Die Rolle der Russischen Föderation im Georgienkrieg 2008: Friedensstifter oder Scharfmacher?


Hausarbeit, 2009
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Grundlegende Erläuterungen
2.1 Der Staat Georgien
2.2 Die Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und Georgien vor dem Krieg 2008

3 Der Georgienkrieg 2008
3.1 Kurzer Abriss des Krieges
3.2 Perzeption der Russischen Föderation während des Krieges
3.2.1 Durch die Russische Föderation selbst
3.2.2 Durch Georgien
3.2.3 Durch westliche Akteure

4 Friedensstifter oder Scharfmacher?
4.1 Russische Aktionen nach dem offiziellen Kriegsende
4.2 Die Begründungen für die russische Intervention
4.2.1 Beschuss russischer Truppen
4.2.2 Angriff auf russische Bürger

5 Abschließende Bewertung

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Georgiens Unterwerfung ist Russlands imperialer Rückfall” (www1).

Mit diesen eindeutigen Worten begann Josef Joffe, Redakteur der Wochenzeitung Die Zeit, seinen Kommentar aus dem Jahre 2008. In diesem macht er keinen Hehl daraus, wen er für den eigentlichen Verantwortlichen des Kaukasuskrieges im August 2008 hält. So schreibt Joffe nur einige Zeilen später: „Die Ursache dieses Krieges, des ersten >>richtigen<< im >>größeren Europa<< seit 1945, heißt Russland“ (www1).

Die Reaktionen auf diesen Artikel sowie die anhaltende Diskussion in Politik und Wissenschaft machen deutlich, dass sich eine eindeutige Bewertung der russischen Kriegshandlungen in Georgien als äußerst schwierig darstellt. Während manche, wie Josef Joffe und andere pro-georgische Kommentatoren, die Russische Föderation als Kriegstreiber betrachten, die maßgeblich zur Eskalation des Kaukasuskonflikts beigetragen hat, sehen andere, darunter naturgemäß pro-russische Kommentatoren sowie die russische politische Führung selbst, die russische Beteiligung deutlich positiver. Diese bewerten die russische Kriegsbeteiligung als friedensschaffender Akt (vgl. Mitchell 2009: 97).

Ziel der Hausarbeit wird es sein, Klarheit in diese Angelegenheit zu bringen. Daher wird dieser Ausarbeitung folgende Fragestellung zu Grunde liegen:

Die Rolle der Russischen Föderation im Georgienkrieg 2008-

Friedensstifter oder Scharfmacher?

Um sich der Forschungsfrage angemessen nähern zu können, wird diese Hausarbeit in mehrere Einzelkapitel untergegliedert sein. Nach der Einleitung werden im zweiten Kapitel grundlegende Erläuterungen stattfinden, um in den Themenkomplex einzuführen. Als maßgeblicher Handlungsort wird der Staat Georgien in aller Kürze vorgestellt werden. Im Anschluss erfolgt eine kurze Zusammenfassung der Beziehungen zwischen Georgien und der Russischen Föderation vor dem Georgeinkrieg 2008.

Das dritte Kapitel befasst sich mit dem Krieg 2008. Der Konflikt und sein Verlauf werden im ersten Abschnitt skizziert werden. Im Folgeabschnitt soll auf die unterschiedliche Perzeption der russischen Intervention eingegangen werden. Wie wurde die Kriegsbeteiligung durch Georgien, Russland sowie westliche Akteure bewertet?

Um die zu Grunde liegende Forschungsfrage zu klären, müssen auch die politisch kontrovers diskutierten russischen Militäraktionen auf georgischem Gebiet im Anschluss an das offizielle Kriegsende betrachtet werden. Diese wird im vierten Kapitel erfolgen. Nachdem diese Aktionen kurz dargestellt wurden, werden exemplarisch zwei Begründungen für die russische Intervention untersucht werden.

Im abschließenden fünften Kapitel werden die bisherigen Ergebnisse dieser Hausarbeit noch einmal zusammengefasst, die Forschungsfrage beantwort sowie ein persönliches Fazit gezogen. Auch werden mögliche Forschungsleitfragen für die Zukunft aufgeworfen.

