Die Entwicklung der AIDS Problematik


Hausarbeit (Hauptseminar), 2003
39 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Grundlagen
2.1. HIV/AIDS Definition und Charakteristika
2.2. Die Medikamente und die Patentrechte
2.3. Der Ursprung und die Verbreitung

3. Die Gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie
3.1. Soziale Modalitäten
3.2. Die Verbreitungsgründe in Ländern südlich der Sahara
3.3. Home Based Care
3.4. Die AIDS Waisen
3.5. Die Witwen und AIDS

4. Die Ansätze der Entwicklungszusammenarbeit
4.1. Betrachtungen zur Entwicklungszusammenarbeit
4.2. Fallbeispiel: Die Situation in Südafrika

5. Schlusswort

Literatur

Anhang

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Globale Übersicht der HIV-1 Verbreitung der Gruppe M Subtypen in

Abbildung 2: HIV Ansteckungsarten und Subtypen

Abbildung 3: HIV Soziale Ursachen und Zielgruppen

Abbildung 4: Die HIV Prävelenz in afrikanischen Ländern südlich der Sahara

Abbildung 5: Gebrauch der Kondome, Männer, bei nicht regülären Partnern 1994 bis

Abbildung 6: Behandlungsbedürftige AIDS Kranke in Südafrika

Abbildung 7: Waisenkinder in Südafrika: Möglicher Trend (in Millionen)

Tabelle 1: Die tödlichsten Krankheiten Weltweit im Jahr 2002

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Entwicklungszusammenarbeit

Die Entwicklung der AIDS Problematik

"Das Böse in der Welt rührt fast immer von der Unwissenheit her, und der gute Wille kann so viel Schadenanrichten wie die Bosheit, wenn er nicht aufgeklärt ist."

Albert Camus, Die Pest, 1947.

1. Einleitung

Die geschichtliche Erfahrung lehrt, dass der Mensch oft vor dem Ungewissen die Augen verschließt, die Natur gedankenlos ignoriert und sich aus Bequemlichkeit in seine eigene heile Welt zurückzieht. Dennoch verwundert, dass trotz der kollektiven Blindheit, dem Vorwand einer moralischen, selbst erschaffenen Naturakzeptanz1 oder falscher Eitelkeit solch ein gewaltiges Aufkommen der erworbenen Immunschwächekrankheit AIDS fast systematisch übersehen werden konnte2. Die Betroffenen versuchten vergeblich die Allgemeinheit auf die Krankheit aufmerksam zu machen; es waren primär die Homosexuellen und die Armen, Rauschgiftsüchtige und Prostituierte, Opfer an denen die breite Öffentlichkeit wenig Interesse zeigte, Menschen dessen Existenz die globale Gesellschaft verneint und verachtet3. Die Indizien, die zur intensiven Erforschung und Bekämpfung, zur Erfassung sowie Bekanntmachung der möglich größten Pandemie4 aller Zeiten führten5, waren wesentlich früher zu erkennen, sind jedoch mit Pannen und Mißverständnissen zeitlich in Verzug geraten, was Menschenleben gekostet hat6. Schrittweise stellten Regierungen Gelder zur Verfügung und der Schleier der verbotenen Wörter wurde endlich gehoben, um Klarheit über die Übertragungswege, Risikogruppen und Prävention zu schaffen7. Aber nur dort wo es Geld gab.

Mittlerweile ist die Krankheit erkannt; weltweit leben heute über 40 Millionen Menschen mit AIDS8, das entspricht 1.2 Prozent der Weltbevölkerung9. Alleine im letzten Jahr kamen fünf Millionen Neuinfektionen hinzu und für das Jahr 2003 wird ein globaler Anstieg erwartet10. Bis jetzt forderte die Pandemie jährlich über 3.1 Millionen Tote11 und nur ein kleiner Bruchteil der Erkrankten wird medizinisch versorgt12. In den afrikanischen Ländern südlich der Sahara13, besonders in Malawi, Simbabwe, Botsuana und Swasiland avancierte AIDS längst zur Haupttodesursache. Dort leiden mehr als 28 Millionen Menschen, wogegen in den westlichen Industriestaaten nur 1.5 Millionen infiziert sind. Die teuere Behandlung mit patentgeschützten AIDS Medikamenten können sich 95 Prozent aller Erkrankten aus den Entwicklungsländern nicht leisten. Gefangen zwischen Dürftigkeit und Pandemie, strecken sie uns eine Hand entgegen.

