Zur Komposition der Sesenheim-Episode in Goethes "Dichtung und Wahrheit"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2001

22 Seiten, Note: 2,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Beschreibung der Reise nach Sesenheim

3. Der Roman Vicar of Wakefield in der Sesenheim-Episode
3.1 Goethes Betrachtungen zu Vicar of Wakefield
3.2 Der direkte Vergleich zwischen der Sesenheim-Episode und dem Vicar of Wakefield

4. Motive in der Sesenheim-Episode
4.1 Das Wanderer-Motiv bei Goethe
4.2 Die Darstellung des Beginns der Zeit mit Friederike
4.3 Zeichen der Änderung des Verhältnisses
4.4 Das Motiv des Fluchs
4.5 Die Prüfung
4.6 Die Trennung

5. Schlußbemerkung

Literaturliste

1. Einleitung

Schon oft ist darüber gerätselt worden, inwiefern die Ereignisse in Goethes Dichtung und Wahrheit[1] autobiographisch oder doch mehr dichterisch sind. Auch in bezug auf die Sesenheim[2] -Periode Goethes – die Zeit, in welcher Goethe Friederike Elisabetha Brion kennenlernte und eine Liebschaft mit ihr hatte – sind immer wieder Nachforschungen angestellt worden.

In der nun folgenden Arbeit geht es darum, die Darstellung der Sesenheimer Zeit im neunten und zehnten Buch vorwiegend unter den dichterischen Aspekten zu betrachten. Im Gegensatz zu anderen Sekundärtexten ist es nicht das Ziel, möglichst viele biographische Begebenheiten aus dem Text abzuleiten. Somit wird Goethe hier mehr als Romanschreiber anstatt als Autobiograph gesehen. Es soll eine Darstellung der Komposition der entsprechenden Episode gegeben werden. Hierzu wird die Episode unter verschiedenen Gesichtspunkten betrachtet; vor allem aber auf dem Hintergrund idyllischer Grundlagen und in diesem Zusammenhang auch im Hinblick auf Oliver Goldsmiths Vicar of Wakefield[3].

2. Die Beschreibung der Reise nach Sesenheim

Goethe schreibt in einem Brief an Eckermann[4] bezüglich der Sesenheim-Episode: „Daß darin kein Strich enthalten, der nicht erlebt, aber kein Strich so wie er erlebt worden“[5]. Insofern hat es seine Berechtigung, die Sesenheim-Episode auch unter dichterischen Gesichtspunkte zu betrachten.

Bereits die Schilderung der Zeit vor Goethes Sesenheim Besuch zeigt, daß Goethe es in diesem Teil mit den biographischen Fakten nicht so genau nimmt und statt dessen der dichterischen Konstruktion den Vorzug gibt.

So verwendet er mehrfach Anspielungen, auf das was ihm in Sesenheim passieren wird, obwohl er ja tatsächlich vor seiner ersten Reise nach Sesenheim nicht wissen konnte, was ihm passieren würde. Jedoch bereits in Straßburg beschreibt Goethe, wie er vom Münster herab ein „Plätzchen“ sah,

„das, ob es gleich nicht bedeutend in der Landschaft hervortrat, mich doch mehr als alles andere mit einem lieblichen Zauber an sich zog. Bei solchen Gelegenheiten ward nun durch Erzählung die Einbildungskraft angeregt und manche kleine Reise verabredet, ja oft aus dem Stegreife unternommen, von denen ich nur eine statt vieler umständlich erzählen will, da sie in manchem Sinne für mich folgereich gewesen.“[6]

Obgleich am Ende des Zitats der aus der Vergangenheit erzählende Autobiograph- Goethe spricht, entsteht durch die Beschreibungen am Anfang der Eindruck, daß Goethe aufgrund einer Vorahnung schon bemerkt, daß es einen Ort gibt, zu dem er reisen sollte.

