Dialoge mit dem Dämon

Historische Krankheit, Wiederkunft und Gefühl bei Friedrich Nietzsche


Magisterarbeit, 2010

85 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Bibliographischer Hinweis

Einleitung

1. Zu Nietzsches Auffassung der Geschichtsschreibung
1.1 Monumentale und überhistorische Auffassungen
1.2 Antiquarische und kritische Historie
1.3 Natur der Problematik

2. Vergangenheit und Wiederkunft
2.1 Die Vergangenheitsfrage in und vor Zarathustra
2.2 Genesung und Genesis des Zarathustra
2.3 Zeit und Existenz: Zarathustras Gesicht und Rätsel
2.4 Augenblick und Wiederkehr

3. Präsenz und Leib
3.1 Moralkritik und Sprachauffassung in der Lebensphilosophie
3.2 Die große Sehnsucht

Fazit

Literaturverzeichnis

Bibliographischer Hinweis

Im Folgenden werden die Schriften Nietzsches nach den Sämtlichen Werken zitiert: Friedrich Nietzsche, Sämtliche Werke, Kritische Studienausgabe (KSA) in 15 Bänden, herausgegeben von Giorgio Colli und Mazzino Montinari, Walter de Gruyter, Berlin/New York, 1988, 11. Auflage

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Einleitung

Absicht der vorliegenden Arbeit ist es, einen roten Faden innerhalb des komplexen und vor allem unsystematischen Denkens Friedrich Nietzsches zu finden. Sowohl die Auswahl der Texte als auch die Gliederung der Arbeit wurden aufgrund des unsystematischen Charakters des gesamten Werks Nietzsches thematisch bestimmt.

Die Lehre der ewigen Wiederkehr stellte sich als zentraler Punkt dieser Überlegungen dar. Diese Richtung zu verfolgen, hat sich als eine sinnvolle Entscheidung erwiesen, indem sie es ermöglicht hat, die philosophischen Folgen der Intuition der ewigen Wiederkunft anhand ihrer Ursprünge im frühen Werk zu interpretieren. Die Arbeit basiert methodologisch auf einer genealogischen Untersuchung, die von der Frage um Vergangenheit, Historie und Zeit ausgeht. Der Leitfaden der Fragen über die Zeit verweist zwar nur auf einen besonderen Aspekt der Philosophie Nietzsches, aber reduziert diese gleichzeitig nicht auf eine simple Betrachtung über die Natur der Zeit. Vielmehr erscheint die Überlegung über die Zeit als eine der besten Gelegenheiten, um die Besonderheiten des Werks Nietzsches zu betrachten.

Das erste Kapitel beschäftigt sich mit der Problematik der Historie. Als primäre Quelle bot sich die zweite der Unzeitgemäßen Betrachtungen an, weil sich in dieser frühen Schrift die Entstehung der Fragestellung um die Zeitlichkeit befindet. In Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben,1 setzt sich Nietzsche mit der Thematik der Vergangenheit und der Vergänglichkeit zum ersten Mal in seinem philosophischen Werk deutlich auseinander. Hauptsächlich gilt diese Schrift als eine Betrachtung über die Wahrnehmung der Vergangenheit und die Geschichtsschreibung, die scheinbar nur innerhalb einer Diskussion um die Rolle der Historie im Leben des Individuums zu verstehen ist. In Wirklichkeit drängen bereits in diesem kleinem Werk die Fragen eines gequälten Geistes zutage, der sich die Frage um die Natur der Vergangenheit angesichts seiner existentiellen Lage stellt. Die vorliegende Arbeit verzichtet von vornherein darauf, biographisch vorzugehen. Man muss zwar vorwegnehmen, dass die Lebensgeschichte Nietzsches stets als attraktiver Zugang zu einer Interpretation seiner Schriften erscheint, aber sie bietet nur schwerlich die Möglichkeit an, die Botschaft der Texte einzusehen. Die Arbeit bezieht sich selten auf biographische Informationen, die nur als zusätzliche Bestätigung unserer Lektüre der Texte gelten sollen. Immerhin muss man den engen Zusammenhang von Biographie und Philosophie im Fall Nietzsches beachten, weil seine Erlebnisse im Laufe der Verfassung seines Werks immer mehr ans Licht rücken.

Nach der Zweiten Unzeitgemäßen musste Nietzsche den methodologischen Ansatz der Geschichtsschreibung verlassen und sich mit den philosophischen Problemen beschäftigen, die in der Betrachtung auftauchten. Die Entwicklung der drei Historienarten der Unzeitgemäßen Betrachtung gilt somit nicht als ein selbstständiger Theorienentwurf über die Methodologie der Geschichte. Man muss vielmehr die Gestaltung der drei Historienarten in einem umfassenderen Zusammenhang situieren: Die Betrachtung erweist sich in dieser Hinsicht als eine Antwort auf die Frage um das Wiederkehren des ‚Bösen’, des ‚Schlechten’, des ‚Kleinen’ in der individuellen Existenz.

In der Schrift über die Historie tauchen somit auch wichtige Leitmotive der späteren Werke Nietzsches auf. Während des Aufbaus der drei Historienarten bildet sich in der Form der Opposition zwischen monumentaler und antiquarischer Historie die Dichotomie stark-schwach, die später den Anfang der Genealogie der Moral darstellen wird. Auch ein Versuch der Überwindung dieses Schemas durch die kritische Historie ist bereits in der Betrachtung präsent. Dieser Versuch zeigt den Willen Nietzsches, eine philosophische Antwort auf das dichotomische Denken anzubieten, und erinnert damit unmittelbar an die Lehre des Übermenschen aus dem Zarathustra. In diesem Sinn bedeutet der Entwurf der kritischen Historie zwar keine Vorwegnahme des Übermenschen, doch eine notwendige Voraussetzung für seine Schöpfung im späteren Werk.

