Die Bedeutung der empowermentorientierten Sozialen Arbeit im Arbeitsfeld „Betreutes Wohnen“ am Fallbeispiel der Wohngemeinschaft des sozialpsychiatrischen Vereines ***


Bachelorarbeit, 2012
64 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildungsverzeichnis

1. Einleitung

2. Empowerment
2.1. Geschichtlicher Hintergrund
2.2. Definition Empowerment
2.3. Phasenmodell von Kieffer
2.4. Ebenen
2.5. Zugänge
2.6. Empowerment in der psychosozialen Praxis

3. Sozialpsychologische Grundlagen
3.1. Erlernte Hilflosigkeit
3.2. Salutogenese
3.3. Ressourcenorientierung

4. Institutionelle Faktoren
4.1. Der Sozialpsychiatrische Verein
4.2. Definition und Ziel des Betreuten Wohnens
4.3. Adressaten
4.4. Krankheitsbilder
4.5. Wohnformen
4.6 Arbeitsweise der Betreuer

5. Fallbeispiel „Wohngemeinschaft *** “
5.1. Allgemeine Daten
5.1.1. Die Wohngemeinschaft
5.1.2. Die Bewohner
5.2. Forschungsfrage
5.2.1. Förderung von Empowermentprozessen in der Wohngemeinschaft
5.2.2. Mögliche Schwierigkeiten

6. Fazit

Literaturverzeichnis

Formeller Hinweis

Um den Lesefluss nicht zu beeinträchtigen, werde ich in der vorliegenden Arbeit auf geschlechtsspezifische Bezeichnungen, zum Beispiel ‚MitarbeiterInnen‘ oder ‚Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen‘ verzichten und geschlechtsneutrale Bezeichnungen verwenden, zum Beispiel Mitarbeiter. Diese Bezeichnungen umfassen das männliche sowie das weibliche Geschlecht.

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1 - Entwicklungsphasen von Empowerment

Abbildung 2 - Zusammenhang: Stressoren und Stressbewältigung

Tabellenverzeichnis

Tabelle 1 – Psychotische und Verhaltensstörung Kapitel V (F) ICD-10

Tabelle 2 - Übersicht der Bewohner der WG

1. Einleitung

„Das Konzept ‚Empowerment‘ verhält sich wie ein Fisch, den man mit der bloßen Hand aus dem Wasser fischen will: Er glitscht einem immer wieder durch die Hände, genau in dem Augenblick, in dem man ihn nun endlich zu fassen glaubt.“ (Stark 1996, S. 153)

Dieses Zitat beschreibt sehr treffend die Thematik der vorliegenden Arbeit. Das aus dem angloamerikanischen Sprachraum stammende ‚Empowerment-Konzept‘ wurde innerhalb eines kurzen Zeitraumes als ein innovatives Programm für den sozialen Bereich propagiert. Es richtet sich an die Arbeitshaltung der professionellen Mitarbeiter und fordert von ihnen, den Klienten mehr Selbstbestimmung und Verantwortung in ihrem Handeln zu übertragen. Dabei soll sich die Sichtweise der Sozialarbeiter von den Schwächen der Klienten lösen und deren Fähigkeiten und Ressourcen mehr Beachtung geschenkt werden. Jedoch entspricht das Empowerment-Konzept gegenwärtig nicht den wissenschaftstheoretischen Anforderungen und darf daher nicht als Methode verstanden werden. Hinzu kommt, dass keine klaren Vorgaben bestehen, auf die die Vertreter dieses Konzepts in verschiedenen (Problem-)Situationen zurückgreifen können. Allerdings ist ein Ziel dieses Konzeptes Denkanstöße zu geben, um die eigene Arbeitshaltung zu überprüfen und in einem anderen, neuen Blickwinkel zu betrachten (vgl. Stark 1996, S. 155). Auch im sozialpsychiatrischen Arbeitsfeld fand das Empowerment-Konzept Einzug und viele Einrichtungen versuchen empowermentorientierte Arbeit in ihrem Praxisalltag umzusetzen. Daher wird in dieser Arbeit untersucht, welche Rolle die empowermentorientierte Soziale Arbeit im Arbeitsfeld ‚Betreutes Wohnen‘ am Fallbeispiel der Wohngemeinschaft des sozialpsychiatrischen Vereins *** spielt. Anhand der Forschungsfrage ‚Wie werden Empowermentprozesse in der Wohngemeinschaft gefördert und welche Schwierigkeiten können sich daraus ergeben?‘ wird versucht, die empowermentorientierte Arbeitshaltung der Betreuer zu beleuchten und mögliche Probleme aufzuzeigen. Um sich mit dieser Fragestellung auseinanderzusetzen, wird in der vorliegenden Arbeit auf Fachliteratur, Konzeption des Ambulant Betreuten Wohnens *** und auf den entsprechenden Hilfeplänen der Bewohner zurückgegriffen.

