Die Bedeutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“


Hausarbeit, 2011
21 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

2. Der Mythos des Auges

3. Die Bedeutung der Augen für die Charakterisierung
3.1. Coppelius/ Coppola
3.2. Klara
3.3. Olimpia
3.4. Nathanael

4. Das Augenmotiv im Zusammenhang mit Nathanaels Wahnsinn
4.1. Das Märchen von dem Sandmann
4.2. Die alchemistischen Versuche und der Tod des Vaters
4.3. Nathanaels Dichtung über seine Vorahnung
4.4. Das Perspektiv des Coppolas
4.5. Endgültiger Ausbruch des Wahnsinns
4.5.1. Erster Wahnsinnsanfall
4.5.2. Der Selbstmord Nathanaels

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Gegenstand und Zielsetzung der Arbeit

Das 1817 veröffentlichte Werk „Der Sandmann“ von Ernst Theodor Amadeus Hoff­­mann handelt nicht von der Sagengestalt des Sandmannes, der mithilfe seines ma­gischen Sandes liebevoll den Kindern Träume bringt.[1] Vielmehr handelt es von dem Protagonisten Nathanael, der in der Gestalt des Sandmannes seine größte Angst sieht, die Angst vor dem Verlust der Augen. Seine Kinderfrau erzählt ihm das schreck­liche Märchen des Sandmannes, in welchem dieser mithilfe des Sandes brutal die Augen der Kinder raubt. Nathanael sieht sich seiner größten Angst ausgeliefert, die sich durch sein ganzes Leben ziehen wird, bis hin zu seinem Tod.

Die folgende Ausarbeitung wird sich mit einem der Motive in Hoffmanns Werk aus­einandersetzen. Es wird erläutert, inwieweit die Augen eine besondere Rolle spielen und warum Nathanael so große Angst verspürt, diese zu verlieren. Zunächst wird all­ge­mein auf den Mythos des Auges ein­ge­gangen, anschließend dargestellt, inwiefern Hoffmann die handelnden Per­sonen mithilfe ihrer Augen charakterisiert. Dabei wird auf die Figuren Coppelius beziehungsweise Coppola, Klara, Olimpia und Nathanael ein­gegangen, weil sie in dem Werk als prägend für das Motiv der Augen gelten. Es wird kurz psychoanalytisch erklärt, wa­rum Nathanaels Angst vor dem Augenverlust gleich­gesetzt werden kann mit der Kas­trations­­angst. Im weiteren Verlauf wird ge­nauer auf die Stationen des Lebens Nathanaels eingegangen, die prägend für seine Angst scheinen, die zum Schluss in zwei Wahnsinnsanfällen enden wird.

2. Der Mythos des Auges

In E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“ gelten die Augen als zentrales Motiv für den Ver­lauf der Erzählung. Dazu werden neben den physischen Au­gen auch die künst­lichen, wie die Brillen und das Perspektiv Coppolas, gezählt. Sie werden „zu ei­­­ner Art Trans­formationsmedium“,[2] wodurch die Geschichte maß­geblich ge­steu­ert und zum „ei­gentlichen Subjekt der Erzählung“[3] wird.[4] Augen gelten so­wohl als „wichtigste(s) Sinnes­organ des Men­schen“[5] als auch „als Spiegel der Seele“.[6] Das bedeutet, dass an­hand der Augen die Menschlichkeit erkannt werden kann. Das Auge ist „das Or­gan des Lichtes und der Be­wußt­heit“,[7] weil die Welt wahr­ge­nommen und ihr so­mit Realität gegeben wird.[8] Durch das Sehen kann die Außenwelt ver­standen wer­den. Wenn man sie nicht sieht, ver­steht man sie nicht und wird blind ge­genüber sei­ner Umwelt. Aus diesem Grund gelten die Augen „als Metapher für Erkenntnis schlecht­hin“.[9] Man denke nur an den Aus­spruch „jemanden die Au­gen öffnen“, wo­durch verdeutlicht wird, dass einem die Wahrheit über eine Tat­sache kund­getan wird. Durch das Sehen entstehen ge­sellschaftliche Be­ziehung­en, weil dabei ein „Austausch zwischen Innen und Au­ßen“[10] entsteht.[11]