Aus dieser Perspektive widme ich mich dann im zweiten Kapitel einer Rekonstruktionsarbeit, die den Anspruch hat, die Frage nach der Wiederkehr aus der Betrachtung mit den späteren Schriften in Verbindung zu setzen. Aufgrund des Umfangs des gesamten Werks Nietzsches hat sich der genealogische Ansatz für diese Aufgabe als sehr hilfreich erwiesen. Einige fundamentale Passagen der Fröhlichen Wissenschaft 2 erlauben es, eine Brücke zwischen dem Werk der siebziger Jahre und der reiferen Zarathustra-Phase zu schlagen. Dies hat gezeigt, dass die philosophische Arbeit Nietzsches am Rätsel der ewigen Wiederkunft eine Zeitspanne von etwa zehn Jahren dauerte (1874 - 1884) und, noch wichtiger, dass er erst durch die Betrachtung der Frage der Wiederkunft die Philosophie des Übermenschen entwerfen konnte. Im Verlauf der Untersuchung war es möglich, viele fundamentale Merkmale dieses Denkens auf die primäre Frage nach der ewigen Wiederkehr aller Dinge zurückzuführen. Die Sprachauffassung, die Kritik an der Moral und der Entwurf eines nicht-linearen Zeitmodells finden somit einen gemeinsamen Ursprung in der Wiederkehrfrage. Insbesondere die Analyse der Kapitel Der Genesende und Gesicht und Räthsel aus Also sprach Zarathustra 3 repräsentiert den Kernpunkt dieser Untersuchung. Diese klassischen Passagen stellen mittels des Gleichnisses der Lebensgeschichte Zarathustras die Bedeutung von Nietzsches Kritik am Subjekt, an der Sprache und an der Moral au der Perspektive einer Philosophie der Gegenwart dar. Hauptpunkt unserer Interpretation ist, dass die Schöpfung Zarathustras nichts anderes als eine Einladung zu einer Philosophie des Augenblicks und somit des Leibes ist.

Die Relevanz des Augenblicks als Spitze der gesamten philosophischen Operation Nietzsches zeigt sich hauptsächlich in einer Konzeption des Menschen, der primär als schöpferisches Wesen verstanden wird. Der Augenblick gilt als allerletzte Grundlage der menschlichen Wahrnehmung, als Anfang jeder Erkenntnis und Wissenschaft und zuletzt als Schlüssel unseres Verhältnisses zum Schicksal (zur Vergänglichkeit). Nur im Augenblick erlebt der Mensch die große Freiheit seines Daseins. Die im Augenblick gefundene Liebe zur Notwendigkeit - Amor fati - beeindruckt den Leser noch heute sowohl durch die Kraft ihrer literarischen Schönheit als auch durch die berührende Botschaft ihrer Philosophie. Die Befreiung des Menschen von der Last seiner eigenen Geschichte geschieht, beim reiferen Nietzsche, nicht durch eine Abschaffung der Notwendigkeit der Ereignisse seiner Vergangenheit, sondern durch das Akzeptieren jedes vergangenen und künftigen Ereignisses in der Perspektive der ewigen Wiederkehr. In diesem Sinn sind die folgenden Worte aus Ecce Homo eine prägnante Einführung in die vorliegende Interpretation der Philosophie des Augenblicks:

Meine Formel für die Grösse am Menschen ist amor fati: dass man Nichts anders haben will, vorwärts nicht, rückwärts nicht, in alle Ewigkeit nicht. Das Nothwendige nicht bloss ertragen, noch weniger verhehlen - aller Idealismus ist Verlogenheit vor dem Nothwendigen -, sondern es lieben...4

Diese Passage, die der letzten produktiven Phase Nietzsches angehört (1888), präsentiert das Positive seiner Philosophie, welches meine Arbeit hervorheben möchte. Als Pendant zum »Leiden am Menschen«5 repräsentiert die Idee der Liebe zum Schicksal die extreme Bemühung Nietzsches, einen Sinn im Menschsein zu gestalten. Die Wege Zarathustras aus und zu der Menge spiegeln dieses Streben von ihm wieder, eine Antwort auf seine existentielle Frage und einen Platz unter den Menschen zu finden. Die Anziehungskraft ]seiner Schriften liegt gerade in der kontinuierlichen Spannung zwischen Hass und Liebe zum Menschen. Daher lässt sich das Denken Nietzsches schwerlich durch Kategorien unterteilen, auch weil der Gebrauch der Begriffe nur selten einer systematischen Ordnung entspricht: Die Zeitauffassung ist wie die Moral- und Sprachkritik Teil einer zirkulären Bewegung, die immer wieder zurück zum Menschen bzw. zum Leser wiederkehrt. Diese Zirkularität bestimmt also nicht nur eine Theorie zu Entstehung und Natur der Zeit, sondern spiegelt sich im praktischen Vorhaben der ganzen Philosophie Nietzsches. Dies zeigt letztlich, dass die Grundabsicht dieser Schriften eine pädagogische ist.

Der Zirkularitätscharakter seiner Philosophie besteht grundsätzlich im Verzicht auf einen demonstrativen bzw. ostensiven Stil. Nietzsche zeigt in seinen Schriften sehr wenig. Er lädt vielmehr den Leser ständig in eine endlose Diskussion ein, die im Grunde nur eine Auseinandersetzung mit dem eigenen Selbst im Visier hat.

Aus diesen Gründen habe ich das dritte Kapitel dem leiblichen Aspekt der Philosophie Nietzsches gewidmet. Die Verwandlung seines Stils parallel zur Entdeckung der Weisheit des Augenblicks hat den letzten Teil der vorliegenden Untersuchung bestimmt. Durch den Begriff der „Präsenz“ ist es möglich gewesen, einen Interpretationsansatz zu entwerfen, der einen Zugang zu den Texten Nietzsches als Metapher des Leiblichen ermöglicht. Das enge Verhältnis von sprachlicher und leiblicher Erfahrung schafft bei Nietzsche nicht nur ein symbolisches Szenario, sondern prägt auch einen durchaus neuen Gebrauch der Sprache. Die „Entdeckungen“ des frühen Werkes Nietzsches bezüglich der Natur der Zeit, der Sprache und der Moral werden von Nietzsche selbst im späteren Werk als Ergebnisse der Augenblickserfahrung reinterpretiert. In diesem Sinn gelten die Erfahrung des Augenblicks und die Philosophie der ewigen Wiederkehr als Fundament einer Rationalität des Leibes. Das Anliegen der späteren Schriften scheint darin zu bestehen, die deduktive Rationalitätsart der reinen Vernunft durch eine leibfundierte Rationalitätsart zu ergänzen, weil es sich bei Nietzsche nicht um eine bloße Abschaffung der reinen Vernunft handelt. Seine Philosophie erweist sich nicht als irrational, sondern als eine Erweiterung des philosophischen Horizonts durch die sprachliche Offenbarung des Leibes. Eine solche Philosophie will durch ihre Metaphern und Gleichnisse die emotionale Sphäre der Person umfassen und sie zum Ausdruck zu bringen. Als repräsentatives Merkmal dieser Philosophie wurde zum Schluss dieser Arbeit die „große Sehnsucht“ gewählt. Diese gilt im Zarathustra als ein besonderer Leibzustand, der eine aktive Reflektion über das eigene Selbst darstellt. Die große Sehnsucht Zarathustras (wie die „große Gesundheit“ der Fröhlichen Wissenschaft) bedeutet das Erreichen der Gegenwart des Leibes. Sie ist der Standpunkt, von dem der Mensch auf sein eigenes Potential blicken darf, und ihre Betrachtung gilt als primäres Ziel dieser Untersuchung.

