Identitätsstiftung in den autobiographischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings


Examensarbeit, 2007
125 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitende Bemerkungen und Darlegung der Vorgehensweise

2. Definition und Differenzierung der Begriffe Persönlichkeit, Identität und Individualität
2.1 Persönlichkeit
2.2 Identität
2.3 Individualität

3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Lebensgeschichte
3.1 Die Gattung Autobiographie
3.1.1 Allgemeines
3.1.2 Jung-Stillings autobiographische Texte
3.1.2.1 Formale Besonderheiten
3.1.2.2 Dialoge als Mittel der Identitätsstiftung
3.1.2.3 Erzählerreflexionen und –anmerkungen
3.2 Voraussetzungen
3.2.1 Historische Fakten
3.2.1.1 Politik, Wirtschaft und Gesellschaft
3.2.1.2 Literatur und Philosophie
3.2.1.3 Die Entstehung des Bedürfnisses nach Identitätsstiftung
3.2.2 Jung-Stillings persönliche Voraussetzungen
3.2.2.1 Besonderheitsstatus und Aufstiegswillen
3.2.2.2 Jung-Stillings Außenseitertum: Probleme der Integration in soziale Umfelder
3.3 Identitätsfundamente
3.3.1 Natur
3.3.1.1 Gemütsverfassung und Natur
3.3.1.2 Naturbezüge auf stilistischer Ebene
3.3.2 Geistesgeschichtlicher und wissenschaftlicher Kontext
3.3.2.1 Literatur
3.3.2.2 Philosophie
3.3.2.3 Wissenschaft
3.3.3 Religion
3.3.3.1 Religiosität des Stillingschen Umfeldes
3.3.3.2 Ein Leben nach Gottes Führung
3.3.3.3 Darlegung religiöser Überzeugungen auf stilistischer Ebene und in Verknüpfung mit anderen Themen

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitende Bemerkungen und Darlegung der Vorgehensweise

Versucht ein Mensch sich an sein eigenes Leben zu erinnern, so ist davon auszugehen, dass ihm zunächst eine ungeordnete Flut von Bildern und Eindrücken in den Sinn kommt, welche es zu sortieren und chronologisch anzuordnen gilt, zumal wenn er sich das Ziel gesetzt hat, die eigenen Erinnerungen auch anderen Menschen zu übermitteln. Letzteres ist wohl vor al­lem beim Verfassen einer Autobiographie der Fall, wobei der Umstand, dass diese somit aus subjektiven Wirklichkeitseindrücken hervorgeht, welche objektiv gesehen als wenig zuverläs­sige Quelle gelten müssen, die Gattung im Gegensatz zu rein fiktionalen Texten in ein beson­deres Licht rückt: Obwohl Autobiographien (im Gegensatz zu Romanen beispielsweise) als der Wahrheit verpflichtet angesehen werden, verläuft in ihnen die Grenze zwischen Fiktion und Wirklichkeit überaus fließend, so dass sie unter Umständen sogar für den Autor selbst nicht immer ganz leicht zu ziehen ist. Diese Besonderheit resultiert aus der Tatsache, dass sich aus Erinnerungen geschöpfte Informationen aufgrund ihrer geringen Exaktheit recht ein­fach (bewusst oder unbewusst) im Sinne bestimmter Absichten anordnen und interpretieren lassen, wodurch sie möglicherweise von der Realität abweichen können. Da es nun zudem (auch außerhalb autobiographischer Tätigkeit) als Grundanliegen des Menschen zu gelten hat dem eigenen Leben einen wie auch immer gearteten Sinn zu verleihen, also Sinnstiftung zu betreiben, ist die tatsächlich bewusste Realisierung eines solchen unter Umständen wirklich­keitsverfälschenden Arrangements sogar als sehr wahrscheinlich anzusehen. Spätestens seit Beginn der Moderne jedenfalls wird Sinnstiftung zu einer der bedeutendsten individuellen Aufgaben jedes Einzelnen und fordert besonders im Ausnahmefall der Abfassung einer Auto­biographie eine überlegte Darstellung der zur Verfügung stehenden Erinnerungen. Da die Voraussetzung jeder Sinngebung aber die Operation mit einem klaren Ich-Konzept ist, das in Form persönlicher Identität geschaffen und gefestigt werden muss, kann Identitätsstiftung somit gewissermaßen als anthropologische Konstante angesehen werden. Diese dient hierbei verschiedenen Anliegen: Sie soll dem eigenen Leben Beständigkeit verleihen, Entscheidun­gen legitimieren, eine Absicherung der Wahl des persönlichen Lebenswegs gewährleisten und so die Gewissheit liefern, die eigene Lebensführung gegenüber anderen behaupten und schüt­zen zu können.

Von großer Bedeutung werden diese Anliegen besonders für den modernen Menschen, da dieser sich zeitlebens mit einer Vielzahl von Möglichkeiten und Optionen auseinander setzen muss, welche ihn in einem bis dato unbekannten Maße zu Entscheidungen zwingen, die es anschließend unter Umständen auch zu legitimieren gilt[1]. Insbesondere im oben genannten Fall der Niederschrift einer Autobiographie wird diese Aufgabe nun virulent, da eine solche den eigenen Lebenslauf gewissermaßen zu einem greifbaren Gebilde macht, weshalb der Autor auch im Hinblick auf eine literarische Durchgestaltung seines Werkes mehr oder minder ver­pflichtet ist einerseits sich selbst und andererseits seinen Lesern einen Leitfaden an die Hand zu geben, an welchem sich das beschriebene Dasein orientiert und ausrichten lässt[2]. Auf den Punkt gebracht bedeutet dies also: Mit Beginn der Moderne im 18. Jahrhundert wird Identi­tätsstiftung erstmals zu einer entscheidenden Kategorie autobiographischer Selbstdarstellung, deren Untersuchung aufgrund ihrer Neuartigkeit und Ungewöhnlichkeit gerade in einem Werk jener geschichtlichen Epoche überaus faszinierend erscheint. In Anlehnung an diese Erkenntnis hat sich die vorliegende Arbeit deswegen zum Ziel gesetzt, Identitätsstiftung in einer der „bedeutendsten christlichen Autobiographien des 18. Jahrhunderts“[3], den autobiogra­phischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings, nachzuweisen und zu beleuchten, wobei die konkrete Wahl dieses Werkes neben der prinzipiellen Gattungsprädestination und der Einschätzung Schwinges auf mehrere Gründe zurückzuführen ist.

Zunächst einmal schildern die interessierenden Texte beinahe das gesamte Leben des Autors, so dass eine umfassende Darstellung desselben gewährleistet ist, was bedeutet, dass Ent­wicklungen von frühester Kindheit bis ins hohe Alter berücksichtigt werden können, wodurch Die Gefahr einer „epischen Emanzipation der geschilderten Vorgänge“, wie Müller sie im Falle einer ausschnitthaften Lebensschilderung sieht, besteht somit nicht[4]. Des Weiteren ist die Entste­hungsepoche der Lebensgeschichte Jung-Stillings in mehrfacher Hinsicht interessant, was zum einen auf die bereits erwähnte Vorbedingung zurückzuführen ist, nach welcher Iden­titätsstiftung erst in der Moderne zur entscheidenden Aufgabe des Menschen wird. Diese Prämisse bedingt eine generelle zeitliche Einschränkung der in Frage kommenden Texte auf etwa die letzten 250 Jahre, da die Festlegung des Beginns der Moderne in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhun­derts trotz heftiger Diskussionen in der Wissenschaft auf einen relativ breiten Konsens stößt[5]. Das Leben Jung-Stillings, welcher im Jahre 1740 geboren wurde, fällt somit gewissermaßen in die Geburtsstunde der interessierenden Makroepoche, welche laut Kemper „ein gegen­wartsoffenes Zeitkontinuum“ darstellt[6], wodurch die Jung-Stillingsche Autobiographie und die darin betriebene Identitätsstiftung eine besondere Qualität erhalten, die aufgrund des fehlenden Gegenwartsbezugs in früheren Werken und aufgrund der feh­lenden Schwellensituation in späteren Texten nicht zu finden ist.

Zum anderen ist der Begriff Entstehungsepoche hier nicht nur im Sinne einer historischen Epoche zu verstehen, sondern auch in Bezug auf den ausgedehnten zeitlichen Rahmen, wel­cher der Abfassung und Veröffentlichung der Lebensgeschichte des Siegerländers zugrunde liegt: Die Autobiographie besteht aus mehreren Büchern, welche zu unterschiedlichen Zeiten innerhalb einer Spanne von 40 Jahren entstanden sind. Hinsichtlich des geschilderten persön­lichen Entwicklungsgangs ergibt sich in Jung-Stillings Text somit eine bemerkenswerte Dopplung, da zum einen der Protagonist Heinrich Stilling, wie zu erwarten, durch den Auto­biographen gezielt in seiner Evolution beschrieben wird, zum anderen aber auch der Autobio­graph selbst über die Jahre der Textentstehung hinweg eine Entwicklung durchlebt, welche sich natürlich ebenfalls im Text niederschlägt[7].

Bezüglich der konkreten Vorgehensweise in der vorliegenden Arbeit wird nun die oben ent­wickelte Überzeugung vorausgesetzt, dass die zu untersuchende Identitätsstiftung gewisser­maßen eine Grunddisposition des modernen Menschen darstellt, weshalb sie also auch in der Lebensgeschichte Jung-Stillings anhand einer Textanalyse nachgewiesen wer­den kann. Zu diesem Zweck ist es jedoch zunächst nötig eine allgemeine Definition des im Folgenden zentralen Begriffs „Identität“ in Abgrenzung von den Ausdrücken „Persönlichkeit“ und „Individualität“ voranzustellen, um eine eindeutige Verständigungsgrundlage zu schaffen, auf welche in der gesamten Arbeit bei Bedarf zurückgegriffen werden kann. Die so entwi­ckelte Basis dient hierbei der Vermeidung von Missverständnissen, die aus dem breiten Be­deutungsspektrum der Begriffe resultieren können.

Ebenfalls im Sinne einer vorbereitenden Definitionsarbeit ist die sich hieran anschließende allgemeine Beschäftigung mit der Gattung Autobiographie zu sehen, in der es darum gehen soll generelle Textsortenmerkmale darzulegen, um somit unabhängig vom konkreten Werk und dessen Inhalt den theoretischen Rahmen abzustecken, in dem die zu untersuchende Auto­biographie anzusiedeln ist. Dies erleichtert die Analyse der Jung-Stillingschen Texte in Bezug auf deren äußere Form und ermöglicht einen Abgleich derselben mit prinzipiell vorhandenen Normen. Ein besonderes Augenmerk muss in diesem Zusammenhang auf vorliegende Abwei­chungen vom generellen Gattungsprinzip gelegt werden, da konzeptionelle sowie erzähltech­nische Auffälligkeiten großteils als vom Autor bewusst gewählte Divergenzen verstanden werden müssen, die einen nicht zu unterschätzenden Beitrag zur Untersuchung der Identitäts­stiftung leisten können. Im Anschluss daran wird deswegen eine erste Phase der Textanalyse fol­gen, die sich den in der Autobiographie in ungewöhnlicher Häufigkeit vorhandenen Dialogen und Erzählerreflexionen bzw. –anmerkungen widmet, da beide Phänomene jeweils als Beispiele oben genannter erzähltechnischer Auffälligkeiten verstanden werden müssen.

