Der erste Schultag. Die Schultüten bis oben hin gefüllt mit Süßigkeiten stehen sie da. Kein Kind wie das andere. Sie kennen sich untereinander kaum, nur ab und zu erblickt man ein bekanntes Gesicht aus dem eigenen Viertel. Und dann dieser große, grob wirkende Mann. Herr Müller will er genannt werden. Und der soll mir nun Dinge beibringen, die meine El-tern nicht können.
So oder ähnlich begegnen Schülerinnen und Schüler (im Folgenden SchülerInnen) der In-stitution, die für die nächsten 12 bis 13 Jahre Stätte ihrer Ausbildung, eine Art Paralleluni-versum und für manche sogar ein zweites zu Hause ist oder sein wird – Schule.
Doch genau mit dieser ersten Begegnung treffen auch gleich zwei verschiedene „Welten“ aufeinander. Man wird aus dem familiären Umfeld, in dem man sich kennt, liebt und un-terstützt, gerissen und sitzt nun mit fremden Menschen in unbekannten Räumen zusammen, in denen man Dinge lernen soll, ohne die man prima die letzten Jahre ausgekommen ist.
Diese Arbeit beschäftigt sich mit der Frage, worin genau die Unterschiede zwischen fami-liärem Umfeld und dem der Schule liegen, woher diese stammen und welche Auswirkun-gen sie auf die schulische Laufbahn haben können.
Der erste, allgemeine Teil dieser Arbeit beschäftigt sich zunächst mit offensichtlichen Un-terschieden, um daran anknüpfend die einzelnen Beziehungsebenen der Beteiligten spezifi-scher zu beleuchten.
Der zweite Teil dieser Arbeit geht der selbstgewählten Fragestellung nach, ob Kinder und Jugendliche aus Familien mit Migrationshintergrund in besonderer Weise von den zuvor erarbeiteten Differenzen betroffen sind. Wenn ja, welche Gründe dafür verantwortlich sind und ob es Möglichkeiten gibt an der Chancenungleichheit etwas zu ändern.
Die Erkenntnisse des ersten Teils folgen aus einem Konglomerat der drei Texte „Was wir in der Schule lernen?“ von Dreeben (Kap 2), „Familie und Schule“ von Susann Busse und Werner Helsper sowie „Individuation in pädagogischen Generationsbeziehungen“ von Merle Hummrich, Werner Helsper, Susann Busse und Rolf-Torsten Kramer.
Die Literatur zum persönlichen Schwerpunkt dieser Arbeit setzt sich zusammen aus Rainer Geißlers „Die Metamorphose der Arbeitertochter zum Migrantensohn - Zum Wandel der Chancenstruktur im Bildungssystem nach Schicht, Geschlecht, Ethnie und deren Verknüp-fungen“ und Heike Diefenbachs „Ethnische Segmentation im deutschen Schulsystem – Ei-ne Zustandsbeschreibung und einige Erklärungen für den Zustand“.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
1. Offensichtliche Unterschiede von Schule und Familie
1.1 Soziale Beziehungen
1.2 Formale Strukturen
1.3 Merkmale der Erwachsenen und Nicht-Erwachsenen
1.4 Sichtbarkeit der Merkmale
2. Besondere Aspekte der einzelnen Beziehungen
2.1 Die Beziehung Eltern - Kind
2.2 Die Beziehung Eltern - Lehrkraft
2.3 Die Beziehung Lehrkraft - SchülerIn
3. Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund
3.1 Unterschiedliche Bildungschancen
3.2 Mögliche Gründe für die Nachteile
3.3 Einige Lösungsansätze
4. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die strukturellen und sozialen Unterschiede zwischen dem familiären Umfeld und der Institution Schule sowie deren Auswirkungen auf die schulische Laufbahn. Ein besonderer Schwerpunkt liegt dabei auf der Frage, ob Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund durch diese Diskrepanzen in ihrer Bildungschance benachteiligt werden und welche Faktoren diesen Prozess beeinflussen.
- Struktureller Vergleich: Familie versus Schule als Sozialisationsinstanzen.
- Beziehungsdynamiken zwischen Eltern, Lehrkräften und Schülern.
- Analyse der Bildungschancen von Kindern mit Migrationshintergrund.
- Einflussfaktoren wie sozioökonomischer Status, Sprachkenntnisse und institutionelle Selektion.
- Diskussion von Lösungsansätzen zur Förderung der Chancengleichheit.
Auszug aus dem Buch
3.2 Mögliche Gründe für die Nachteile
Fragt man nach den Gründen für das schlechtere Abschneiden bei Bildungsabschlüssen, so trifft man auf eine Vielzahl von Aspekten.
Einerseits ist empirisch belegt, dass Migrantenkinder bessere Bildungschancen haben, je niedriger ihr Einreisealter ist, auch wenn sie im Vergleich zu deutschen Schülern durchschnittlich schwächere Abschlüsse erreichen (vgl. Esser 1990; Nauck, Diefenbach & Petri 1998; in Diefenbach, 241).