3. Die Bedeutung der Augen für die Charakterisierung

Da die Augen als die „Fenster der Seele“[12] gelten, liegt es nahe anhand dieser die Cha­­rak­ter­eigenschaften der Figuren in Hoffmanns Werk zu beleuchten, weil sich in ihnen die wahren Gefühle und Befindlichkeiten des Trägers zeigen, ohne dass das Ge­gen­über getäuscht werden kann.[13] Vor allem bei der Darstellung des Auto­ma­ten Olimpia scheint es wichtig ihren Augen eine be­son­dere Rolle zuzuordnen, weil „mit den Augen die Automate eine Schein- Seele [er­halten].“[14]

3.1. Coppelius/Coppola

Im Kindesalter ängstigt sich Nathanael sehr vor Coppelius, den Freund des Vaters, in dem er den gefürchteten Sandmann sieht.[15] Coppelius wird mit „busch­ichten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grünliche Katzenaugen stech­end her­vor­funkeln“ (SA 8, 23) beschrieben. Diese düstere Darstellung und die Tat­sache, dass seine Augen leuchten, macht dem Re­zi­pien­ten deutlich, dass er von Na­thanael als böse und unheimlich empfunden wird. Sein zwie­licht­iger Charakter wird erkennbar, weil man sein Wesen aufgrund der verdeckten Augen nicht erkennen kann. Der Student Na­thanael glaubt, dass der später auf­tauch­ende Co­ppola dieselbe Person sei, wie Coppelius, weil „Coppelius’ Figur und Gesichts­zü­ge [...] zu tief in [sein] [...] Innerstes eingeprägt [sind], als dass hier ein Irr­tum mög­lich sein sollte“ (SA 12, 4- 6). Allerdings kommen ihm auch Zweifel an sei­ner These auf (vgl. SA 15, 17- 18), weil Coppelius Deutscher und Coppola Pie­mon­teser ist, aber ganz möchte Nathanael von seiner Vermutung nicht weg­kommen (vgl. SA 15, 24). Sie lässt sich anhand der ähnlich klingenden Namen be­stätigen. Denn „aus der Gestalt des ‚ S andmanns Coppelius’ [wird] der ‚ L andsmann Coppola’.“[16] Der Name der beiden verweist zusätzlich auf das Leit­motiv der Augen. Das italienische Wort „coppo“ bedeutet „Augenhöhle“ und „als Binde­glied dazwischen fungiert die ‚coppella’ die schwarze Höhlung des Schmelz­tiegels.“[17] Der Schmelztiegel deu­tet auf die alchemistischen Experimente hin, die Coppelius und Nathanaels Va­ter abends durchgeführt haben.[18] Be­zeich­nend ist auch, dass Coppola als „Wetterglashändler“ (SA 15, 17) auftaucht, wo­durch die Geschichte erst ihren Lauf nimmt. Denn nur durch den Verkauf seines Per­spektivs an Nathanael, er­kennt er Olimpias wahre Gestalt nicht und verliebt sich in sie. In dem Streit­ge­spräch zwischen Spalanzani und Coppola am Ende der Er­zählung wird dem Re­zi­pienten deutlich, dass die beiden für die Herstellung des Au­to­maten Olimpia zu­ständig sein müssen. Coppola hat wohl ihre Augen und Spalan­zani ihren Körper ge­formt (vgl. SA 30, 43- 31,1).

