Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" im Kontext der Postmoderne


Hausarbeit, 2012
9 Seiten, Note: Keine Note

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Erzählstruktur und Sprache

3. Verdrängung und Verschwinden des Subjekts im Rahmen des Spätkapitalismus

4. Rolle der Kunst

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Elfriede Jelineks Roman Die Klavierspielerin thematisiert die Beziehung der Klavierlehrerin Erika Kohut mit ihrem Schüler Walter Klemmer. Erika ist eine einsame, von ihren Mitmenschen isolierte Person. Nur mit ihrer Mutter hat sie eine enge Beziehung, die jedoch geprägt ist durch die totale Kontrolle, die Mutter auf Tochter ausübt. Auf ihren Schüler Klemmer projiziert sie ihre Liebesbedürfnisse und -wünsche, die sie jedoch nicht offen äußern kann und hinter sadomasochistischen Ansprüchen verbirgt. In einem Brief an Klemmer fordert sie von diesem, dass er sie bestraft und misshandelt. Sie hofft gleichzeitig, dass er die dahintersteckenden geheimen Liebesabsichten erkennt. In seinem Unvermögen, die Wünsche Erikas zu durchschauen, entläd Klemmer am Ende des Romans seinen Frust, den er in der komplexen Machtbeziehung zwischen Schüler und Lehrer entwickelt hat, und vergewaltigt diese.

Ausgehend von dieser kurzen Zusammenfassung der Handlung des Romans scheint es fast so, dass das 1983 erschienene Werk in den Kontext des Naturalismus oder des realistischen Romans eingefügt werden kann und nur bedingt in den kulturellen Kontext seiner Zeit passt. Es gibt aber mehrere Faktoren, die den Roman als postmoderne Literatur auszeichnen und in diesem Sinne zeigen, dass das Werk über einen literarischen Zusammenhang des Realismus und Naturalismus als auch der Moderne hinausgeht.

Diese Faktoren äußern sich in der Art, wie die Handlung dargestellt wird, in der Erzählstruktur sowie in der Sprache, mit der erzählt wird. Neben der Untersuchung der Mittel, mit denen sich der Inhalt äußert, soll in der folgenden Analyse auch die Thematik untersucht werden, die auf der Inhaltsebene behandelt wird. Diese geht über die ältere Literatur einschließlich der Moderne hinaus und kann als eine postmoderne bestimmt werden.

2. Erzählstruktur und Sprache

Die Erzählstruktur ist nicht linear und folgt nicht dem Muster der Chronologie und der Ursache und Wirkung. Stattdessen setzt sie sich aus einer Aneinanderreihung mehrerer, ausführlich beschriebener Szenen zusammen, die relativ unzusammenhängend sind. Durch die Darstellung dieser Szenen rückt auch der Erzähler in den Hintergrund. Es ist schwer, in Die Klavierspielerin aufgrund häufiger Perspektivenwechsel überhaupt von einem festen Erzähler zu sprechen. Dazu kommt, dass auf der Ebene des Erzählens weder kommentiert noch geurteilt wird, es sei denn, es wird die Perspektive einer bestimmten Figur angenommen. Die Sprache findet bei der Beschreibung des Inhalt Ausdrucksmittel, durch die implizit doch kommentiert und beurteilt wird, nur dass dies nicht mehr auf eine Erzählinstanz verweist, sondern auf die Sprache selbst.

Die Handlungen der Figuren werden mit einer Sprache beschrieben, die immer wieder diese Metaphern aus dem Bereich der Musik und aus dem Bereich der Kunst allgemein verwendet. Die Sprache beschreibt hierbei Gegenstände aus dem Bereich der Körperlichkeit und Sexualität, oft obszöne Gesten und Handlungen wie die Masturbation auf einer Damentoilette oder der voyeuristischen Tätigkeit im Park mit begleitendem Urinieren. Die oft gehobene Sprache geht mit dem ordinären oder obszönen Bezeichnetem eine oxymorischeVerbindung ein. Ein starker Gegensatz tut sich auf zwischen der Sprache, die oft auch auf die alten und klassischen Größen der Musikwelt und deren Bedeutung verweist, und dem von ihr Bezeichneten aus der Welt des ordinären und vulgären Alltags. Auf der Inhaltsebene wird das Körperliche und Sexuelle bis ins Perverse gesteigert, dem das Geistige und hochkulturelle Element der Kunst-Sprache gegenübergestellt wird. Dieser Gegensatz wird nicht aufgelöst, sondern beide Elemente existieren nebeneinander in einer dynamischen Spannung. Ein paradigmatisches Beispiel für diesen besonderen Einsatz der Sprache ist die Erklärung, woher Erikas Name stammt:

