Ein nationaler Mindestlohn zur Armutsbekämpfung?

Eine volkswirtschaftliche Analyse der SGB-Mindestlohninitiative


Bachelorarbeit, 2011

48 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

Inhalt

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

1. THEMENWAHL, FRAGESTELLUNGEN UND FORSCHUNGSFRAGE

2. ARMUT UND WORKING POOR
2.1 Definitionen von Armut
2.2 Entstehung von Armut
2.2.1 Armut ohne Erwerbstätigkeit
2.2.2 Working-Poor (Armut mit Erwerbstätigkeit)

3. THEORIE ZU MINDESTLÖHNEN
3.1 Mindestlöhne und Grundbedarf
3.2 Die Geschichte von Mindestlöhnen

4. MINDESTLÖHNE IM MODELL
4.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell
4.2 Auswirkungen eines Mindestlohns im Modell
4.2.1 Komparativ-Statische Argumentation
4.2.2 Keynesianische Theorien
4.2.3 Monopsonfall
4.2.4 Effizienzlöhne

5. SCHWEIZER ARBEITSMARKT
5.1 Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz
5.2 Gründe für die niedrige Arbeitslosigkeit in der Schweiz
5.2.1 Rolle der ausländischen Arbeitskräfte
5.2.2 Teilzeitarbeit
5.2.3 Niedrige Besteuerung
5.2.4 Gutes Bildungsniveau
5.3 TIEFLOHNBRANCHEN IN DER SCHWEIZ

6. EMPIRISCHE STUDIEN ÜBER DIE WIRKUNGEN DER MINDESTLÖHNE
6.1 Beschäftigungseffekte
6.1.1 Diskussionsverlauf und wegweisende Studien
6.2 Empirische Ergebnisse zu Beschäftigungseffekten
6.2.1 USA
6.2.2 Grossbritanien
6.2.3 Frankreich
6.2.4 Vergleichende Länderpanel
6.2.5 Literaturüberblicke
6.2.6 Zwischenfazit: Beschäftigungseffekte von Mindestlöhnen
6.3 Lohn- und Einkommenseffekte der Mindestlöhne
6.3.1 Lohneffekte
6.3.2 Einfluss auf die Armut und die Einkommensverteilung
6.4 Fazit: Lohn und Einkommenseffekte von Mindestlöhnen
6.5 UNTERNEHMENSMARGEN

7. SCHLUSSDISKUSSION: ANALYSE DER SGB-MINDESTLOHNINITIATIVE ..
7.1 Ziel und Umsetzung der Initiative
7.2 Mögliche Auswirkungen auf die Beschäftigung
7.2.1 Mögliche Auswirkungen auf die Löhne und das Einkommen von Tieflohnbezügern
7.2.2 Mögliche Auswirkungen auf die Unternehmensmargen

8. BEANTWORTUNG DER FORSCHUNGSFRAGE UND SCHLUSSFOLGERUNGEN

9. QUELLENANGABEN

8.1 Literatur

8.2 Internetquellen

8.3 Datenquellen

10. ANHANG:
Anhang 1: Working-Poor-Quoten in der Schweiz 2007/2008
Anhang 2: Erwerbstätige nach Nationalität
Anhang 3: Erwerbslosenquote im internationalen Vergleich
Anhang 4: Teilzeitarbeit im internationalen Vergleich
Anhang 5: Monatlicher Bruttolohn nach Wirtschaftszweigen Schweiz 2008
Anhang 6: Ergebnisse der Studien von Ragacs 2003
Anhang 7: Initiativtext

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Working-Poor-Quoten der wichtigsten Risikogruppen in der Schweiz, 2007

Abbildung 2: Erwerbslosenquote gemäss ILO im internationalen Vergleich (2 Quartal)

Abbildung 3: Teilzeitanteil des Arbeitsvolumens im internationalen Vergleich (2 Quartal 2010)

Abbildung 4: Differenz zwischen 62.5 Prozent des Medianlohns (in jeder Branche) und dem geforderten Mindestlohn in den betroffenen Branchen

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1: Empfohlene Beiträge für den Grundbedarf des Lebensunterhalts (SKOS)