2 Begriffsdefinitionen

Bevor sich mit dem übergeordneten Forschungsfrage, der Rolle der Russischen Föderation während des Krieges im Kaukasus 2008, beschäftigt werden kann, sollen zu Beginn einige für diese Arbeit relevante Grundlagen geschaffen bzw. für den interessierten Kenner erneut ins Gedächtnis gerufen werden. Im Folgenden wird der Staat Georgien als Handlungsort des Krieges 2008 holzschnittartig dargestellt werden. Dabei geht es weniger um den Aufbau des politischen Systems, sondern eher um die internen Probleme, die zum Kriegsausbruch 2008 beigetragen haben. In einem weiteren Abschnitt sollen die schwierigen Beziehungen zu der Russischen Föderation seit der georgischen Unabhängigkeit zusammengefasst werden. Auf eine dezidierte Darstellung Russlands wird aufgrund der allgemeinen Bekanntheit dieses Staats verzichtet werden.

2.1 Der Staat Georgien

Der sich im Kaukasus befindliche Staat Georgien, in der Landessprache als Sakartwelo, bezeichnet, besitzt auf einer Fläche von 69.700 qkm rund 4,3 Millionen Einwohner. Hauptstadt Georgiens ist Tiflis, auf georgisch als Tbilissi bezeichnet (vgl. www2).

Die Geschichte Georgiens ist ebenso bewegt wie komplex. Sie soll daher nur kurz dargestellt werden. Schon von 1918 bis 1921 existierte nach dem Ende des Russischen Zarenreichs ein Staat Georgien (vgl. Vashakmadze 2008: 25ff), der schließlich im März 1921 von der UdSSR annektiert und zur Sowjetrepublik erklärt wurde (vgl. Luchterhandt 2008: 439). Nach Jahrzehnten der sowjetischen Herrschaft erklärte sich Georgien im Zuge des allmählichen Niedergangs der Sowjetunion im April 1991 einseitig für unabhängig (vgl. Vashakmadze 2008: 34). Politisch schwierige Monate folgten, bis schließlich am 22.12.1991 die Unabhängigkeit durch den offiziellen sowjetischen Zerfall Fakt wurde (vgl. Manutscharjan 2009b: 74ff). Erneut folgten unruhige Zeiten, die bei einigen Wissenschaftlern wie beispielsweise Silke Kleinhanß zu der Einschätzung führten, man habe es bei Georgien mit einem Failed State zu tun (vgl. Kleinhanß 2008). Vor allem der immer wieder aufflammende Konflikt mit den abtrünnigen Provinzen Abchasien und Süd-Ossetien ist dabei von Bedeutung. Beide Provinzen und Bevölkerungsgruppen sehen sich aus historischen Gründen nicht als Teile Georgiens und verweisen immer wieder auf während der Sowjetherrschaft existente Autonomierechte, welche nach der offiziellen georgischen Unabhängigkeit aufgehoben wurden (vgl. Schmidt 2009: 109ff). Die Autonomieaberkennung verstärkte nur noch die Jahrzehnte alten Ängste der Süd-Osseten und Abchasen schon vor wirtschaftlicher Benachteiligung und kultureller Unterdrückung (vgl. ebd.: 6ff). Daher erklärten beide Provinzen ihren Austritt aus dem georgischen Staat, was zu zahlreichen gewaltsamen Konflikten, unter anderem mit Beteiligung Russlands, führte (vgl. Manutscharjan 2009b: 75ff). Diese sind bis heute nicht gelöst worden.

Das heutige politische Georgien entstand am 24. August 1995 mit der Annnahme der neuen Verfassung durch das Parlament (vgl. Kleinhanß 2008: 83). Diese orientiert sich stark am Vorbild der Vereinigten Staaten und weist die bedeutendsten Kompetenzen in der Innen- und Außenpolitik dem Präsidenten Georgiens zu, der alle fünf Jahre gewählt wird (vgl. Manutscharjan 2009b: 90). Seit dem 25. Januar 2004 ist Michail Saakaschwili dritter Präsident des Staates Georgien (vgl. Gruska 2005: 37).

Das georgische Parlament mit seinen 235 Mandaten wird alle vier Jahre neu gewählt (vgl. Manutscharjan: 2009b 91). Der Parlamentspräsident, gegenwärtig David Bakradse, ist dabei gemäß Verfassung der Stellvertreter des Präsidenten (www2).

