„Als die Frauen noch sanft und engelsgleich waren“. Zur Typologie der Geschlechterrollen im 19. Jahrhundert. Ein alltagskulturhistorischer Überblick: Geschlechtsrollenstereotypen sind nicht pauschal als gültig anzusehen. Sie vermitteln dem Betrachter zwar ein Abbild der gesellschaftlichen Entwicklungen und Strömungen, doch im Grunde sollen sie lediglich widerspiegeln, was die Ideale einer Zeit waren - wie also Mann und Frau zu sein hatten. Ob und wie die Geschlechter in diese Rollen schlüpften und worin diese bestanden, ist im nachfolgenden Überblick zu sehen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Geschlechtsrollen im 19. Jahrhundert
2.1 Die Frau als Mutter und Hauswirtschafterin
2.1.1 Die proletarische Arbeiterfrau
2.2 Der Mann als Ernährer und Vater
2.2.1 Der proletarische Arbeiter
3. Die Klein- und Kernfamilie
3.1. Ehe und Familie
3.1.1 Die proletarische Familie
4. Fazit
Zielsetzung und Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die historischen Geschlechtsrollenbilder im 19. Jahrhundert und analysiert, wie gesellschaftliche Ideale die Realität von Mann und Frau im Bürgertum sowie im Proletariat prägten. Dabei steht die Forschungsfrage im Mittelpunkt, inwieweit diese Rollenmodelle starr waren und welche Unterschiede sich zwischen den verschiedenen sozialen Schichten ergaben.
- Analyse der Geschlechterpolarität und des gesellschaftlichen Rollenverständnisses im 19. Jahrhundert.
- Gegenüberstellung des bürgerlichen Familienideals mit der Realität proletarischer Lebensverhältnisse.
- Untersuchung der ökonomischen Zwänge und der Bedeutung weiblicher Erwerbstätigkeit.
- Bewertung des Einflusses der Industrialisierung auf die patriarchale Struktur und die Vaterrolle.
Auszug aus dem Buch
Die proletarische Arbeiterfrau
Arbeiterinnen mussten sich allein um ihren Haushalt kümmern. Viele junge Frauen beschritten damit Neuland, da sie –noch bei den Eltern wohnend- vor ihrer Heirat kaum Erfahrungen in der Haushaltsführung hatten sammeln können. Das Einlernen in die neuen Aufgaben als Hausfrau und Mutter bedeutete eine große Belastung, zumal neun Schwangerschaften pro Ehe keine Seltenheit waren. Dazu kam, dass viele technische Neuerungen, die das Waschen, Putzen und Kochen erleichtert hätten, nicht erschwinglich waren.
Eine Anforderung anderer Art stellte die Einteilung des Haushaltsgeldes dar. „Im Gegensatz zur bürgerlichen Hausfrau, der vom Manne das Geld zugeteilt wurde, hatte die Proletarierin meist die volle Verfügungsgewalt über das Familienbudget.“ Viel war dies nicht. Die Arbeiterin sah sich nicht nur mit notwendigen Anschaffungen konfrontiert, sondern auch mit der Trunksucht ihres Mannes, die in vielen Arbeiterfamilien ein großes Problem war. Um einem Verlust des Monatslohnes zu entgehen, fingen viele Frauen ihre Männer am Werkstor ab oder ließen sich die „Lohntüte“ gleich selbst auszahlen.
Ihre „ökonomische Schlüsselstellung“ forderte von der proletarischen Hausfrau die Rückstellung eigener Bedürfnisse. War das Essen in der Familie knapp, kürzte sie zunächst ihre eigene Ration, dann die der Kinder und erst am Ende die Portion des Mannes. Ihm stand das Möglichste zu, um seine Arbeitskraft zu erhalten und zu gewährleisten.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung stellt die Geschlechtsrollenstereotypen als gesellschaftliche Ideale des 19. Jahrhunderts vor und kündigt die Untersuchung der geschlechtsspezifischen Rollenverteilung an.
2. Geschlechtsrollen im 19. Jahrhundert: Hier wird begründet, wie biologische Argumente zur Festschreibung der Geschlechterrollen genutzt wurden, um das Bürgertum zu definieren.
2.1 Die Frau als Mutter und Hauswirtschafterin: Das Kapitel beschreibt das bürgerliche Ideal der Frau, die sich als „Engel im Haus“ primär dem Familienleben widmen sollte.