1. Themenwahl, Fragestellungen und Forschungsfrage

Das in politischen Debatten oft diskutierte Thema um Mindestlöhne hat seit der Finanz- und Schuldenkrise wieder neuen Aufschwung erhalten. Mit zunehmender Unsicherheit auf den Arbeitsmärkten und den Diskussionen um verteilungspolitische Instrumente, sind die Arbeitnehmer sowie einkommensschwache Bürger vermehrt auf der Suche nach mehr Sicherheit. Als Lösungsinstrument wird dabei häufig eine gesetzliche Lohnuntergrenze gefordert. Zusätzliche Unterstützung erhalten die Befürworter durch Pressebeiträge, welche einzelne Fälle von Lohndumping publik machen.[1] Auch auf kantonaler Ebene setzen sich Befürworter von Mindestlöhnen für deren Einführung ein. Neuenburg hat Ende November 2011 als erster Kanton der Schweiz für alle Arbeitnehmer das Recht auf einen Mindestlohn in der Verfassung verankert.[2]

Die Schweizer Gewerkschaften haben Ende der 1990er Jahre die Kampagne „Keine Löhne unter 3000 Franken“ umgesetzt, womit es ihnen gelang, eine positive Lohnentwicklung in den Tieflohnbranchen zu erzielen.[3] Mit der im Januar 2011 lancierten Volksinitiative „Für den Schutz fairer Löhne (Mindestlohninitiative)“ versuchen sie nun den „Lohndruck bei den tiefen und mittleren Einkommen aufzufangen“. Der gesetzliche Mindestlohn von 22 Franken pro Stunde[4] soll insbesondere da greifen, wo bisher keine Gesamtarbeitsverträge bestehen. Das Grundargument der Gewerkschaften für Mindestlöhne ist, das der Verdienst zum Leben reichen soll.

Der Schweizerische Arbeitgeberverband lehnt demgegenüber gesetzlich festgelegte Mindestlöhne ab. Die schweizerischen Lohnverhältnisse seien von stark dezentralisierten Lohnverhandlungen bestimmt und die gesetzlichen Vorschriften über Löhne würden sich heute auf die Gleichbehandlung von Mann und Frau beschränken.[5]

Der Schweizerische Arbeitgeberverband betont, dass deutlich über dem Marktlohn liegende Mindestlöhne die Wegrationalisierung oder den Wegzug von Arbeitsplätzen fördern.

Demgegenüber meint der Schweizerische Gewerkschaftsbund, dass höhere Mindestlöhne nicht zu mehr Arbeitslosigkeit führen. Man erkennt schnell, dass die Debatte um das Für und Wider von Mindestlöhnen stark von der Interessenlage determiniert ist und die Diskussion sehr ideologisch geprägt ist.

Unsere Arbeit befasst sich mit den beschriebenen Mindestlohnforderungen und den angesprochenen Diskussionen. Insbesondere vermissen wir in der politischen Debatte über Mindestlöhne eine volkswirtschaftliche Komponente und wollen deshalb die ideologische Diskussion ökonomisch analysieren und evaluieren. Ausgehend davon formulieren wir unsere Forschungsfrage:

„Auswirkungen der SGB-Mindestlohninitiative: Kann die Mindestlohninitiative die Working- Poor-Problematik der Schweiz reduzieren und welche Auswirkungen hat sie auf den Arbeitsmarkt, die Einkommens- und die Lohnverteilung?“

Unsere Arbeit ist in drei Teile gegliedert: In einem ersten Teil besprechen wir theoretische Hintergründe von Mindestlöhnen und diskutieren die Eigenheiten des schweizerischen Arbeitsmarktes. In einem zweiten Teil untersuchen wir die empirische Literatur zu Mindestlöhnen und zeigen auf, welche Erfahrungen andere Länder mit einer nationalen Lohnuntergrenze gemacht haben. Im dritten Teil wenden wir unsere Erkenntnisse aus der Theorie und der Empirie auf die Schweiz an und ziehen daraus Schlussfolgerungen.

2. Armut und Working Poor

2.1 Definitionen von Armut

Die Literatur liefert unterschiedliche Definitionen von Armut. Es ist nicht leicht den Begriff Armut objektiv zu definieren, zumal er stark von Werturteilen und der Lebensumgebung der Person abhängt, die arm ist.[6] Der Europäische Rat definiert Menschen in Armut, als Personen die „über so geringe (materielle, soziale und kulturelle) Mittel verfügen, dass sie von der Lebensweise ausgeschlossen sind, die in dem Mitgliedstaat, in dem sie leben, als Minimum annehmbar sind. “ (Europäischer Rat, 1985). Diese Definition ist zur Evaluation von Massnahmen zu breit gefasst und lässt viel Interpretationsspielraum zu. Die Definition einer Armutsgrenze ist für eine volkswirtschaftliche Analyse von Armut hilfreich.

