"Gleichberechtigung der Geschlechter?" - Weibliche Arbeiterexistenzen in der Weimarer Republik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2011
50 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Rechtsstellung der Frau
2.1 Die Weimarer Verfassung
2.2 Das BGB von 1900

3. Frau, Familie und Erwerbsleben
3.1 Junge Mädchen und junge unverheiratete Frauen
3.2 Verheiratete Frauen
3.3 Frauenerwerbsarbeit und Arbeitsmarktpolitik

4. Die eheliche Lebensgemeinschaft in der gesellschaftlichen Praxis: Häusliche Gewalt

5. Fazit

6. Literatur- und Quellenverzeichnis
6.1 Literaturverzeichnis
6.2 Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Am 12.10.2010 titelte Spiegel Online: „Deutschland fällt bei Frauen-Gleichstellung zurück“, so heißt es weiter : „Frauen haben in Deutschland keinen einfachen Stand. Im neuen Ländervergleich des Weltwirtschaftsforums rangiert die Bundesrepublik nur noch auf Platz 13 - hinter Lesotho und Südafrika. Vor einigen Jahren war es noch Platz 5.“[1]

Die Frage nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter ist auch in der Gegenwart ein Thema, das die Gemüter erregt und nicht als abgeschlossen gelten kann. So verdeutlichte etwa der oben zitierte Global Gender Gap Report 2010, dass die Gleichstellung von Frauen und Männern in der Bundesrepublik noch optimierbar ist, und es nach wie vor zu einer Ungleichbehandlung von Frauen und Mädchen kommt.[2] Die Aktualität der Frage nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter zeichnet sich unter anderem auch im Bemühen der Pädagogik um eine frühzeitige Gleichstellung von Jungen und Mädchen in der aktuellen Gender-Debatte ab. Eine Vielzahl empirischer Untersuchungen, wie etwa der Bildungsbericht der Konferenz der Kultusminister der Länder oder die PISA-Studien thematisieren den Aspekt „Gender“, was für die Relevanz des Themas in der Gegenwart spricht.

Um so bedeutender ist also die Frage nach einer Gleichstellung der Geschlechter in einer Zeit, die von Gegensätzlichkeiten geprägt ist: So erhielten Frauen in der Weimarer Republik zum einen neue staatsbürgerliche Rechte, und ihre Gleichstellung in der Ehe wurde mit der Weimarer Reichsverfassung postuliert, zum anderen waren sie in alten Traditionen und Normen verhaftet und diesen verpflichtet. „Als Sinnbild des Emanzipationsprozesses galt in der Weimarer Zeit die vermeintlich ökonomisch, politisch und sexuell befreite „Neue Frau“ [...].“[3]

Doch wie emanzipiert war die gewöhnliche Arbeiterfrau wirklich? Wie gleichberechtigt war die Arbeitertochter gegenüber dem Arbeitersohn? Welche Handlungsspielräume hatten Frauen in der Weimarer Zeit?

Die Weimarer Zeit war bezüglich der Frage nach einer Gleichberechtigung der Geschlechter von Ambivalenzen geprägt. So kam es zu Neuerungen, die im geringen Maße zur Gleichstellung von Frauen und Männern beitrugen. Bedeutender waren allerdings juristische Kontinuitäten und Kontinuitäten in der Politik und der gesellschaftlichen Praxis, also im Rollenverständnis und im Verhalten, die die Frau weiterhin benachteiligten.

Um dies näher zu untersuchen, soll zunächst die rechtliche Stellung der Frau in der Weimarer Republik betrachtet werden, da diese die rechtliche Grundlage für eine mögliche Gleichstellung der Geschlechter darstellt (Kap. 2). Da die Möglichkeit des Erwirtschaften einer Lebensgrundlage eine wichtige Basis für ein selbstbestimmtes Leben darstellt, soll darüber hinaus der Frage einer Gleichberechtigung der Geschlechter im Berufsleben nachgegangen werden (Kap. 3). Dabei wird spezifisch Bezug auf die Möglichkeiten von Arbeitertöchtern und Arbeiterfrauen genommen.

