Der 1936 auf dem 14. Internationalen psychoanalytischen Kongreß in Marienbad gehaltene Vortrag
„Das Spiegelstadium“ bzw. seine Ausarbeitung und Präzisierung und der erneute Vortrag 1949 auf
dem 16. Internationalen Kongreß in Zürich, nun unter den Titel „Das Spiegelstadium als Bildner der
Ichfunktion, wie sie uns in der psychoanalytischen Erfahrung erscheint“, markiert nicht nur Lacans
Eintritt in die psychoanalytische Bewegung, sondern bildet auch den ersten großen Baustein von
Lacans Lehrgebäude und „definiert“ gleichermaßen Lacans spätere theoretische Entwicklung bis hin
zu seiner Begegnung mit dem Strukturalismus.
Damit kommt diesem Text eine Schlüsselstellung in der Beschäftigung mit Lacan zu, gleichzeitig aber
wird deutlich, welche Schwierigkeiten die Lektüre Lacans dem Leser macht. Zum einen ist hier
Lacans fast schon „poetisch-metaphorischer“ Sprach- und Schreibstil zu nennen, zum anderen ist es
sehr schwer möglich, einzelne Begriffe oder Konzepte Lacans darzustellen, ohne gleichzeitig Bezüge
zu Lacans Theoriegebäude im Ganzen zu ziehen.
Als Beispiel dafür hebt S.M. Weber in seinem Buch „Rückkehr zu Freud.“1 hervor, daß Lacans
Diskurs nicht auf die Darstellung der Wahrheit an sich abzielt, sondern vielmehr versucht, diese
Wahrheit auszusprechen. So versucht Lacan zum Beispiel seinen wichtigsten Diskursgegenstand,
nämlich das Unbewußte, nicht einfach zu beschreiben, sondern das Unbewußte soll in seinen Texten
selbst sprechen. Was so zunächst paradox anmutet, ist die konsequente Durchführung seines
Denkens, welches sich weigert, für einen Signifikanten eine starr definierte Verbindung zu einem
Signifikat zu bestimmen. Damit kann Lacan in seinen Texten inhaltliche, grammatikalische und
syntaktische Brüche bzw. die poetischen Figuren Metapher und Metonymie und begriffliche
Neuschöpfungen so gebrauchen, daß seine eigentliche Grundthese, nämlich daß der Prozeß der
Äußerung über der eigentlichen Aussage steht, als Subtext in seiner Theorie mitgeführt wird. Lacans
Sprach- und Schreibstil versucht so also die selben Mechanismen zu gebrauchen, die er seinem
Gegenstand, dem Unbewußten, zuschreibt. [...]
1 S.M. Weber: Rückkehr zu Freud, Frankfurt a. M. / Berlin/ Wien 1978
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Freuds Konzeption des Narzißmus als Basis von Lacans Spiegelstadium
3. Das Spiegelstadium und der Begriff des Imaginären
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit zielt darauf ab, Jacques Lacans Konzept des Spiegelstadiums in seiner grundlegendsten Funktion zu explizieren und den Begriff des Imaginären innerhalb der psychoanalytischen Ich-Konstitution zu bestimmen, ohne dabei die Komplexität des gesamten Theoriegebäudes vorauszusetzen.
- Die psychoanalytische Deutung des Spiegelstadiums als bildende Instanz der Ich-Funktion.
- Die kritische Auseinandersetzung mit Freuds Narzißmustheorie als notwendigem Fundament.
- Die Analyse der Entfremdungsprozesse und der Identifikation im Spiegelbild.
- Die Bedeutung des Begehrens und des Begriffs des Anderen für die menschliche Subjektwerdung.
Auszug aus dem Buch
Das Spiegelstadium und der Begriff des Imaginären
Lacan geht bei dieser Neufassung der psychoanalytischen Konzeption des Ichs von der empirischen Beobachtung eines kleinen Kindes im Alter zwischen 6 und 8 Monaten aus, das plötzlich sein Bild im Spiegel betrachtet bzw. sein Verhalten in den nachahmenden Gebärden eines Erwachsenen oder eines anderen Kindes gespiegelt sieht. Das Kind reagiert darauf mit einer jubilatorischen Reaktion.
