ISO 9000 im Gesundheitswesen

Kritische Würdigung eines betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstruments aus Sicht des soziologischen Neo-Institutionalismus


Magisterarbeit, 2010
141 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

ABBILDUNGSVERZEICHNIS

ABKÜRZUNGSVERZEICHNIS

1. EINLEITUNG

2. SOZIOLOGISCHER NEO-INSTITUTIONALISMUS
2.1 EINFÜHRUNG
2.2 INSTITUTIONEN UND INSTITUTIONALISIERUNG
2.3 SOZIOLOGISCHER NEO-INSTITUTIONALISMUS: IN MEDIAS RES
2.3.1 Meilensteine (DiMaggio/Powell & Meyer/Rowan)
2.3.2 Organisationale Legitimität
2.3.3 Die Umwelt der Organisation
2.3.3.1 Technische Umwelt
2.3.3.2 Institutionelle Umwelt
2.3.3.3 Zusammenführung der Umweltdimensionen
2.3.4 Organisationale Felder
2.3.5 Institutionelle Isomorphie
2.3.5.1 Isomorphismus durch Zwang
2.3.5.2 Isomorphismus durch Nachahmung
2.3.5.3 Isomorphismus durch normativen Druck
2.3.6 Formal- und Aktivitätsstruktur
2.3.7 Phasen der Institutionalisierung
2.3.8 Kritik an der neo-institutionalistischen Theorie
2.4 ZUSAMMENFASSUNG

3. QUALITÄT UND QUALITÄTSMANAGEMENT
3.1 EINFÜHRUNG
3.2 QUALITÄT
3.3 VON QUALITÄTSSICHERUNG ZU MODERNEM QUALITÄTSMANAGEMENT
3.4 DIE NORMEN DER DIN EN ISO 9000ER REIHE
3.4.1 Inhalte der Normen ISO 9000, 9001, 9004
3.4.2 Zertifizierung
3.4.3 Erfolg und Evolution der Normen
3.5 ZUSAMMENFASSUNG

4. GESUNDHEITSWESEN
4.1 EINFÜHRUNG
4.2 DAS DEUTSCHE GESUNDHEITSWESEN
4.2.1 Aufbau und Struktur
4.2.2 Wandel durch Reformierung
4.2.3 Ökonomie der Gesundheit
4.3 QUALITÄTSMANAGEMENT IM GESUNDHEITSWESEN
4.3.1 Bedeutung und Status Quo
4.3.2 Die Rolle von ISO 9000 Zertifikaten
4.3.2.1 KTQ
4.3.2.2 QEP
4.3.2.3 EFQM
4.4 ZUSAMMENFASSUNG

5. ZWISCHENFAZIT UND VORSTELLUNG DER HYPOTHESEN

6. QUALITATIVE ANALYSE: DIE EXPERTENINTERVIEWS
6.1 METHODE
6.2 VORSTELLUNG DER EXPERTEN
6.3 DESKRIPTIVE AUSWERTUNG DER EXPERTENINTERVIEWS - AUSGEWÄHLTE ERKENNTNISSE
6.3.1 Von Stärken und Schwächen der Norm im Gesundheitswesen
6.3.2 Das Verhältnis von Aufwand und Nutzen
6.3.3 ISO 9000: Das optimale QM-System im Gesundheitswesen?
6.3.4 Die Akte DIN EN ISO 9000
6.4 DISKUSSION DER KERNTHESEN
6.4.1 Kernthese 1: Ein Zertifikat als Institution
6.4.2 Kernthese 2: Institutionelle Isomorphie im Gesundheitswesen
6.4.3 Kernthese 3: Handlungssituation als Verhaltensdeterminante
6.4.4 Kernthese 4: Die Akte DIN EN ISO 9001
6.5 DISKUSSION DER ERGEBNISSE
6.5.1 Reflexion
6.5.2 Legitimität und Effizienz als Quellen organisationalen Überlebens im Gesundheitswesen
6.6 EXKURS ZUR THEORIE STRATEGISCHEN HANDELNS
6.7 ZUSAMMENFASSUNG

7. ZUSAMMENFÜHRUNG DER ERGEBNISSE
7.1 EINFÜHRUNG
7.2 ISO 9000 IM GESUNDHEITSWESEN: EINE KRITISCHE WÜRDIGUNG
7.2.1 Eignung der Norm
7.2.2 Verwendung der Norm
7.3 AUSBLICK

8. FAZIT

LITERATURVERZEICHNIS

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Technische und Institutionelle Umwelten

Abbildung 2: Qualität , Qualitätswissenschaft, Qualitätsmanagement

Abbildung 3: Prozessmodell der ISO 9001

Abbildung 4: Das Dreieck des Gesundheitswesens

Abbildung 5: Ökonomische Kennziffern des Gesundheitswesens 1995-2005

Abbildung 6: Stärken und Schwächen der Norm

Abbildung 7: Kodierleitfaden

Abbildung 8: Organizational Survival

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1. Einleitung

„Sollte es zutreffen, dass das 21. Jahrhundert zum Jahrhundert der Qualität wird - im Gegensatz zum 20. Jahrhundert, als dem der Produktivität -, dann gilt es vor allem die existenzsichernden Möglichkeiten eines (modernen) Qualitätsmanagements für den internationalen Wettbewerb auszubauen“ (Pfundtner 2001 nach Zollondz 2002, S. 189).

Kein Zweifel: Qualität und Qualitätsmanagementsysteme sind aus den Gesellschaften dieses Jahrhunderts und den dort anzutreffenden Organisationslandschaften nicht mehr wegzudenken. Von den mehr als 18.000 Standards, welche die International Organization for Standardization (ISO) für nahezu alle Wirtschafts- und Technologiebereiche definiert hat, haben sich die Normen der ISO 9000er Reihe am weitesten verbreitet und den höchsten Bekanntheitsgrad erreicht. Mit Stand von Ende Dezember 2008 sind mit einem Absatzplus von drei Prozentpunkten - der Krise zum Trotz - nahezu 983.000 ISO 9000 Zertifikate in 176 Nationen vergeben, welche einer Organisation die erfolgreiche Implementierung eines Qualitätsmanagementsystems nach dem Vorbild der ISO 9000 beurkunden (vgl. www.dqs.de 2009).

Von einer Verwendung der Norm versprechen sich die Akteure diverse positive Effekte. Mithin stehen ökonomische Zielgrößen wie Effizienzerhöhungen, Prozessver­besserungen, Kostenreduktion, Fehlervermeidung sowie die Erwartung an einen künftigen monetären Nutzen ebenso im Vordergrund wie soziale Zielgrößen, welche sich in Form von Kunden- und Mitarbeiterzufriedenheit sowie der Allokation von Vertrauen in qualitativ einwandfreie Produkte und Dienstleistungen manifestieren (vgl. Schwarze 2003, S. 46f). Allerdings - und diese Kritik liest sich häufig - vermag der Einsatz von Qualitätsmanagementsystemen längst noch keine Entstehung technisch ausgefeilter Endprodukte zu gewährleisten (vgl. Walgenbach 1998, S. 138). Konformität zu Qualitätsanforderungen wie den DIN EN ISO 9000er Normen gibt „lediglich“ Auskunft darüber, dass der Herstellungs- oder Dienstleistungsprozess vordefinierten Kriterien entspricht. Ob am Ende ein Lada oder ein Porsche vom Band rollt, eine Unternehmensberatung treffende oder unzutreffende Prognosen aufstellt, der Patient am Ende den Herzinfarkt überlebt oder nicht, lässt sich durch Verwendung eines Qualitätsmanagementsystems nicht garantieren. Alle genannten Akteure können konform zum implementierten Qualitätsmanagementsystem gehandelt haben, auch wenn die Ergebnisqualität eine hohe Varianz aufweist.

Entgegen allen positiven Effekten und Erwartungen an die ISO Normen wird weiterhin bezweifelt, dass Erfolgsverbesserungen einer Organisation verursachungsgerecht einem implementierten ISO System zugerechnet werden können. Das Problem der Messbarkeit lässt sich nicht ausblenden. Daneben sind die Kosten einer Systemeinführung immens. Dass diese durch zukünftige Gewinnsteigerungen überkompensiert werden können, ist mit einem hohen Unsicherheitsfaktor belegt und kann folglich nicht verlässlich vorausgesagt werden (vgl. ebd.). Insofern bleibt es fraglich, weshalb die organisationalen Bestrebungen nach der Erlangung und dem Erhalt des Zertifikats beträchtlich hoch sind. Im Falle der Vertreter des tertiären Wirtschaftssektors ist dieser Sachverhalt mit besonderer Aufmerksamkeit zu beobachten. Denn für Dienstleistungsunternehmen sind die Normen ursprünglich nicht konzipiert worden. Ausgehend von der Rüstungsindustrie erfolgte die erstmalige Beachtung des Dienstleistungssektors in der Fassung aus dem Jahr 2000 (vgl. Kamiske/Bauer 2007, S. 68). Nach wie vor ist es für Dienstleistungsunternehmen schwierig, in Ergänzung zu den anfallenden und zu bewältigenden Kosten, den noch immer von der Industrie geprägten Forderungskatalog der Norm auf die eigene Organisation zu übertragen und anzuwenden. Aller Komplexität und Unsicherheit zum Trotze, verzeichnen die ISO 9000er Normen steigende Absatzzahlen.

Es scheint neben der Erwartung an tatsächliche Effizienz- und Erfolgsverbesserungen andere Mechanismen zu geben, welche den Erhalt eines ISO Zertifikats für Organisationen erstrebenswert machen. Für die Untersuchung dieses Sachverhalts bietet sich eine Verwendung des soziologischen Neo-Institutionalismus an.

Den Kernaussagen der Neo-Institutionalismus zufolge, ist davon auszugehen, dass die Umwelt einer Organisation aus institutionalisierten Erwartungsstrukturen besteht, welche die Formgebung der Organisation maßgeblich bestimmen (vgl. Walgenbach/Meyer, R. 2008, S. 11). Handlungs- und Strukturdeterminierende soziale Mechanismen resultieren laut neo-institutionalistischer Lesart aus dem sozial situierten Handeln der Akteure. Das zentrale Argument der Theorie lautet, dass organisationale Strukturelemente nicht aus Effektivitäts- oder Effizienzgründen inkorporiert werden, sondern, abseits des „rational systems view“, das Erzielen organisationaler Legitimität im Mittelpunkt steht (vgl. Preisendörfer 2008, S.145). Zur Sicherung von Legitimität - welcher die Funktion zukommt, das nachhaltige Überdauern einer Organisation sicherzustellen - gilt es, gesellschaftlich verankerten Erwartungen an eine rational zu führende Organisation zu entsprechen, so die neo-institutionalistische Argumentationskette weiter (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 352). Der soziologische Neo- Institutionalismus liefert eine Erklärung dafür, weshalb Managementsysteme wie die ISO 9000ff in einer Organisation verankert werden, auch wenn diesem Instrument kein inhärenter monetärer Nutzen attestiert werden kann, respektive, wenn keine Wahrscheinlichkeiten herangezogen werden können, welche eine Erfolgsverbesserung kalkulierbar machen. Diese Systeme werden aber dennoch adoptiert, weil sie die Legitimität fördern können. Ob das adoptierte System schließlich in der Organisation Verwendung findet, die täglich operative Aufgabenerfüllungsebene tatsächlich beeinflusst, oder das System nur als Lippenbekenntnis - als Fassade - dient, um der Umwelt zu symbolisieren, dass nach gesellschaftlichen Vorstellung guten Wirtschaftens gehandelt wird, das bleibt zunächst offen.