Darüber hinaus soll gesellschaftliches Handeln im Mikrokosmos der Ehe und Familie analysiert werden. Da die eheliche Lebensgemeinschaft ein Ort ist, in dem sich durch das enge Zusammenleben und Handeln von Mann und Frau das wahre Maß der Gleichberechtigung zeigt, sollen abschließend einige Beispiele vorgeführt werden, die stellvertretend für die ehelichen Lebensumstände von Arbeiterfrauen stehen.

2. Die Rechtsstellung der Frau

2.1 Die Weimarer Verfassung

Mit dem Übergang von der konstitutionellen Monarchie des Kaiserreichs zum parlamentarisch-demokratischen System der Weimarer Republik in Folge der Novemberrevolution 1918/19 erlangte die Frau erstmals politische Gleichstellung. Diese politische Gleichstellung manifestierte sich in der Einführung des Frauenwahlrechts, das der Rat der Volksbeauftragten zunächst mit dem Reichsgesetzblatt Nr. 153 vom 12. November 1918 verkündete.[4] Mit dem Reichswahlgesetz vom 30. November 1918 und der Weimarer Verfassung wurde es auf Dauer konsolidiert.[5]

So lautet Artikel 22 der Weimarer Verfassung, dass

„die Abgeordneten [...] in allgemeiner, gleicher, unmittelbarer und geheimer Wahl von den über zwanzig Jahre alten Männern und Frauen nach den Grundsätzen der Verhältniswahl gewählt“[6] werden.

Neben der Zusage des Wahlrechts gab es weitere verfassungsrechtliche Bestimmungen, die die politische Gleichberechtigung der Frau mit dem Mann in der neuen Republik postulierten. So besagt etwa Artikel 109:

Alle Deutschen sind vor dem Gesetze gleich. Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten. [...]“[7]

Als Gleichstellungsbestrebungen von Männern und Frauen innerhalb der Weimarer Verfassung ist auch Artikel 128 zu nennen, mit dem alle „Ausnahmebestimmungen gegen weibliche Beamte“ beseitigt wurden und „alle Staatsbürger ohne Unterschied [...] nach Maßgabe der Gesetze und entsprechend ihrer Befähigung und ihren Leistungen zu den öffentlichen Ämtern“ zugelassen wurden.

Trotz dieser neuen politischen Errungenschaften, von denen dem heutigen Betrachter das Frauenwahlrecht als am einschneidendsten erscheint, von dem zur bei der Wahl zur verfassungsgebenden Nationalversammlung auch 82%,[8] später sogar 90% der wahlberechtigten Frauen Gebrauch machten,[9] war die Frau in ihrer rechtlichen Stellung dem Mann gegenüber alles andere als gleichberechtigt, was folgende Ausführungen zeigen sollen.

Bereits die Einschränkung in Artikel 109, Männer und Frauen haben grundsätzlich dieselben staatsbürgerlichen Rechte und Pflichten, impliziert diesen Sachverhalt.[10]

Diese nur als Oberflächenmerkmal vorhandene Gleichberechtigung der Frau zeigt sich insbesondere in den Pflichten und Rechten, die die Frau in der ehelichen Lebensgemeinschaft betrafen. So spricht die Weimarer Verfassung mit Artikel 119 der Frau zwar ausdrücklich auch die Gleichberechtigung in der Ehe zu, denn „[d ]ie Ehe steht als Grundlage des Familienlebens und der Erhaltung und Vermehrung der Nation unter dem besonderen Schutz der Verfassung [und] [...] beruht auf der Gleichberechtigung der beiden Geschlechter“, doch die gesetzlichen Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches (BGB) von 1900 blieben weiterhin in Kraft.

