Jesus und die Ehebrecherin

Ein Wunder "sui generis" Oder: Die entstehende Vernunft durch das Wort Jesu und die Anwesenheit Gottes im Gewissen


Wissenschaftlicher Aufsatz, 2012

17 Seiten


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Das Gleichnis im Wortlaut der Einheitsübersetzung nach Johannes 7, 53 - 8, 11

Hinführung zur Thematik und metaphysische Vorüberlegungen

Der Ort der Vorbereitung – Der Ölberg

Die Gelassenheit Jesu. Jenseits von Rechtspositivismus und Rechtsnaturalismus

Die sich entfernenden Ältesten - Ein Wunder „sui generis“

Das Gewissen als Ort des Angerufenseins von Seiten Gottes

Literaturverzeichnis

Karlsruhe im Februar 2012

Das Gleichnis im Wortlaut der Einheitsübersetzung nach Johannes 7, 53 - 8, 11

53 Da gingen alle nach Hause. 1 Jesus aber ging zum Ölberg. 2 Am frühen Morgen begab er sich wieder in den Tempel. Alles Volk kam zu ihm. Er setzte sich und lehrte es. 3 Da brachten die Schriftgelehrten und die Pharisäer eine Frau, die beim Ehebruch ertappt worden war. Sie stellten sie in die Mitte 4 und sagten zu ihm: Meister, diese Frau wurde beim Ehebruch auf frischer Tat ertappt. 5 Mose hat uns im Gesetz vorgeschrieben, solche Frauen zu steinigen. Nun, was sagst du? 6 Mit dieser Frage wollten sie ihn auf die Probe stellen, um einen Grund zu haben, ihn zu verklagen. Jesus aber bückte sich und schrieb mit dem Finger auf die Erde. 7 Als sie hartnäckig weiterfragten, richtete er sich auf und sagte zu ihnen: Wer von euch ohne Sünde ist, werfe als erster einen Stein auf sie. 8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde. 9 Als sie seine Antwort gehört hatten, ging einer nach dem anderen fort, zuerst die Ältesten. Jesus blieb allein zurück mit der Frau, die noch in der Mitte stand. 10 Er richtete sich auf und sagte zu ihr: Frau, wo sind sie geblieben? Hat dich keiner verurteilt? 11 Sie antwortete: Keiner, Herr. Da sagte Jesus zu ihr: Auch ich verurteile dich nicht. Geh und sündige von jetzt an nicht mehr![1]

Hinführung zur Thematik und metaphysische Vorüberlegungen

Es gibt keine Stelle im Neuen Testament, welche ein eindrücklicheres, tiefgründigeres und nachhaltigeres Bild von Jesus liefert als jenes, welches uns im Gleichnis von der Ehebrecherin begegnet.

Was ist es, was uns an diesem Gleichnis so berührt? Ist es lediglich die Vergebung, welche in diesem Gleichnis zum Ausdruck kommt? Ist es die Güte Jesu, die in diesen Augenblicken jeden Menschen, welcher sich seinen eigenen Verfehlungen bewusst wird, wie ein wärmendes Pflaster auf der manchmal ach so kalten Seele vorkommt? Oder ist es lediglich die subtile, ja fast schon logische zweite Chance im Leben eines Menschen, welche jedem Individuum, alleine schon aufgrund seines persönlichen Vorrechtes auf die Möglichkeit seiner Selbstentfaltung zukommen sollte?

Im Folgenden sollen Überlegungen angestellt werden, was dieses Gleichnis[2] im Kontext der Jesuanischen Verkündigung so besonders erscheinen lässt.

Ich möchte nicht danach fragen, weshalb der Evangelist Johannes - das Gleichnis suchen wir vergebens bei den Synoptikern, sich dieses Gleichnisses bediente, um seinen Lesern die Botschaft vom Reich Gottes und der Liebe eines Vater-Gottes näher zu bringen.

Im Folgenden soll gezeigt werden, dass es im Gleichnis nicht um weit Zurückliegendes geht. Es geht nicht um eine Geschichte, welche sich im vorderen Orient zu Beginn unserer Zeitrechnung abspielte, und in unseren heutigen Augen nur sehr schwer nachzuvollziehen ist. Ohnehin ist Ehebruch in unserer heutigen Zeit gesellschaftsfähig geworden. Mit Steinigung verbinden die meisten Menschen heute Länder, welche in ihrer Rechtsprechung im Mittelalter stecken geblieben zu sein scheinen.