Was draußen ist, wir wissen aus des Tiers Antlitz allein; denn schon das frühe Kind Wenden wir um und zwingens, daß es rückwärts Gestaltung sehe, nicht das Offene, das

im Tiergesicht so tief ist. Frei von Tod.

R. M. Rilke, VIII Duineser Elegie

1. Zu Nietzsches Auffassung der Geschichtsschreibung

In Bekenntnis am Grabe Nietzsches 6 beleuchtet Peter Gast ein zentrales Merkmal des Lebens seines Freundes Friedrich. Im Moment der höchsten Trauer und Erinnerung an den Verlorenen fühlt sich Gast dazu verpflichtet, ein Leitmotiv des Daseins Nietzsches zu betonen, das dabei helfen soll, sowohl die Bedeutung des Werkes als auch die Lebensgeschichte Nietzsches zu verstehen.

Gast beschreibt das Leben von Friedrich Nietzsche als eine »ungeheure Odyssee«:7 ungeheuer, weil ihm eine triumphale Rückkehr in die Heimat versagt war. Ohne Ruhe war Nietzsche durch das Europa des späten 19. Jahrhunderts gewandert und niemals konnte sein Geist eine dauerhafte Gesundheit erleben. Er war von einem obskuren Leiden verfolgt, das eine vielfältige Symptomatik verursachte und ihm viel zu denken gab. Es war, wie er selber schrieb, ein »Leiden am Menschen«, ein nicht besser definiertes Unbehagen gegenüber seinen Mitmenschen und letztendlich gegenüber sich selber. Jene Idee des »Leidens am Menschen«, die 1885 in der Genealogie der Moral auftaucht,8 war tief im Denken Nietzsches verwurzelt und hatte eine besondere Relevanz in seinen Gedanken zur Problematik der Historie. Schon in der Genealogie kann eine Ursache dieses Leidens in jenem Irrtum, jenem gefährlichen Vorurteil des modernen Menschen individuiert werden, sich als Sinn und Spitze der Geschichte zu verstehen.

Eine entwickelte Auffassung und Kritik dieses Gedankens befindet sich bereits in der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung, Vom Nutzen und Nachteil der Historie für das Leben. Wenn auch nicht klar ausgesprochen, geht es in dieser Schrift darum, das programmatische Resultat des hegelschen Erbes einstürzen zu lassen. Nietzsche wendet sich gegen den Anspruch des Denkens Hegels, das Ende der Philosophie zu repräsentieren. Mit der Zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung stellt Nietzsche die Konzeption der Vergangenheit des deutschen Idealismus drastisch in Frage.9

Es ist wichtig, sofort darauf hinzuweisen, dass der Ansatz Nietzsches (hier wie auch in den späteren Schriften) psychologischer Natur ist.10 Im Zentrum der Betrachtung stehen Begriffe wie Lebenskraft, Individuum und Inneres, deren Bedeutung vielschichtig sind, aber im philosophischen Diskurs immer wieder für die Interpretation des Subjekts als wissensstiftende Instanz herangezogen werden. In der Betrachtung ist oft davon die Rede, dass sich die Gesundheit als gute Entfaltung der Lebenskräfte »gleichermaassen« bei Einzelnen, Völkern sowie Kulturen zeigt.11 Für Nietzsche ist also gleichgültig, von welcher Ebene der geschichtlichen Realität man sich die zu betrachtenden Beispiele aussucht - das Lebendige gilt als überhistorischer12 Wert sowie als einziges Orientierungskriterium der Schrift und somit als Leitmotiv des Gedankengangs. Und es ist genau diese starke und bisweilen schwer zu folgende Variation der Blickpunkte auf den Prozess der Geschichtsschreibung, der es Nietzsche letztendlich erlaubt, Vorurteile über den Wert und die Funktion der Historie sichtbar zu machen.

Um den Weg zur Enthüllung dieser Vorurteile nachzuvollziehen und sie innerhalb Nietzsches Auffassung der Geschichtsschreibung zu situieren, bietet es sich an, eine Zusammenfassung der drei Arten von Historie zu verfassen, die er sie in der Zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung darstellt.

1.1 Monumentale und überhistorische Auffassungen

Die erste Skizzierung der drei Arten von Historie befindet sich im zweiten Kapitel der Betrachtung, in dem die drei Typen des Verhältnisses der Historie zum Leben dargestellt werden:

In dreierlei Hinsicht gehört die Historie dem Lebendigen: sie gehört ihm als dem Thätigen und Strebenden, ihm als dem Bewahrenden und Verehrenden, ihm als dem Leidenden und der Befreiung Bedürftigen. Dieser Dreiheit von Beziehungen entspricht eine Dreiheit von Arten der Historie: sofern es erlaubt ist eine monumentalische, eine antiquarische und eine kritische Art der Historie zu unterscheiden13.

Schon hier kann man erste Züge einer Struktur erkennen. Die ersten beiden Arten der Historie (monumentalische und antiquarische) setzen eine feste Position des Denkens voraus, während man in der dritten Art eine gewisse Dynamik erkennen kann. Sind nämlich monumentalische und antiquarische Historiker Vertreter eines kaum beweglichen Standpunkts gegenüber dem geschichtlich Wirklichen, geht es erst in der kritischen Variante von Historie darum, durch die Infragestellung der historischen Facta eine Ordnung innerhalb der Geschichte als zur Gesundheit führendes Gleichgewicht zu schaffen. Während also bei den ersten beiden Konzeptionen das historische Faktum undiskutiert bleibt und sich das betrachtende Subjekt für eine Position entscheiden muss (entweder ‚initiativ gegenüber Vorbildern’ oder ‚rein treu und passiv vor dem Geschichtlichen’), zeigt die kritische Art die Absicht, historische Tatsachen ‚vor Gericht’ zu bringen.

Jede dieser Arten von Geschichtsschreibung entsteht vor gewissen Hintergründen und Bedürfnissen. Die monumentale Historie versteht Nietzsche als einen strategischen Versuch, »die Abwechselungen des Glückes standhaft zu ertragen«.14 Gegenüber den Schwierigkeiten des Lebens ersinnt der tätige Mensch eine Geschichte, die ihn an seine Ziele und Hoffnungen erinnert, welche ihn zum Handeln auffordert.

