Das 1817 veröffentlichte Werk „Der Sandmann“ von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann handelt nicht von der Sagengestalt des Sandmannes, der mithilfe seines magischen Sandes liebevoll den Kindern Träume bringt. Vielmehr handelt es von dem Protagonisten Nathanael, der in der Gestalt des Sandmannes seine größte Angst sieht, die Angst vor dem Verlust der Augen. Seine Kinderfrau erzählt ihm das schreckliche Märchen des Sandmannes, in welchem dieser mithilfe des Sandes brutal die Augen der Kinder raubt. Nathanael sieht sich seiner größten Angst ausgeliefert, die sich durch sein ganzes Leben ziehen wird, bis hin zu seinem Tod.
Die folgende Ausarbeitung wird sich mit einem der Motive in Hoffmanns Werk auseinandersetzen. Es wird erläutert, inwieweit die Augen eine besondere Rolle spielen und warum Nathanael so große Angst verspürt, diese zu verlieren. Zunächst wird allgemein auf den Mythos des Auges eingegangen, anschließend dargestellt, inwiefern Hoffmann die handelnden Personen mithilfe ihrer Augen charakterisiert. Dabei wird auf die Figuren Coppelius beziehungsweise Coppola, Klara, Olimpia und Nathanael eingegangen, weil sie in dem Werk als prägend für das Motiv der Augen gelten. Es wird kurz psychoanalytisch erklärt, warum Nathanaels Angst vor dem Augenverlust gleichgesetzt werden kann mit der Kastrationsangst. Im weiteren Verlauf wird genauer auf die Stationen des Lebens Nathanaels eingegangen, die prägend für seine Angst scheinen, die zum Schluss in zwei Wahnsinnsanfällen enden wird.
Inhaltsverzeichnis
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit
2. Der Mythos des Auges
3. Die Bedeutung der Augen für die Charakterisierung
3.1. Coppelius/ Coppola
3.2. Klara
3.3. Olimpia
3.4. Nathanael
4. Das Augenmotiv im Zusammenhang mit Nathanaels Wahnsinn
4.1. Das Märchen von dem Sandmann
4.2. Die alchemistischen Versuche und der Tod des Vaters
4.3. Nathanaels Dichtung über seine Vorahnung
4.4. Das Perspektiv des Coppolas
4.5. Endgültiger Ausbruch des Wahnsinns
4.5.1. Erster Wahnsinnsanfall
4.5.2. Der Selbstmord Nathanaels
5. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die zentrale Bedeutung des Augenmotivs in E.T.A. Hoffmanns Erzählung „Der Sandmann“. Ziel ist es zu analysieren, wie Hoffmann durch dieses Motiv die Charaktereigenschaften seiner Figuren formt und inwiefern es maßgeblich zur Entwicklung von Nathanaels psychischer Störung sowie seinem letztendlichen Wahnsinn beiträgt.
