Studieren und Forschen mit Kind - Vereinbarkeit von Familie und Studium

Modellprojekt Universität Gießen


Hausarbeit, 2011
15 Seiten, Note: 2

Leseprobe

Inhaltsübersicht

Einleitung

I. Modellprojekt Universität Gießen Studieren und Forschen mit Kind
1. Das Projekt
1.1 Zielbeschreibung und Vorgehensweise
1.2 Ergebnisse der qualitativen Eltern-Interviews

II. Wandel der Familienformen
1.1 Definition des Begriffs Familie
1.2 Wandel der familiären Lebensformen
1.3 Bildungsanspruch der Frau

III. Das Projekt und seine Folgen
1. Aufgaben der Familienpolitik
2. Ergebnisse und ihre Folgen
3. Deutschland unter Zeitdruck: die Rush-Hour des Lebens

IV. Schlussworte

Bibliographie

Einleitung

Im Januar 2006 hält der Bundespräsident Köhler beim Jahresempfang der Evangelischen Akademie in Tutzing eine Rede mit dem Titel Kinder selbstverständlich! Von der Freiheit, Kinder zu haben. Bekannt ist es schon länger und inzwischen dürfte es auch jedes Kind wissen: Deutschland ist arm an Kindern. Dabei geht Horst Köhler nicht nur auf die Folgen dieser Entwicklung ein. Er „möchte über das Glück sprechen, das jeder einzelne neue Erdenbürger seinen Mitmenschen bringen kann.“[1] Er betrachtet jedes Kind als ein Geschenk, dass so viel Begeisterung und Spannung ins Leben bringt. „Kinder bekommen, Kinder aufwachsen sehen – das ist Leben wie das Altwerden und Abschiednehmen. Kinder sind deshalb eigentlich selbstverständlich. Ohne sie haben wir, hat unser Land keine Zukunft.“[2] Doch wo sind die Kinder geblieben? Wieso werden die Wünsche nach Kindern von so vielen jungen Menschen nicht Wirklichkeit? Wie kann der Staat, wie kann die Gesellschaft, wie kann die Politik dazu beitragen, dass sich mehr junge Menschen wieder trauen und den Kinderwunsch in ihre Lebensplanung integrieren?

Die vorliegende Arbeit will aufzeigen, ob und wie der Kinderwunsch sich mit dem Studium vereinbaren lässt. Durch den Wandel der familiären Lebensformen und der Geschlechterrollen haben sich die Ansprüche der Frauen verändert und gleichzeitig ist das Zeitfenster in dem junge Menschen ihre Ausbildung absolvieren, einen Beruf ergreifen, einen Lebenspartner finden und eine Familie gründen sollen, sehr eng. Für viele Eltern ist die frühe Elternschaft während des Studiums die einzige Chance, um nach dem Studium voll in die Erwerbstätigkeit einsteigen zu können - mit der Möglichkeit berufstätig aufzusteigen. Anhand des Modellprojekts Studieren und Forschen mit Kind, das an der Justus-Liebig-Universität und der Fachhochschule Gießen-Friedberg durchgeführt wurde, soll aufgezeigt werden wie Studenten und Studentinnen den Studienalltag mit Kind bewältigen und welche Anforderungen und Folgen sich für die Familienpolitik ergeben.

I. Modellprojekt Universität Gießen Studieren und Forschen mit Kind

1. Das Projekt

1.1 Zielbeschreibung und Vorgehensweise

Die Stadt Gießen in Hessen ist für ihre bundesweit überdurchschnittliche Studierendendichte bekannt. Dabei liegt der Frauenanteil bei 62%. Der Anteil studierender Eltern wird momentan auf rund 5-6% geschätzt, also in etwa 1000-1500 Mütter und Väter. Ungefähr 62% aller 30 bis 35-jährigen Akademikerinnen haben keine Kinder. Das war ein Grund für die Justus-Liebig-Universität Gießen eine qualitative Längsschnittstudie durchzuführen[3]. Die Studie gliederte sich in drei Phasen:

1. der Bestandsaufnahme
2. einer zweijährigen Maßnahmephase
3. und einer Gesamtauswertung mit wiederholter Bestandsaufnahme.

