** BEISPIEL***
6.1 Beschäftigungseffekte
6.1.1 Diskussionsverlauf und wegweisende Studien
Beschäftigungseffekte gehören in der Debatte um das Für und Wider von Mindestlöhnen mit Sicherheit zu den strittigsten Diskussionspunkten. Bis zum Anfang der 90er Jahre war man sich in ökonomischen Fachkreisen weitgehend einig, dass eine 10 Prozentige Erhöhung des Mindestlohns die Beschäftigung der Jugendlichen um ein- bis drei Prozent reduziert und die Beschäftigungswirkungen auf die Erwachsenen nicht signifikant sind.
Die beiden amerikanischen Ökonomen Card und Krueger veröffentlichten 1994 eine bis heute vielzitierte Fallstudie im Bereich der Fast-Food Industrie. Der Ausgangspunkt war eine Anhebung des Mindestlohns im Bundesstaat New Jersey im Jahr 1992 von 4.25 USD auf 5.05 USD. 45 Die beiden Ökonomen untersuchten in der Folge mittels eines natürlichen Experiments die Beschäftigungseffekte des erhöhten Mindestlohns auf die 410 betroffenen Restaurants. Die Beschäftigungsentwicklung wurde mit zwei Kontrollgruppen verglichen: Restaurants in New Jersey, die nicht von der Mindestlohnerhöhung betroffen waren46 und die ebenfalls nicht betroffenen Fast-Food-Restaurants im benachbarten Bundesstaat Pennsylvania. Die empirische Studie kam zu einem überraschenden Ergebnis: Während die Beschäftigung in den vom Mindestlohn betroffenen Restaurants in New Jersey anstieg, hatten die beiden Kontrollgruppen negative Beschäftigungseffekte zu verzeichnen. Die Schlussfolgerung lautete folglich, dass „we find no evidence that the rise in New Jerseys’s minimum wage reduced employment at fast-food restaurants in the state“ (vgl. Card et. al. 1994, S 792).
Eine weitere einflussreiche Studie ist die Untersuchung der OECD (1998a) bezüglich den Beschäftigungseffekten von Mindestlöhnen in neun OECD-Ländern49 zwischen 1975 und 1996. Mittels einer gepoolten, länderübergreifenden Zeitreihenanalyse kamen die Autoren zum Schluss, dass eine Erhöhung der Mindestlöhne die Beschäftigung der Jugendlichen (15- 19 Jahre) leicht aber signifikant reduziere, während die Beschäftigung der jungen Erwachsenen (20-24 Jahre) und Erwachsenen (25-54 Jahre) nicht signifikant durch eine Erhöhung der Mindestlöhne betroffen ist. Ebenso stellten die Autoren fest, dass es kaum Hinweise gibt, dass negative Beschäftigungseffekte in Ländern mit höheren Mindestlöhnen grösser sind, als in Ländern mit tieferen Mindestlohnlevels.
Inhaltsverzeichnis
1. THEMENWAHL, FRAGESTELLUNGEN UND FORSCHUNGSFRAGE
2. ARMUT UND WORKING POOR
2.1 DEFINITIONEN VON ARMUT
2.2 ENTSTEHUNG VON ARMUT
2.2.1 Armut ohne Erwerbstätigkeit
2.2.2 Working-Poor (Armut mit Erwerbstätigkeit)
3. THEORIE ZU MINDESTLÖHNEN
3.1 MINDESTLÖHNE UND GRUNDBEDARF
3.2 DIE GESCHICHTE VON MINDESTLÖHNEN
4. MINDESTLÖHNE IM MODELL
4.1 NEOKLASSISCHES ARBEITSMARKTMODELL
4.2 AUSWIRKUNGEN EINES MINDESTLOHNS IM MODELL
4.2.1 Komparativ-Statische Argumentation
4.2.2 Keynesianische Theorien
4.2.3 Monopsonfall
4.2.4 Effizienzlöhne
5. SCHWEIZER ARBEITSMARKT
5.1 ENTWICKLUNG DER ARBEITSLOSIGKEIT IN DER SCHWEIZ
5.2 GRÜNDE FÜR DIE NIEDRIGE ARBEITSLOSIGKEIT IN DER SCHWEIZ
5.2.1 Rolle der ausländischen Arbeitskräfte
5.2.2 Teilzeitarbeit
5.2.3 Niedrige Besteuerung
5.2.4 Gutes Bildungsniveau
5.3 TIEFLOHNBRANCHEN IN DER SCHWEIZ