Eine wichtige Aufgabe der Geschichtsschreibung scheint demnach die Steuerung von menschlichen Energien bzw. Lebenskräften zu sein. In diesem Sinne bezeichnet das Wort „Mächtiger“ eine Figur, die sich durch Gestaltungskraft auszeichnet und nicht nur durch Ausübung von körperlicher oder politischer Macht charakterisiert ist. Die Kategorie Macht bedeutet hier prinzipiell jene psychologische Veranlagung, sich durchzusetzen bzw. sich im Verhältnis zum Geschichtlichen zu exponieren. Es handelt sich um einen Typus, eine Modalität der Wechselbeziehung zwischen historischen Inhalten und dem in der Gegenwart lebenden Subjekt: der Tätige wendet seine Energien an, um den unbefriedigenden Naturzustand zu überwinden.

Sein Ziel [...] ist irgend ein Glück, vielleicht nicht sein eigenes, oft das eines Volkes oder das der Menschheit insgesamt; er flieht vor der Resignation zurück und gebraucht die Geschichte als Mittel gegen die Resignation.15

Erst durch diese Darstellung des Mächtigen wird es möglich, sein Gegenstück zu umreißen. Vor dem Mächtigen befinden sich der Reichtum der Resignation der Ohnmächtigen. Durch die gewonnene Distanz zur trägen und passiven Veranlagung16 gelingt es dem Mächtigen, der Resignation entgegenzutreten und sie zu überwinden.

In dieser Schilderung der monumentalen Historie kann man das Muster der Genealogie der Moral wiedererkennen: Man kann die Opposition von monumentaler und antiquarischer Historie ohne weiteres als Prototyp der später entwickelten Dichotomie stark-schwach auslegen.17 Die Müßiggänger, welche den Ekel des Tätigen verursachen, konstituieren das Szenario, in dem sich der monumentale Geschichtsschreiber bewegen muss. Sie spielen gewissermaßen die Rolle eines passiven Widerstandfaktors für die Entfaltung der Lebenskraft.

Das Vorhaben jeder monumentalen Historie ist also so konzipiert, dass das Vorbildliche der Vergangenheit theoretisch ewig vorhanden sein kann, um eine einzige, permanente und zuverlässige Denkrichtung für die Erziehung der neuen Generationen zu prägen.

Dass die grossen Momente im Kampfe der Einzelnen eine Kette bilden, dass in ihnen ein Höhenzug der Menschheit durch Jahrtausende hin sich verbinde, dass für mich das Höchste eines solchen längst vergangenen Momentes noch lebendig, hell und gross sei - das ist der Grundgedanke im Glauben an die Humanität, der sich in der Forderung einer monumentalischen Historie ausspricht.18

Das Streben nach der Erzeugung des Monumentalen findet seinen Ursprung in einem Humanismus, in einem »Glauben an die Humanität«, der aber nicht vom ganzen Menschheit aufgrund von Machtdynamiken akzeptiert werden kann. Der Großteil der Menschen weicht diesem Weg zur Unsterblichkeit aus, den nur die Großen einschlagen. Selbst die Großen müssen sich mit dem allgemeinen Naturzustand konfrontieren, der sie zwingt, sich dem Werk der Schöpfung zu widmen, indem sie als »geängstigte und kurzlebende Thiere, die immer wieder zu denselben Nöthen auftauchen und mit Mühe eine geringe Zeit das Verderben von sich abwehren«.19 In dieser Hinsicht sieht man, inwiefern das Werk der monumentalen Historie seinen Beweggrund mit der antiquarischen Historie, mit seinem Feind, teilt: Sowohl der tätige als auch der untätige Mensch repräsentieren eine Reaktion auf den Naturzustand nach dem Motto: »leben um jeden Preis«.20

Indem man erkennt, dass der Trieb zum Überleben gemeinsamer Anfangspunkt sowohl für die monumentalischen Menschen als auch für den antiquarischen Menschen ist, kann man den Kern des Willens der Mächtigen erfassen - diese fühlen sich durch die Betrachtung ihrer Vergangenheit beseligt, als ob das Menschenleben eine herrliche Sache sei, und als ob es gar die schönste Frucht dieses bitteren Gewächses sei, zu wissen, dass früher einmal Einer stolz und stark durch dieses Dasein gegangen ist21

Im Zurückblicken auf die großen Taten ihrer Vergangenheit müssen sich die Anhänger der monumentalen Historie imstande fühlen, eine Kontinuität zwischen dem großen Vergangenen und dem In-der-Gegenwart-Möglichen herzustellen. Es stellt sich allerdings die Frage, ob es überhaupt sinnvoll ist, dieses historische Verfahren als einen Rückblick zu interpretieren.

Mit dem Ausdruck Rückblick wird in diesem Kontext impliziert, dass der historische Betrachter im Nachhinein eine bestimmte Reihe bewiesener Tatsachen wahrnimmt. Die historische Tatsache wird ihrerseits gewissermaßen als eine objektive wahrgenommen, so dass durch ihre unbestrittene Exaktheit auch ihr Vorbildcharakter gewährleistet ist. Würde man z.B. bezweifeln, dass irgendein Faktum einer monumentalen Geschichte wirklich geschehen ist, sollte man es auch konsequent von dieser Geschichte ausschließen. Die Labilität der Grenze zwischen Existenz und Inexistenz innerhalb der monumentalen Konzeption der Geschichte wird dadurch deutlich, dass Nietzsche den Begriff von Wahrhaftigkeit ins Spiel bringt:

Nur wenn die Erde ihr Theaterstück jedesmal nach dem fünften Akt von Neuem anfienge, wenn es feststünde, dass dieselbe Verknotung von Motiven, derselbe deus ex machina, dieselbe Katastrophe in bestimmten Zwischenräumen wiederkehrten, dürfte der Mächtige die monumentale Historie in voller ikonischer Wahrhaftigkeit, das heisst jedes Factum in seiner genau gebildeten Eigentümlichkeit und Einzigkeit begehren: wahrscheinlich also nicht eher, als die Astronomen wieder zu Astrologen geworden sind. Bis dahin wird die monumentale Historie jene volle Wahrhaftigkeit nicht brauchen können: immer wird sie das Ungleiche annähern, verallgemeinern und endlich gleichsetzen22

Der Glauben an die Humanität ist letzten Endes ein Aberglaube an die Wiederkehr jedes historischen Faktums.23 Die Wahrhaftigkeit wird ikonisch, weil der Historiker bzw. der Dichter die Eigentümlichkeit und den Wert einen jeden historischen Faktums bestimmen. In der Zweiten Unzeitgemäßen lässt Nietzsche mit dem Hinweis auf die zur Astrologie werdenden Astronomie nicht daran zweifeln, dass für den Menschen immer die Möglichkeit bestehe, die Wirklichkeit durch ein selbstgeschaffenes Wahrhaftigkeitskriterium zu erzeugen. Sobald nämlich die Wahrhaftigkeit nicht mehr ein vom historischen Subjekt bestimmter Maßstab ist, müsste die monumentalische Historie auf ihr »Verallgemeinern« bzw. »Gleichsetzen« verzichten, weil sie dann das aus der Vergangenheit überlieferte Ungleiche (d.h. das nicht mehr Vorbildliche, das potentiell Schamhafte, das von der monumentalischen Geschichte verdrängt wurde) akzeptieren müsste. Dies erweist sich aber als ein unrealisierbarer Kompromiss: Auf diesem Akt des freien Willens basiert die gesamte Glaubwürdigkeit des Vergangenen - das Subjekt herrscht über das Geschichtliche kraft einer Wahrheitstheorie der Kohärenz.