Da die Armutsgrenze eine normative Messgrösse ist, verwenden Studien meist eine relative Definition der Armutsgrenze.[7] Die Initianten der SGB-Mindestlohninitiative verwenden den Begriff Tieflohnbezüger für Personen mit einem Einkommen, welches tiefer als 62.5 Prozent des Medianlohns beträgt. 2008 lag die Schwelle zum Tieflohnbezüger bei einem Einkommen unter CHF 3693 Franken.[8]

Eine wichtige Kategori sierung der Armutsgrenzen liegt in der betrachteten Messgrösse. Während einige Studien das Haushaltseinkommen als relevante Grösse untersuchen, verwenden andere Studien das Individualeinkommen. Studien, welche die Armut ansprechen, legen den Fokus oft auf die Haushalte und nicht auf die Individuen.[9] Das Haushalts­einkommen beinhaltet sowohl den Lohn der im Haushalt erwerbstätigen Personen sowie Transfer- und Kapital einkommen des Haushaltes.[10] Es wird zudem angenommen, dass das Einkommen des Haushalts gleichmässig auf die im Haushalt lebenden Personen verteilt wird.[11] Der SGB verwendet das Haushaltseinkommen als zentrale Grösse. Ein Haushalt, in dem zwei Personen arbeitstätig sind, kann per Definition über der Armutsgrenze liegen, obwohl beide Personen Tieflohnbezüger sind. Als Messgrösse kann auch die von der SKOS (Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe) jährlich herausgegebene Einschätzung des Mindestbedarfs für Haushalte verwendet werden. Sie werden in vielen Kantonen übernommen, sind jedoch nicht bindend.

2.2 Entstehung von Armut

2.2.1 Armut ohne Erwerbstätigkeit

Nicht erwerbstätige Arme, kann man in arbeitsfähige und arbeitsunfähige Personen unterteilen. Eine Person, die aufgrund einer Behinderung nicht arbeiten kann, erzielt selbständig kein ausreichendes Einkommen. Hier entsteht die Armut, wenn die Person nicht ausreichend finanziell unterstützt wird. Im Fall von arbeitsfähigen Personen gibt es unterschiedliche Gründe, welche die Armut hervorrufen: Es kann sich beispielsweise um einen Haushalt mit einem alleinerziehenden Elternteil handeln welcher nicht vollzeitig arbeitstätig sein kann. Eine weitere Gruppe sind Arbeitslose, die in der Periode der Arbeitslosigkeit unter die Armutsgrenze fallen. Dies ist insbesondere dann problematisch, wenn sie zu Langzeitarbeitslosen werden.[12]

2.2.2 Working-Poor (Armut mit Erwerbstätigkeit)

In der Literatur wird keine einheitliche Definition von working poor verwendet. Es handelt sich allgemein um Personen, die trotz Erwerbstätigkeit arm sind. Deutsch, Flückiger und Silber (1999) und Tillmann (1996) definieren working poor als Erwerbstätige, die für mindestens die Hälfte des Haushaltseinkommens sorgen, aber weniger als die Hälfte des Medianlohns verdienen. Leu, Burri und Priester (1997) definieren working poor als Personen, welche vollzeitig erwerbstätig sind und in einem armen Haushalt leben. Der Unterschied besteht darin, dass in der erstgenannten Definition der Haushalt der working poor nicht zwingend arm sein muss, während in der zweiten Definition der working poor unter Umständen keinen Tieflohn bezieht, sondern aus anderen Gründen in diese Kategorie fällt.

In unserer Arbeit verwenden wir die Definition von Leu, Burri und Priester, da es für uns entscheidend ist, ob eine Person in einem armen Haushalt lebt und was dagegen gemacht werden kann. Zudem legt auch der SGB beim Kriterium, ob ein Einkommen existenzsichernd ist, den Fokus auf die Haushalte.

