Öko-ethologische Untersuchung einer Ringelnatterpopulation unter Berücksichtigung erster telemetrischer Daten zur Raumnutzung


Diplomarbeit, 2010
118 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Vorwort

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

2 Untersuchungsgebiet

3 Material und Methoden
3.1 Künstliche Verstecke
3.1.1 Biometrie
3.1.2 Geschlecht und Alter
3.1.3 Temperaturen
3.1.4 Individuelle Identifizierung
3.1.5 Ermittlung des Beutespektrums
3.1.6 Populationsuntersuchung
3.1.6.1 LINCOLN-PETERSEN-Index
3.1.6.2 SCHNABEL-Methode
3.1.7 Warn- und Abwehrverhalten
3.2 Radiotelemetrie
3.2.1 Ausrüstung
3.2.2 Senderimplantation
3.2.3 Versuchstiere
3.2.4 Ortung und Datenaufnahme
3.2.5 Ermittlung der home ranges

4 Ergebnisse
4.1 Fangresultate
4.1.1 Fangzahlen des Jahres 2009
4.1.2 Temperaturmessungen
4.1.3 Effizienz der Untersuchungsmethode
4.1.4 Häutung
4.1.5 Populationsstruktur
4.1.5.1 Altersstruktur und Größenklassen
4.1.5.2 Geschlechterverhältnis
4.1.6 Populationsuntersuchungen
4.1.6.1 Wiederfanghäufigkeit
4.1.6.2 Populationsgröße
4.1.6.3 Habitatgröße und Bestandsdichte
4.1.7 Reproduktionsnachweis
4.1.8 Beutespektrum
4.1.9 Proaposematische Verhaltensweisen
4.2 Radiotelemetrie
4.2.1 Habitatnutzung
4.2.2 Home ranges
4.2.3 Überwinterungsplätze

5 Diskussion

6 Zusammenfassung

Anhang A: Aufnahmebögen

Anhang B: Fotos

Literaturverzeichnis

Vorwort

Seit einem mehrmonatigen Aufenthalt im Rahmen eines Praktikums zum Schutz des Regenwaldes in Ecuador im Jahre 2007 ist aus bloßem Interesse an Schlangen eine Leidenschaft geworden. Entsprechend entwickelte sich der Wunsch mich auch in meiner Diplom-Arbeit mit dieser Tiergruppe zu beschäftigen und der Lebensweise dieser so heimlich lebenden Tierart ein Stück näher zu kommen.

Die Ringelnatter ist die häufigste Schlange Deutschlands (KABISCH 1978). Trotzdem ist sie stark gefährdet und aufgrund ihrer sehr scheuen Lebensweise nur schwer zu untersuchen. Informationen über ihre Lebensweise sind jedoch die Basis jeglicher Schutzmaßnahmen. Ziel dieser Diplom-Arbeit war es, die Größe und den Zustand der Ringelnatterpopulation sowie unterschiedliche Verhaltensweisen dieser Schlan- genart zu erfassen. Aus diesem Grund wurden in der vorliegenden Untersuchung künstliche Verstecke (KV) genutzt, um die Nachweiswahrscheinlichkeit deutlich zu erhöhen. Diese KV sind in der Feldherpetologie eine gängige Methode zur Untersu- chung von Schlangenpopulationen und schon vielfach erfolgreich genutzt worden. Außerdem wurde in der vorliegenden Untersuchung mit Hilfe der Radiotelemetrie erfolgreich versucht, Bewegungsmuster, Arealgrößen, sowie Vorzugsbereiche der Ringelnatter zu bestimmen.

Für die Bereitstellung der kostenintensiven Untersuchungsgeräte und für die Betreu- ung meiner Diplom-Arbeit möchte ich mich ganz herzlich bei Prof. Dr. Hermann Mattes bedanken, ohne den eine Untersuchung in dieser Form nicht möglich gewe- sen wäre.

Mein zweiter Dank richtet sich an Thomas Mutz für die Übernahme der Zweitkor- rektur, sowie der ausdauernden Bereitschaft mir für Anregungen zur Verfügung zu stehen.

Meinen Eltern danke ich von ganzem Herzen für die tolle Unterstützung während des gesamten Studiums, sowie bei dieser Arbeit in persönlicher, finanzieller und organisatorischer Hinsicht.

Ein großer Dank geht auch an Manfred Mutz, der während der gesamten Untersuchung ein freundschaftlicher Begleiter war und stets für die Beantwortung von Fragen und spannende Diskussionen bereit stand.

Außerdem möchte ich mich bedanken bei

- Herr Dreier und Herr Genius vom Amt für Grünflächen und Umweltschutz, die mir die notwendigen Ausnahmegenehmigungen für diese Untersuchung erteilt haben,
- Herr Geiger für das zur Verfügung gestellte Material,
- sowie bei Frau Dr. Heidbrink für das Einsetzen der Implantate.

Münster, im November 2010 Jan Schulze Esking

Abbildungsverzeichnis

Abb. 1: Aufbau der vorliegenden Arbeit

Abb. 2: Karte des Untersuchungsgebietes im Süden von Münster

Abb. 3: Körperbau beider Geschlechter im Vergleich

Abb. 4: Verdickte Gastralregion einer Ringelnatter (Natrix natrix)

Abb. 5: Regurgitierte Erdkröte (Bufo bufo)

Abb. 6: Spektrum des Abwehr- und Warnverhaltens von Ringelnattern

Abb. 7: Austritt eines Bluttropfens während der Akinese

Abb. 8: Abwehrhaltung (als Nachahmung einer Viper) bevor die Ringelnatter flach zustößt

Abb. 9: Adulte Ringelnatterweibchen, das Ansätze der Kobra-Stellung zeigt

Abb. 10: Röntgenbild einer besenderten Ringelnatter (Natrix natrix)

Abb. 11: Verteilung der gefangenen Ringelnattern auf Größenklassen

Abb. 12: Gesamtlänge der beiden Geschlechter

Abb. 13: Durchschnittliche Schwanzlänge in den unterschiedlichen Größenklassen

Abb. 14: Verteilung der Fundorttemperaturen unter den KV bei männlichen und weiblichen Ringelnattern

Abb. 15: Verteilung der Anzahl von Fängen auf die Untersuchungstage (n = 28)

Abb. 16: Verteilung des Anteils adulter Ringelnattern in der Häutung über den Untersuchungszeitraum im Jahr 2009

Abb. 17: Altersstruktur der Population im gesamten Untersuchungszeitraum und in den einzelnen Untersuchungsjahren

Abb. 18: Verteilung der Individuen auf die einzelnen Größenklassen

Abb. 19: Verteilung von Männchen, Weibchen und noch nicht bestimmbaren Jungtieren auf die einzelnen Größenklassen der Gesamtpopulation