Über die formale Betrachtung hinaus ist es zudem wichtig die Entstehungsprämissen der Au­tobiographie Jung-Stillings zu beleuchten, um die verschiedenen Voraussetzungen nachvoll­ziehen zu können, welche den vorhandenen Bemühungen der Stiftung von Identität zugrunde liegen. Dies bedeutet, dass zum einen die Entstehungsepoche des Werkes und zum anderen die persönliche Situation des Autobiographen einer näheren Betrachtung unterzogen werden müssen, wobei historisch allgemeine Informationen über die Entstehungszeit vor allem des­wegen bedeutsam sind, weil die spezifischen geschichtlichen und gesellschaftlichen Gege­benheiten des ausgehenden 18. sowie des beginnenden 19. Jahrhunderts aufgrund der Befan­genheit des Autobiographen in seiner Umwelt gerade in Bezug auf die zu untersuchende Identitätsstiftung als bemerkenswert gelten müssen[8]. Die zu diesem Zweck vorgesehenen Unter­kapitel 3.2.1.1 bis 3.2.1.3 befassen sich demnach mit jeweils unterschiedlichen histori­schen Aspekten und dienen zunächst der textunabhängigen Faktensammlung, bei welcher zwar ein Bezug zu Jung-Stilling hergestellt wird, dessen aus dem Text zu erschließende sub­jektive Darstellung jedoch ausgeblendet werden soll. Erst im Anschluss hieran ist dann eine textgebundene Betrachtung der empfundenen und vermittelten persönlichen Voraussetzungen des Autobiographen angebracht, welche besonders im ersten Buch der Autobiographie thematisiert werden. Hier veranschaulicht Jung-Stilling eine Ausgangssi­tuation, welche einen ungewöhnlichen Lebensweg bereits erahnen lässt, der den Text auf­grund der (gattungstypischen) Tatsache, dass jeder Autobiograph stets zugleich Subjekt und Objekt seines Werkes ist, zweifach prägt.

Die eingeleitete Textanalyse kann dann vor dem Hintergrund der gesammelten Informationen verstärkt auf die Untersuchung der Identitätsstiftung Jung-Stillings in der gesamten Lebensge­schichte fortgeführt werden, auf welcher der Hauptfokus der vorliegenden Arbeit liegen soll. Zur Wahrung der Übersichtlichkeit ist hierfür eine Einteilung der verschiedenen Bemühungen zur Identitätsstiftung gemäß der von Jung-Stilling genutzten Identitätsfundamente angebracht, wobei unter Identitätsfundamenten in vorliegendem Zusammenhang die verschiedenen Basen verstanden werden sollen, auf die der Autobiograph die Beschreibung und vor allem die In­terpretation seines eigenen Lebens in unterschiedlichem Maße stützt. Solche Identitätsfunda­mente unterliegen innerhalb der jeweils personen- und zeitspezifisch denkbaren Möglichkei­ten der freien Wahl jedes Individuums und können in Anzahl und Eindeutigkeit je nach Text variieren. Im konkret vorliegenden Fall werden besonders die Bereiche „Natur“, „Geistesge­schichtlicher und wissenschaftlicher Kontext“ (mit den Teilgebieten „Literatur“, „Philoso­phie“ und „Wissenschaft“) sowie „Religion“ als genutzte Fundamente wichtig, wobei deren Relevanz für den Autobiographen jedoch durchaus unterschiedlich ist und sich im Laufe der relativ langen Entstehungszeit der gesamten Lebensgeschichte auch teilweise verlagert. Trotz dieser Varianzen gilt aber letztlich, dass die Nutzung jener verschiedenen Basen dem Auto­biographen eine Identitätsstiftung erlaubt, mit Hilfe derer es ihm ermöglicht wird seinem Da­sein einen bestimmten Sinn einzuschreiben, welcher im Laufe des Werks zunehmend in der Vermittlung eines erkannten Ursprungsziels mündet, dessen konsequente Inszenierung den ungewöhnlichen Lebensweg Jung-Stillings schlussendlich legitimieren soll. Welche Be­deutung den einzelnen Identitätsfundamenten hierbei im Allgemeinen und im Einzelnen zu­kommt und wie deren Darstellung und Gebrauch sich in den verschiedenen autobiographi­schen Büchern niederschlägt und verändert, soll dann mittels einer detaillierten Textanalyse exemplarischer Passagen in jeweils eigenen Unterkapiteln untersucht werden. Jene Unterglie­derung in einzelne Kapitel dient hierbei hauptsächlich der Anschaulichkeit, ohne der komple­xen Struktur der vorhandenen Identitätsstiftung allerdings vollkommen gerecht werden zu können.

Die erläuterten Punkte zusammenfassend kann somit resümiert werden, dass die vorliegende Arbeit es sich zur Aufgabe macht anhand der Jung-Stillingschen Autobiographie ein mög­lichst umfassendes Gesamtbild der Identitätsstiftung des Autors zu vermitteln, dessen Le­bensgeschichte aufgrund ihrer Entstehungszeit und Ausführlichkeit in jeder Hinsicht als gera­dezu ideales Untersuchungsobjekt angesehen werden muss.

2. Definition und Differenzierung der Begriffe Persönlichkeit,
Iden­tität und Individualität

Die für die vorliegende Arbeit in unterschiedlichem Grade bedeutsamen Begriffe Identität, Persönlichkeit und Individualität zeichnen sich durch die Gemeinsamkeit aus jeweils sehr weite semantische Felder aufzuspannen, welche miteinander verwandt sind und in welchen sich alltagssprachliche und wissenschaftliche Elemente vermischen, so dass es sich aufgrund der je nach Auslegung vorhandenen Bedeutungsüberschneidungen weder als trivial heraus­stellt die drei Begriffe eindeutig zu definieren, noch sie voneinander abzugrenzen. Da sie je­doch dennoch keinesfalls als Synonyme angesehen werden dürfen und der Fokus im Folgen­den auf der Untersuchung von Identitätsstiftung liegen soll, muss eine solche Differenzierung zum Zwecke einer problemlosen Verständigung für die vorliegende Arbeit als von immenser Wichtigkeit angesehen werden. Es ist somit erforderlich zunächst einige knappe Definitionen aufzustellen, welche der Vermeidung von Missverständnissen aufgrund begrifflicher Unge­nauigkeiten dienen können und eine für die weiteren Betrachtungen verbindliche Basis bereit­stellen, auf welche jeweils zurückgegriffen werden kann. Hierbei muss bedacht werden, dass die im Folgenden dargelegten Begriffsbestimmungen stark vereinfachende Ansätze darstellen, welche sich zwar an die aktuelle Forschung anlehnen, diese aber nicht detailliert referieren wollen oder können, zumal für die hier zu untersuchende Fragestellung ein grobes Bild der­selben ausreichend erscheint. Die gemachten definitorischen Aussagen gelten vor allem der Schaffung einer für diese Arbeit gültigen Basis, welche aufgrund anderer Prioritäten eine sehr verkürzte und auf die speziell hier untersuchte Problemstellung zugeschnittene Darstellung der Begriffsbedeutungen beinhalten soll.

2.1 Persönlichkeit

Obwohl der Hauptfokus der folgenden Untersuchungen auf der Identitätsstiftung Jung-Stil­lings liegt, so ist doch zunächst die Definition des Begriffs Persönlichkeit von Nöten, da diese im Zusammenhang mit der Definition von Identität vorausgesetzt werden muss, wie die fol­genden Erläuterungen deutlich machen werden. Unter dem Begriff Persönlichkeit soll nach­folgend mit Asendorpf „die Gesamtheit aller […] Eigenschaften (Dispositionen und Gestalt­eigenschaften) [eines Menschen] verstanden [werden], in denen er sich von anderen Men­schen unterscheidet“[9], was bedeutet, dass bei Aussagen über Persönlichkeit „primär die interin­dividuellen Unterschiede“ berücksichtigt werden müssen[10]. Allport unterteilt die erwähn­ten Eigenschaften zu diesem Zweck in drei Gruppen, welche für die Identitätsstiftung von unterschiedlicher Bedeutung sind: die Kardinaleigenschaften (d.h. fundamentale Charak­terzüge), die Zentralen Eigenschaften (d.h. wichtige Merkmale) und die Sekundären Eigen­schaften (d.h. weniger wichtige Merkmale)[11]. Da die Kardinaleigenschaften als sehr zeitstabil gelten und somit den jeweils individuellen Charakter des Menschen zu einem Großteil bestimmen, müssen sie als für die folgenden Überlegungen am bedeutendsten angesehen wer­den, da die aus dem Charakter resultierenden Verhaltensbereitschaften und Wesenszüge nun wiederum als Grundlage für die Identitätsstiftung des jeweiligen Individuums dienen, indem sie beispielsweise darüber entscheiden welche Identitätsfundamente für den jeweiligen Men­schen in Frage kommen. Mit anderen Worten ausgedrückt bedeutet dies also, dass Persön­lichkeit im Folgenden gewissermaßen als eine stets vorhandene stabile Basis anzusehen ist, die unabhängig vom Willen des Individuums den Hintergrund bereitstellt, vor welchem sich Identitätsstiftung erst abspielen kann. Willensunabhängigkeit resultiert hierbei aus der Tatsa­che, dass genetische Voraussetzungen und Erziehung vor allem in der frühen Kindheit für die Ausbildung der jeweiligen Kardinaleigenschaften von Bedeutung sind[12], was zur Folge hat, dass eine bewusste Einflussnahme kaum oder überhaupt nicht möglich ist. In diesem Punkt nun liegt der zentrale Unterschied zwischen Identität und Persönlichkeit, da erstere als vari­able Größe angesehen werden muss, welche sich nach Maßgabe persönlicher Dispositionen verändern kann, während letztere diese Dispositionen bereitstellt und somit das beständige innere Fundament liefert, welches den gewissermaßen äußerlich ablaufenden Bemühungen zur Identitätsstiftung zugrunde liegt.

