Die 2. Berlinkrise und die Kubakrise - der Höhepunkt


Hausarbeit, 1999

21 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung:

1. Einleitung

2. Das erste Chruschtschow-Ultimatum
2.1. Hintergründe des Ultimatums
2.2. Reaktionen des Westens auf das Ultimatum

3. Von Eisenhower zu Kennedy - Der Wandel in der amerikanischen Deutschlandpolitik

4. Das zweite Chruschtschow-Ultimatum

5. Der Bau der Mauer

6. Die Genese der Kubakrise
6.1. Die Invasion in der Schweinebucht

7. Chruschtschows Motive für die Stationierung der Atomwaffen

8. Die dreizehn Tage
8.1. DefCon 2

9. Zusammenfassung

10. Literaturangaben

1. Einleitung

„It`s just as if we suddenly began to put a major number of MRBM`s in Turkey. Now that would be goddam dangerous, I would think“ (JFK im ExComm, 16.10.1962).[1]

Wir wissen heute, daß die Entscheidungsträger in der „heißen Phase“ des Kalten Krieges wesentlich stärker in Kontakt standen und deshalb koordinierter agierten, als wir früher dachten. Zu verdanken haben wird das einmal der Öffnung von geheimen Akten und zum zweiten der Erinnerung von Zeitzeugen. Doch wir stehen immer noch vor dem Problem, die Entscheidungsmuster der Hauptakteure einzuordnen, weil diese oft auf reziproken Fehlperzeptionen basierten. Das zweite Problem ist der oft zweifelhafte Wahrheitsgehalt der „oral history“. Zeitzeugen haben nun einmal lange Zeit, sich Argumente und Rechtfertigungen für ihr Handeln zurechtzulegen. Das oben angeführte Zitat beinhaltet ein solches Problem. Persönlich fällt es mir schwer zu glauben, daß JFK vergessen konnte, daß er ein halbes Jahr zuvor Jupiterraketen in der Türkei stationieren ließ. Dennoch gehört dieses Zitat zur Zeitgeschichte der Kubakrise. Unsichere Quellen lassen sich also nicht immer ganz ausschließen, wenn die Rekonstruktion der Ereignisse nicht zu allgemein werden soll.

Deshalb werde ich mich in dieser Arbeit darauf konzentrieren, die Wahrnehmungsebene der Akteure stärker in den Vordergrund zu stellen um dabei auch alternative Interpretationsmöglichkeiten berücksichtigen zu können. Um dabei den zeitlichen Ablauf der beiden Krisen nicht auseinanderzureißen, bietet es sich an, die Kapitel nach Ereignissen zu gliedern und dann erst Kontexte zu untersuchen. Gewisse Zeitsprünge werden sich jedoch nicht vermeiden lassen, da auch der Kontext der Aktionen und Entscheidungen erhalten bleiben soll. Eine so gegliederte Arbeit wird deshalb eher deskriptiv bleiben, dem Leser steht deshalb viel Platz zur eigenen Analyse und Bewertung zur Verfügung. Sie wird aber dennoch Kontexte aufzeigen, vor allem, daß beide Krisen im Entscheidungsmuster der Akteure relativ stark zusammenspielten. Ein zweiter Punkt, der zu zeigen sein wird ist, daß, obwohl Kennedy und Chruschtschow die diplomatischen Fäden kontrollierter und wesentlich behutsamer in der Hand hielten als man früher angenommen hatte, ihnen die Kontrolle über die militärische Gesamtsituation aus der Hand zu gleiten drohte – die Ereignisse wurden gleichsam Selbstläufer.

2. Das erste Chruschtschow – Ultimatum

In einer Rede im Moskauer Sportpalast am 10.11.1958 erklärte Chruschtschow die Potsdamer Verträge für ungültig.[2] Bereits am 27.10.1958 hatte Walter Ulbricht in einer Rede ähnliches verlauten lassen. Mit der Wiederbewaffnung der BRD hätten die Westmächte das Potsdamer Abkommen verletzt, womit das Recht auf einer Fortsetzung des Besatzungsregimes in Westberlin nicht mehr gegeben sei. Da ganz Berlin auf dem Gebiet der DDR liege, betrachte er Berlin als Hoheitsgebiet der DDR.[3]

In den diplomatischen Noten an die Westmächte vom 37.11.1958 äußerte sich Chruschtschow nicht ganz so aggressiv wie Ulbricht. Sein Ultimatum beinhaltete die Forderung nach einem neuen Friedensvertrag zwischen den Alliierten des zweiten Weltkriegs und Deutschland, der den Status von Berlin neu definieren sollte. Westberlin sollte nach dem Abzug der Westmächte in eine „Freie Stadt“ umgewandelt werden. Stimme der Westen nicht innerhalb von sechs Monaten zu, werde die Sowjetunion einen separaten Friedensvertrag mit der DDR abschließen und ihr die Souveränitätsrecht über den Zugang zu Westberlin übertragen.[4]