Abb. 20: Geschlechterverhältnis im gesamten Untersuchungszeitraum (2006 - 2009) und in den einzelnen Untersuchungsjahren

Abb. 21: Häufigkeit der Wiederfänge (n = 123) von einzelnen Individuen (n = 80) im Untersuchungszeitraum von 2006-2009

Abb. 22: Größenklassen der Individuen, die mindestens einmal wiedergefangen werden konnten

Abb. 23: Schlupf einer Ringelnatter

Abb. 24: Anzahl und Häufigkeit von Abwehrreaktionen bei den unterschiedlichen Größenklassen der Ringelnatter

Abb. 25: Praeanaldrüsen-Entleerung in Abhängigkeit von Größe und Alter der Ringelnatter

Abb. 26: Praeanaldrüsen-Entleerung in Abhängigkeit von Größe und Geschlecht der Ringelnatter

Abb. 27: Abwehrreaktion Akinese in Abhängigkeit von Größe und Geschlecht

Abb. 28: Abwehrreaktion Zischen in Abhängigkeit von Größe und Geschlecht

Abb. 29: Ausgewählte kombinierte Abwehrreaktionen nach Geschlecht und Größe auf der Basis von 2 oder mehr Kombinationen

Abb. 30: Verteilung der Fundpunkte (n = 84) der telemetrierten Ringelnattern auf die unterschiedlichen Biotoptypen

Abb. 31: Anzahl telemetrierter Individuen, die im jeweiligen Teilhabitat lokalisiert werden konnten

Abb. 32: Anzahl der Fundpunkte (n = 84) in den unterschiedlichen Strukturen

Abb. 33: Verteilung der einzelnen Individuen auf die unterschiedlichen Strukturen

Abb. 34: Verteilung der Fundpunkte in Bezug auf die Entfernung zum nächsten Versteck

Abb. 35: Verteilung der Fundorte, die Schutz bzw. keinen Schutz bieten

Abb. 36: Das Untersuchungsgebiet mit den Aktionsräumen von 5 Weibchen, dargestellt als Minimum-Convex-Polygon

Abb. 37: Fundpunkte und Minimum-Convex-Polygon der home range des Tieres Anna

Abb. 38: Fundpunkte und Minimum-Convex-Polygon der home range des Tieres Birgit

Abb. 39: Fundpunkte und Minimum-Convex-Polygon der home range des Tieres Clara

Abb. 40: Fundpunkte und Minimum-Convex-Polygon der home range des Tieres Eva

Abb. 41: Fundpunkte und Minimum-Convex-Polygon der home range des Tieres Fiona

Tabellenverzeichnis

Tab. 1: Übersicht über die Untersuchungstiere

Tab. 2: Alter und Geschlecht der gefangenen Ringelnattern im Jahr 2009

Tab. 3: Vergleich der minimalen, maximalen und durchschnittlichen Temperaturwerte in der Luft und unter KV sowie die mittleren Differenzen (n = 128)

Tab. 4: Ergebnisse der Temperaturmessungen an den Aufenthaltsorten unter den KV getrennt nach Alter und Geschlecht

Tab. 5: Verteilung der beiden Geschlechter bei über 25 °C und bei unter 25 °C Fundorttemperatur unter den KV

Tab. 6: Effizienz der Untersuchungsmethode „Einsatz von KV“

Tab. 7: Temperaturwerte bei Ringelnattern in der Häutung im Vergleich zu Tieren, die sich nicht in der Häutungsphase befanden

Tab. 8: Fangstatistik der einzelnen Untersuchungsjahre

Tab. 9: Populationsgrößenberechnung nach SCHNABEL

Tab. 10: Körpermäße der frisch geschlüpften Jungschlangen in cm

Tab. 11: Nachgewiesene Beutetiere der Ringelnatter im Jahr 2009

Tab. 12: Arealgrößen und Wanderdistanzen der telemetrierten Ringelnattern

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

Das weltweite Artensterben betrifft auch in einem großen Umfang unsere heimischen Amphibien und Reptilien. Die negativen Folgen zunehmender Urbanisierung in Deutschland betreffen direkt eine große Anzahl von diesen Tierarten. Durch eine großflächige Lebensraumzerstörung, dem immer weiter zunehmenden Straßenver- kehr und das Einbringen von Umweltgiften werden die Bestände der Amphibien und Reptilien immer weiter reduziert. Dabei sind diese Tierarten oft wichtige Bestandtei- le funktionierender Ökosysteme und deren Nahrungsnetzen. Auch die Ringelnatter (Natrix natrix) bildet da keine Ausnahme. Da Amphibien ihre Hauptnahrungsquelle darstellen, ist sie nicht nur durch die Zerstörung ihres eigenen Lebensraumes, son- dern auch durch die Bestandrückgänge ihrer bevorzugten Beute stark betroffen.

Die Ringelnatter gehört zur Familie der Nattern und zur Gattung der europäischen Wassernattern. Zu den 3 Vertretern dieser Gattung zählen ebenfalls die in Deutsch- land vorkommende Würfelnatter (Natrix tessellata) sowie die Vipernnatter (Natrix maura). Natrix natrix ist in ganz Europa - ohne die Länder Irland und Großbritanni- en, das nördliche Skandinavien sowie einige Mittelmeerinseln (Kreta, Malta und die Balearen) - und dazu noch in Teilen Nordwestafrikas, Kleinasiens und Westruss- lands zu finden. In diesem Gebiet ist sie mit 13 Unterarten vertreten.

Das Untersuchungsgebiet Davert liegt in einem Übergangsbereich der beiden Unterarten Natrix natrix natrix (Nominatform) und Natrix natrix helvetica (Barrenringelnatter), so dass Mischformen der beiden Subspecies in dieser Hybridisationszone anzutreffen sind (ECKSTEIN 1993).

Die Ringelnatter bewohnt hauptsächlich feuchte Biotope in Gewässernähe (Seen, Teiche und langsam fließende Flüsse), aber auch weit davon entfernte Wälder, Moorgebiete und Parkanlagen. Voraussetzung für die Besiedlung eines Biotopes ist das Vorhandensein entsprechender Teilhabitate wie Jagdgebiete mit einer ausrei- chenden Anzahl an Amphibien, geeignete Sonn- und Eiablageplätze, sowie trockene und frostfreie Überwinterungs- und Ruheplätze bzw. Versteckmöglichkeiten. Diese verschiedenen Strukturen werden zwar im Tages- bzw. Jahresverlauf unterschiedlich stark und häufig frequentiert, bilden jedoch die Grundlage für jede lebens- und fort- pflanzungsfähige Ringelnatterpopulation.