2.1.1 Die proletarische Arbeiterfrau: Diese Sektion kontrastiert das bürgerliche Frauenbild mit der harten Realität der Arbeiterfrauen, die zwischen Lohnarbeit und Haushalt standen.
2.2 Der Mann als Ernährer und Vater: Hier steht das Bild des Mannes im Mittelpunkt, dessen Autorität und soziale Funktion eng mit seiner Rolle als Ernährer verknüpft waren.
2.2.1 Der proletarische Arbeiter: Der Text beleuchtet den proletarischen Mann, der seine Autorität oft durch Sonderrechte in der Familie trotz ökonomischer Schwierigkeiten einzufordern versuchte.
3. Die Klein- und Kernfamilie: Das Kapitel thematisiert die Ehe als „Fundament des Staates“ und die damit verbundenen rechtlichen und sozialen Rahmenbedingungen.
3.1. Ehe und Familie: Hier wird die Diskrepanz zwischen den revolutionären Idealen der Gleichheit und der konservativen Familienpraxis aufgezeigt.
3.1.1 Die proletarische Familie: Es wird dargestellt, dass die proletarische Familie durch den Mangel an Privatsphäre und ökonomische Notwendigkeiten grundlegend anders funktionierte als das bürgerliche Vorbild.
4. Fazit: Das Fazit stellt zusammenfassend fest, dass trotz schichtspezifischer Unterschiede in den Lebensbedingungen die patriarchale Rollenverteilung in beiden Milieus verblüffend konstant blieb.
Schlüsselwörter
Geschlechtsrollen, 19. Jahrhundert, Bürgertum, Proletariat, Familie, Industrialisierung, Patriarchat, Arbeiterfrau, Hausfrau, Ernährer, Ehe, Frauenbewegung, Rollenstereotypen, Sozialgeschichte, Emanzipation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit analysiert die Typologie und das Rollenverständnis von Männern und Frauen im 19. Jahrhundert, wobei der Fokus auf den Unterschieden zwischen den bürgerlichen und proletarischen Gesellschaftsschichten liegt.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Zentrale Themen sind die Geschlechterpolarität, das bürgerliche Familienideal, die Arbeitswelt des Mannes, die Doppelbelastung der Arbeiterfrau sowie die gesellschaftliche Bedeutung der Ehe.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, aufzuzeigen, wie gesellschaftliche Ideale die Rollenverteilung in der Familie prägten und ob diese Rollenmodelle für alle Schichten gleichermaßen realistisch waren.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen alltagskulturhistorischen Überblick und stützt sich dabei auf zeitgenössische Lexika sowie einschlägige sozialgeschichtliche Literatur.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung von Geschlechtsrollenbildern (Frau als Mutter/Hauswirtschafterin, Mann als Ernährer) und die Analyse der Familienstruktur in Bürgertum und Proletariat.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit lässt sich durch Begriffe wie Geschlechtsrollen, 19. Jahrhundert, Bürgertum, Proletariat, Patriarchat und Sozialgeschichte charakterisieren.
Wie unterschied sich die proletarische von der bürgerlichen Familie im Umgang mit Privatsphäre?
Während das Bürgertum den Haushalt als intimen und geschlossenen Ort definierte, fehlte der proletarischen Familie aufgrund von Enge, Untermietern und ständigen Umzügen eine solche „intime Privatheit“.
Warum war die ökonomische Rolle der Arbeiterfrau so widersprüchlich?
Die Arbeiterfrau hatte zwar eine „ökonomische Schlüsselstellung“ inne, da sie das Budget verwaltete, war jedoch gleichzeitig durch die Doppelbelastung aus Erwerbstätigkeit und Hausarbeit sowie durch den Status des Mannes als Ernährer in einer rechtlich abhängigen Position.
Welchen Einfluss hatte die Industrialisierung auf die Rolle des bürgerlichen Vaters?
Die Industrialisierung führte zu einem Entmachtungsprozess, da der bürgerliche Mann vom selbstständigen Kleinunternehmer zum Lohnabhängigen wurde, was seinen Status als alleinigem Ernährer und Familienoberhaupt zunehmend unter Druck setzte.
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- Kristine Greßhöner (Autor:in), 2003, Mann und Frau, Ehe und Familie im 19. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/18855