Das Untersuchungsobjekt findet dabei Anwendung im Forschungsfeld des deutschen Gesundheitswesens, verspricht dieses doch - aufgrund politisch induzierte Ökonomisierungstendenzen und dynamischer Umweltveränderungen - einen Erkenntnisgewinn. Im Zuge dieser tauchen Gesundheitseinrichtungen immer tiefer in ökonomisch geprägte Umweltsituationen hinein, die von den Organisation verlangen, sich in zunehmendem Maße mit vorherrschenden, institutionalisierten Erwartungsstrukturen konform zu zeigen. Während Krankenhäuser beispielsweise noch vor einigen Jahren eher intuitiv geführt wurden, stets nach dem Kostendeckungsprinzip agierten, manifestiert sich heutzutage - mit Blick auf die zunehmende Privatisierung - das Bild von Krankenhäusern als gewinnorientierte Wirtschaftsbetriebe. Die Einführung von pauschalen, krankheitsbildbezogenen Entgeltsystemen (DRG), die gesetzlich verankerte Pflicht zur Integration von Qualitätsmanagement für Gesundheitseinrichtungen sowie der Wandel vom leidenden Patienten zum informierten und mündigen Kunden, sind die neuen Herausforderungen für die Akteure des Gesundheitswesens. Die Art und Weise, wie diese Herausforderungen angenommen und bewältigt werden, lässt sich anhand des soziologischen Neo-Institutionalismus darlegen. Die Ausbildung von ISO 9000 Qualitätsmanagementsystemen wird dabei als zu untersuchender Indikator der Ökonomisierung der Branche angesehen. Im Zuge dieser Arbeit sollen die damit assoziierten Fragen beantwortet werden. Dient der Einsatz von ISO 9000 Systemen lediglich der Befriedigung gesellschaftlicher Erwartungen? Werden die Normen nur implementiert, um gesetzlichen Kodifizierungen zu genügen? Spiegeln sich die Elemente der ISO in den täglichen Arbeitsprozessen der Organisation wider, oder dient das Zertifikat als legitimierende Kulisse? Lässt sich vielleicht doch ein tatsächlicher Nutzen aus der Verwendung eines ISO 9000 Systems ableiten? Kann die Verwendung eines ISO Systems das Überleben einer Organisation sicherstellen?

Zur Beantwortung dieser Fragen ergibt sich folgender Aufbau:

In Kapitel 2 wird der soziologische Neo-Institutionalismus (im Folgenden NSI) als theoretischer Erklärungsrahmen ausführlich vorgestellt. Nachdem die Theorie in ihren organisationswissenschaftlichen Zusammenhang eingeordnet ist, werden die zentralen Begrifflichkeiten, Ideen und Thesen erläutert. Das Verhältnis zwischen Formal- und Aktivitätsstruktur einer Organisation ist dabei ebenso elementar, wie die Auseinandersetzung mit den Mechanismen organisationaler Legitimität, der Vorstellung der Annahmen bezüglich der gesellschaftlichen Umwelt sowie eine Diskussion der Theorie anhaftenden Kritik.

Im Fokus von Kapitel 3 findet sich ebenfalls eine Erläuterung zentraler Begrifflichkeiten. Im Kontext von Qualität und Qualitätsmanagement wird zunächst ein historischer Überblick über die Entwicklung von Qualitätsmanagementsystemen (im Folgenden QMS) gegeben, bevor ein Grundlagenverständnis über Theorie und Praxis von Qualität und dem Management von Qualität geschaffen wird. Anschließend werden die Inhalte der ISO 9000er Normen vorgestellt, sowie deren Erfolg und der Vorgang der Zertifizierung kurz referiert.

Ein kurzer Überblick über das Deutsche Gesundheitswesen beschreibt den ersten Abschnitt von Kapitel 4. Es werden Reformaktivitäten beleuchtet, welche Ökonomisierungstendenzen im Gesundheitswesen auslösten und gezeigt, an welchen Eckpunkten die zunehmende Relevanz, respektive die unabdingbare Adoption von QM- Systemen für Gesundheitseinrichtungen festzumachen sind. Ferner gilt es, die Rolle von ISO Zertifikaten, die Erläuterung gesetzlicher Grundlagen sowie die Beschreibung alternativer QM- Ansätze in diesem Kapitel vorzunehmen.

In Kapitel 5 wird die Theorie des soziologischen Neo-Institutionalismus mit den Bausteinen Qualität und Qualitätsmanagement sowie dem deutschen Gesundheitswesen verknüpft und hierauf aufbauend die vier Kernthesen dieser Arbeit entwickelt.

Kapitel 6 behandelt einerseits die Ergebnisse der im Vorfeld geführten Experteninterviews und beleuchtet andererseits, weshalb Methode und Experten valide Ergebnisse für die vorliegenden Fragestellungen zu liefern in der Lage sind. Anhand der qualitativen Erhebung werden zunächst Vor- und Nachteile der ISO Normen für Gesundheitseinrichtungen deskriptiv ausgewertet. Die Analyse und Interpretation der empirischen Ergebnisse führt im Anschluss zur Beantwortung und Diskussion der formulierten Kernthesen. Vervollständigt wird dieses Kapitel durch die Darstellung einer möglichen Handlungserweiterung des NSI, basierend auf der Kritik an der neo- institutionalistischen Theorie.

In Kapitel 7 wird abschließend dem Titel der Arbeit Rechnung getragen und anhand von Eignung und Verwendung der DIN EN ISO 9000 Normen für Gesundheitseinrichtungen, eine kritischen Würdigung ausgearbeitet. Ferner wird auf den gewonnen Ergebnissen dieser Arbeit aufbauend, ein Ausblick über die zukünftigen Entwicklungen der Normen im Gesundheitswesen gegeben.

Kapitel 8 resümiert noch einmal die Erkenntnisse dieser Arbeit in Bezug auf die Fragestellung und schließt diese Arbeit ab.

2. Soziologischer Neo-Institutionalismus

2.1 Einführung

Die vorliegende Arbeit setzt auf die Thesen, Forschungsbeiträge und Ergebnisse der neo-institutionalistischen Organisationstheorie (Meyer/Rowan 1977; Zucker 1977; DiMaggio/Powell 1983). Der soziologische Neo-Institutionalismus zählt heute zu einer der führenden Organisationstheorien und wird im amerikanischen Raum neben dem Population Ecology-Ansatz[1], in dem zunehmend auch institutionalistische

Argumentationsketten integriert werden, bereits als die führende Organisationstheorie bezeichnet (vgl. Walgenbach 2008, S.11; Hervorhebung im Original). Ihr Erfolg spiegelt sich in der Häufigkeit, mit der ihre grundlegenden Arbeiten zitiert werden, aber auch in der Vielzahl der in bedeutenden Fachzeitschriften veröffentlichten Studien und besonders darin, dass Elemente des Neo-Institutionalismus immer häufiger in andere Organisationstheorien integriert und mit diesen kombiniert werden, wider (vgl. ebd.)[2]. Wie das Präfix „Neo“ bereits andeutet, sind institutionalistische Betrachtungsweisen in der Organisationssoziologie kein neues Thema. Beide Theoriestränge (Neuer und Alter Institutionalismus) betrachten klassische „rational-actor models”[3] der Organisations­theorie mit Skepsis und stellen ein dazu divergierendes Modell vor. DiMaggio und Powell - zwei der wichtigsten Vertreter des Neo-Institutionalismus - erklären, dass Institutionalisierungsprozesse rationale Verhaltensweise von Akteuren limitieren: „each [approach] views institutionalization as a state-dependent process that makes organizations less instrumentally rational by limiting the options they can pursue“ (DiMaggio/Powell 1991, S.12). Zwar sind beide Ansätze unter dem Dach des „open systems views“[4] zu subsumieren und nehmen jeweils den Umweltbegriff in ihr Erkenntnisinteresse auf, dennoch unterscheiden sie sich in der Konzeptualisierung

ebendieser. Autoren älterer Werke[5] interpretieren Organisationen als „embedded in local communities, to which they are tied by the multiple loyalities of personnel and interorganizational treaties“ (DiMaggio/Powell 1991, S.13). Die neo- institutionalistische Argumentationsfigur wiederum betont die Existenz von Organisationen in “nonlocal environments, either organizational sectors or fields roughly conterminous with the boundaries of industries, professions or national societies” (ebd.). Diesem Argument liegt die Annahme zugrunde, dass die Umwelt in subtiler Weise Einfluss auf die Organisationen ausübt.

„Rather than being co-opted by organizations, they [environments] penetrate the organization, creating the lenses through which actors view the world and the very categories of structure, action, and thought“ (ebd.)[6].

Die Hauptaufgabe des zweiten Kapitels besteht darin, für alle Folgeargumentationen elementare Begrifflichkeiten und Denkweisen des soziologischen Neo- Institutionalismus herauszuarbeiten und für die weiteren Untersuchungen im Rahmen dieser Arbeit darzulegen. Die neo-institutionalistische Perspektive erklärt die Entstehung organisationsstruktureller Elemente sowie deren Verbreitung und Verwendung divergierend zur Argumentation der klassisch betriebswirtschaftlich­rationalen Organisationstheorie. Die im folgenden vorgestellten Begriffe und Werke dienen einerseits der Veranschaulichung der institutionalistischen Idee, sie sollen es dem Leser ermöglichen über geronnene ökonomische Selbstverständlichkeiten hinaus Organisationen in ihrem umweltbezogenen Dasein, als Konglomerat standardisierter Elemente, „institutionalistisch“ zu „erleben“. Andererseits sind sie zwingend notwendig, um der Argumentationskette dieser Arbeit zu folgen und die im Titel verankerte „kritische Würdigung betriebswirtschaftlicher Steuerungsinstrumente“ anhand neo-institutionalistischer Argumente auf einer wissenschaftlich-theoretischen Ebene nachvollziehen, sowie gegebenenfalls kritisch hinterfragen zu können.

2.2 Institutionen und Institutionalisierung

Seit der Entstehung der „Soziologie“, wird diese immer wieder mit dem Begriff der Institution assoziiert. Emile Durkheim (1895), als einer der Gründer der Disziplin, definiert Soziologie bereits wie folgt:

„On peut [...] appeler institutions, toutes les croyances et tous les modes de conduite institués par la collectivité. La sociologie peut être alors définie comme la science des institutions, de leur genèse et de leur fonctionnement“ (Durkheim 1895, S. XXII-XXIII).

Er bezeichnet die Soziologie als Wissenschaft der Institutionen, ihrer Entstehung und Wirkungsart[7]. Die Auseinandersetzung mit dem Institutionenbegriff als

Wesensmerkmal ihrer Disziplin, wird besonders von Neo-Institutionalisten selbst als auch von Wissenschaftlern mit neo-institutionalistischem Forschungsinteresse aufgegriffen und ausgearbeitet. „Sociologists have all along argued, that institutions have consequences for social and economic action“ (Nee 1998, S. 1).

Die definitorische Auslegung von „Institutionen“ divergiert deutlich zwischen Wissenschaft und Alltagssprache. Die in den Medien und Alltagssituationen verwendete Bedeutung versteht unter einer „Institution“ all das, was mehr oder weniger zu einer regelmäßigen oder festen Einrichtung geworden ist. Angefangen bei einem Handschlag zum Gruß bis zum Feuerwerk am Jahreswechsel ist der Alltagsbegriff „Institution“ sehr weit gefasst (vgl. Hasse/Krücken 2005a, S. 14). Für wissenschaftliche Untersuchungen hingegen ist eine genauere Begriffseinschränkung unumgänglich (vgl. Kieserling 2004, S. 291f). Doch zeigt sich auch bei wissenschaftlichen Definitionsversuchen, dass der Begriff oftmals abhängig vom verwendeten Zusammenhang und je nach Fachspezifität andere Nuancen und Gewichtungen enthält[8].

