Die Realität des Reality-TV am Beispiel der Familienserie "Die Fussbroichs"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2007
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die geschichtliche Entwicklung des Reality-TV in Deutschland

3 Definition des Reality-TV

4 Merkmale des Genre Reality-TV
4.1 Nicht Prominente
4.2 Personalisierung
4.3 Emotionalisierung
4.4 Intimisierung
4.5 Stereotypisierung
4.6 Dramatisierung
4.7 Live-Charakter
4.8 Mischung Fiktion-Realität
4.9 Information und Unterhaltung
4.10 Authentizität und Inszenierung

5 Subgenre Real Life Soaps

6 Die Fussbroichs

7 Der Stil: Direct Cinema

8 Fiktion und Non-Fiktion

9 Spannungsverhältnis Fiktion und Non-Fiktion

10 Schlussbemerkung

11 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Reality-TV ist gekennzeichnet durch die Vermischung von fiktionalen und non-fiktionalen Elementen. Die Grenze zwischen Authentizität und Inszenierung ist fließend. Privates und Intimes wird emotionalisiert und der Öffentlichkeit präsentiert. „Das seit den fünfziger Jahren etablierte Fenster zur Welt wandelt sich in einer Vielzahl von Reality-Soaps zum Fenster in das Privatleben“[1]. Inwieweit das gezeigte Privatleben als authentisch bezeichnet werden kann, soll hier anhand der Familienserie „Die Fussbroichs“ untersucht werden. Die Serie über die „kölsche“ Familie um Fred, Annemie und Frank und ihre Konsumgewohnheiten hat nicht nur im Rheinland Kultstatus errungen. 2006 gab es sogar Gerüchte um ein Comeback der Familie.

Zunächst werde ich einen kurzen Abriss über die Entwicklung des Reality-TV in Deutschland geben. Anschließend gilt es mit Hilfe von wissenschaftlichen Untersuchungen die Einteilung der verschiedenen Varianten aufzuzeigen. Welche Formen des Reality-TV gibt es und worin lassen sich „Die Fussbroichs“ einordnen? Was machen diese Formen aus und welche Gemeinsamkeiten haben sie?

Abschließend werde ich näher auf Fiktionalität und Non-Fiktionalität eingehen. Inwieweit sind Formate des Reality-TV fiktional? Wie sieht die Realität des Reality-TV aus? Was macht das Spannungsverhältnis aus und wie kommt es bei „Die Fussbroichs“ zum tragen?

2 Die geschichtliche Entwicklung des Reality-TV in Deutschland

Mit „Aktenzeichen XY… ungelöst“ erhält die erste Reality-TV-Sendung in Deutschland Einzug.[2] Seit dem 20. Oktober 1967 ist die Sendung fester Bestandteil des ZDF-Programms. Eduard Zimmermann moderiert nachgestellte Kriminaldelikte und regt die Zuschauer zur Mithilfe an.[3] Ab der Sendung vom 6. November 1987 bis zur Sendung vom 7. Dezember 2001 ist seine Adoptivtochter Sabine Zimmermann Co-Moderatorin, ab Oktober 1997 moderiert Dr. Butz Peters, seit Januar 2002 Rudi Cerne.[4] Der „Polizeireport Deutschland“ auf Tele5, der von Januar 1992 bis zum Aus des Senders im Januar 1993 zu sehen war, wurde als erste Sendung dem Genre Reality-TV zugeordnet bzw. als solche angekündigt. Begangene Straftaten wurden nachgestellt und sollten durch die Darstellung von Präventionsmaßnahmen das Sicherheitsgefühl der Zuschauer erhöhen. In der Folge entstehen Sendungen wie 1992 „Schuldig“ (Straftäter stellen sich vor die Kamera, Tele5), „Notruf“ (nachgestellte Geschichten von Menschen, die andere aus lebensgefährlichen Situationen gerettet haben, RTL), „Auf Leben und Tod“ (von Polizisten kommentierte nachgestellte Einsätze, RTL) mit dem amerikanischen Vorbild der „Top Cops“, „Augenzeugen-Video“ (Originalaufnahmen von Unfällen, Katastrophen und Verbrechen von Amateur-Filmern zusammen mit Augenzeugenberichten, RTL). Im Dezember 1992 erscheint auf SAT.1 mit „Bitte melde Dich“ eine neue Variante. Die Schicksale von vermissten Menschen werden rekonstruiert und mit der Bitte von Freunden und Familienangehörigen, sich zu melden, kombiniert.[5] In der Folge entstehen neue Varianten und Entwicklungen des Genres wie z.B. „Verzeih mir“ (RTL, 1992-1994), „Nur die Liebe zählt“ (RTL 1993-1994, seitdem SAT.1), „Herzblatt“ (ARD, seit 1988), „Die dümmsten Verbrecher/Autofahrer/Angestellten/... der Welt“ (RTLII, seit 1999), „Geld für dein Leben!“ (TM3, 2000), sowie zahlreiche Gerichts-Shows. Ebenfalls bildeten sich sogenannte Docu-Soaps wie „OP. Schicksale im Klinikum“ (ZDF, 1998), „Frauentausch“ (RTLII, seit 2003), „We are family“ (ProSieben, seit 2005) und nicht zuletzt Reality-Soaps mit der ersten Big Brother-Staffel im Jahr 2000 aus. Hinzu kommen noch Game-Shows wie „Ich heirate den Millionär“ auf RTL und die SAT.1-Variante „Wer heiratet den Millionär?“, beide von 2000 und Casting-Shows wie„Popstar“ (RTLII, erste Staffel 2000) oder „Germany’s next Topmodel“ (ProSieben, erste Staffel 2006).[6]