2.2 Identität

Vor dem Hintergrund menschlicher Persönlichkeit lässt sich nun auch der für die vorliegende Arbeit zentrale Begriff der Identität definieren. Wichtig scheint hierbei zunächst die Unter­scheidung zwischen Personaler Identität auf der einen Seite und Kollektiver Identität auf der anderen Seite, welche von jeweils verschiedenen Bezugsgrößen ausgehen. Erstere ist auf ein einzelnes Individuum bezogen, während letztere für eine mehr oder minder klar umrissene Gruppe von Individuen Gültigkeit hat, die in ihrer Größe von einigen wenigen Einzelpersonen bis hin zu Nationen, Kulturen oder Sprachgemeinschaften variieren kann. Bereits die enorme Bandbreite der somit zu berücksichtigen Bezugsbasis kann hierbei verdeutlichen, dass die Definition kollektiver Identität sich als weitaus schwieriger und ungenauer herausstellt als die Definition personaler Identität, bei welcher zumindest von greifbaren einzelnen Personen ausgegangen werden kann. Da ein Kollektiv an sich nun nicht wie eine Einzelperson über eine Persönlichkeit (d.h. über bestimmte Charakterzüge, über natürliche Merkmale oder Eigen­schaften) verfügt, kann die Identität eines Kollektivs auch nicht unabhängig von seinen Mit­gliedern definiert werden, da es eben jene leiblichen, sich zu einer bestimmten Gruppe zuge­hörig fühlenden Personen sind, welche die Voraussetzungen zur Bildung einer gemeinsamen Identität mitbringen müssen. Kollektive Identität ist demnach lediglich als „eine näher zu spe­zifizierende Gemeinsamkeit im praktischen Selbst- und Weltverhältnis sowie im Selbst- und Weltverständnis Einzelner“ zu verstehen[13], wobei eben diese Gemeinsamkeit die Einzelperso­nen zu einem Kollektiv werden lässt. Zwar wirkt diese Definition recht vage, ist für die vor­liegende Arbeit jedoch als ausreichend anzusehen, zumal im Falle Jung-Stillings vor allem die Stiftung personaler Identität interessieren wird. Deren Definition nun ist weitaus präziser fassbar, was allein schon auf der Tatsache beruht, dass hier von leiblichen Einzelpersonen ausgegangen werden kann.

Um sich dem Begriff anzunähern ist zunächst die folgende knappe Definition sehr hilfreich, in welcher nicht nur die wichtigsten Komponenten personaler Identität zusammengefasst werden, sondern die zudem auf die im vorliegenden Fall speziell interessierende Stiftung von Identität be­zogen werden kann. Demnach lässt sich Personale Identität abgeleitet vom spätlateinischen identitas (= Wesenseinheit) als „die subjektive Verarbeitung biographischer Kontinuität / Diskontinuität und ökologischer Konsistenz / Inkonsistenz durch eine Person in Bezug auf Selbstansprüche und soziale Anforderungen“[14] bestimmen. Gemäß dieser Definition muss also davon ausgegangen werden, dass jedes Individuum über eine gewisse Persönlichkeit ver­fügt, welcher es durch die Schaffung von Identität vor dem Hintergrund ablaufender Verände­rungen oder vorhandener Unveränderlichkeiten Kontinuität und Stabilität zu verschaffen sucht. Kontinuitäten und Diskontinuitäten sowie Konsistenz und Inkonsistenz können hierbei entweder vom Individuum selbst ausgehen (z.B. Eheschließung) bzw. es zumindest direkt betreffen (z.B. Tod eines Familienangehörigen) oder aber zunächst unabhängig von biogra­phischen Faktoren von seiner Umwelt ausgehen (z.B. Hereinbrechen eines Krieges). Interes­sant erscheint dabei vor allem, dass nicht nur Veränderungen sondern auch Beständigkeit ei­ner Verarbeitung bedarf, da beispielsweise auch das Verharrenmüssen in gegebenen und blei­benden Zuständen zu Konflikten und Problemen führen kann (ohne dies freilich zwangsläufig zu müssen), wie nicht zuletzt die noch folgenden Ausführungen zu Jung-Stillings Autobio­graphie zeigen werden.

Ein Manko jener Definition besteht allerdings darin, dass sie Identität ausschließlich als Vor­gang zu fassen versucht, was der Bedeutungsweite des Begriffs nicht gerecht wird. Deshalb muss noch eine weitere Definition herangezogen werden, nach welcher „Identität als Kon­strukt und stets nur vorläufiges Resultat einer lebenslangen Entwicklung“, also als „Aspira­tion“, zu verstehen ist[15], wobei der entscheidende Unterschied beider Definitionen eben darin liegt, dass in der ersten Identität als „Verarbeitung“ bezeichnet wird, während in der zweiten Identität als „Resultat“ aufgefasst wird. Dadurch wird der Fokus einmal auf eine bestimmte bereits erlangte Identität gelegt, die als eine Art zeitweise gültiges Stadium verstanden werden muss, und andermal der jeweilige Übergang von einem solchen Identitätsstadium zum nächs­ten bzw. das Ringen nach Erhalt eines bestimmten Stadiums in den Mittelpunkt gestellt. Jene Differenz beider Definitionen erinnert hierbei an die unterschiedlichen Auffassungen Tu­gendhats und Luhmanns, da ersterer davon ausgeht, „daß [es] Identitäten, welcher Form auch immer, einfach gibt, während LUHMANN der Ansicht ist, daß jede Identität in einem aktiven Prozeß hergestellt werden muß.“, wie Meuter erläutert[16].

Die tatsächliche Bedeutung Personaler Identität, wie sie auch für die vorliegende Arbeit ver­bindlich sein soll, ergibt sich demnach durch eine Verquickung beider Definitionen: Identität meint somit ein auf der einzigartigen Persönlichkeit eines Menschen basierendes individuelles Konstrukt, welches aufgrund auftretender Veränderungen oder bestehender Unveränderlich­keiten von jedem Individuum stets aufs Neue geschaffen werden muss, wobei die Schaffung jeden neuen Identitätsstadiums immer vor dem Hintergrund eines bereits bestehenden älteren Stadiums zu sehen ist und vorhandene Selbstansprüche, die aus der jeweiligen Persönlichkeit resultieren, ebenso berücksichtigt werden müssen, wie aus der Umwelt des Individuums her­vorgehende soziale Anforderungen.

Darüber hinaus scheint nun allerdings noch die Frage interessant, was genau unter der Stif­tung von Identität im Zusammenhang mit Autobiographien zu verstehen ist. Willert fasst die entscheidenden Kriterien hierfür recht treffend zusammen und erläutert, dass in Autobiogra­phien „eigene Identität begründet und dem Publikum als eine empfangene vorgeführt werden soll.“[17]. Das bedeutet also, dass im Wesentlichen zwei eng verzahnte Komplexe berücksich­tigt werden müssen, nämlich einerseits die vom Autor bewusst inszenierten sowie die eventu­ell unbewusst im Text vorhandenen Belege seiner letztendlich errungenen Identität und ande­rerseits jene inneren und äußeren Faktoren und Einflüsse, die zur Entwicklung eben dieser Identität geführt haben.

2.3 Individualität

Die Beschäftigung mit dem Begriff Individualität, welche dieses Kapitel abschließen soll, hat eine überaus lange Tradition, die bis in die Antike zurück reicht, weshalb es recht schwierig erscheint eine knappe Definition zu finden, welche der historischen Breite der Begriffsbe­deutung gerecht wird[18]. Um diese Aufgabe zu vereinfachen, ist es daher angebracht im Folgen­den eine Eingrenzung des zu berücksichtigenden zeitlichen Rahmens vorzunehmen, die eine Konzentration auf die in vorliegendem Zusammenhang ohnehin einzig relevante Makroepoche der Moderne bedingt. Daraus resultiert eine Beschränkung des Individualitäts­begriffs auf den von Luhmann entwickelten Terminus der Exklusions-Individualität, die im Gegensatz zur bis dato gültigen Inklusions-Individualität steht, und unter welcher, vereinfa­chend gesprochen, im Grunde die Unverwechselbarkeit und Einzigartigkeit jeden menschli­chen Wesens zu verstehen ist, also „das, was es von allen anderen unterscheidet“[19]. Diese Exklusions-Individualität, „die nicht mehr durch den Stand, durch Geburt und Tradition gege­ben ist“, sondern „durch soziale Differenzierung, durch Abweichung von den anderen Perso­nen, erworben werden“ muss[20], ist an jene Entwicklungen der letzten Jahrhunderte gebunden, welche eine Ausdifferenzierung der Gesellschaft in funktionale Teilbereiche verursacht, was bedeutet, dass sie auf die bereits angesprochene Schwellensituation des 18. Jahrhunderts re­kurriert: Die vorher im Ständesystem gefangenen und somit fest in der Gesellschaft veran­kerten Individuen werden in eine Außenstellung zur Gesellschaft gedrängt, da sie „nicht mehr nur einem gesellschaftlichen Teilsystem angehören“[21], d.h. sie fallen einer Exklusion anheim. Diese darf allerdings nicht als Exklusion im Sinne eines Ausschlusses aus einer sozialen Gruppe gedeutet werden, sondern meint vielmehr eine extrem gesteigerte Bezugnahme des Individuums auf seine persönliche Einzigartigkeit[22]. Aus der in der Moderne schließlich neu erworbenen Pluralität der Möglichkeiten resultiert schließlich das typische Problem des modernen Menschen, welches mit Hilfe der etwas alltagssprachlichen jedoch treffenden Formulierung Eibls und Willems’ auf den Punkt gebracht werden kann: „Man ist überall […] irgendwie beteiligt, aber man gehört nirgends ganz dazu“[23] und welches bereits Locke erkennt, wenn er betont, dass die „exklusive Individualität, […] gerade nicht allgemein ist.“[24]. Individualität ergibt sich für den modernen Menschen also nicht mehr aus seiner sozialen Inklusion, d.h. vereinfacht ausgedrückt aus seiner „zugewiesenen Rollendefinition“[25], sondern aus seiner sozialen Exklusion, d.h. seiner Einzigartigkeit und Subjektivität, welche in vorliegendem Kontext mit Meyer-Drawe als eine „Zentralfigur von Sinnstiftung“[26] verstanden werden muss und sich somit von anderen irgendwie gearteten Selbstbeziehungen abhebt, die sicherlich zu allen Zeiten im menschlichen Denken zu finden sind.

Wichtig für die im Folgenden zu untersuchende Identitätsstiftung ist nun das Verhältnis, in welchem Individualität mit den bereits definierten Termini Persönlichkeit und Identität steht. Ein Zusammenhang der Begriffe ergibt sich insofern, als unter Individualität im modernen Sinne die Einzigartigkeit des Individuums, und damit auch die Unverwechselbarkeit von des­sen Persönlichkeit, verstanden werden kann. Da die menschliche Persönlichkeit ihrerseits nun wiederum als die der Identitätsstiftung zugrunde liegende Basis definiert wurde, bedeutet dies also, dass Individualität (über die Zwischenstufe der Persönlichkeit) ebenfalls als Vorausset­zung für Identitätsstiftung angesehen werden muss[27]. Das bedeutet, dass die Entstehung einer Exklusions-Individualität somit im Grunde zur Vorbedingung für Identitätsstiftung überhaupt wird, was die These stützt, dass erst die sich im 18. Jahrhundert durchsetzenden Bedingungen der Moderne ein dringendes Bedürfnis nach Iden­titätsstiftung verursachen.

3. Identitätsstiftung in Jung-Stillings Lebensgeschichte

Wie anhand der Erläuterungen im ersten Kapitel bereits gezeigt wurde, kann von einer deutli­chen Identitätsstiftung in den autobiographischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings aus­gegangen werden, welche im Folgenden anhand der Untersuchung ausgewählter Textbelege nachgewiesen und illustriert werden soll. Die übrigen nicht direkt textgebundenen Kapitel und Kapitelabschnitte dienen der Darlegung bedeutsamer Hintergrundinformationen, welche für die Bearbeitung der eigentlichen Fragestellung vorausgesetzt werden müssen.