3.2. Klara

Schon ihr Name deutet auf ihre Persönlichkeit hin. Klara ist abzuleiten von dem la­­teinischen Wort „clarus“ und kann mit „klar, hell, leuchtend, glänzend, deutlich, ver­­ständlich“[19] übersetzt werden. Daraus lässt sich sowohl schließen, dass Klara ei­­nen „helle(n) Blick“ (SA 18, 33), der glänzend und leuchtend ist, hat als auch, dass sie „ei­nen gar hellen, scharf sichtenden Verstand“ (SA 18, 30) hat. Ihre klaren Au­gen gel­ten als äußerliches Zeichen für eine klare Seele und klares Denken. Im Laufe der Hand­­lung zeigt sich dem Rezipienten, dass Klara ihre Augen einzig als Wahr­neh­mung­s­­­­organ nutzt und somit ausschließlich die Realität sieht und nicht fantasiert. Ihre Augen werden mit „einem See von Ruisdael[20] [verglichen], in dem sich des wol­ken­­losen Himmels reines Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Land­schaft ganzes buntes, heitres Leben spiegelt“ (SA 18, 16- 18). Die Beschreibung ihrer Au­gen ähnelt den „Qualitäten einer Muse.“[21] Zudem werden Klaras Augen mit ei­nem Spiegel verglichen. Denn keiner kann sie ansehen, „ohne dass [...] aus ihrem Blick wunder­bare himmlische Gesänge und Klänge entgegenstrahlen, die in [...] [das] Innerste(...) dringen“ (SA 18, 20- 21). Der Spiegel gilt als „un­be­stech­lich­es Me­dium“[22], weil in ihm „Wahrheit von Schein“[23] getrennt und aus­schließ­lich die Re­a­lität reflektiert wird. Wenn Nathanael in ihre Augen sieht, sieht er sei­ne eigenen Ängste und Gefühle.[24] Als „reine Projektionsfläche“[25] gibt sie die Sicht­weise des Betrachters wie­der und wirft dadurch Nathanael auf sich selbst zu­rück, wodurch er sich vor seine Pro­ble­matik, sich von der Angst und dem Bild des Coppelius zu lösen, gestellt sieht, welches er sich von ihm im Kindesalter gemacht hat. Denn mithilfe eines Spiegels kann man zwar etwas anschauen, wie mit einem Per­­spek­tiv, aber es bringt doch keine Er­kenntnis.[26] Klara kann ihre Ge­fühle und ihre Stimmung nicht verbergen, denn „in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu besiegende geistige Schläfrigkeit aus“ (SA 20, 14- 15). Sie langweilt sich über Nathanaels Gedicht und nimmt ihn dabei nicht ernst. Dadurch entfernen die bei­den sich immer mehr voneinander (vgl. SA 20, 19). Kla­ra wird von Nathanael als „lebloses, verdammtes Automat!“ (SA 21, 38- 39) be­schimpft aufgrund ihrer rationalen Art und, weil sie als „gefühllos“ (SA 18, 37) gilt.

3.3. Olimpia

Da Olimpia eine Maschine ist, besitzt sie keine menschlichen Augen. Sie wurde von Spalanzani zwanzig Jahre lang gefertigt und gilt als sein „beste(r) Auto­mat“ (SA 31, 28). Coppola hat wahrscheinlich ihre Augen gefertigt (vgl. SA 30, 43) und hat versucht sie so echt wie möglich zu gestalten, damit sie nicht direkt als Au­to­mat erkannt wird und Nathanael derartig getäuscht werden kann.[27] Sie be­kommt durch ihre künstlichen Augen eine „Schein-Seele“.[28] Als Nathanael Olimpia zum ersten Mal sieht, bemerkt er ihre starren Augen, die ihm wie künst­liche erscheinen, weil er in ihnen „keine Seh­kraft“ (SA 16, 3) erkennt. Allerdings wird er durch Coppolas Perspektiv ge­täuscht. Als er durch das Fernrohr sieht, scheint es ihm „als gingen in Olimpias Au­gen feuchte Mondesstrahlen auf“ (SA 24, 33- 34). Sie wird für ihn immer lebendiger, weil ihre künstlichen Augen ihm immer menschlicher vorkommen (vgl. SA 24, 35). Das bedeutet, dass sie etwas ma­gisches an sich haben müssen. Nathanael wird von ihrem „Lie­bes­blick“ (SA 29, 14) gebannt und kann „nicht los von [...] [ihrem] ver­führ­erisch­em Anblick“ (SA 25, 17), der für in trotz allem „ohne Lebensstrahl“ (SA 28, 43) scheint. Ihn stört es nicht, dass Olimpia nicht mehr sagt als „Ach, Ach“ (SA 30, 6), denn „der Blick ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache“ (SA 30 19- 20). In­dem Nathanael sich in sie verliebt, bringt er „seine Seele in ihre innere Leere“.[29] Auf diese Weise wird der Automat für ihn lebendig.[30] Olimpia wird wie Kla­ra zu ei­­ner Art Spiegel für Nathanael, „der den männlichen Eros maßstabsgetreu wieder­gibt“.[31] In ihr spie­gelt sich sein „ganzes Sein“ (SA 27, 27- 28). Durch die Be­lebung Olimpias belebt er sich selbst, aber eigentlich wird in ihren künstlichen Au­gen nur seine eigene in­nere Leere und Leblosigkeit zurückprojiziert. Deswegen fühlt er sich nur von ihr allein „ganz verstanden“ (SA 30, 8- 9). Sie widerspricht ihm nicht und überdenkt sein Verhalten nicht rational im Gegensatz zur klugen Kla­­ra. „Olimpia lebt nur für ihn.“[32] Aus diesem Grund scheint es verständlich, dass Nathanael wahn­sinnig wird, als er merkt, dass sie eine Maschine ist. Denn als sie ihre Augen bei der Auseinandersetzung zwischen Coppola und Spalanzani ver­liert, verliert sie auch die geglaubte Menschlichkeit (vgl. SA 31, 23- 24).