2.2 Das BGB von 1900

Die Bestimmungen des Bürgerlichen Gesetzbuches von 1900, die auch in der Weimarer Republik weiter Gesetzeskraft hatten, schränkten die in Artikel 119 der Weimarer Verfassung genannte Gleichberechtigung der Frau in der Ehe stark ein. Diese Bestimmungen wurden bereits in ihrer Entstehungszeit von Seiten der bürgerlichen Frauenbewegung scharf kritisiert.[11] Das BGB, das um 1900 als einheitliches deutsches Gesetzbuch aus dem Wunsch nach nationaler Einheit hervorging,[12] löste den vor 1900 herrschenden gesetzlichen Flickenteppich ab, von dem nur die vier wichtigsten Rechtskreise, das preußische Allgemeine Landrecht (ALR), das Gemeine (römische) Recht, der französische Code civil und das sächsische Recht zu nennen seien.[13]

Maßgebend für das im BGB festgeschriebene Familienrecht war ein patriarchalisches Ehebild,[14] bei dem die Rechte der verheirateten Frau zugunsten des Ehemannes beschnitten wurden.

Der § 1353 BGB besagte zwar, dass „Die Ehegatten [...] einander zur ehelichen Lebensgemeinschaft verpflichtet“[15] sind, worunter die Weimarer Rechtssprechung „das gemeinsame Tragen aller im Leben entstehenden Leiden und Freuden, einen gegenseitigen Beistand in allen Lebenslagen, ein kameradschaftliches Ausharren in Tagen der Not, ein gegenseitiges Bemühen um das seelische und leibliche Wohl des anderen und eine Verpflichtung zum ehelichen Verkehr“[16] verstand, doch die weiteren gesetzlichen Bestimmungen verteilten die Rechte und Pflichten in der ehelichen Gemeinschaft recht ungleich auf die beiden Geschlechter.[17]

Nach der Heirat definierte sich die rechtliche Stellung der Frau ausschließlich über den Mann, was insbesondere in §1354 BGB deutlich wird: „Dem Mann steht die Entscheidung in allen das gemeinschaftliche eheliche Leben betreffenden Angelegenheiten zu; er bestimmt insbesondere Wohnort und Wohnung.“[18]

Dieser Artikel war zwar mit der Einschränkung versehen, dass „die Frau [...] nicht verpflichtet [ist], der Entscheidung des Mannes Folge zu leisten, wenn sich die Entscheidung als Missbrauch seines Rechtes darstellt“, es ist allerdings fraglich, inwieweit dieser Zusatz in der Praxis zum Tragen kam.

Die Unterordnung der Ehefrau spiegelte sich indes auch in §1355 BGB wider, nach dem die Frau mit der Heirat automatisch den Familiennamen des Mannes erhielt.

Darüber hinaus war die verheiratete Frau ökonomisch von ihrem Mann abhängig, da mit dem gesetzlichen Güterrecht (§ 1363 BGB) bestimmt wurde, dass „das Vermögen der Frau [...] durch die Eheschließung der Verwaltung und Nutznießung des Mannes unterworfen[19] wurde. Diese Bestimmung betraf insbesondere die Frauen, die Vermögen mit in die Ehe eingebracht hatten,[20] was auf weibliche Arbeiterinnen wohl weniger zutraf.

Aber auch das „Vermögen, das die Frau während der Ehe erwirbt“, etwa durch Vererbung oder Berufstätigkeit, stand dem Mann zu. Mit §1395 BGB bedurfte die Frau auch „zur Verfügung über eingebrachtes Gut der Einwilligung des Mannes[21]. Neben diesen Bestimmungen gab es allerdings bereits in der Kaiserzeit das Recht der Ehevertragsfreiheit, mit dem andere Modelle der ehelichen Gütergemeinschaft verwirklicht werden konnten (§ 1432 BGB).[22]

Die Einschränkung des Wirkungskreises der Frau verdeutlicht § 1356 BGB, nach dem die Frau „berechtigt und verpflichtet [ist], das gemeinschaftliche Hauswesen zu leiten“ und die Verpflichtung hat, „im Geschäfte des Mannes[23] zu arbeiten. Darüber hinaus hatte der Ehemann auch die Möglichkeit, mit der Berechtigung des Vormundschaftsgerichts, Verträge, die seine Ehefrau eingegangen war, zu kündigen, (§ 1358 BGB) „wenn sich ergibt, dass die Tätigkeit der Frau die ehelichen Interessen beeinträchtigt.“[24]