Diese Arbeit entstand hauptsächlich unter der Daten- und Quellenfreigabe des Missionsärztlichen Instituts in Würzburg, der UNAIDS Organisation, sowie des Dritte-Welt-Forum Aachen eV. Die Hausarbeit wird räumlich primär afrikanische Länder südlich der Sahara betrachten und zeitlich koordiniert der Genese, Verbreitung sowie der Auswirkung der Krankheit nachgehen, Bezüge zur Entwicklungszusammenarbeit ansprechen sowie ein Fallbeispiel vorstellen, um einen Verständnispfaden für die Opfer aufzubauen, die dem Virus unterlagen, für diejenigen Virusträger, die der Diskriminierung ausgesetzt sind und für die Unwissenden, Hoffnungslosen und Ignoranten, die ihn noch empfangen werden.

2. Die Grundlagen

2.1. HIV/AIDS Definition und Charakteristika

Im Jahre 1981 häuften sich die Anzeichen für ein virulentes Krankheitsbild, das im Juli 1982 in Nordamerika mit dem Akronym acquired immunodeficiency syndrome, AIDS, benannt wurde14. Den als Retrovirus eingestuften Erreger15, der dieses erworbene Immundefekt-Syndrom mit Störung des zellulären Immunsystems16 verursacht, gab man den englischen Namen human immunodeficiency virus, HIV17. Bis heute sind zwei Hauptgruppen, HIV-1 und HIV-2, sowie mehrere Subtypen des Virus bekannt, die geographisch breit verstreut sind und deren unterschiedliches Erbgut eine hohe Anpassungsfähigkeit an menschliches Leben ermöglicht; HIV-1 findet man auf allen Kontinenten, HIV-2 vorwiegend in Westafrika18. Die Verteilung und grobe Häufigkeit der HIV-1 Viren und deren Subtypen A bis J der Gruppe M gibt die Abbildung 1 wieder.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Globale Übersicht der HIV-1 Verbreitung der Gruppe M Subtypen in 1997

Quelle: Hooper, Edward: The River, S. 759-761; eigene Darstellung.

Diversifizierende Eigenschaften von Subtypen haben Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf und erschweren die Labordiagnostik sowie die Entwicklung von wirksamen Impfstoffen. Dies ist eine der schwerwiegendsten Charakteristika des komplexen medizinischen Problems, das bis heute nicht erfolgreich gelöst wurde.

Die seltenere HIV-2 Hauptgruppe verursacht eine geringere Virusmenge im Körper, ist weniger pathogen, wird seltener von der Mutter zum Kind übertragen und besitzt eine 20 jährige Inkubationszeit. Die Ansteckung mit HIV-1 hat einen schnelleren Krankheitsverlauf zur Folge, ist wesentlich aggressiver und für den großen Anteil der Infektionen weltweit verantwortlich; außer dem Subtyp B stammen alle anderen Untergruppen aus Afrika19. Die ehemalige belgische Kolonie Kongo weist sechs von zehn Subtypen der Gruppe M auf und deswegen ist denkbar, dass fast alle Variationen des Virus von dort kommen20.

Abb. 2: HIV Ansteckungsarten und Subtypen A n s t e c k u n g s a r t e n

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung.

Die Infektionswege der HI Viren sind bekannt21 und lassen sich wie in der Abbildung 2 gezeigt, klassifizieren:

(1) Beim hetero-, bi- oder homosexuellen Geschlechtsverkehr.

(2) Über den Blutkontakt:

a) Falls infizierte Injektionsbestecke wie Nadeln oder Spritzen ohne Sterilisierung weitergereicht werden; entweder bei mangelhafter medizinischer Versorgung oder bei rauschgiftsüchtigen Personen.

b) Über HIV verseuchtes Blut oder Blutprodukte wie Blutkonserven oder Blutderivate.

c) Bei Transplantation von Organen.

Geographisches Institut der RWTH Aachen • Robert Mihelli • Entwicklungszusammenarbeit: Die Entwicklung der AIDS Problematik 9

(3) Bei direkten oder indirekten Schwangerschaftsfolgen:

a) Pränatal, auf den Fötus über die Plazenta.

b) Perinatal, auf das Neugeborene von der HIV infizierten Mutter.

c) Postnatal, durch das Stillen.