2.2 Die Beziehungen zwischen der Russischen Föderation und Georgien vor dem Krieg 2008

Alleine schon aus geographischen Gründen ist die Geschichte Georgiens eng mit der Russlands verbunden. An dieser Stelle soll daher die Beziehung zwischen den beiden Staaten seit der georgischen Unabhängigkeit Anfang der 90er Jahre dargestellt werden. Für die Zeit davor genügt es festzuhalten, dass auch in Georgien, wie im gesamten Herrschaftsbereich der UdSSR, eine Sowjetisierung der Völker angestrebt wurde, welche die Georgier jedoch relativ erfolgreich abwehren konnten (vgl. Gruska 2005: 22). Die Beziehungen der Russischen Föderation als Rechtsnachfolgerin der Sowjetunion zu Georgien können dabei durchaus als ambivalent bzw. wechselhaft bezeichnet werden. Prinzipiell wurde und wird der Kaukasus in russischen Denkmustern als Teil der russischen Interessensphäre betrachtet (vgl Gressel 2009: 16). Jedoch besaß die Russische Föderation aufgrund wechselnder Regierungen und politischen Anschauungen nie ein stringentes politisches Konzept für jene Region. Vielmehr schwankte ihr Gebaren oftmals zwischen „demokratischer“ (Manutscharjan 2009c: 181) und „imperialer“ (ebd.: 182) Außenpolitik. Eine Übersicht der wichtigsten politischen Ereignisse zwischen diesen beiden Staaten soll dies belegn.

Direkt nach der georgischen Unabhängigkeit wurde die Frage aktuell, was mit den noch aus Sowjetzeiten im Land stationierten russischen Truppen geschehen sollte, die rasch als Besatzer seitens der georgischen Bevölkerung empfunden wurden (vgl. Vashakmadze 2008: 35). Dieser Eindruck verstärkte sich, als sich die in Georgien stationierten russischen Truppen an die Seite der aufständischen Provinzen im ersten Krieg ab 1992 stellten (vgl. Kleinhanß 2008: 75). Ein anschließender Waffenstillstand wurde mit Hilfe der Russischen Föderation ausgehandelt, die anschließend als Friedenstruppen vor Ort blieben (vgl. Gruska 2005: 29). Dabei war die russische Beteiligung nicht nur Altruismus geschuldet, sondern auch der russischen Angst des Aufflammens von Konflikten im Nordkaukasus, sofern die separatistischen Bewegung in Georgien erfolgreich gewesen wären.

Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten entspannten sich jedoch, als Truppen der russischen Föderation durch die georgische Regierung um Mithilfe bei der Niederschlagung eines durch den Ex-Diktatur Gamsuchurdia Aufstandes gebeten wurden, der die damals nur schwach aufgestellten und ausgebildeten georgischen Truppen nicht selbst Herr werden konnten (vgl. Vashakmadze 2008: 40ff). Die Folge waren eine längerfristige Stationierung russischer Truppen in Georgien, welche weitestgehend begrüßt wurde sowie der Beitritt Georgiens in die Gemeinschaft Unabhängiger Staaten (vgl. Kleinhanß 2008: 75). Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten verbesserten sich, von einer Freundschaft zwischen den Staaten konnten jedoch nicht gesprochen werden. Zu sehr bemühte sich Georgien weiterhin um eine Annäherung an den Westen, insbesondere an die Vereinigten Staaten von Amerika und die NATO.

Die Beziehungen zwischen den beiden Staaten verschlechterten sich nach dem Amtsantritt Michail Saakaschwilis, der die Westbindung forcierte (vgl. Gressel 2009: 15) sowie die erneute territoriale Integrität Georgiens anstrebte. Naturgemäß schreckte diese Entwicklung die Russische Föderation auf, welche eine dauerhafte NATO-Präsenz im Kaukasus und damit ihrem Interessengebiet befürchtete (vgl. Manutscharjan 2009a: 56).. Zusätzlich provozierte Saakaschwili den Nachbarn mit einem offenen anti-russischen Kurs. So wurden 2006 im Land stationierte russische Soldaten verhaftet und medienwirksam als Spione ausgewiesen, was zu Sanktionen der Russischen Föderation führte (vgl. Halbach 2007: 1ff) und Georgien politisch noch mehr in Richtung Westen trieb. Immer stärker nutzte die Russische Föderation, welche sich seit der Präsidentschaft Wladimir Putins mit neuer Stärke präsentierte, die unter ihrem Schutz stehenden Provinzen als Druckmittel, um auf Georgien Einfluss zu nehmen. Gustav C. Gressel sprach hier gar von einem „Faustpfand“ (Gressel 2009: 15). Der endgültige Tiefpunkt zwischen den beiden Staaten war erreicht, als 2008 georgische Drohnen über Abchasien abgeschossen wurden, wofür die georgische Staatsführung offen die russischen Friedenstruppen verantwortlich machte (vgl. Manutscharjan 2009a: 58).

