Das „lien social“ im durkheimschen Spätwerk


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

20 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Allgemeine Begriffsklärung

3. Die durkheimsche religionssoziologische Studie
3.1 Der historische Kontext
3.2 Ausgangspunkte der Studie
3.3 Die Untersuchung des Totemismus australischer Volksstämme
3.4 Fazit der gewonnenen Erkenntnisse über Religion

4. Der Ursprung der Moral in der Religion

5. Abschließende Gedanken

1. Einleitende Gedanken

Die Hinwendung Emile Durkheims (1858 - 1917) zur Religion wird oft als „kulturelle Wende“ (Alexander zit. n. Müller 2003, S. 162) in seinem Werk bezeichnet, als eine Entwicklung vom „strukturellen zum kulturellen Durkheim“ (Müller 2003, S. 170). Doch damit ist keinesfalls gemeint, dass Durkheim 1912 mit der Veröffentlichung seines Bu- ches „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ „plötzlich die Religion entdeckt und sie als allmächtigen Erklärungsfaktor etabliert hätte“ (Müller 2003, S. 170), vielmehr spielt sie in einigen seinen vorherigen Werken, wie im „Selbstmord“1, der schon 1897 erschien, oder „Über soziale Arbeitsteilung“ aus dem Jahr 1893, bereits eine große Rolle als wichtige Erklärungsgröße. Der Grund für die Hinwendung Durkheims zur Ergründung des Wesens der Religion war zum einen seine Begeisterung für bekannte Religionswis- senschaftler seiner Zeit, wie Sir James G. Frazer oder William Robertson Smith. Zum anderen die Erarbeitung einer Grundlage für das später geplante genauere Studium der modernen Moral und Kultur. Doch auf Grund seines frühen Todes 1917 war ihm diese detaillierte Untersuchung des Moralkomplexes und die Entwicklung vom „moralischen Kollektivismus […] [hin zum] Individualismus“( Müller 2003, S. 163) nicht mehr mög- lich.

Dennoch versucht Durkheim in seiner Auseinandersetzung mit der primitiven Religion der australischen Stammesgesellgesellschaften noch einmal2 die Antwort auf die Frage zu finden, was die Gesellschaft zusammenhält. Seine Erkenntnisse über die mechanische3 und organische4 Solidarität als Bindeglieder der Gesellschaft aus dem Jahr 1893 scheinen ihm fast 20 Jahre später nicht mehr zu genügen. Was er auf Basis der Erkenntnisse seines Werkes „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ und den Gedankengängen aus einem früheren Aufsatz zum Thema Individualismus letztlich als das „lien social“ (Durk- heim zit. n. Koenig 2008, S. 7) - das soziale Band - das die Gesellschaft zusammenhält, identifiziert, und wie er es auf die Gesellschaft seiner Zeit überträgt, soll in dieser Arbeit offen gelegt werden.

Im Folgenden werden deshalb zunächst einmal die grundlegenden Begriffe dieser Arbeit - Religionssoziologie, Religion und Moral - geklärt. Dann wird Durkheims klassische Studie „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ über primitive Religionsformen in Australien in ihren theoretischen Ausgangspunkten und ihren Erkenntnissen dargelegt. Anschließend wird zunächst Durkheims individualistischer Moralbegriff anhand seiner Schrift „Der Individualismus und die Intellektuellen“ geklärt, um dann durch die Herstellung eines Zusammenhangs beider Texte Durkheims Vorstellung vom Bindeglied der Gesellschaft zu präzisieren. Abschließend wird ein kurzer Ausblick der Bedeutung der durkheimschen Erkenntnis für die heutige Zeit gegeben.

2. Allgemeine Begriffsklärung

Einleitend werden zunächst einmal die zentralen Begriffe dieser Arbeit - Religionssoziologie, Religion und Moral - präzisiert.

