Zentrale Kritikpunkte an den Grundlagen der religionssoziologischen Studie Durkheims


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

18 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitende Gedanken

2. Die religionssoziologische Studie Durkheims

3. Die zentrale Kritik an den Ausgangspunkten der Durkheimschen religionssoziologischen Studie
3.1 Kritik am fehlenden eigenen Feldzugang Durkheims
3.2 Kritik am ethnologischen Basismaterial
3.3 Die Widerlegung der Durkheimschen Totemismus-Vorstellung

4. Sich aus der Kritik ergebende offene Fragen

5. Abschließende Gedanken

1. Einleitende Gedanken

Häufig wird die Hinwendung Emile Durkheims (1858-1917) mit dem Erscheinen sei- nes Werkes „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ 1912 zur Religion als „kulturelle Wende“ (Alexander 1988 zit. n. Müller 2003, S. 162) in seinem Werk be- zeichnet. Doch bildet diese Abhandlung nur den Gipfel der durkheimschen Religions- soziologie. Ihr sind eine Reihe von Vorlesungen und Veröffentlichungen, wie „Über soziale Arbeitsteilung“ (1893), „Der Selbstmord“ (1897), die „Année sociologique“ und andere voraus gegangen, die sich bereits eingehend mit der Religion als wichtiger Erklärungsgröße beschäftigten (vgl. Müller 2003, S. 170). Somit liegt „vielleicht eine der wichtigsten Leistungen der ganzen Durkheim-Schule auf dem Gebiet der Religi- onssoziologie“ (König 1978, S. 239).

Doch soll es nicht Ziel dieser Arbeit sein, die Errungenschaften und Erkenntnisse der Durkheimschen religionssoziologischen Theorie darzulegen, Vielmehr steht die viel- schichtige Kritik die in der Folgezeit seit des Erscheinens von namhaften Gelehrten, die sich mit dieser beschäftigten geübt wurde, im Vordergrund des Erkenntnisinteresses. Das Hauptaugenmerk liegt hierbei auf der Frage nach den zentralen Kritikpunkten an den Grundlagen der religionssoziologischen Untersuchung der australischen Stammes- kultur und des Totemismus, nämlich den Ausgangspunkten der Studie. Dies sind zum einen das ethnologischen Datenmaterial und dessen Herkunft und zum anderen die To- temismus-Vorstellung Durkheims. So kritisiert der Ethnologe Josef Franz Thiel (1932- heute) unter anderem die Tatsache, das Durkheim nie selbst vor Ort Feldforschung be- trieben hat. Der Sozialanthropologe Edward E. Evans-Pritchard (1902-1973) macht in seiner Kritik insbesondere auf die Mängel im ethnographischen Basismaterial aufmerk- sam und der Ethnologe und Anthropologe Claude Lévi-Strauss (1908-2009) schließlich widerlegt auf Grund von eigenen Studien Durkheims Vorstellung vom Totemismus.

Diese drei zentralen Kritikpunkte an der Basis der Durkheimschen religionssoziologi- schen Studie sollen in dieser Arbeit in ihren Kernargumentationsschritten nachvoll- ziehbar dargestellt und in ihren Auswirkungen auf die Durkheimsche Religionssoziolo- gie erläutert werden. Dabei werden eingangs zunächst kurz die zentralen Erkenntnisse des Durkheimschen Werkes von 1912 dargelegt und anschließend werden die eben genannten drei Kritikrichtungen in ihren Kernaussagen vorgestellt. Vor diesem Hinter- grund werden dann sich aus der Kritik ergebende noch offene Fragen diskutiert.