6. EMPIRISCHE STUDIEN ÜBER DIE WIRKUNGEN DER MINDESTLÖHNE
6.1 BESCHÄFTIGUNGSEFFEKTE
6.1.1 Diskussionsverlauf und wegweisende Studien
6.2 EMPIRISCHE ERGEBNISSE ZU BESCHÄFTIGUNGSEFFEKTEN
6.2.1 USA
6.2.2 Grossbritanien
6.2.3 Frankreich
6.2.4 Vergleichende Länderpanel
6.2.5 Literaturüberblicke
6.2.6 Zwischenfazit: Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen
6.3 LOHN- UND EINKOMMENSEFFEKTE DER MINDESTLÖHNE
6.3.1 Lohneffekte
6.3.2 Einfluss auf die Armut und die Einkommensverteilung
6.4 FAZIT: LOHN UND EINKOMMENSEFFEKTE VON MINDESTLÖHNEN
6.5 UNTERNEHMENSMARGEN
7. SCHLUSSDISKUSSION: ANALYSE DER SGB-MINDESTLOHNINITIATIVE
7.1 ZIEL UND UMSETZUNG DER INITIATIVE
7.2 MÖGLICHE AUSWIRKUNGEN AUF DIE BESCHÄFTIGUNG
7.2.1 Mögliche Auswirkungen auf die Löhne und das Einkommen von Tieflohnbezügern
7.2.2 Mögliche Auswirkungen auf die Unternehmensmargen
8. BEANTWORTUNG DER FORSCHUNGSFRAGE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit analysiert die volkswirtschaftlichen Auswirkungen der SGB-Mindestlohninitiative auf die Schweiz. Das Hauptziel besteht darin, zu untersuchen, ob durch einen nationalen gesetzlichen Mindestlohn die Problematik der "Working Poor" reduziert werden kann und welche Effekte dies auf den Arbeitsmarkt, die Lohnverteilung sowie die Unternehmensmargen hätte.
- Volkswirtschaftliche Evaluation der SGB-Mindestlohninitiative
- Analyse der theoretischen Auswirkungen von Mindestlöhnen im Arbeitsmarktmodell
- Empirische Aufarbeitung internationaler Mindestlohnerfahrungen (USA, Grossbritannien, Frankreich)
- Untersuchung der spezifischen Gegebenheiten des Schweizer Arbeitsmarktes
- Bewertung der Effizienz von Mindestlöhnen als Mittel zur Armutsbekämpfung
Auszug aus dem Buch
4.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell
Das Neoklassische Arbeitsmarktmodell ist das Standardmodell zur theoretischen Analyse von volkswirtschaftlichen Massnahmen wie zum Beispiel Mindestlöhne. Deswegen wird das Modell in der Ökonomie oft Referenzsystem genannt. Das Modell setzt ökonomische Grundannahmen wie rationales Handeln, vollständige Konkurrenz auf den Märkten und komplette Informationen aller Marktteilnehmer voraus. Ausserdem gilt Homogenität und das Marginalprinzip kommt zur Anwendung.
Im neoklassischen Arbeitsmarktmodell wird ein Individuum vor die Entscheidung gestellt, seine total verfügbare Zeit auf Freizeit und Arbeit aufzuteilen. Wenn die Person ihren individuellen Nutzen maximiert, ist der marginale Nutzen der beiden Alternativen gleichwertig. Der Nutzen aus der Arbeit äussert sich durch den ausbezahlten Lohn, während der Nutzen der Freizeit von der persönlichen Nutzenfunktion des Arbeiters abhängt. Der Arbeitgeber stellt so lange neue Arbeitskräfte ein, bis die Produktivität des Arbeitnehmers gleich der Entlöhnung ist. Die marginalen Kosten sind gleich dem marginalen Nutzen der Arbeitskraft. Durch die vollkommene Konkurrenz gibt es stets ein Gleichgewicht, bei welchem die nachgefragte Arbeit gleich der angebotenen Menge ist und es keine Person gibt, welche zum angebotenen Lohn arbeiten will, aber keine Arbeit findet. Im Modellfall herrscht stets die optimale Beschäftigung zum Gleichgewichtslohn, da sich die Märkte selber dezentral regulieren.