Das Werk der Großen, sei es »eine seltene Erleuchtung« oder eine »Schöpfung«,24 wirft seinen Schatten auf den vergessenen Teil der Geschichte - der Glauben an die Homogenität des Monumentalen jedes Zeitalters wirkt als ein kräftiges Arzneimittel, als »ein Protest gegen den Wechsel der Geschlechter und die Vergänglichkeit«.25 Dies funktioniert, solange man die Kosten eines solchen historischen Verfahrens nicht mitberechnet: Der monumentale Mensch verzichtet tendenziell auf die Betrachtung der realen Ursache-Wirkung-Verhältnisse. Mehr als eine Schöpfung von wahrhaftigen Bildern scheint das Eigentümliche der monumentalen Historie die Erzeugung von Effecten an sich zu sein: immer wird [die monumentalische Historie] die Verschiedenheit der Motive und Anlässe abschwächen, um auf Kosten der causae die effectus monumental, nämlich vorbildlich und nachahmungswürdig, hinzustellen: so dass man sie, weil sie möglichst von den Ursachen absieht, mit geringer Uebertreibung eine Sammlung der „Effecte an sich“ nennen könnte, als von Ereignissen, die zu allen Zeiten Effect machen werden.26

Die Wirkungsgeschichte der Großen und ihrer Werke wird somit auf scheinbar ursprungslose Bilder reduziert, so dass die Geschichte und die Wirkungsgeschichte eines Faktums nicht mehr voneinander zu unterscheiden sind.27 Man kann an dieser Stelle auf die Parallele hinweisen, die Nietzsche zwischen monumentalen Historie und Entstehung der religiösen Kulten anbietet:

Das bei Volksfesten, bei religiösen oder kriegerischen Gedenktagen gefeiert wird, ist eigentlich ein solcher „Effect an sich“: er ist es, der die Ehrgeizigen nicht schlafen lässt, der den Unternehmenden wie ein Amulet am Herzen liegt, nicht aber wahrhaft geschichtliche Connexus von Ursachen und Wirkungen, der, vollständig erkannt, nur beweisen würde, dass nie wieder etwas durchaus Gleiches bei dem Würfelspiele der Zukunft und des Zufalls herauskommen könne.28

Es handelt sich um Mythen. Jede monumentale Historie ist immer Zwillingsschwester einer Theogonie: Der Kosmos gilt als ein geordnetes Ganzes, dessen Vorstellung die Helden inspiriert und die Träume der Ohnmächtigen zerstört. Die Erinnerung an die verlorene Größe, d.h. der Mythos, liegt im Herzen derjenigen, die danach eifern, den heroischen Weg einzuschlagen. Helden und Götter sind die Substanz des Mythos. Dies wird durch die Anmerkung Nietzsches deutlich: »es giebt Zeiten, die zwischen einer monumentalischen Vergangenheit und einer mythischen Fiction gar nicht zu unterscheiden vermögen«.29 Nietzsche kritisiert damit an der monumentalischen Auffassung der Geschichtsschreibung, dass die Dimensionen des Nachahmungswürdigen im großen Maße die Wahrhaftigkeit der geschichtlichen Facta überschreiten, und schreibt:

Regiert also die monumentalische Betrachtung des Vergangenen über die anderen Betrachtungsarten, [...] so leidet die Vergangenheit selbst Schaden: ganze grosse Theile derselben werden vergessen, verachtet, und fliessen fort wie eine graue ununterbrochene Fluth, und nur einzelne geschmückte Facta heben sich als Inseln heraus30

An dieser Stelle der Betrachtung merkt man, wie sehr sich Nietzsche von der Weisheit des „überhistorischen Menschen“ distanziert hat.31 Diese besteht in einer Konzeption der Geschichte als Wiederholung von Modellen bzw. Typen, die ähnlich wie Naturgesetze den Anspruch hat, geschichtliche Ereignisse vorherzusehen. Sie stellt sich gegen jegliche historische Betrachtungsart der Geschichte und lebt in einer fiktiven Vergessenheit des Vergangenen fort: allen historischen Betrachtungsarten des Vergangenen entgegen, kommen [die überhistorischen Menschen] zur vollen Einmüthigkeit des Satzes: das Vergangene und das Gegenwärtige ist Eines und dasselbe, nämlich in aller Mannichfaltigkeit typisch gleich und als Allgegenwart unvergänglicher Typen ein stillstehendes Gebilde von unverändertem Werth und ewig gleicher Bedeutung. Wie Hunderte verschiedener Sprachen denselben typisch festen Bedürfnissen der Menschen entsprechen, so dass Einer, der diese Bedürfnisse verstände, aus allen Sprachen nichts Neues zu lernen vermöchte: so erleuchtet sich der überhistorische Denker alle Geschichte der Völker und der Einzelnen von innen heraus, hellseherisch den Unsinn der verschiedenen Hieroglyphen errathend und allmählich sogar der immer neu hinzuströmenden Zeichenschrift ermüdet ausweichend32

Um der Klarheit willen muss man daran erinnern, dass die un- bzw. überhistorische Weisheit nicht als eine Konzeption von Historie mit der monumentalen, antiquarischen und kritischen verglichen werden kann. Während einer ersten Lektüre der Schrift ist es sehr schwierig zu verstehen, dass der Schwung der Tirade Nietzsches über diese unhistorische Weisheit letztendlich nicht seine eigene Meinung darstellt. Die Leidenschaft, die die Passagen zur überhistorischen Weisheit begleitet, suggeriert nur, dies sei der Standpunkt Nietzsches. Wie Colli jedoch anmerkt,33 handelt es sich gleich im ersten Kapitel der Betrachtung um einen Ansatzwechsel, durch den Nietzsche von einer gründlich nihilistischen Auffassung der Existenz Abstand nimmt. Er eröffnete nämlich die Schrift unter dem Spruch »Vergessen lernen!«,34 der ohne weiteres als Inbegriff der über- bzw. unhistorischen Auffassung interpretiert werden kann, und beschäftigt sich mit der Vorstellung eines Wissens, das durch eine scheinbar tiefe Kenntnis des historisch Geschehenen die Geschehnisse der Geschichte und der Gegenwart in Typen einordnen könne. Davon distanziert er sich aber gleich, denn er beurteilt dieses überhistorische Wissen bzw. jene Weisheit als ein »Stillstehen« innerhalb der Vorurteile zur Geschichte. Für Nietzsche bedeutet die überhistorische Haltung im Grunde also ein rein passives Akzeptieren, eine leere Verallgemeinerung des Vergangenen:

