Fremd- oder Selbstkontrolle? Selbstregulierung in der Werbewirtschaft


Hausarbeit, 2011

20 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

I. Regulierungsbedarf in der Werbewirtschaft

II. Stärken und Schwächen der Selbstregulierung
A. Eigenverantwortung
B. Vollzug
C. Ansehen in der Öffentlichkeit
D. Sachverstand
E. Verhaltensvorgaben und Sanktionen
F. Regulierte Selbstregulierung

III. Fazit

Fremd-oder Selbstkontrolle?

Selbstregulierung der Werbewirtschaft

Die politische Debatte über Fremd-oder Selbstkontrolle ist allgegenwärtig. Als Zeitzeichen der Unruhe in der Gesellschaft ringen Politik und Bürger um ein Mehr an Kontrolle über sich zunehmend verselbstständigende kommerzielle Bereiche und Einflussnahme auf die damit verbundenen Fehlentwicklungen. Aktuell ist die Diskussion um die Regulierung des Finanzsektors, Datensicherheit oder einen staatlich festgelegten Mindestlohn. Dabei werden staatliche Regulierung und Selbstverantwortung der jeweiligen Branchen oft in einem Atemzug genannt und als Alternativen diskutiert.

I. Regulierungsbedarf in der Werbewirtschaft

In Deutschland steht die Werbung unter dem Schutz des Grundgesetzes. Zwar wird sie nicht explizit erwähnt, jedoch dem Schutzbereich der Presse-und Meinungsfreiheit des Art.5 I GG zugeordnet.[1]

Andererseits bedürfen aber die Verbraucher und die Konkurrenten gesetzlichen Schutzes. Dies ist in dem Gesetz gegen den unlauteren Wettbewerb (UWG) manifestiert. Gesetzliche Bestimmungen zur Regulierung der Werbung finden sich insbesondere im Lauterbarkeitsrecht. Mit den beiden Generalklauseln §§ 1 und 3 UWG sowie den Einzeltatbeständen der vergleichenden Werbung aus § 6 UWG setzt das UWG der Werbewirtschaft Grenzen. Weitere Spezialgesetze und Verordnung finden sich z.B. im Gesetz über die Werbung auf dem Gebiet des Heilwesens, der Verordnung zur Regelung der Preisangaben und in der Nährwert-Kennzeichenverordnung. Auch die grundrechtlich geschützte Meinungsfreiheit der Werbung findet ihre Schranken nach Art.5 II GG vor allem im Jugendschutz und im Schutz der persönlichen Ehre. Demnach existiert bereits eine Vielzahl von gesetzlichen Beschränkungen für die Werbung.

Es stellt sich die Frage, ob diese gesetzlichen Regelungen für einen sensiblen Wirtschaftsbereich wie die Werbung ausreichend sind. Sind zusätzliche gesetzliche Maßnahmen erforderlich oder können diese durch eine Selbstkontrolle ersetzt oder ergänzt werden?

Werbung hat im gesellschaftlichen und privaten Leben einen besonderen Stellenwert erlangt. Sie taucht nicht nur mehr in klassischer Form von Plakaten, Zeitungsanzeigen und Fernsehspots auf, sondern auch in den neuen Medien wie Internet, Mobilfunk und sozialen Netzwerken sowie als product placement in Kino-und Fernsehfilmen. Der Einzelne ist damit der Werbebeeinflussung täglich bewusst oder unbewusst ausgesetzt. Dabei steht nicht nur mehr der Informationscharakter im Vordergrund, sondern vielmehr die Vermarktung. Das Schaffen von Kaufanreizen ist wichtiger geworden als das Produkt selbst; gekauft wird was publikumswirksam angepriesen wird.[2] Besonders bei Schockwerbung oder diskussionsanregender Werbung wird moralisches Fehlverhalten zu Gunsten kommerziellen Profits immer mehr kalkuliert und in Kauf genommen.[3] Im Gegenzug aber führen diese Provokationen und das Überschreiten von moralisch einwandfreien Grenzen in der Gestaltung und Diktion von Werbeaussagen zu dem Wunsch der Gesellschaft nach staatlicher Reglementierung.