2. Die religionssoziologische Studie Durkheims

Emile Durkheims 1912 entstandenes Spätwerk „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ beschäftigt sich im Kern mit zwei für sein Gesamtwerk charakteristischen Leitthemen, zum einen der Frage, was eine Gesellschaft zusammenhält und zum ande- ren wie eine Gesellschaft das ihr verfügbare Wissen organisiert (vgl. Vester 2009, S. 81). Folglich geht es in diesem Werk zum einen um die Beziehung von religiösen Vor- stellungen und Begriffen und zum anderen um den Zusammenhang von kollektiven Vorstellungen und Erfahrungen von Gesellschaft (vgl. Vester 2009, S. 82).

Grundlage dieser Theorie sind vier Gedanken: „(1) daß [sic!] die primitive Religion ein Clankult [sic!] und (2) daß [sic!] dieser Clankult [sic!] totemistisch sei […]; (3) daß [sic!] der Gott des Clans der spiritualisierte Clan selbst und (4) daß [sic!] der Tote- mismus die elementarste oder primitivste und in diesem Sinne ursprünglichste uns be- kannte Form der Religion sei“ (Evans-Pritchard 1968, S. 95). Diese für die eigentliche Religionstheorie Durkheims grundlegenden Vorstellungen übernahm er von William Robertson Smith (1846-1894) und machte sie zu den Anknüpfungspunkten seiner Stu- die (ebd.).

Das Basismaterial von Durkheims Untersuchung bildeten zeitgenössische Reise- und Forschungsberichte diverser Autoren über die Ureinwohner insbesondere Zentralaustra- liens, bei denen Durkheim annimmt, die primitivste und einfachste Religion vorzufin- den. „Der Zweck dieses Buches ist, die primitivste und einfachste Religion zu studie- ren, die bis jetzt bekannt ist, sie zu analysieren und eine Erklärung zu versuchen“ (Durkheim 1981, S. 17). Seine Wahl fällt auf eben diese primitivste Religion, weil sie „ den sehr großen Vorteil [hat], ihre Erklärung zu erleichtern. Weil die Fakten einfacher sind, sind die Beziehungen zwischen den Fakten auch offensichtlicher“ (Durkheim 1981, S. 24f). Er nimmt folglich an in Australien die Urreligion zu finden, die auf das Mindeste, ohne das es sonst keine Religion gäbe, beschränkt ist und die den Blick auf den Grundstein der Religion ermöglicht.

Von dieser einfachsten Religion ausgehend - die Durkheim im australischen Totemis- mus zu finden glaubt - will er die religiöse Natur des Menschen analysieren und ver- ständlich machen (vgl. Durkheim 1981, S. 17). Dabei geht er von der Idee aus, dass sich auf Basis der Studie des Totemismus eine Theorie der komplexeren Religionen ableiten lasse und somit Aussagen über das Wesen der Religion im Allgemeinen ge- troffen werden könnten (vgl. Durkheim 1981, S. 21). Die Wissenschaft und damit auch der Begriff des Totemismus, dessen Wortursprung aus einer Sprache eines Indianer- stammes Nordamerikas entspringt, umfassen folgende Aspekte:

- „Eine primitive Form der Naturreligion
- Riten und Gebräuche, die mit Tieren und Pflanzen zu tun haben
- Tabus, die sich auf Elemente der natürlichen Umwelt beziehen (Tötungs-, Spei- se und Berührungsverbote)
- Die Erklärung der Existenz von Clans durch Abstammung von Naturwesen
- Die Assoziation von exogenen Gruppen mit verschiedenen Tieren oder Pflanzen
- Den Glauben an die Verkörperung eines Ahnen in einem Tier oder einer Pflan- ze
- Die mythische Identifikation eines Wilden mit einem Tier oder einer Pflanze“ (Katschnig 2010, S. 83).