Die Ursachen für die working poor sind nicht in jeder Volkswirtschaft gleich. In Deutschland geht man davon aus, dass die working poor eine Folgeerscheinung der Harz I bis IV Reformen sind. Durch die Reformen hat sich der Niedriglohnsektor ausgeweitet und Arbeitslose wechselten vermehrt in den Tieflohnsektor, ohne ihren Haushalt ausreichend finanzieren zu können.[13] In der Schweiz sind besonders Frauen, Alleinerziehende, ausländi­sche Staatsangehörige, Personen mit einem tiefen Ausbildungsniveau und selbständige Arbeitnehmer ohne Angestellte betroffen. Auch Eltern mit mehreren Kindern (oft ausländischer Staatsangehörigkeit) sind besonders oft betroffen.[14]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Working-Poor-Quoten der wichtigsten Risikogruppen in der Schweiz, 200715

Mindestlöhne können die Working-Poor-Problematik insofern bekämpfen, als dass sie den Haushalt durch die Lohnanhebung aus der Armut heben können. Ob dieser Effekt eintrifft, hängt jedoch davon ab, wie viele Personen im Haushalt leben, wie viele Personen arbeitstätig sind und wie stark das Einkommen durch die Einführung der Lohnuntergrenze angehoben wird.

3. Theorie zu Mindestlöhnen

3.1 Mindestlöhne und Grundbedarf

„Mindestlohn, gesetzlich oder im Tarifvertrag festgelegte Lohnuntergrenze. In der Regel sozialpolitisch motiviert; durch die M.-Regelung sollen Existenzminimum oder Lebensstandard gesichert werden.[...] “ (Gabler- Volkswirtschafts- Lexikon (1990, S.530).

Wie dieser Definition zu entnehmen ist, bedarf es einem Werturteil um ein Existenzminimum zu definieren. Die Auffassung über die Höhe des Existenzminimums kann von Land zu Land variieren und hängt stark vom durchschnittlichen Einkommen und dem Lebensstandard einer Volkswirtschaft ab. Die Initianten der SGB-Mindestlohnkampagne bezeichnen Personen als Tieflohnbezüger, welche weniger als 62.5 Prozent des Medianlohns verdienen. Für das Jahr 2008 entspricht das bei einem monatlichen Medianeinkommen von 5777 Franken einer[15]

Tieflohngrenze von 3610 Franken.[16] Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe wiederum definiert den Grundbedarf in Abhängigkeit von der Haushaltgrösse und nicht nur über das Einkommen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1: Empfohlene Beiträge für den Grundbedarf des Lebensunterhalts (SKOS)[17]

Tabelle 1 zeigt den durch die SKOS festgelegten Grundbedarf für den Lebensunterhalt, der das Mindestmass einer auf Dauer angelegten menschenwürdigen Existenz dar[stellt]“. Zusätzlich zum Grundbedarf fallen Kosten für die Krankenversicherung inklusive der Franchise, die effektiven Wohnkosten und Zahnbehandlungen an. Ein Ein-Personen-Haushalt benötigt anhand dieser Berechnung im Jahr 1999 einen Betrag von knapp 2100 Franken pro Monat, was 1999 ziemlich genau 50 Prozent des durchschnittlich verfügbaren Äquivalenz­einkommens entspricht.[18] Unsere Schätzung für das Jahr 2011 beträgt etwas unter CHF 2400.- im Monat.[19] Inklusive den zusätzlich anfallenden Kosten steigt der Bedarf an finanziellen Mitteln für grössere Haushalte schnell über die Mindestlohngrenze von 3800 Franken pro Monat. Wenn nur eine Person arbeitstätig ist, kann der SGB-Mindestlohnssatz die Armutsproblematik nicht lösen.

3.2 Die Geschichte von Mindestlöhnen

Der Vorschlag eines Mindestlohns wurde bereits 1776 von Adam Smith thematisiert, als die unteren Schichten nicht genügend Vermögen besassen, um ohne ein stetiges Einkommen leben zu können. Smith zog den Schluss, dass die Tieflohnbezüger nur dann bereit sind zu arbeiten, wenn sie mit dem Einkommen sich selbst oder die eigene Familie versorgen können.[20] In Neuseeland und Australien gab es Ende des 19. Jahrhunderts erste gesetzlich festgelegte Mindestlohnansätze, welche Konflikte zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern reduzieren sollten. Grossbritannien folgte dem als erstes europäisches Land 1909 und bis 1920 hatten auch einige Länder in Kontinentaleuropa und die USA gesetzliche Mindestlohn­regelungen eingeführt.[21] Die damals eingeführten Gesetze schützten jedoch nur geringe Teile der Bevölkerung. In den USA wurden beispielsweise nur Gesetze für Frauen und Minder­jährige verabschiedet.[22] In der Schweiz werden Mindestlöhne in Gesamtarbeitsverträgen (GAV) branchenspezifisch und kollektiv verhandelt, es gibt jedoch keine branchen­übergreifende Mindestlöhne.