3.1 Die Gattung Autobiographie

Um im Folgenden die formalen Besonderheiten der literarischen Selbstdarstellung Jung-Stil­lings herausarbeiten zu können, scheint es in Vorbereitung der Textanalyse angebracht einen allgemeinen Blick auf die Textsorte Autobiographie zu werfen, um so Gesetzmäßigkeiten und Erwartungen zu verdeutlichen, denen die Gattung verpflichtet ist und die einen anschließen­den Abgleich vorhandener Normen mit der konkreten Lebensgeschichte Jung-Stillings er­möglichen. Die notwendigen Informationen stammen hierbei, soweit nicht explizit ein anderes Werk als Quelle genannt, wird aus Klaus-Detlef Müllers Text „Autobiographie und Roman[28].

Wie eine Beschäftigung mit der entsprechenden Sekundärliteratur jedoch schnell zeigen kann, ist dieses Vorhaben keineswegs so einfach zu bewerkstelligen, wie es zunächst den Anschein hat, was sich im Wesentlichen auf zwei Punkte zurückführen lässt: Zum einen stellen auto­biographische Texte über eine lange Zeit hinweg eine reine Zweckform dar, weshalb sie im Sinne einer literarischen Gattung nur wenig Beachtung finden, und zum anderen divergiert die Gattung in ihren konkreten Ausprägungen derart stark, dass Wuthenow gar so weit geht zu sagen, dass es „so viele Typen von Selbstdarstellung und Autobiographie [gibt], wie es im Schreiben sich erinnernde Menschen gibt“[29]. Diese Einschätzung ist zwar nicht ganz von der Hand zu weisen, muss aber dennoch als Übertreibung angesehen werden, zumal wenn man von einer Betrachtung der Autobiographien eines bestimmten Zeitraums, in vorliegendem Falle des 18. und frühen 19. Jahrhunderts, ausgeht. So ist es entgegen der Einschätzung Wuthenows durchaus möglich die wichtigsten Informationen zur Gattung Autobiographie zu zusammenzutragen, was im folgenden Kapitel geschehen soll.

3.1.1 Allgemeines

Generell kann in Anlehnung an Wayne Shumaker davon ausgegangen werden, dass autobio­graphische Texte in drei Haupttypen untergliedert werden müssen, welche alle der allgemei­nen Definition einer „Beschreibung (graphia) des Lebens (bios) eines Einzelmenschen durch diesen selbst (auto)“ zuzurechnen sind[30]: Die res gestae (Memoiren), welche als älteste Form angesehen werden müssen und für gewöhnlich die Schilderung eines Individuums als Träger einer sozialen Rolle beinhalten, die reminiscence (Erinnerungen), die sich mit der Schilderung eines eng umrissenen Zeitraums, eines bestimmten Ortes oder eines bestimmten Ereignisses beschäftigen und die subjective autobiography, welche als die eigentliche Autobiographie im modernen Sinne verstanden werden muss und hier besonders interessieren soll, da sie als Ka­tegorie im Falle der Texte Jung-Stillings anwendbar ist[31].

In die Wege geleitet durch Vorreiter wie Augustinus und nach einer Weiterentwicklung der Gattung in der Renaissance entsteht die subjective autobiography im 18. Jahrhundert durch den Übergang autobiographischer Texte von einer vom Inhalt her definierten Zweckform zu einer literarischen Form, welche sich der Erzähltechniken des Romans bedient und bereits unmittelbar nach ihrer Entstehung ihre Blütezeit erreicht. Diese geht mit gesellschaftlichen Veränderungen einher, welche im Wesentlichen mit „dem Übergang von der stratifikatorisch gegliederten zur sozial differenzierten Gesellschaft“ in Zusammenhang stehen[32], erstreckt sich auf einen Zeitraum von etwa 1770 bis 1830 und gipfelt in Goethes „Dichtung und Wahr­heit“[33]. Der Titel jenes Werkes ist hierbei programmatisch, da er die gattungsspezifische Besonderheit aller Autobiographien auf den Punkt bringt: einerseits besteht eine Intention auf Wahrhaftigkeit, so dass Autobiographien beim Leser die Erwartung einer Wirklichkeitsaus­sage wecken, bei welcher die Realität als Legitimationsbasis genutzt wird (= Wahrheit), ande­rerseits jedoch finden sich in autobiographischen Texten immer wieder Übergänge zur Fik­tion, welche den Text kurzfristig zu einer bloßen Mimesis einer Wirklichkeitsaussage werden lassen und die Verpflichtung gegenüber der historischen Gegenständlichkeit vorübergehend aufheben (= Dichtung). Mit Hamburger bezeichnet Müller die im zweiten Fall vorhandene Einbindung erfundener Passagen in den Zusammenhang eines authentischen Wirklichkeits­stoffs in Abgrenzung von reiner Fiktion als Fingieren und schafft damit eine durchaus hilfrei­che Möglichkeit zur begrifflichen Unterscheidung der fiktiven und der wahren Textanteile, die auch in der vorliegenden Arbeit genutzt werden soll. Trotz jener vorhandenen Grenzüber­schreitungen gilt allerdings, dass bei Autobiographien prinzipiell von einem authentischen und historischen Er­zählgegenstand ausgegangen werden darf, welcher nachprüfbar ist und anhand dessen der sich erinnernde Autobiograph seine Vergangenheit auf der Suche nach Bedeutung strukturiert, durchgängig perspektiviert und Einzelelemente nach bestimmten Verknüpfungsprinzipen ver­bindet.

Hierzu stehen laut Kemper die vier verschiedenen Konstitutionsprinzipien Kontingenz, Kohä­renz, Sinn und Ursprungsziel zur Verfügung, wovon die ersten drei quasi ständig genutzt werden, während das letzte nicht zwingend Anwendung findet[34]. Kontingenz bezeichnet das einfachste Verknüpfungsprinzip, das mit Hilfe subjektiver Begründungen eine Verbindung zwischen zwei Elementen herstellen kann, die allerdings bei jeder Verknüpfung neu geschaf­fen werden muss, und im Wesentlichen für „prozessual-mitvollziehende“ Lebenszeugnisse wie Tagebücher genutzt wird, weniger allerdings in „retrospektiv-konstruierenden“ Texten wie Autobiographien[35]. Kohärenz dagegen dient der Verknüpfung von mehr als zwei Elementen und stellt eine längerfristig gültige Ordnung dar, die im Gegensatz zur Kontingenz nicht auf einmalige Begründungen, sondern auf einen durchgängigen Ordnungsgedanken rekurriert. Im Zu­sammenhang mit autobiographischen Texten von besonders großer Bedeutung ist das dritte Konstitutionsprinzip, der Sinn, welcher in Form eines individuell gesetzten Ziels einer bereits kohärenten Lebensbeschreibung eine innere Ausrichtung geben kann und eine Bewertung von Lebensabschnitten gemäß der Leitdifferenz „sinnvoll“ / „nicht sinnvoll“ ermöglicht[36]. Dabei ist jede Sinngebung immer nur als vorläufiges Resultat anzusehen, da das Leben des jeweili­gen Individuums im Falle der Niederschrift einer Autobiographie naturgemäß noch nicht be­endet ist und weitere unvorhersehbare Wendungen nehmen kann, welche die Entstehung eines neuen Sinns bewirken. Das Ursprungsziel nun, welches das vierte Prinzip darstellt, ist we­sentlich seltener vertreten, da es im Gegensatz zum Sinn keine frei wählbare Größe darstellt, sondern eine von außen gesetzte Berufung im Leben des Autobiographen repräsentiert, wel­cher ein „vormoderner Grundcharakter“ zukommt[37]. Diese extern vorgegebene Bestimmung muss hierbei sowohl Ursprung als auch Ziel des individuellen Daseins sein und behält über das gesamte Leben hinweg ihre Gültigkeit, ohne dass die Möglichkeit einer Änderung oder einer Anpassung besteht[38]. Das Ursprungsziel kann somit vom Autobiogra­phen lediglich erkannt und dann im Sinne einer Einsicht den Lesern vermittelt werden.

Als weiteres Charakteristikum der Autobiographie muss außerdem ein deutlicher Leserbezug angenommen werden. Gleiches gilt für eine durch den Autor stets vorgenommene Auswahl dessen, was er in seiner Lebensbeschreibung preisgibt, wobei als Kriterium einer Auslassung nicht nur gewolltes Verschweigen sondern auch bloßes Vergessen von Bedeutung sind, wel­ches gewissermaßen als Grundproblem in Bezug auf die Gedächtnisleistungen eines Men­schen durchaus zu beachten ist. Da Autobiographien, wie bereits in der Einleitung angedeutet, aus subjektiven Erinnerungen hervorgehen, müssen deren Spezifika zudem als Einschränkung für die Gattung angesehen werden, weshalb die Möglichkeit einer vollständigen Rekonstruktion des eigenen Lebens ausgeschlossen werden kann. Im Rahmen jener Spezifika ist außerdem besonders die fehlende Unmittelbarkeit der Selbstzeugnisse bedeutsam, da Autobiographien ja stets im Rückblick verfasst werden, wodurch die Darstel­lung aller Ereignisse an den vom Autobiographen bereits intendierten Sinn gebunden ist. So­mit können Erlebnishorizont und Erinnerungshorizont selbst dann nicht als identisch angese­hen werden, wenn der Autobiograph um größte Objektivität bemüht ist, da eine Abstraktion vom Vorwissen um das Gewordene für einen Menschen gleichsam unmöglich ist, wie unter anderem auch Schwinge anhand einiger Beispiele verdeutlicht[39].

Was die Hauptanliegen der Autoren autobiographischer Werke betrifft, sind vor allem Sinngebung in Be­zug auf das eigene Leben sowie die Stiftung von Identität zu nennen, die meist aus dem Wunsch nach Artikulation und/oder Überwindung eines Konfliktes zwischen Individuum und Welt bzw. Gesellschaft resultieren. Dementsprechend sind die in Autobiographien behandel­ten Probleme auch großteils zunächst anthropologischer Natur und werden, laut Müller, erst in zweiter Linie zu Erzählproblemen, was der vorwiegend europäischen Gattung bis heute eher eine Randstellung in der hohen Literatur verschafft, welche zumindest in ihren frühen Jahren auch mit der fast ausschließlichen Verwendung der Prosaform erklärt werden kann.