Die Ehefrau bedurfte der Genehmigung des Mannes für außerhäusliche Erwerbstätigkeit und dieser war sogar in der Lage, einen eingegangenen Arbeitsvertrag zu kündigen (§1358 BGB).[25] Die Ehefrau war also ökonomisch von ihrem Mann abhängig und allein aus rechtlichen Gründen kaum in der Lage, eine wirtschaftliche Basis für ein gleichberechtigtes Leben zu schaffen.

Im umgekehrten Falle hatte die Ehefrau keinerlei Rechte, den Ehemann zur Aufgabe einer Tätigkeit zu zwingen, wenn ihre, oder die familiären Interessen, in Mitleidenschaft gezogen wurden.[26] Die Ehepartner waren demzufolge also nicht mit den gleichen Rechten ausgestattet.

Darüber hinaus kann von einem selbstbestimmten Leben der Frau, das sich auch in der Freiheit der Berufswahl und -ausübung widerspiegelt oder von einer Gleichberechtigung von Mann und Frau bei der häuslichen Arbeit, folglich wegen den gesetzlichen Bestimmungen des BGBs nicht gesprochen werden.

Auch die Rechte der Ehefrau als Mutter waren beschränkt. So nennt das BGB 1900 in erster Linie den Vater als Vertreter der elterlichen Gewalt: So hat dieser „kraft der elterlichen Gewalt das Recht und die Pflicht, für die Person und das Vermögen des Kindes zu sorgen[27] (§ 1627). Diese Sorge umfasste „das Recht und die Pflicht, das Kind zu erziehen, zu beaufsichtigen und seinen Aufenthalt zu bestimmen.“[28] Während der Dauer der Ehe, hatte zwar auch die „Mutter das Recht und die Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen“, zur gesetzlichen Vertretung des Kindes war sie jedoch nicht berechtigt, und „bei einer Meinungsverschiedenheit zwischen den Eltern [ging] die Meinung des Vaters vor.[29] Folglich war die verheiratete Frau auch als Mutter weitestgehend entrechtet und unterstand der Entscheidungsgewalt des Mannes.

Im Falle einer Scheidung gab es spezifische Bestimmungen, die das Recht der Mutter weiter einschränken konnten. Wenn der Frau die alleinige Schuld zugesprochen wurde, fiel dem Mann das Sorgerecht für das Kind zu. Im umgekehrten Falle der Frau. Aber auch in diesem Fall blieb das Recht des Vaters zur „Vertretung des Kindes[30] unberührt (§ 1635). Der Vater hatte also deutlich mehr Rechte als die Mutter. Somit kann auch auf der Ebene der gesetzlich geregelten elterlichen Gewalt festgehalten werden, dass Mütter und Väter, Frauen und Männer, in ihren Rechten und Pflichten gesetzlich nicht gleichgestellt, also nicht gleichberechtigt, waren.

Selbst die unverheiratete Frau war in ihren Rechten als Mutter eingeschränkt, was § 1707 verdeutlicht. Demnach stand „der Mutter [...] nicht die elterliche Gewalt über das uneheliche Kind zu. Sie hat das Recht und die Pflicht, für die Person des Kindes zu sorgen; zur Vertretung des Kindes ist sie nicht berechtigt[31]. Bei der Geburt eines unehelichen Kindes erlangte nach den Ausführungen des BGBs das Jugendamt des Geburtsortes die Vormundschaft.

