Massenmedien als Selekteure von Bildern des kollektiven Gedächtnisses

Am Beispiel der Fotos aus Abu Ghraib


Hausarbeit, 2010
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Die konstruierte Realität der Massenmedien

Fotos in Massenmedien

Ikonische Fotos des kollektiven Gedächtnisses

Die Folterfotos aus Abu Ghraib

Der Mann mit der Kapuze

Der Einfluss der Bilder und die Rolle der Medien

Die Wichtigkeit des Visuellen für die Gedächtnissoziologie

Massenmedien als Selekteure von Bildern des kollektiven Gedächtnisses

Am Beispiel der Fotos aus Abu Ghraib

Einführung

Obgleich mehrere Studien gezeigt haben, welche Auswirkungen Fotos in Massenmedien auf die Perzeption des Betrachters haben können (Arpan 2006; Gibson 2009), nimmt die Untersuchung der Bedeutung von Fotos in den Nachrichten für den Medienkonsumenten im Allgemeinen und für das gesellschaftliche Kollektivgedächtnis im Speziellen bisher verhältnismäßig wenig Raum ein (Andén-Papadopoulos 2008; Ruchatz 2009; Zelizer 2002). Zwar gibt es Theorien zur medialen Vermitteltheit des kollektiven Gedächtnisses (Erll 2004), jedoch fehlt es an einer genaueren Ausarbeitung des Effekts der Auswahl von Fotos in den Massenmedien. Das Foto ist eines der mächtigsten Werkzeuge, um bei Menschen Emotionen hervorzurufen. Gleichermaßen können sich Menschen insbesondere nach längerer Zeit eher an Bilder aus Medien erinnern als an den Text. In einigen Fällen vermischt das Gedächtnis sogar textuelle Information mit visuellen Informationen, teilweise kann man sogar von einer Dominanz des Bildes über den Text sprechen (Gibson 2009).

Im Folgenden soll untersucht werden, unter welchen Umständen ein Foto in den Medien zu einem Bild des kollektiven Gedächtnisses werden kann und welche Rolle die Auswahl der Bilder seitens der Massenmedien spielt. Es stellt sich die Frage, ob Massenmedien, insbesondere Zeitungen, Einfluss darauf ausüben können, welche Bilder sich in das kollektive Gedächtnis einbrennen. Diese Frage soll am Beispiel der Folterfotografien aus dem Kriegsgefängnis Abu Ghraib während der Besetzung des Irak diskutiert werden. Zunächst werden Theorien zu Massenmedien und dem kollektiven Gedächtnis erörtert und die Voraussetzungen für das Entstehen von Bildern des kollektiven Gedächtnisses beschrieben, um schließlich das Genannte an den Fotos aus Abu Ghraib konkret zu verdeutlichen.

Die konstruierte Realität der Massenmedien

Wie Niklas Luhmann in seiner Theorie über die Realität der Massenmedien bereits dargestellt hat, rührt das Wissen über unsere Welt, in der wir leben, von den Medien. Gleichzeitig ist über die Massenmedien so vieles bekannt, dass wir diesen Quellen eigentlich nicht trauen können (Luhmann 2004: 9). Der journalistische Reporter ist unzuverlässig. Das ist eine Erkenntnis, die von den meisten Journalisten nicht einmal abgestritten wird (Broersma 2010: 22). Gleichwohl ist es nicht so, dass die Realität durch Massenmedien unzureichend oder verzerrt wiedergegeben wird. Medien schaffen überhaupt erst eine andere Wirklichkeit (Luhmann 2004: 16). Dabei entsteht eine doppelte Realität: Einerseits die Realität der Massenmedien selbst, wie sie schreiben, senden und produzieren. Andererseits alles, was für Massenmedien oder durch Massenmedien anderen als Realität erscheint.

Luhmann beschreibt die Massenmedien in der funktionalen Differenzierung als eigenes System mit Besonderheit: Massenmedien können zwischen Selbstreferenz und Fremdreferenz unterscheiden. Zwar werden Themen aus anderen Funktionssystemen wie Politik, Wirtschaft etc. fremdreferentiell adaptiert, dann aber in einer medientypischen Art und Weise behandelt und einer thematischen Medienkarriere ausgesetzt, die selbstreferentiell ist.

Ein wichtiges Merkmal in der Funktionsweise der Massenmedien ist, dass zu einem großen Teil ein reines Sender-Empfänger-Modell vorliegt. Es kommt kaum zu rückwirkender Kommunikation von Medienkonsument zu Medienproduzent. Höchstens durch Auflagenzahlen bzw. Einschaltquoten kann rein quantitativ das Publikum abgeschätzt werden. Ein Dialog findet nicht statt.

