Zweifel und List als Schnittstelle zu einer Dichotomie von Individuum und Gesellschaft

Ein Beitrag zur europäischen Tristandichtung


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011

25 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Schmaler Steg und mühsamer Weg. Einführende Bemerkungen

2.1 Die Exposition als Topos einer höfischen Gesellschaft
2.1.1 Bruder Roberts Tristan Sage
2.1.2 Gottfried von Straßburg Tristan
2.1.3 Berouls Version von Tristan und Isolde
2.1.4 Eilhart von Oberg Tristan und Isolde
2.1.5 Tristan nach Thomas

3. Ist die Minnegrotte ein purgatorium der Gesellschaft und ein Umkehrpunkt der Exposition?

4. Quellenverzeichnis

5. Literaturverzeichnis

1. Schmaler Steg und mühsamer Weg. Einführende Bemerkungen.

"Ich hân mir eine unmüezekeit

der werlt ze liebe vür geleit"1

Einer der Stoffe, der sich dem Mythos der Liebe und der daraus erfolgenden Konsequenzen prägsam eingeschrieben hat, ist die Geschichte von Tristan und Isolde. Der stofflichen Relevanz wurde auch erkennbar dadurch Genüge getan, dass der fiktionale Rahmen dieser Liebesbeziehung im Sinne divergierender Perspektiven von verschiedenen Autoren des Mittelalters innerhalb des europäischen Raumes ausgeprägt worden ist. Dabei bietet die europäische Tradition dieser Texte reiche Reflexionsfläche, um über dramaturgische Gestaltung und Anordnung, wie auch über das Verhältnis von Individuum und Gesellschaft oder auch Wahrhaftigkeit und Scheinheiligkeit, zu sinnieren. Schon zu Beginn soll klargestellt werden, dass es sich hierbei vorrangig um eine literaturwissenschaftliche Abhandlung handelt. Dabei soll der Fokus auf drei Ebenen gelegt werden:

1. die textimmanente Betrachtung
2. die intertextuelle Verflechtung
3. die möglicherweise texttranszendierende Erweiterung.

Um eine Offenheit in interpretatorisch-exegetischer Hinsicht zu ermöglichen, wird im Folgenden nur begrenzt bzw. soweit notwendig auf editorische und historische Blickwinkel geachtet. Dies soll nicht bedeuten, dass ahistorisch argumentiert werden soll; jedoch sind in Anbetracht eines erkenntnistheoretischen Fallibilismus positivistische Ansichten zurückzuweisen, da die kontextuellen Daten nur approximativ bestimmt werden können. Soll heißen: Es gibt nur näherungsweise Datierungen, Informationen über die Begleitumstände des literarischen Schaffens und eine bruchstückhafte Überlieferung, die nur schätzungsweise überliefert, welche Werke es gegeben hat und wovon sie handeln. Insoweit sei im Rahmen der Arbeit vor allem auf eine vergleichende Lektüre einiger erhaltener mittelalterlicher Tristantexte verwiesen, eingedenk des zuvor Beschriebenen und der dazugehörigen Beschränkung aufgrund des Rückgriffs auf neuhochdeutsche Übersetzung2. Doch selbst das vorhandene Material europäischer Tristandichtung scheint voller Widersprüche und Zäsuren zu sein, wie im Folgenden zu zeigen sein wird. Dies weißt uns auch den Weg zu der Thematik und der Fragestellung, die entfaltet werden soll: Wie kommt es dazu, dass jemand innerhalb des fiktionalen Raumes einer Erzählung Listen anwendet und ihm der auktoriale Erzähler trotzdem ein edelez herz bescheinigt? Welche Bewandtnis hat der Zweifel und tritt er nur destruktiv oder unter Umständen auch konstruktiv auf? Könnte man in der fehlenden Gewissheit, dem Zweifel, nicht nur eine Bedrohung des Zusammenlebens, sondern getreu des Leitsatzes in dubio pro reo, nicht sogar die Basis höfischen Zusammenlebens sehen? Diesen Fragen soll handlungschronologisch und textübergreifend nachgegangen werden. Als Textkorpus der Betrachtung liegen die Tristanwerke der folgenden Autoren zugrunde: Gottfried von Straßburg, das Werk des Mönches Robert3, Beroul, Eilhart von Oberg und Thomas. Forschungsgeschichtlich hält Peter Stein fest, dass "ein entscheidender Anteil an der Wendung von der stoffgeschichtlichen zur historisch-interpretierenden Arbeit [...] der Gottfried-Forschung [zufällt,... dies jedoch] ein Abgehen von der bis dahin weitgehend [...] komparatistischen Ausrichtung mit sich brachte.4 " Diese vergleichende Perspektive gilt es wieder aufzunehmen. Doch welcher Stellenwert wird der skeptischen Disziplinierung der Protagonisten des Romans seitens der Forschung eingeräumt? Alois Wolf vertritt die Meinung, dass "die huote [..]also letzte Ursache für alles Fehlverhalten in der Minne [ist]"5 und stellt darüber hinaus die große Bedeutung der Minnegrottenepisode dar, die gewissermaßen einen Ankerpunkt der Minnekonzeption verkörpert. Dabei sind der Zweifel und die List nicht nur im Dienste der huote: Ebenso benutzten Tristan und Isolde diesen intentionalen Status um sich des Zugriffs eines Dritten zu erwehren.