Er entschließt sich also aufzubrechen. Zunächst folgen ausschließlich Reisebeschreibungen, die keinerlei weitere Andeutungen auf den Ort mit dem „lieblichen Zauber“[7] enthalten. So beschreibt Goethe sehr sachlich, wie er sich mit zwei Freunden, Engelbach und Weyland[8], auf den Weg nach Zabern macht und dort die Zaberner Steige[9] besichtigt. Es folgen seitenlange detaillierte Beschreibungen von Errungenschaften, die der Mensch zu seinem Nutzen in die Natur baute. So werden neben der Zaberner Steige verschiedene durchreiste Ortschaften wie Saargemünd und Saarbrück beschrieben um schließlich Alaun-Gruben, „Regionen des brennenden Berges“[10] ausführlich darzustellen.

Erst nach der Besichtigung des Werkes beschreibt Goethe eine erneute Vorausdeutung. Diese bildet nach all den technischen Beschreibungen einen deutlichen Kontrast, da sie stark mit idyllisch-romantischen Topoi versehen ist.

So beschreibt Goethe wie er in jener Nacht keine Ruhe finden kann und deswegen das „höher gelegene Jagdschloß“ , welches „über Berg und Wälder, deren Umrisse nur an dem heitern Nachthimmel zu erkennen“[11] sind, hinwegblickt. Allein läßt er sich an diesem Jagdschloß nieder und

„hier, mitten im Gebirg, über einer waldbewachsenen finsteren Erde, die gegen den heitern Horizont einer Sommernacht nur noch finsterer erschien, das brennende Sterngewölbe über mir, saß ich an der verlassenen Stätte lange mit mir selbst und glaubte niemals eine solche Einsamkeit empfunden zu haben. Wie lieblich überraschte mich daher aus der Ferne der Ton von einem paar Waldhörnern, der auf einmal wie ein Balsamduft die ruhige Atmosphäre belebte. Da erwachte in mir das Bild eines holden Wesens, das von den bunten Gestalten dieser Reisetage in den Hintergrund gewichen war, es enthüllte sich immer mehr und mehr, und trieb mich von meinem Platze nach der Herberge, wo ich Anstalten traf, mit dem frühsten abzureisen.“[12]

Wiederum folgen zunächst weitere detaillierte Reisebeschreibung, aber nun läßt die nächste Vorausdeutung nicht mehr lange auf sich warten:

„denn jene sämtlichen Aussichten in eine wilde Gebrigsgegend und sodann wieder in ein heiteres, fruchtbares, fröhliches Land konnten meinen innern Blick nicht fesseln, der auf einen liebenswürdigen anziehenden Gegenstand gerichtet war. Auch diesmal erschien mir der Herweg reizender als der Hinweg, weil er mich wieder in die Nähe eines Frauenzimmers brachte, der ich von Herzen ergeben war und welche so viel Achtung als Liebe verdiente. Mir sei jedoch, ehe ich meine Freunde zu ihrer ländlichen Wohnung führe, vergönnt, eines Umstandes zu erwähnen, der sehr viel beitrug, meine Neigung und die Zufriedenheit, welche sie mir gewährte, zu beleben und zu erhöhen.“[13]

Jedoch bis der Leser endlich das „Frauenzimmer“, das Goethe immer wieder andeutet, kennenlernen darf, schiebt Goethe scheinbar zusammenhangslos die Lektüre des Vicar of Wakefields durch Herder ein und beschreibt neben Herders Art zu lesen auch Elemente der Handlung des Vicar of Wakefields, die ihm wichtig erscheinen[14].

3. Der Roman Vicar of Wakefield in der Sesenheim-Episode

3.1 Goethes Betrachtungen zu Vicar of Wakefield

Oftmals wurde von Chronologisten die Frage gestellt, ob Goethe den Vicar of Wakefield tatsächlich schon gekannt haben kann, als er nach Sesenheim reiste. Vor allem unter diesem Aspekt wurden entsprechende Textstellen immer wieder erforscht. So wird von der Sekundärliteratur aufgrund verschiedener biographischer Belege wie Briefe und Erzählungen weitgehend ausgeschlossen, daß Goethe den Vicar of Wakefield schon kannte, bevor er nach Sesenheim reiste. In anderen Texten finden diese chronologische Aspekte gar keine Beachtung, da davon ausgegangen wird, daß es sich bei Dichtung und Wahrheit ohnehin um ein rein literarisches Werk handelt, dessen Übereinstimmung mit autobiographischen Elementen vernachlässigt werden kann. Ein weiterer Interpretationsansatz kann daraus abgeleitet werden, inwiefern es Goethe möglich war, den Text zu kennen und warum er ihn dann –obwohl er ihn vermutlich nicht besonders gut kannte- im nachhinein in diese Episode eingebaut hat[15]. Diese Ansätze sollen hier jedoch nur am Rande Erwähnung finden.