Wie im Zitat beschrieben, ist es schwierig den Begriff Empowerment in seiner Ganzheitlichkeit zu fassen, daher wird im zweiten Kapitel versucht, einen Überblick über den Begriff ‚Empowerment‘ zu gegeben und wie er in die die psychosoziale Praxis eingebunden wird. Anschließend werden im dritten Teil die Theorie der erlernten Hilflosigkeit, das Konzept der Salutogenese und die Ressourcenorientierung vorgestellt, um ein Hintergrundwissen für die Förderung von Empowermentprozessen zu geben. Im vierten Abschnitt werden die institutionellen Rahmenbedingungen beleuchtet, wobei die gesetzlichen Gegebenheiten für das Betreute Wohnen beschrieben, die Krankheitsbilder definiert und die verschiedenen Arbeitsweisen der Betreuer dargestellt werden. Das nächste Kapitel setzt sich mit der Forschungsfrage anhand des Fallbeispiels auseinander. Dabei sollen unter Einbezug von Praxisbeispielen verschiedene Methoden der empowermentorientierten Arbeitsweise der Mitarbeiter veranschaulicht werden. Ebenfalls werden in diesem Kapitel auftretende Schwierigkeiten diskutiert, die sich aus dem Empowerment-Ansatz heraus ergeben. Im Fazit werden die Ergebnisse zusammengefasst und die Ansicht des Autors wiedergegeben.

2. Empowerment

Im folgenden Kapitel wird der Begriff Empowerment von verschiedenen Seiten beleuchtet und es werden Prozesse beschrieben, die sich während der Bildung von Selbstbestimmung in den Menschen abspielen. Außerdem werden die verschiedenen Ebenen und Zugänge von Empowerment vorgestellt und welche Rolle das Empowerment-Konzept in der psychosozialen Praxis spielt.

2.1. Geschichtlicher Hintergrund

Die Empowerment-Idee wurde erstmals in der Bürgerrechtsbewegung der afroamerikanischen Minderheitsbevölkerung in Amerika in den 50er Jahren aufgegriffen. Martin Luther King inspirierte die Bewegung zu selbstorganisierten Aktionen gewaltfreien Widerstands, um sich gegen bestehende Diskriminierung und Benachteiligung aufzulehnen und für gesellschaftliche und politische Teilhabe zu kämpfen. Der Grundgedanke der Bürgerrechtsbewegung war, dass gesellschaftlich benachteiligte Menschen und Gruppen mit Hilfe ihrer eigenen Stärken ihr Leben selbst in die Hand nehmen können. Der Feminismus in den 60er Jahren stellte eine zweite Bewegung dar, in der der Empowerment-Gedanke zum Tragen kam. Bis heute gibt es unter dem Banner des Empowerments eine Vielzahl von sozialen Bewegungen, wie beispielsweise der Friedens-, Behinderten- oder Gesundheitsbewegung. Hinzu kommen verschiedene Zusammenschlüsse, wie Selbsthilfegruppen, Selbstermächtigungskampagnen, Bürgerinitiativen, Stadtteil- oder Nachbarschaftsprojekte, die trotz unterschiedlicher Hintergründe das Ziel verfolgen, ein Mehr an (politischer) Mitsprache, Einflussvermögen und Entscheidungsmacht auf ihre unmittelbare Lebensumstände zu erlangen oder riskanten gesellschaftlichen Entwicklungen entgegenzuwirken (vgl. Theunissen, Plaute 2002, S. 15).