Lacan erklärt dies damit, daß das in den Spiegel schauende Kind ein imaginäres Bild seiner Selbst bzw. seines Körpers entwirft. Es identifiziert sich mit diesem Bild, da es eine imaginäre somatische Einheit seiner Selbst zeigt, obwohl seine körperliche Entwicklung, seine körperliche Kompetenz noch extrem unterentwickelt ist und das Kind noch eingetaucht ist „in motorische Ohnmacht und Abhängigkeit von Pflege“. Doch der Blick, die visuelle Wahrnehmung ist der Motorik zu diesem Zeitpunkt weit überlegen, perzipiert eben diese Einheit des Spiegelbildes, die realiter aber noch fehlt und setzt sie in Beziehung zum eigenen Körper. Das Kind wird sich daraufhin seines Körpers als eine Totalität bewußt. Diese im Spiegelstadium gemachte Identifikation des Kindes mit seinem Spiegelbild wird, so Lacan, von da an zu einer exemplarischen Situation der Ichbildung, denn der Anblick der vollständigen Form des Körper ermöglicht dem Kind die imaginäre Beherrschung seines Körpers, die aber in diesem Stadium vollkommene Fiktion ist.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung verortet Lacans Vortrag über das Spiegelstadium als zentralen Baustein seiner Theorie und thematisiert die Schwierigkeiten bei der Lektüre aufgrund seines spezifischen Sprach- und Schreibstils.
2. Freuds Konzeption des Narzißmus als Basis von Lacans Spiegelstadium: Dieses Kapitel erläutert, wie Freud die theoretische Grundlage für die Ich-Konstitution legte und zeigt auf, inwiefern der Narzißmus-Begriff und der Narziß-Mythos als Metapher für die Entfremdung des Ichs dienen.
3. Das Spiegelstadium und der Begriff des Imaginären: Hier wird der Vorgang der Identifikation des Kindes mit seinem Spiegelbild analysiert, um die Entstehung des Imaginären als strukturierendes Prinzip der Subjektivität und als Ort des Begehrens darzulegen.
Schlüsselwörter
Jacques Lacan, Spiegelstadium, Ich-Funktion, Imaginäres, Narzißmus, Entfremdung, Identifikation, Unbewußtes, Subjektivität, Begehren, Psychoanalyse, Körperbild, Signifikant, Ich-Ideal.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beschäftigt sich mit der psychoanalytischen Theorie von Jacques Lacan, insbesondere mit seinem Konzept des Spiegelstadiums als konstituierender Moment für das Ich.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Fokus stehen die Ich-Bildung, die Rolle des Narzißmus in der Psychoanalyse, das Verständnis des Imaginären sowie die Dialektik zwischen Identifikation und Entfremdung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine Bestimmung des Begriffs des Imaginären und die Beschreibung der Funktion des Spiegelstadiums innerhalb der frühkindlichen Entwicklung des Subjekts.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine theoretische Arbeit, die auf der Analyse zentraler psychoanalytischer Texte von Lacan und Freud sowie relevanter Sekundärliteratur basiert.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Freuds Narzißmustheorie als notwendige Basis und die detaillierte Analyse des Spiegelstadiums als Entfremdungs- und Identifikationsprozess.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Lacan und dem Spiegelstadium sind Begriffe wie Ich-Funktion, Imaginäres, Narzißmus und Entfremdung maßgeblich für das Verständnis des Textes.
Wie unterscheidet Lacan das "Ich" (moi) vom "Ich" (je)?
Lacan nutzt die Unterscheidung, um zu verdeutlichen, dass das imaginierte Ich (moi) ein auf einer Fiktion basierendes Bild ist, von dem sich das wahre Subjekt (je) in der Entfremdung unterscheiden muss.
Was bedeutet Lacans Aussage "Ich ist ein anderer"?
Der Ausspruch verweist auf die Tatsache, dass sich das menschliche Ich durch eine Identifikation mit einem externen Bild (Spiegelbild) konstituiert, wodurch das Ich immer eine fremde, entfremdete Komponente in sich trägt.
- Quote paper
- Gernot Leinert (Author), 1999, Das Spiegelstadium als Bildner der Ichfunktion bzw. Lacans Begriff des Imaginären: Versuch einer Bestimmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18825