Die Ringelnatter ist mit Abstand die häufigste Schlangenart im Bundesgebiet. Da es sich jedoch um sehr scheue und heimlich lebende Tiere handelt, ist es nicht verwun- derlich, dass immer noch sehr viele offene Fragen zur Ökologie und Lebensweise existieren. Auch der Einsatz von modernster Technik - wie der Radiotelemetrie - ersetzt nicht den hohen Arbeits- und Zeiteinsatz, der zum Lokalisieren, Fangen oder auch nur Beobachten dieser Tierart nötig ist. Außerdem spielt das Wetter eine große Rolle, da die künstlichen Verstecke (KV) - die in der vorliegenden Untersuchung die Basis für die Datenaufnahme darstellten - bei zu hohen Temperaturen von den Rin- gelnattern nicht mehr benötigt und damit auch nicht mehr genutzt werden.

Ziel dieser Untersuchung war es, mehr Informationen zur Ökologie und den Verhal- tensweisen der Ringelnatter zu generieren. So standen die Größen der genutzten Ha- bitate (home ranges), die Verhaltensweisen in Stresssituationen, die Größe der Ge- samtpopulation und das Nahrungsspektrum im besonderen Fokus der Untersuchung.

Der Aufbau der vorliegenden Arbeit gliedert sich folgendermaßen: Auf Basis dieser Einleitung, sowie der Vorstellung des Untersuchungsgebietes in Kapitel 2, besteht das Gerüst der Arbeit aus zwei Säulen, die von den beiden Untersuchungsmethoden künstliche Verstecke (KV) und Radiotelemetrie gebildet werden (Abb. 1). Dabei werden zunächst in Kapitel 3 jeweils Material und Methoden und im Anschluss in Kapitel 4 die entsprechenden Ergebnisse vorgestellt. In Kapitel 5 werden die Ergeb- nisse der Untersuchung diskutiert. Anschließend werden die zentralen Ergebnisse noch einmal hervorgehoben und offen gebliebene Problemstellungen angesprochen. Die Arbeit schließt in Kapitel 6 mit einer Zusammenfassung sowie einem Ausblick ab.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Aufbau der vorliegenden Arbeit.

Die beiden Säulen beziehen sich auf die Untersuchungsmethoden künstliche Verstecke (KV).

2 Untersuchungsgebiet

Das Untersuchungsgebiet (UG) liegt im Naturschutzgebiet Davert, einem ca. 10 km südlich vom Zentrum Münsters gelegenen Waldgebiet, welches sich über die Gren- zen der Stadt hinaus zu etwa gleichen Teilen über die Kreise Coesfeld und Waren- dorf erstreckt. Die Davert ist eine Kombination unterschiedlicher Waldgesellschaften mit der typischen Münsterländischen Parklandschaft und zählt zu den größten Wald- gebieten im Zentrum der Westfälischen Bucht. Naturräumlich lässt sie sich dem Kernmünsterland zuordnen.

Die westfälische Bucht grenzt im Nordwesten an die Staatsgrenze der Niederlande und im Westen an die Niederrheinische Bucht. Im Norden wird sie durch das Ems- land und im Osten durch den Teutoburger Wald sowie das Eggegebirge begrenzt. Im Süden schließt sich das Rheinische Schiefergebirge an. Aufgrund dieser geografi- schen Lage, der Höhenlage sowie der Gewässerfließrichtung wird sie als Teil des Niederdeutschen Tieflandes angesehen (JEDICKE & JEDICKE 1992). Geologisch stellt die Westfälische Bucht eine flache Mulde dar, deren Höhenstufen im Bereich zwi- schen 40 m und 80 m über NN liegen. Drei Ausnahmen bilden hierbei die Baumber- ge, die Beckumer Berge sowie die Haard mit Erhebungen von bis zu 186 m über NN. In ihrer Großform wird die Westfälische Bucht als glazial überformtes Kreide- Schichtstufenbecken bezeichnet. Die genannten Höhenzüge bestehen aus oberflä- chennah anliegenden kalkreichen Sedimenten der Oberkreide, besser bekannt z. B. als Baumberger Sandstein. Ansonsten wird die Oberflächengestalt von den Ablage- rungen des Pleistozäns geprägt (MÜLLER-WILLE 1966, BURRICHTER 1973). Entwäs- sert wird die Westfälische Bucht von den drei Flüssen Lippe (Süden), Ems (Nord- Osten) und Ijssel (Westen).

Das UG, bei dem es sich ebenfalls um eine flache Mulde mit einer Höhe von ca. 60 m über NN handelt, wird vom Emmerbach entwässert, der über den Vorfluter Werse in die Ems mündet. Die Böden des UG bestehen hauptsächlich aus Kreide- schichten mit toniger Beschaffenheit, die in wechselnder Mächtigkeit von Geschie- belehm überlagert sind. Der hohe Tonanteil ist als Stauschichtbildner für die starke Feuchtigkeit der vorkommenden Böden verantwortlich. Sie sind basen- und nähr- stoffarm und teilweise bereits podsoliert (MEISEL 1960). Auf diesen stau- und grundwasserfeuchten Böden dominieren, wie auch im gesamten Kernmünsterland, Eichen-Hainbuchenwälder (Stellario-Carpinetum). Nach BURRICHTER (1973) zählt diese Waldgesellschaft zur potentiell natürlichen Vegetation des Kernmünsterlandes. Zusätzlich gibt es einen entwässerten Birkenbruchwald (Betuletum pubescentis) im Südwesten des UG. Das Untersuchungsgebiet wird als Teil der westfälischen Bucht der atlantisch geprägten Klimaregion zugeordnet (MÜLLER-WILLE 1966). Die Nähe zum Nordatlantik, der durch den Golfstrom erwärmt wird, ist für das maritime Klima und die damit verbundenen milden Winter und feuchten, nur mäßig heißen Sommer verantwortlich. Eine klimatische sowie standörtliche Besonderheit im UG bildet der in Nord-Süd Richtung verlaufende Bahndamm (Abb. 2). Durch seine Höhe von ca.

10 m sowie der dichten Vegetation an den Seiten bildet der Damm bei den hier hauptsächlich vorkommenden West- oder Ostwinden eine natürliche Barriere. Die Bahndammoberseite mit dem Gleiskörper bildet somit eine Art „Kessel“, der wind- geschützt liegt und in dem teilweise deutlich höhere Temperaturen durch die Son- neneinstrahlung erreicht werden als wenige Meter tiefer an den Bahndamm-Flanken. Zusätzlich zeichnet sich der Bahndamm durch eine wesentlich höhere Trockenheit ebenfalls als Sonderstandort innerhalb der ansonsten sehr feuchten Davert aus.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 2: Karte des Untersuchungsgebietes im Süden von Münster.