Der medizinische Verlauf der Krankheit findet in 3 Phasen statt; zunächst werden nach der Infektion die T4-Helferzellen zerstört. Es kann 12 Wochen dauern, bis HIV eigene Antikörper nachweisbar sind und bis zum Ausbruch der Krankheit können etwa 10 Jahre vergehen, in denen die Infektion klinisch stumm, aber infektiös bleibt. Danach führt die fortschreitende Zerstörung des zellulären Immunsystems zu HIV assoziierten Erkrankungen wie Candidiasis oder Karzinomen22 sowie unspezifischen Symptomen wie Fieber, Nachtschweiß, Diarrhöe, was man als AIDS related complex, ARC, zusammenfasst. Abschließend wird das Vollbild von AIDS durch opportunistische Infektionen23 erreicht wie Lungenentzündung, Tuberkulose24, Kaposi-Sarkom oder Muskelschwund, die atypisch schwer verlaufen, zurückkehren und anschließend tödlich enden. Diese Abfolge ist nur für Jugendliche über 13 Jahre und Erwachsene gültig; bei Kindern existieren Abweichungen.

Tab. 1: Die tödlichsten Krankheiten Weltweit im Jahr 2002

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: World Health Organisation: Epidemics, <http://www.who.int/mediacentre/factsheets/> [zugegriffen am 16.05.2003]; eigene Darstellung.

Für die Diagnostik steht heute hauptsächlich als Suchtest ELISA25 zur Verfügung, bei dem positive Proben mittels der Immunfluoreszenz nochmals bestätigt werden müssen26. Da die Pandemie nicht heilbar ist, sind Kondome der einzig sinnvolle Schutz gegen den Erreger. Augenblicklich beschränkt sich die Therapie noch auf die Behandlung und Prophylaxe der opportunistischen Krankheiten, um die Virusmenge zu reduzieren, als antiretrovirale Therapie bekannt27. Die Innovationen im Bereich der Medikamentenentwicklung haben in den letzten zwanzig Jahren große Fortschritte gemacht und mittlerweile beschränkt sich die Einnahme der Arzneimittel von ehemals 25 auf zwei bis drei Pillen pro Tag.

2.2. Die Medikamente und die Patentrechte

Meistens werden zur Therapie drei Inhaltsstoffe angewandt; der erste blockiert die Vermehrungsgrundlage der Viren, kombiniert mit der Unterdrückung der Virusproduktion in bereits infizierten Zellen sowie der Hinderung einer Verschmelzung mit der Zellmembran. Die Mediziner befürchten jedoch, dass durch die Wandelbarkeit des Virus die Wirkstoffe unwirksam werden könnten, was stetige Verbesserungen und hohe Investitionen in die HIV/AIDS Forschung erfordert. Der Schutz der Arzneimittel durch Patente ist für ein Pharmaunternehmen der Hauptanreiz hohe Summen in Forschung und Entwicklung28 neuartiger Produkte zu investieren, da sie nach der Medikamenteneinführung die Preise gestalten können. Diesen ökonomischen stehen die sozialen Interessen entgegen, weil Entwicklungsländer die preisgünstige Versorgung der Betroffenen nicht gewährleisten können. Denn mit jährlichen Kosten um 10.000 US Dollar pro Patient und Jahr29 für eine antiretrovirale Therapie, ist ein Entwicklungsland weit überfordert.

Wirksame Behandlungen stehen also denjenigen, die es am meisten brauchen, nicht zur Verfügung und deswegen versuchen diese Nationen an die Medikamente zu gelangen, indem sie internationale Abkommen30 teilweise umgehen und auf folgende Möglichkeiten zurückgreifen: Generikaerwerb, Parallel- und Reimporte oder Zwangslizensierungen. Beim letzteren handelt es sich um ein Staatsinstrument, bei dem die Patente für das öffentliche Interesse ignoriert werden; wird die Einfuhr der Produkte ohne die Zustimmung des Patentinhabers auf den gleichen nationalen Markt ermöglicht, spricht man von Parallelimporten, die zu Reimporten werden, wenn sie wieder zurück ins Herrstellerland eingeführt werden. Generika sind Imitate patentgeschützter oder bereits patentfreier Arzneimittel; ein Hersteller für HIV/AIDS Generika, das indische Pharmaunternehmen Cipla, hat den Entwicklungsländern angeboten, eine Dreierkombination für 350 US Dollar pro Patient und Jahr zur Verfügung zu stellen, also weniger als einen Dollar pro Tag31. Diese Kosten würden somit um 90 Prozent unter den in Südafrika derzeit geltenden Grosshandelspreisen liegen32.