Da sich die vorliegende Arbeit mit den Empowermentprozessen bei psychisch erkrankten Menschen auseinandersetzt, wird nachfolgend ein kurzer Überblick darüber gegeben, wie das Empowerment-Konzept das soziale Arbeitsfeld erreichte. Dies ist auf eine Bewegung in Amerika und Europa in den 60er Jahren zurückzuführen – die Antipsychiatriebewegung. Die Antipsychiatrie beschrieb eine psychische Erkrankung als ein Produkt der Gesellschaft. Ein wesentlicher Kritikpunkt der Antipsychiatrie stellte das Machtgefälle zwischen den psychisch erkrankten Menschen und den professionellen Helfern zugunsten der Fachkräfte dar. Durch das umstrittene Machtgefälle fühlten sich viele Menschen mit psychischer Behinderung abhängig, unmündig, machtlos und verantwortungslos. Diese Menschen sollten durch das Empowerment-Konzept mehr Selbstständigkeit und Autonomie erlangen. Empowerment sollte den betroffenen Menschen die Macht zurückgeben, die ihnen genommen wurde (vgl. Rössler 2004, S. 147). Da diese Bewegung zu positiven Veränderungen im Bereich der Betreuung von Menschen mit psychischen Erkrankungen geführt hat, wurde das Empowerment-Konzept weiterhin vermehrt in die psychosoziale Praxis integriert. Mittlerweile ist das Empowerment-Konzept ein angesehenes Handlungsprogramm innerhalb der Arbeit mit psychisch erkrankten Menschen, wie auch innerhalb der gesamten Sozialen Arbeit (vgl. Theunissen 1999, S. 102).

2.2. Definition Empowerment

Das Fundament des Empowerment-Konzeptes bildet das humanistische Menschenbild. Die Stärken und Ressourcen der Klienten werden bei diesem Handlungsansatz in den Vordergrund gerückt (Miller, Pankofer 2000, S. 7). Empowerment bedeutet wörtlich übersetzt ‚Selbstbefähigung‘ oder ‚Stärkung von Autonomie‘. Herriger beschreibt Empowerment als einen Entwicklungsprozess über eine gewisse Zeitspanne hinweg, die ein Mensch benötigt, um genügend Stärke zu entwickeln, sein Leben nach eigenen Bedürfnissen und Wünschen so zu gestalten, dass er es als ein ‚besseres Leben‘ wahrnimmt. Diese Beschreibung dient als gemeinsamer Kerngedanke der unterschiedlichen Auslegungen des Empowerment-Konzepts. Herriger merkt kritisch an, dass die Auslegungen durch die zahlreichen Interpretationsmöglichen von ‚besseren Leben‘ variieren können (vgl. Herriger 2010, S. 7). Herriger vergleicht Empowerment mit einem „Begriffsregal, das mit unterschiedlichen Grundüberzeugungen, Werthaltungen und moralischen Positionen aufgefüllt werden kann“ (Herriger 2010, S. 13). Obwohl der Begriff Empowerment unterschiedlich ausgelegt werden kann, weisen alle Auslegungen in eine Richtung, nämlich, dass er Prozesse der Selbstbemächtigung beschreibt,

„in denen Menschen in Situationen des Mangels, der Benachteiligung oder der gesellschaftlichen Ausgrenzung beginnen, ihre Angelegenheiten selbst in die Hand zu nehmen, in denen sie sich ihrer Fähigkeiten bewußt werden, eigene Kräfte entwickeln und ihre individuellen und kollektiven Ressourcen zu einer selbstbestimmten Lebensführung nutzen lernen“ (Herriger 2002, S. 18).