Die schwarze Linie markiert die Liegeplätze der künstlichen Verstecke (KV) entlang der Bahnlinie.

3 Material und Methoden

3.1 Künstliche Verstecke

Als künstliche Verstecke (KV) kommen in der Feldherpetologie unterschiedliche Materialien zum Einsatz. Am häufigsten vertreten sind Bleche aus Metall, Schalbret- ter aus Holz und dickere Folienstücke. In der vorliegenden Untersuchung wurden ausnahmslos Profilbleche aus Aluminium mit einer Fläche von 0,5 m² (1 m Länge und 0,5 m Breite) genutzt. Die Oberseiten sind dunkel, um die Erwärmung der Ble- che durch die Sonne zu fördern. Da die künstlichen Verstecke bereits seit 4 Jahren im Untersuchungsgebiet liegen, haben sich die Ringelnattern bereits an diese Strukturen gewöhnt, wodurch eine Eingewöhnungsphase während der Diplomarbeit entfiel.

Täfelchen mit Erklärungen zur Untersuchung sind an allen Blechen angebracht, um Diebstähle oder Zerstörungen zu verhindern. Die insgesamt 42 KV sind entlang eines ca. 10 Meter hohen Bahndammes über eine Strecke von 2 Kilometern in - aufgrund unterschiedlicher Vegetationsstrukturen und Beschattungsintensitäten - unregelmäßigen Abständen ausgelegt worden.

Die Kontrolle der KV erfolgte von April bis Oktober 2009 in Abhängigkeit von den Witterungsverhältnissen ein- bis zweimal pro Woche. Dabei wurden die meisten Begehungen in den Monaten Mai, Juni und Juli durchgeführt, die je nach Fang-Erfolg 1,5 - 4 Stunden in Anspruch nahmen. Die Tiere unter den KV wurden mit der Hand gefangen und die Untersuchungsergebnisse anschließend direkt protokolliert(vgl. Aufnahmebogen im Anhang). Befanden sich unter einem KV mehrere Ringelnattern, wurden diese für einige Minuten in einem Stoffsack gehältert.

Folgende Daten wurden auf einem vorgefertigten Kartierbogen aufgenommen:

- Datum / Uhrzeit
- Wetterlage: Lufttemperatur in 1 m Höhe im Schatten / Wolken-Bedeckung
- Geschlecht / Altersgruppe (juvenil-subadult-adult)
- Gesamtlänge / Kopf-Rumpf-Länge
- Fundort (Nummer des Bleches)
- Fundorttemperatur unter dem künstlichen Versteck (KV)
- Reaktionen auf die Störung
- Zustand: Häutungs- und Verdauungsphasen / Trächtigkeit / Narben / Verlet- zungen

3.1.1 Biometrie

Die Messung der Gesamtlänge sowie der Kopf-Rumpf-Länge wurden mit einem her- kömmlichen Maßband durchgeführt. Dabei wurde die Schlange kurz hinter dem Kopf gehalten und hängen gelassen. Die auf eine Kontraktionsphase folgende Rela- xationsphase wurde dann zum Messen genutzt. In einigen Fällen wurden die Ergeb- nisse anhand einer Squeeze-Box überprüft. Bei der Squeeze-Box handelt es sich um einen Holzkasten mit einem Glasboden. Die Schlange wird auf das Glas gelegt, mit Schaumstoff fixiert und der Deckel geschlossen. Auf diese Art können die Tiere mit einem Rollmaßstab vermessen und ihre Ventralschuppen fotografiert werden (ECK- STEIN 1993).

3.1.2 Geschlecht und Alter

Die Tiere wurden in drei Altersklassen eingeteilt:

- juvenil = Jungtiere bis 30 cm GL
- subadult = ♂ ab 30 cm bis 50 cm GL / ♀ ab 30 cm bis 70 cm GL
- adult = ♂ ab 50 cm GL / ♀ ab 70 cm GL

Für diese Einteilung war die Gesamtlänge (GL) entscheidend. Bis zu einer Länge von 30 cm wurden Individuen beider Geschlechter als juvenil eingestuft. Männliche Tiere galten ab einer Länge von 50 cm, weibliche ab einer Länge von 70 cm als ge- schlechtsreif und somit als adult. Das Geschlecht wurde anhand verschiedener Fakto- ren bestimmt. Männliche geschlechtsreife Tiere besitzen eine verdickte Schwanz- wurzel, in der die Hemipenisse liegen. Zusätzlich weisen die Männchen im Vergleich zu den Weibchen eine geringere Gesamtlänge, einen schlankeren Körperbau (KABISCH 1978) und einen schmaleren Kopf (MERTENS 1947) auf. MERTENS (1947) beschreibt außerdem eine größere relative Schwanzlänge bei Männchen, die auch bei juvenilen Tieren eine Geschlechtsbestimmung zulässt. Abb. 3 zeigt einen Vergleich der beiden Geschlechter, die in diesem Fall beide genau 51 cm lang sind. Das zu- sammengerollte Weibchen in der Bildmitte ist deutlich massiger und hat einen breite- ren Kopf. Das Männchen dagegen hat einen erkennbar schmaleren Kopf und schlan- keren Körperbau.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 3: Körperbau beider Geschlechter im Vergleich.

Bei dem zusammengerollten Tier in der Mitte handelt es sich um das Weibchen. Im Ver- gleich dazu ist der schlankere Körperbau und schmalere Kopf des exakt gleich langen Männchens deutlich erkennbar. [Quelle: T.M.; Sommer 2009]

3.1.3 Temperaturen

Die Lufttemperaturen wurden mit dem Multi-Thermometer DT-300 der Firma VOLTCRAFT in 1 m Höhe über dem Boden mit einer Messgenauigkeit von 0,1 °C erfasst. Ziel war es, damit die Differenzen zu den Temperaturen unter den künstlichen Verstecken festzustellen. Die Temperatur unter den KV wurde ebenfalls mit diesem Gerät gemessen. Dabei wurde nach dem Fang einer Ringelnatter das als KV dienende Blech direkt wieder in die selbe Position gelegt und einige Minuten gewartet, um an dem exakten Aufenthaltsort der Schlange mit einem möglichst identischen Mikroklima die Fundorttemperaturmessung vorzunehmen.