Auch das Ehescheidungsrecht (§ 1564-1587 BGB), das auf dem Verschuldensprinzip beruhte, benachteiligte mit dem geltenden ehelichen Güterrecht die Frau, die bei einer Scheidung tendenziell finanziell benachteiligt wurde.[32]

Entsprechende Reformen auf dem Gebiet des Ehe- und Familienrechtes, die vom „Bund Deutscher Frauenvereine“[33] oder der sozialdemokratischen Frauenbewegung angestrebt wurden, kamen nicht zum Tragen.[34] So befassten sich zwar zwei Juristentage mit dem ehelichen Güterrecht (33. DJT 1924) und der Gleichberechtigung der Frau (36. DJT 1931), diese führten allerdings nicht zu entsprechenden Änderungen des BGBs.[35]

Insgesamt ist also festzuhalten, dass die rechtliche Stellung der Frau in der Weimarer Republik von zwei konträren Gesetzestexten geprägt war. Auf der einen Seite garantierte die Weimarer Verfassung die gesetzliche Gleichstellung von Mann und Frau und gewährte der Frau neue staatsbürgerliche Rechte, auf der anderen Seite hatte das Bürgerliche Gesetzbuch, das eine patriarchalische Hierarchie innerhalb der Ehe festschrieb, weiterhin Gültigkeit. Änderungen, die die Gesetze der BGBs an die neue Linie der Verfassung anpasste, blieben aus, so dass die Frau lediglich durch das Frauenwahlrecht formal gleichberechtigt war. Inwieweit sie dies bezogen auf die politische Partizipation in der gesellschaftlichen Praxis war, muss an anderer Stelle überprüft werden. Die verfassungsrechtlichen Bestimmungen zur Gleichberechtigung von Männern und Frauen in der Ehe hatten auf Grund der Gültigkeit des BGBs keine Relevanz in der praktischen Rechtssprechung.[36]

***

Mit der Beleuchtung der juristischen Stellung der Frau kann also die These bestätigt werden, dass es bezüglich der Gleichberechtigung der Geschlechter zu Ambivalenzen kam und insgesamt nicht von einer Gleichstellung der Frau gesprochen werden kann.

So kam es mit der weiteren Gültigkeit des BGBs zu Kontinuitäten aus der Kaiserzeit und einer Verankerung patriarchaler Herrschaft. Die Weimarer Reichsverfassung hingegen verkörpert eine Neuerung. Die Diskrepanz zwischen Verfassungsrecht und BGB zeigt sich insbesondere bei der Stellung der Frau in der ehelichen Lebensgemeinschaft, da die Heirat mit dem Verlust bürgerlicher Rechte einherging (allerdings auch mit einem erhöhten sozialen Ansehen).[37] Diese Problematik, die bei jungen Frauen häufig zur Herauszögerung einer Eheschließung führte,[38] beschreibt auch die zeitgenössische Psychologin Alice Rühle-Gerstel in ihrem Buch „Das Frauenproblem der Gegenwart“:

Das Gesetz gestattet der großjährigen Frau alles, was es dem Manne gestattet. Sobald die Frau sich aber verheiratet, büßt sie einen Teil ihrer staatsbürgerlichen Rechte ein... Sie „darf“ juristisch sehr viel weniger als eine ledige Frau.“[39]

Die Frau unterstand also mit ihrem Eigentum, ihrer Arbeit, ihrem Körper und ihrer Sexualität ihrem Ehemann und damit der männlich-patriarchalischen Gewalt. Diese war im doppelten Sinne im BGB verankert: Zum einen über die ökonomische Abhängigkeit der Frau, zum anderen über das alleinige Entscheidungsrecht des Mannes und der damit einhergehenden Herrschaft über die Frau.[40] Die politische Gleichheit, die Frauen mit ihren neuen politischen Rechten zugestanden wurde, stand also im Kontrast zur familienrechtlichen „Gleichheit“.

3. Frau, Familie und Erwerbsleben

Da die Grundlage für ein selbständiges bzw. gleichberechtigtes Leben der Arbeiterfrau oder Arbeitertochter die ökonomische Selbständigkeit und Unabhängigkeit ist, die ihre Basis im Erwerbsleben hat, soll in diesem Kapitel der Frage nachgegangen werden, inwieweit Frauen im Erwerbsleben Männern gleichgestellt waren.