Ausgangspunkt der Totemismus-Studie Durkheims ist der Klan, der sich aus einer Gruppe Menschen zusammensetzt die sich durch Tradition in einer Abstammungslinie mit einem gemeinsamen Totemtier oder einer Totempflanze - dem sogenannten Klantotem, das von Klan zu Klan verschieden ist - sehen. Jeder Stamm besitzt eine Darstellung des Totems in Form eines heiligen Steins oder Holzstückes. Auf diese To- temdarstellungen bezieht sich die Vorstellung des Sakralen. Dem gegenüber steht das Profane. Das Totem stellt folglich eine anonyme, diffuse Kraft dar, dass nicht nur den Totemgott sondern auch den Klan selbst repräsentiert. Diese Repräsentation des Klans erfolgt in Form eines Zeichens, das alle Menschen aber auch Tiere und Dinge die zum Klan gehören, tragen (vgl. Prisching 2007, Punkt 9.8). Daraus schlussfolgert Durkheim: „Der Gott des Klans, das Totemprinzip kann also nichts anderes als der Klan selber sein, allerdings vergegenständlicht und geistig vorgestellt unter der sinnhaften Form von Pflanzen- oder Tiergattungen, die als Totem dienen“ (Durkheim 1981, S. 284). Somit ist für ihn der eigentliche Gegenstand der Verehrung die Klangemeinschaft, die sich im Totem selbst vergöttert. Auf die übrigen Religion übertragen bedeutet dies nach seiner Auffassung, dass sich in der Religion die Gesellschaft selbst verehrt (vgl. Durk- heim 1981, S. 284). Damit setzt er die Gesellschaft an den Standort des Ursprungs von religiösen Gefühlen und Symbolen (vgl. Kött 2003, S. 234) und verneint ihre göttliche Grundlage.

Der Totemismus bildet für Durkheim demnach eine Urreligion, in der die Teilung der Welt in heilige und profane Dinge vorgenommen wird. „Durkheim stellt sich damit gegen die einfache Definition des Totemismus als Tierverehrung und sieht im Tote- mismus die Religion einer gemeinsamen, geheimen Macht, die in allem liegt und für eine soziale Gruppe als Mittel der Selbstbewusstwerdung und der Zusammengehörig- keit dient“ (Katschnig 2010, S. 90). In immer wiederkehrenden Versammlungen und religiösen Zeremonien werden das Solidaritätsgefühl der Klanmitglieder und ihr kollek- tives Bewusstsein aufrechterhalten und erneuert (ebd.). So erfahren die einzelnen Mit- glieder eine Spaltung ihres eigenen Lebens und der Welt in einen profanen Bereich, der die tägliche Nahrungsbeschaffungsaufgabe beinhaltet, und einen sakralen Bereich, in dem in regelmäßig stattfindenden Versammlungen und extatischen, religiösen Zeremo- nien die Anwesenheit einer äußeren Macht wahrgenommen wird (vgl. Durkheim 1981, S. 300). Diese Macht ist die Basis für ein Klassifikationssystem von erlaubten und ver- botenen Handlungen und Vorstellungen, beispielsweise bezüglich des Umganges mit dem Totem. So definiert Durkheim Riten als Regeln die den Umgang mit den heiligen Dingen definieren und Glaubensüberzeugungen als aus Vorstellungen bestehende Mei- nungen (vgl. Durkheim 1981, S. 67). Auf Grund eines Gefühls von Abhängigkeit des Einzelnen von der Gemeinschaft, beziehungsweise von der Religion, fühlt er sich die- ser gegenüber zur Einhaltung der gebotenen Riten und Glaubensüberzeugungen ver- pflichtet. Durch diese permanente Unterwerfung des Individuums unter diverse Zwän- ge und Entbehrungen wäre nach Durkheims Einschätzung ein soziales Leben nicht möglich. Somit stellt der symbolische Repräsentant der Gesellschaft - die Religion - eine moralische Macht über die Mitglieder der Gesellschaft dar. Doch vermittelt die Religion dem Individuum auch ein intensives Zugehörigkeitsgefühl (vgl. Durkheim 1981, S. 285). „Das Gefühl, das die Gesellschaft für ihn hat, erhöht das Gefühl, dass er von sich selbst hat. Weil er in moralischer Harmonie mit seinen Zeitgenossen lebt, zeigt sein Handeln mehr Vertrauen, Mut und Kühnheit, ganz wie der Gläubige, der glaubt den wohlwollenden Blick seines Gottes auf sich ruhen zu fühlen. So entsteht eine dau- erhafte Stütze unseres moralischen Seins“ (Durkheim 1981, S. 291). Die Religion wird damit für Durkheim zu einem wertstiftenden Moment und gleichzeitig zum zentralen Bindeglied der Gesellschaft. Dementsprechend ist die zentrale Erkenntnis Durkheims in seiner religionssoziologischen Studie des australischen Totemismus folglich diese, dass das Individuum in der Religion die Bindung an die Gesellschaft und damit Soziali- tät erfährt (vgl. Koenig 2008, S. 32) und das durch die Unterscheidung der Welt in Hei liges und Profanes in der Religion letztlich der Grundstein für die Moral1 gelegt ist.