Doch lassen wir den überhistorischen Menschen ihren Ekel und ihre Weisheit: heute wollen wir vielmehr einmal unserer Unweisheit von Herzen froh werden und uns als den Thätigen und Fortschreitenden, als den Verehrern des Prozesses, einen guten Tag machen. [...] Dann wollen wir den Ueberhistorischen gerne zugestehen, dass sie mehr Weisheit besitzen, als wir; falls wir nämlich nur sicher sein dürfen, mehr Leben als sie zu besitzen35

Die Passage repräsentiert gleichzeitig die Ablehnung einer naiven Auffassung der ewigen Wiederkunft, wie sie die überhistorische Weisheit vorschreibt, und die Entscheidung, die Vergangenheit historisch zu betrachten.

Man muss hinsichtlich der davor vorgestellten Kritik an der monumentalen Historie die Relevanz und die genaue Bedeutung des Vergessens bei der Geschichtsschreibung, nach der Ablehnung der überhistorischen Konzeption, noch einmal überdenken. Die condition humaine, welche Nietzsche gleich nach dem incipit heraufbeschwört, scheint die Strafe der Zeit und der Vergänglichkeit zu erleiden, gerade weil die Menschen nie in der Lage sein werden, die Vergangenheit kraft eines entschlossenen Schlages ihres Willens loszuwerden. Im Unterschied zum Tier oder zum Kind bleibt der Mensch in seiner Historizität gefesselt. Er ist gezwungen, „Vergangenheit zu haben“; die totale Vergessenheit von unschuldigen Geschöpfen kann für ihn nichts mehr sein, als eine verführerische und täuschende Herausforderung.36 In einem Passus mächtiger Eloquenz entfaltet Nietzsche das tragische Bild dieser ersteren Einschätzung jenes Lebens, das sich mit der Existenz und mit der Präsenz der Vergangenheit messen muss:

Er wundert sich [...] auch über sich selbst, das Vergessen nicht lernen zu können und immerfort am Vergangenen zu hängen: mag er noch so weit, noch so schnell laufen, die Kette läuft mit. Es ist ein Wunder: der Augenblick, im Husch da, im Hush vorüber, vorher ein Nichts, kommt doch noch als Gespenst wieder und stört die Ruhe eines späteren Augenblicks. Fortwährend löst sich ein Blatt aus der Rolle der Zeit, fällt heraus, flattert fort - und flattert plötzlich wieder zurück, dem Menschen in den Schooss. Dann sagt der Mensch „ich erinnere mich“ und beneidet das Thier, welches sofort vergisst und jeden Augenblick wirklich streben, im Nebel und Nacht zurücksinken und auf immer erlöschen sieht.37

Dieses Bild der flatternden Blätter findet sicherlich seine Kraft in der Darstellung der Willkür des Gedächtnisses und gleichzeitig in jener der konstitutiven Ohnmacht des Menschen der Vergangenheit gegenüber. Zudem vermag das Blatt die künstliche (d.h. die intim menschliche) Natur der Erinnerung darzustellen. Es handelt sich um ein tiefes Symbol der Kultur, des gemeinsamen Ursprungs von Wissen und Leid. Der Mensch kann seine Erinnerungen nicht auswählen, noch vermag er das Erinnern aufzugeben.

In der Behauptung Nietzsches, »Die monumentale Historie täuscht durch Analogien«,38 wird die Spannung zwischen dem Ideal des überhistorischen Menschen und dem soweit dargestellten Modus der monumentalischen Historie deutlich. Dabei ist aber zu berücksichtigen, wie Nietzsche die Rolle der Vergessenheit einzuordnen versucht: Aufgrund der unvermeidlichen Unmöglichkeit, in einer ewigen Gegenwart zu leben, vermeidet er es, die Wichtigkeit des Vergessens zu verabsolutieren. Die Grenze zwischen Historischem und Unhistorischem wird zu einer engen Linie, denn beide werden als wesentlich für die Gesundheit jeder Lebenseinheit verstanden: » Das Unhistorische und das Historische ist gleichermaassen für die Gesundheit eines Einzelnen, eines Volkes und einer Cultur nöthig.«39

Wenn also die historische Gesundheit nicht an einer strengen Wahl zwischen einer unhistorischen und einer historischen Handlungsart hängt, muss man annehmen, dass dazwischen eine aurea mediocritas möglich ist, innerhalb der man die überhistorische Möglichkeit ablehnen muss. Es ist das Ziel Nietzsches, dieses Gleichgewicht im Verhältnis zwischen Unhistorischem und Historischem durch den mehrmals wiederholten Ausdruck »im Dienste des Lebens« zu bestimmen. Die Möglichkeiten des Gleichgewichtes befinden sich also im engen Spielraum zwischen den Mächten erstens des Lebens und zweitens des Wissens. Während man einerseits nie ganz unhistorisch leben kann, muss man andererseits zugestehen, dass eine Historie (im Sinn einer »reinen Wissenschaft«40 ) das Leben langsam in Ekel und Sinnlosigkeit erstickt, über das sie souverän herrscht. Das Leben als eine bewegliche Einheit leiblicher Energien wäre also in Anwesenheit einer zum Grade der Wissenschaft entwickelten Historie unmöglich.