Als allgemeingültige Norm muss zudem die Identität von Autor und Protagonist angesehen werden, da per definitionem erst diese eine Lebensbeschreibung zur Autobiographie werden lässt. Zur Verdeutlichung jener Übereinstimmung wird häufig ein rückblickender Ich-Erzähler als Erzählinstanz genutzt. Die hieraus resultierende Ich-Erzählsituation, welche eine starke Begrenzung des Blickfeldes zur Folge hat, bedingt das Auftreten eines erlebenden Ichs
(= Protagonist) und eines erzählenden Ichs (= Erzähler), wodurch der Text scheinbar an Authen­tizität gewinnt, da die in der Ich-Erzählsituation vermittelte Identität von Erzähler und Prota­gonist darüber hinaus eine Gleichsetzung von Erzähler und Autor ermöglicht, die auf die vor­handene Identität von Protagonist und Autor zurückgeht. Aus dieser Übereinstimmung resul­tiert des Weiteren ein Kontinuum der Realität von den in der Autobiographie geschilderten Ereignissen der Vergangenheit zur Gegenwart des Autors hin, welche die Notwendigkeit der Überbrückung eines zeitlichen Abstandes zwischen Schreibgegenwart und erzählter Gegen­wart überflüssig werden lässt.

Die Tatsache nun, dass der Autobiograph im Rückblick über sein Leben berichtet, bedingt zudem ein Erzählen vom Ende her auf das Ende hin, welches eine typische Endlastigkeit au­tobiographischer Texte zur Folge hat, da sie stets auf die Schreibgegenwart des Autobiogra­phen, d.h. auf seine aktuellen und somit gültigen Dispositionen, zusteuern. Dennoch müssen laut Müller zwei mögliche Erzählweisen beachtet werden: Zum einen die genetische Schilde­rung, die auf das Ergebnis des Lebens hin orientiert ist und Zeit als vertikalen Verlauf ver­mittelt, und zum anderen die zuständliche Schilderung, bei der das Hauptinteresse auf einem in sich geschlossenen historischen Zusammenhang liegt, wodurch Zeit als horizontale Phase erscheint. In beiden Fällen sind weite Spektren der vermittelten Sachlichkeit und Faktizität möglich, welche von extremer Subjektivität bis zur völligen Entäußerung des Subjekts rei­chen. Darüber hinaus muss die strukturelle Zweigliedrigkeit von Autobiographien berück­sichtigt werden, welche auf deren Vorliegen als Kombination aus Erzählung und Reflexion zurückzuführen ist, die zu einer Vergegenwärtigung des Vergangenen dienen soll.

Neben jenen in der Gattung allgemeingültigen Aussagen sind außerdem verschiedene auto­biographische Sonderentwicklungen zu berücksichtigen, unter welchen die Pietistische Auto­biographie aufgrund der Herkunft und Überzeugungen Jung-Stillings hier einer kurzen Be­trachtung unterzogen werden soll. Obwohl Wuthenow den Pietismus wohl zurecht als „erste entscheidende Regung kleinbürgerlichen Selbstbewusstseins“ beschreibt[40], dessen Hang zur Verinnerlichung die Ausbildung einer Kultur der Selbstanalyse und Selbsterfahrung bewirkt, zeichnen sich pietistische Autobiographien doch gerade durch ihre Weltlosigkeit und Fakten­armut aus. Auf Augustinus zurückgehend erscheinen die Texte im Licht einer religiösen Be­kehrungsgeschichte, in welcher in geringer Konkretheit das sündenhafte Leben des Autobio­graphen bis zu seinem Bekehrungserlebnis geschildert wird[41]. Die Textform ist somit weitge­hend durch eine erbauliche Absicht und durch einen theologischen Zweck ausgezeichnet und muss als religiöse Selbstreflexion verstanden werden, in der Selbsterkenntnis und Gotteser­kenntnis zusammenfallen. Inwiefern nun die Texte Jung-Stillings in dieser Tradition stehen und/oder sich den oben beschriebenen Merkmalen und Phänomenen zuordnen lassen, soll im folgenden Kapitel untersucht werden.

3.1.2 Jung-Stillings autobiographische Texte

Nachdem einige allgemeine Bemerkungen zur Gattung Autobiographie zusammengetragen wurden, scheint es angebracht die Erfüllung bestehender Erwartungen in der Jung-Stilling­schen Lebensgeschichte zu überprüfen, wozu zunächst einige Hinweise zur Entstehung und Veröffentlichung des interessierenden Textes gemacht werden müssen. Das Werk erscheint in Form von fünf einzelnen Büchern, die in einem Zeitraum von 1777 bis 1804 getrennt ge­schrieben und veröffentlicht werden, insgesamt gesehen jedoch in genetischer Schilderungs­weise beinahe das komplette Leben Jung-Stillings nachzeichnen. Das fünfte Buch „Heinrich Stillings Lehr-Jahre“ wird durch das Kapitel „Rückblick auf Stillings bisherige Lebensge­schichte“ ergänzt, ein sechstes Buch, „Heinrich Stillings Alter“, bleibt unvollendet und wird erst posthum 1817 veröffentlicht. Für die vorliegende Arbeit nun wird allerdings nicht auf die Einzelausgaben der jeweiligen Bücher zurückgegriffen, sondern aufgrund des Fehlens einer historisch kritischen Ausgabe auf den von Gustav Adolf Benrath herausgegebenen Sammel­band mit dem Titel „Lebensgeschichte“, der alle Teile der Autobiographie Jung-Stillings ver­eint: „Henrich Stillings Jugend“ (1777), „Henrich Stillings Jünglings-Jahre“ (1778), „Henrich Stillings Wanderschaft“ (1778), „Henrich Stillings häusliches Leben“ (1789), „Heinrich Stil­lings Lehr-Jahre“ (1804) inklusive „Rückblick auf Stillings bisherige Lebensgeschichte“ und das Fragment „Heinrich Stillings Alter“ (1817)[42]. Wie die in Klammern angegebenen Erschei­nungsjahre verdeutlichen können, erstreckt sich das Entstehen der Bücher über mehrere Jahr­zehnte und fällt in die Blütezeit literarischer Autobiographien, was zu Recht vermuten lässt, dass die zu untersuchenden Texte Jung-Stillings (wie andere Autobiographien der Zeit) ge­wissermaßen im Sinne von Vorzeigewerken als aus der literarischen Randstellung der Gat­tung befreit verstanden werden müssen, da sie sich, zumindest teilweise, durch Integration literarischer Elemente erstmals von der reinen autobiographischen Zweckform emanzipie­ren[43]. Allgemein stammen die integrierten Elemente hierbei zumeist aus der damals zuneh­mend positiv bewerteten Gattung der Romane, was bei einer ausgeprägten Nutzung derselben die autobiographischen Texte, wie im Falle Jung-Stillings selbst, romanhaft erscheinen lässt. Beispiele für entliehene Formen sind im vorliegenden Fall vor allem literarische Stilmittel und Landschaftsbeschreibungen sowie die Integration von Dialogen und die Wahl einer auktorialen Erzählinstanz[44]. In diesem Zusammenhang ist besonders bemerkenswert, dass die Jugend, für deren Veröffentlichung nach einer Überarbeitung des Jung-Stillingschen Manu­skripts Goethe verantwortlich war, laut Müller als eine der ersten literarischen Autobiogra­phien überhaupt gelten kann[45], weshalb der Text auch verdientermaßen den Beginn der Hoch­blüte literarischer Autobiographien markiert. Bereits jene Entstehungsgeschichte legt nun das Vorhandensein von Besonderheiten in der Autobiographie Jung-Stillings nahe, welche es dementsprechend im Folgenden zu beleuchten gilt.

3.1.2.1 Formale Besonderheiten

Eine erste Eigentümlichkeit hängt mit der prinzipiellen Endlastigkeit autobiographischer Werke zusammen: Durch das Erscheinen der Autobiographie in Form mehrerer getrennter Teile, ist eine Ausrichtung auf das Ende hin bei Jung-Stilling mehrfach auszumachen, da zum einen jedes einzelne Buch auf seinen jeweiligen Schluss hin perspektiviert wird (z.B. Tod des Großvaters, Verlassen der Heimat usw.) und zum anderen gleichzeitig die gesamte Lebensge­schichte auf das erkannte Ursprungsziel hin ausgerichtet wird (d.h. ein Leben nach Gottes Vorsehung und Führung). Jene Endbetonungen können hierbei entweder auf inhaltlicher Ebene stattfinden, wie es beispielsweise bei der Jugend der Fall ist [46], oder aber auf formaler
Ebene, wie beispielsweise der Tempuswechsel vom Präteritum ins Präsens am Ende des Häuslichen Lebens belegen kann (vgl. S. 434). Aus den jeweiligen Perspektivierungen auf den Schluss hin ergibt sich nun allerdings nicht, wie vielleicht vermutet werden könnte, eine Potenzierung der Endlastigkeit, sondern vielmehr eine Abschwächung derselben, da das Schreiben vom Ende her auf das Ende hin in mehreren Ansätzen jeweils neu bewerkstelligt werden muss, wodurch keine Betonung eines bestimmten Endpunktes möglich wird, sondern vielmehr verschiedene Lebensabschnitte an Gewicht gewinnen, da diese jeweils am Ende eines Buches stehen, auf die gesamte Lebensspanne hin bezogen aber lediglich Zwischensta­tionen darstellen. Damit stehen sich gewissermaßen fünf Endbetonungen gleichwertig gegen­über, die kontinuierlich über die gesamte Lebensgeschichte verteilt sind, was auch auf die Identitätsstiftung Jung-Stillings Einfluss nimmt: Für gewöhnlich werden Autobiographien nur auf einen Punkt der Schreibgegenwart des Autors hin perspektiviert und beziehen sich somit auf einen im Moment der Niederschrift gesetzten Sinn, welcher für die gesamte Identitäts­stiftung bedeutsam ist. Bei Jung-Stilling jedoch müssen verschiedene Schreibgegenwarten angenommen werden, so dass eine Perspektivierung auf verschiedene Sinngebungen vonstattengeht, welche sich in der Verwendung unterschiedlicher Identitätsfundamente wider­spiegelt, die zudem in ihrer Bedeutung variieren, wie noch zu belegen sein wird. Das Phäno­men eines jeweils nur vorläufig gültigen Sinns kann in der Jung-Stillingschen Autobiographie also prinzipiell besonders gut verdeutlicht werden, wird allerdings teilweise durch das letzt­endliche Erkennen des Ursprungsziels überlagert, auf welches dann die gesamte Lebensge­schichte ausgerichtet erscheinen soll, wie die Bemerkungen im Rückblick deutlich machen können. Trotz der von Stanitzek erkannten Tatsache, dass es „Vom erreichten Telos aus“ nahe liegt und leicht fällt, „der Weisheit der Providenz Lob und Dank zu spenden“[47], wirken diese teilweise allerdings sehr gesetzt und inszeniert, was wenig begründete Aussagen wie „bloß meines Vaters strenge Zucht und Gottes gnädige Bewahrung sind die Ursach, daß ich nicht hundert- und tausendmal in den Abgrund des Verderbens gestürtzt bin.“ (S. 605) bestätigen können. Jene Vorgehensweise verweist auf die pietistische Ausrichtung der späten Bücher, in welchen das typische „Abirren in den Unglauben, die Sünde […], das Verderben des weltli­chen Lebens;“[48] im Grunde unberechtigterweise zur Schau gestellt werden soll.