Zusammenfassung der Kapitel
1. THEMENWAHL, FRAGESTELLUNGEN UND FORSCHUNGSFRAGE: Einführung in das Thema der Mindestlohninitiativen in der Schweiz und Formulierung der zentralen Forschungsfrage zur ökonomischen Evaluierung.
2. ARMUT UND WORKING POOR: Definition und Erläuterung der Begriffe Armut und Working Poor im Schweizer Kontext, um die Grundlage für die Analyse der Betroffenen zu legen.
3. THEORIE ZU MINDESTLÖHNEN: Theoretische Grundlagen und historische Entwicklung von Mindestlöhnen mit Fokus auf dem sozialen Existenzminimum.
4. MINDESTLÖHNE IM MODELL: Darstellung des neoklassischen Arbeitsmarktmodells sowie alternativer Theorien (Keynesianismus, Monopson, Effizienzlöhne) zur Wirkung von Lohnuntergrenzen.
5. SCHWEIZER ARBEITSMARKT: Analyse der schweizerischen Spezifika wie tiefe Arbeitslosigkeit und hohe Teilzeitquote, die für die Beurteilung der Mindestlohninitiative relevant sind.
6. EMPIRISCHE STUDIEN ÜBER DIE WIRKUNGEN DER MINDESTLÖHNE: Auswertung internationaler Studien zu Beschäftigungs-, Lohn- und Einkommenseffekten sowie Unternehmensmargen.
7. SCHLUSSDISKUSSION: ANALYSE DER SGB-MINDESTLOHNINITIATIVE: Spezifische Anwendung der gewonnenen Erkenntnisse auf die geplante SGB-Initiative und Diskussion möglicher Konsequenzen für die Schweizer Wirtschaft.
8. BEANTWORTUNG DER FORSCHUNGSFRAGE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN: Synthese der Ergebnisse und Fazit zur Eignung von Mindestlöhnen als Instrument der Armutsbekämpfung.
Schlüsselwörter
Mindestlohn, Mindestlohninitiative, SGB, Working Poor, Armutsbekämpfung, Schweizer Arbeitsmarkt, Beschäftigungseffekte, Lohnverteilung, Lohndumping, Unternehmensmargen, Existenzminimum, Neoklassisches Arbeitsmarktmodell, Wirtschaftspolitik, Arbeitslosigkeit, Lohnuntergrenze.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Bachelorarbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit einer volkswirtschaftlichen Analyse der im Januar 2011 lancierten SGB-Mindestlohninitiative in der Schweiz.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Zentrale Themen sind die theoretische und empirische Wirkung von Mindestlöhnen auf Beschäftigung, Einkommensverteilung und Unternehmensgewinne sowie die spezifische Arbeitsmarktsituation in der Schweiz.
Was ist das primäre Ziel oder die Forschungsfrage?
Die Forschungsfrage untersucht, ob die Mindestlohninitiative die "Working-Poor-Problematik" in der Schweiz reduzieren kann und welche Auswirkungen sie auf den Arbeitsmarkt und die Lohnverteilung hat.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es erfolgt eine Literaturanalyse volkswirtschaftlicher Theorien, eine Auswertung internationaler empirischer Studien sowie eine modellbasierte Anwendung dieser Erkenntnisse auf die Schweizer Verhältnisse.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in theoretische Grundlagen, eine Darstellung der Schweizer Arbeitsmarkteigenheiten, die empirische Aufarbeitung internationaler Ergebnisse sowie eine abschliessende Analyse der spezifischen SGB-Mindestlohninitiative.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit am besten?
Die wichtigsten Begriffe sind Mindestlohn, SGB-Initiative, Working Poor, Arbeitsmarkt, Lohnverteilung und Armutsbekämpfung.
Warum ist das neoklassische Modell für diese Untersuchung relevant?
Es dient als theoretisches Referenzsystem, um die ökonomischen Annahmen über Beschäftigungseffekte bei Einführung von Mindestlöhnen zu verstehen.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor zur Effizienz von Mindestlöhnen?
Der Autor kommt zum Schluss, dass Mindestlöhne kein geeignetes Instrument zur effizienten Armutsbekämpfung sind, da sie oft nicht zielgenau bei den bedürftigen Haushalten greifen.
- Citar trabajo
- Michael Obrist (Autor), Dominic Schorneck (Autor), 2011, Ein nationaler Mindestlohn zur Armutsbekämpfung?, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187876