Deutlich wird dies am Beispiel der Telefonwerbung, die auf Grund des zunehmenden Eingriffes in die Privatsphäre der Verbraucher durch staatliche Regulierung begrenzt werden musste. Aktuell ist in diesem Zusammenhang die Diskussion um Glückspielwerbung, bei der moralische Bedenken der Verbraucher mit dem Instrument Werbung aufeinanderstoßen und eine staatliche Lösung gefordert wird.[4]

Werbemaßnahmen dienen den Unternehmen als Verkaufshilfe und sind ein wichtiges Instrument für die Kundengewinnung am Markt. Dieses Verkaufswerkzeug sollte den Unternehmen nicht durch übermäßige staatliche Regulierung eingegrenzt werden. Ein fairer Wettbewerb soll auch über und mit dem Instrument Werbung stattfinden.

Zu starke Werbebeschränkungen können auch für den Verbraucher negative Auswirkungen haben, denn der Wettbewerb gilt als des Verbrauchers „bester Freund“. Der Preis regelt sich über die Nachfrage und demnach über die Verbrauchermeinung. In diesem Fall profitieren Verbraucher und Unternehmen gleichermaßen vom Wettbewerb und stärken damit Werbung. Gegen weiteren Regulierungsbedarf seitens des Gesetzgebers ist weiter anzuführen, dass Werbung in ihrer Ausprägung auch durch Verbraucher reguliert wird. Diejenigen Werbemaßnahmen, die den Verbraucher abstoßen, werden für Unternehmen keinen Erfolg bringen. Die öffentliche Bewertung einer Werbung kann damit sowohl positiv als aber auch negativ wirken. Dieser sogenannte Bumerang-Effekt, der vom Verbraucher ausgeht, hat starken Regulierungscharakter für die Werbewirtschaft.

Besonders stark zu gewichten ist die „Machtposition“, die werbende Firmen in der Gesellschaft ausüben. Werbung kann Trends setzen und die Gesellschaft in gewisse Richtungen lenken. Beispielhaft sei hier, die berühmte „Geiz ist geil“ Kampagne genannt, die nachweislich das Kaufverhalten der Konsumenten verändert hat.

Gleichermaßen wird der Werbewirtschaft im negativen Sinne die Verantwortung für die gesellschaftlichen Fehlentwicklungen zugeschoben. Die Mitwirkung an der Überschuldung privater Haushalte oder fehlerhafte Lebensstile wie Krankheiten und Fettleibigkeit werden der kommerziellen Werbung zugeordnet und führen zu einer werbekritischen Einstellung vieler Konsumenten.[5] Dies verstärkt den Ruf nach staatlicher Regulierung. Auch aus der ökonomischen Größe der Werbewirtschaft heraus, ergeben sich zwangsläufig ordnende Aufgaben für den Staat und die Wirtschaft.[6] Die Unternehmen nehmen aus dem Werbegeschäft jedes Jahr Milliardenbeträge ein.

Zusammenfassend bedarf die kommerzielle Werbung insbesondere in den gesetzlich einwandfreien, aber gesellschaftlich angeprangerten Bereichen einer Regulierung. Diese muss sowohl die Interessen der Verbraucher als auch der Wirtschaftsunternehmen bedenken und sich neben den rechtlichen Grenzen der Werbung einer moralischen Grenzziehung widmen.