3.1.4 Individuelle Identifizierung

Um die Ringelnattern bei einem möglichen Wiederfang individuell identifizieren zu können, wurde von jedem Tier jeweils ein Digitalfoto der Kopfoberseite, der Kopf- seite rechts und eins von den ersten 20 Bauchschildern aufgenommen. Das Bild der Ventralia ermöglicht eine sichere Identifikation bei einem Wiederfang, da das schwarz-weiß gewürfelte Bauchschuppenmuster bei Ringelnattern individuell und lebenslang konstant ist (ECKSTEIN 1993). Die Fotos wurden mit einer Panasonic FZ18 LUMIX gemacht und mit Datum und fortlaufender Nummer abgespeichert.

3.1.5 Ermittlung des Beutespektrums

Wurde aufgrund einer verdickten Gastralregion (Abb. 4) oder durch Ertastung (Palpation) ein Beutetier im Magen der Ringelnatter vermutet, war es in den meisten Fällen möglich, die Schlange durch leichtes Hochmassieren der Nahrung zum Regurgitieren der Beute zu bringen. Danach konnte die Beute in jedem Fall bis auf Artniveau bestimmt werden (Abb. 5).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 4: Verdickte Gastralregion einer Ringelnatter (Natrix natrix).

[Quelle: J.S.E.; 21.05.09; Bahndamm]

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 5: Regurgitierte Erdkröte (Bufo bufo).

An der Seite erkennt man die Wunde, die die Zähne der Natter verursacht haben und aus der die Luft aus der aufgeblasenen Kröte entweichen konnte.

[Quelle: J.S.E.; 21.05.09; Bahndamm]

3.1.6 Populationsuntersuchung

Für die Populationsuntersuchungen stehen verschiedene Berechnungsverfahren zur Verfügung (MÜHLENBERG 1993). In der vorliegenden Untersuchung kamen der LIN- COLN-PETERSEN-Index und die SCHNABEL-Methode zum Einsatz. Um diese Berech- nungsverfahren korrekt durchführen zu können, sind die Daten aus mehreren, min- destens aber aus zwei aufeinander folgenden Untersuchungsjahren notwendig. Aus diesem Grund wurde für die Berechnungen auf die von Manfred Mutz erhobenen Daten aus den Jahren 2006 bis 2008 zurückgegriffen, die dieser freundlicherweise zur Verfügung stellte. Mit Hilfe dieser großen Datenbasis konnten nun die Berech- nungen mit den im Folgenden vorgestellten Berechnungsverfahren für Populations- größen durchgeführt werden. Da bei der Ringelnatter eine individuelle Erkennung anhand der Bauchzeichnung möglich ist (vgl. Kap. 3.1.4), konnte die Populations- größe auch ohne eine spezielle Markierung der gefangenen Schlangen mit Hilfe der beiden mark-recapture-Analysen berechnet werden. Bei diesen Verfahren werden Mitglieder einer Tierpopulation gefangen, markiert und wieder freigelassen. Bei wei- teren Fängen wird dann das Verhältnis von bereits markierten und unmarkierten Tie- ren analysiert.

3.1.6.1 LINCOLN-PETERSEN-Index

Der LINCOLN-PETERSEN-Index ist bei Untersuchungen von Schlangenpopulationen die am häufigsten benutzte Methode (PARKER & PLUMMER 1987). Für die Berech- nung eines Ringelnatterbestandes wurde sie z. B. bereits von MERTENS (1993) und BLOSAT (1998a) verwendet. Der LINCOLN-PETERSEN-Index beruht auf der Annahme, dass die Population ein geschlossenes System bildet und weder eine Zunahme der Individuen durch Geburt und Einwanderung noch eine Abnahme der Individuen durch Abwanderung und Tod erfolgt. Die Berechnung basiert auf einem Fang und einem Wiederfang in zwei aufeinander folgenden Untersuchungszeiträumen. Vo- raussetzung ist, dass markierte Tiere sich wieder vollständig mit anderen Individuen der Population mischen und alle Tiere gleich fangbar sind (MÜHLENBERG 1993).

Die Formel lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dabei sollte c möglichst nahe an m liegen und r > 20 sein. Aus der Varianz ergibt sich die Standardabweichung s.

Da die Berechnung keinerlei Populationsdynamik berücksichtigt, führt dieses Ver- fahren bei Langzeituntersuchungen häufig zu überhöhten Bestandsschätzungen. Aus diesem Grund wird oft die angepasste Formel von BAILEY (1951, 1952) verwendet.

Diese lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

MERTENS (1993) verzichtet in eigenen Untersuchungen auf die angepasste Formel von BAILEY, was er wie folgt begründet: „Da der begründete Verdacht bestand, dass juvenile Tiere […] im Gesamtfang deutlich unterrepräsentiert waren, was eine zu niedrige Berechnung des Gesamtbestandes wahrscheinlich machte, wurde hier auf einen Einsatz der das Ergebnis nach unten korrigierenden BAILEY´SCHEN Gleichung verzichtet.“ Da auch in der vorliegenden Untersuchung zu erwarten ist, dass die Jungtiere gegenüber den adulten Individuen stark unterrepräsentiert sind, wird hier ebenfalls auf eine Anpassung der Formel verzichtet.

3.1.6.2 SCHNABEL-Methode

Das zweite angewendete Verfahren zur Populationsgrößenberechnung ist die SCHNABEL-Methode (SCHNABEL 1938). Im Gegensatz zum LINCOLN-PETERSEN- Index basiert diese auf mehreren Wiederfängen. Allerdings geht sie ebenfalls von einer geschlossen Population aus. Die SCHNABEL-Methode wurde zur Berechnung von Bestandsgrößen bei Schlangen ebenfalls bereits mehrfach benutzt und bietet aus diesem Grund, ebenso wie die Methode des LINCOLN-PETERSEN-Index, gute Ver- gleichsmöglichkeiten (ECKSTEIN 1993, LENZ & GRUSCHWITZ 1993, BLOSAT 1998a).

Sie lautet:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.1.7 Warn- und Abwehrverhalten

Die Ringelnatter besitzt ein weites Spektrum von Abwehrreaktionen. Grundsätzlich kann man diese Reaktionen in zwei Bereiche aufteilen. Es handelt sich um defensive Strategien und um proaposematische, also drohende und aggressive, Verhaltenswei- sen. Gefangene Tiere zeigen keine, einzelne oder unterschiedlich kombinierte Reak- tionen. Abb. 6 zeigt die vorkommenden und beobachteten Verhaltensweisen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 6: Spektrum des Abwehr- und Warnverhaltens von Ringelnattern.

Hier kann zwischen defensiven und offensiven, also aggressiven Strategien unterschieden werden.