Daneben erhöht die lange Entstehungszeit der Lebensgeschichte die Unmittelbarkeit der dar­gestellten Fakten, da Schreibgegenwart und berichtete Vergangenheit jeweils näher zusam­menliegen, als dies im Falle einer kompletten Textproduktion gegen Lebensende der Fall wäre. Eine Relativierung erfährt jene größere Unmittelbarkeit jedoch wiederum durch die im Rückblick angestellten Bemühungen der Unterordnung aller veröffentlichten Bücher unter das zunehmend deutlicher vermittelte Ursprungsziel, dessen Vorhandensein zudem bedeutet, dass in Jung-Stillings Werk alle vier Konstitutionsprinzipien Kempers vertreten sind. So können neben Kontingenz (z.B. „Vater Stilling aber, um diesen Tag feyerlicher zu machen, richtete ein Mahl an“ (S. 24)) und Kohärenz (z.B. „Seine Neigung zum Schulhalten war unaussprech­lich; aber nur bloß aus dem Grund, um des Handwerks los zu werden“ (S. 88)) auch verschie­dene Sinnsstiftungen ausgemacht werden (z.B. Berufung zum Lehrer, Berufung zum Arzt usw.), welche letztlich jedoch alle auf das schließlich erkannte Ursprungsziel (ein Leben nach dem Plan Gottes, um „für Jesum Christum und sein Reich zu leben und zu wirken“ (S. 604)) zusteuern, das somit zum Dreh- und Angelpunkt der gesamten Lebensgeschichte wird. Es kann also bereits vorweggenommen werden, dass Religion und Glauben das entscheidende Identitätsfundament darstellen, auf welches die gesamte Autobiographie verweist.

In Anbetracht jener Tatsache und der Herkunft Jung-Stillings aus einer pietistischen Gegend und Familie liegt deshalb die Vermutung nahe, dass sich die zu untersuchenden Texte der Gruppierung der pietistischen Autobiographien zuordnen lassen, was jedoch überraschender­weise trotz des vorhandenen theologischen Zwecks und der erbaulichen Absicht nicht unbe­dingt der Fall ist, da andere entscheidende Kriterien fehlen. So zeichnet sich die Jung-Stilling­sche Autobiographie keineswegs durch Weltlosigkeit und Vagheit aus, sondern entwirft ein deutliches und farbenprächtiges Bild des Autorenlebens unter Einbeziehung von Daten und Namen sowie von detaillierten Landschaftsbeschreibungen und Dialogen. Auch kann keineswegs von der Schilderung eines sündigen Lebens im Sinne der pietistischen Autobiographie ge­sprochen werden, da Gottesbezug und religiöse Orientierung durchgängig gegeben sind. Diese steigern sich im Laufe der Lebensgeschichte lediglich, was in den späten Büchern schließlich doch zu einer gewissen Faktenarmut führt, welche Häusliches Leben und Lehr­jahre stärker in die Nähe pietistischer Traditionen rückt und die zunächst deutliche Säkulari­sierung und Literarisierung etwas zurücknimmt. Dennoch fehlt ein Bekehrungserlebnis, wie es die streng pietistische Autobiographie fordert und welches diese zumeist abschließt. Ganz im Gegenteil erfolgt Jung-Stillings „Bekehrung“ eher im Sinne eines schrittweisen Erkennens, das bereits in den Jünglingsjahren beginnt und somit keineswegs den Endpunkt der Autobio­graphie markiert.

Die zentrale Einsicht stellt sich erstmalig in einem Gespräch mit Goldmann ein[49] und besteht in der Erkenntnis, dass es die Orientierung Jung-Stillings an seinem eigenen Willen ist, welche ihn in seinen Bemühungen ständig zurückwirft, während ein Leben nach Gottes Führung solche Rückschläge vermeiden könnte[50]. Trotz dieses Wissens schafft Jung-Stilling es jedoch lange Zeit nicht sich letztlich bekehrt zu zeigen, d.h. sich der erfolgversprechenden göttlichen Vorsehung vollkommen zu ergeben, sondern verfällt in alte Muster, weshalb er weitere Rückschläge erdulden muss. Diese veranlassen den Protagonisten dann jeweils dazu sich immer wieder erneut auf seine ursprüngliche Erkenntnis zu besinnen, was also eine Streuung seiner Bekehrungserlebnisse über die gesamte Lebensgeschichte hin­weg zur Folge hat, zumal auch scheinbar als gottgegeben erkannte Ziele sich letztlich als Pro­dukte des Protagonistenwillens entpuppen (z.B. die Heirat mit Christine, vgl. S. 397). Zu einer tatsächlichen Läuterung im dargelegten Sinne, welche weiteren Misserfolgen vorbeugt, kommt es dann erst in den Lehrjahren, wobei nicht ausgeschlossen werden kann, dass auch die hierin erreichte und als gottgegeben aufgefasste Position sich später als aus eigener Nei­gung hervorgegangen und somit als Irrweg herausgestellt hätte. Von jenen späten Entwicklun­gen abgesehen folgt die Autobiographie jedoch einem ständigen Schwanken zwischen Fehl­schlägen einerseits, die dem persönlichen Streben Jung-Stillings oder der Erziehungstätigkeit Got­tes zugeschrieben werden, und Erfolgen andererseits, die die göttliche Vorsehung und Füh­rung ermöglicht hat. Die resultierende Struktur eines Auf und Ab ist gerade auch im Zusam­menhang mit der vorliegenden Fragestellung interessant, da sie Jung-Stilling einer enormen Legitimationsnot gegenüber stellt, welcher dieser mit Hilfe seiner Identitätsstiftung zu begeg­nen versucht, wie die folgenden Kapitel zeigen werden.

Zunächst jedoch gilt es eine weitere offensichtliche Besonderheit zu berücksichtigen, welche die Erzählsituation des Werkes betrifft. Bereits ein flüchtiger Blick zeigt, dass nicht der zu erwartende klassische Ich-Erzähler auftritt, welcher wie oben erläutert die in Autobiographien vorhandene Übereinstimmung von Autor, Protagonist und Erzähler verdeutlichen kann, son­dern dass eine auktoriale Erzählinstanz gewählt wurde. Diese erscheint als Ich-Erzähler mit telling als dominantem Darstellungsmodus, der sich durch epische Distanz auszeichnet, d.h. gegenüber Geschichte und Figuren als überlegen angesehen werden muss, und keine Auf­spaltung in ein erzählendes und ein erlebendes Ich erfährt[51]. Hieraus resultiert die Besonder­heit, dass der auftretende Erzähler, im Gegensatz zum mit Jung-Stilling übereinstimmenden Protagonisten Stilling, zunächst als rein fiktive Figur erscheint, welche weder mit dem Prota­gonisten, noch mit dem Autor gleichgesetzt werden kann, da sie die zu schildernden Gescheh­nisse quasi unvoreingenommen und objektiv wiedergibt, ohne selbst jedoch Anteil daran zu nehmen[52]. Entgegen der Auffassung Wuthenows, welcher zu erkennen glaubt, dass die Wahl der „3. Person […] weniger auf epische Objektivität und Distance deutet, als vielmehr durch Ich-Vermeidung auf die Geringfügigkeit des Protagonisten“ hinweist[53], scheint der Vorteil jenes Kunstgriffes der Einführung eines zunächst scheinbar unbeteiligten Erzählers vielmehr darin zu sehen sein, dass er es dem Autobiographen erlaubt auch jene Geschehnisse unmittelbar und mit Gewissheit wiedergeben zu können, welche sich vor der Geburt des Protagonisten Stilling abspielen. Diese können durch den gewissermaßen außerhalb der erzählten Zeit stehenden Erzähler mit einer ebensolchen Sicherheit berichtet werden, als wären sie Jung-Stilling aus eigener Erinnerung bekannt. So wechseln auch hier reflektierende Kommentare mit längeren Erzählpassagen ab, was die Aufrechterhaltung der klassischen strukturellen Zweigliedrigkeit von Autobiographien im gesamten Text ermöglicht, da die Ebene eines im Falle der einge­standenen Identität von Autor und Erzähler zwangsläufig notwendigen Vermittlers (welcher die Ge­schehnisse jener Zeit vor und unmittelbar nach der Geburt des Autobiographen wiedergibt) ausgeblendet wird. Hierdurch erscheint der gesamte Text von seiner Erzählweise her gleichförmig, was die Autobiographie in die Nähe eines Romans rückt und somit von einer bloßen Zweckform ent­fernt.

Andererseits erschwert Jung-Stilling durch dieses Vorgehensweise allerdings das Erkennen des vorliegenden Werkes als Autobiographie, was die Authentizität desselben an sich zwar nicht mindert, es aber erforderlich macht, den Lesern von Zeit zu Zeit vor Augen zu führen, dass der vorliegende Text überhaupt eine Wirklichkeitsaussage darstellt. Nicht zuletzt auf diesen Umstand ist wohl die mehrmalige Berufung des Erzählers auf die Wahrheit (vgl. z.B. S. 549)[54], sowie der immer wiederkehrende Titelzusatz „Eine wahrhafte Geschichte“ zurückzu­führen, der die tatsächlich vorhandene Authentizität verdeutlichen soll, welche durch eine Überprüfung der angegebenen Daten, Namen, Orte und Lebensstationen belegt werden kann. Hier gilt es allerdings zu bedenken, dass die meisten der verwendeten Orts- und Perso­nennamen in abgewandelter Form im Text erscheinen, was eine weitere Besonderheit des Werkes darstellt, die eine Überprüfung der historischen Genauigkeit des Textes nicht ohne Weiteres möglich macht. Jung-Stilling selbst verdeutlicht dies im Text, indem er unter ande­rem verschiedene Namensänderungen zugibt, z.B. „in einem Städtchen, das ich hier Rothen­beck heißen will“ (S. 215) oder darauf verweist, dass bestimmte Personen sprechende Namen tragen, z.B. „So ein Mann mag wohl Goldmann heißen“ (S. 161)[55]. Gegen Ende der Lebensge­schichte allerdings verzichtet der Autor auf eine Abwandlung zumindest der Orts­namen, indem er beispielsweise Heidelberg und Marburg nennt. Da er schließlich auch offi­ziell bekennt selbst Heinrich Stilling zu sein, wird zudem eine Entschlüsselung der gewählten Pseudonyme möglich, so dass die tatsächlichen Schauplätze und Personen ebenso nachvoll­zogen werden können wie die direkt im Text vermittelten zeitlichen Abläufe, wodurch eine große Faktentreue bewiesen werden kann.