Der Name Olimpia deutet auf den Olymp hin, auf dem laut der griechischen My­tho­logie die Götter thronen und über die Menschen blicken und wachen.[33] Mit­hilfe Olimpias thro­nen Coppola und Spalanzani, die sie erschaffen habe, über Nathanael, weil sie ihn mit dem Automaten lenken und ihn in die Irre führen können.

[...]


[1] Vgl. Wahrig, Gerhard: Sandmann, S. 1096, Sp. 3.

[2] Kremer, Detlef: „Ein tausendäugiger Argus“, S. 70.

[3] Ebd.

[4] Vgl. ebd.

[5] Biedermeier, Hans: Auge, S. 42.

[6] Drux, Rolf: Der Sandmann, S. 60.

[7] Biedermeier, Hans: Auge, S. 44.

[8] Vgl. ebd.

[9] Drux, Rudolf: Marionette Mensch, S. 84.

[10] Gendolla, Peter: Die lebenden Maschinen, S. 22.

[11] Vgl. ebd.

[12] Zedler, Johann Heinrich: Auge, Sp. 2168. zit. nach: Drux, Rolf: Der Sandmann, S. 145.

[13] Vgl. Drux, Rudolf: Marionette Mensch, S. 84.

[14] Müller, Dieter: Zeit der Automate, S. 8.

[15] Vgl. Hoffmann, E.T.A.: Der Sandmann, S. 8, Z. 18- 19. Künftig zitiert mit Sigle SA, Seiten­an­ga­be und Zeilenangabe.

[16] Kremer, Detlef: „Ein tausendäugiger Argus“, S. 71.

[17] Ebd.

[18] Vgl. Freud, Sigmund: Das Unheimliche, S. 254, Anm. 1.

[19] Vgl. Hau, Rita: Pons, S. 162.

[20] Jacob Isaackszoon van Ruisdael war ein berühmter und hochgeschätzter niederländischer Land­schaft­s­maler aus dem 17. Jahrhundert (vgl. Grohn, H.W.: Ruisdael, S. 178- 180).

[21] Calian, Nicole: Auge – Perspektiv, S. 46.

[22] Kremer, Detlef: E.T.A. Hoffmann, S. 84.

[23] Ebd.

[24] Vgl. ebd.

[25] Utz, Peter: Das Auge, S. 274.

[26] Vgl. ebd.

[27] Vgl. Tepe, Peter u.a.: Interpretationskonflikte, S. 174.

[28] Müller, Dieter: Zeit der Automate, S. 8.

[29] Drux, Rolf: Der Sandmann, S. 61.

[30] Vgl. ebd.

[31] Kremer, Detlef: E.T.A. Hoffmann, S. 84.

[32] Matt, Peter von: Die Augen der Automaten, S. 85.

[33] Vgl. Hunger, Herbert: Zeus, S. 539.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für deutsche Sprache und Literatur 1)
Veranstaltung
E.T.A. Hoffmann
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
21
Katalognummer
V187874
ISBN (eBook)
9783656117407
ISBN (Buch)
9783656131007
Dateigröße
518 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Hoffmann, Sandmann, E.T.A. Hoffmann, Augen, Augenmotiv, Bedeutung der Augen, Mythos des Auges, Charakterisierung, Coppelius, Coppola, Klara, Olimpia, Nathanael, Das Märchen von dem Sandmann, Die alchemistischen Versuche, Tod des Vaters, Nathanaels Dichtung über seine Vorahnung, Das Perspektiv des Coppola, Ausbruch des Wahnsinns, Freud, Kastrationsangst
Arbeit zitieren
Elisabeth Esch (Autor), 2011, Die Bedeutung der Augen in E.T.A. Hoffmanns „Der Sandmann“, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187874

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