Der gängigen These, dass es während des 1. Weltkrieges zu einer einschneidenden Veränderung des Verhältnisses von Frau und Arbeit durch den Umfang der weiblichen Erwerbsarbeit kam, was strukturelle Auswirkungen auf die Erwerbsarbeit von Frauen in der Zeit der Weimarer Republik hatte, soll dabei gleich zu Eingang widersprochen werden.[41] So stieg die Anzahl der erwerbstätigen Frauen zwischen 1914 und 1918 quantitativ nicht überdurchschnittlich an, was darauf hindeutet, dass die Zahl der Frauen, die im Zuge des 1. Weltkrieges erstmals eine Berufstätigkeit aufnahmen, nicht besonders groß war. So waren 1907 bereits 30,5% der Frauen erwerbstätig, was 8,5 Mio. Frauen entsprach, 1925 waren es 11,5 Mio. Frauen, was 35,6% der weiblichen Gesamtbevölkerung entsprach. Im selben Zeitraum stieg allerdings auch die Anzahl der erwerbstätigen Männer von 61,4% auf 68,0% an. Dies bedeutet, dass sich die Anzahl der erwerbstätigen Frauen zwar erhöhte, die prozentuale Steigerung der männlichen Erwerbstätigkeit aber etwas stärker war als die der weiblichen (6,6% vs. 5,1%).[42]

Allerdings kam es zu einem deutlichen Anstieg der Frauenquote in Betrieben der Kriegsproduktion und damit an typisch männlichen Arbeitsplätzen, was mit einer Abwanderung weiblicher Arbeitskräfte vom Sektor der häuslichen Dienste und der Landwirtschaft einherging. Diese Veränderung wurde im Verlauf der Demobilmachung 1918/19 allerdings zunächst wieder rückgängig gemacht, was in Kap. 3.3 näher betrachtet wird.[43]

Es gilt also, die Arbeits- und Lebensbedingungen von 20,5 Millionen erwerbstätigen Frauen im Berufsleben auf Gleichberechtigung zu untersuchen. Dabei verweist alleine der Vergleich der prozentualen Anteile der erwerbstätigen Frauen und Männer im Jahr 1925 von 35,6% zu 68% auf ein Ungleichgewicht.

3.1 Junge Mädchen und junge unverheiratete Frauen

Im allgemeinen sieht man die Berufstätigkeit der Frau als einen Notzustand an. Der Mann verdient nicht genug, um Frau und Töchter zu ernähren und infolgedessen müssen die weiblichen Mitglieder der Familie ebenso zum Lebensunterhalt beitragen wie die männlichen, wenn die Familie als Wirtschaftsverband überhaupt bestehen soll.“[44]

Mit diesen Worten charakterisiert die Autorin eines Artikels der „Frauen-Beilage des Hamburger Echos“ im Juli 1929 die Einstellung der Gesellschaft zur weiblichen Erwerbstätigkeit, die auch in Arbeiterkreisen wiederzufinden war. Demnach galt die Erwerbstätigkeit der ledigen jungen Frau lediglich als Übergangsphase zwischen Schulentlassung und Ehe, die Erwerbstätigkeit der verheirateten Frau einzig als Notbehelf zum ökonomischen Überleben des Wirtschaftsverbandes Familie.[45]

[...]


[1] Schulz, Ländervergleich, Spiegel Online 2010, <http://www.spiegel.de/wirtschaft/soziales/0,1518,722611,00.html>, [12.10.2010].

[2] In Hinblick auf die Stellung der Frau in Politik, Wirtschaft, Bildung und im Gesundheitssystem. Vgl. Hausmann/ Tyson/ Zahidi,The global Gender Gap Report 2010, <http://www.weforum.org/pdf/gendergap/ report2010.pdf>, [12.10.2010].

[3] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 12.

[4] Helwig, Wege zur Gleichberechtigung, <http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,6,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html>, [10.11.11].

[5] Büttner, Weimar, S. 253.

[6] Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919, Art. 22.

[7] Die Verfassung des Deutschen Reichs vom 11. August 1919, Art. 109.

[8] Helwig, Wege zur Gleichberechtigung, <http://www.bpb.de/publikationen/9GZCD0,6,0,Weg_zur_Gleichberechtigung.html>, [10.11.11].

