe sich mit Atomkrieg ein Kriegsparadigma herausgebildet, welches als Krieg ohne Mittel bezeichnet werden könne, da er die Vernichtung „aller [...] Machtquellen eines Landes“ meine.[1] Die Umkehrung von Macht und Gewalt ziehe eine entschiedenere Umkehrung der Kräfteverhältnisse nach sich, nach denen das Quantum an Gewaltmitteln kein sicheres Indiz von Stärke mehr sei. Die technologische Überlegenheit könne keine verlässliche Garantie gegen Zerstörung mehr bieten und vermeintlich schwächere oder kleinere Gegner könnten technologisch hoch gerüstete dennoch besiegen. Die Notwendigkeit, Gewalt als eigenständiges Phänomen zu betrachten, ergebe sich daraus. Als solches sei sie bisher nicht wahrgenommen worden.

Schlüsselbegriffe des Wesens von Herrschaft seien Macht, Stärke, Kraft, Autorität und Gewalt (ebd., 44 f.). Macht könne als Handeln eines zusammengeschlossenen Kollektivs verstanden werden doch „niemals Einzelner“ (ebd., 45). Die Vergänglichkeit der Macht liege in einem „eigentümlich zwanglosen Zwang verborgen und hänge deshalb vom Zusammenhalt des Kollektivs ab (Habermas, 105). Ihr Wesen liege darin, sich gegen Unabhängigkeiten einzelner Subjekte insoweit zu wehren, dass daraus keine Stärke hervorgehe die für die Gruppe zum Nachteil werde. Stärke hingegen gehe deshalb immer vom Subjekt oder auch konkreten Dingen aus. Sie begründe individuelle Fähigkeiten. Der Stärkste müsse nicht zwingend der Mächtigste sein. Die Abgrenzung zur Kraft ergebe sich aus der Naturalität. Kraft würde die Naturkräfte oder Energiequanten gesellschaftlicher Verhältnisse bezeichnen. Sie könne aus kollektiven Dynamiken hervorgehen und sich so dem Subjekt gegenüber stellen. Autorität meine die Eigenschaft eines Subjekts. Sie verlaufe auf Basis von Respekt und könne persönlich-freiwillig oder institutionell-erzwungen sein2. Ihr gefährlichster Gegner sei deshalb nicht Feindschaft sondern Verachtung wie Hohn – also Respektlosigkeit. Gewalt (5) sei schließlich nur instrumentellen Charakters und mit dem Phänomen der Stärke vergleichbar. Sie diene dazu, menschliche Stärke oder die organischer Werkzeuge zu vervielfachen. Ihr Extrem sei Terror.

[...]


[1] Wheeler zit. n. ebenda, S. 14.

[2] Bspw. aus Hierarchien innerhalb von Betrieben.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Wesen der Gewalt und Wesen der Macht
Untertitel
Die kulturellen Konstitutionsbedingungen für Macht und Gewalt
Hochschule
Universität zu Köln  (Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
21
Katalognummer
V187741
ISBN (eBook)
9783656169628
ISBN (Buch)
9783656170105
Dateigröße
471 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Meine Untersuchung hat verdeutlicht, dass das Wesen der Macht eng mit den Konstitutionsbedingungen einer Gesellschaft gekoppelt ist. Das Wesen der Macht ist mit dem Wesen der Kultur verknüpft und prägt so die Gesellschaft als Ganze. Diskurs bleibt, ob Gewalt und Macht begrifflich zusammengeführt werden können. Habermas verdeutlicht, dass bei einem modernen Gesellschafts- und Politikverständnis Macht von Gewalt nicht vollständig zu trennen ist. Macht ist Rechtsetzung und Kommunikationssetzung. Sie wirkt sich strukturell gewaltförmig auf die Freiheit des Individuums aus.
Schlagworte
Gewalt, Macht, Kultur, Gesellschaft, Kritische Theorie, Theodor W. Adorno, Walter Benjamin, Hannah Arendt, Jürgen Habermas, Martin Büsser, Kulturindustrie, Lebensphilosophie, Faschismus, Revolutionstheorie
Arbeit zitieren
Andreas Wildner (Autor), 2010, Wesen der Gewalt und Wesen der Macht, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187741

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