Eine klassische Definition von Institutionen findet sich bei Durkheim (1895). In ihrer Funktion als soziologischer Tatbestand[9] kann man „alle Glaubensvorstellungen und durch die Gesellschaft festgesetzte Verhaltensweisen Institutionen nennen“ (Durkheim 1950 [1895], S. 100). All diesen Definitionen ist gemein, dass sie Institutionen als verbundene Verhaltensweisen von Akteuren beschreiben, die allerdings nicht dem Belieben der Akteure obliegen, sondern von der Gesellschaft geregelt und erzwungen werden können (vgl. Esser 2000, S. 4). Damit unterscheiden sich Institutionen einerseits von Regelmäßigkeiten des Handelns, die nicht an Erwartungen gekoppelt sind oder durch Sanktionen erzwingbar werden. Andererseits sind Institutionen nicht Synonym für Organisationen. Zwar sind Institutionen - bspw. formell geregelte Mitgliedschaften - integraler Bestandteil aller Organisationen, diese beinhalten allerdings, neben institutionellen Strukturen und Regelungen, auch informelle Vorgänge und Machtverteilungen, welche die Geltung institutioneller Regelungen innerhalb der Organisation beeinträchtigen können (vgl. ebd.).

Am fruchtbarsten für den reflektierten Zusammenhang erscheint die Beschreibung einer Institution im organisationswissenschaftlichen Sinne nach DiMaggio und Powell. Sie beschreiben institutionalisierte Elemente der formalen Organisationsstruktur - die eine branchenweite, nationale oder internationale Verbreitung aufweisen - eine Institution (vgl. DiMaggio/Powell 1991, S.9). Um hier den Verdacht einer Tautologie zu unterbinden, muss zunächst geklärt werden, was unter Institutionalisierung zu verstehen ist.

Institutionalisierung ist ein Begriff, der in zweierlei Hinsicht gedeutet werden kann. Zum einen nimmt er Bezug auf einen Prozess und zum anderen auf einen Zustand. In seiner Bedeutung als prozessuales Konzept, versteht man Institutionalisierung als den Vorgang, durch den sich soziale Beziehungen und Handlungen zu Selbstverständlichkeiten entwickeln, die nicht mehr hinterfragt werden (vgl. Walgenbach 2006, S. 355). Schreyögg formuliert dies als einen Vorgang, der kognitive und habituelle Muster an Verbindlichkeit gewinnen lässt und ihnen somit den Charakter von geschriebenen oder ungeschriebenen Gesetzen verleiht (vgl. Schreyögg 2003, S.64). Institutionalisierung als Zustand „bezeichnet Situationen, in denen die in einer Gesellschaft bestehenden Vorstellungen bestimmen, was welche Bedeutung besitzt und welche Handlungen möglich sind“ (ebd.).

„Institutionalized rules are classifications built into society as reciprocated typifications or interpretations. Such rules may be simply taken for granted or may be supported by public opinion or the force of law” (Meyer/Rowan 1977, S. 341).

Eine anschauliche Interpretation von Institutionalisierung nach Walgenbach beschreibt einen Tatbestand dann als institutionalisiert, wenn es jedem mit standardisierten Argumenten möglich ist, dessen Existenz zu erklären und seinen Zweck zu erläutern (vgl. Walgenbach 2006, S. 355).

Ferner soll - in Anlehnung an Türk - auf die Gefahr der inflationären Verwendung des Institutionsbegriffs hingewiesen werden. Würde man jegliche habitualisierte Konversation, jede geronnene Gewohnheit, der die Fähigkeit innewohnt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben[10], als Institution bezeichnen, wäre der Institutionsbegriff kongruent zu sozialen Tatsachen nach Durkheimischer (1895) Lesart. Ein differenzierend-analytischer Umgang mit Institutionen wäre innerhalb der soziologischen Disziplin nicht mehr möglich, es würde lediglich eine terminologische Abgrenzung zu anderen wissenschaftlichen Disziplinen stattfinden (vgl. Türk 2000, S.146). Für den soziologisch-institutionalistischen Blickwinkel wäre folglich keine Unterscheidung zwischen Strukturen mehr möglich, die aus dem empirisch­kooperativen Gesellschaftsleben hervorgehen (Sozialer Tatbestand) und solchen Strukturen, die eben nicht aus dem konkreten Erfahrungsschatz dieser Subjekte entstammen (Institutionen), sondern „als gleichsam gesellschaftlich vorgängige Strukturen mit Geltungsanspruch auftreten“ (ebd.). Doch genau diese Unterscheidung ist für eine institutionalistische Betrachtung im Sinne Meyer/Rowans, DiMaggio/Powells, als auch Zuckers, essentiell.

„Für sie gilt alles als institutionalisiert, wenn es gerade nicht aus der Erfahrung der handelnden Subjekte stammt, [...] sondern als Grenze des sozialen Handelns hingenommen wird. Institution meint dort also offenbar gegen lokale Opportunitäten dogmatisch durchsetzbare und nicht aus diesen emergierte Strukturen“ (ebd., S.147).

Was durch die obigen Ausführungen gezeigt werden sollte ist, dass nur wenige Ansätze zur Herausarbeitung einer allgemeingültigen neo-institutionalistische Definition von Institutionen vorzufinden sind. Am ausführlichsten widmete sich Scott (1995) im Rahmen seines Drei-Säulen-Konzepts einer Konzeptualisierung von Institutionen[11]. Allerdings liefert auch er keine Definition, sondern ein Rahmenkonzept, welches sich als nützlich für eine empirische Verwendung von Institutionen erwiesen hat und zu einem zentralen Bestandteil der neo-institutionalistischen Theorie heranreifte (vgl. Senge 2006, S. 44ff). Für diese Arbeit werden Institutionen anhand dreier Faktoren definiert: In Anlehnung an Konstanze Senge (2006) werden soziale Regelungen, welche einen Raum möglicher Handlungsmuster generieren, dann als Institutionen definiert, wenn sie von zeitlich langer Dauer sind, eine soziale Verbindlichkeit für einen oder mehrere Akteure darstellen und sich als maßgeblich für ein empirisches Phänomen ergeben (vgl. ebd.)[12]. Die konkrete Ausgestaltung dieser Dimensionen, welche ISO 9000 Systeme als Institutionen definieren sollen, wird im entsprechenden Kapitel 6.4.1 „Ein Zertifikat als Institution“ herausgearbeitet.

2.3 Soziologischer Neo-Institutionalismus: In medias res

DiMaggio und Powell datieren das Geburtsjahr des Neo-Institutionalismus auf das Erscheinungsjahr der Artikel „The Effect of Education as an Institution“ und „Institutional Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony“ von John Meyer (letzterer mit Brian Rowan) 1977 (vgl. DiMaggio/Powell 1991, S. 11f). Aufbauend auf diese Grundlagenmodelle entstand im Zuge der Theorieevolution bis dato ein elementares neo-institutionalistisches Kernargument, nach welchem die Umwelt einer Organisation aus institutionalisierten Erwartungsstrukturen besteht, die der organisationalen Beschaffenheit ihre Prägung verleihen (vgl. Walgenbach/Meyer, R. 2008, S. 11).

Konkret gehen Neo-Institutionalisten davon aus, dass gesellschaftliche und kulturelle Annahmen, Vorstellungen und Erwartungen existieren, die festlegen, wie Organisationen - bspw. Schulen, Krankenhäuser und Wirtschaftsunternehmen - gestaltet sein sollten, weshalb diese für ihre Umwelt nützlich sind und welche Aufgaben ihnen zuzuschreiben oder vorzuenthalten sind. Sogar die Vorstellungen von Effizienz und Effektivität[13] seien gesellschaftlich weitgehend kontingent institutionalisiert (vgl. Walgenbach 2002, S. 159). Wichtig für die Argumentationskette der vorliegenden Arbeit ist, dass die neo-institutionalistische Perspektive betont, Organisationen seien mit dem Argument der Effizienz[14] nicht vollends charakterisierbar. Es wird stattdessen argumentiert, „dass bestimmte Organisationsformen oder Managementpraktiken sich nicht in der Welt befinden, weil sie der Optimierung des Input-Output-Verhältnisses dienen, sondern weil sie institutionalisierten Erwartungen entsprechen“ (ebd.). Somit rückt Legitimität[15] von Organisationen, welche ihr durch ihre institutionalisierte Umwelt verliehen wird, in die Untersuchungsperspektive dieser Arbeit. Zentral ist hier die Einbettung[16] von Organisationen, formalen Organisationsstrukturen und Managementpraktiken in einen kulturellen und gesellschaftlichen Kontext (vgl. ebd.). Veränderungen in der formalen Struktur sind weniger durch Wettbewerb und Effizienzerfordernisse, als durch Regeln, Erwartungen und Anforderungen in der Umwelt der Organisation determiniert (vgl. Walgenbach 2006, S. 354).

Im folgenden Abschnitt werden die wichtigsten Aufsätze - die Meilensteine des Neuen Soziologischen Institutionalismus (NSI) - vorgestellt und Hauptaussagen, Forschungsergebnisse und Begrifflichkeiten der jeweiligen Autoren zusammengefasst. Dies ermöglicht dem Leser einen Einblick in den jeweiligen Forschungsstand des NSI zu gewinnen und legt auf der Basis der klassischen Aufsätze eine Arbeitsgrundlage zur Interpretation und Verwendung der neo-institutionalistischen Theorie.

2.3.1 Meilensteine (DiMaggio/Powell & Meyer/Rowan)

Als Meilensteine des soziologischen Neo-Institutionalismus lassen sich der bereits erwähnte Aufsatz der Autoren John W. Meyer[17] und seinem damaligen Doktoranden Brian Rowan „Institutional Organizations: Formal Structure as Myth and Ceremony“ aus dem Jahre 1977 sowie der sechs Jahre später erschienene Artikel von Paul J. DiMaggio[18] und Walter W. Powell [19] „The iron cage revisited: Instituional isomorphism and collective rationality in organizational fields“ bezeichnen, bilden diese Publikationen doch den Ausgangspunkt des organisationssoziologischen Neo- Institutionalismus (vgl. Hasse/Krücken 2005a, S.22). Beide Arbeiten setzen sich mit den Zusammenhängen von Organisationen und Gesellschaft auseinander und bilden das Fundament vielfältiger Forschungsarbeiten, die auf den grundlegenden theoretischen Annahmen dieser Autoren basieren. Eine besondere Rolle spielt hierbei die Auseinandersetzung mit dem Legitimitätsbegriff nach Max Weber[20] und dessen Bürokratieansatz[21], wohingegen Arbeiten anderer Klassiker der institutionalistischen Theorie, wie Durkheim und Parsons, weitgehend außen vor bleiben (vgl. ebd.).