Erika, die Heideblume. Von dieser Blume hat diese Frau den Namen. Ihrer Mutter schwebte vorgeburtlich etwas Scheues und Zartes dabei vor Augen. Als sie dann den aus ihrem Leib hervorschießenden Lehmklumpen betrachtete, ging sie sofort daran, ohne Rücksicht ihn zurechtzuhauen, um Reinheit und Feinheit zu erhalten.[1]

Diese Spannung weist auf das Verhältnis zwischen Signifikanten und Signifikaten im Text des Romans hin. Es gibt eine Beziehung zwischen Bezeichnenden und Bezeichneten, beide sind hier nicht vollständig getrennt. Die Klavierspielerin entspricht nicht der postmodernen Bedingung, nach der die Signifikanten in einem unendlichen Austausch auf nichts oder nur auf sich selbst verweisen. Nur ist die Beziehung von Zeichen und Bezeichnetem eine verfremdende, sie ist grotesk. So wird etwa beschrieben, wie Erika Schnitte an ihrem Geschlechtsteil vornimmt. Die Erzählhaltung lässt hier keinen Zweifel aufkommen, dass genau dieser Vorgang beschrieben wird. Aber die Art des Erzählens ist eine besondere und etabliert eine Spannung zwischen dem Wie und dem Was: „Einen Augenblick lang starren die beiden zerschnittenen Fleischhälften einander betroffen an, weil plötzlich der Abstand entstanden ist, der vorher noch nicht da war.“[2] Trotz des stark obszönen Inhalts an dieser Stelle wird durch diese Spannung zwischen dem Wie und dem Was die Aufmerksamkeit auf die Sprache gelenkt. Der Inhalt selbst wird nebensächlich durch die Besonderheit seiner sprachlichen Beschreibung.

3. Verdrängung und Verschwinden des Subjekts im Rahmen des Spätkapitalismus

Die Personen des Romans werden nicht in ihrer Subjektivität mit ihren subjektiven Gefühlen dargestellt. Im Gegenteil wird durch die Sprache und ihre Metaphorik deutlich, dass die Protagonisten den Status von Objekten annehmen. Es scheint, dass gerade zu Beginn des Romans und in den Rückblenden Erika ihr Ego, ihr Subjekt krampfhaft nach Außen hin behaupten will. Dies zeigt die häufige Großschreibung der Pronomen(„IHR“, „SIE“), immer dann, wenn von ihr die Rede ist. Durch die verschiedenen Unterdrückungsmechanismen, vor allem auch durch das Wirken der Mutter, verschwindet dieses Subjekt mit der Zeit.

[...]


[1] Jelinek, Elfriede: Die Klavierspielerin. Hamburg: Rowohlt Verlag, 1986, S. 25.

[2] Ebd., S. 89.

Ende der Leseprobe aus 9 Seiten

Details

Titel
Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" im Kontext der Postmoderne
Hochschule
Universität des Saarlandes  (Germanistik)
Note
Keine Note
Autor
Jahr
2012
Seiten
9
Katalognummer
V187959
ISBN (eBook)
9783656114956
ISBN (Buch)
9783656114758
Dateigröße
367 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Kommentar des Dozenten: Ambitioniert und gelungen
Schlagworte
elfriede, jelineks, klavierspielerin, kontext, postmoderne
Arbeit zitieren
Florian Bauer (Autor), 2012, Elfriede Jelineks "Die Klavierspielerin" im Kontext der Postmoderne, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187959

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