Die Produktion von Generika in Indien ist möglich, da dortige Patentbestimmungen unter anderem Importprodukten keinen Patentschutz bieten33 ; dies wird sich jedoch nach dem 01.01.2005 ändern, weil Indien bis dahin das Patentrecht den WTO Standards anpassen muss. Eigensinnige Patentbestimmungen gelten auch in Brasilien34 ; sie erlauben den heimischen Herstellern Generika schnell und kostengünstig zu produzieren. Die Politik des Landes, Arzneimittel an Kranke zu verschenken, senkte die AIDS Todesrate um 50 Prozent35, wurde jedoch gleichzeitig von ausländischen Pharmakonzernen missbilligt und heftig kritisiert.

Einen Schritt weiter gingen 39 Pharmaunternehmen, als sie gegen ein südafrikanisches Gesetz im April 2001 Anklage erhoben, weil es gegen internationales Patentrecht und Bestimmungen des freien Welthandels verstieß36. Dieses Gesetz37 ermöglicht im Falle eines Notstands den Import von Generika oder die kostenlose Herstellung patentierter Medikamentenrezepturen, was auch praktiziert wurde. Der südafrikanische Präsident Mbeki hat aber niemals einen Notstand ausgerufen; vielleicht um über die jahrelangen Versäumnisse seiner Gesundheitspolitik hinwegzutäuschen oder möglicherweise, weil der Ausnahmezustand von der weißen Regierung zu Apartheidzeiten mißbraucht wurde38.

Als NROs und internationale Vereinigungen Druck auf die Medikamentenhersteller ausübten, wurde der Fall außergerichtlich beigelegt und die Preise für die Arzneimittel gesenkt. Ohne Konsequenzen zu befürchten, können nun auch andere Länder der Dritten Welt solche Gesetze erlassen. Eine weitere Folgeerscheinung jedoch ist, dass die Pharmakonzerne überlegen, sich aus der HIV/AIDS Forschung zurückzuziehen, damit sich ihre Wissenschaftler auf andere Krankheiten zahlungskräftiger Patienten der modernen Welt konzentrieren können.

2.3. Der Ursprung und die Verbreitung

Die Katastrophe HIV/AIDS könnte allerdings erst durch Forscher verursacht worden sein; so der englische Wissenschaftsjournalist Hooper im Jahre 1999, der mit einer forensischen Akribie fast eine Dekade lang durch Raum und Zeit die Ursprünge der HIV Erreger nachzuvollziehen versuchte39. Er verfolgt die These, dass bei Polio Schluckimpfungen in Belgisch Kongo 1957 einige Chargen des Serums, in den Nieren von Schimpansen herangezüchtet, möglicherweise mit dem simian immunodeficiency virus, SIV, verseucht gewesen ist und durch die Massenimpfungen weiterverbreitet wurde. So ist die Artengrenze vom Affen zum Mensch übersprungen worden und ein neuer tödlicher Virus entstand; bis heute ist aber nur bewiesen, dass HIV von SIV abstammt40. Andere Theorien implizieren, dass Bluttransfusionen oder Benutzung nicht sterilisierter Injektionsspritzen den Ursprung bergen41, aber bis jetzt wurde dies nicht gründlich belegt, ebenso wie die genauen Übertragungswege innerhalb des Kontinents sowie aus Afrika zu anderen Erdteilen. Die Entstehung der Krankheit ist demnach bislang noch nicht vollständig geklärt, man kann aber partiell die Grundstruktur der Verbreitung des HI Virus nachvollziehen42. Einige Menschen sind auf Grund ihres Berufes oder ihrer Lebensumstände gefährdeter als andere; Personen, die nicht an einem Ort verbleiben, sondern flexibel sind sowie Menschen, die mit diesen in Kontakt geraten.

Durch den Ausbau der Infrastruktur, Straßen, Eisenbahnen, Flugverbindungen wurde eine große Mobilisierung und Vermischung der Bevölkerung in Afrika möglich und mit der Verstädterung sowie der Landflucht brachen die Strukturen traditioneller Kulturen auf. Infolge dessen konnte aber auch der Krankheitserreger weiter wandern. Besonders an Orten entlang von Lastwagenrouten fand man eine höhere Konzentration von HIV Positiven; dort wo Fernfahrer, Soldaten, Seeleute oder andere Migrationsarbeiter Prostituierte aufsuchten, sich gegenseitig ansteckten und dann wiederum als Träger den Virus an andere Personen weitergaben43. Aber auch Lehrer sind in Afrika durch HIV/AIDS gefährdet; ihre Sterblichkeitsrate ist alarmierend hoch, Ende der 90er Jahre wurden in der Zentralafrikanischen Republik mehr als 100 Schulen geschlossen und in Sambia starben täglich mehr als vier Lehrer44. In Südafrika und Malawi wurde das Bildungsbudget innerhalb von zwei Monaten für Krankentransporte infizierter Lehrer ausgegeben.