3 Definition des Reality-TV

Die erste umfangreiche wissenschaftliche Publikation in Deutschland zum Thema Reality-TV stammt von Claudia Wegener aus dem Jahr 1994. Sie erarbeitet eine enge Definition des Genres und beschreibt anschließend „einige gemeinsame Charakteristika wie Emotionalisierung, Personalisierung, Dramatisierung / Darstellung von Gewalt und Stereotypisierung und führt eine Inhaltsanalyse der Sendungen „Retter“, „Notruf“ und „Augenzeugen-Video“ durch“[7]. Wegener lässt durch ihre Einteilung Reality-Shows wie „Bitte melde Dich“ außen vor. Reality-TV umfasst Sendungen, in denen Ereignisse, die negativ oder gewaltzentriert vom Alltag abweichen, von einem Moderator präsentiert werden. Der Protagonist kann als Opfer oder als Helfer auftreten. Hans J. Wulff betont, dass der Grund für eine Erzählung einer Geschichte die Moral ist. Die Geschichte wird erzählt, um anderen etwas beizubringen. Für die Geschichten des Reality-TV ergibt sich für ihn die Notwendigkeit, „die Gefährdetheit der alltäglichen Normalität angemessen und eindringlich zum Thema zu machen“[8]. Schema des Reality-TV ist die Vorbereitungsphase, in der „normaler Alltag“ vorgestellt wird, dann folgt die Katastrophe und anschließend die Rettung.[9]

Eine andere Untersuchung im gleichen Jahr von Winterhoff-Spurks, Heidinger und Schwab geht davon aus, dass Reality-TV ein neues Genre darstellt, das folgende Unterkategorien aufweist:

- kriminelles Verhalten (z.B. „Aktenzeichen XY… ungelöst“)
- Unglücksfälle (z.B. „Notruf“)
- Nicht-kriminelles deviantes Verhalten (z.B. „Bitte melde Dich“)

Sendungen wie „Nur die Liebe zählt“ werden hier nicht mehr außen vorgelassen, der Genrebegriff erfährt im Vergleich zu Wegener eine Ausdehnung.