Komplex wird es, wenn sie einen Vertrauten wie Brangäne hinzuziehen. Aber wie Alois Wolf bezüglich Gottfrieds Tristan treffend bemerkt: "Die Minneklause ist und bleibt allen Unberufenen verschlossen, und es gibt in der Minnegrotte auch keine Brangäne.6 " Ob andere Autoren diese Episode der Geschichte anders gestalten und welche Rolle dort arcwan und zwivel des Marke spielen, wird zu klären sein. Schon eingangs ließe sich die These diskutieren, ob erst durch den Zweifel Markes und seiner Höflinge die Jagdmetaphorik und -motivik initiiert wird, die ihren Beitrag zu einem dramatisch überhöhten Spannungsbogen liefert. Wendet man sich der Frage nach einem originären Ausgangspunkt der Tristandichtung zu, dann stößt man darauf, dass "this aspect of the material has for a very long period of time resisted conclusive definition7 ". Weiterhin führt Rosemary Picozzi aus: "[...] there is no consensus of opinion about the origins8 ".In dieser Hinsicht bin ich mir des Diskurses um keltische Mythen, französische Vorlagen, möglicherweise sogar orientalischer Einflüsse zwar bewusst, aber wenn selbst Ranke nur der Rückgriff darauf bleibt, dass "irgendein unbekannter großer Künstler [...] die Erzählung aufgegriffen und neu geformt [hat]9 ", so führt dies dazu, dass ich mich der Diskussion dieser Frage verwehre und wie bereits oben geschildert vorgehen werde.

2.1 Die Exposition als Topos einer höfischen Gesellschaft

Wie schon Xenja von Ertzdorff in einem Aufsatz bemerkte, haben "die Erzählstrukturen der Romane, die die Lebensgeschichte des einen problematischen Liebespaars erzählen, [...] dies gemeinsam: sie konzentrieren sich auf die beiden Liebenden und auf die unmittelbar von dieser Liebesbeziehung betroffenen Bezugspersonen"10 11. Dies wirft natürlich die Frage auf, aus welchem Grunde dieses Kapitel seinen Titel trägt. Nun, es wird zu zeigen sein, wie innerhalb der ersten Verse jeweils verschiedene perspektivische Strategien von den Autoren angewandt worden sind. Dabei scheint die höfische Gesellschaft Dreh- und Angelpunkt zu sein für apologetische Ausführungen des Autors und den Entwurf einer utopisch anmutenden Welt, in welcher List und Zweifel die conditio humana der Protagonisten in ihrer Entscheidungsfreiheit und Legitimierungsgebundenheit greifbar machen.

2.1.1 Bruder Roberts Tristan Sage

Innerhalb diesen Textes wird Tristans Vater Kanelangres als "gar stattlich in bezug auf körperliche schönheit, reich mit gaben ausgestattet, mächtig und reich an gewaltigen kastellen und städten, bewandert in manchen kenntnissen, tapfer in ritterlichen künsten, wol erfahren in aller tüchtigkeit, verständig und klug in seinen rathschlägen, vorsichtig und berechnend, vollendet in jeder fertigkeit über alle männer"12 13 beschrieben. Und auch seine Mutter war "so schön und wonnig, stattlich und ausgezeichnet, höfisch und begehrenswerth, reich und vornehm [...], dass es eine zweite solche rose nach menschenwissen nicht in der welt gab"14. Insofern lässt sich konstatieren, dass Tristans Eltern idealisierte Personen sind, die innerhalb der Gesellschaft, in der sie sich befinden, eine hohe Wertschätzung erfahren. Dabei wird die Verliebtheit der Mutter als Krankheit beschrieben, die durch das Spectaculum des Ritterspieles nur zeitweilige Linderung erfährt15. So kommt es dazu, dass das "höfische paar so gut es ging, [...] zärtlich mit einander [...] um[ging], ohne tadel und vorwurf von irgend jemandem sich zuziehen16 ". Doch worin könnte Tadel und Vorwurf bestehen? Sind sie nicht beide für ihren Charakter berühmt? Ist ihnen ihre nur kurze Kontaktzeit, die kaum Raum für gegenseitiges Kennenlernen gelassen hatte, vorzuwerfen? Oder ist es vielmehr die Missgunst der Höflinge, die sich in der Angst manifestiert, ein Fremder könnte sich mit der Schwester des Königs auch Tintajol einverleiben? Jedenfalls liebten sich die beiden "innig mit feiner list und heimlichkeit [...], [so dass] niemand einsehen17 " konnte. Dies scheint ein recht deutlicher Hinweis darauf zu sein, dass der Autor es gutheißt, wenn die Intimität einer Liebesbeziehung der Öffentlichkeit verborgen bleibt.