John Meyer/Brian Rowan 1977: Institutionalized organizations. Formal structure as myth and ceremony Gleich zu Beginn ihres Aufsatzes thematisieren Meyer und Rowan die formal-rationalen Strukturen von Organisationen. Die Maxime ihrer neo-institutionalistischen Organisationstheorie ist eine radikale Abkehr von vorherrschenden technisch- funktionalistischen Erklärungsparadigmen der Organisationswissenschaften (vgl. Walgenbach/Meyer, R. 2008, S.22f). Bis dato galt die formale Organisationsstruktur gemäß Webers Bürokratiemodell[22] als ein reales Abbild organisationaler Arbeitsaktivitäten. Die Formalstruktur umfasst in der Weberianischen Tradition alle Elemente und Regelungen einer Organisation: Büros, Positionen, Stellen, ein Organigramm (Aufbauorganisation) sowie Regeln und Routinen (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 342). Wie Weber argumentiert, setzen sich bestimmte Formalstrukturen in Organisationen durch, weil sie die effizientesten Mittel und Wege zur Steuerung komplexer Arbeitsaktivitäten und Tauschbeziehungen verkörpern.

Mit dieser traditionellen Denkweise brechen die beiden Autoren. Für sie sind Legitimitäts- und Effizienzerwartungen nicht kongruent (vgl. ebd., S. 340). „Elements of formal structure are manifestations of powerful institutionalized rules which function as highly rationalized myths that are binding on particular organizations“ (ebd., S. 343). Die Legitimität formaler Strukturen ergibt sich für sie durch die Adoption gesellschaftlich verbreiteter Rationalitätsmythen[23] in die interne Formalstruktur. Eine Entkopplung der alltäglichen Arbeitsaktivitäten (Aktivitätsstruktur) einer Organisation von ihrer Außenfassade (Formalstruktur[24] ) ist die Folge. Die Integration dieser Mythen lässt eine Gleichförmigkeit (Isomorphie[25] ) zwischen Organisationen und ihrer Umwelt - der Gesellschaft - entstehen. Derartige Anpassungsprozesse steigern das Legitimitätsniveau einer Organisation und verbessern ihre Überlebenswahrscheinlich­keit, unabhängig von einer möglichst effizienten Ausgestaltung der spezifischen Problembearbeitung (vgl. ebd. S.341ff).

Paul J. DiMaggio/Walter W. Powell 1983: The iron cage revisited: Institutional isomorphism and collective rationality in organizational fields Einen weiteren Meilenstein der neo-institutionalistischen Forschung stellt die Arbeit der Autoren Paul DiMaggio und Walter Powell aus dem Jahr 1983 dar. Sie beziehen ebenfalls eine Gegenposition zu Max Webers Bürokratieansatz und betonen, dass struktureller Wandel in Organisationen zunehmend auf Aspekte der Legitimierung zurückzuführen sei und sich nicht aufgrund von Effizienzerwartungen oder Konkurrenzdruck ereignet (vgl. DiMaggio/Powell 1983, S. 147).

Während sich Meyer und Rowan bei der Beschreibung der organisationalen Umwelt noch des diffusen Begriffs der „Gesellschaft“ bedienen, präzisieren DiMaggio und Powell ebendiesen durch die Einführung und Definition so genannter organisationaler Felder[26]. Ein organisationales Feld ist ein zentraler Begriff der neo-institutionalistischen Organisationstheorie und beschreibt eine Menge von Organisationen in einem räumlich abgrenzbaren Gebiet, die sich wechselseitig aneinander orientieren (vgl. Preisendörfer 2005, S. 149). Bei der Untersuchung dieses organisationsspezifisch relevanten Bezugsrahmens stellen sich die Autoren die Frage: „What makes organizations so similar?“ (DiMaggio/Powell 1983, S. 147). Zur Beantwortung greifen sie das auf Meyer und Rowan zurückgehende Konzept institutioneller Isomorphie[27] auf. Durch die Konkretisierung dieser Struktur angleichenden Prozesse erklären sie das paradoxe Phänomen, nach welchem „rational actors make their organizations increasingly similar, why they try to change them“ (ebd.). DiMaggio und Powell identifizieren drei Ausprägungsformen der Isomorphie, mit deren Hilfe sich Anpassungsprozesse erklären lassen: Zwang, Imitation und normativen Druck.

Bezüglich der konzeptionellen Trennung von Formal- und Aktivitätsstruktur nehmen die Autoren der neo-institutionalistischen Meilensteine divergierende Denkhaltungen ein. Während bei Meyer und Rowan Formal- und Aktivitätsstruktur nur lose gekoppelt sind, argumentieren DiMaggio und Powell, dass die Integration formalstruktureller Elemente und Managementpraktiken mit internen organisationalen Veränderungen einhergehen. Institutionalisierungsprozesse führen dieser Argumentationskette folgend zu einer reduzierten Variation innerhalb eines organisationalen Feldes, wodurch sich Organisationen nicht nur äußerlich immer ähnlicher werden (vgl. Walgenbach/Meyer, R. 2008, S. 378; Hasse/Krücken 2005a, S. 27).

Die folgenden Abschnitte konkretisieren die soeben gestreiften Begrifflichkeiten der Protagonisten des soziologischen Neo-Institutionalismus - organisationale Legitimität, organisationale Felder, Isomorphismus, Formal- und Aktivitätsstruktur sowie ergänzend die Phasen der Institutionalisierung - weiter. Ziel ist es, elementare Begriffe zu konkretisieren, auf deren Basis eine kritische Würdigung von ISO 9000 Systemen im Gesundheitswesen mit neo-institutionalistischem Vokabular präzise erarbeiten werden kann.[28]

2.3.2 Organisationale Legitimität

Der Einstieg in die Reihe der Begriffserklärungen wird anhand des von Institutionalisten am stärksten betonten Ankers ihrer Theorie[29] vorgenommen: Eine Organisation, welche institutionalisierte Elemente in ihre formale Struktur implementiert, erhöht damit ihre Legitimität (vgl. Walgenbach 2006, S. 366). Wie Suchman (1995) bereits feststellte wird der Legitimitätsbegriff von Autoren der Organisationstheorie sehr häufig erwähnt und verwendet, aber nur vereinzelt definiert (vgl. Suchman 1995, S. 573). Suchman's Definition, die als neo-institutionalistische Standardreferenz gilt, stellt Legitimität wie folgt dar:

“Legitimacy is a generalized perception or assumption that the actions of an entity are desirable, proper, or appropriate within some socially constructed systems of norms, values, beliefs, and definitions ” (Suchman 1995, S. 574).

Eine Organisation wird also dann als legitimiert betrachtet, „wenn ihre Aktivitäten innerhalb gesellschaftlicher Werte, Normen, Vorstellungen und Festlegungen wünschenswert, richtig und angemessen erscheinen“ (Walgenbach 2008, S. 64). Gelingt es einer Organisation ihre Strukturen zu legitimieren, trägt dies, im Sinne der neo- institutionalistischen Theorie, zu ihrer Überlebensfähigkeit bei[30]. So argumentieren Meyer und Rowan:

„Organizations that incorporate societally legitimated rationalized elements in their formal structures maximize their legitimacy and increase their resources and survival capabilities” (Meyer/Rowan 1977, S. 352).

Besonders bei existierender Unsicherheit[31] über die Konsequenzen alternativer Handlungsmöglichkeiten tendieren Organisationen dazu, scheinbar erfolgreiche weil legitimierte Elemente anderer Organisationen zu adaptieren (vgl. ebd. und DiMaggio/Powell 1983, S. 156).

Auch Zucker führt aus, dass „under some conditions these pressures lead the organization to be guided by legitimated elements, from standard operating procedures to professional certification and state requirement, which often have the effect of directing attention away from task performance. Adoption of these elements, leading to isomorphism with the institutional environment, increases the probability of survival.” (Zucker 1987, S. 443).

Damit impliziert Zucker, dass Organisationen in einen institutionellen Kontext eingebettet sind. In dieser institutionalisierten Umwelt bestehen Erwartungen und Vorstellungen darüber, wie rational geführte, effektiv und effizient arbeitende Organisationen gestaltet sein sollten. Gemäß diesen Ansichten, verfügen moderne Organisationen über aktuellstes Managementwissen (bspw. aus dem Bereich des Qualitätsmanagements), eine Abteilung für Investitionsrechnung und führen vor der Einstellung neuer Mitarbeiter stets ein Assessment Center[32] durch. Wer sich nicht an diese Erwartungen hält, erscheint seiner Umwelt als unmodern und als ein wenig rational handelnder Akteur. Der neo-institutionalistischen Theorie folgend bedienen sich Organisationen gesellschaftlich emulgierter Rationalitätsmythen, um einen kontinuierlichen Legitimitätszuspruch innerhalb ihrer institutionellen Umgebung gewährleisten zu können. Durch diesen Legitimitätszuspruch erhöhen Organisationen die Wahrscheinlichkeit ihres Fortbestehens [33] (vgl. Walgenbach 2006, S. S.366f).

„Der Idealtypus - im Sinne von Max Weber - ist die vollständig legitimierte Organisation, die in keiner Weise in Frage gestellt werden kann. Keines ihrer Ziele kann in Zweifel gezogen werden, und alle Ziele erscheinen bedeutsam und wichtig. Alle verwendeten Mittel, Prozeduren und Techniken erscheinen angemessen, und es scheinen keinerlei Alternativen zu diesen zu bestehen“ (Walgenbach 2006, S. 366)[34].

Sind alle diese Punkte erfüllt, dann entspricht eine Organisation in idealer Weise den kulturbedingten Erwartungen und Vorstellungen über Theorien rationaler Organisationen (ebd.).

Viele moderne Strukturelemente und Managementmethoden[35] sind in hohem Maße institutionalisiert, bindend für Organisationen und wirken als rationalisierte Mythen der Organisationsgestaltung. Zahlreiche technische Prozeduren und Praktiken sind zu selbstverständlichen Mitteln der Erreichung organisationaler Ziele herangewachsen (vgl. Süß, 2009, S. 188f). Diese Übereinstimmung mit institutionalisierten Regeln kann kritische Auswirkungen für Organisationen mit sich bringen. So betonen sowohl Meyer und Rowan als auch Walgenbach, dass die Etablierung einer institutionalisierten Managementpraktik zwar das organisationale Legitimitätsniveau erhöhe, aber nicht zwingend mit gesteigerter Effizienz und Effektivität verbunden sei (vgl. Walgenbach 2006, S. 365; Meyer/Rowan 1977, S. 344).

2.3.3 Die Umwelt der Organisation

„Daß ein System offen ist, bedeutet, dass es nicht nur mit seiner Umwelt in Austausch tritt, sondern daß dieser Austausch als ein wesentlicher Faktor die Lebensfähigkeit des Systems mitbegründet“ (Walter Buckley 1967 nach Scott 1986, S. 149).

Wie bereits angesprochen wurde, ist die neo-institutionalistische Perspektive ein unter den Modellannahmen des „open systems view“[36] einzuordnendes Konstrukt. Unter der Berücksichtigung der Sichtweise offener Systeme ist es für die Nachvollziehbarkeit neo-institutionalistischer Annahmen elementar, die Umwelt als exogenen Bestandteil einer Organisation zu betrachten. Bereits Meyer und Rowan stellen fest, dass für Organisationen zwei Arten von Umwelten zu unterscheiden sind: Sie differenzieren zwischen technischen und institutionellen Umwelten, die jeweils spezifische Auswirkungen auf eine Organisation haben (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 348ff). Auch wenn beide Umweltformen im Kontext rationaler Organisationsformen zu sehen sind, unterscheidet sich ihr jeweiliges Verständnis von Rationalität doch immens. Technische Umwelten betonen eine Rationalität, die eine enge Verbindung zwischen dem Zweck einer Organisation und den Ressourcen, welche sie zur Zielerreichung einsetzt, herstellt (vgl. Walgenbach 2006, S. 361). Im Gegenzug forcieren institutionelle Umwelten Organisationen dazu, institutionalisierte Rationalitätsmythen nachweislich zu adoptieren. Folglich sehen sich Organisationen dazu gezwungen, kontinuierliche Rechtfertigungen für ihr eigenes Handeln abzuliefern und die Gründe für ihre strukturelle Ausgestaltung ihrer Umwelt nachvollziehbar zu präsentieren (vgl. ebd.). Meyer und Rowan machen bereits in ihren frühen Ausführungen deutlich, dass Organisationen zu keinem Zeitpunkt ausschließlich der einen oder der anderen Umweltdimension zugewandt sind. Sie pendeln stattdessen fortdauernd in einem Kontinuum zwischen beiden Polen (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 354). Im Folgenden werden beide Umweltdimensionen charakterisiert und herausgearbeitet, dass unterschiedliche Umweltdimensionen bevorzugt Organisationen bestimmter Façon beherbergen.