Eine derartige Unterteilung der Welt findet sich selbst heute noch in der modernen Moral wieder (vgl. Koenig 2008, S. 31).

Vor dem Hintergrund der groben Darstellung der Erkenntnisse des Durkheimschen religionssoziologischen Spätwerkes werden nun anschließend die drei zentralen Kritikrichtungen an den Ausgangspunkten der Durkheimschen religionssoziologischen Studie, dem fehlenden Feldzugang, den Mängeln im ethnographischen Untersuchungsmaterial und der falschen Totemismus-Vorstellung und ihre Folgen für die religionssoziologische Theorie Durkheims aufgezeigt.

3. Die zentrale Kritik an den Ausgangspunkten der Durkheimschen religionssoziologischen Studie

Bereits noch zu Lebzeiten des soziologischen Klassikers gab es brennende Verfechter und harsche Gegner der Durkheimschen Theorien. Die Kritiker seines Spätwerkes der religionssoziologischen Studie „Die elementaren Formen des religiösen Lebens“ von 1912 setzten an verschiedenen Kritikrichtungen an. Von Bedeutung für diese Arbeit sind im Folgenden allerdings nur drei zentrale Gegner, die Kritik an den Eck- und Aus- gangspunkten der Theorie üben. Dies ist zum einen Josef Franz Thiel, der unter ande- rem den fehlenden eigenen Feldzugang Durkheims bemängelt. Seine Kritik wird im nun anschließenden Teil als erstes aufgegriffen, da das Datenmaterial das Durkheim auswertete, die Grundlage für seine spätere Theorie bildete. Folglich wird im Anschluss daran die Kritik von Edward E. Evans-Pritchard vorgestellt, der Irrtümer am letztlich von Durkheim verwendeten ethnographischen Datenmaterial aufzeigt und schließlich erfolgt die Darstellung der Widerlegung der Durkheimschen Vorstellung vom Tote- mismus von Claude Lévi-Strauss. Neben all der zur Vorstellung kommenden Kritik werden auch die Auswirkungen dieser zentralen Kritikpunkte auf die religionssoziolo- gische Theorie Durkheims aufgezeigt.

[...]


1 Die höchste aller Moralformen ist für Durkheim der Glaube an die sakrale Würde des Menschen. Nur von dieser geht er aus, dass sie letztlich das einzig mögliche Bindeglied der modernen Gesellschaft sein kann (vgl. Durkheim 1986, S. 65).

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
Zentrale Kritikpunkte an den Grundlagen der religionssoziologischen Studie Durkheims
Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
18
Katalognummer
V188051
ISBN (eBook)
9783656117308
ISBN (Buch)
9783656131038
Dateigröße
462 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Religionssoziologie, Emile Durkheim, Kritik
Arbeit zitieren
Bachelor of Arts Julia Erdmann (Autor:in), 2011, Zentrale Kritikpunkte an den Grundlagen der religionssoziologischen Studie Durkheims, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188051

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