Es werden also Prozesse der Selbstaneignung von Fähigkeiten und Prozesse einzelner Personen oder Gruppen beschrieben, die durch ihre wiedergewonnenen Stärken und Handlungsfähigkeiten ihre Lebenssituation verbessern können.

2.3. Phasenmodell von Kieffer

Kieffer geht davon aus, dass sich die Empowermentprozesse in vier Phasen aufteilen, siehe Abbildung 1. Die erste Phase heißt Mobilisierung. Die Menschen erkennen ihre schwierige Lebenslage und versuchen aktiv ihr Schicksal in die Hand zu nehmen und bewusst etwas zu verändern. Die zweite Phase wird als ‚ Engagement und Förderung‘ bezeichnet. Nach den Rückschlägen und positiven Erfahrungen aus der ersten Phase wird nun die Energie in ein stabiles Engagement investiert. Der Austausch von Erfahrungen mit Menschen, die in einer ähnlichen Lebenslage sind, ist in dieser Phase besonders relevant. In der dritten Phase, die ‚Integration und Routine‘ genannt wird, verfestigen sich die zusammengeschlossenen Gruppen. Sie werden Bestandteil der Gesellschaft und werden nun auch von dieser gesehen und gehört. Sie reifen in ihrem Fachwissen und setzen sich mit sozialen und politischen Fragen und Problemen auseinander und wenden sich an die Öffentlichkeit. Sie verstehen sich in ihrem Gebiet als Experten und wollen auch als diese akzeptiert werden. Durch diesen Reifeprozess findet bei den betroffenen Menschen eine Veränderung der Eigen- und Fremdwahrnehmung statt. Die letzte Phase trägt den Namen ‚ Überzeugung und brennende Geduld‘. Diese Phase darf nicht als Abschluss der Empowermentprozesse gesehen werden, sondern bedeutet vielmehr, dass die gereifte Organisations- und Konfliktfähigkeit auch auf weitere Lebenslagen übertragen wird (vgl. Pankofer 2000, S.15). Dem geht die Überzeugung voraus, „dass es möglich ist, am gesellschaftlichen Leben aktiv teilzuhaben und gemeinsam mit anderen Ziele zu erreichen und Veränderungen herbeizuführen“ (Stark 2002, S. 58). Diese Reihenfolge der Phasen spiegelt einen ideal-typischen Verlauf wieder. In der Praxis ist sie jedoch von Brüchen und Rückschlägen gekennzeichnet (vgl. Stark 1996, S. 124).

Abbildung 1 - Entwicklungsphasen von Empowerment

2.4. Ebenen

Die Prozesse des Empowerments spiegeln sich nach den Kiefferischen Studien auf drei Ebenen wieder.

Die individuelle Ebene

Diese Ebene beschreibt den Prozess, in dem Menschen beginnen, ihr Leben (wieder) eigenständig zu organisieren. Sie versuchen gegen das Gefühl der Demoralisierung und Hilflosigkeit anzugehen und verloren geglaubte Ressourcen und Stärken zu mobilisieren. Es wurden retrospektive Analysen und Feldbeobachtungen durchgeführt um herauszufinden, weshalb ein Teil der Bevölkerung eigenständig aktiv werden kann und der andere Teil dies nicht vermag. Dabei wurden verschiedene Parameter psychologischer Empowermentprozesse auf der individuellen Ebene entdeckt. Die Basis, um eigenständig Empowerment für sich zu nutzen, stellt nach diesen Untersuchungen das Bewusstsein dar, kommende Ereignisse durch eigene Initiative beeinflussen zu können. Diese Personen stellen sich Herausforderungen und fühlen sich nicht schnell von Aufgaben überfordert oder überlastet (vgl. Stark 1996, 128-131).