Der Begriff der Religionssoziologie bezieht sich auf einen „Arbeitsbereich der Soziolo- gie, in dem die gesellschaftlichen Bedingungen und Wirkungen religiöser Phänomene und die religiösen Bedingungen und Wirkungen gesellschaftlicher Phänomene empirisch erforscht und theoretisch erklärt werden“ (Fuchs-Heinritz 1994, S. 555). Bei den Klassi- kern der Soziologie, dass heißt bei Max Weber und Emile Durkheim, hat sich die Religi- onssoziologie zu einem festen Bestandteil allgemeiner soziologischer Theorie etabliert, wobei Emile Durkheim auch als der Begründer der Religionssoziologie in einem strikte- ren disziplinären Verständnis gilt. In neuerer Zeit hat sich die Religionssoziologie jedoch zu einer speziellen Organisationssoziologie mit dem thematischen Fokus auf Kirchlich- keit verengt (ebd.). Gegenstand der Religionssoziologie ist dabei die Ergründung der Wechselwirkung zwischen Religion und Gesellschaft, sowie die gesellschaftlich bedingte Geltung von Religion und die Wirkbestände von Religion auf gesellschaftliche Situatio- nen (vgl. Endruweit 1989, S. 535f).

Versteht man Religion als einen Teilaspekt der Kultur5, so ist die Religionssoziologie auch unter den Begriff der Kultursoziologie6 zu fassen. Diese befasst sich mit dem Span- nungsverhältnis von Kultur und Gesellschaft und zwar, ausgehend vom Begründer der Kultursoziologie Alfred Weber, explizit mit den geistigen, moralischen, künstlerischen und ähnlichen Lebensformen. Alle übrigen zweckmäßigen und technischen Aspekte der Lebensformen werden als Zivilisation gegenüber gestellt (vgl. Fuchs-Heinritz 1994, S. 385). Auch in Bezug auf die Religionssoziologie als kultureller Wendepunkt im durk- heimschen Werk kann im weiteren Sinne von einer Kultursoziologie gesprochen werden.

Der im Terminus Religionssoziologie implizierte Begriff der Religion bezeichnet eine „anthropologisch angelegte oder als für den Aufbau und das Funktionieren von Gesell- schaften unerläßlich [sic!] angesehene, Bindung und Orientierung an letzten, zumeist als überweltlich angesehenen Gegebenheiten (Gotteswille, Werte), die allen individuellen religiösen Erfahrungen oder historisch auftretenden Religionsformen als Gemeinsames zugrunde liegt, und deren konkreter Ausdruck letztere sind“ (Fuchs-Heinritz 1994, S. 554). Emile Durkheim präzisiert dieses heutige allgemeine Verständnis von Religion für seine theoretischen Anstrengungen insofern, als das er damit „ein System von Glaubens- vorstellungen und zeremoniellen Riten [meint], das eine kollektiv vollzogene Unter- scheidung aller Dinge in profane und heilige (lat. Sacer) Wesen und Gegenstände bein- haltet und das institutionell verankert ist in einer Gemeinschaft von Gläubigen“ (Fuchs- Heinritz 1994, S. 554). Diese Definition erhebt ebenso einen universalen Gültigkeitsan- spruch, wie die zuvor genannte.

Der Begriff der Moral bezeichnet allgemein „die ideale Fundierung eines Systems von Werten und Normen“ (vgl. Fuchs-Heinritz 1994, S. 450). Auch hierzu findet sich bei Durkheim eine eigene Definition. Er versteht unter Moral „sanktionsbewehrte Verhaltensregeln“ (Durkheim zit. n. Fuchs-Heinritz 1994, S. 450), die dann nichts Zwingendes an sich haben, wenn wir „ein angemessenes Verständnis der Moralgebote, der Gründe von denen sie abhängen und der Funktionen, die jede von Ihnen erfüllt“ (Durkheim zit. n. Fuchs-Heinritz 1994, S. 450), besitzen.