Am 10.1.1959 stellte die Sowjetunion dann den Entwurf eines Friedensvertrages vor, der die Forderung nach Erhalt der Oder–Neiße-Grenze und einem neutralen Deutschland enthielt. Neu an diesem Vertrag war, daß Deutschland erstmals seit dem 2. Weltkrieg auf einer Stufe mit den anderen Völkern behandelt wurde. Chruschtschow stellte es hier nicht mehr in den Hintergrund des Hitlerregimes. Zudem enthielt der Friedensvertrag einen Vorschlag zu einer stufenförmigen Wiedervereinigung Deutschlands, der 30 Jahre später, nach dem Fall der Mauer, von Bundeskanzler Helmut Kohl wieder aufgegriffen werden sollte.[5] Sinngemäß brachte er damit einem Gedanken ins Spiel, den schon Walter Ulbricht geäußert hatte. Da es in Deutschland zwei Staaten mit unterschiedlichen Gesellschaftssystemen gebe, müsse man erst eine Annäherung herbeiführen, zu einer Zwischenlösung in Form einer Konföderation finden, bis man dann über demokratische Wahlen die Wiedervereinigung erreichen könne.[6]

Klangen diese Formulierungen überraschend versöhnlich, ließ Chruschtschow am 5.3.1959 in einer Rede in Leipzig gleich wieder eine Drohung folgen und demonstrierte seine Entschlossenheit, den momentanen „Status Quo“ nicht zu akzeptieren. Würden die Westmächte seine Vorschläge nicht annehmen, werde er einen separaten Friedensvertrag mit der DDR schließen.[7] Somit ging er wieder von einem geteilten Deutschland als Zielsetzung aus.

2.1 Hintergründe des Ultimatums

Chruschtschows Beweggründe für das Ultimatum waren wohl von mehreren Positionen geprägt. Falsch wäre es auf jeden Fall, einen einzelnen Grund zu isolieren. Trotzdem läßt sich eine gewisse Tendenz in seinen Aktionen erkennen, die vermuten läßt, daß das Hauptmotiv für sein gewagtes Vorgehen die Angst vor einem wiedererstarkten und vor allem nuklearen Westdeutschland war. Ein Indiz dafür ist, daß das Ultimatum zeitlich nur sehr kurz nach der Ausrüstung der Bundeswehr mit nuklearen Trägersystemen im März 1958 erfolgte.[8] Ein weiteres Anzeichen für die Richtigkeit dieser These ist Chruschtschows Hin-und-Herpendeln zwischen der Idee der Wiedervereinigung und der endgültigen Trennung Deutschlands, was den Westen zu der folgenschweren Fehlperzeption verleitete, Chruschtschow ginge es dabei nicht um vitale Interessen der Sowjetunion, sondern um ein Aufweichen der NATO. Auf die Wahrnehmung des Westens, Chruschtschows Verhalten sei ein taktisches Geplänkel, werde ich später noch genauer eingehen. Tatsächlich aber läßt diese erkennbare Inkonsequenz darauf schließen, daß er versuchte seine letzten Trümpfe gegen eine stärkere Westanbindung der BRD auszuspielen und ihm die Mittel um dieses Ziel zu erreichen ziemlich egal waren. Auch der stellvertretende Ministerpräsident der UdSSR, Anastas I. Mikojan, äußerte bereits im April 1958 seine Bedenken über die atomare Ausrüstung der Bundesrepublik, stellte bei seiner Tischrede anläßlich der Unterzeichnung des Repatriierungsvertrages eine stärkere deutsch – sowjetische Kooperation in Aussicht und verwies dabei ausdrücklich auf die Unterstützung, die Deutschland gegen das „Versailler Joch“ von Rußland erhalten hatte.[9] Dieses nicht an eine Forderung gebundene Angebot läßt erkennen, daß die UdSSR stark daran interessiert war, eine Annäherung an die BRD zu erreichen, um die nukleare Bedrohung der Sowjetunion durch NATO und Europa nicht noch größer werden zu lassen.

Es ist jedoch nicht von der Hand zu weisen, daß das gewagte Vorgehen der UdSSR auch im Hintergrund des Sputnik-Schocks gesehen werden muß. Die Möglichkeit der UdSSR jetzt auch die USA territorial mit Nuklearwaffen bedrohen zu können, gab Chruschtschow in Europa aufgrund seiner konventionellen Überlegenheit einen größeren Handlungsspielraum um Druck auf die Westmächte auszuüben. Deswegen war es aber nicht zwingend in seinem Interesse durch das Berlin-Ultimatum die amerikanischen Sicherheitsgarantien für Europa in Frage zu stellen und den Zusammenhalt der NATO aufzuweichen, so wie es Eisenhower einschätzte.[10] Das Vertrauen der Europäer in den amerikanischen Schutzschild für Europa war durch den Sputnik-Schock ohnehin geschwächt und das daraus resultierende Streben der europäischen Staaten nach eigenen Atomwaffen oder zumindest nach einer stärker selbstverantwortlichen Handhabe der amerikanischen Atomwaffen innerhalb der NATO, bedrohte die UdSSR. Deshalb sollte das Ultimatum eher als ein Mittel gesehen werden, welches diese Entwicklung verhindern und nicht fördern sollte. Die europäischen Mächte, v.a. die Bundesrepublik, sollten vor einer nationalen Atompolitik abgeschreckt und nicht dazu ermuntert werden.