Die Ebene von Gruppen und Organisationen

Mit dieser Ebene ist der Zusammenschluss von Menschen gemeint, die in gemeinschaftlicher Zusammenarbeit ihre Stärken entdecken. Beispiele hierfür sind Solidargemeinschaften, die sich in Form von Selbsthilfegruppen oder Stadtteilgruppen etablieren. Für die psychosozialen Mitarbeiter ist es wichtig, Empowerment nicht nur auf den Einzelnen zu reduzieren, sondern auch im sozialen Kontext zu arbeiten (vgl. Stark 1996, S. 134 und 135).

Die strukturelle Ebene

Hierbei wird ein erfolgreiches Zusammenwirken von Individuen, Gruppen und Organisationen unter einer fördernden Atmosphäre beschrieben. Diese haben einen großen Einfluss auf den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang. Positive Beispiele sind hierfür die Frauenbewegung oder die Bürgerinitiative (vgl. Miller, Pankofer 2000, S. 14).

„Die Kraft dieser Prozesse liegt gerade in der wechselseitigen Abhängigkeit und Integration von Veränderung auf individueller, gruppenbezogener und strukturellen Ebene. In diesem Sinn beschreibt Empowerment das Verständnis von individuellen und gemeinschaftlichen Prozessen hin zu einer gesellschaftlichen Konflikt- und Gestaltungsfähigkeit; gleichzeitig jedoch auch den Aufbau von strukturellen Rahmenbedingungen, die diese Entwicklung ermöglichen und fördern“ (Lenz, Stark 2002, S. 61).

2.5. Zugänge

Es können vier Zugänge zum Empowerment abgeleitet werden:

- Politisch: Dieser Zugang beinhaltet die Umverteilung von politischer Macht. Personen mit wenig politischem Einfluss eignen sich mehr Macht, Verfügungskraft und Entscheidungsvermögen an.
- Lebensweltlich: In diesem Zugang wird Menschen die Fähigkeit zugeschrieben, ihr Leben eigenständig zu führen und Lösungsstrategien für mögliche Probleme und Schwierigkeiten selbstständig zu entwickeln.
- Reflexiv: Menschen eignen sich selbstständig und aktiv Macht, Kraft und Gestaltungsvermögen an.
- Transitiv: Unter diesem Zugang wird das Fördern und Ermöglichen von Selbstbestimmung und das Bereitstellen von Ressourcen, wie Räumlichkeiten oder Finanzen, durch Dritte verstanden (vgl. Herriger 2010, S. 12).

Der transitive Zugang ist besonders für den sozialpsychiatrischen Bereich interessant, da damit die Unterstützung und Förderung von Empowerment durch die professionellen Mitarbeiter gemeint ist. Im späteren Verlauf der Arbeit wird Bezug darauf genommen, wie der transitive Zugang im psychosozialen Feld umgesetzt wird (vgl. Herriger 2010, S. 17).

2.6. Empowerment in der psychosozialen Praxis

Für die Mitarbeiter der psychosozialen Praxis bedeutet Empowerment, dass sie die Klienten bei der (Wieder)Entdeckung ihrer Fähigkeiten und Kräfte unterstützen und den Weg in die Selbstbestimmung und Eigenverantwortung begleiten. Stimmer führt diesen Gedanken fort und überträgt ihn auf die Anforderungen an professionelle Helfer oder auch an das soziale Umfeld der Betroffenen:

„Menschen sollen ermutigt und unterstützt werden, ihre Kompetenzen wieder wahrzunehmen und sie zur Lösung ihrer Probleme einzusetzen bzw. um ihre Zielvorstellungen in ihrer Lebenswelt aktiv (auch politisch) zu verfolgen“ (Stimmer 2006, S. 51).