Vor allen Dingen männliche Lehrer tendieren dazu mit ihren Schülern sexuelle Kontakte aufzunehmen und den Virus entweder von diesen zu empfangen oder an sie weiter zu geben, was wegen der hohen Frequenz der Schüler und der Mobilität des Berufes zu einer Krankheitsverbreitung führt. Der anschließende Lehrerschwund wird durch die HIV/AIDS bezogene Stigmatisierung des Berufes verschlimmert, was auch auf andere Beschäftigungsgruppen fälschlicherweise zutrifft. Zu diesen Arbeitsbereichen gehört unter anderem auch medizinisches Personal, das mit dem Virus in Ausübung seiner Tätigkeit in Kontakt gerät, einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt ist und den Erreger mit regionaler Mobilität weitertragen könnte; dies ist aber statistisch keineswegs nachgewiesen45. Die allgemeine Stigmatisierung der Krankheit hemmt die Einsicht über die grundlegenden Ansteckungsgefahren sowie über die sozialen Rahmenbedingungen der HIV/AIDS Problematik einer Gesellschaft.

3. Die gesellschaftlichen Auswirkungen der Pandemie

3.1. Soziale Modalitäten

Neben den direkten Infektionsrisiken müsste man für das gesamte Verständnis der Krankheitsübertragung die gesellschaftlichen Faktoren mit in Betracht ziehen46.

Abb. 3: HIV Soziale Ursachen und Zielgruppen

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: Eigene Darstellung.

Wie in der Abbildung 4 erkennbar ist, können drei soziale Ursachen hervorgehoben werden. Die sozioökonomischen Rahmenbedingungen umfassen Armut, Analphabetismus, Arbeitslosigkeit sowie eingeschränkten Zugang zu Gesundheitseinrichtungen und weiteren Dienstleistungen. Soziokulturelle Rahmenbedingungen beinhalten religiöse, traditionelle und gesellschaftliche Tabus, konservative Einsichten aber auch wachsende Promiskuität. Die soziopolitischen Ursachen sind durch verschiedene Machtverhältnisse und Ressourcenverteilung zwischen diversen Gruppen wie auch zwischen den Geschlechtern sowie den Generationen gekennzeichnet47. Diese Ursachen begünstigen die Infektionsgefahr insgesammt; zur Vorsorge und Behandlung sollten demnach drei gesellschaftliche Zielgruppen betrachtet werden. Auf der einen Seite gibt es bereits die Menschen, die sich mit dem Erreger infiziert haben, andererseits existieren auch indirekt betroffene Personen, wie beispielsweise die Waisenkinder oder Gefährdete, wie Ungeborenen im Mutterleib48.

In der Gesellschaft werden diese Komponenten allerdings nicht direkt wahrgenommen, was auf die Strukturen in der Kultur zurückzuführen ist und zur Folge hat, dass vor allem ungebildete und mittellose Teile der Bevölkerung einer höheren Ansteckungsgefahr ausgesetzt sind. In Entwicklungsländern ist die Korrelation zwischen Armut und HIV/AIDS sehr groß.

3.2. Die Verbreitungsgründe in Ländern südlich der Sahara

Die Krankheit überschreitet längst das Ausmaß eines rein medizinischen Problems; es verursacht weit über das Gesundheitswesen hinaus reichende Einschnitte in alle soziale sowie wirtschaftliche Strukturen. Die existenzielle Komponente wurde in den Entwicklungsländern am stärksten geschwächt; es befällt die produktivsten Generationen zwischen 15 und 45 Jahren49, verbeißt sich in die ärmsten Schichten und betrifft die verschiedenen Geschlechter unterschiedlich, wie es die Anzahl der Witwen bezeugt50. Die Krankheit wird in Ländern südlich der Sahara hauptsächlich durch die gesellschaftliche Vorherrschaft der Männer weitergetragen; die Verbreitung geschieht meistens durch heterosexuelle Kontakte51. Diese werden in kriegerischen Konflikten begünstigt, sind durch die untergeordnete Rolle der Frauen in der Familie eine Laune des Ehemannes und werden zur käuflichen Ware mit der steigenden wirtschaftlichen Not52.