Die Geschichte als reine Wissenschaft gedacht und souverän geworden, wäre eine Art von Lebens-Abschluss und Abrechnung für die Menschheit. [...] Die Historie, sofern sie im Dienste des Lebens steht, steht im Dienste einer unhistorischen Macht und wird deshalb nie, in dieser Unterordnung, reine Wissenschaft, etwa wie die Mathematik es ist, werden können und sollen.41

Das Leitmotiv der Vergessenheit gegenüber dem Vergangenen tritt also in zwei Varianten auf: a) Versteht man diese Vergessenheit in einem überhistorischen Sinn, impliziert dies auch eine dahinter legende Typentheorie, über die die Geschichte ausnahmsfrei zu einer von Typen bestimmten Kontinuität reduziert werden muss;42 b) Interpretiert man diese Vergessenheit als ein vom monumental-historischen Verfahren abgeleitetes Resultat, gilt sie als notwendiger Rest der geschichtlichen Schöpfung. Gemeinsam ist beiden Verhalten, dass sie beide deutlich zu einer Verallgemeinerung des geschichtlich Überlieferten neigen. Dabei unterscheiden sich aber die Ergebnisse der überhistorischen von denjenigen der monumental-historischen Tätigkeit: Die überhistorische »Weisheit«43 führt zweifellos zu einer Übersättigung an Geschehendem, die Ekel verursacht; die monumentalische Historie fordert hingegen ein Spektrum von verschiedenen psychologischen Haltungen, das etwa Fanatismus und Hass umfasst.44

Die Verarbeitung der Geschichte in Form von monumentalischen Mythen bewirkt unter dem Einfluss der Mächtigen, eine Vermehrung der sogenannten Effecte an sich, d.h. »Wirkungen ohne zureichende Ursache«.45 Dadurch entstehen unvermeidlich die Schäden der monumentalen Historie, die ohne hemmende Gegensätze zu ihrer Version bzw. Fiktion der Geschichte ihre Energie in der von egoistischer Veranlagung herkommenden Zerstörung auflösen muss. Dies bedeutet jedoch nicht, dass die monumentale Historie von Nietzsche auf einem moralischen Niveau zu beurteilen sei.

Die Betrachtung folgt deutlich einer Forschungsrichtung, die die Instanz der Moral als statische Gesamtheit von Prinzipien ganz ausschließt und auf die Wirkungen von Kräften fokussiert, die den Prinzipien unterstehen. Die von den Tätigen verursachten Schäden, die sich dieser Art Geschichtsschreibung widmen, werden mit einem gewissen Abstand, »seien sie nun gut oder böse«,46 berücksichtigt.

An dieser Stelle der Betrachtung kommt die zuvor erwähnte Stark-Schwach- Dichotomie zutage.47 Dass die von der monumentalen Historie dem Leben angerichteten Schäden auf das Verfahren der Mächtigen zurückgeführt werden können, schließt aus, dass die Macht der Tätigen die einzige ist, die Gebrauch vom mythopoietischen Modus machen kann. In der Betrachtung sieht man dagegen, wie sich die Kräfte der Ohnmächtigen in der Dynamik der Geschichtsschreibung auf eine monumentalische Weise ohne weiteres durchsetzen können:

Die monumentalische Historie ist das Maskenkleid, in dem sich ihr Hass gegen die Mächtigen und Grossen ihrer Zeit für gesättigte Bewunderung der Mächtigen und Grossen vergangener Zeiten ausgiebt, in welchem verkappt sie den eigentlichen Sinn jener historischen Betrachtungsart in den entgegengesetzten umkehren; ob sie es deutlich wissen oder nicht, sie handeln jedenfalls so, als ob ihr Wahlspruch wäre: lasst die Todten die Lebendigen begraben.48

Dass das Große bzw. das Vorbildliche die Züge einer gefährlichen Unübertrefflichkeit gewinnt, erscheint als Ergebnis des Ressentiment der Ohnmächtigen, dem Nietzsche in Zur Genealogie der Moral viele Seiten widmet wird:49 Demnach verhindert eine innerlich schwache Macht um jeden Preis die Entstehung eines neuen Großen: D.h. die Geburt neuer Helden wird durch die stete Wiederholung des konservativen Mottos, »das Grosse ist schon da!«,50 verhindert.

[...]


1 Im folgenden HL.

2 Im folgenden FW.

3 Im folgenden ZA.

4 EH, S. 297.

5 Siehe S. 11.

6 In Dokumente, Janz (1979), V. Teil, Bd. III, S. 357.

7 Ebd.

8 GM, S. 277.

9 In der Betrachtung gibt es jedoch wenige Passagen, in denen sich Nietzsche explizit gegen die

hegelsche Philosophie richtet, vgl. HL: »Ich glaube, dass es keine gefährliche Schwankung oder

Wendung der deutschen Bildung in diesem Jahrhundert gegeben hat, die nicht durch die ungeheure bis diesen Augenblick fortströmende Einwirkung dieser Philosophie, der Hegelischen, gefährlicher geworden ist. [...] Man hat diese Hegelisch verstandene Geschichte mit Hohn das Wandeln Gottes auf der Erde genannt, welcher Gott aber seinerseits erst durch die Geschichte gemacht wird« (S. 308). Dazu

s. auch Janz (1979), Bd. I, S. 561 f.

10 Vgl. Deleuze (1979): »Die Begriffe Nietzsches sind Kategorien des Unbewußsten« (S. 33).

11 HL, S. 250, 252, 271 passim.

12 Der Terminus „über-historisch” ist hier außerhalb des Kontextes der Betrachtung zu verstehen: Die lebendige Kraft, die die Geschichte und die Geschichtsschreibung bestimmt, soll hier als „meta- historische“ Instanz eher als eine Bezeichnung der im Lauf der Betrachtung geschilderten überhistorischen Denkweise ausgelegt werden.

13 HL, S. 258.

14 Ebd.

15 HL, S. 259.

16 Vgl. GM: »Aus diesem Pathos der Distanz heraus haben [die Mächtigen] sich das Recht, Werthe zu schaffen, Namen der Werthe auszuprägen, erst genommen« (S. 259)

17 Vgl. die erste Abhandlung der Genealogie, in der die Stark-Schwach-Dichotomie anhand der pseudophilologischen Betrachtung zum Ursprung der Termini „gut“ und „böse“ entfaltet wird.

18 HL, S. 259.

19 Ebd.

20 Ebd.

21 HL, S. 260.

22 HL, S. 261.

23 Die hier gemeinte Vorstellung einer ewigen Wiederkehr hat allerdings wenig gemeinsam mit der

späteren Theorie Nietzsches. Noch fehlt die ausschlaggebende Charakteristik einer selektiven

Wiederkehr, die das Denken Nietzsches stark von den Wiederkehrtheorien der Antike und der

Renaissance unterscheidet. Vgl. zu diesem Thema Deleuze (1979): »Man fragt sich, was so erstaunlich an der ewigen Wiederkunft sei, wenn sie ein Kreislauf ist, das heißt eine Rückkehr von Allem, eine Rückkehr des Gleichen und eine Rückkehr zum Gleichen: aber genau darum handelt es sich nicht. Nietzsches Geheimnis ist, daß die ewige Wiederkunft selektiv ist.« (S. 39). Auch ein Vergleich mit den Wiederkunftslehren indischer Herkunft kann zur Fehlinterpretation führen, wie z.B. im Aufsatz von Bannerjea (1953), in dem die Grundabsicht Nietzsches, den Menschen zu überwinden, ohne weiteres mit der Liebe zur Menschlichkeit des Hinduismus assoziert wird: »The central theme of [Nietzsche’s] passionate hope and aspiration for the future of mankind, namely the survival of human character and personality in a ceaseless cycle of births [...] discloses likewise an Indian origin« (S. 163)