Es kann wohl nach der Lage der Sekundärliteratur als sicher betrachtet werden, daß Goethe zu dem Zeitpunkt seiner Reise nach Sesenheim zwar möglicherweise bereits oberflächlich von dem Vicar of Wakefield gehört hat, jedoch nicht die profunde Kenntnis des Werks hatte, die er in Dichtung und Wahrheit zu besitzen vorgibt[16]. „Ob Goethe dabei[bei der Kenntnis des Werks, die er in der Sesenheim-Periode angibt] bewußt die Chronologie vertauschte oder aber den natürlichen Schranken des Gedächtnisses Tribut zahlen mußte – erst für die Zeit nach 1776 lagen ihm ausführliche Aufzeichnungen vor- bleibt unentscheidbar“[17] Deswegen wird in der folgenden Arbeit davon ausgegangen, daß Goethe den Roman zum Abrunden der Komposition der Sesenheim-Episode verwendete.

Die erste Schilderung seiner Leseerfahrung in bezug auf den Vicar of Wakefield ist bereits – wie man bei der weiteren Lektüre feststellt- eine zusätzliche Hinführung zu den Ereignissen, die ihn in Sesenheim erwarten.

3.2 Der direkte Vergleich zwischen der Sesenheim-Episode und dem Vicar of Wakefield

Goethe geht davon aus, daß er „voraussetzen [kann], daß [seine] Leser dieses Werk kennen und im Gedächtnis haben,“[18]. Insofern ist es - abgesehen von den oben genannten Überlegungen- betrachtenswert, unter welchen Gesichtspunkten Goethe die Primrose-Familie mit der Familie Brion vergleicht.

So betont Goethe, daß die „Würde, welche jenem Ehegatten (Primrose) eigen ist“[19], in der Familie Brion in der Mutter dargestellt ist, obgleich Friederikes Vater, Johann Jakob Brion[20], ebenso wie Primrose „Vater, Hausherr, Landmann“[21] ist. Desweiteren beschreibt er die ältere Tochter Maria Salomea[22] – obwohl sie nicht die „gerühmte Schönheit“[23] der Olivia Primrose hat – als „wohlgebaut, lebhaft und eher heftig“[24]. Aus dieser Parallele heraus nimmt sich Goethe das Recht, in seiner weiteren Erzählung Maria Salomea schlichtweg Olivia zu nennen.

Weiterhin bemerkt Goethe, daß es nicht schwer ist, Friederiken an die Stelle von Primrosens Sophie zu setzen, da von jener im Roman ohnehin wenig gesagt ist und man sie als liebenswürdig bezeichnet. Da Friederike dies seiner Ansicht nach auf jeden Fall ist, erscheint es ihm gerechtfertigt, die beiden miteinander gleichzusetzen. Hier jedoch geschieht bereits die erste Selektion, die Goethe in bezug auf den Vicar of Wakefield und den Vergleich mit der Brion-Familie vornimmt. Denn obwohl Olivia im Mittelpunkt der Handlung und Geschehnisse des Romans steht, ist Sophie gerade durch den Kontrast zu ihrer älteren Schwester sehr wohl charakterisiert. Das erzählende Ich – es soll Primrose selbst sein- beschreibt Olivia und Sophie im ersten Kapitel im Gegensatz zueinander folgendermaßen:

„Olivia wished for many lovers; Sophia to secure one. Olivia was often affected, from too great a desire to please: Sophia even represt excellence, from her fears to affend. The one entertained me with her vivacity when I was gay; the other with her sense when I was serious.“[25]