Abb. 4: Die HIV Prävalenz53 in afrikanischen Ländern südlich der Sahara

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Quelle: UNADIS: A Global View Of HIV Infection <http://www.unadis.org> [zugegriffen am 18.05.2003]; eigene Darstellung.

[...]


1 Vgl. Galeano, Eduardo: Die Füße nach oben, Wuppertal, 2000, S. 53 ff.

2 Vgl. Shilts, Randy: AIDS: And The Band Played On, Die Geschichte eines grossen Versagens, München, 1988, S. 12 ff.

3 Vgl. Shilts, Randy: a.a.O., S. 13 f.

4 Eine Pandemie ist eine globale Epidemie; eine weit verbreitete, ganze Länder oder Landstriche erfassende Massenerkrankung.

5 AIDS ist in einigen Teilen der Welt zur größten medizinischen Katastrophe aller Zeiten geworden, vergleichbar mit dem Auftreten der Pest 1349 bis 1351 in Westeuropa, als damals von geschätzten 100 Millionen Einwohnern ungefähr 25 Millionen verstarben. Vgl. Henning, Friedrich-Wilhelm: Das vorindustrielle Deutschland 800 bis 1800, Stuttgart, 2002, S. 124 ff.

6 Vgl. Hooper, Edward: The River. A Journey Back To The Source Of HIV And AIDS, London, 2000.

7 Vgl. Shilts, Randy: a.a.O., S. 783 ff.

8 Vgl. UNADIS: Table Of Country-Specific HIV/AIDS Estimates And Data, End 2001, in: Report On The Global HIV/AIDS Epidemic, Geneva, 2002, S. 190.

9 Die Weltbevölkerung zählt derzeit 6.3 Milliarden Menschen, Jahreswachstum ist 77 Millionen, der größte Zuwachs entfällt auf die Entwicklungsländer. Vgl. Ehrenstein, Claudia: 2050 leben 8,9 Milliarden Menschen auf der Erde, in: Die Zeit, 27.02.2003, Berlin, 2003,

S. 1.

10 In den GUS-Staaten sowie bevölkerungsreichen Staaten Südostasiens nimmt die Zahl der HIV/AIDS Infizierten stark zu, in China hat in den ersten sechs Monaten des vergangenen Jahres die offizielle Zahl der Neuinfizierungen um 67 % zugenommen. In Russland ist die Zahl der AIDS Infizierten Ende 2001 sogar fünfzehn Mal höher als im Jahre 1998. Vgl. Olff, Sabine: 40 Millionen HIV-Infizierte weltweit, Süddeutsche Zeitung, 03.06.2002, München, 2002, S. 6.

11 Vgl. UNADIS: a.a.O., S. 8.

12 Vgl. UNADIS: a.a.O., S. 10.

13 Afrika südlich der Sahara trägt die Last von über 70% der weltweiten Infektionen. Vgl. Kaseje, Dan/ Menberu, Retta/ Ochieng´, Michael/ Oindo, Missie: AIDS - Eine Krankheit der Armut. Soziale Ursachen und Folgen der AIDS Tragödie, in: EPD Entwicklungspolitik, 16/2002 August, Brüssel, 2002, S. 25.

14 Die ursprüngliche Bezeichnungen war unter anderem Gay Related Immunodeficiency Disease, GRID, welche aber als diskriminierend und nicht zutreffend mit dem neutral klingenden Akronym AIDS ersetzt wurde. Die erste der vielen Demütigungen, die die Krankheit noch mit sich tragen muss. Vgl. Shilts, Randy: a.a.O., S. 248.

15 Das Erbgut des HIV besteht aus Ribonukleinsäure, RNS, während das Erbgut der menschlichen Zelle aus Desoxyribonukleinsäure, DNS, aufgebaut ist. Sie unterscheiden sich von anderen RNS-Viren zudem durch ein Eiweiss, die Reverse Transkriptase, das die Viren zu ihrer Vermehrung benötigen. Die Reverse Transkriptase schreibt die Erbinformation der Viren (RNS) so um, dass sie zum menschlichen Genom (DNS) passt. Erst dann kann das Erbgut der Erreger in die Erbinformation der Wirtszelle eingebaut und mit Hilfe der menschlichen Zelle vermehrt werden. Vgl. Hildelbrandt, Helmut (Hrsg.): Pschyrembel Klinisches Wörterbuch, Berlin, 1998, S. 1375.