Stellt sich die Frage, in welcher Form hier im Sinne eines Konfliktmanagements reguliert werden soll. Hauptverantwortlicher für die Schaffung einer Rahmenordnung in der Wirtschaft ist grundsätzlich der Staat. Diese klassische Fremdregulierung zeichnet sich durch die Festlegung der Steuerungsziele sowie die Überwachung und Einhaltung dieser aus.[7] Dieses Steuerungsmodell ist aber durch die rasante Weiterentwicklung sowie die Folgen der Globalisierung überlastet.[8] Die drei Kernpunkte bilden hierbei das Vollzugsdefizit sowie das Wissens-und Steuerungsdefizit des Staates. Diese sind aus der Diversifizierung des gesellschaftlichen Lebens und dem damit verbundenen gesteigerten Regelungsbedarfes heraus entstanden.[9] Neben Umsetzungsproblemen der Normenvielfalt zeigt sich oft eine fehlende Regelungskompetenz des Staates. Entweder durch fehlende verfassungsrechtliche Kompetenzen z.B. bei grenzüberschreitenden Themen oder es fehlen die nötigen technischen Instrumentarien zur Regulierung z.B. beim Datenschutz im Internet.[10] Gleichzeitig soll der Staat die Folgen der globalen Informationsgesellschaft z.B. Jugendschutz im Internet gewährleisten aber auch die Wettbewerbsfähigkeit der heimischen Wirtschaft sicherstellen.[11]

Aus diesem Konflikt des Regulierungsbedarfs der Werbewirtschaft und dem Regelungsdefizit der klassischen Fremdregulierung entspringt die Einbindung des Wirtschaftssektors in Form einer Selbstkontrolle.[12] Das Thema Selbstregulierung greift vor allem in diese Grauzonen zwischen Steuerungsaufgabe und Steuerungsdefizit.[13] Selbstkontrolle ist eine mehr ethische Frage in Abgrenzung zur Fremdkontrolle als eine primär rechtliche Frage. Moral und Recht müssen sich insbesondere in der Werbewirtschaft als Steuerungssystem ergänzt, um eine umfassende Regulierung zu gewährleisten.[14] Die Mitwirkung gesellschaftlicher Akteure soll neben regulatorischer Entlastung des Staates auch die Rückgewinnung von gesellschaftlichen Freiräumen als Folge beinhalten.[15]

II. Stärken und Schwächen der Selbstregulierung

In Deutschland herrscht derzeit ein duales System der Werbekontrolle.[16] Rechtsnormen einerseits sowie der Deutsche Werberat als Selbstkontrollinstanz andererseits normieren die Grenzen der Werbung. Der Deutsche Werberat als Selbstkontrollorganisation der Werbewirtschaft wurde innerhalb des Dachverbandes des Zentralausschusses der Werbewirtschaft e.V. (ZAW) gegründet. Dieser betreut 41 Mitgliederverbände der werbetreibenden Wirtschaft, der Werbeagenturen, Werbemittelhersteller sowie der Werbeberufe.

Unter freiwilliger gesellschaftlicher Selbstregulierung wird in der Regel die gesellschaftliche Eigenorganisation verstanden, bei der sich die beteiligten Akteure auf gemeinsame Standards einigen und deren Einhaltung eigenverantwortlich überwachen.[17] Diese müssen jedoch effektiv und zielorientiert eingreifen, um Fremdkontrolle effizient und äquivalent ersetzen zu können. Selbstkontrollinstanzen fallen trotz ihres Charakters als Unternehmenszusammenschlüsse bzw. Unternehmensverbände nicht unter die kartellrechtlich nach § 1 GWB verbotenen schädigenden Marktabsprachen. Das Ziel von Selbstkontrollgremien, die unter § 8 III Nr.2 UWG fallen, ist die Bekämpfung unlauterer Methoden und damit die Stärkung des fairen Wettbewerbs.[18] Das GWB begrüßt nach § 24 GWB Initiativen der Wirtschaft zur Förderung des lauteren Wettbewerbs.

Wie stark ist aber die Selbstkontrolle in der Werbewirtschaft in Deutschland zurzeit? Welche branchenbezogenen aber auch allgemeinen Probleme sind mit einer Selbstregulierung verbunden?