4. Mindestlöhne im Modell

4.1 Neoklassisches Arbeitsmarktmodell

Das Neoklassische Arbeitsmarktmodell ist das Standardmodell zur theoretischen Analyse von volkswirtschaftlichen Massnahmen wie zum Beispiel Mindestlöhne. Deswegen wird das Modell in der Ökonomie oft Referenzsystem genannt.[23] Das Modell setzt ökonomische Grundannahmen wie rationales Handeln, vollständige Konkurrenz auf den Märkten und komplette Informationen aller Marktteilnehmer voraus. Ausserdem gilt Homogenität und das Marginalprinzip kommt zur Anwendung.[24]

Im neoklassischen Arbeitsmarktmodell wird ein Individuum vor die Entscheidung gestellt, seine total verfügbare Zeit auf Freizeit und Arbeit aufzuteilen. Wenn die Person ihren individuellen Nutzen maximiert, ist der marginale Nutzen der beiden Alternativen gleichwertig. Der Nutzen aus der Arbeit äussert sich durch den ausbezahlten Lohn, während der Nutzen der Freizeit von der persönlichen Nutzenfunktion des Arbeiters abhängt. Der Arbeitgeber stellt so lange neue Arbeitskräfte ein, bis die Produktivität des Arbeitnehmers gleich der Entlöhnung ist. Die marginalen Kosten sind gleich dem marginalen Nutzen der Arbeitskraft.[25] Durch die vollkommene Konkurrenz gibt es stets ein Gleichgewicht, bei welchem die nachgefragte Arbeit gleich der angebotenen Menge ist und es keine Person gibt, welche zum angebotenen Lohn arbeiten will, aber keine Arbeit findet. Im Modellfall herrscht stets die optimale Beschäftigung zum Gleichgewichtslohn, da sich die Märkte selber dezentral regulieren.

4.2 Auswirkungen eines Mindestlohns im Modell

4.2.1 Komparativ-Statische Argumentation

Liegt der Mindestlohn über dem Gleichgewichtslohn, entsteht Arbeitslosigkeit, da das Arbeitsangebot die Arbeitsnachfrage übersteigt.[26] Die nicht-neoklassische Literatur kritisiert den einseitigen Zusammenhang zwischen der Höhe des Mindestlohns und dem Beschäfti­gungsrückgang. Es werden besonders die zu Grunde liegenden Annahmen der vollständigen Konkurrenz, vollkommenen Informationen und Mobilität der Arbeitnehmer als realitätsfern betrachtet.[27]

4.2.2 Keynesianische Theorien

Löhne sind in keynesianischen Theorien einerseits Kosten für die Unternehmen, anderseits auch ein wesentlicher Teil der gesamtwirtschaftlichen Nachfrage. Werden die Löhne der Tieflohnbezüger erhöht, hat dies positive Auswirkungen auf die gesamtwirtschaftliche Nachfrage, da die zusätzlichen Verdienste überdurchschnittlich stark für den privaten Konsum ausgegeben werden. Dieser zusätzliche Konsum generiert Wachstum und kann über die Arbeitsnachfrage auch positive Beschäftigungswirkungen mit sich ziehen.[28]

4.2.3 Monopsonfall

In Monopsonfällen sind Unternehmen monopolistische Arbeitsnachfrager.[29] Da die Arbeitnehmer keine andere Wahl haben als auf dem Monopsonmarkt eine Anstellung zu suchen, sind sie gezwungen, Arbeit unter dem Gleichgewichtslohn anzunehmen. Das Beschäftigungsniveau in einem monopsonistischen Arbeitsmarkt ist somit auch geringer als im gleichgewichtigen Arbeitsmarkt. Die Einführung eines Mindestlohns kann dazu beitragen, dass der Lohn auf das Gleichgewichtsniveau angehoben wird und die Beschäftigung steigt.[30]