16 Die Störung des Immunsystems wird durch eine ausgeprägte Verminderung der T4-Helferzellen hervorgerufen; diese helfen normalerweise anderen Akteuren des Immunsystems die Abwehr von Krankheitserregern zu steuern. Je weniger T4-Helferzellen, desto ineffektiver arbeitet das Immunsystem. Bei fortgeschrittener Abwehrschwäche (AIDS) geht der Schutz vor bestimmten Krankheiten schließlich verloren. Vgl. Burger, Artur/ Wachter, Helmut: Hunnius Pharmazeutisches Wörterbuch, Berlin, 1998, S. 220.

17 Frühere Bezeichnungen: Lymphadenopathy Associated Virus (LAV), Human T-cell Lymphotropic Virus type III (HTLV-III) und LAV/HTLV-III. Vgl. Shilts, Randy: a.a.O., S. 792.

18 Vgl. Dressler, Stephan/ Wienold, Matthias: Aids Taschenwörterbuch, Berlin, 1996, S. 61.

19 Vgl. Hooper, Edward: a.a.O., S. 636.

20 Wenn eine Person mit zwei Virusstämmen infiziert wird, vermischt sich deren genetisches Material zu einem neuen Stamm. Vgl. Schoofs, Mark: Woher stammen die gefährlichen Viren?, in: Der Überblick, Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationaler Zusammenarbeit, Hamburg, 2000, S. 29.

21 Vgl. Boss, Norbert: AIDS, in: Boss, Norbert: Roche Lexikon Medizin, München, 1999, S. 23 ff.

22 Candidiasis ist eine durch Pilze der Gattung Candida hervorgerufene Infektion der Haut und Schleimhäute; Karzinom ist eine Krebsgeschwulst. Vgl. Dressler, Stephan/ Wienold, Matthias: a.a.O., S. 22 und S. 78.

23 Opportunistische Infekte enden in der Regel nicht tödlich, infolge eines schwachen oder fehlenden Immunsystems führen sie jedoch zum Tod.

24 Vor etwa 20 Jahren glaubte man, die Tuberkulose sei Dank der neuen Medikamente besiegt. Heute entvölkert die Doppelinfektion Tuberkulose und AIDS zusammen ganze Landstriche und bildet mit Malaria die drei tödlichsten Krankheiten der Welt (siehe Tabelle 1). Vgl. World Health Organisation: We Can Beat AIDS, TB And Malaria, UN Agencies Say, <http://www.who.int/inf/en/pr-2002-29.html> [zugegriffen am 28.05.2003].

25 ELISA bedeutet Enzyme Linked Immonusorbend Assay und ist ein Farbreaktionstest zum Nachweis von Substanzen durch AntigenAntikörper-Reaktion und Enzymreaktion; vgl. Dressler, Stephan/ Wienold, Matthias: a.a.O., S. 38.

26 Es existiert eine Vielzahl von medizinischen Methoden den HIV Virus zu erkennen wie beispielsweise beim Blutbild, oder Blutsenkungsreaktion, Enzymbestimmungen; sogar Schnelltests wie Determine von Abbott sind heute sehr zuverlässig und im Handel frei erhältlich. Vgl. Aries, Philip: Für den kleinen HIV Test zwischendurch? <http://hiv.net/2010/news2003/n0104.htm> [zugegriffen am

22.05.2003].

27 So wird schwangeren HIV Positiven das Azidothymidin, AZT, verabreicht, das den Lebenszyklus des Virus beeinflußt, das erste AIDS bezogene Medikament der Welt, 1987 eingeführt.

28 Solche Aussagen der Pharmakonzerne sind jedoch falsch; sie geben für Marketing doppelt so viel Geld aus wie für Forschungs- und Entwicklungszwecke. Vgl. Schmitz, Charlotte: Gegen den Strom, in: EPD Entwicklungspolitik, 16/2002 August, Brüssel, 2002, S. 40.

29 Diesen Durchschnittspreis bezahlt ein Patient aus den Industrieländern, und dieser Preis wurde vor den Verhandlungen mit der Pharmaindustrie den Entwicklungsländern angeboten.

30 Im Trade Related Aspects of Intellectual Property Rights, TRIPS, Abkommen der WTO wurde 1995 der grenzüberschreitende Schutz des geistigen Eigentums verabschiedet, unter anderen auch für Arzneimittel geltend. Vgl. Anhang.