2.3.3.1 Technische Umwelt

Technische Umwelten stellen für Meyer und Rowan eine Form marktwirtschaftlicher Umgebung dar, die Organisationen für ihren effektiven und effizienten Umgang mit Arbeitsprozessen und einer optimaler Ressourcenallokation entlohnt. In den meisten Fällen sind es Produktionsunternehmen, deren Erfolg durch das bestmögliche Management ihres Beziehungsgeflechts determiniert wird (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 354). Organisationen, welchen es gelingt, sich diesen Anforderungen besser anzupassen als ihre Konkurrenten, erzielen durch ihre Handlungsweise einen (Wettbewerbs-)Vorteil gegenüber weniger „fitten“[37] Organisationen (vgl. Walgenbach 2006. S. 360ff). Die Steuerung einer Organisation in ihrer technischen Umwelt erfolgt vorwiegend durch Ergebniskontrolle. Ein effektiver Umgang mit internen als auch grenzübergreifenden Prozessen, spielt in diesem Zusammenhang eine besondere Rolle für das Fortbestehen der Organisation (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 353).

2.3.3.2 Institutionelle Umwelt

Institutionalisierte Umwelten hingegen honorieren eine Organisation für ihre Konformität zu gesellschaftlich-kulturellen Anspruchsniveaus und institutionalisierten Regeln. Je stärker eine Organisation diesen Ansprüchen entspricht, umso höher ist ihr Zufluss an Ressourcen, Stabilität und folglich: Legitimität. Durch die Implementierung dieser Regeln (Institutionen) - die den (gesellschaftlich) vorherrschenden Vorstellungen von Rationalität entsprechen - in die organisationsinternen Strukturen, wird Vertrauen in Sinn und Zweckmäßigkeit der Organisation geschaffen (vgl. Walgenbach 2006, S. 360ff).

2.3.3.3 Zusammenführung der Umweltdimensionen

Die Betrachtung der gesellschaftlichen Umwelt in den zwei Dimensionen - materiell­technisch und symbolisch-institutionell - lässt die Vermutung aufkommen, dass unterschiedliche Organisationstypen in den jeweiligen Umwelten beheimatet sind. Dieser Eindruck wird dadurch verstärkt, dass sich die meisten der frühen empirischen Untersuchungen[38] der Neo-Institutionalisten auf Organisationen des öffentlichen Sektors (Schulen, Gesundheitsorganisation usw.) konzentrierten. Diese sind laut Meyer/Rowan zumeist in institutionelle Umwelten eingebettet (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 354). Um erneut den Gedanken des Kontinuums zwischen zwei Polen aufzugreifen, sind Prozessoptimierer und Effizienzsteigerer (meist produzierende Unternehmen) eher technischen Umwelten zuzuordnen. Auf der anderen Seite erscheinen Satisfizierer, deren Fortbestehen von Vertrauen in ihren Sinn und ihre Zweckmäßigkeit abhängt, häufiger in institutionellen Umwelten präsent zu sein (vgl. Powell 1991, S. 184). Der Anpassungsprozess von Organisationen dieses Typs (Schulen, Non-Profit-Organizations) an ihre Umwelt erscheint lediglich zeremonieller Natur und dysfunktional gegenüber ihrer reinen Aufgabenstellung zu sein. Folglich scheinen Organisationen in institutionellen Umwelten dazu zu tendieren, Fassaden zu bilden und ihr Äußeres mit dem Ziel zu manipulieren, aus ihrer Umwelt Legitimität zugesprochen zu bekommen (vgl. ebd.; Walgenbach 2006, S. 362; Zucker 1987, S. 445). Das würde bedeuten, dass Krankenhäuser Rationalitätsmythen integrieren, um ihre Zweckmäßigkeit zu rechtfertigen. Ihre Funktion als Gesundheitseinrichtung würde damit in den Hintergrund und gleichzeitig die Allokation von Legitimität als Unternehmensmaxime in den Vordergrund treten. Powell kritisiert diese Sichtweise, indem er einräumt, dass Marktprozessen und ihren Wirkungsweisen eine zu große Bedeutung zukomme (vgl. Powell 1991, S. 184).

Bereits aus überarbeiteten Versionen älterer Veröffentlichungen geht hervor, dass es sich bei der Unterscheidung in technische und institutionelle Umwelten ausschließlich um eine Differenzierung analytischer Natur handle (vgl. Walgenbach 2006, S. 363f). Es wird eingeräumt, dass Einrichtungen im institutionellen Umfeld gleichermaßen Effizienzkriterien genügen müssen, wie Einrichtungen in technischer Umgebung institutionalisierte Elemente nicht vernachlässigen sollten. Zusammenfassend lässt sich sagen, dass unterschiedliche Erwartungen an unterschiedliche Organisationstypen bestehen. Umfang und Intensität der Erwartungen unterscheiden sich je nachdem, ob eine Organisation mehr zu einer technischen oder einer institutionellen Umwelt tendiert (vgl. ebd.; Hervorhebungen nicht im Original).

Abbildung 1: Technische und Institutionelle Umwelten[39]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

In Abbildung 1 ist die tendenzielle Zugehörigkeit unterschiedlicher Organisationstypen zu stärker oder schwächer ausgeprägten Umweltformen zusammenfassend visualisiert. Hier wird bereits ersichtlich, dass Krankenhäuser sowohl den Anforderungen technischer als auch institutioneller Umwelten gegenüber stehen. Im Sinne der parallelen Existenz technischer und institutioneller Umwelten, generieren unterschiedliche gesellschaftliche Sektoren auf evolutionäre Weise spezifische Wirkungskonstellationen (vgl. Scott 1998, S. 138). Zum Einen lässt sich auf der Basis dieses Modells erklären, wie die technisch-operative Welt mit Methoden des Neo- Institutionalismus analysiert werden kann. Zum Anderen lassen sich hieraus explizite Annahmen treffen, auf welche Weise verschiedene gesellschaftliche Faktoren unterschiedlich stark von der technischen oder der institutionellen Umwelt geprägt werden (vgl. Scott/Meyer 1991, S. 108).

Transferiert man dieses Modell auf die Thematik der vorliegenden Arbeit, ergibt sich daraus folgende Konsequenz für Einrichtungen im Gesundheitswesen: Aufgrund ihrer tendenziellen Einbettung in institutionelle Umweltarrangements stellt die Allokation von Legitimität durch Inkorporierung institutionalisierter struktureller Formen für Organisationen des Gesundheitswesens einen elementaren Faktor für deren Fortbestehen dar. Über die Ausführungen neo-institutionalistischer Interpretationen hinaus, ist es für diese Arbeit interessant zu erarbeiten, in wie fern die Berücksichtigung von Effizienzkriterien für Gesundheitsorganisationen ebenfalls unabdingbar ist[40]. Es soll untersucht werden, ob der Einsatz von (technisch geprägten) Managementsystemen - neben Legitimität erhöhender Außenwirkung - prinzipiell dazu geeignet ist, im Zuge von Privatisierung und damit einhergehender Konfrontation mit Erwartungen technischer Umwelten, das organisationsinterne Effizienzniveau ebenfalls zu optimieren.

2.3.4 Organisationale Felder

Bei der Beschreibung der organisationalen Umwelt gehen DiMaggio und Powell über die Ausführungen von Meyer/Rowan hinaus und prägen den Begriff der organisationalen Felder:

„By organizational field, we mean those organizations that, in the aggregate, constitute a recognized area of institutional life: key suppliers, resource and product consumers, regulatory agencies, and other organizations that produce similar services and products” (DiMaggio/Powell 1983, S.148).

Organisationale Felder umfassen alle Organisationen, welche die wahrgenommene relevante gesellschaftliche Umwelt einer Organisation bilden und ihren Bezugsrahmen definieren[41]. Dieser Bezugsrahmen dient nach Scott (1998) der Analyse eines Systems von Organisationen, die innerhalb desselben Gebiets operieren, das sich sowohl durch ein einheitliches Beziehungsgeflecht als auch ein gemeinsames Set kultureller Regeln auszeichnet (vgl. Scott 1998, S. 129). Dabei ist es nicht möglich diesen Bezugsrahmen a priori zu determinieren, sondern er muss für jede Organisation auf empirischer Basis ermittelt werden. Für eine Organisation des Gesundheitswesens kann das organisationale Feld beispielsweise aus deren Zulieferern, konkurrierenden Einrichtungen, Ärzten, Patienten und den jeweiligen Kostenträgern bestehen. Das Feldkonzept beinhaltet neben Organisationen, die in unmittelbare Austauschbeziehungen treten auch diejenigen, welche unter gleichen Bedingungen operieren - also Organisationen, die vergleichbare Charakteristika und Netzwerk­strukturen aufweisen. Einen Zustand, den DiMaggio (1986) als „structural equivalence“ oder „isomorphism“ bezeichnet (vgl. DiMaggio 1986, nach Scott 1998, S. 129). Im Vergleich zu dem Umweltbegriff von Meyer und Rowan, die diesen mit „Gesellschaft“ betiteln und pauschalisieren, konkretisieren DiMaggio/Powell in ihrer Arbeit organisationale Umwelt, als „die sich in einem wechselseitigen Legitimationsverhältnis befindenden Organisationen eines Feldes“ (Hasse/Krücken 2005a, S. 25). Den Ausführungen von Scott folgend, sind organisationale Felder ein bedeutsames intermediäres Konstrukt, welches organisationale Strukturen und Funktionen mit sozialen Prozessen verbindet (vgl. Scott 1994, S. 207). In Anlehnung an Becker­Ritterspach und Becker-Ritterspach (2006) kommt dem Feldkonzept von DiMaggio und Powell eine Brückenfunktion zu, welche Studien der Einzelorganisation mit Entwicklungen auf der Ebene der Gesellschaft verbindet (vgl. Becker­Ritterspach/Becker-Ritterspach 2006, S. 128).