A. Eigenverantwortung

Eigenverantwortung ist das Kernelement jeder Selbstkontrolle. Für den Werberat ist das oberste Ziel diese Verantwortungsübernahme in Form einer Selbstdisziplinierung.[19] Daher steht das Konfliktmanagement zwischen Beschwerdeführern aus der Öffentlichkeit und werbenden Firmen bei Einzelfällen im Vordergrund des Tätigkeitsfeldes des Werberates. Fragwürdige Werbebotschaften sollen präventiv und rückwirkend zu Gunsten der Verbraucher korrigiert werden.[20]

Besonders die aktuellen Entwicklungen und Ursachen der Bankenkrise und der Datenschutzdiskussion haben aber erhebliche Bedenken gegenüber freiwilligen Handlungskodizes der Wirtschaft in großen Bevölkerungskreisen geschürt. Skepsis besteht vor allem gegenüber den freiwilligen selbstdisziplinären Mechanismen im Gegensatz zu staatlichen und supranationalen Regularien. Gerade in der gegenwärtigen Situation muss aber auch vor einer schädlichen Überreaktion des Staates und einer Gesetzesflut in allen Bereichen der Wirtschaft gewarnt werden. Diese ist möglicherweise eher an politischen Interessen als an Sacherwägungen orientiert. Die Forderung nach mehr staatlicher Regulierung in der Bankenbranche darf nicht als Trugschluss der Allgemeinheit auf Regulierungsüberlegungen der Werbung übertragen werden. Primär staatliche Regelungen würden an den Bedürfnissen des Werbemarktes sowie denen der Verbraucher vorbeigehen.[21] Besonders die Werbebranche hat eine starke Mitverantwortung für gesellschaftliche Entwicklungen aufgrund ihrer bereits aufgezeigten Beeinflussungsmöglichkeiten.[22]

Die soziale Verantwortungsübernahme der Unternehmen hat sich auch in anderen Bereichen unter der Bezeichnung „coperate social responsibility“ etablieren können. Selbstbestimmung und-verantwortung darf daher nicht vollkommen unterbunden werden und das Prinzip der Subsidiarität des Staates sollte im Besonderen in der Werbewirtschaft Beachtung finden.

Bei allen positiven Bewertungen der Freiwilligkeit muss aber auch kritisch angemerkt werden, dass eine Selbstkontrolle nicht per se dem Gemeinwohl dient, sondern im Wesentlichen im Interesse der Unternehmen liegt.[23] Eine Branche kontrolliert sich lieber selbst, als sich staatlichen und damit im Zweifel nicht beeinflussbaren Einschränkungen auszusetzen.

Die Freiwilligkeit zur Selbstkontrolle hat einerseits den Vorteil, dass die Verhaltensregeln nicht einseitig ausgearbeitet und der Branche von staatlicher Seite aufgezwungen werden.[24] Dieses so zu bezeichnende „Gleichordnungssystem“ in der Selbstkontrolle indiziert auch eine höhere Akzeptanz und Identifikation mit den Regeln. Werbende Unternehmen sind prinzipiell interessiert, allgemein akzeptanzfähige Werbung zu gestalten mit der Prämisse, schädliche Verhaltensweisen zu unterbinden.

Der Werberat erarbeitet Leitlinien und Verhaltensregeln für die Werbewirtschaft und informiert Gruppen der Werbewirtschaft über gesetzliche Entwicklung sowie die Öffentlichkeit.[25] Durch diese internen Verhaltensregeln und gestützt auf die Branchenkenntnisse der Mitglieder des Werberates können Verfehlungen zügig aufgezeigt, flexibel erörtert und gegebenenfalls abgestellt werden. Das Interesse der Unternehmen ohne staatliche Eingriffe Werbung weiter zu verbreiten und als Verkaufsförderungsinstrument zu erhalten, stärkt den Hang zur Selbstkontrolle. Die freiwillige Befolgung der Regeln durch die Akteure ist ein weiteres Kernelement der Eigenverantwortung.

Dem Werberat steht andererseits aber keine Unterwerfungsklausel oder ähnliches zu. Anders als bei gerichtlichen Urteilen sind die Unternehmen nicht gebunden ihre beanstandete Werbung zu unterlassen. Dies erscheint ein entscheidender Kritikpunkt an der Freiwilligkeit und dem System der Selbstregulierung.

Gegen ein bereits vom Werberat gerügtes Unternehmen wurde bislang aber selten ein weiteres Mal Beschwerde eingelegt. Demnach scheint das Verfahren des Werberates einen Lernerfolg und präventive Wirkung bei den Unternehmen zu zeigen.[26] Besonders in den nicht gesetzlich regulierbaren Grauzonen ist daher eine freiwillige Selbstkontrolle der Werbebranche positiv einzuordnen.