Dabei ist darauf zu achten, dass die Mitarbeiter sich von der defizitorientierten Sichtweise auf die Klienten lösen und nun den Fokus auf die Selbstgestaltungskräfte und Ressourcen legen (vgl. Herriger 2010, S. 7 und 13). Das Empowerment-Konzept darf nicht als eine Methode, sondern als Handlungsansatz bzw. ‚professionelle Haltung‘, betrachtet werden, die ihren Schwerpunkt auf die Selbstbefähigung der Klienten legt und ein Vertrauen in die Stärken der Adressaten hat. Die Betreuung im psychosozialen Feld bedeutet in diesem Zusammenhang nicht mehr das Umsetzen von Dienstleistungen oder das stellvertretende Handeln für die Klienten, sondern die Begleitung der Klienten auf dem Weg in die Selbstständigkeit (vgl. Miller, Pankofer 2000, S. 13). Der Betreuer muss sich bewusst sein, dass das eigentliche Empowerment ausschließlich durch den Klienten selbst erreicht werden kann. Der Mitarbeiter kann diese Prozesse dabei nur unterstützen oder fördern (vgl. Knuf 2011, S.8). Dabei nimmt der Betreuer die Rolle eines ‚Collaborators‘ ein, der versucht für die Klienten Bedingungen zu schaffen, die ein Fördern von Empowerment ermöglichen (vgl. Stark 2002, 56). Dabei werden Menschen unterstützt, deren Ressourcen momentan ausgeschöpft sind und die ihr Leben im Augenblick nicht selbstständig organisieren können. Der Mitarbeiter soll gemeinsam mit dem Klienten Perspektiven entwickeln und mögliche Schritte aufzeigen. Dabei soll immer das Ziel sein, die Kompetenzen und Selbstbestimmung der Klienten wieder zu stärken (vgl. Herriger 1997, S. 19). Dabei ist es wichtig, dem Klienten auch eigene Entscheidungen zuzutrauen und diese mitzutragen. Mehr Selbstbestimmungsfähigkeit können die Klienten vor allem durch Lernerfahrung erwerben. Für die Mitarbeiter bedeutet das, den Klienten mehr Vertrauen in ihren Entscheidungen entgegenzubringen. Es ist notwendig, dass sie auch Entscheidungen mittragen, die sie für fehlerhaft erachten. Auch wenn Entscheidungen negativ verlaufen, sollen die Betreuer hinter dem Klienten stehen und gegebenenfalls gemeinsam erörtern, was beim nächsten Mal mit bedacht werden könnte, um so die Fehler zu vermeiden. Dazu zählen allerdings keine Entscheidungen, die den Klienten oder Beteiligte langfristig schädigen könnten, wie Eigen- oder Fremdgefährdung (vgl. Knuf 2011, S. 37). Um empowermentorientiert zu arbeiten, müssen auch unkonventionelle Lebensweisen der Klienten respektiert und toleriert werden. Dies ist häufig dann schwierig, wenn die Lebensweisen der Klienten grundlegend der eigenen widersprechen. Es ist wichtig, dass die Betreuer den ‚Eigensinn‘ der Klienten unterstützen und nicht versuchen ihnen ihre Ideale oder Vorstellungen aufzuzwingen. Gleichzeitig bedeutet das Akzeptieren nicht eine gleichgültige Haltung einzunehmen, sondern vielmehr mit dem Klienten gemeinsam seine Vorstellung zu besprechen und in der Gestaltung seiner Lebenswelt zu unterstützen, insofern sie keine Gefährdung darstellen. Für die Selbstbestimmung ist es bedeutsam sowohl eigene Entscheidungen, als auch Fehlentscheidungen zu treffen. Der Versuch ist entscheidend für ein autonomes Handeln. Durch die professionelle Zurückhaltung, oder auch ‚passive Aktivität‘, können die Klienten auf ihre eigene Fähigkeiten zurückgreifen und entdecken möglicherweise Ressourcen (wieder), deren sie sich nicht bewusst waren. Das ist immer mit Vertrauen seitens der Betreuer in die Klienten verbunden. Kann der Betreuer dem Klienten kein Vertrauen entgegenbringen, wird der Betreuer immer mehr Aufgaben und die Organisation des Klienten übernehmen und somit dem Klienten den Weg in die Selbstständigkeit verwehren. Dieses Verhalten wird als ‚fürsorglicher Aktivismus‘ bezeichnet. Natürlich ist dabei darauf zu achten, wie viel Selbstbestimmung dem Klienten im Augenblick zugemutet werden kann. Psychisch erkrankte Menschen sind besonders in ihrer akuten Krankheitsphase auf mehr Unterstützung durch den Betreuer angewiesen. Allerdings muss diese Hilfe dann auch wieder in stabilen Zeiten verringert werden (vgl. Knuf 2001, S. 40- 43). Es ist wichtig, Klienten, die sich gerade in der Anfangsphase ihrer Erkrankung befinden, nicht zu viel Verantwortung zuzumuten. Lenz beschreibt, dass klinische Erfahrungen zeigen, dass sich viele ersterkrankte Menschen durch die Passivität und Resignation entlasten. An dieser Stelle würden Empowermentprozesse negative Auswirkungen auf den Patienten haben und er würde wahrscheinlich mit Ablehnung und Unverständnis reagieren. Er benötigt in dieser Situation vor allem einen geschützten Rahmen, in dem er Geborgenheit, Sicherheit und Unterstützung erfährt. Erst nachdem er sich langsam mit der Krankheit auseinandersetzen konnte und sein Bedarf nach Resignation verstanden wurde ist eine Basis möglich, auf der Empowermentprozesse möglich sind (vgl. Lenz 2002, S. 16).