2.3.5 Institutionelle Isomorphie

Das von DiMaggio und Powell vorgestellte Instrumentarium zur Analyse und Beschreibung von Entstehungsprozessen organisationaler Legitimität, wird von den beiden Autoren als institutionelle Isomorphie bezeichnet (vgl. DiMaggio/Powell 1983, S. 147). Innerhalb eines organisationalen Feldes herrschen - wie bereits erläutert - gesellschaftlich verankerte Rationalitätsmythen, die auf ein System von Organisationen einwirken. Diese Mythen sind für alle am Feld beteiligten Organisationen handlungsleitend und determinieren deren formale Struktur. Daraus resultieren Angleichungsprozesse zwischen einzelnen Organisationen, die DiMaggio und Powell unter den Begrifflichkeiten der institutionellen Isomorphie subsumieren und in ihren einzelnen Bestandteilen analysieren. Isomorphismus bedeutet, dass sich eine Einheit innerhalb eines Feldes einer anderen angleicht, wenn sie mit den gleichen Umweltbedingungen konfrontiert ist. Den Ursprung dieser Prozesse sehen die Autoren darin, dass Organisationen dazu tendieren, ihre eigenen Strukturen nach vergleichbaren Organisationen ihres organisationalen Feldes zu modellieren, denen sie mehr Legitimität und Erfolg zurechnen als sich selbst. Selbst wenn nicht bewiesen ist, dass die adoptierten Strukturen die eigene Effizienz erhöhen können oder könnten, lassen sich diese Vorgänge identifizieren (vgl. DiMaggio/Powell 1991, S.70). Haben diese Anpassungen tatsächlich einen Effizienz steigernden Effekt, so ist das häufig das Resultat der Anpassungsprozesse selbst. Denn die strukturelle Ähnlichkeit mit anderen Organisationen erlaubt es, Transaktionsbeziehungen zu vereinfachen, Unsicherheit zu reduzieren und das Legitimitätsniveau zu steigern[42] (vgl. Walgenbach 2002, S. 337). Organisationen kämpfen nicht nur um Ressourcen und Kunden, sondern auch um Macht und Legitimität, um soziale wie ökonomische Fitness. In diesem Sinne formulierte bereits Aldrich (1979), „ [that] the major factors that organizations must take into account are other organizations” (Aldrich 1979, S. 265). DiMaggio und Powell spezifizieren das Phänomen des Isomorphismus, indem sie drei isomorphe Prozesse, die zur Angleichung von Organisationsstrukturen führen, vorstellen: Isomorphismus durch Zwang (coercive isomorphism), durch Nachahmung (mimetic isomorphism) und durch normativen Druck (normative isomorphism). Ähnlich zu den Ausführungen über technische und institutionelle Umwelten ist auch hier in erster Linie eine analytische Unterscheidung zu verstehen. Obwohl sich die einzelnen Mechanismen aus verschiedenen Bedingungen ableiten, sind sie empirisch nur schwer zu trennen (vgl. Walgenbach 2002, S. 334). Basierend auf den Effekten institutioneller Isomorphie identifizieren DiMaggio und Powell diese drei Mechanismen, als Quellen organisationaler Legitimität und letztlich als Überlebensvariablen für Organisationen. An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Meyer und Rowan eine hierzu divergierende Argumentation verfolgen und zwei Quellen organisationalen Überlebens identifizieren: Legitimität und Effizienz (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 353)[43].

2.3.5.1 Isomorphismus durch Zwang

„Coercive isomorphism results from both formal and informal pressures exerted on organizations by other organizations upon which they are dependent and by cultural expectations in the society in within which organizations Junction” (DiMaggio/Powell 1983, S. 150).

Diese Homogenisierungsprozesse auf der Ebene organisationaler Felder resultieren aus staatlichen und rechtlichen Vorgaben, die für die Organisation unumgänglich sind. Dieser direkt wirkende Mechanismus institutioneller Diffusionsprozesse geht meist von höher gestellten Instanzen aus, in deren Abhängigkeitsgefüge sich eine Organisation bewegt (vgl. ebd.; Guler/Guillén/Macpherson 2002, S.212)[44]. Neben dem Staat und der Rechtsprechung wird Isomorphismus durch Zwang häufig von einem Mutterkonzern auf dessen Tochtergesellschaften ausgeübt. Nach erfolgreicher Unternehmens­akquisition wird etwa das Qualitätsmanagementsystem des Mutterkonzerns der neuen Tochter zwecks Kompatibilitätssteigerung aufgezwungen.

Als Beispiel aus der Praxis kann hier auf das im Rahmen einer ISO Zertifizierung eingeführte EDV-System des Deutschen Roten Kreuzes Rhein-Hessen-Nahe gGmbH verwiesen werden[45]. Ziel der Implementierung dieses Systems ist es, alle Rettungswachen dazu zu verpflichten, dieses von der Zentralstelle geforderte System in ihrem organisationalen Alltag anzuwenden.

2.3.5.2 Isomorphismus durch Nachahmung

„Organizations tend to model themselves after similar organizations in their field that they perceive to be more legitimate or successful” (DiMaggio/Powell 1983, S: 152).

Mimetischer Isomorphismus ist ein typischer Angleichungsmechanismus, der aus Unsicherheit resultiert (vgl. Hasse/Krücken 2005a, S.26; Hiß 2005, S. 198). Je unklarer Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge erscheinen, je heterogener die Erwartungen aus der Umwelt ausfallen, umso stärker ist das Ausmaß, in dem Organisationen ihre Strukturen und Prozesse nach „Branchenvorbildern“, nach als besonders erfolgreich und legitim wahrgenommenen Organisationen ausrichten und angleichen. Dies zeigt sich besonders in der unsicherheitsbelasteten Technologie- und Innovationsbranche. Die Adaption von Trends wie der derzeit vorherrschenden „Best Management Practice“ zur optimalen Zielerreichung kann als Unsicherheit antizipierendes Moment gesehen werden (vgl. ebd.). Dieser Effekt kann auch am Beispiel der Verbreitung von Managementsystemen wie der ISO 9000 erkannt werden. Operieren als erfolgreich (empfundene) Gesundheitsorganisationen[46] mit diesem Instrument, wird es von anderen Akteuren im Feld imitiert, da es in unsicheren Zeiten Stabilität zu garantieren scheint. Zusätzlich zur Reduzierung von Unsicherheit und Komplexität haben mimetische Vorgänge auch einen rituellen Charakter. Das Internalisieren dieser „Innovationen“ steigert die eigene Legitimität und demonstriert der Umwelt die Bereitschaft, das Qualitätsdenken zu steigern bzw. sich dessen anzunehmen. Bei der Verbreitung von innovativen Managementsystemen weisen DiMaggio und Powell insbesondere Beratungsfirmen eine tragende Rolle als Multiplikatoren zu[47]. Diese identifizieren innovative Problemlösungsmuster bei erfolgreichen Organisationen und tragen diese als standardisiertes Patentrezept in andere Organisation hinein (vgl. DiMaggio/Powell 1983, S. 151f; Walgenbach 2008, S. 37).

2.3.5.3 Isomorphismus durch normativen Druck

Der dritte Mechanismus der Isomorphie ist normativer Natur und entspringt in erster Linie einer zunehmenden Professionalisierung. Professionalisierung beschreibt hierbei die gemeinschaftlichen Bestrebungen einer Berufsgruppe, die Konditionen und Methoden ihrer Arbeit zu definieren, um eine kollektive Denkhaltung zu schüren und die Rechtfertigung einer beruflichen Autonomie zu schaffen. Walgenbach (2002) folgend, unterliegen die Professionen selbst wiederum Zwängen und mimetische Prozessen, die auf lange Sicht wieder zu Isomorphie führen können (vgl. Walgenbach 2002, S.335). Mitglieder einer Profession (Ärzte, Betriebswirte, Juristen, Qualitätsmanager) bringen bestimmte Meinungsmuster und Kompetenzen, resultierende aus ihrer jeweiligen Ausbildung, mit in eine Organisation und damit ihre individuellen Vorstellungen über die rationale Gestalt organisationaler Strukturen. (vgl. DiMaggio/Powell 1983, S. 151f).. Qualitätsmanager oder -beauftragte, die bei Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Qualität e.V. (DGQ) oder der European Foundation for Quality Management (EFQM) Seminare zur ISO Norm besuchen, tragen ihr neu erworbenes Wissen in ihre Unternehmung zurück und fördern damit den Homogenisierungsprozess im organisationalen Feld.

In illustrativer Weise erklärt eine Studie von Fennell (1980) isomorphe Prozesse durch normativen Druck im Gesundheitswesen am Beispiel von Krankenhäusern. Sie kommt zu dem Ergebnis, dass Krankenhäuser bestimmte Facharztgruppen nicht deshalb rekrutieren, weil die Population der Patienten ein gewisses Krankheitsbild häufig aufweist, welches es zu behandeln gilt. Im Rahmen ihrer Untersuchungen stellt Fennell fest, dass Krankenhäuser ihr Servicespektrum diversifizieren, da sie nur dann an Legitimität gewinnen, wenn sie dieselben Leistungen anbieten können, wie andere Krankenhäuser im selbigen organisationalen Feld auch (vgl. Fennell 1980, S. 505f). Offenkundig beeinflussen Prozesse institutioneller Isomorphie die Gestalt von Organisationsstrukturen.

2.3.6 Formal- und Aktivitätsstruktur

Vergleichbar mit der betriebswirtschaftswissenschaftlichen Trennung von Aufbau- und Ablauforganisation[48] innerhalb eines Unternehmens unterscheiden Meyer/Rowan die Formalstruktur von der Aktivitätsstruktur einer Organisation. Zentrales Argument der Autoren ist, dass „Organisationen institutionelle Vorgaben lediglich symbolisch befolgen“ (Hasse/Krücken 2005a, S.68). Dieses Argument ist für vorliegende Arbeit im Rahmen des Gesundheitswesens von besonderer Bedeutung. Am Beispiel des Qualitätsmanagements lässt sich dieser Zusammenhang wie folgt illustrieren: Adaptiert eine Organisation ein QMS[49] (ISO 9000 bspw.) sendet sie damit ein bestimmtes Signal an ihre Umwelt. In diesem Fall das Signal, dass man in der Umwelt verankerten Erwartungen über rationales Organisieren entspricht und Qualität einen hohen Stellenwert innerhalb der Organisation einnimmt. Wenn sich allerdings die Arbeitsabläufe, Prozesse und Strukturen der Organisation nicht ändern, das QMS keine Auswirkung auf die Aktivitäten der Organisation hat, wird das System lediglich auf der formalen Ebene als symbolische Kulisse adaptiert, die Aktivitätsstruktur bleibt jedoch unverändert. In diesem Fall findet die Entkopplungsthese nach Meyer/Rowan Anwendung.

Bei Meyer und Rowan heißt es: „Because attempts to control and coordinate activities in institutionalized organizations lead to conflicts and loss of legitimacy, elements of structure are decoupled from activities and from each other“ (Meyer/Rowan 1977, S. 357). Um Legitimitätseinbußen zu vermeiden, versuchen Organisationen Messungen aus dem Weg zu gehen, die belegen könnten, in wie weit die auf formaler Ebene deklarierten Methoden Einfluss auf das day-to-day work (alltägliche Arbeitsprozesse) der Organisation nehmen und deren Aktivitäten verändern. So versuchen Krankenhäuser ihre „Heilungsraten“ von der Öffentlichkeit ebenso fern zu halten, wie sie ihr spezifisches Effektivitätsniveau nicht publizieren. Inspektionen, Messungen und Evaluation werden lediglich auf der formalen Ebene in zeremonieller Form abgehalten (vgl. ebd.). Man gibt sich auf der formalen Ebene veränderungsbereit und adaptiert die gängigen Methoden, während auf der Aktivitätsebene business as usual betrieben wird. Damit wird versucht, „inkonsistente Erfordernisse effektiv zu bewältigen und die Überlebensfähigkeit der Organisation sicherzustellen“ (Hasse/Krücken 2005a, S. 24). Diese Entkopplung ermöglicht den Organisationen, der Außenwelt ihre standardisierte und legitimierende Formalstruktur zu präsentieren, während sie ihre organisationsinternen Aktivitäten gleichwohl nach ihren jeweiligen praktischen Erfordernissen ausrichten. Organisationen innerhalb eines Feldes erscheinen infolgedessen sehr ähnlich in ihrer Formalstruktur, obwohl sich ihre internen Abläufe hinreichend voneinander unterscheiden können (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 357).