3. Die durkheimsche religionssoziologische Studie

In dem 1897 erschienen Werk „Selbstmord“ kündigt Durkheim eine Studie zum Berufs- verbandswesen an, in welcher er „die Träger organischer Solidarität spezifizieren und seine Vorstellungen zu einer dynamischen und gerechten Sozialordnung“ (Müller 2003, S. 162) und zum Zusammenwirken von Wirtschaft, Politik, Staatswesen und Berufsgrup- pen in einer demokratischen Zivilgesellschaft entwerfen wollte. Doch anstatt diese ange kündigte Studie durchzuführen, schlägt Durkheim einen anderen Weg ein und widmet sich der Untersuchung der Struktur und Entwicklung von Religion anhand der einfachen australischen Stammesgesellschaften - sein religionssoziologisches Spätwerk „Die ele- mentaren Formen des religiösen Lebens“ entsteht. Dieses soll den Grundstein für sein danach geplantes Werk „Die Moral“ liefern, das er jedoch nie zu Papier bringen wird. Dennoch lässt sich aus dieser Religionstheorie Durkheims Grundauffassung vom Wesen der Religion und damit der religiöse Ursprung der Moral entnehmen, um später auf die- ser Basis Durkheims Vorstellung vom Bindeglied der Gesellschaft zu schlussfolgern.

Im nun anschließenden Teil werden die Grundzüge der religionssoziologischen Studie Durkheims dargelegt. Doch zunächst einmal wird ein grober historischer Rahmen der Entstehung dieser Studie gezeichnet.

3.1 Der historische Kontext

Durkheims Standardwerk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, das „eine weitere Durchdringung und Verfeinerung“ (Müller 2003, S. 152) seiner Grundidee dar- stellt, entstand während seiner Zeit als Lehrstuhlinhaber an der Pariser Universität Sar- bonne. Dieses Werk stellte für Durkheim die Basis für das danach geplante und nie ge- schriebene Werk „Die Moral“ dar, welches die Verwirklichung seines Lebensziels der Entwicklung einer neuen Moral bedeuten sollte, die zeitgemäß und der seit der französi- schen Revolution unversöhnlich gespaltenen Nation Frankreichs zu einer neuen Solidari- tät verhelfen sollte. Denn seit 1789 durchlief Frankreich eine große soziale Krise. Bis 1870/71, dem deutsch-französischen Krieg aus dem Frankreich mit einer Niederlage her- vorging, hatte Frankreich acht verschiedene politische Regime durchlaufen. Darunter waren drei Monarchien, zwei Kaiserreiche und zwei Republiken. Doch keines konnte den Werten der französischen Revolution - Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit - eine dauer- hafte und stabile Grundlage bieten. Die soziale Krise Frankreichs kam vor allem in einer immensen sozialen Ungleichheit zum Ausdruck. Aber auch die Schaffung und Entwick- lung eines solidarischen Zusammenhalts, einer individualistischen Moral und eines de- mokratischen Bewusstseins der französischen Nation war auf Grund des traditionell kon- servativen Einflusses der katholischen Kirche auf das Erziehungssystem nicht möglich. Mit seinem Werk versprach sich Durkheim, die sozialen Zusammenhänge besser ver- stehbar und die anhaltende Krise klarer durchschaubarer zu machen (vgl. Müller 2003, S. 153). Im historischen Kontext betrachtet kann Durkheims Theorie also zu Recht als „Kri- senwissenschaft“ (Koenig 2008, S. 10) verstanden werden, mit der er eine Antwort auf die politische und moralische Krise seiner Zeit und seines Landes geben wollte. Die Su che nach dieser Antwort und nach einer neuen Moral, kann als die treibende Kraft Durk- heims theoretischer Bestrebungen gesehen werden. Die Moral die er letztlich dabei zu finden hoffte, sollte den Zusammenhalt Frankreichs und der modernen Gesellschaft selbst sichern (vgl. Joas 1997, S. 89). Doch betrachtet man frühere Texte Durkheims, wie „Der Individualismus und die Intellektuellen“, der in dieser Arbeit später noch einer genaueren Betrachtung unterzogen wird, lässt sich ableiten, welche Art von Moral ihm vorschwebte und es lässt sich erahnen, dass „daraus in der Tat eine Makroökologie moderner Gesellschaft resultiert hätte“ (Müller 2003, S. 163).