Unsere Fragestellung soll sich auf das Gewicht des Inhalts beziehen. Wir wollen nach dem Sitz im Leben fragen. Wir wollen versuchen jene Frage zu beantworten, mit welcher Theologen auch im heutigen Alltag häufig beschäftigt sind: „Was will und Johannes damit sagen?“

Doch schauen wir einmal weg von der Ehebrecherin. Zweifelsohne hat es diese Geschichte zu Weltruhm gebracht. Unzählige Künstler und Filmemacher hat diese Szene inspiriert.[3] Wir müssen lernen unser Augenmerk nicht nur auf das Offensichtliche zu richten. Diese Geschichte hat weit mehr zu bieten als bloße Vergebung. Es ist eine Geschichte, die viel tiefer reicht, als dies der erste Blick vermuten lässt.

Ich möchte meine Überlegungen mit einem Zitat aus einer Predigt beginnen:

„Die Geschichte ist spannend und zieht uns in Bann. Und sie ist überraschend. Die unglaubliche Gelassenheit Jesu, mit der er hier vorgeht. Die geniale einfache Lösung des Problems. Immer wieder suchten ihn seine Gegner in die Falle zu locken. Auch hier. Sagt er: steinigt sie, es ist recht – wie will er dann weiter von der unglaublichen Liebe Gottes sprechen? Sagt er: lasst sie frei – ruft er zum Gesetzesbruch auf, Anlass genug, ihn zu verhaften und ihm den Prozess zu machen. Aber nein, wieder einmal gelingt es Jesus, nicht nur den Kopf aus der Schlinge zu ziehen, sondern er konfrontiert zugleich alle, die um ihn herumstehen, mit einem einzigen Satz[…]“[4]

Er konfrontiert sie nicht nur mit einem einzigen Satz. Er konfrontiert sie mit etwas, mit dem nur die wenigsten von uns gerne konfrontiert werden – mit sich selbst.

Der Ort der Vorbereitung – Der Ölberg

Es dürfte sich keines Falls um einen Zufall handeln, dass sich die Szenerie ausgerechnet dann abspielt, nachdem Jesu zuvor auf dem Ölberg gewesen ist. Das Gleichnis mit der Ehebrecherin beginnt zunächst mit einer einführenden Szene. Alle gehen nach Hause, Jesus hingegen begibt sich zum Ölberg.[5]

Der Ölberg ist in der jüdischen Tradition nicht irgendein beliebiger Ort, kein einfacher Hügel, keine schlichte Erhebung welche auch einem anderen Schauplatz zum Opfer fallen könnte. Zwar sind Berge im Judentum immer ein besonderer Ort, sie sind oft Schauplatz der direkten Begegnung mit Gott, dennoch kommt dem Ölberg sowohl im Judentum, wie auch im Christentum eine besondere Rolle zu.

Der Ölberg ist schon in der jüdischen Frühgeschichte heilig gewesen.[6] Nach jüdischem Glauben wird am Ende der Zeit, der Messias über den Ölberg nach Jerusalem einziehen und im Kidrontal, welches unterhalb des Hügels liegt, das Jüngste Gericht halten. Aus diesem Grund wurde am Hang des Berges ein weitläufiger jüdischer Friedhof angelegt, da sich am Tage des Jüngsten Gerichts die Gräber der Verstorbenen öffnen werden. Die dort befindlichen Gräber stammen zum Teil noch aus biblischer Zeit. Schließlich wird es kein geringerer selbst als Jahwe sein, welcher am Tag des Gerichts, dort erscheinen wird und es auf einen endzeitlichen Kampf hinauslaufen wird.[7]

Zu diesem Endzeitlichen Charakter kommt hinzu, dass der Ölberg ein Ort unterschiedlichster, zutiefst menschlicher Emotionen und Sehnsüchte ist. König David ging über den Ölberg, als er in Richtung Osten vor Absalom floh.[8] Salomon baute auf dem Ölberg, als Zeichen der Liebe, Höhlenheiligtümer für seine heidnischen Frauen.[9] Jesus zog über den Ölberg ein[10], was die Hoffnungen seiner Jünger, dass nun die Fremdherrschaft durch die Römer ein Ende nehmen könnte, wohl bestärkt hat wie nur wenige Symbolhandlungen im Leben Jesu.