- Mythologische und symbolische Bedeutung des Auges
- Charakterisierung der Figuren (Coppelius, Klara, Olimpia, Nathanael) durch ihre Augen
- Psychoanalytische Interpretation der Augenangst als Kastrationsangst
- Einfluss des Motivs auf Nathanaels Wahrnehmung der Realität
- Die Rolle der Täuschung durch das Perspektiv und das Augenmotiv
Auszug aus dem Buch
4.2. Die alchemistischen Versuche und der Tod des Vaters
Die Angst vor Coppelius, der laut Nathanael „der fürchterliche Sandmann ist“ (SA 9, 18), steigert sich, als er ihn mit seinem Vater heimlich bei alchemistischen Versuchen beobachtet. Die ganze Szene nimmt für Nathanael etwas furchtbares an, denn er beschreibt sie wie eine Hölle mit „Menschengesichter(n) ringsherum [...], aber ohne Augen – scheußliche, tiefe schwarze Höhlen statt ihrer“ (SA 9, 43- 10, 2). Statt des Wandschrankes sieht er „eine schwarze Höhlung“ (SA 9, 34). Eine Höhle hat immer etwas Unheimliches an sich, weil ohne Licht in ihr nichts zu sehen ist. Als Nathanael von Coppelius entdeckt wird, wird seine größte Angst Wirklichkeit. Er will die Augen von Nathanael herausnehmen, wie der Sandmann in dem Märchen (vgl. SA 10, 2). Statt Sand versucht Coppelius „glutrote Körner aus der Flamme“ (SA 10, 9- 10) in Nathanaels Augen zu streuen. Er wird zwar von seinem Vater gerettet, aber „auf einer metaphorischen Ebene“47 gelingt Coppelius der Augenraub Nathanaels, weil ihm „schwarz und finster“ (SA 10, 20) wird.48 Durch Coppelius’ Verhalten wird Nathanaels Trauma der Augenangst verstärkt oder sogar erst vollkommen ausgelöst. Als Erklärung für Coppelius’ Wunsch nach Augen könnte sein, dass das „ ‚Auge’ ein Phänomen des metallurgischen Prozesses“49 ist, das als „Erzauge“50 bezeichnet wird, oder es handelt sich um schwarze Magie, bei der Augen, vor allem Kinderaugen, als wichtige Zutat für einen Trank gelten.51
Zusammenfassung der Kapitel
1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit: Einführung in die Fragestellung und Hinführung zum zentralen Augenmotiv in Hoffmanns „Der Sandmann“.
2. Der Mythos des Auges: Analyse der Augen als zentrales Transformationsmedium und Spiegel der Seele in der Erzählung.
3. Die Bedeutung der Augen für die Charakterisierung: Beleuchtung der Charaktereigenschaften der Figuren anhand der Symbolik ihrer Augen.
4. Das Augenmotiv im Zusammenhang mit Nathanaels Wahnsinn: Detaillierte Untersuchung der biografischen Stationen und traumatischer Ereignisse, die Nathanaels psychischen Verfall vorantreiben.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Augen als Leitmotiv für Nathanaels Entfremdung und seinen Weg in den Wahnsinn.
Schlüsselwörter
Der Sandmann, E.T.A. Hoffmann, Augenmotiv, Nathanael, Wahnsinn, Coppelius, Coppola, Olimpia, Klara, Kastrationsangst, Psychoanalyse, Projektion, Automaten, Perspektiv, Kindheitstrauma
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit untersucht das zentrale Motiv der Augen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ und dessen Einfluss auf die Handlung und die Psyche der Hauptfigur.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen umfassen die Symbolik der Augen, die Charakterisierung der Figuren durch visuelle Attribute sowie die psychologischen Aspekte von Angst und Wahrnehmung.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Ziel ist es zu ergründen, warum Nathanael eine solch ausgeprägte Angst vor dem Augenverlust verspürt und wie diese Angst seine Lebensstationen bis hin zum Wahnsinn prägt.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit stützt sich primär auf eine literaturwissenschaftliche Analyse unter Einbeziehung psychoanalytischer Erklärungsansätze, insbesondere nach Sigmund Freud.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Im Hauptteil wird zunächst der Mythos des Auges betrachtet, dann erfolgt eine charakterliche Analyse einzelner Figuren und schließlich eine Untersuchung der traumatischen Erlebnisse Nathanaels im Kontext seines Wahnsinns.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind das Augenmotiv, Kastrationsangst, Projektion, der Sandmann und der psychische Verfall der Protagonisten.
Inwiefern beeinflusst das „Perspektiv“ die Sichtweise Nathanaels?
Das Perspektiv fungiert als Instrument, durch das Nathanael die Realität nicht mehr unverzerrt wahrnimmt, sondern sich in eine Illusion flüchtet, die Olimpia als realen Menschen erscheinen lässt.
Warum wird Coppelius mit Coppola gleichgesetzt?
Nathanael projiziert sein frühkindliches Trauma und die Gestalt des gefürchteten Sandmanns auf den Optiker Coppola, da beide mit seinem Trauma der Augenangst verknüpft sind.
- Quote paper
- Elisabeth Esch (Author), 2011, Die Bedeutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187874