4.2.4 Effizienzlöhne

In der Effizienzlohntheorie hat die Lohnhöhe einen Effekt auf die Produktivität der Arbeitskräfte. Eine Lohnerhöhung, die beispielsweise durch einen gesetzlichen Mindestlohn herbeigeführt wurde, kann daher eine Beschäftigungserhöhung zur Folge haben.[31] Dies ist der Fall, wenn die Produktivität der Arbeitnehmer stärker ansteigt als das Lohnniveau. In diesem Fall setzen Unternehmen freiwillig die Löhne über den Marktlohn und wollen keine kostengünstigeren Arbeitskräfte einstellen, da diese überproportional weniger produktiv sind. Das Profitmaximum erreicht der Arbeitgeber in diesem Fall durch die Arbeitnehmer die zu einem höheren Lohn arbeiten.[32]

Es gibt in der Literatur auch noch weitere Arbeitsmarktmodelle wie etwa die Humankapitaltheorie oder die Suchmodelltheorie welche Szenarien nach der Einführung eines Mindestlohns beschreiben. Vergleiche hierzu Brown (1999), Acemoglu und Pischke (1999) oder Bartsch (2009).

5. Schweizer Arbeitsmarkt

Die Eigenheiten des schweizer Arbeitsmarktes sind für eine Analyse der SGB-Mindestlohn- initiative von grosser Bedeutung. Die Schweiz hat traditionell eine tiefe Arbeitslosigkeit.

5.1 Entwicklung der Arbeitslosigkeit in der Schweiz

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Erwerbslosenquote gemäss ILO im internationalen Vergleich (2. Quartal)[33]

Die relative Arbeitslosenquote der Schweiz ist im internationalen Vergleich auch historisch gesehen stets sehr tief gewesen. Bis in die 1970er Jahre kannte man das Problem der Arbeitslosigkeit in der Schweiz praktisch nicht. Bis in die 1990er Jahre blieb die relative Arbeitslosenquote konstant unter einem Prozent. Ab 1992 stieg die Quote innerhalb kurzer Zeit auf ein Niveau von rund fünf Prozent und blieb seither relativ stabil in dieser Höhe. In anderen westlichen Ländern stieg die Arbeitslosenquote seit den 70er Jahren jedoch kontinuierlich an oder verharrte auf einem deutlich höheren Niveau als in der Schweiz. Im Folgenden erläutern wir einige Gründe für die überdurchschnittlich tiefe Arbeitslosigkeit in der Schweiz.

5.2 Gründe für die niedrige Arbeitslosigkeit in der Schweiz

Iversen und Wren (1998) sprechen von einem Trilemma, welchem die Nationalstaaten gegenüberstehen. Von den drei Zielgrössen Lohngleichheit, Vollbeschäftigung und einem ausgeglichenen Staatsbudget können immer nur zwei gleichzeitig erfüllt werden. Die hohe Beschäftigung und die Lohngleichheit in Skandinavien wird demnach durch einen breit ausgebauten öffentlichen Sektor finanziert. Deutschland wiederum betreibe laut den Autoren Lohnprotektionismus auf Kosten höherer Arbeitslosigkeit und die USA verfügte lange über eine tiefe Arbeitslosigkeit bei ungleichen Lohnverhältnissen.[34] Die Schweiz zeigt sich diesbezüglich jedoch als Sonderfall. Der öffentliche Sektor ist verhältnismässig schlank, die Lohnungleichheit fällt moderat aus und die Arbeitslosigkeit ist seit Jahren auf einem deutlich tieferen Niveau als in anderen OECD Staaten.[35] Bonoli und Mach (2001) weisen in ihrer Arbeit auf verschiedene Gründe hin, welche für die tiefe Arbeitslosenquote verantwortlich sein könnten. Wir wollen diese kurz erläutern und prüfen, inwiefern sie heute noch zutreffen.

5.2.1 Rolle der ausländischen Arbeitskräfte

Die Schweiz hat traditionell einen hohen Anteil an ausländischen Arbeitnehmern. Diese können durch ihre Temporäranstellung je nach Bedarf und Wirtschaftslage eingestellt und wieder leicht entlassen werden. Laut Bundesamt für Statistik hat die Zuwanderung ausländischer Arbeitskräfte in der Zeit von 2005 bis 2010 dreimal so stark zugenommen wie die der Schweizer Arbeitskräfte. Im Jahr 2010 waren 27.2 Prozent der erwerbstätigen Personen in der Schweiz ausländische Staatsangehörige.[36]

5.2.2 Teilzeitarbeit

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Teilzeitanteil des Arbeitsvolumens im internationalen Vergleich (2. Quartal 2010)[37]

[...]