24 HL, S. 260.

25 Ebd.

26 HL, S. 261 f.

27 Zum Begriff der Wirkungsgeschichte s. Gadamer (1986), : »Das historische Bewußtsein soll sich bewußt werden, daß in der vermeintlichen Unmittelbarkeit, mit der es sich auf das Werk oder die Überlieferung richtet, diese andere Fragestellung stets, wenn auch unerkannt und entsprechend unkontrolliert, mitspielt. Wenn wir aus der für unsere hermeneutische Situation im ganzen bestimmenden historischen Distanz eine historische Erscheinung zu verstehen suchen, unterliegen wir immer bereits den Wirkungen der Wirkungsgeschichte.« (S. 305). Nicht zufällig beruft sich Gadamer wenige Seiten darauf auf Nietzsche: »Es ist keine richtige Beschreibung des historischen Bewußtseins, wenn man mit Nietzsche von den vielen wechselnden Horizonten spricht, in die es sich zu versetzen lehrt. Wer derart von sich selber wegsieht, hat gerade keinen historischen Horizont, und Nietzsches Aufweis des Nachteils der Historie für das Leben trifft in Wahrheit nicht das historische Bewußtsein als solches, sondern die Selbstentfremdung, die ihm widerfährt, wenn es die Methodik der modernen historischen Wissenschaft für sein eigentliches Wesen hält.« (S. 310). Bei einer solchen Interpretation der zweiten Unzeitgemäßen Betrachtung wird aber fragwürdig, inwiefern der Begriff „historisches Bewußtsein als solch“, so wie ihn Gadamer 1960 in Wahrheit und Methode versteht, dieselben Bedeutung und Gewicht 1874 bei Nietzsche hatte.

28 HL, S. 262.

29 Ebd.

30 Ebd. Hier fällt es schwer, auf einen Vergleich mit einer berühmten Passage der Kritik der reinen

Vernunft Kants zu verzichten: »Wir haben jetzt das Land des reinen Verstandes nicht allein durchreist, und jeden Teil davon sorgfältig in Augenschein genommen, sondern es auch durchmessen, und jedem Dinge auf demselben seine Stelle bestimmt. Dieses Land aber ist eine Insel, und durch die Natur selbst in unveränderliche Grenzen eingeschlossen. Es ist das Land der Wahrheit (ein reizender Name), umgeben von einem weiten und stürmischen Ozeane, dem eigentlichen Sitze des Scheins, wo manche Nebelbank, und manches bald wegschmelzende Eis neue Länder lügt, und indem es den auf Entdeckungen herumschwärmenden Seefahrer unaufhörlich mit leeren Hoffnungen täuscht, ihn in Abenteuer verflechtet, von denen er niemals ablassen und sie doch auch niemals zu Ende bringen kann.« (Kant 1990, B 294 f.). S. auch PHG: »Nur eine Gewißheit gewährt mir, ihr Götter, ist das Gebet des Parmenides, und sei sie auf dem Meere des Ungewissen nur ein Brett, breit genug, um darauf zu liegen!« (S. 845)

31 Vor der Betrachtung der drei Historienarten führte Nietzsche die überhistorische Konzeption von Geschichte ein. Diese, eher als eine vierte Auffassung der Geschichtsschreibung darzustellen, konstituiert eine Alternative zur Geschichtsschreibung.

32 HL, S. 256.

33 Vgl. das Zitat aus Colli (1982), infra. S. 30.

34 Vgl. HL, S. 248 passim.

35 HL, S. 256 f.

36 Vgl. ZA: »Aber sagt, meine Brüder, was vermag noch das Kind, das auch der Löwe nicht vermochte? Was muss der raubende Löwe auch noch zum Kinde werden? / Unschuld ist das Kind und Vergessen, ein Neubeginnen, ein Spiel, ein aus sich rollendes Rad, eine erste Bewegung, ein heiliges Ja-sagen.« (S. 31)

37 HL, S. 248 f.

38 HL, S. 262.

39 HL, S. 252. Die Historie, Konsequenz des Lebens, zeigt sich sowohl als eine lebenswidrige als auch als eine selbstvernichtende Kraft. Vgl. auch HL: »[d]enn bei einem gewissen Uebermaass derselben zerbröckelt und entartet das Leben und zuletzt auch wieder, durch diese Entartung, selbst die Historie.« (S. 257)

40 HL, S. 257.

41 Ebd.

42 Vgl. HL, S. 256.

43 HL, S. 256.

44 HL, S. 266 ff.

45 HL, S. 263.

46 Ebd.

47 Zu einer Lektüre dieser Dichotomie im antidialektischen Sinn siehe Deleuze (1976): »In ihrem

Verhältnis zu einer anderen negiert die Kraft, die gehorchen läßt, nicht etwa die andere Kraft oder das, was sie nicht ist; sie bejaht vielmehr ihre eigene Differenz und genießt sie. Im Wesen ist das Negative nicht vorhanden als dasjenige, woraus die Kraft ihre Aktivität schöpft: Im Gegenteil verdankt es seine Entstehung selbst allererst dieser Aktivität, der Existenz einer aktiven Kraft und der Bejahung ihrer Differenz [...] Das „Ja“ Nietzsches opponiert dem „Nein“ der Dialektik; die Bejahung der dialektischen Verneinung; die Differenz dem dialektischen Widerspruch; die Freude, der Genuß der dialektischen Arbeit; die Leichtigkeit, der Tanz der dialektischen Schwere; die schöne Unverantwortlichkeit den dialektischen Verantwortlichkeiten.« (S. 13 f.)

48 HL, S. 264.

49 S. GM, Erste Abhandlung.

50 HL, S. 264.

Ende der Leseprobe aus 85 Seiten

Details

Titel
Dialoge mit dem Dämon
Untertitel
Historische Krankheit, Wiederkunft und Gefühl bei Friedrich Nietzsche
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Autor
Jahr
2010
Seiten
85
Katalognummer
V188350
ISBN (eBook)
9783656120643
ISBN (Buch)
9783656121510
Dateigröße
651 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
dialoge, dämon, historische, krankheit, wiederkunft, gefühl, friedrich, nietzsche
Arbeit zitieren
Alessandro Di Dedda (Autor), 2010, Dialoge mit dem Dämon, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188350

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