Im Kapitel 4.6. werden verschiedene Arbeitsstile der Mitarbeiter vorgestellt, welche in der psychosozialen Praxis üblich sind. Diese Arbeitsstile müssen beispielsweise unter Berücksichtigung der Theorie der Menschenstärke nach Weik weiter überdacht werden, um eine empowermentorientierte Arbeitshaltung einnehmen zu können. Diese Theorie orientiert sich an den ‚inneren Kräften‘, auch Lebenskraft oder Energie, die jeder Mensch in sich trägt. Sie beinhaltet, dass Menschen dann auf ihre Stärken und Fähigkeiten zurückgreifen, wenn sie positive Unterstützung durch andere Menschen erfahren. Knuf kreidet vielen sozialpsychiatrischen Einrichtungen an, dass sie Fortschritte und positive Veränderungen der Klienten eher selten den Klienten selbst, sondern vielmehr der neuen optimierten Medikation oder der Behandlung zuschreiben (vgl. Knuf 2001, S. 40).

Eine amerikanische Selbsthilfeorganisation unter der Leitung von Judi Chamberlin hat eine Arbeitsdefinition zusammengefasst, nach der sich professionelle Mitarbeiter richten können um empowermentorientiertes Arbeiten in die Praxis umzusetzen.

Den Klienten sollte:

- die Möglichkeit gegeben werden, Entscheidungen selbstständig zu treffen.
- der Zugang zu Informationen und Ressourcen zur Verfügung gestellt werden.
- mehrere Handlungsalternativen aufgezeigt werden, damit er eine Auswahl an möglichen Entscheidungen hat.
- Durchsetzungsfähigkeit zugesprochen werden.
- das Gefühl vermittelt werden, dass er als einzelner Mensch etwas durch seine Entscheidungen bewegen kann.
- die Fähigkeit des kritischen Denkens antrainiert werden. Diese Eigenschaft ist wichtig um Konditionierungen zu vermeiden und die Behandlung durch andere Menschen kritisch zu hinterfragen.
- erlernen Wut zu erkennen und diese auch adäquat zu äußern.
- das Gefühl der Einsamkeit ablegen und sich als Bestandteil der Gruppe fühlen.
- das Verständnis übermittelt bekommen, das er als psychisch erkrankter Mensch auch Rechte hat, die er im Ernstfall auch einklagen kann.
- Übermittelt bekommen, dass er Veränderung bewirken kann.
- Nahe gebracht werden, dass er neue Fähigkeiten erlernen kann.
- übermittelt werden, dass er Menschen auf seine Handlungskompetenz hinweisen kann, wenn diese versuchen Entscheidungen für ihn zu treffen.
- unterstützt und gestärkt werden, um ein Coming out bezüglich der eigenen Erkrankung durchzuführen.
- vermittelt werden, dass die innere Entwicklung ein nie endender Prozess ist und sich immer neue Möglichkeiten bieten.
- dazu verholfen werden, ein positives Selbstbild zu entwickeln und Stigmatisierung entgegenzuwirken

(vgl. Knuf 2001, S. 18 und 19).