Andererseits bestehen bedeutsame Unterschiede der Leseleistung zwischen einheimischen SchülerInnen und SchülerInnen mit Migrationshintergrund, auch wenn diese ihre gesamte Schullaufbahn in Deutschland absolviert haben (vgl. Diefenbach, 230-231).
Diese Defizite in der Lesekompetenz, so Baumert/Schümer, wirken sich nachgewiesener Weise so extrem auf die anderen Fächer aus, sodass Migrantenkinder fast dreimal so oft wie deutsche Kinder eine Klasse wiederholen müssen (vgl. Baumert/Schümer 2002, 200f.; Krohne u.a. 2004, 388; in Geißler, 25).
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Einführung in das Spannungsfeld zwischen Familie und Schule und Vorstellung der zentralen Fragestellung.
1. Offensichtliche Unterschiede von Schule und Familie: Analyse der strukturellen und sozialen Diskrepanzen, wie etwa Gruppengröße und Rollenverständnis, zwischen beiden Institutionen.
2. Besondere Aspekte der einzelnen Beziehungen: Untersuchung der spezifischen Interaktionsformen zwischen Eltern-Kind, Eltern-Lehrkraft und Lehrkraft-SchülerIn.
3. Besonderheiten bei Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund: Detaillierte Betrachtung der Bildungsnachteile von Schülern mit Migrationshintergrund, deren Ursachen und mögliche Lösungsansätze.
4. Fazit: Zusammenfassung der Ergebnisse und Reflexion über die Komplexität der Bildungsbenachteiligung.
Schlüsselwörter
Familie, Schule, Bildungsbenachteiligung, Migrationshintergrund, Chancengleichheit, Bildungsabschluss, Leistungsunterschiede, Sozialisation, Humankapital, ethnische Segmentation, Schulerfolg, Lehrer-Eltern-Beziehung, Bildungswege, Förderung, Pädagogik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit beleuchtet die Unterschiede zwischen dem familiären Umfeld und der Institution Schule und wie diese Diskrepanzen Kinder und Jugendliche, insbesondere solche mit Migrationshintergrund, in ihrer schulischen Entwicklung beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Themen sind der strukturelle Vergleich zwischen Familie und Schule, die verschiedenen Beziehungsebenen der Beteiligten sowie die Analyse der ungleichen Bildungschancen für Kinder mit Migrationshintergrund.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist es, die Gründe für das schlechtere Abschneiden von Schülern mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem zu identifizieren und mögliche Ansätze zur Verbesserung dieser Situation aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode wurde verwendet?
Die Arbeit basiert auf einer Literaturanalyse, in der verschiedene soziologische und erziehungswissenschaftliche Studien zusammengeführt, verglichen und kritisch diskutiert werden.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in einen allgemeinen Teil zu den strukturellen Unterschieden von Schule und Familie und einen speziellen Teil, der die Nachteile für Kinder mit Migrationshintergrund und mögliche Erklärungsmodelle analysiert.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Chancengleichheit, ethnische Segmentation, Bildungsbenachteiligung, Humankapital und die Interaktion zwischen den Akteuren in Familie und Schule.
Welche Rolle spielt die Empfehlung der Grundschule für Kinder mit Migrationshintergrund?
Die Grundschulempfehlung ist ein markanter Punkt im Werdegang, da sie in 95% der Fälle über die weiterführende Schulform entscheidet. Kinder mit Migrationshintergrund werden hierbei deutlich häufiger als nicht geeignet für höhere Bildungsabschlüsse eingestuft.
Warum schneiden Kinder mit Migrationshintergrund laut der Arbeit oft schlechter ab?
Die Gründe sind vielfältig: Sie umfassen sprachliche Defizite, eine geringere Verfügbarkeit von familiärem Humankapital, institutionelle Selektionsmechanismen sowie Konflikte zwischen familiärer Tradition und den Anforderungen der deutschen Schule.
Gibt es einen klaren Lösungsansatz zur Behebung der Nachteile?
Die Arbeit betont, dass es keine einfache Lösung gibt, schlägt aber eine stärkere Förderung der Deutschkenntnisse sowie den Ausbau der integrierten Gesamtschulen als vorteilhafte Bildungswege für diese Schülergruppe vor.
Was ist das Fazit der Untersuchung zur Diskriminierung?
Der Autor schließt sich nicht der Meinung an, dass eine direkte, bewusste Diskriminierung durch Schulen stattfindet, weist jedoch auf die vielschichtigen strukturellen Nachteile hin, die Migrantenkinder in ihrer Bildungskarriere erfahren.
- Arbeit zitieren
- Janosch Bülow (Autor:in), 2009, Das Spannungsfeld zwischen Familie und Schule unter besonderer Berücksichtigung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/188521