Trotz der starken Komprimierung der vergangenen 20 Jahre sollte deutlich geworden sein, wie stark die Beziehungen zwischen den beiden Staaten schwankten. Aus dem ehemaligen sowjetischen Besatzer war zunächst eine gern gesehen Hilfe geworden und ein Wirtschaftspartner geworden, der schließlich doch wieder als Hindernis auf den Weg zu territorialer Wiedervereinigung und Westbindung gesehen wurde. Von einer wahren kooperativen Partnerschaft zwischen den beiden Staaten konnte bisher seit der georgischen Unabhängigkeit nicht gesprochen werden. Stattdessen existierten, trotz scheinbarer Annäherungen Mitte der 90er Jahre, immer wieder latente Spannungen, die schließlich Anfang des 21. Jahrhunderts offen zu Tage traten. Spannungen, die sich schon bald in einem bewaffneten Konflikt entladen sollten.

3 Der Georgienkrieg 2008

Nachdem im vorherigen Kapitel die Grundlagen für diese Hausarbeit gelegt wurden, wird sich nun im dritten Kapitel dem Georgienkrieg von August 2008 gewidmet werden. Im ersten Abschnitt wird der Kriegsverlauf skizziert werden. Dabei geht es vorrangig um die politischen Vorgänge. Eine Rekapitulation des militärischen Feldzuges inklusive der Gefechte wird nicht stattfinden. Im zweiten Abschnitt wird im Anschluss untersucht werden, wie die Russische Föderation aufgrund ihrer Kriegsbeteiligung von verschiedenen Seiten wahrgenommen wurde. Eine Untersuchung der eigentlichen Kriegsursachen ist nicht Umfang dieser Hausarbeit und wird daher unterbleiben.

3.1 Kurzer Abriss des Krieges

In den Wochen vor dem eigentlichen Krieg kam es immer wieder zu Spannungen zwischen Georgien, seinen abtrünnigen Provinzen sowie den dort stationierten Friedenstruppen, welche sich in Scharmützeln an den Grenzen entlud (vgl. Manutscharjan 2009a: 58). Die Situation drohte schließlich zu eskalieren, als Georgien und Süd-Ossetien als Reaktion hierauf die Teilmobilmachung ihrer Streitkräfte beschlossen (vgl. Gressel 2009: 22). Am 07. August 2008 schien Präsident Saakaschwilli jedoch einzulenken und verkündete einen einseitigen Waffenstillstand, an welchen sich sein Land tatsächlich einige Stunden lang hielt (vgl. Plate 2008: 19). Zudem war ein russischer Vermittler in die Region unterwegs, der zur Entspannung der Lage zwischen den Konfliktparteien beitragen und am Folgetag eintreffen sollte (vgl. Gressel 2009: 22). Dieser bekam jedoch keine Gelegenheit, seine Arbeit aufnehmen, denn völlig überraschend rückten am 08. August 2008 georgische Truppen in die süd-ossetische Hauptstadt Zchinwali ein und besetzten diese (vgl. Brzoska et al. 2008: 3). Noch am Mittag des gleichen Tages griff die Russische Föderation mittels Kampfflugzeugen und der 58. Armee, welche den Roki-Tunnel passierte und damit in Süd-Ossetien anlandete, in den Krieg ein (vgl. ebd.: 4). Unter der geballten Übermacht der russischen Streitkräfte brach die georgische Offensive schon am darauf folgenden Tag des 09. August zusammen. Am 10. August 2008 musste sich Georgien schließlich wieder aus süd-ossetischem Territorium zurückziehen und rief eine einseitige Waffenruhe aus, welche jedoch kein Gehör bei den russischen Kontrahenten fand (vgl. Gressel 2009: 24). Nicht nur verhängte die Russische Föderation eine Seeblockade, auch sah die zweite abtrünnige Abchasien ihre Chance gekommen und eröffnete mit ihrem Kriegseintritt eine zweite Front im Westen. Abchasien nutzte den Vorstoß der russischen Streitkräfte auf georgisches Gebiet ab dem 11. August und begann seinerseits mit einem eigenen Feldzug im Kodori-Tal (vgl. ebd.: 27). Hierbei handelte es sich unter das letzte noch verbliebene abchasische Gebiet, welches sich noch unter Kontrolle der georgischen Zentralregierung befand (vgl. Kleinhanß 2008: 29). Erst nach bedeutenden Geländegewinnen auf georgischem Gebiet erklärte sich die Russische Föderation am 12. August ebenfalls zu einer Waffenruhe bereit (vgl. Gressel 2009: 31ff). Abchasien selbst akzeptierte diese nicht und bezwang schließlich am Folgetag des 13. August die georgischen Truppen im Kodori-Tal (vgl. ebd.: 33). Erst am 15. und 16. August unterzeichneten die Kriegsparteien einen von der Europäischen Union vermittelten „Sechs-Punkte-Plan“. Die Kampfhandlungen waren damit endgültig beendet (vgl. Brzoska et al. 2008: 5).