Zu den defensiven Abwehrreaktionen zählt das - wohl am häufigsten auftretende - frühzeitige Ausweichen (ECKSTEIN 1993). Über Vibrationen im Boden, ausgelöst

z. B. durch Schritte, erkennt die Ringelnatter die potentielle Gefahr und begibt sich leise und in Ruhe in ein nahegelegenes Versteck. Dieses kann dichte Vegetation oder ein Nagerbau sein. In den meisten Fällen wird die Schlange dabei nicht bemerkt Wird die Natter jedoch überrascht, kommt es zu einer überhasteten ungerichteten Flucht, bei der nahe gelegene potentielle Verstecke häufig übersehen werden (ECK- STEIN 1993).

Kann die Natter der Gefahr jedoch nicht mehr entkommen und wird ergriffen, ent- leert sie häufig ihre Praeanaldrüsen. Diese Drüsen enden in der Kloake und wäh- rend sich das Tier heftig windet, spritzt eine unangenehm riechende, kalkweiße Flüs- sigkeit in alle Richtungen. Der Geruch haftet über Stunden an Händen und Kleidung und lässt sich auch nicht abwaschen (KABISCH 1978, ECKSTEIN 1993). BLOSAT (mdl.) und ECKSTEIN (1993) stufen die Praeanaldrüsenentleerung als immer vor- kommende Reaktion auf die Ergreifung eines Tieres ein. Dies konnte in der vorlie- genden Untersuchung jedoch nicht festgestellt werden, weshalb dieses Verhalten als eine eigenständige Reaktion, im Unterschied zum Fehlen von Abwehrreaktionen eines Tieres, bewertet wird.

Eine weitere defensive Verhaltensweise ist die Akinese. Dieses „Sichtotstellen“ kann in unterschiedlichen Formen und Intensitäten auftreten.

Mögliche Verhaltensweisen bei der Akinese:

- Verdrehung des Körpers in Schlingen
- Leicht geöffnetes Maul
- Weit aufgerissener Rachen mit heraushängender Zunge
- Verdrehte Pupillen
- Völlige Erschlaffung der Körpermuskulatur
- Drehung des Körpers auf den Rücken, Präsentation der schwarz-weißen Bauchseite
- Herauspressen eines Bluttropfens aus dem Maul (Abb. 7)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 7: Austritt eines Bluttropfens während der Akinese.

Das Austreten von Blut soll den Eindruck verstärken, eine tote Natter vor sich zu haben.

[Quelle: J.S.E.; 25.05.10; Bahndamm]

Die Intensität der Akinese wird zum Teil auch durch die Dauer dieses Verhaltens ausgedrückt. Einige Tiere wurden sofort wieder aktiv, sobald sie keine Berührungen mehr spürten. Andere dagegen verblieben auch ohne Berührung bis zu 30 Minuten in einer erschlafften Akinese-Stellung.

Im Gegensatz zu den bisher beschriebenen defensiven Strategien handelt es sich bei den proaposematischen Verhaltensweisen um aggressive, drohende Reaktionen. Zu ihnen gehört das Zischen, bei dem der Kopf und der Hals stark abgeflacht werden und die Luft herausgepresst wird. Zwei weitere Drohgebärden sind das symbolische bzw. flache Zustoßen (Abb. 8) und die Kobra-Stellung (Abb. 9).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 8: Abwehrhaltung (als Nachahmung einer Viper) bevor die Ringelnatter flach zustößt.

[Quelle: J.S.E.;0 21.05.09; Bahndamm]

Beim symbolischen Stoß zieht die Natter den Hals s-förmig an und stößt dann mit geschlossenem Maul flach über dem Boden geradeaus zu. Dieses Verhalten kann auch bei vielen angreifenden Giftschlangen (Vipera sp.) beobachtet werden. Dies geschieht meist mehrmals in schneller Folge, wobei das Ziel - im Gegensatz zu den Vipern - jedoch immer knapp verfehlt wird.

Das zweite Drohverhalten ist die Kobra-Stellung, die ECKSTEIN (1993) folgenderma- ßen beschreibt: „Dazu wird der Vorderkörper etwa zu einem Drittel der Gesamtlänge senkrecht aufgerichtet und mit waagerecht gehaltenem, stark abgeflachtem Kopf laut gezischt (bei geschlossenem Maul). Dabei bewegen die Ringelnattern das auf der Erde verblieben Körperende in “schlängelnder Weise“ auf der Stelle. Die Kobra- Stellung unterscheidet sich vom “symbolischen Stoß“ dadurch, dass die Schlange dabei mit erhobenem Vorderkörper nach vorne und damit auch zwangsläufig abwärts gerichtet zustößt.“

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 9: Adulte Ringelnatterweibchen, das Ansätze der Kobra-Stellung zeigt.

[Quelle: J.S.E.; 21.05.09; Bahndamm]

3.2 Radiotelemetrie

Die zweite Säule dieser Untersuchung beruht auf der Radiotelemetrie. Damit ist es möglich, den Standort eines vorher besenderten Tieres jederzeit zu lokalisieren. Mit dieser Methode lassen sich unter anderem Wanderrouten, Areale sowie bevorzugte Aufenthaltsorte identifizieren. Somit bietet diese Technik die Möglichkeit, einen detaillierten Einblick in die Lebensweise der ansonsten so scheuen Tierart zu be- kommen.

3.2.1 Ausrüstung

Die Signale der Sender wurden mit dem Gerät THX-1000S der Firma Wildlife Mate- rials, Inc. aus Illinois (USA) und einer 3-Element-Yagi-Antenne empfangen. Die genutzten Sender stammen ebenfalls von der Firma Wildlife Materials, Inc. Sie ha- ben die Maße 2,6 x 1,3 x 0,7 cm (L x B x H) und ein Gewicht von 4-6 g. Die Sender hatten eine Batterielebensdauer von ca. 8 Monaten und sendeten in einem Frequenz- bereich von 150 bis 151 MHz. In diesem Bereich liegen die sog. ISM-Frequenzen (Industrial Scientific and Medical), die von der Bundesnetzagentur für derartige Un- tersuchungen freigegeben sind. Die Reichweite der Sender ist abhängig vom Gelände sowie von den Aufenthaltsorten der Schlange und dem Standort des Empfängers. Häufig wurde das Signal bei der Untersuchung vom Bahndamm oder vom gegen- überliegenden Waldrand zurückgeworfen, so dass dieser Umstand bei der Peilung beachtet werden musste. Gleichzeitig musste die Verringerung der Signalweite be- rücksichtigt werden, falls sich das Tier in einem unterirdischen Versteck befand.

Um die genauen Aufenthaltsorte der telemetrierten Tiere zu ermitteln und aufzuzeichnen, wurde ein GPS-Gerät GPS 60 der Firma Garmin eingesetzt.