Dennoch muss davon ausgegangen werden, dass auch Jung-Stilling sich nicht ausschließlich an die Wahrheit hält, sondern sich hin und wieder des Fingierens bedient, um beispielsweise vorhandene Erinnerungslücken zu schließen. Dies gilt insbesondere für Ereignisse der frühen Kindheit, in welcher die Erinnerungsdichte eines Menschen aufgrund von Vergessensphäno­menen als vergleichsweise gering anzusehen ist, und im Zusammenhang mit der Zeit vor der Geburt Stillings[56], deren Schilderung nicht auf persönlicher Erinnerung beruhen kann, son­dern als wiedergegebene Erzählung Dritter aufgefasst werden muss. Gerade in diesen beiden genannten zeitlichen Abschnitten kann eine Einbindung erdichteter Elemente deshalb als
überaus wahrscheinlich angesehen werden, wobei es zu bedenken gilt, dass diese sogar für den Autobiographen selbst teilweise wohl nicht mehr erkennbar ist, was mit den Spezifika des menschlichen Erinnerungsvermögens einhergeht, welches gerade in Bezug auf lang zurück­liegende Gegebenheiten zu einer Verschmelzung von erlebter Realität und erhoffter bzw. er­fürchteter oder einfach erdachter Wahrheit neigt. Daneben können bewusst fingierte Elemente aber auch der Verfolgung bestimmter Intentionen dienen, was wiederum im Zusammenhang mit Identitätsstiftung von großer Bedeutung erscheint und vor allem im Hinblick auf die un­gewöhnliche Vielzahl an Dialogen in der Jung-Stillingschen Autobiographie im nächsten Unterkapitel untersucht werden soll.

Zuvor gilt es jedoch die bisherigen Ausführungen schlussfolgernd zusammenzufassen, was zu dem Ergebnis führt, dass die oben beschriebenen Gattungsmerkmale trotz gewisser Überein­stimmungen mit der Jung-Stillingschen Autobiographie eine eindeutige Zuordnung des Wer­kes zu bis dato vorhandenen Prototypen wie der pietistischen Autobiographie nur schwerlich zulassen, sondern vielmehr den bereits angedeuteten Schluss bestätigen, dass das Werk selbst einen gewissen Prototypcharakter besitzt. Diese Ausnahmestellung, die durch die zusammen­getragenen gattungstechnischen Besonderheiten belegt wird, kann somit die Wahl der Jung-Stillingschen Lebensgeschichte als Untersuchungsgegenstand für die vorliegende Arbeit noch einmal stützen.

3.1.2.2 Dialoge als Mittel der Identitätsstiftung

Wie bereits angedeutet soll es in den nunmehr folgenden Ausführungen um die im Text vor­handenen Dialoge und Unterhaltungen gehen, deren Untersuchung gerade im Hinblick auf Identitätsstiftung bedeutsam scheint und deren reichliche Einbettung in das Jung-Stillingsche Werk als eine erzähltechnische Besonderheit verstanden werden muss, die eine Abweichung von der Gattungsnorm darstellt. Letzteres lässt sich durch den Umstand erklären, dass gerade wörtlich wiedergegebene Gespräche im Gegensatz zu anderen fiktiven Elementen vom Leser beinahe zweifelsfrei als fingiert er­kannt werden können. Das bedeutet: Ist es sowohl bei einfachen Landschaftsbeschreibungen als auch bei komplexeren Schilderungen von Ereignissen, Gefühlen oder Eindrücken durch­aus strittig, ob der vorliegende Text fingiert ist oder, vereinfacht ausgedrückt, erinnerte Rea­lität wiedergibt, darf doch die wortwörtliche Erinnerung an Unterhaltungen, zumal in einer solch enormen Zahl wie im Falle Jung-Stillings, kaum als plausible Gedächtnisleistung des Autobiographen angesehen werden, so dass also eine mehr oder minder freie literarische Schaffung der Dialoge als belegt angesehen werden kann[57]. Entsprechend kann davon ausgegan­gen werden, dass der Autor sich hier von der realen Vergangenheit emanzipiert, um Geschehnisse auf bestimmte Art zu inszenieren, was bedeutet, dass die jeweils in Dialogform vorliegenden Textstellen in hohem Maße die Intentionen des Autors widerspiegeln, wodurch ihr Erscheinen in einem Text, welcher der Wahrheit verpflichtet ist, in ein besonderes Licht gerückt wird. Hieraus lässt sich nun wiederum, wie bereits angedeutet, schlussfolgern, dass die Untersuchung von Dialogen für den Nachweis von Identitätsstiftung geradezu prä­destiniert ist, weil letztere mit hoher Wahrscheinlichkeit gewollt hinsichtlich der Verfasserab­sichten arrangiert wurden. Auf diesen Überlegungen basierend, die zusammenfassend und vereinfacht ausgedrückt zur Formulierung einer These der Dialogfiktionalität führen, welche auch Arhelger andeutet (ohne sie jedoch in seine Untersuchungen einzubeziehen)[58], sollen im Folgenden nun einige wenige der in der Autobiographie wiedergegebenen Gespräche hin­sichtlich ihrer Aussagekraft bezüglich der Jung-Stillingschen Identitätsstiftung untersucht werden.

Einen frühen besonders deutlichen Beleg ihrer Gültigkeit findet die These der Dialogfiktiona­lität im Zusammenhang mit den anfänglichen Begebenheiten der Eröffnungsszenen der Jugend, an welche Jung-Stilling nicht einmal theoretisch Erinnerungen besitzen kann, da sich die damaligen Ereig­nisse und somit auch die damaligen Dialoge vor seiner Geburt abgespielt haben. Somit ist bereits die erste der in der Autobiographie zu findenden Unterhaltungen, welche zwischen dem alten Stilling und seinem Nachbar Stähler abläuft, bemerkenswert. Da diese jedoch im Zuge der Nutzung des Identitätsfundaments Natur von Bedeutung sein wird, soll erst in Kapitel 3.3.1.1 darauf eingegangen werden. Im Laufe der Lebensgeschichte findet jedoch eine weitere Unter­haltung mit Stähler statt, die hauptsächlich der Manifestation des bestehenden Abstandes zwi­schen Stilling und seinem sozialen Umfeld dient und die es nunmehr zu analysieren gilt. Das entsprechende Gespräch findet sich in der Jugend und entsteht im Kontext eines Besuches Stählers bei Wilhelm Stilling in dessen Verlauf sich der Nachbar darüber wundert, dass der Knabe Heinrich bereits mit acht Jahren ein Buch liest. Der sich entspinnende kurze Dialog wird vom Autobiographen nun genutzt, um sich im Sinne seiner damaligen Intentionen bereits in der frühen Kindheit als Inbegriff eines Vertreters der anbrechenden Moderne erscheinen zu lassen:

[Stähler:] Henrich, was machst du da?

[Stilling:] „Ich lese.“

[Stähler:] Kannst du denn schon lesen? […]

[Stilling:] Das ist ja eine dumme Frage, ich bin ja ein Mensch. (S. 49).

Ihren Bezug zur Moderne erhält die Textstelle durch die dem jungen Stilling zugeschriebene automatische Gleichsetzung des Menschseins mit der Fähigkeit zu lesen, die als geschickte Inszenierung der Bedeutsamkeit von Bildung und Verstand, d.h. der Bedeutsamkeit aufkläre­rischer Ideen, angesehen werden kann. Als geschickt muss diese Methode der Identitätsstif­tung hierbei vor allem deswegen angesehen werden, weil die zu vermittelnden Inhalte von einem kleinen Jungen ausgehen: Kinder können ungestraft Dinge zur Sprache bringen, die Erwachsene aufgrund besseren Wissens oder bestimmter Konventionen nicht äußern dürfen. Da dem Knaben Heinrich aber aufgrund seines Alters und seiner erzwungenen Isolation eine weitreichende Einsicht in derartige Themen fehlt, gelingt es dem Autor mit Hilfe des geschaf­fen Dialoges seine Ansicht frei zu äußern, ohne dass er diesbezüglich Vorwürfe zu fürchten hat.

Prinzipiell greift dieser Vorteil zudem immer dann, wenn die zu vermittelnden Ansichten von einem Dritten ausgesprochen werden, da der Autobiograph sich hier im Zweifelsfalle mit dem Hinweis auf seine Verpflichtung gegenüber der Wahrheit rechtfertigen kann, ohne sich selbst für das Gesagte direkt verantwortlich zeigen zu müssen. Eine derartige Dialogpassage findet sich beispielsweise im Häuslichen Leben im Zuge des Abschieds von den Schwie­gereltern Stillings vor dessen Umzug nach Rittersburg, bei welchem es Christine ist, welche die auch in den Augen ihres Ehemanns berechtigten Vorwürfe gegen ihre Eltern hervorbringt:

‚Wir reisen fort in ein fremdes Land, das wir nicht kennen, wir verlassen Eltern, Geschwister und Verwandten, und wir verlassen das alles gerne, denn nichts ist da, das uns den Abschied schwer macht; Kreuz und Leiden ohne Zahl hat uns Gott zugeschickt, und niemand hat uns geholfen, erquickt, getröstet; (S. 368).

Stilling selbst hält sich zurück und nimmt anschließend „mit vielen Thränen Abschied“
(S. 368), obwohl er seiner Frau zuvor recht gegeben hat.

In eine gewissermaßen ähnliche Richtung weisen auch die inszenierten Gespräche zwischen Heinrichs Großvater und Pastor Stollbein, in welchen die aufklärerischen Ambitionen und vor allem die für Heinrich vorbildhaften religiösen Überzeugungen Eberhards zur Sprache kom­men. Diese werden durch die Antworten des Pfarrers in einen deutlichen Kontrast zu dessen extrem konservativen Ansichten gestellt und somit deutlich betont, wobei als Beispiel für die durchaus modernen Ansätze des Großvaters unter anderem die Aussage dienen kann „er
[= ein ehrlicher Mann] thuts darum, damit er hier und dort Freude haben möge“ (S. 61), in welcher also das Diesseits und das Jenseits gleichermaßen bedacht werden, wodurch die Aussage eine verblüffende Ähnlichkeit mit den Ansichten Lockes aufweist, der ebenfalls die Meinung ver­tritt, dass die Befolgung bürgerlicher Gesetze im Diesseits und göttlicher Gesetze im Jenseits zu „einem maximalen Lustgewinn“ auf Erden und im Himmel führen[59].

Stollbein jedoch hält Eberhard wenig begründet entgegen: „Ei was! damit kann er doch noch zur Hölle fahren.“ (S. 61) und beschuldigt Eberhard anschließend eines falschen Stolzes („Ich weis nicht, ihr werdet so stolz, Kirchenältester!“ (S. 62)), worauf Großvater Stilling gekonnt selbstsicher erwidert:

Wie Ihrs aufnehmt, stolz oder nicht stolz. Ich bin ein Mann; ich hab Gott ge­liebt und ihm gedient, jedermann das Seinige gegeben, meine Kinder erzogen, ich war treu; […] Laßt mich stolz drauf seyn, wie ein ehrlicher Mann mitten unter meinen großgezogenen frommen Kindern zu sterben. (S. 62).

Mit Hilfe dieser Antwort Eberhards betont der Autor dessen Subjektivität und Unabhängigkeit von althergebrachten kirchlichen Mustern und macht den Großvater damit in gewisser Weise zu einer Legitimationsfigur, an deren Ambitionen Heinrich sein eigenes ungewöhnliches Streben anlehnen kann.