Die nächste Stelle, an der eine List ein Schlaglicht auf die präsentierte Gesellschaft wirft, ist Tristans Handel mit den norwegischen Kaufleuten. Sie "wunderten sich über den jüngling und lobten sein wissen, seine geschicklichkeit, schönheit und tüchtigkeit, seinen verstand und sein benehmen18 ". Dies führt dazu, dass sie seine Kenntnisse für sich nutzbar machen möchten. Es ist noch eine archaische Form der Funktionalisierung für einen Gruppenzweck, da sie dafür eine List einsetzen, die nicht seiner Kooperation unterliegt: Sie "zogen [...] ganz heimlich taue und anker auf und liessen das schiff aus der bucht gleiten19 ". Sie wurden, da er das Glück seiner Fertigkeiten nicht verborgen hatte, in Versuchung geführt. Da Tristan zu diesem Zeitpunkt noch naiv in der Fähigkeit der Verstellung scheint, ist er auf die Hilfe Gottes angewiesen, der ihn aus seiner misslichen Lage befreit. Als er im Folgenden auf Wanderer trifft, merkt er, dass "sie nicht aus diesem lande stammten, und antwortete ihnen vorsichtig, damit sie nicht zu deutlich herausbekämen, unter welchen umständen er dorthin gekommen wäre"20. Anschließend erzählt Tristram ihnen, dass er "aus diesem lande gebürtig [sei]21 " und seine Genossen suche, mit denen er das Wild verfolgte. Man kann anhand dieser Zeilen sehr gut die Sozialisation des Protagonisten nachvollziehen, der trotz guter Herkunft und mannigfaltiger Fertigkeiten auf die Lüge zurückgreifen muss, um in der Gesellschaft zu bestehen.

Die banale Unterscheidung zwischen Sein und Schein zeigt sich auch als Marschall Roald, der Pflegevater Tristrams, suchend in ärmlicher Kleidung an Markes Hofe kommt, der von Tristram unterhalten wird. Denn "der könig zeigte sich fein und höflich, rief heimlich einen diener zu sich und sprach zu ihm: '[...] bediene ihn wohl, und gieb ihm ein reiches kleid'"22.

[...]


1 Straßburg, Gottfried von: Tristan. Hrsg. von Rüdiger Krohn. Bd. 1. Stuttgart 2007, S. 12. 3

2 Exemplarisch ist hierbei die Saga von Bruder Robert nach Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978.

3 In der Fassung nach Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978.

4 Stein, Peter K.: Tristanstudien. Hrsg. von Ingrid Bennewitz. Stuttgart 2001, S. 10.

5 Wolf, Alois: Gottfried von Strassburg und die Mythe von Tristan und Isolde. Darmstadt 1989,S.192.Vgl.auch:http://www.inter-ac.rwth- aachen.de/aktuelles/2003_12_sicherheitsregime/interessen_germanistik_huote.pdf (zuletzt eingesehen am 13.05.2011)

6 Ebd., S. 196.

7 Picozzi, Rosemary: A History of Tristan Scholarship. Bern 1971, S. 57.

8 Ebd., S. 58.

9 Ranke, Friedrich: Tristan und Isold. München 1925, S. 8.

10 So zeigte auch Bumke die Unvereinbarkeit von Liebe und Ehe auf: "Seit man sich mit dem Phänomen Höfische Liebe beschäftigt, gilt der Gedanke, daß diese Liebe sich nur außerhalb der Ehe voll verwirklichen könne, als ein besonders auffallendes und besonders anstößiges Merkmal." Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter. Band 2. München 1986, S. 529.

11 Ertzdorff, Xenja von: Die Liebenden in den Romanen von Tristan und Isolt. Erzählstrukturen und literatische Individualität. In: Tristan und Isolt im Spätmittelalter. Hrsg. von Xenja von Ertzdorff. Amsterdam 1999, S. 170.

12 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978.

13 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, S. 8 bzw. Cap I.

14 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, S. 11 bzw. Cap. V.

15 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, S. 11f bzw. Cap. VI + Cap. VII.

16 Ebd. Cap. X.

17 Ebd.

18 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, Cap. XIII.

19 Ebd.

20 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, Cap. XX.

21 Ebd.

22 Kölbing, Eugen: Die nordische Version der Tristan Sage. Tristrams Saga ok Isondar. Hildesheim 1978, Cap. XXIII.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Zweifel und List als Schnittstelle zu einer Dichotomie von Individuum und Gesellschaft
Untertitel
Ein Beitrag zur europäischen Tristandichtung
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Lehrstuhl für Ältere Deutsche Literatur)
Veranstaltung
Europäische Tristandichtungen
Note
2,3
Autor
Jahr
2011
Seiten
25
Katalognummer
V188180
ISBN (eBook)
9783656118411
ISBN (Buch)
9783656118640
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
essayistisch
Schlagworte
zweifel, list, schnittstelle, dichotomie, individuum, gesellschaft, beitrag, tristandichtung
Arbeit zitieren
Thomas Zejewski (Autor), 2011, Zweifel und List als Schnittstelle zu einer Dichotomie von Individuum und Gesellschaft, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188180

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