Es lässt sich generell festhalten, dass während des gesamten Kriegsverlaufes die Faktenlage relativ unklar gewesen ist. Dies wurde durch alle Seiten für propagandistische Zwecke missbraucht. Erst der knapp ein Jahr später veröffentlichte Bericht einer Untersuchungskommission durch die Europäische Union konnte ein relativ eindeutiges Bild des Georgienkrieges 2008 zeichnen (vgl. www3).

3.2 Perzeption der Russischen Föderation während des Krieges

Auch dieser jüngste auf dem europäischen Kontinent ausgetragene Krieg hat deutlich gemacht, dass politische Propaganda immer noch genutzt wird, um sich selbst sowie die eigenen Aktionen in das rechte Licht zu rücken. Interessant wird dies vor allem bei der Betrachtung der Involvierung der politischen mächtigsten Macht in diesem Kaukasuskrieg, der Russischen Föderation. Eine Betrachtung der russischen Selbstwahrnehmung, der Wahrnehmung durch ihren Kriegsgegner Georgien sowie durch westliche Akteure, namentlich die Europäische Union sowie die Vereinigten Staaten von Amerika, wird deutlich machen, wie sehr das russische Bild in der politischen Öffentlichkeit divergierte und damit auch zu unterschiedlichen Bewertungen der Kriegsbeteiligung beitrug.

3.2.1 Durch die Russische Föderation selbst

Die Russische Föderation bemühte sich, sich rasch als Retter der Not leidenden süd-ossetischen Bevölkerung zu generieren. Noch während der Eröffnungszeremonie für die Olympischen Spiele, bei der er weilte, kündigte Ministerpräsident Wladimir Putin Vergeltung für die mehreren hundert Toten an. Auch Staatspräsident Medwedew prangerte einen drohenden Völkermord in Zchinwali durch die georgischen Besatzer an (vgl. Brzoska et al. 2008: 4). Noch in der gleichen Nacht lieferte er zudem eine weitere Begründung für einen Kriegseintritt seines Landes:

„The situation reached the point where Georgian peacekeepers opened fire on the Russian peacekeepers with whom they are supposed to work together to carry out their mission of maintaining peace in this region. Civilians, women, children and old people, are dying today in South Ossetia, and the majority of them are citizens of the Russian Federation” (www4).