Tritt der Fall ein, dass Organisationen beispielsweise zwei oder mehr institutionalisierte, aber untereinander konkurrierende Managementsysteme implementiert[50] haben, kann die fortschreitende Übernahme institutionalisierter Strukturelemente auch zu Problemen führen. Die aufgabenbedingten Anforderungen an implementierte Strukturen können mit anderen in Konflikt treten. Nach den Ausführungen der Autoren Meyer und Rowan lösen Organisationen dieses Problem dadurch, dass sie die institutionalisierten Artefakte untereinander und von den formal-technischen Aktivitäten der Organisation trennen (vgl. Meyer/Rowan 1977, S. 357). Nutzen Organisationen mehrere (sich widersprechende) Managementmethoden - bspw. Lean-Management einerseits und ein ISO 9000 System andererseits - können auf der Aktivitätsebene Konflikte entstehen[51]. Durch eine symbolische Verwirklichung beider Managementsysteme können intraorganisationale Konflikte, bei gleichzeitiger Erfüllung gesellschaftlicher Erwartungen, neutralisiert werden (vgl. ebd.). Organisationen signalisieren ihrer Umwelt, den aktuellen Trends rationalen Wirtschaftens zu folgen und erzielen durch ihre nach Außen präsentierte Fassade Legitimitätssteigerungen.

2.3.7 Phasen der Institutionalisierung

Der sozilogische Neo-Institutionalismus wird häufig mit dem kritischen Vorwurf konfrontiert, ihm gelänge es nicht, Institutionalisierungsprozesse erklären zu können. Basierend aus wissenssoziologischen Arbeiten entwerfen Tolbert und Zucker (1999) im Rahmen ihrer mikroinstitutionalistischen Arbeiten ein dreistufiges und sequentielles Konzept zur Erklärung von institutionellen Wandlungsmechanismen durch Institutionalisierungs- und Deinstitutionalisierungsprozesse. Sie unterscheiden die drei Phasen: Habitualisierung, Objektivierung und Sedimentation (vgl. Süß 2009, S. 192). Den Ausgangspunkt zur Veränderung einer institutionellen Ordnung sehen die Autorinnen in der organisationalen Wahrnehmung eines Problems. Aufgrund technologischer Veränderungen, der Verschiebung von Marktgegebenheiten oder Änderungen der gesetzlichen Rahmenbedingungen reagieren Organisationen mit der Entwicklung erster Lösungen in Gestalt von innovativen organisationalen Praktiken und/ oder Strukturen (vgl. Walgenbach/Meyer, R. 2008, S. 90).

In der Phase der Habitualisierung entwickeln Organisationen bestimmte strukturelle Formen als Antwort auf spezifische Problemstellungen oder übernehmen Formalstrukturen anderer Organisationen, die sich in einer vergleichbaren Lage/Situation befinden. Diese Habitualisierungsprozesse werden von den Autorinnen der Phase der „pre-institutionalization“ zugeordnet. Isomorphie durch Imitation, wie von Meyer/Rowan beschrieben, wird lediglich als eine mögliche Folge dieser Lösungssuche angesehen, da noch kein genereller Konsens über den Nutzen dieser Innovationen herrscht (vgl. Tolbert/Zucker 1999, S.175; Millonig 2002, S. 42).

Die zunehmende Verbreitung und Diffusion dieser Strukturen im organisationalen Umfeld ist charakteristisch für die semi-institutionelle Phase der Objektivierung. Durch die direkte Beobachtung von Mitbewerbern herrscht unter den Akteuren zunehmend Konsens darüber, dass bestimmte Prozesse vorteilhaft für die Organisation sind, weshalb diese imitiert und schließlich integriert werden (vgl. Millonig 2002, S. 43). Daraus folgt, dass Entscheidungsträger eher dazu tendieren, Strukturen zu imitieren, die bereits Anwendung in vielen Organisationen finden (dort bereits erfolgreich getestet wurden), um auf der Basis dieser Annahmen Unsicherheit und Kosten reduzieren zu können[52]. Wird ein Set von Organisationen identifiziert, die ein definiertes Problem mit dem Einsatz positiv getesteter Strukturen erfolgreich bekämpfen, werden ebendiese Strukturen zunehmend mit kognitiver und normativer Legitimität versehen[53]. Beispiele für diese Strukturen sind Qualitätszirkel, aber auch Sensitivitätstrainingsprogramme und unternehmensinterne Beratungsinstanzen (vgl. Tolbert/Zucker 1999, S. 176ff).

Konzepte, Methoden und Strukturen, die als vollständig institutionalisiert gelten, haben die Phase der Sedimentation erreicht. Tolbert und Zucker charakterisieren Sedimentation durch zwei Eigenschaften: Eine nahezu vollständige Verbreitung bei potentiellen „Adoptierern“ der Strukturen und dem dauerhaften „Überleben“ der Prozesse über einen längeren Zeitraum (vgl. ebd. S. 178). „Thus, it implies both "width" and "depth" dimensions of structures“ (Eisenhardt 1988 nach Tolbert/Zucker 1999, S. 178).[54]

[...]


[1] Siehe u.a. Hannan/Freeman 1989: Organizations and Social Structure. In: Organizational Ecology, Cambridge S. 3-27.

[2] Dies zeigt sich auch darin, dass der Neo-Institutionalismus der mit Abstand am meisten verwendete theoretische Ansatz von an der renommierten amerikanischen „Academy of Management“ eingereichter Arbeiten des Jahres 2005 darstellt (vgl. Hasse/Krücken 2008, S. 237).

[3] Unter dem Dach der Rational Choice Theorie werden verschiedene Ansätze der Sozial- und Wirtschaftswissenschaften subsumiert. Handelnden Subjekten/ Akteuren wird dabei rationales Verhalten unterstellt. Gemäß ihrer persönlichen Präferenzen handeln diese nutzenmaximierend. Siehe hierzu u.a.: Esser, Hartmut / Coleman, James S.

[4] Der Open Systems View ist eine (organisations-)soziologische Sichtweise, nach der Organisationen, ihre Strukturen, ihre Erfolge, ihre Praktiken und Routinen nur dann adäquat erklärt werden können, wenn sie im Kontext ihrer organisationalen Umwelt betrachtet werden (vgl. Preisendörfer, Peter 2008: Organisationssoziologie).

[5] Siehe Selznick (1949), Gouldner (1954) oder Dalton (1959)

[6] Weiter zur Unterscheidung zwischen Neuem und Altem Institutionalismus siehe: DiMaggio/Powell 1991, Walgenbach/ Meyer 2008).

[7] ^Übersetzt nach König, René 1976: Die Regeln der soziologischen Methode: Eingeleitet und herausgegeben von René König, Darmstadt und Neuwied: 1976, S.100.

[8] Während Lachmann in einer wirtschaftlichen Explikation von Institutionen als „sociological counterpart of the theory of competition in economics“ (Lachmann 1971 nach Jepperson 1991, S. 68) spricht, verstehen Nee/ Ingram Institutionen als „a web of interrelated norms - formal and informal - governing social relationships“ (Nee/ Ingram 1998, S. 19). In der deutschsprachigen soziologischen Literatur interpretiert Esser Institutionen als „Erwartungen über die Einhaltung bestimmter Regeln, die verbindliche Geltung beanspruchen“ (Esser 2000, S. 2). Allerdings weist er darauf hin, dass jeder Begriff letztlich nur eine Vereinbarung ist, deren Fruchtbarkeit sich erst bei der Arbeit mit dem Begriff selbst zeigt (vgl. ebd.).

[9] Bei sozialen Tatbeständen handle es sich um eine Form des sozialen Zwanges, der von Gewohnheiten, sozialen Überzeugungen und Bräuchen ausgeht und von außen auf die Individuen einwirkt. Es ist entscheidend, dass mehrere Individuen ihre Tätigkeiten vereinigt haben und aus dieser Verbindung eine neues Produkt entsteht, welches außerhalb des individuellen Bewusstseins gewisse Arten des Handelns und Urteilens auslöst und fixiert (vgl. Durkheim 1950 [1895], S. 99f).

[10] Siehe Durkheim 1984 [1895]: Die Regeln der soziologischen Methode. „Ein soziologischer Tatbestand ist jede mehr oder minder festgelegte Art des Handelns, die die Fähigkeit besitzt, auf den Einzelnen einen äußeren Zwang auszuüben; oder auch, die im Bereich einer gegebenen Gesellschaft allgemein auftritt, wobei sie ein von ihren individuellen Äußerungen unabhängiges Eigenleben besitzt“ (Durkheim 1984, S. 114).

[11] Siehe hierzu Scott 1995: Institutions and Organizations, S. 34ff. „The object is not so much to achieve a consensus as to understand what the fighting is about“ (Scott 1995, S. 33).

[12] Diese relativ offene Auslegung von Institutionen ist den meisten Neo-Institutionalisten gemein. Sie wurde jedoch häufig als Ansatz zur Kritik verwendet, der Institutionenbegriff im Neo- institutionalistischen Sinne könne einen Hang zur Beliebigkeit nicht verleugnen. Diese Offenheit lässt sich aber auch als Vorteil werten. Die vielseitige Anwendbarkeit des Ansatzes eröffnet und eröffnete wissenschaftlichen Forschungen ein breites Spektrum an untersuchbaren gesellschaftlichen Phänomenen (vgl. ebd.).

[13] Vereinfacht lässt sich wie folgt zwischen Effektivität und Effizienz unterscheiden: Effectivity: Doing the right things; Efficiency: Doing things right.

[14] Definition von Effizienz nach ISO 9000:2005: „Verhältnis zwischen dem erzielten Ergebnis und den eingesetzten Mitteln“ (ISO 9000:2005, Nr. 3.2.15, nach http://www.olev.de/e7effekt.htm, 24.12.09)

[15] Eine genaue Erläuterung des Legitimitätsbegriffs folgt in Kapitel 2.3.2.

[16] Zum Begriff der Einbettung (embeddedness) siehe auch Grano vetter, Mark, 1985: Ökonomisches Handeln und soziale Struktur: Das Problem der Einbettung.

[17] John W. Meyer ist amerikanischer Soziologe und emeritierter Professor des Departments of Sociology an der Stanford University. Sein besonderes Forschungsinteresse gilt der weltweiten Verbreitung moderner Institutionen. Er ist maßgeblicher Entwickler der Theorie des soziologischen Neo- Institutionalismus (vgl. http://iis-db.stanford.edu/staff/2169/John_Meyer-CV.pdf, 26.06.2009).

[18] Paul J. DiMaggio ist seit 1992 Professor für Soziologie an der Princeton University. Sein Forschungsschwerpunkt liegt u.a. in der Organisationstheorie und -analyse. Aktuell arbeitet er an soziologischen Implikationen für neuere digitale Techniken (vgl. http://www.princeton.edu/~artspol/ pd_prof.html, 26.06.2009).

[19] Walter W. Powell ist Professor für Erziehungswissenschaften, Soziologie, Managementforschung und Kommunikation an der Stanford University. Sein Forschungsinteresse betrifft Institutionen, Netzwerkforschung und „Economic Sociology“ (vgl. http://www.stanford.edu/group/song/ woody_index.html, 26.06.2009)

[20] Unter Legitimität versteht Max Weber den Nachweis der Herrschenden, dass sie die geforderten Bedingungen rechtmäßiger Herrschaft erfüllen. Somit ist Herrschaft eine legitime Form der Macht. Siehe Weber, Max 1972: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage, Tübingen (1.Auflage 1922), S. 642-649.