Anders, als der traditionelle Defizit-Blickwinkel, der lange in der traditionellen psychosozialen Arbeit vertreten war und in vielen Bereichen nach wie vor dominiert, gestaltet sich die Arbeit mit dem Empowerment-Ansatz hauptsächlich ressourcenorientiert. Dabei dürfen die Defizite der Klienten nicht vernachlässigt werden. Die Mitarbeiter dürfen die Probleme der Klienten nicht abwerten und müssen diese ernst nehmen. Jedoch ist es wichtig auch die verborgenen Fähigkeiten der Klienten zu sehen, mit denen die Defizite verringert werden können (vgl. Knuf 2011, S. 17). In der psychosozialen Arbeit richtet sich das Fördern von mehr Selbstständigkeit an zwei Klientengruppen. Bei der ersten Gruppe handelt es sich um Klienten, die von sich selbst aus ein Mehr an Selbstbestimmung einfordern. In diesen Fällen sollten die Mitarbeiter versuchen, dem Klienten ein hohes Maß an Selbstständigkeit zukommen zu lassen und sie bei ihren Entscheidungen zu unterstützen. Die zweite Gruppe von Klienten ist dadurch gekennzeichnet, dass sie von sich selbst aus keine Selbstbestimmung einfordern und keine eigenen Entscheidungen treffen möchten. Die Mitarbeiter dürfen diese Gruppe nicht übersehen und sollten versuchen, ‚empowermentermöglichend‘ zu arbeiten (vgl. Knuf 2011, S. 9). Knuf verweist darauf, dass eine Selbstbestimmung nicht von den Klienten gefordert werden darf, wenn er selbst es nicht wünscht. Es ist wichtig sich mit dem Klienten und dessen Hintergründe auseinanderzusetzen. Häufig steckt hinter dieser Passivität eine erlernte Hilflosigkeit, siehe Kapitel 3.1. Klienten trauen sich keine eigenen Entscheidungen zu und haben Angst vor den Konsequenzen. Der Mitarbeiter muss ein Gespür entwickeln, wie viel Entscheidungsfreiräume er dem Klienten zu Beginn zumutet, um ihm nicht das Gefühl des ‚alleingelassen seins‘ zu vermitteln. Das kann sich auch darin äußern, dass der Betreuer gemeinsam mit dem Klienten bei anstehenden Entscheidungen verschiedene Alternativen durchdenkt und dem Klienten so bei seiner Wahl zur Seite steht und unterstützt. Anhand dieser kleinen Schritte kann der Betreute Erfolgserlebnisse vermerken und traut sich nach und nach selbst Entscheidungen zu (vgl. Knuf 2011, S. 34 und 35).

[...]

Ende der Leseprobe aus 64 Seiten

Details

Titel
Die Bedeutung der empowermentorientierten Sozialen Arbeit im Arbeitsfeld „Betreutes Wohnen“ am Fallbeispiel der Wohngemeinschaft des sozialpsychiatrischen Vereines ***
Hochschule
Evangelische Hochschule Darmstadt, ehem. Evangelische Fachhochschule Darmstadt
Note
1,3
Autor
Jahr
2012
Seiten
64
Katalognummer
V188142
ISBN (eBook)
9783656117605
ISBN (Buch)
9783656118138
Dateigröße
797 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Empowerment, Salutogenese, Erlernte Hilflosigkeit, Antonovsky, Seligman, Psychiatrie, ambulant betreutes wohnen
Arbeit zitieren
Stefanie Schulz (Autor), 2012, Die Bedeutung der empowermentorientierten Sozialen Arbeit im Arbeitsfeld „Betreutes Wohnen“ am Fallbeispiel der Wohngemeinschaft des sozialpsychiatrischen Vereines ***, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188142

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