3.2 Ausgangspunkte der Studie

Das Kernstück der durkheimschen Religionssoziologie bildet sein 1912 veröffentlichtes Buch „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“, das auf der Auswertung zeitge- nössischer Reise- und Forschungsberichte beruht. Nach seiner eigenen Aussage ist der „Zweck dieses Buches […] die primitivste und einfachste Religion zu studieren, die bis jetzt bekannt ist, sie zu analysieren und eine Erklärung zu versuchen […] die religiöse Natur des Menschen verständlich zu machen, d. h. uns einen wesentlichen und dauernden Aspekt der Menschheit zu offenbaren“ (Durkheim 1981, S. 17f). Dabei definiert er die primitivste Religion folgendermaßen: 1) die Gesellschaftsform in der diese Religion exis- tiert muss, an Einfachheit unübertroffen sein und 2) muss die Religion erklärbar sein, ohne die Notwendigkeit der Einführung von Elementen aus anderen bekannten Religio- nen (vgl. Durkheim 1981, S. 17). Diese primitivste und einfachste Religion findet Durk- heim in der australischen Stammeskultur. Wobei er davon ausgeht, dass zwischen den einzelnen auf der Welt vorhandenen Religionen zwar Differenzierungen in Bezug auf Komplexität und höhere Idealität bestehen, dennoch „antworten [alle] auf die selben Be- dürfnisse, sie spielen die gleiche Rolle, […] sie können also genauso gut dazu dienen, die Natur des religiösen Lebens zu offenbaren“ (Durkheim 1981, S. 19). Die Entscheidung für die primitivste aller Religionen als Untersuchungsgegenstand traf Durkheim aus ei- nem methodischen Aspekt heraus. Denn er ging davon aus, dass die modernen Religio- nen ebenso wie sämtliche andere neuere Institutionen nur verstanden werden können, wenn man sie in ihre Bausteine zerlegt. Angefangen bei der Ergründung der primitivsten und einfachsten Grundformen muss eine historische Erforschung der Entwicklung hin zur vorgefundenen aktuellen Komplexität vorgenommen werden.

[...]


1 In seiner Studie „Selbstmord“ untersuchte Durkheim die verschiedenen Typen und Determinanten von Selbstmorden. Dabei stellte er unter anderen fest, dass unterschiedliche soziale Milieus Selbstmordneigungen hemmen oder fördern können. Im Falle der Konfession kam er zu dem Ergebnis, das die normative Kraft in der jeweiligen Konfession eine ebensolche Wirkung haben kann. So wiesen beispielsweise Protestanten die höchsten Selbstmordneigungen und gleichzeitig die schwächsten sozialen Bindungen und Zwänge auf. Bei Juden verhielt es sich hingegen genau entgegen gesetzt. Ihre Selbstmordneigung war die niedrigste, während ihre soziale Bindung an die Kirche am ausgeprägtesten war.

2 Sein erster Versuch war das Buch „Über soziale Arbeitsteilung“.

3 Die mechanische Solidarität bindet das Individuum direkt an die Gesellschaft, dabei ist die Gesellschaft selbst von einem kollektiven Typus mit einer organisierten Gesamtheit von Überzeugungen und Gefühlen, die jedem Gesellschaftsmitglied gemein sind (vgl. Durkheim 1988, S. 181).

4 Die organische Solidarität bindet das Individuum indirekt über Teile der Gesellschaft an diese, dabei ist die Gesellschaft hier ein System von verschiedenen Teilen die spezielle Funktionen für die Gesellschaft übernehmen und in bestimmten Beziehungen miteinander vereint sind (vgl. Durkheim 1988, S. 181).

5 Dies ist dann der Fall wenn Religion als Artikulationsform der Alltagskultur, wie beispielsweise auch die Politik, verstanden wird (vgl. Endruweit 1989, S. 373).

6 Der Begriff der Kultursoziologie ist eine allgemeine Bezeichnung von wechselnder Bedeutung (vgl. Fuchs-Heinritz 1994, S. 385).

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Das „lien social“ im durkheimschen Spätwerk
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
1,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
20
Katalognummer
V188049
ISBN (eBook)
9783656117315
ISBN (Buch)
9783656131595
Dateigröße
502 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Soziologie, Religionssoziologie, Emile Durkheim, lien social
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Julia Erdmann (Autor:in), 2011, Das „lien social“ im durkheimschen Spätwerk, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188049

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