[21] Siehe Weber, Max 1980: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage, Tübingen (1.Auflage 1922), S. 551­579); Preisendörfer, Peter 2005: Organisationssoziologie S. 97-101. Der Bürokratieansatz zählt zu den klassischen Modellen der Organisationstheorien.

[22] „Der reinste Typus legaler Herrschaft ist diejenige mittels bürokratischen Verwaltungsstabs“ (Weber 1980, S. 126).

[23] Rationalitätsmythen sind Mythen in dem Sinne, dass deren Wirksamkeit von einem verbreiteten

Glauben an sie abhängt: Das heißt, sie umschreiben Regeln und Annahmen, deren Tauglichkeit für die Zielerfüllung bestimmter Probleme gemein hin als plausibel und wirksam angesehen werden (vgl. Kieser/Walgenbach 2004, S.46f).

[24] Siehe Kapitel 2.3.6.

[25] Griechisch für Gleichförmigkeit (isös = gleich; morphë = Form, Gestalt).

[26] Siehe Kapitel 2.3.4.

[27] Siehe Kapitel 2.3.5.

[28] Um das Bild der neo-institutionalistischer Meilensteine zu komplettieren, sei hier der mikroinstitutionalistischen Aufsatz der Soziologin Lynne G. Zucker „The role of institutionalization in cultural persistence“ (1977) erwähnt. Da für die vorliegende Arbeit vergleichsweise wenige Elemente ihrer Argumentation entliehen sind, soll an dieser Stelle auf eine tiefgründigere Analyse ihres Werkes verzichtet werden. Einen guten Einblick in diesen Theorieansatz geben Hasse/Krücken (2005a) sowie Walgenbach (2008).

[29] Bei Suchman (1995) heißt es: „Drawing from the foundational work of Weber (1978) and Parsons (1960), researchers have made legitimacy into an anchor-point of a vastly expanded theoretical apparatus addressing the normative and cognitive forces that constrain, construct, and empower organizational actors (Suchman 1995, S. 571; Hervorhebungen nicht im Original).

[30] Suchman (1995) verweist darauf, dass Legitimität nicht nur bestimmt, wie die Gesellschaft bezüglich der Organisation handelt, sondern auch wie sie wahrgenommen/ verstanden wird. Dafür verantwortlich sieht er zwei Auswirkungen von Legitimität: Kontinuität und Glaubwürdigkeit. In Anlehnung an Parsons (1960) führt Legitimität einerseits zu einer ausgeprägten Persistenz, „because audiences are most likely to supply resources to organizations that appear desirable, proper, or appropriate” (Suchman 1995, S. 574) und andererseits werden legtimierte Organisation als „more meaningful, more predictable, and more trustworthy” wahrgenommen (ebd.). Suchman weiter: “Because the actions that enhance persistence are not always identical to those that enhance meaning, it is important to keep these two dimensions of legitimacy conceptually distinct” (ebd.).

[31] Siehe hierzu auch Kapitel 5 und 6.

[32] Als Assessment Center werden Gruppenauswahlverfahren innerhalb moderner

Personalrekrutierungsmethoden bezeichnet. Siehe hierzu etwa: Püttjer/ Schnierda 2008: Assessment Center. 2. Auflage, Frankfurt: Campus.

[33] Siehe hierzu auch: Freeman, John/Carroll, Glenn R./Hannan, Michael T. 1983: The Liability of Newness: Age Dependence in Organizational Death Rates. In: American Sociological Review, Vol. 48, No. 5, pp. 692-710.

[34] Siehe Weber, Max 1972 [1922]: Wirtschaft und Gesellschaft. 5. Auflage, Tübingen.

[35] Bspw. Lean-Management, Total Quality Management, Balanced Score Card und Management-By- Konzepte. Siehe hierzu u.a. Süß 2009, S. 188ff.

[36] Siehe Kapitel 2.1 und weiterführend u.a. Scott 1986, S. 149ff.

[37] In Anlehnung an Herbert Spencers Evolutionstheoretische Formulierung „Survival of the fittest“, nach dem nur die am besten Angepassten überleben. Siehe Spencer, Herbert 1864: Principles of Biology.

[38] Siehe hierzu auch Hasse/Krücken 2005, S. 33ff.

[39] Technische und Institutionelle Umwelten. Eigene Darstellung in Anlehnung an Scott 1998, S.138: Technical and institutional Controls, with Illustrative Organizations.

[40] Siehe hierzu auch: Tolbert, Pamela S./Zucker, Lynne 1983: Institutional sources of change in the formal structure of organizations: The diffusion of civil service reform, 1880 - 1936. In: ASQ 28, S. 22-39. Die Autorinnen erarbeiten in diesem Paper, dass sowohl institutionalistische als auch rationale Motive für Organisationen handlungsleitend wirken. Diese Studie ist ein Beleg dafür, dass neo-institutionalistische Forschungen häufig mit anderen Theorieansätzen kombiniert werden.

[41] Ähnliche Konzepte verbergen sich hinter Hirsches (1985) „industry systems“ sowie Scott und Meyer's (1991) Definition von „societal sectors“. Letzteres Konzept wird von seinen Autoren deutlich umfangreicher behandelt, als dies DiMaggio/Powell mit ihren „organizational fields“ tun. Meyer und Scott geht es vorrangig darum, bedeutsame Eigenschaften von Sektoren zu identifizieren, welche sie mit Anzahl, Vielfalt und Struktur von Organisationen innerhalb eines Sektors in Zusammenhang bringen (vgl. 2006, S. 123).

[42] Hier sei auf einen Querbezug zu institutionenökonomischen Theorien hingewiesen, insbesondere des Tranksaktionskostenansatzes. Das durch isomorphe Prozesse homogenisierte organisational Feld einer Unternehmung verringert das zentrale Konstrukt dieser Theorie, die Transaktionskosten. Ähneln sich zwei Organisationen in ihren Prozeduren und Strukturen, lässt sich das Handeln des Transaktionspartners exakter abschätzen und reduziert dadurch Komplexität und Unsicherheit der Transaktion. Das beweist die eingangs erwähnte Tauglichkeit, den Neo-Institutionalismus mit anderen Organisationstheorien verknüpfen zu können. Siehe hierzu bspw.: Ebers/Gotsch 2002: Institutionenökonomische Theorien der Organisation. In: Kieser, Alfred [Hrsg.] 2002: Organisationstheorien, 5. Aufl., Stuttgart: Kohlhammer.

[43] Siehe hierzu Kapitel 6.

[44] Exemplarisch können an dieser Stelle das Steuerrecht, welches die Buchführung eines Unternehmens determiniert, oder das Haftungsrecht, welches einen adäquaten Versicherungsschutz für Mitarbeiter erfordert, aufgeführt werden (vgl. Walgenbach 2008, S. 35).

[45] http://www.drk-rettungsdienst-rheinhessen-nahe.de/rettungsdienst/Qualitaet/index.html (10.09.2009).

[46] In der vorliegenden Arbeit werden Unternehmen und Organisation - falls nicht explizit unterschieden - synonym verwendet. Die Unternehmensorganisation wird, so Müller- Jentsch (2003b), häufig als Referenzmodell für Organisationen schlechthin genutzt und ist damit „der bevorzugte Prototyp vieler organisationssoziologischer Analysen (Müller- Jentsch 2003b, S. 72). Eine weiterführende Unterscheidung in Organisationen einerseits und Unternehmen als „monolithisches Entscheidungs- und Steuerungszentrum“ (ebd.) mit ihren inhärenten Betrieben als Orte der technischen Leistungserfüllung, ist für diese Arbeit nicht zweckmäßig.

[47] DiMaggio und Powell (1983) schildern in ihrem Aufsatz das Beispiel einer metropolitanen Fernsehstation, welche auf die Empfehlung einer namhaften Beratungsagentur ihr Organisationsdesign von einer funktionalen in eine multidivisionale Unternehmensstruktur transformierten. Auch wenn dies zu redundanten Funktionen führte und die Verantwortlichen generell skeptisch dem Modell gegenüber standen, mündete die Reorganisation in einer einschneidenden Wahrnehmungsveränderung des Fernsehsenders seitens der Akteure im organisationalen Feld. Diese resümieren: „[The] sleepy nonprofit station was becoming more business-minded“ (vgl. DiMaggio/Powell 1983, S. 152).

[48] Siehe hierzu: Fiedler, Rudolf 2007: Organisation Kompakt, München: Oldenbourg.

[49] Zwecks Konformität zu vorherrschenden Rationalitätsmythen der Akteure des eigenen organisationalen Feldes.

[50] Unternehmen bewegen sich gleichzeitig in mehreren Umwelten, die jeweils eigene Handlungserwartungen an die Organisation stellen. Insofern müssen unterschiedliche Rationalitätsmythen bedient werden, um den Legitimitätszuspruch sicherzustellen. Siehe weiter zur Umwelt der Organisation Kapitel 2.3.3.

[51] Während das Konzept der Schlanken Produktion (Lean-Managament) einen Abbau umfangreicher Bürokratieverhältnisse fordert, geht mit der Einführung eines ISO Systems eine breite Dokumentation des QMS einher. Siehe hierzu auch: Walgenbach/ Meyer 2008: Neoinstitutionalistische Organisationstheorie, S. 29. Eine gute Einführung zum Thema Lean-Management findet sich bei Ohno (1993): Das Toyota Produktionssystem, Frankfurt: Campus.

[52] Diese Argumentation von Tolbert und Zucker ist äquivalent zu ökonomischen Konzepten, wie sie bspw. auf Banarjee (1992) oder Bikchandani (1992) zurück gehen.

[53] Zu Gestalt und Definition unterschiedlicher Legitimitätstypen siehe Suchman 1995.

[54] Den Argumentationen von Tolbert und Zucker liegt die Annahme zugrunde, dass Organisationen selbst die Wiege neuer institutionalisierter Strukturelemente und Managementmethoden sind. In frühen Institutionalisierungsphasen werden einzelne Elemente und Methoden einer kritischen Evaluation und starken Modifikationen unterzogen und teilweise dem Risiko der vollständigen Rückweisung ausgesetzt (vgl. Walgenbach 2008, S. 90; Siehe auch Zucker 1983; Tolbert/Zucker 1983).

Ende der Leseprobe aus 141 Seiten

Details

Titel
ISO 9000 im Gesundheitswesen
Untertitel
Kritische Würdigung eines betriebswirtschaftlichen Steuerungsinstruments aus Sicht des soziologischen Neo-Institutionalismus
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2010
Seiten
141
Katalognummer
V187781
ISBN (eBook)
9783656113799
ISBN (Buch)
9783656113102
Dateigröße
1066 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Die Interviews wurden vor der Veröffentlichung entfernt.
Schlagworte
Qualität, Qualitätsmanagement, Institution, Institutionalismus, Industrialisierung, Ökonomie, Ökonomisierung, Gesundheit, Gesundheitswesen, GEsellschaft, Strategie, Isomorphie, Wirtschaft, Steuerung, Sozilogie, Soziologisch, Neo, Branche, Druck, Demographie, Investitionsstau, Krankenhaus, ISO, KTQ, QEP, EFQM, Patient, Erwartung, Zertifikat, Zertifizierung, TÜV
Arbeit zitieren
Stefan Schad (Autor), 2010, ISO 9000 im Gesundheitswesen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187781

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