3.2.2 Senderimplantation

Die Anbringung von Sendern an der Außenhaut von Schlangen ist so gut wie unmög- lich, weshalb für diese Untersuchung nur Schlucksender oder implantierbare Sender in Frage kamen. Allerdings besteht bei Schlucksendern immer die Gefahr, dass diese durch ein Regurgitieren bzw. Ausscheiden durch die Kloake verloren gehen und auch das Fressverhalten der Tiere negativ beeinflusst wird. Daher wurden bei dieser Untersuchung ausschließlich Implantatsender eingesetzt. Da die Implantation eines Senders in den Bauchraum nicht risikofrei ist, wurden die notwendigen Operationen von der für solche Eingriffe qualifizierten Tierärztin Dr. Stefanie Heidbrink aus Münster vorgenommen. Sowohl für den Fang der Tiere, als auch für die tierärztli- chen Eingriffe bestand eine Ausnahmegenehmigung des Amtes für Grünflächen und Umweltschutz der Stadt Münster. Wurde ein passendes Tier, welches die Vorausset- zungen für eine Implantation erfüllte, gefangen, musste es eine Woche in einem Ter- rarium gehältert werden, um seine Nüchternheit für die Operation (OP) zu gewähr- leisten. Das Gewicht eines Senders darf maximal 5 % des Körpergewichtes des Tie- res betragen. In der vorliegenden Untersuchung betrugen die Gewichte der Sender zwischen 1,9 und 3,2 % der Körpermasse der Untersuchungstiere und lagen somit noch deutlich unter den empfohlenen Maximalwerten. Das Mindestgewicht der Rin- gelnatter für eine Implantation lag bei 150 g bei einer Mindestkörperlänge von 85 cm. Tatsächlich wurden jedoch bis auf eine Ausnahme immer schwerere und län- gere Tiere besendert. Im vorliegenden Untersuchungsgebiet werden diese Bedingun- gen allerdings nur von weiblichen Ringelnattern erfüllt, weshalb männliche und da- mit deutlich kleinere Tiere nicht Bestandteil der Untersuchung sein konnten.

Zur Vorbereitung auf die eigentliche OP wurde den Tieren von der Tierärztin zuerst das Muskelentspannungsmittel Ketamin und anschließend Medetomidin zur Sedie- rung gespritzt. Zeigte das Tier keinerlei Reflexe mehr, wie z. B. den Umkehrreflex, konnte mit der Operation begonnen werden. Die Tiere wurden zusätzlich während des gesamten Vorganges mit Isofloran-Narkosegas beatmet. Nach Beendigung der Operation wurden ihnen sowohl Antibiotika (Enrofloxacin) als auch Schmerzmittel (Meloxicam) verabreicht. Die Operationen verliefen bis auf eine einmalige kleinere Nachblutung ohne nennenswerte Zwischenfälle.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 10: Röntgenbild einer besenderten Ringelnatter (Natrix natrix).

Im hinteren Drittel des Tieres wurde der Sender in den Bauchraum gesetzt. Die Antenne ist mit dem Sender in Epoxidharz eingegossen.

[Quelle: J.S.E.; 06.08.09; Praxis Dr. Heidbrink]

Im Anschluss an die OP wurden die operierten Ringelnatterweibchen eine Woche in einem Quarantänebecken gehältert und ihr Zustand stetig überwacht. Eine tägliche Antibiotikagabe unterstützte den Heilungsprozess. Alle Tiere konnten 7 Tage nach der OP an ihrem exakten Fundpunkt wieder ausgesetzt werden.

3.2.3 Versuchstiere

Zur besseren Unterscheidung wurden den 6 weiblichen Ringelnattern, die für die vorliegende Untersuchung besendert wurden, weibliche Vornamen (Anna, Birgit, Clara, Doris, Eva und Fiona) gegeben. Die Körperlängen der Tiere lagen zum Zeitpunkt der Implantation zwischen 85 und 97 cm, die Gewichte bei 156 - 255 g. Tab. 1 gibt eine Übersicht über die Tiere.

Tab. 1: Übersicht über die Untersuchungstiere.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

3.2.4 Ortung und Datenaufnahme

Die Ortung der besenderten Schlangen wurde grundsätzlich an einem zentralen Punkt im Untersuchungsgebiet begonnen. Auf Grundlage der empfangenen Peilsig- nale und deren Intensität konnte man sich von diesem Punkt den zu ortenden Tieren nähern bis der Aufenthaltsort der Schlangen auf 0,5 m genau bestimmt werden konn- te. Teilweise war es nötig, durch seitliches Ausweichen eine Bestätigung der Pei- lungsrichtung zu bekommen (sog. Kreuzpeilung). Befanden sich die Tiere im Boden, war es möglich, die Lage bis auf wenige Zentimeter genau zu bestimmen, indem die Antenne vom Kabel getrennt und mit dem Kabelende der Boden abgetastet wurde. Grundsätzlich wurde versucht, die Tiere so wenig wie möglich zu stören.

Nach erfolgter Ortung wurden folgende Untersuchungsparameter in einen Kartierbogen eingetragen:

- Datum / Uhrzeit
- Wetterlage / Bewölkung / Lufttemperatur
- Sichtung der Schlange
- Aktivität
- Biotoptyp (s. u.)
- Kleinstruktur
- Entfernung zum nächsten Versteck

In diesem Zusammenhang wurde das Untersuchungsgebiet in sieben unterschiedliche Biotoptypen eingeteilt:

- Bahndamm Oberseite
- Bahndamm-Seite West / Ost
- Grünland / Acker
- Graben / Hecke
- Waldrand
- Lichter Pionierwald in früher Sukzessionsstufe
- Laubwald

Zusätzlich wurden die genauen Lokalisationspunkte anhand ihrer Struktur unterschieden. Wichtigster Faktor bei der Unterscheidung war eine potentielle Schutzfunktion bzw. Versteckmöglichkeit für die Ringelnattern:

- Im Boden (Nagerbauten oder Wurzelsysteme)
- Schützende Vegetation

(Zu dieser Kategorie zählen mit Dornen besetzte Pflanzen wie Weißdorn (Crataegus monogyna), Schwarzdorn (Prunus spinosa) und Brombeere (Rubus fructicosus agg.). Die Brennnessel (Urtica dioica) wurde aufgrund ih- rer Wehrhaftigkeit ebenfalls dieser Kategorie zugeordnet. Alle vier der oben genannten Arten sind im Untersuchungsgebiet sehr häufig vertreten.)

- Geschlossene Struktur (Zu dieser Kategorie zählen dichte Vegetation und Unterholz)
- Halboffene Struktur (lichte Vegetation mit offenen Bereichen)
- Offene Struktur (ohne Vegetation)
- Unter Blech (KV)

Ein weiterer Aufnahmeparameter war die Entfernung zum nächsten Versteck. Da es sich bei Ringelnattern um sehr heimliche Tiere handelt, ermöglichen diese Parameter eine Unterscheidung der Individuen hinsichtlich ihrer Risikobereitschaft, sich von potentiellen Verstecken zu entfernen, die die Möglichkeiten zur Flucht in den Boden, in schützende oder auch in dichte Strukturen, bieten.