Desweiteren unterschlägt Goethe bereits an dieser Stelle sowohl die Existenz einer weiteren Schwester Friederikens, Jakobea Sophia Brion; als auch die Figur Georges, des ältesten Sohnes der Primrose-Familie. Hätten sie in der Sesenheim-Episode Erwähnung gefunden, wären die Parallelen zu dem Vicar of Wakefield weiter abgeschwächt worden, da Goethe hier keine entsprechende Parallelen hätte finden können.[26]

Darüber hinaus vernachlässigt Goethe die tragischen Aspekte der Handlung im Vicar of Wakefield nahezu völlig.

[...]


[1] Veröffentlichung vgl.: Goethe Handbuch: Goethe seine Welt und Zeit in Werk und Wirkung, Bd. 1, Stuttgart 1961, S.1815 „...die Ausführung der drei ersten Teile [erfolgte] in raschem Zuge von Ende Januar 1811 bis November 1813 (Veröffentlichung 1811, 1812, 1814), während die Arbeit am vierten Teil sich auf die Jahre 1812, 1813, 1816, 1821, 1824, 1825, 1830, 1831 zersplitterte“, Veröffentlichung des vierten Teils 1833

[2] Eigentlich Sessenheim; Goethes Schreibweise wird jedoch in der Arbeit beibehalten

[3] Oliver Goldsmith: Vicar of Wakefield; Erstveröffentlichung 1766

[4] Johann Peter Eckermann (1792-1854)

[5] Vgl.: Lawrence Marsden Price: Goldsmith, Sesenheim, and Goethe, in: The Germanic Review 4 (1929), S.237-247, hier: S.241

[6] Soweit nicht anders angegeben, werden alle Goethe-Zitate nachgewiesen durch:

Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit, Werke 8, Könemann, 1998, hier: S.449

[7] Goethe, S.449

[8] Der Jurastudent Johann Konrad Engelbach (1744-1802) und der Medizinstudent Friedrich Leopold Weyland (1750-1785), der mit Familie Brion verwandt war und Goethe dort einführte

[9] Eine 4 km lange Vogesenpaßstraße, die zwischen 1728 und 1737 angelegt wurde

[10] Goethe, S.455

[11] Goethe, S.457

[12] Goethe, S.458

[13] Goethe, S.460

[14] Goethe, S.461ff

[15] Vgl.: Edgar Bracht: Wakefield in Sesenheim. Zur Interpretation des zehnten und elften Buches von Goethes „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“, in: Euphorion 83 (1989), S.261-280

[16] Bracht, S.262

[17] Bracht, S.268

[18] Goethe, S.463

[19] Goethe, S.469

[20] Alle Angaben aus den Anmerkungen der Ausgabe: Johann Wolfgang von Goethe: Dichtung und Wahrheit, Philipp Reclam jun. Stuttgart, 1991, hier: S.1030

[21] Goethe, S.462

[22] Obwohl sie die zweitälteste Tochter ist; die älteste ist Katharina Magdalena, die zum Zeitpunkt von Goethes Besuchen in Sesenheim bereits nicht mehr dort wohnte

[23] Goethe, S.470

[24] Goethe, S.470

[25] Oliver Goldsmiths: Vicar of Wakefield, in: The British Novellists, Vol.23, London 1820, S.177-380, hier: S.180

[26] Vgl. Bracht, S.271

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Zur Komposition der Sesenheim-Episode in Goethes "Dichtung und Wahrheit"
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Allgemeine und Vergleichende Literaturwissenschaft)
Veranstaltung
Hauptseminar: Goethes 'Dichtung und Wahrheit' in komparatistischer Sicht
Note
2,3
Autor
Jahr
2001
Seiten
22
Katalognummer
V18841
ISBN (eBook)
9783638231008
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Komposition, Sesenheim-Episode, Goethes, Dichtung, Wahrheit, Hauptseminar, Wahrheit“, Sicht
Arbeit zitieren
Katharina Schnell (Autor), 2001, Zur Komposition der Sesenheim-Episode in Goethes "Dichtung und Wahrheit", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18841

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