Die Bestandsaufnahme beinhaltete Aspekte wie Literaturrecherche bestehender Studien und aktueller Veröffentlichungen; eine Analyse der Kinderbetreuungssituation in Stadt und Landkreis Gießen; einen Vergleich mit anderen deutschen Hochschulen; qualitative ExpertInnen-Interviews und qualitative Eltern-Interviews. Zeitgleich wurden Kontakte und Kooperationsmöglichkeiten mit unterschiedlichen Netzwerken, beispielsweise dem Studentenwerk, dem Bündnis für Familie, entwickelt. Da es die studierenden oder promovierenden Eltern nicht gibt, war es wichtig ein breites Spektrum an gesellschaftlichen und individuellen Realitäten abzubilden. So wurden Aspekten wie Kinderbetreuung, Studienorganisation, Info und Beratung, Hochschulpolitik, Wohnsituation, finanzielle Situation und der Übergang in die Erwerbstätigkeit berücksichtigt. Besonders interessante Ergebnisse gab es im Zusammenhang der qualitativen Eltern-Interviews.

1.2 Ergebnisse der qualitativen Eltern-Interviews

Von 2004 bis 2008 wurden 20 studierende und promovierende Eltern der Justus-Liebig-Universität und der Fachhochschule Gießen-Friedberg interviewt. Es konnte ein umfassendes Bild über die Alltagsgestaltung dieser Zielgruppe gewonnen werden. Auffallend war, dass es sich bei den studierenden Eltern nicht um eine homogene Gruppe handelt: die Lebenssituationen innerhalb der Interviewstichprobe unterscheiden sich vielmehr erheblich. Demgegenüber sind die Lebenssituationen der promovierenden Eltern untereinander deutlich ähnlicher. Die meisten befragten studierenden Eltern berichten von einer bescheidenen, aber gesicherten finanziellen Situation. Prekär ist die Finanzierung des Lebensunterhalts allerdings bei den alleinerziehenden studierenden Müttern, da ihre Einnahmen nicht über einen längeren Zeitraum abgesichert und planbar sind. Die Zeitorganisation der studierenden Eltern variiert beträchtlich und zwar in Abhängigkeit vom gewählten Studienfach. Die Studienfächer lassen sich in drei Gruppen einteilen, nämlich solche mit hoher, mittlerer und geringer zeitlicher Flexibilität. Bei der Abstimmung von Studien- und Kinderbetreuungszeiten lassen sich ebenfalls drei Grundmuster feststellen, die aber nur teilweise mit dem Studiengang zusammenhängen, sondern auch mit den Ausmaß der Unterstützung in der Partnerschaft und den vorhandenen Betreuungsmöglichkeiten. Fast alle studierenden Eltern geben zudem an, dass sie regelmäßig in den Abendstunden, teilweise bis spät in die Nacht arbeiten müssen, um zu lernen oder Veranstaltungen vor- und nachzubereiten. Die promovierenden Eltern haben neben ihrer Forschungsarbeit zusätzliche Verpflichtungen, die sich aus ihrer Arbeitsstelle ergeben. Ihr größtes Problem ist das Herstellen einer befriedigenden und bezahlbaren Betreuungssituation. Zudem ist bei ihnen die Größenordnung, in der die Partner jeweils zum Haushaltseinkommen beitragen, ein entscheidender Bestimmungsfaktor für die Organisation der Arbeitsteilung in der Partnerschaft. Alle studierenden und forschenden Eltern haben eine grundlegende Gemeinsamkeit: sie wollen und müssen ihren Alltag zwischen Studium, Promotion und Familie so strukturieren und gestalten, dass ihre Verantwortung für das Wohlergehen und Aufwachsen ihrer Kinder mit ihrem Ziel, ein Studium oder eine Promotion erfolgreich abzuschließen, kompatibel ist. Sie zeigen fast durchgehend eine hohe Leistungsbereitschaft, wollen aber auch gleichzeitig ihre Vorstellungen von einem guten Familienleben umsetzen können.