Ebenfalls im Sinne einer Rechtfertigung versucht der Autobiograph des Weiteren mit Hilfe von Dialogen die wachsende Kenntnis seines Ursprungsziels (d.h. ein Leben nach göttlicher Planung und Vorsehung) zu verdeutlichen und dessen tatsächliche Gültigkeit anhand der Meinung Dritter möglichst objektiv zu bestätigen, wie folgender Auszug aus einem Gespräch Heinrichs mit Goldmann zeigen kann:

[Goldmann:] Gott wird durch eine lange und schwere Führung alle eure eitle Wünsche suchen abzufegen; gelingt ihm dieses, so werdet ihr endlich nach vie­len schweren Proben, ein glücklicher großer Mann, und ein vortrefliches Werk­zeug Gottes werden! […]

[Stilling:] Gott! Herr Vetter! das ist wahr! ich fühl’s, so wirds mir gehen.

(S. 155).

[...]


[1] Vgl. Kemper, Dirk: Ästhetische Moderne als Makroepoche, In: Vietta, Silvio / Kemper, Dirk (Hgg.): Ästhetische Moderne in Europa. Grundzüge und Problemzusammenhänge seit der Romantik, München / Paderborn 1998, S. 1.

[2] Vgl. Aurenche, Emmanuelle: Autobiographie und Textkohärenz am Beispiel von Jung-Stillings Lebensgeschichte, In: Cahiers d’Études Germaniques 27 (1994), S. 7.

[3] Schwinge, Gerhard: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller der Erweckung: eine literatur- und frömmigkeitsgeschichtliche Untersuchung seiner periodischen Schriften 1795-1816 und ihres Umfeldes, Göttingen 1994, S. 13.

[4] Müller, Klaus-Detlef: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit, Tübingen 1976, S. 56.

[5] Vgl. Kemper, Dirk: »ineffabile«. Goethe und die Individualitätsproblematik der Moderne, Mün­chen 2004, S. 101.

[6] Ebd., S. 8.

[7] Vgl. Wuthenow, Ralph-Rainer: Das erinnerte Ich. Europäische Autobiographie und Selbstdarstellung im 18. Jahrhundert, München 1974, S. 19.

[8] Hinzu kommt zudem die Tatsache, dass die Verortung eines literarischen Werkes in seinem historischen Kontext generell von Interesse sein kann.

[9] Asendorpf, Jens: Psychologie der Persönlichkeit mit 111 Tabellen, 3., überarbeitete und aktualisierte Auflage, Berlin / Heidelberg 2004, S. 5.

[10] Arhelger, Reinhard: Jung-Stilling – Genese seines Selbstbildes. Untersuchungen zur Interdependenz von Religiosität, Identität und Sozialstruktur zur Zeit der ’Jugend’, Frankfurt am Main 1990, S. 89.

[11] Vgl. Zimbardo, Philip G. / Gerrig, Richard J.: Psychologie. Bearbeitet und herausgegeben von Siegfried Hoppe-Graff und Irma Engel, 7., neu übersetzte und bearbeitete Auflage, Berlin / Heidelberg / New York 2003, S. 523.

[12] Vgl. Arhelger: Jung-Stilling, S. 90.

[13] Straub, Jürgen: Identität, In: Jaeger, Friedrich / Liebsch, Burkhard (Hgg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band I. Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Stuttgart / Weimar 2004, S. 299.

[14] Endruweit, Günter: Identität, In: Endruweit, Günter / Tromsdorff, Gisela (Hgg.): Wörterbuch der Soziologie, 2.,völlig neubearbeitete und erweiterte Auflage, Stuttgart 2002, S. 218.

[15] Straub: Identität, S. 279.

[16] Meuter, Norbert: Narrative Identität. Das Problem der personalen Identität im Anschluß an Ernst Tugendhat, Niklas Luhmann und Paul Ricoeur, Stuttgart 1995, S. 11.

[17] Willert, Albrecht: Religiöse Existenz und literarische Produktion: Jung-Stillings Autobiographie und seine frühen Romane, Frankfurt am Main / Bern 1982, S. 11.

[18] Vgl. Eibl, Karl / Willems, Marianne: Einleitung, In: Aufklärung 9 1996, S. 3.

[19] Luhmann, Niklas: Gesellschaftsstruktur und Semantik. Studien zur Wissenssoziologie der modernen Gesellschaft Band 3, Frankfurt am Main 1989, S. 215.

[20] Esselborn, Hans: Erschriebene Individualität und Karriere in der Autobiographie des 18. Jahrhunderts, In: Wirkendes Wort. Deutsche Sprache und Literatur in Forschung und Lehre 46 (1996), S. 194.

[21] Voßkamp, Wilhelm: Inidividualität – Biographie – Roman, In: Fohrmann, Jürgen (Hg.): Lebensläufe um 1800, Tübingen 1998, S. 257.

[22] Vgl. Eibl / Willems: Einleitung, S. 3.

[23] Ebd., S. 3f.

[24] Brandt, Reinhard: John Lockes Konzept der persönlichen Identität. Ein Resümee, In: Aufklärung. Interdisziplinäres Jahrbuch zur Erforschung des 18. Jahrhunderts und seiner Wirkungsgeschichte, Band 18 (2006), S. 39.

[25] Kemper: ineffabile, S. 183.

[26] Meyer-Drawe, Käte: Subjektivität – Individuelle und kollektive Formen kultureller Selbstverhältnisse und Selbstdeutungen, In: Jaeger, Friedrich / Liebsch, Burkhard (Hgg.): Handbuch der Kulturwissenschaften, Band I. Grundlagen und Schlüsselbegriffe, Stuttgart / Weimar 2004, S. 304.

[27] Vgl. Luhmann: Gesellschaftsstruktur und Semantik, S. 213.

[28] Müller, Klaus-Detlef: Autobiographie und Roman. Studien zur literarischen Autobiographie der Goethezeit, Tübingen 1976. (Aus diesem Werk entnommene Informationen, welche sich im folgenden Unterkapitel 3.1.1 finden, werden aus Gründen der Übersichtlichkeit nicht mehr eigens durch Fußnoten gekennzeichnet, es sei denn es handelt sich bei der betreffenden Stelle um ein wörtliches Zitat. Informationen, die aus anderen Werken stammen, werden wie üblich kenntlich gemacht.)

[29] Wuthenow: Das erinnerte Ich, S. 211.

[30] Müller: Autobiographie und Roman, S. 12.

[31] Die in der Arbeit synonym genutzten Begriffe Autobiographie, Selbstdarstellung usw. sollen sich dementsprechend in allen Kapiteln stets auf den Grundtyp der subjective autobiography beziehen.

[32] Kemper: ineffabile, S. XIII.

[33] Vgl. Jacobs, Jürgen: Prosa der Aufklärung. Moralische Wochenschriften · Autobiographie · Sa­tire · Roman. Kommentar zu einer Epoche, München 1976, S. 58.

[34] Vgl. Kemper: ineffabile, S. 363.

[35] Ebd., S. 364.

[36] Ebd., S. 365.

[37] Ebd., S. 375.

[38] Ebd., S. 364f.

[39] Vgl. Schwinge: Jung-Stilling als Erbauungsschriftsteller, S. 20.

[40] Wuthenow: Das erinnerte Ich, S. 32.

[41] Vgl. Fohrmann, Jürgen: Lebensläufe um 1800. Einleitung, In: Fohrmann, Jürgen (Hg.): Lebensläufe um 1800, Tübingen 1998, S. 2.

[42] Der Kürze und Übersichtlichkeit halber werden die Titel jener aufgezählten Einzelwerke im Folgenden nur noch als Jungend, Jünglingsjahre, Wanderschaft, Häusliches Leben, Lehrjahre, Rückblick und Alter wiedergegeben.

[43] In besonderem Maße gilt dies für die ersten drei der autobiographischen Bücher Jung-Stillings, während die späteren sich wieder zunehmend der Zweckform annähern, d.h. Rückdrängung literarischer Elemente zugunsten religiöser Reflexionen und bloßer chronologischer Aufzählung von Ereignissen.

[44] Im Rückblick und im Alter wechselt die Erzählsituation dann allerdings zu einem rückblickenden Ich-Erzähler.

[45] Vgl. Müller: Autobiographie und Roman, S. 127.

[46] Vgl. Jung-Stilling, Johann Heinrich: Lebensgeschichte. Vollständige Ausgabe, mit Anmerkungen herausgegeben von Gustav Adolf Benrath, Darmstadt 1992, S. 78f. (Zitate aus diesem Primärtext werden im Folgenden durch bloße Angabe der entsprechenden Seitenzahl in Klammern im laufenden Text kenntlich gemacht).

[47] Stanitzek, Georg: Genie: Karriere / Lebenslauf. Zur Zeitsemantik des 18. Jahrhunderts und zu J.M.R. Lenz, In: Fohrmann, Jürgen (Hg.): Lebensläufe um 1800, Tübingen 1998, S. 244.

[48] Kemper: ineffabile, S. 295.

[49] Jacobs: Prosa der Aufklärung, S. 86.

[50] Vgl. Willert: Jung-Stillings Autobiographie, S. 39.

[51] Der Ich-Erzähler des Rückblicks und des Alters soll hier zunächst unberücksichtigt gelassen werden, da jenes Zusatzkapitel bzw. jenes Fragment im Gegensatz zur übrigen Autobiographie einen recht kleinen Teil ausmachen.

[52] Dieser erste Eindruck ist allerdings nicht vollständig richtig, wie die gezielten kurzfristigen Aufhebungen der epischen Distanz beispielsweise deutlich machen können, worauf jedoch erst in Kapitel 3.1.2.2 näher eingegangen werden soll.

[53] Wuthenow: Das erinnerte Ich, S. 84.

[54] Vgl. Aurenche: Autobiographie und Textkohärenz, S. 11.

[55] Vgl. Jacobs: Prosa der Aufklärung, S. 86.

[56] Aufgrund der Tatsache, dass der Verfasser der Autobiographie sowie sein Hauptprotagonist identisch sind und somit mehr oder minder denselben Namen tragen, soll im Folgenden zur Vermeidung von Verwechslungen für die gesamte vorliegende Arbeit festgelegt werden, dass immer dann von Jung-Stilling gesprochen wird, wenn der empirische Autor gemeint ist, während nur von Stilling bzw. Heinrich die Rede sein soll, sobald der Romanprotagonist gemeint ist.

[57] Vgl. Müller: Autobiographie und Roman, S. 72.

[58] Arhelger: Jung-Stilling, S. 148.

[59] Brandt: John Lockes Konzept der persönlichen Identität, S. 48.

Ende der Leseprobe aus 125 Seiten

Details

Titel
Identitätsstiftung in den autobiographischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings
Hochschule
Universität des Saarlandes
Note
1,3
Autor
Jahr
2007
Seiten
125
Katalognummer
V187911
ISBN (eBook)
9783656115205
ISBN (Buch)
9783656116684
Dateigröße
914 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
identitätsstiftung, texten, johann, heinrich, jung-stillings
Arbeit zitieren
Nadine Schmenger (Autor), 2007, Identitätsstiftung in den autobiographischen Texten Johann Heinrich Jung-Stillings, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187911

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