Es läßt sich darüber streiten, ob Chruschtschow bewußt war, daß er mit seinem Ultimatum genau diesen Effekt verschärfte. Unterstellt man ihm einmal, daß er diese Möglichkeit zumindest in Betracht zog, könnte man aufgrund der daraus resultierenden, verstärkten Westbindung der BRD ein mögliches Alternativziel der UdSSR definieren. Es zeichnete sich nämlich – auch für die BRD - eine Abkopplung der Berlinfrage von der Deutschlandfrage ab, was den „Status Quo“ in Europa weiter festigen sollte und auch für die UdSSR eine befriedigende Konstellation darstellte.[11] Dazu später noch mehr.

Eine bei Sozialwissenschaftlern sehr beliebte Perspektive aus der man das Ultimatum betrachten kann ist die sogenannte „Abstimmung mit Füßen“.[12] Pro Jahr flüchteten ca. 250.000 DDR-Bürger nach Westberlin, v.a. Akademiker und hochqualifizierte Arbeitskräfte. Der ökonomische Schaden für die DDR war gewaltig. Dennoch versäumte es die SED-Führung anfangs die Sowjetunion über das Ausmaß der Republikflucht angemessen zu informieren, weshalb dieses Problem 1958 in den Augen der Sowjets noch kein großes Gewicht besaß.[13] Außerdem muß man sich die Frage stellen, wie realistisch Chruschtschow die Möglichkeit einschätzte, daß der Westen auf seine Forderungen eingeht. Das Ultimatum konnte doch kurzfristig das Flüchtlingsproblem nur verstärken. In diesem Kontext sollte erst der Bau der Mauer 1961 gesehen werden.

[...]


[1] In: Barton J. Bernstein: „Reconsidering the Missile Crises. Dealing with the Problems of the American Jupiters in Turkey“, S. 55, in James Nathan: „The Cuban Missile Crises Revisited“, St. Martins Press,New York, 1992-

[2] Siehe dazu, Christoph Kleßmann: „Zwei Staaten, eine Nation – Deutsche Geschichte 1955 – 1970“, S. 88, Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1988.

[3] Wortlaut in: Neues Deutschland, 28.10.1958

[4] siehe dazu, Andreas Wenger: „Der lange Weg zur Stabilität“, S. 72, in Vierteljahresheft für Zeitgeschichte, Band 46 Jahrgang 1998;

Note from the Sovjet Foreign Ministry to the American Ambassador at Moscow, Regarding Berlin, November 27, 1958, zitiert in: United States Senate, Commitee on Foreign Relations, Documents on Germany 1944-1961, Washington 1961, S. 348-363.

[5] Siehe dazu, Gregor Schöllgen: „Geschichte der Weltpolitik von Hitler bis Gorbatschow 1941-1991“, S. 137/138, Verlag Beck, München 1996.

[6] Wortlaut in: Neues Deutschland, 30.12.1956.

[7] siehe dazu, Gregor Schöllgen, a.a.O. S. 138.

[8] Siehe dazu, Andreas Wenger, a.a.O. S. 73.

[9] Siehe dazu, Gregor Schöllgen, a.a.O. S. 145

[10] siehe dazu, Andreas Wenger, a.a.O. S. 77.

[11] Siehe dazu, Gregor Schöllgen, a.a.O. S. 138.

[12] Ebenda. S. 137.

[13] Siehe dazu, Michael Lemke: „Die Berlinkrise 1958-1963 – Interessen und Handlungsspielräume der SED im Ost-West-Konflikt.“, s. 48, Akademie-Verlag GmbH, Berlin 1995.

Ende der Leseprobe aus 21 Seiten

Details

Titel
Die 2. Berlinkrise und die Kubakrise - der Höhepunkt
Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München  (Geschwister Scholl Institut für Politische Wissenschaft)
Veranstaltung
Struktur und Phasen des Ost-West-Konflikts
Note
1,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
21
Katalognummer
V18808
ISBN (eBook)
9783638230728
ISBN (Buch)
9783638788427
Dateigröße
475 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Untersuchung des Einflusses der Berlinkrise auf die Wahrnehmungsebene von Kennedy und Chruschtschow während der Kubakrise, unter Zuhilfenahme jüngst deklassifizierter NSA-Dokumente.
Schlagworte
Berlinkrise, Kubakrise, Höhepunkt, Struktur, Phasen, Ost-West-Konflikts
Arbeit zitieren
Jochen Gottwald (Autor), 1999, Die 2. Berlinkrise und die Kubakrise - der Höhepunkt, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18808

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