B. Vollzug

Ein gesteigerter innerstaatlicher Regelungsbedarf führt zu einer Normenflut und einer Anwendungserschwernis des Rechts. Das deutsche Werberecht ist, wie oben überblickartig aufgeführt, umstellt von Normen.[27]

Dieser Regelungswahn ist keine nationale, sondern eine auch auf supranationaler Ebene, voranschreitende Entwicklung, wo neu auftauchende Fragen tendenziell mit Gesetzen geregelt werden.[28] Dies ist weder für die betreffende Branche noch für die Belange des Verbraucherschutzes förderlich und führt zu einer zunehmenden Unübersichtlichkeit und Ineffektivität des Rechts.[29]

Zudem ist der Gesetzgeber bei der Umsetzung und der Anpassung der Normen an technische Neuerungen überlastet. Es kommt zu einem Umsetzungsproblem seitens der Exekutive. Dies löst wiederum ein Akzeptanzproblem bei den wirtschaftlichen Akteuren aus.[30] Eine kurze Reaktions- und Bearbeitungszeit ist ein positiv zu bewertender Aspekt der Selbstkontrolle. Bei dem Erlass von Regelungen oder Festsetzung neuer Verhaltenskodizes ist der Zeitfaktor in einer schnelllebigen Branche entscheidend. Von der Reaktion des Gesetzgebers bis zum letztendlichen Erlass vergeht eine erhebliche Zeitspanne.[31] Verfahren und Entscheidungen des Selbstkontrollorgans dauern in der Regel nicht länger als vier Wochen.[32] Es kann somit schnell auf aktuelle Entwicklungen reagiert werden. Diese kurze Bearbeitungszeit gegenüber staatlichen Gerichtsverfahren ist in einer zukunftsorientierten Branche wie der Werbewirtschaft von erheblichem Vorteil. Bis ein gerichtliches Verfahren durchführt wird, ist das öffentliche Interesse oder die Werbung selbst schon verklungen. Der Selbstkontrolle ist damit eine höhere innovative Funktion zuzuordnen.

Ein weiterer Aspekt ist die Internationalisierung der Werbewirtschaft. Werbung wird zunehmend international geschaltet. Ein nationaler Gesetzgeber kann auf Grund fehlender Kompetenzen keine auf supranationaler oder internationaler Ebene geltenden Regeln festlegen. Ein Beispiel ist hierfür das vieldiskutierte Tabakwerbeverbot in Europa.[33] Zum anderen können werbende Unternehmen sich einer strengen nationalen Werberegulierung durch Umzug in andere Länder entziehen.[34]

Im Gegenzug können Selbstkontrollinstanz auch international agieren und Verhaltensstandards miteinander beschließen. Positives Beispiel in diesem Bereich sind z.B. Verhaltensrichtlinien der Internationalen Handelskammer ICC. Besonders auf EU-Ebene wird zunehmend Selbstregulierung als Alternativmodell anerkannt. 1991 schlossen sich nationale Instanzen der Werbewirtschaft zur Allianz der europäischen Werbeselbstkontrolle (Alliance für Advertising Standards in Europe EASA) zusammen.[35] Hauptaufgabe ist die Durchführung eines Verfahrens, das eine selbstdisziplinäre Behandlung grenzüberschreitender Werbung ermöglicht.[36] Eine Verstärkung der Werbeselbstdisziplin ist ein vieldiskutiertes Thema in Europa.[37]

Der mitentscheidende Vorteil einer Selbstkontrolle liegt somit in der Entlastung des Staates und den globalen Anwendungsmöglichkeiten von Selbstregulierungsstandards.[38]

C. Ansehen in der Öffentlichkeit

Funktionsfähigkeit und Wirksamkeit eines Selbstkontrollgremiums hängen wesentlich vom Standing der Kontrollinstanz in der Branche und der Öffentlichkeit ab. Allgemein wird die Selbstkontrolle von dem breiten Publikum mit Misstrauen betrachtet. Von „Lagerentscheidungen“ und „Alibiveranstaltungen“ ist vielfach die Rede.[39] Selbstkontrollinstanzen aus der Wirtschaft sollten aber trotzdem nicht pauschal abgelehnt werden.