II. Wandel der Familienformen

1.1 Definition des Begriffs Familie

Es gibt unterschiedliche gesellschaftlichen Sichtweisen der Familie, die zugleich im historischen Wandel sind. „Von Familie zu sprechen heißt einerseits gelebte Formen von Familie zu beschreiben und im interkulturellen oder historischen Vergleich voneinander abzusetzen. Es heißt aber auch, im Rahmen von gesellschaftlichen oder politischen Diskursen durch ‚Familienrhetorik’ . . unterschiedliche Vorstellungen über Struktur, Funktionen, Rolleninhalte und Ziele von Familie bzw. ihrer Mitglieder gegeneinander abzusetzen.“[4] Lässt man sich vom traditionellen Familienbild leiten, so hat man einen Mann und eine Frau vor sich, die durch eine Ehe miteinander verbunden sind, mit ihren Kindern im gemeinsamen Haushalt leben, der Mann voll berufstätig und die Frau für Haushalt und Erziehung zuständig ist. Doch jeder Begriff und seine Definition sind großen Wandlungsprozessen unterworfen und die Familie an sich darf nicht ausgenommen werden. Viel schlimmer noch erwecken die Diskussionen in der Gesellschaft und in der Politik den Eindruck, dass die Familie in einer Krise stecken würde, „vereinzelt ist sogar vom ‚Tod der Familie’ die Rede.“[5] Zu diesen Ansichten kommt es in der Öffentlichkeit aus einfachen Beobachtungen oder gar Selbsterfahrungen: „Steigende Scheidungszahlen, abnehmende Geburten- und Eheschließungsraten und die unübersehbare Zunahme von Einpersonenhaushalten“[6] können nicht von der Hand gewiesen werden. Andere wiederum lehnen die Krise der Familie vehement ab und betonen die Kontinuität und Stabilität der Familie. Und was die Situation noch schwieriger und unübersichtlicher macht: Beide Seiten stützen sich auf empirische Daten.“ Unter Familie im soziologischen Sinn versteht man

eine universale soziale Einrichtung, die aber zwischen den Kulturen und über die historische Zeit erhebliche Unterschiede in der Ausgestaltung aufweist. Grundlegend für die F. ist die Zusammengehörigkeit von zwei oder mehreren aufeinander bezogenen Generationen, die zueinander in der Mutter- und/oder Vater-Kind-Beziehung stehen und in einem gemeinsamen Haushalt leben können, aber nicht leben müssen. Eine F. wird durch die Übernahme und das Innehaben einer Mutter- und/oder Vater-Position im Lebensalltag des Kindes generiert. Entscheidend dafür ist eine soziale, nicht die biologische Elternschaft.[7]

Umschloss das Leitbild einer Familie im Mittelalter noch nicht nur Eltern, Kinder und andere Verwandte, sondern auch das Hauspersonal mit ein, werden heute unter Familie nicht nur Ehepaare, sondern auch nichteheliche Lebensgemeinschaften ebenso wie Alleinerziehende verstanden.

1.2 Wandel der familiären Lebensformen

Wenn von der Krise der Familie die Rede ist, wird oft unterstellt, dass sich all die uns bekannten „Grundmuster familialen Zusammenlebens“[8] aufgelöst hätten und die Familie, wie sie uns traditionell übermittelt ist, nicht mehr gelebt wird. Vielen ist in diesem Zusammenhang gar nicht bewusst, dass diese Form der Familie, wie wir sie noch kennen, ihren Höhepunkt in den 50er bis 60er Jahren des 20. Jahrhunderts zu Beginn der Industrialisierung hatte.

Noch bis in die 1970er Jahre hinein war das Familienleben durch weithin anerkannte gesellschaftliche Normen strukturiert. Nach diesem Leitbild ist es selbstverständlich, dass junge Menschen heiraten, eine Familie mit mehreren Kindern gründen und lebenslang mit dem Ehepartner zusammenleben. Für Frauen ist die Rolle als Hausfrau und Mutter vorgesehen . . . während der Mann einer kontinuierlichen Erwerbsarbeit nachgeht und das für den Familienunterhalt notwendige Einkommen erzielt.[9]