Damit Massenmedien überhaupt erst als eigenes System fungieren können, brauchen sie einen systemspezifischen Code. Luhmann bennent diesen als Unterschied zwischen Information und Nichtinformation. Durch diese Unterscheidung und die damit einhergehende Komplexitätsreduktion kann sich die mediale Welt überhaupt erst als eigenes System von der Umwelt abgrenzen. Das System ist operativ geschlossen und autopoetisch und produziert sich täglich selbst neu (Marcinkowski 1993: 43). In Luhmanns Worten: „Das System der Massenmedien arbeitet in der Annahme, dass die eigenen Kommunikationen in der nächsten Stunde oder am nächsten Tag fortgesetzt werden. Jede Sendung verspricht eine weitere Sendung. Nie geht es dabei um die Repräsentation der Welt, wie sie im Augenblick ist“ (Luhmann 2004: 20).

Realität wird von Massenmedien konstruiert. Das ist eine wichtige Erkenntnis, da Medien in der Genese des gesellschaftlichen Kollektivgedächtnisses eine zentrale Rolle spielen. Laut Astrid Erll ist das kollektive Gedächtnis in vielen Fällen überhaupt erst durch Medien konstruiert. Dabei sind Medien in der Vermittlung von Informationen nicht neutral, sondern konstituieren und konstruieren diese erst (Erll 2004: 5). Medien erzeugen Welten des kollektiven Gedächtnisses, die sich bei den Rezipienten einbrennen.

Zwar gibt es bereits ausgearbeitete Theorien zur Rolle der Medien im kollektiven Gedächtnis (Erll 2004; Assmann 1988). Erll beispielsweise benennt vier verschiedene Komponenten und zwei Dimensionen, nach denen ein Medium ein Medium des kollektiven Gedächtnisses werden kann. Jedoch lassen diese Theorien die Fotografie weitgehend außen vor. Jens Ruchatz etwa plädiert dafür, die Fotografie in der Gedächtnistheorie von Jan und Aleida Assmann als eigenes Medium zu verankern. Die Fotografie sei fundamental für die Herauskristallisierung fotografischer Ikonen und damit für die Zunahme visueller Elemente im sozialen Gedächtnis (Ruchatz 2009: 134). Generell fehlt es an der Verknüpfung von Theorien über Fotos in Massenmedien mit Theorien über das kollektive Gedächtnis.

Fotos in Massenmedien

Niemand wird bestreiten wollen, dass Fotos in Massenmedien in den vergangenen Jahrzehnten zunehmend an Bedeutung gewonnen haben. Gerade bei Großereignissen und Katastrophen wie etwa den Terroranschlägen des Il. September 2001 nimmt die Bedeutung von Fotos dramatisch zu. Die New York Times etwa hat in den ersten Tagen nach dem Anschlag im Schnitt mehr als doppelt so viele Fotos gedruckt wie sonst üblich (Zelizer 2002: SO).

Ein interessanter Punkt dabei ist, dass es in Zeiten visueller Dominanz in den Medien noch immer keine definitiven Leitlinien dafür gibt, wie mit Fotos umgegangen werden soll. Welche Fotos gedruckt werden sollen, wie groß, in welchem textuellen Zusammenhang, auf welcher Seite, wird überwiegend intuitiv entschieden. Das kann besonders problematisch werden, wenn es zu einer Krise und einem kollektiven Trauma kommt. Oft sind Massenmedien gefragt, wenn es um die Bewältigung dieses kollektiven Traumas geht (Zelizer 2002: 48).

Fotos stellen ein wichtiges Instrument dar, um Menschen dabei zu helfen, über traumatische Erlebnisse hinwegzukommen. Ein Musterbeispiel dafür stellt die amerikanische Presselandschaft in den Tagen nach dem ll. September dar. Noch nie waren die Zeitungen so von Bildern bestimmt wie in diesen Tagen. Auch als im August 2OO5 der israelische Rückzug aus dem Gazastreifen begann, druckten lokale Massenmedien weit mehr Fotos als üblich und übten damit eine therapeutische Wirkung aus. Die großen israelischen Zeitungen legten Wert darauf, keine emotional besetzten Fotos zu drucken, insbesondere keine, die an den Holocaust erinnern könnten (Tenenboim-Weinblatt 2008: SO?).