In Deutschland gibt es bereits einige akzeptiere Selbstkontrollinstanzen im Medienbereich. Beispielsweise der Deutsche Presserat oder die Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK).

Kritischer werden Selbstregulierungsinstitutionen der Wirtschaft in sensiblen Bereich wie z.B. dem Arbeitsmarkt gesehen. Hier sind aber vor allem aktuelle Wirtschaftsentwicklung und politische Machtspiele ausschlaggebend für die öffentliche Meinung über Selbstregulierung. Ein aktuell viel diskutiertes Thema ist die Forderung nach staatlichem Mindestlohn, der als Gegenbeispiel hin zu einer möglichen staatlichen Regelung anzuführen ist.

Akzeptanz in der Öffentlichkeit ist für ein Selbstkontrollorgan ein überaus gewichtiger Faktor. Das Standing in der Öffentlichkeit dient der Rechtfertigungs-und Sanktionskraft.[40] Eine Selbstregulierung ist nur mit Unterstützung und Akzeptanz der Verbraucher effektiv. Dem Verbraucher muss das Gefühl vermittelt werden, dass seine Belange und Vorstellungen von Recht und gesellschaftlichen Normen auch ohne staatliche Regulierung durchgesetzt werden. Die Selbstkontrollorgane müssen bekannt und relevant sein, d.h. der Verbraucher muss für sie ein Interesse entwickeln und sie in Anspruch nehmen. Positiv ist zu werten, dass dem Verbraucher erst durch den Werberat eine Beschwerdeinstitution gegeben wurde. Im deutschen Werberecht hat der Verbraucher selbst kein Klagerecht.[41] Zudem ist die Beschwerde für den Verbraucher kostenlos, was im staatlichen Verfahren nicht der Fall wäre.[42]

Das führt jedoch nicht zwangsläufig zu einer höheren Akzeptanz von Selbstkontrollorganen in der Bevölkerung. Es benötigt aber ohnehin eine längere Anlaufzeit und muss sich aus der positiven Anwendung in der Praxis heraus entwickeln.

Entscheidend ist daher, dass die Öffentlichkeit die Selbstregulierung als Alternativmodell branchenspezifisch annimmt und ihre Wirksamkeit wertungsneutral in der Praxis überprüft.

Die Arbeit des Deutschen Werberates wird in der Öffentlichkeit nach herrschender Auffassung jedoch unzureichend bis gar nicht wahrgenommen.[43] Hierin ist einer der wesentlichen Kritikpunkte am Werberat als Selbstkontrollorgan zu sehen. Doch nur durch eine kritische Öffentlichkeit, die vorhandene Instanzen nutzt, kann die Selbstkontrolle im öffentlichen Interesse agieren.[44]

Durch eine verstärkte Öffentlichkeitsarbeit in eigener Sache sollte der Bekanntheitsgrad des Werberates erhöht werden, um einen ausreichenden Verbraucherschutz zu gewährleisten.

[...]


[1] Heyd, Werbeselbstkontrolle, 2011, S.116.

[2] Ruess, Jb. Junger Zivilrechtwissenschaftler 2002, 209 (210).

[3] Stapf, in: Schicha/Brosda, Selbstkontrolle, 2010, S.164.

[4] ZAW, Nationale Werbepolitik - Glücksspiel, http://www.zaw.de/index.php?menuid=83, Stand:06.11.2011.

[5] Vgl. Nickel, Selbstregulierung im Bereich der Werbung, S.11 f.

[6] Ders., Selbstregulierung im Bereich der Werbung, S.4.

[7] Palzer, ZUM 2002, 875 (877).

[8] Vgl. Calliess, AfP 2002, 465 (465 f.).

[9] Bosch, Die regulierte Selbstregulierung im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, 2007, S.78.