31 Vgl. Schmitz, Charlotte: a.a.O., S. 39.

32 Im Sommer 2003 möchte der britische Pharmakonzern GlaxoSmithKline die Preise für seine Aids-Medikamente in Entwicklungsländern um bis zu 47 % reduzieren. Damit würden etwa die Kosten für eine Behandlung mit Combivir auf weniger als einen Dollar pro Tag sinken. Das Unternehmen hatte im Sommer 2001 ein Programm für den Zugang armer Länder zu AIDS Medikamenten gestartet; eine Initiative, die eher wegen Aktienkursen und Imagepolitur ins Leben gerufen wurde. Vgl. Glaxo Smith Kline Website, <http://www.gsk.com/index.htm> [zugegriffen am 12.05.2003].

33 Vgl. Seefeld, Katja: Pillen und Patente <http://www.heise.de/tp/deutsch/special/copy/11955/1.html> [zugegriffen am 12.05.2003].

34 Vgl. Schmitz, Charlotte: a.a.O., S. 39 ff.

35 Vgl. Schmitz, Charlotte: a.a.O., S. 40.

36 Vgl. Grill, Bartholomäus: Wer nicht zahlen kann, stirbt, in: Die Zeit, Nr. 51, Hamburg, 2000, S. 16.

37 Das Medical Control Amendment Act No. 90 wurde unter Regierung Mandela entworfen und abgezeichnet.

38 Vgl. Grill, Bartholomäus: a.a.O..

39 Vgl. Hooper, Edward: a.a.O., S.170 ff.

40 Eine internationale Forschergruppe analysierte das Erbgut verschiedener afrikanischer Affenviren und entdeckte dass sich die Schimpansenversion des AIDS Virus, SIV, aus zwei anderen Affenviren zusammengefügt und zu einem neuen Virus kombiniert hat: mit Viren der Halsbandmangabe und Viren der Großen Weißnasenmeerkatze. Beide Affenarten werden von Schimpansen gejagt und gefressen. Das neue Virus breitete sich in der Folge in zwei Schimpansenunterarten aus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts übersprang es dann noch einmal die Artengrenze und mutierte im Menschen zu HIV. Viren sind oft auf eine Art spezialisiert und zunächst harmlos. Nach einem Wirtswechsel können sie gefährlich werden. Vgl. Bailes, Elizabeth et all: Hybrid Origin Of SIV In Chimpanzees, in: Science 2003, Bd. 300, Washington, 2000, S.1713.

41 Vgl. Benn, Christoph: Der Einfluss von Weltanschauung und Kultur auf die HIV/AIDS Pandemie, in: EPD Entwicklungspolitik, 16/2002 August, Brüssel, 2002, S. 22.

42 Vgl. Hooper, Edward: a.a.O., S. 763.

43 Vgl. Hooper, Edward: a.a.O., S. 32 ff.

44 Vgl. Lamptey, Peter et all: Facing The HIV/AIDS Pandemic, in: Population Bulletin, Vol. 57, No.3, September 2002, Washington, 2002, S. 21.

45 Vgl. Panos Institute: Panos Dossier: The 3rd Epidemic. Repercussion Of The Fear Of Aids, London, 1990, S. 79 ff.

46 Vgl. Schoofs, Mark: Die neue Plage Afrikas, in: Der Überblick, Zeitschrift für ökumenische Begegnung und internationaler Zusammenarbeit, Hamburg, 2000, S. 6.

47 Vgl. Lamptey, Peter et all: a.a.O., S. 26.

48 Vgl. Kaseje, Dan/ Menberu, Retta/ Ochieng´, Michael/ Oindo, Missie: a.a.O., S. 27.

49 Vgl. UNAIDS: a.a.O., S. 15.

50 Vgl. Sleap, Bridget: Widows and AIDS: Redefinitions and Challenges, Panos AIDS Programme, London, 2001.

51 Vgl. Lamptey, Peter et all: a.a.O., S. 5.

52 Vgl. Schoofs, Mark: a.a.O., S. 7.

53 Eine Prävalenz ist die Gesamtheit aller gegenwärtig lebenden mit HIV infizierten Personen.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Die Entwicklung der AIDS Problematik
Hochschule
Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule Aachen  (Geographisches Institut)
Veranstaltung
Entwicklungszusammenarbeit
Note
1,0
Autor
Jahr
2003
Seiten
39
Katalognummer
V18827
ISBN (eBook)
9783638230902
ISBN (Buch)
9783640868551
Dateigröße
1112 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entwicklung, AIDS, Problematik, Entwicklungszusammenarbeit
Arbeit zitieren
Robert Mihelli (Autor), 2003, Die Entwicklung der AIDS Problematik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18827

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