Folgende Kategorien wurden unterschieden:

- Bereits im Boden
- Bereits in schützender Vegetation
- Bis zu 2 Meter Entfernung
- 2-5 Meter Entfernung
- Über 5 Meter Entfernung

Ebenso wurden die möglichen Aktivitäten der Tiere auf dem Kartierbogen vermerkt. Grundsätzlich galt die Schlange bei einer Sichtung als aktiv, ebenso konnte aber eine mögliche Aktivität meist auch ohne Sichtung angenommen oder ausgeschlossen werden. Hielt sich das Tier beispielsweise in sehr dichter Vegetation oder im Unter- holz auf, zeigte ein mögliches wanderndes Signal die Aktivität der Schlange.

Zusätzlich zu den obengenannten Untersuchungsparametern wurden die GPS- Koordinaten des Fundortes mittels des GPS-Gerätes für spätere Auswertungen dokumentiert.

3.2.5 Ermittlung der home ranges

Der Begriff home range wurde 1943 von BURT geprägt, der ihn folgendermaßen definiert: “that area traversed by the individual in its normal activities of food gathering, mating and caring for young.”

Die home range ist also das Areal bzw. der Aktionsraum oder auch das Streifgebiet, welches ein Individuum während seiner normalen Aktivitäten wie Nahrungssuche, Paarung und Fortpflanzung nutzt. In der vorliegenden Arbeit wurden die home ran- ges mittels der Convex-Polygon-Methode (JENNRICH & TURNER 1969) oder auch Minimum-Areal-Methode (DALKE 1942) berechnet. Dabei werden die Fundpunkte so miteinander verbunden, dass die entstehenden Innenwinkel nicht größer als 180° sind.

Die resultierende Fläche wird als total home range bezeichnet. Da jedoch bestimmte Bereiche innerhalb dieser Fläche gar nicht oder nur sehr selten genutzt wurden, wie z. Β. Ackerflächen oder Nadelwaldstrukturen, wurde ein korrigiertes Areal berechnet, die sog. combined home range. Zur Erlangung der combined home range werden die Flächen der potentiell nicht genutzten Bereiche ermittelt und diese Flächen von der Fläche der total home range abzogen.

4 Ergebnisse

4.1 Fangresultate

4.1.1 Fangzahlen des Jahres 2009

Während der Untersuchung im Jahre 2009 konnten 135 Ringelnattern gefunden wer- den. Dabei handelte es sich bei 76 Funden um weibliche, bei 51 Funden um männli- che Ringelnattern und bei 8 Funden um juvenile Tiere. 95,6 % der Fänge gelangen unter den KV. Nur bei 5 % der Tiere (n = 6) gelang der Fang in der natürlichen Ve- getation. Dies liegt an einem starken Bewuchs mit Schwarzdorn und Brombeere und der daraus resultierenden eingeschränkten Zugänglichkeit des Untersuchungsgebie- tes. Die sich frei sonnenden Nattern lagen meist nur wenige Zentimeter von diesen dichten Schwarzdorn- und Brombeerbeständen entfernt. Aufgrund ihrer großen Fluchtdistanz und der dichten Vegetation konnten flüchtende Nattern meist nur an- hand der Fluchtgeräusche wahrgenommen werden. Dies geschah jedoch sehr häufig. Entsprechend der beschriebenen Größeneinteilung (vgl. Kap. 3.1.2) wurden von den 76 Fängen weiblicher Tiere 32 als adult und 44 als subadult eingestuft (Tab. 2). 42 der insgesamt 51 Fänge männlicher Tiere waren länger als 50 cm und gelten somit als adult, die übrigen 9 als subadult. Zusätzlich konnten 8 juvenile Ringelnattern ge- fangen werden.

Tab. 2: Alter und Geschlecht der gefangenen Ringelnattern im Jahr 2009.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11 zeigt die Verteilung der im Jahre 2009 gefangenen Tiere über die verschie- denen Größenklassen. Die Größenstruktur der Population wird in Kap. 4.1.6.3 be- schrieben.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 11: Verteilung der gefangenen Ringelnattern auf Größenklassen.

Wie in Kap. 3.1.1 beschrieben, wurde die Körperlänge mit einem Maßband gemessen. In einigen Fällen wurden die Daten zusätzlich mittels einer Squeeze-Box erhoben. Der Vergleich dieser unterschiedlich bestimmten Längenmaße zeigt, dass die Messungen per Maßband ca. 1-2 cm länger ausfallen. Dies sollte bei einem Vergleich mit anderen Studien beachtet werden. Abb. 12 stellt die Verteilung der Gesamtlängen für die beiden Geschlechter dar.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 12: Gesamtlänge der beiden Geschlechter.

Es lässt sich deutlich ein breites Spektrum der Gesamtlänge bei den Fängen weibli- cher Tiere, sowie im Gegensatz dazu ein relativ enges Größen-Fenster bei den Fän- gen männlicher Ringelnattern erkennen. Der Median ist bei beiden Geschlechtern sehr ähnlich. Die Schwanzlänge und der Quotient aus Gesamtlänge und Schwanzlän- ge (GL/SL) zeigen deutliche Unterschiede bei den Geschlechtern. Vergleicht man die einzelnen Größenklassen ist erkennbar, dass bei beiden Geschlechtern die Schwanz- länge zwar mit der Körpergröße korreliert, die Schwänze der männlichen Ringelnat- tern im Vergleich zu denen der Weibchen jedoch erkennbar länger sind (Abb. 13).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 13: Durchschnittliche Schwanzlänge in den unterschiedlichen Größenklassen.

[...]

Ende der Leseprobe aus 118 Seiten

Details

Titel
Öko-ethologische Untersuchung einer Ringelnatterpopulation unter Berücksichtigung erster telemetrischer Daten zur Raumnutzung
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Landschaftsökologie)
Veranstaltung
Landschaftsökologie - Feldherpetologie
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
118
Katalognummer
V187989
ISBN (eBook)
9783656123835
Dateigröße
17730 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Ringelnatter, Natrix, Herpetologie, Reptilien, Schlangen, Telemetrie, Schlangenbleche, amphibien
Arbeit zitieren
Jan Schulze Esking (Autor), 2010, Öko-ethologische Untersuchung einer Ringelnatterpopulation unter Berücksichtigung erster telemetrischer Daten zur Raumnutzung, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/187989

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