Eine neue Perspektive zeigt Angela Keppler 1994 auf, indem sie zwischen narrativem und performativen Realitätsfernsehen unterscheidet. Bei der narrativen Darstellungsform werden den Zuschauern authentische Katastrophen oder deren Inszenierungen präsentiert. Die performativen Realitätssendungen hingegen erhalten ihren Realitäts-Charakter dadurch, dass sie in mehr oder weniger erheblichem Maße in das persönliche Leben ihrer Kandidaten eingreifen und es dauerhaft verändern.[10]

Durch das Aufkommen neuer Sendungen erfolgen weitere Kategorisierungen. Während anfangs die gewaltzentrierten Varianten dominierten, werden die Themen mit der Zeit immer mehr der Lebenswelt der Zuschauer entnommen. Stephanie Lücke teilt 2001 das Genre Reality-TV in acht Subgenres auf. Sie wendet ihre Einteilung auf Keppler an und unterscheidet zwischen narrativem und performativem Reality-TV. Zu narrativem Reality-TV zählen gewaltzentriertes Reality-TV (z.B. „Notruf“, RTL) und Real Life Comedy (z.B. „Die dümmsten Verbrecher der Welt“, RTLII). Im Bereich des performativen Reality-TV siedelt sie das Gerichts-TV (z.B. Richterin Barbara Salesch“, SAT.1), Beziehungsshows (z.B. „Nur die Liebe zählt“, zunächst RTL – danach SAT.1), Beziehungs-Game-Shows (z.B. „Herzblatt“, ARD), Daily Talks (z.B. „Arabella“, ProSieben, Problemlösesendungen (z.B. „Wie bitte!?“, RTL) und Real Life Soaps (z.B. „Abnehmen in Essen“, ARTE und WDR; „Big Brother“,RTLII ) an. Diese Subgenres besitzen Elemente aus verwandten Gattungen wie Talkshow, Game Show, Dokumentation, Fernseh-Show, Soap Opera und Comedy. Lücke stellt heraus, dass es sich bei vielen Sendungen um Hybride handelt:

[...]


[1] Bleicher, Joan Kristin: Die Dramatisierung der Privatheit in neuen Sendungskonzepten. S. 51.

[2] Ursprungsland des Reality-TV sind die USA. Entstanden ist das neue Format durch den Konkurrenzdruck der Sender, die auch die Nachrichtenformate profitabler machen mussten. Dies führte zu einer Emotionalisierung der Nachrichten und es entstanden die „Action-News“ oder „Eyewitness“-Formate (z.B. „Top Cops“ oder „America’s Most Wanted“). Die Produktionskosten waren gering, da die Sender mit Polizei und Feuerwehr zusammenarbeiteten und das Material zum Großteil durch Amateur-Reporter bezogen. Die deutschen Produzenten haben sich die amerikanischen Formate zum Vorbild genommen.

[3] Vgl. Lücke, Stephanie: Real life soaps. S. 27f. und Wegener, Claudia: Reality-TV. S. 20f.

Claudia Wegener bezeichnet die Präsentation des Konzepts allerdings als bieder im Vergleich zu heutigen Formaten, für was sie allerdings auch das Alter der Sendung verantwortlich macht.

[4] Vgl. http://www.zdf.de/ZDFde/inhalt/3/0,1872,2022147,00.html 30.05.2007

[5] Vgl. Lücke, Stephanie. Real life soaps. S. 28-30. und Wegener, Claudia: Reality-TV. S. 21-24.

[6] Das Genre entwickelt sich ständig weiter und greift ständig neue Aspekte auf. Die rasante Entwicklung in immer neuen Facetten lässt hier nur die Nennung von Beispielen zu.

[7] Lücke, Stephanie: Real Life Soaps. S. 34.

[8] Wulff, Hans J.: Reality-TV. S. 107.

[9] Vgl. Ebd. S. 107-109.

[10] vgl. Keppler, Angela: Wirklicher als die Wirklichkeit? S. 8 f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Realität des Reality-TV am Beispiel der Familienserie "Die Fussbroichs"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Theater-, Film- und Fernsehwissenschaft)
Veranstaltung
Deutsche TV-Serien im internationalen Vergleich
Note
1,7
Autor
Jahr
2007
Seiten
16
Katalognummer
V188324
ISBN (eBook)
9783656119289
ISBN (Buch)
9783656119654
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Reality TV, Die Fussbroichs, Real life, authentizität, inszenierung
Arbeit zitieren
Christina Frei (Autor), 2007, Die Realität des Reality-TV am Beispiel der Familienserie "Die Fussbroichs", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188324

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