Unbewegte Fotografien können dabei eine größere therapeutische Wirkung entfalten als Bewegtbilder. Fotografien halten die Zeit an, trennen das Vorher vom Nachher. Das gilt auch, wenn Menschen selbst fotografieren: Sie können die Zeit anhalten, müssen das Gesehene nicht verstehen, sondern können es erst einmal festhalten (Hirsch 2003: 3). Fotos entsprechen dabei dem menschlichen Impuls, das Gesehene aufhalten zu wollten. So wie am Tag des elften September, als die Flugzeuge in die Türme des World Trade Center krachten.

Dass Fotos über die therapeutische Wirkung hinaus auch eine starke Auswirkung auf die Wahrnehmung der Leser ausüben, haben mehrere Studien gezeigt. Bei einer 2006 in Florida durchgeführten Studie wurden Teilnehmern Berichte von sozialen Protesten gezeigt, jeweils ohne Foto, mit friedlichem Foto und mit einem Foto, das gewalttätige Auseinandersetzung im Rahmen des Protests zeigte. Die Studie belegt, dass sich insbesondere über einen längeren Zeitraum hinweg die Leser mit dem Protest, der mit einem friedlichen Foto illustriert war, weit mehr identifizieren konnten und dessen Effekt höher einschätzten - bei identischem Text (Arpan 2006: 12).

Bei einer 2006 in Alabama durchgeführten Studie wurde Teilnehmern ein Bericht über Gefahren von Vergnügungsparks vorgelegt. Jeweils ohne Foto, mit Foto von lachenden Menschen in einer Achterbahn und mit Foto eines Unfalls mit Achterbahn im Hintergrund. Auch hier zeigte sich, dass nach längerem Zeitraum die Gruppe, die den identischen Bericht mit Unfallfoto gesehen hatte, die Gefahren von Vergnügungsparks deutlich höher einschätzte (Gibson 2009: 222).

Diese Studien zeigen, dass Fotos in Medien weit mehr sind als hübsches Beiwerk. Gerade über längere Zeit bleiben visuelle Informationen eher im Gedächtnis als textuelle. Oft werden textuelle Informationen sogar durch visuelle ergänzt oder ersetzt (Zelizer 2004: 159; Arpan 2006: IT; Gibson 2009: 209). Das zeigt die Wirkungsmacht von medial verbreiteten Fotos für das Gedächtnis. Von gesellschaftlichen Ereignissen in länger zurückliegender Vergangenheit können (gerade ikonische) Fotos leichter wieder abgerufen werden als komplexe, textuelle Information.

Auch wenn es keine defintiven Leitlinien für die Verwendung von Fotos in Medien gibt, so hat es sich doch weitgehend eingebürgert, auf zu gewaltsame Darstellungen zu verzichten. Es werden nur selten Leichen, Körperteile oder größere Mengen Blut gezeigt, auch wenn solche Bilder theoretisch vorlägen. Das liegt einerseits daran, dass den Lesern die Wahrnehmung dieses Gewaltaspekts erspart bleiben soll, andererseits aber auch daran, dass diese Fotos in ihrer Wirkkraft meist hinter gewaltfreien und weniger eindeutigen Fotos zurückbleiben, wie im Folgenden gezeigt wird.

Ikonische Fotos des kollektiven Gedächtnisses

Seit den ersten Fotos in Medien gibt es einige wenige Bilder, die sich in das gesellschaftliche Kollektivgedächtnis eingebrannt haben. Dazu gehört das Bild der brennenden Türme des World Trade Centers. Das Bild des vietnamesischen Mädchens, das bei einem Napalmangriff aus seinem Dorf flieht, das Foto eines Jungen, der im Warschauer Ghetto von einem SS-Mann mit Maschinenpostole bedroht wird. Diese Fotos stehen stellvertretend für die komplexen Ereignisse, bei denen sie aufgenommen wurden: Die Terroranschläge des 11. September, der Vietnamkrieg, der Holocaust. Es stellt sich die Frage, wieso aus der unüberblickbaren Menge an medial vermittelten Fotos sich nur einige wenige ins kollektive Gedächtnis einbrennen, und welche Voraussetzungen sie dafür erfüllen müssen.

[...]

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Details

Titel
Massenmedien als Selekteure von Bildern des kollektiven Gedächtnisses
Untertitel
Am Beispiel der Fotos aus Abu Ghraib
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Institut für Soziologie)
Veranstaltung
Soziologische Zugänge zum Gedächtnis
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
16
Katalognummer
V187775
ISBN (eBook)
9783656115519
ISBN (Buch)
9783656117063
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
medien, gedächtnis, bilder, titelseite, abu ghraib, luhmann, zelizer, massenmedien, medientheorie, 9/11, fotografie, about-to-die
Arbeit zitieren
Moritz Homann (Autor), 2010, Massenmedien als Selekteure von Bildern des kollektiven Gedächtnisses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187775

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