Dieses Bild impliziert eine „streng geschlechtsspezifische Arbeitsteilung und Trennung der Lebensbereiche“[10] und macht die Ehe zu einer Versorgungs- und Sicherungsinstitution. Ab den 70er Jahren setzt der Wandel der familialen Lebensformen ein. Die Ursachen für den Wandel dieser Lebensformen, vor allem der Wandel hin zum Alleinleben und Kinderlosigkeit, sind vielfältig. „Struktur und Funktion der Familien waren vor der Industrialisierung eng mit der Produktionsweise der verschiedenen Bevölkerungsgruppen verknüpft. Die vorindustrielle Wirtschaft war überwiegend Familienwirtschaft, und die Familien waren primär Produktionsstätten.“[11] Eingeleitet wurde dieser Wandel unter anderem mit der Einführung und dem Ausbau des Sozialversicherungssystems, der Rationalisierung und Technisierung der Haushalte und sicherlich auch durch die Anhebung des allgemeinen Bildungsniveaus. „Die fraglose Selbstverständlichkeit, zu heiraten und eine Familie zu gründen, hat sich aufgelöst. Ehe und Elternschaft werden nicht mehr als gewissermaßen unausweichlich vorgegebene Lebensperspektiven verstanden, sondern als Gegenstand bewusster Lebensentwürfe und verantworteter Entscheidungen“[12]. In diesem Zusammenhang erachtet es der Soziologe Hans Bertram als sinnvoll, Familie nicht mehr als eine Institution zu interpretieren, sondern vielmehr „Familie als einen dynamischen Prozess zu begreifen, der sich im Lauf der Lebensbiografie entwickelt und der auch immer wieder von allen Familienmitgliedern angesichts neuer Herausforderungen neu gestaltet werden muss.“[13] „Obwohl 1996 56,6% der Bevölkerung in Familienhaushalten mit zwei und mehr Generationen lebte (2% zusammen mit Großeltern), lassen sich bezüglich der Haushaltstypen, in denen die Menschen leben, seit 1972 erhebliche Veränderungen festmachen.“[14] Lebten 1972 noch 71,6% der Bevölkerung in Familienhaushalten, betrug der Anteil 2004 nur noch 53%. Im früheren Bundesgebiet waren im März 2004 von insgesamt 31,9 Millionen Haushalten 37% Einpersonenhaushalte, 34% Zweipersonenhaushalte und 29% Haushalte mit drei und mehr Personen.[15] Der Anteil der Ein- und der Zweipersonenhaushalte ist um zwei bzw. drei Prozentpunkte angestiegen und der Anteil der Haushalte mit drei und mehr Personen hat entsprechend um fünf Prozentpunkte abgenommen. Ein Vergleich der Anteile an Haushaltstypen ergibt ein interessantes Bild: Die Bevölkerung wird „zunehmend polarisiert in einen ‚Familiensektor’, der derzeit ca. 2/3 ausmacht, und einen ‚Nicht-Familiensektor’ mit einem Anteil von 1/3.“[16]

[...]


[1] Köhler, Horst. Reden und Interviews. Band 2. 1. Juli 2005 – 5. Juli 2006. Berlin: Bundespräsidialamt, 2006, S.199.

[2] ebd.

[3] Vgl. Modellprojekt Studieren und Forschen mit Kind. Gießen: 2011. [Online im Internet]. URL: http://www.kind-und-studium.de/index.html [26.10.2011].

[4] Gerlach, Irene. Familienpolitik. 2., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 41.

[5] Peuckert, Rüdiger. Familienformen im sozialen Wandel. 7., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S. 9.

[6] Ebertz, Michael N. Prof. Dr. Dr. Die „Koalition“ von Familie und Kirche – Ein Auslaufmodell? In: Familienwissenschaftliche und familienpolitische Signale. Max Wingen zum 70. Geburtstag. Jans, Bernhard (Hrsg.). Grafschaft: Vektor-Verlag, 2000, S. 123.

[7] Fuchs-Heinritz, Werner (Hrsg.). Lexikon zur Soziologie. 4. Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2007 S. 192.

[8] Peuckert, Rüdiger. Familienformen im sozialen Wandel. 7., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S. 16.

[9] Bäcker, Gerhard u.a. Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. Bd 2, 4., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S. 252.

[10] ebd.

[11] Peuckert, Rüdiger. Familienformen im sozialen Wandel. 7., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S. 17.

[12] Bäcker, Gerhard u.a. Sozialpolitik und soziale Lage in Deutschland. Bd 2, 4., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2008, S. 252.

[13] Bertram, Hans. Keine Zeit für Liebe. Die Rushhour des Lebens. In: Familiendynamik 32, 2007, S. 109.

[14] Gerlach, Irene. Familienpolitik. 2., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 69.

[15] Vgl. Statistisches Bundesamt. Leben und Arbeiten in Deutschland, 2005.

[16] Gerlach, Irene. Familienpolitik. 2., Aufl. Wiesbaden: VS Verlag, 2010, S. 70.

Ende der Leseprobe aus 15 Seiten

Details

Titel
Studieren und Forschen mit Kind - Vereinbarkeit von Familie und Studium
Untertitel
Modellprojekt Universität Gießen
Hochschule
Katholische Hochschule Freiburg, ehem. Katholische Fachhochschule Freiburg im Breisgau
Note
2
Autor
Jahr
2011
Seiten
15
Katalognummer
V187750
ISBN (eBook)
9783656113850
ISBN (Buch)
9783656113164
Dateigröße
500 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Familie und Studium, Vereinbarkeit von Familie und Studium
Arbeit zitieren
Aleksandra Szymczyk (Autor), 2011, Studieren und Forschen mit Kind - Vereinbarkeit von Familie und Studium, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187750

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