Aus diesem Zitat wird deutlich, dass die russische Führung ihre Kriegsbeteiligung als legitimen Schutz ihrer eigenen Staatsbürger verstand. Schnell wurden mehr als 1.500 Tote nach dem ersten Kriegstag durch die Russische Föderation gezählt; eine Zahl, welche jedoch später nach unten korrigiert werden musste (vgl. Brzoska et al. 2008: 4). In seiner Rhetorik blieb der russische Präsident dennoch weiterhin scharf und bezeichnete in einem Gespräch mit dem US-amerikanischen Präsidenten am 09. August die georgische Aggression als „barbarisch“ (www5). Schon während des Krieges versuchte die russische Staatsführung immer wieder Parallelen zur Situation des Kosovo 1999 herzustellen; eine Rhetorik, die nach dem Kriegsende sogar noch intensiviert wurde. Auch im weiteren Kriegsverlauf blieb für die russische Führung die Schuldfrage eindeutig. Man machte sie am georgischen Präsidenten Saakaschwilli fest (vgl. Gressel 2009: 24) und bekräftigte den eigenen Willen „to force Georgia to peaace“ (Kropatcheva 2009: 45). Überhaupt sei dieser Krieg eine Zeitenwende für die russische Föderation gewesen, so Präsident Medwedew, und verglich ihre Wirkung mit der veränderten Weltlage nach den Anschlägen vom 11.09.2001 (vgl. Clement 2008: 15). Auch die russischen Staatsmedien wurden aktiv zur Verbreitung der eigenen Sichtweise genutzt. Angebliche Tatsachenberichte sollten bei der eigenen Bevölkerung für Unterstützung sorgen. So berichtete auch die Zeitung Russia Today von einem angeblichen Genozid durch die georgischen Streitkräfte (vgl. www6), welcher sich später als unwahr herausstellte (vgl. Luchterhandt 2008: 470ff).

Es bleibt festzuhalten, dass sich die Russische Föderation, wenig überraschend, als Friedensstifter verstand und auch präsentierte

3.2.2 Durch Georgien

In der Außenkommunikation Georgiens wurde der eigentliche Kriegsverursacher erstaunlich schnell ausgetauscht. Während in den ersten Stunden des 08. August Präsident Michail Saakaschwilli öffentlich erklärte, der georgische Einmarsch sei eine Reaktion auf den Beschuss durch süd-ossetische Separatisten gewesen (vgl. Luchterhandt 2008: 454ff), so wurde nur kurze Zeit später behauptet, man sei vielmehr einem russischen Erstangriff zuvorgekommen und bemühte sich zu belegen, dass sich noch vor dem georgischen Erstschlag schon russische Armeeverbände im die beiden Staaten verbindenden Roki-Tunnel im Anmarsch befanden (vgl. ebd.: 455). Unter dem russischen Druck weitete sich der Krieg aus. Nach ersten georgischen Niederlagen bezeichnete der georgische Präsident am Folgetag den gesamten Krieg als „Wahnsinn“ (www7) und bat erstmals öffentlich um einen Waffenstillstand bzw. rief eine einseitige Waffenruhe aus (vgl. Gressel 2009: 24). Je stärker die georgischen Streitkräfte auf eigenes Territorium zurückgedrängt wurden, desto deutlicher versuchte sich Georgien als Opfer russischer Aggression darzustellen. Unter anderem wurde von russischen Säuberungen gesprochen, die angeblich unter der georgischen Zivilbevölkerung vorgenommen wurden (vgl. Kropatcheva 2009: 46). Auch am 11. August verschärften sich die georgischen Vorwürfe gegenüber der Russischen Föderation weiter. Präsident Saakaschwilli erklärte unverblümt, „Russland will Georgien zerstören“ (www8) und bat den Sicherheitsrat der Vereinten Nationen um Hilfe bei der Konfliktregelung.

Angesichts dieser knappen Übersicht an georgischen Aussagen besteht kein Zweifel daran, dass Georgien die Russische Föderation als maßgeblichen Kriegstreiber und Scharfmacher betrachtete oder sie zumindest als solche darzustellen versuchte. Interessant und erwähnenswert ist in diesem Zusammenhang die Website SOS Georgia, die für sich in Anspruch nimmt, die ungefilterte Wahrheit verbreiten zu wollen und dabei sich dennoch eindeutig bemüht, Georgien als das eigentliche Opfer in diesem Krieg darzustellen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Rolle der Russischen Föderation im Georgienkrieg 2008: Friedensstifter oder Scharfmacher?
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Note
2,0
Autor
Jahr
2009
Seiten
21
Katalognummer
V187797
ISBN (eBook)
9783656115342
ISBN (Buch)
9783656116936
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
rolle, russischen, föderation, georgienkrieg, friedensstifter, scharfmacher
Arbeit zitieren
Master of Arts Nadir Attar (Autor), 2009, Die Rolle der Russischen Föderation im Georgienkrieg 2008: Friedensstifter oder Scharfmacher?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187797

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