[10] Callies, AfP 2002, 465 (465).

[11] Vgl. Heyd, Werbeselbstkontrolle, 2011, S.113.

[12] Vgl. Calliess, AfP 2002, 465 (475).

[13] Ders., AfP 2002, 465 (465).

[14] Stapf, in: Schicha/Brosda, Selbstkontrolle, 2010, S.165.

[15] Bosch, Die regulierte Selbstregulierung im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, 2007, S.78

[16] Stapf, in: Gottberg/Rosenstock, Medienethik und Ästhetik, 2009, S.46.

[17] Ruess, Jb. Junger Zivilrechtswissenschaftler 2002, 209 (216).

[18] Köhler, in: Köhler/Bornkamm, UWG, 27.Auflage (2009), § 2 Rdnr.57.

[19] Deutscher Werberat, Aufgaben, www.werberat.de/content/Aufgaben.php, Stand: 01.10.2011.

[20] Schicha, in: Baum/Langenbucher/Pöttker, Wirtschaftswerbung zwischen Information, Provokation und Manipulation - Konsequenzen für die Selbstkontrolle des Deutschen Werberates, 2005, S.261.

[21] Vgl. Ruess, Jb Junger Zivilrechtswissenschaftler 2002, 209 (224).

[22] Vgl. I.

[23] Ruess, Jb Junger Zivilrechtswissenschaftler 2002, 209 (222).

[24] Lehmann, GRUR 2006, 123 (125 f.).

[25] Deutscher Werberat, Arbeitsgrundsätze, http://www.werberat.de/content/Arbeitsgrundsaetze.php, Stand: 17.10.2011.

[26] Heyd, Werbeselbstkontrolle, 2011, S.142.

[27] Vgl. I.

[28] Kisseler, in: Festschr. f. Hennig Piper, 1996, S.293.

[29] Callies, AfP 2002, 465 (465).

[30] Bosch, Die regulierte Selbstregulierung im Jugendmedienschutz-Staatsvertrag, 2007, S.79.

[31] Lehmann, GURU 2006, 123 (126).

[32] Schicha, in: Baum/Langenbucher/Pöttker, Wirtschaftswerbung zwischen Information, Provokation und Manipulation - Konsequenzen für die Selbstkontrolle des Deutschen Werberates, 2005, S.263.

[33] Ruess, WRP 2002, 1376 (1380).

[34] Vgl. Callies, AfP 2002, 465 (465).

[35] Kisseler, in: Festschr. f. Hennig Piper, 1996, S.297.

[36] Köhler, in: Köhler/Bornkamm, UWG, 27.Auflage (2009), Einl. Rdnr.2.37.

[37] Kisseler, in: Festschr. f. Henning Piper, 1996, S.297.

[38] Vgl. Lehmann, GURU 2006, 123 (128).

[39] Ruess, Jb. Junger Zivilrechtswissenschaftler 2002, 209 (229).

[40] Vgl. Stapf, in: Schicha/Brosda, Selbstkontrolle, 2010, S.171.

[41] Lehmann, GURU 2006, 123 (128).

[42] Heyd, Werbeselbstkontrolle, 2011, S.134.

[43] Schicha, in: Baum/Langenbucher/Pöttker, Wirtschaftswerbung zwischen Information, Provokation und Manipulation - Konsequenzen für die Selbstkontrolle des Deutschen Werberates, 2005, S.266; Heyd, Werbeselbstkontrolle, 2011, S.142.

[44] Stapf, in: Gottberg/Rosenstock, Medienethik und Ästhetik, 2009, S.66.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Fremd- oder Selbstkontrolle? Selbstregulierung in der Werbewirtschaft
Hochschule
Hochschule Osnabrück
Note
1,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V187812
ISBN (eBook)
9783656118305
ISBN (Buch)
9783656131793
Dateigröße
538 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Selbstkontrolle, Selbstregulierung, Werbewirtschaft
Arbeit zitieren
Andrea Sommerfeld (Autor), 2011, Fremd- oder Selbstkontrolle? Selbstregulierung in der Werbewirtschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187812

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