[1] Vgl. Schweizer Fernsehen, Kassensturz vom 21.06.2011

[2] Vgl. NZZ Online, Nachrichten, Politik vom 27.11.2011

[3] Vgl. Pressemitteilung SGB

[4] Bzw. 3800 Franken bei einer Anstellung von 40 Stunden pro Woche

[5] Vgl. Schweizerischer Arbeitgeberverband, Pressemitteilung vom 25.01.2011

[6] Vgl. Buhmann et. al. 1988

[7] Vgl. O’Higgins et. al. 1992

[8] Vgl. Bundesamt für Statistik, Schweizerische Lohnstrukturerhebung 2008

[9] Vgl. Hagenaars 1991

[10] Vgl. Gerfin et. al. 2002, S. 31

[11] Vgl. Danziger et. al. 1979

[12] Vgl. Gerfin et. al. 2002, S. 29

[13] Vgl. Hickel 2005, S143f.

[14] Vgl. Streuli et. al. 2001, S. 3f.

[15] Vgl. SAKE 2007, Bundesamt für Statistik 2008

[16] Vgl. BFS 2008

[17] Vgl. SKOS 2011

[18] Vgl. Streuli et. al. 2001, S. 9

[19] Wir nehmen eine Teuerung von 1.5% pro Jahr an.

[20] Vgl. Smith 1776

[21] Vgl. Schulten et. al. 2006, S127

[22] Vgl. Ragacs 2003, S. 5

[23] Vgl. Ribhegge 2008, S277

[24] Vgl. Stigler 1946, S. 359; vgl. Sesselmeiner et. al. 1998, S. 45

[25] Vgl. Stigler 1946, vgl. Wagner et. al. 2004, S. 32f.

[26] Vgl. Schulten et. al. 2006, 34

[27] Vgl. Bosch et. al. 2009, S. 27ff.; Schulten et. al. 2006, 125f.

[28] Vgl. Bartsch 2009, S. 23ff.

[29] Vgl. Card et. al. 1995, S. 355ff.; Manning 2006

[30] Vgl. Card et. al. 1995, S. 355ff.; Rothschild 1988, S. 40ff.

[31] Vgl. Akerlof et. al. 1986

[32] Vgl. Bosch et. al. 2009, S. 32

[33] Eigene Darstellung; Vgl. BFS, SAKE, EUTROSTAT (Anhang 3)

[34] Vgl. Iversen et. al. 1998

[35] Vgl. Bonoli et. al. 2001, S. 83f.

[36] Vgl. BFS 2011 (Anhang 2)

[37] Eigene Darstellung; vgl. BFS, SAKE, LSE, EUROSTAT (Anhang 4)

Ende der Leseprobe aus 48 Seiten

Details

Titel
Ein nationaler Mindestlohn zur Armutsbekämpfung?
Untertitel
Eine volkswirtschaftliche Analyse der SGB-Mindestlohninitiative
Hochschule
Universität Bern
Note
1.5
Autoren
Jahr
2011
Seiten
48
Katalognummer
V187876
ISBN (eBook)
9783656112778
ISBN (Buch)
9783656113058
Dateigröße
874 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
In dieser Arbeit werden am Anfang die theoretischen Grundlagen von Mindestlöhnen Diskutiert. Danach werden Erfahrungen aus dem internationalen Ausland (USA, FR, EN, OECD) diskutiert bezüglich den Auswirkungen von Mindestlöhnen auf die Beschäftigung, den Lohn, das Einkommen, die Armutsbekämpfung und die Unternehmensmargen. Am Schluss werden die Auswirkungen für die Schweiz anhand der SGB-Mindestloninitiative diskutiert.
Schlagworte
Mindestlohn, Schweiz, England, USA, Frankreich, OECD, Beschäftigung, SGB, Arbeitslosigkeit, Armut, Einkommen, Lohn
Arbeit zitieren
Michael Obrist (Autor)Dominic Schorneck (Autor), 2011, Ein nationaler Mindestlohn zur Armutsbekämpfung?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187876

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