[9] Büttner, Weimar, S. 253.

[10] Hönig, Der Bund Deutscher Frauenvereine, S. 85.

[11] Vgl. Riedel, Gleiches Recht für Frau und Mann.

[12] Riedel, Gleiches Recht für Frau und Mann, S. 86.

[13] Gerhard, die Rechtstellung der Frau in der bürgerlichen Gesellschaft des 19. Jahrhunderts, S. 172f.

[14] Rauscher, Familienrecht, S. 46.

[15] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1353.

[16] Heuß, August F.: Frauen suchen ihr Recht, das Gesetzbuch der Frau in Beruf, Familie und Gesellschaft, Stuttgart 1929, S. 32. Zitiert nach Hagemann, S. 161.

[17] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 161.

[18] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, §1354.

[19] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1363.

[20] Hönig, Der Bund Deutscher Frauenvereine, S. 91.

[21] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, §1395 BGB.

[22] Rauscher, Familienrecht, S. 46.

[23] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1356.

[24] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1358.

[25] Büttner, Weimar, S. 255.

[26] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 161.

[27] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1627.

[28] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1631.

[29] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1634.

[30] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1635.

[31] BGB. Bürgerliches Gesetzbuch vom 18. August 1896, § 1707.

[32] Büttner, Weimar, S. 255.; Hönig, Der Bund deutscher Frauenvereine, S. 89.

[33] Vgl. Hönig, Der Bund Deutscher Frauenvereine in der Weimarer Republik 1919-1933.

[34] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 162.

[35] Rauscher, Familienrecht, S. 47.

[36] Heinemann, Familie zwischen Tradition und Emanzipation, S. 106.

[37] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 161.

[38] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 162.

[39] Rühle-Gerstel, Die Frau und der Kapitalismus. Eine psychologische Bilanz, Frankfurt a.M. 1972, (Neudr. Der Erstausg.: Das Frauenproblem der Gegenwart, Leipzig 1932), S. 179f. Zitiert nach Hagemann, S. 161.

[40] Gerhard, Gleichheit ohne Angleichung, S. 164.

[41] Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 35.

[42] Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 259.

[43] Daniel, Arbeiterfrauen in der Kriegsgesellschaft, S. 260f.

[44] Die revolutionäre Rolle der Frauenerwerbsarbeit, in: FB-HE 7/1929. Zitiert nach Hagemann, S. 354.

[45] Hagemann, Frauenalltag und Männerpolitik, S. 354.

Ende der Leseprobe aus 50 Seiten

Details

Titel
"Gleichberechtigung der Geschlechter?" - Weibliche Arbeiterexistenzen in der Weimarer Republik
Hochschule
Universität Siegen  (Philosophische Fakultät - Historisches Seminar - Neuere und Neueste Geschichte)
Veranstaltung
Formen und Funktionen von Gewalt im neuzeitlichen Europa
Note
2,0
Autor
Jahr
2011
Seiten
50
Katalognummer
V188221
ISBN (eBook)
9783656118855
ISBN (Buch)
9783656118527
Dateigröße
789 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen in Weimar, Kultur Weimar, Weimarer Republik, Frauenrechte Weimarer Republik, Die Rechtstellung der Frau in der Weimarer Republik, Weimarer Verfassung und Frau, Das BGB und die Frau, Frau Familie und Erwerbsleben in der Weimarer Republik, Frauenerwerbsarbeit und Arbeitsmarktpolitik Weimarer Republik, Die eheliche Lebensgemeinschaft in der Weimarer Republik, gesellschaftliche Praxis Frau, Frau staatsbürgerliche Rechte, Arbeiterfrau Weimarer Republik, Artikel 109 weimarer verfassung, Frau und verfassung, gleichberechtigung der geschlechter, gleichberechtigung frauen weimarer republik
Arbeit zitieren
Katharina Beyer (Autor), 2011, "Gleichberechtigung der Geschlechter?" - Weibliche Arbeiterexistenzen in der Weimarer Republik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188221

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