Er ist zudem der Ort, an welchem sich Jesu von seiner zutiefst menschlichen Seite zeigt. Dort vergoss er Tränen wegen des von ihm vorhergesagten bevorstehenden Untergangs Jerusalem.[11] Zudem wurde Jesus im Garten Gethsamane in seiner schwersten Stunde[12] von seinen engsten Jüngern, Petrus, Johannes und Jakobus im Stich gelassen, da diese dem Schlaf verfallen waren.[13] Auf diesem Fleckchen Grün, am Fuße des Ölbergs wurde er von seinen Widersachern gefangen genommen. Hier endete sein Leben als freier jüdischer Bürger.[14] Zu Recht bezeichnet Matthias Jung diesen Abschnitt im Leben Jesu als „Nacht der Angst.“[15] Möglich war dies nur, glauben wir der biblischen Überlieferung, durch eine Tat, welche eine zu seinem engsten Kreise gehörende Person, Judas Iskariot, begangen hat.[16] Die Auslieferung Jesu in Gethsemani, am Fuße des Ölbergs durch den Kuss des Judas als Erkennungszeichen, ist seit jeher ein Synonym für Verrat[17] und Heuchelei. Zudem soll Jesus nach seiner Auferweckung durch Gott, vom Ölberg in den Himmel aufgefahren sein.[18]

Wie wir sehen, ist der Ölberg nicht nur ein Ort der Zukunftserwartungen und der Hoffnung auf eine bessere Welt, wie sie in der Endzeit anbrechen soll, er ist nicht nur ein Ort, an welchem ein ewiges Leben beginnen wird, sondern er ist ein Ort der zutiefst menschlichen Interaktionen. Er ist ein Ort der Flucht vor der Vergangenheit, ein Ort, an welchem die Liebe zu Andersgläubigen Menschen gestallt annimmt.[19] Er ist ein Ort der Enttäuschungen und Verlassenheit, der Emotionen und der düsteren Vorahnungen. Ein Ort mit einer stärker hervortretenden Ambivalenz ist wohl schwer zu finden.

Jesus hätte, um eine neue Art von Gerechtigkeit zu verkünden, keinen besseren locus meditationii aufsuchen können.

[...]


[1] Die Bibel, Einheitsübersetzung, Herder Verlag, 1980.

[2] Betrachten wir das Johannesevangelium im Vergleich zu den Synoptikern, so stellen wir fest, dass es im vierten Evangelium keine Gleichnisse im engeren Sinne gibt. An die Stelle der synoptischen Geleichniserzählungen tritt bei Johannes eine Art „Bildrede“. Eigentliche Gleichnisse fehlen jedoch auffäligerweise. (Vgl.: Roloff, Jürgen; Einführung in das Neue Testament, Reclam Verlag, 1995, Seite 236.)

[3] Guercino, Lukas Cranach der Ältere, Pieter Brueghel der Jüngere, Antoine Caron, Mel Gibson in seinem Film „The Passion Of The Christ“ aus dem Jahre 2004, und viele mehr.

[4] Jung, Matthias; Jesus und die Ehebrecherin; Predigt vom 8. Juli 2001 in Hindelang (http://www.matthias-jung.de/Ehebrecherin.html) (14.01.2001)

[5] Johannes 8, 1.

[6] Hesekiel 11, 23. (Vgl.: Jerusalemer Bibellexikon; Hrsg. Hennig, Kurt; 4. Auflage 1998; Art. Ölberg, S. 650).

[7] Sacharja 14, 4.

[8] 2. Samuel 15, 30.

[9] 1 Könige 11,7.

[10] Lukas 19, 28-40.

[11] Lukas 19, 41-45.

[12] Matthäus 26, 36ff.

[13] Lukas 22,45.

[14] Matthäus 26.

[15] http://www.matthias-jung.de/Gethsemane.html (14.01.2012)

[16] Matthäus 26, 48ff.

[17] Auch wenn im Neuen Testament nur von „paradidonai“, also Auslieferung die Rede ist, soll uns hier das traditionelle Wort „Verrat“ zur Verfügung stehen.

[18] Lukas 24, 50.

[19] 1 Könige 11, 7-8.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Jesus und die Ehebrecherin
Untertitel
Ein Wunder "sui generis" Oder: Die entstehende Vernunft durch das Wort Jesu und die Anwesenheit Gottes im Gewissen
Autor
Jahr
2012
Seiten
17
Katalognummer
V188460
ISBN (eBook)
9783656120841
ISBN (Buch)
9783656121244
Dateigröße
516 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Rechtspositivismus - Ehebrecherin - Augustinus - Gewissen - Ölberg - Vernunft - Liebe Gottes
Arbeit zitieren
Dipl. Theol. Marius Schwarz (Autor), 2012, Jesus und die Ehebrecherin, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188460

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